Mit ‘Rosalba Neri’ getaggte Beiträge

Mal sehen, wie lange es dauert bis ich mal einen wirklich guten Eurospy-Film erwische. Dieser hier geht schon einmal in die richtige Richtung, allerdings hatte er auch die dankbare Position, nach zwei absoluten Schnarchvehikeln – OK CONNERY und MISTER DYNAMIT – in meinem Heimkino zu starten. Wer den damals gerade 34-jährigen Regisseur Umberto Lenzi kennt, der weiß, dass er eher der Typ für das handfeste Kinohandwerk ist. Sein zweiter Eurospy-Film nach dem im selben Jahr gedrehten A 008 OPERAZIONE STERMINIO ist dann, wenn auch vielleicht nicht gerade als ruppig, so doch als bodenständig zu bezeichnen. Große Reden schwingenden Superschurken mit Weltbeherrschungsfantasien und Science-Fiction-Stützpunkten sucht man hier ebenso vergebens wie fintenreiche Wunderwaffen oder Killer mit Stahlgebiss. Stattdessen begibt sich Secret-Service-Mann Martin Stevens (Roger Browne), genannt Superseven, auf die Spur einer verschwundenen Kamera, deren Zoomobjektiv aus einem brandneuen Metall gefertigt wurde, dass „hundertmal radioaktiver“ ist als Uran, aber für den Menschen völlig ungefährlich. Die Suche nach der Kamera führt ihn erst nach Kairo und dann nach Locarno, begleitet wird er dabei von der schönen Denise (Fabienne Dali), die er ziemlich dreits aufreißt und die ihm dann nicht mehr von der Seite weicht. Die nicht minder attraktive Faddja (Rosalba Neri) kreuzt seinen Weg ebenfalls mehrfach und auch der Schurke Ales (Massimo Serato) ist selten weit entfernt. Es gibt die üblichen Scharaden, Mordanschläge auf mögliche Hinweisgeber, Verwechslungen und Fallen, die Superseven immer mit einem smarten Lächeln überwindet.

SUPERSEVEN CHIAMA CAIRO wird selten wirklich spektakulär, vermeidet aber allzu große Blödheiten ebenso wie Langeweile. Es ist immer irgendwas los und manchmal bleibt dann auch was hängen. Sehr putzig fand ich etwa Supersevens Einfall, eine ihm untergejubelte Drogentote als Puppe für eine Museumsausstellung zu tarnen. Die bei ihm eintreffenden Kriminalbeamten tun ihm den Gefallen, den frappierenden Unterschied zwischen zwei Schaufensterpuppen und der deutlich echter aussehenden Toten nicht zu bemerken. Und später gibt es eine niedliche Szene auf einem Campingplatz, auf dem sich die erwachsenen Camper offensichtlich mit einer ziemlich ausufernden Version des Spiels „Schweinchen in der Mitte“ amüsieren. Auffällig ist, dass SUPERSEVEN CHIAMA CAIRO relativ bescheiden daherkommt. Der Eurospy-Film neigt ja eher zu einem gewissen Posertum und sein Charme rührt oft daher, dass Anspruch und Wahrheit ziemlich weit auseinanderklaffen. Lenzi vermeidet hingegen alle sich üblicherweise darbietenden Fettnäpfchen: Sein Film ist von daher selten wirklich bemerkenswert, aber auch wieder ganz clever, seine Limitierungen kommen nicht „billig“ daher, sondern verleihen dem Film so eine Art milden Realismus. Vom Übermenschentum eines James Bond ist Superseven weit entfernt. Er steigt auch schon mal in einem bescheidenen Hotel an der Landstraße ab, wo Urlauber auf der schmalen Terrasse einen Ramazotti unterm Sinalco-Schirm genießen, während der Feierabendverkehr nur wenige Meter entfernt die Straße entlangrollt. Das hat was.

„Nur weil ihr Frauen seid und auf dem Wasser herumfahrt, denkt ihr, ihr könnt meine Ziegen kaputtmachen!“

Diese weniger zornigen als vielmehr hilflos-verzweifelten Worte richtet der arme Bauerntölpel Andro (Salvatore Puntillo) an die wohlhabende Mudy (Maud Belleroche) und ihre Schwiegertochter Paola (Rosalba Neri), die aus purem Spaß an der Freude mit dem Gewehr Jagd auf die herumstreunenden Tiere machen. Ob ihm die Verwendung seiner Lieblinge durch Paolas Ehemann Aldo (Maurizio Bonuglia) und die Prostituierte Ulla (edwige Fenech) besser gefiele? Großzügig und freigiebig wie sie ist, lässt Ulla eines der possierlichen Tierchen an ihrem wogenden Busen und ihrem feuchtwarmen Schoß schlecken, derweil der zynische Aldo das Ganze mit seiner Fotokamera festhält. Die einmalige Chance, die deutsche Fassung vermarktungsträchtig „Edwige und die Ziege“ zu betiteln, wurde leider vergeben – wohl auch, weil die Französin mit der elfenbeinernen Haut 1969 längst noch nicht die Ikone war, zu der sie in den Siebzigerjahren avancieren sollte –, aber SKLAVEN IHRER TRIEBE klingt natürlich auch nicht schlecht.

Allerdings führt Alessi den Zuschauer mit Szenen wie der obigen durchaus etwas in die Irre. TOP SENSATION beginnt als schön anzuschauender und gediegen inszenierter, aber doch recht krachlederner Sleazefilm, der vor allem von der Schriftstellerin Maud Belleroche als herrisch-grausam-verkommener Mama bestimmt wird. Wie sie ihrer Verachtung für den abgezockten Aldo, dem sie die Augabe übertragen hat, ihrem just aus einer Nervenheilanstalt entlassenen 20-jährigen Sohn Tony (Ruggero Miti) mithilfe Ullas die Jungfräulichkeit zu rauben, und für seine vergnügunssüchtige Gattin verbal Luft verschafft, lässt nicht viel Interpretationsspielraum. Die an fantasievollen Beleidigungen und Vulgarismen überbordenden Dialoge sind neben den ausgiebig präsentierten Prachtkörpern von Rosalba Neri und Edwige Fenech eindeutig das „Alleinstellungsmerkmal“ dieses Films, dessen Prämisse einen Standard psychologisch-sexuell aufgeladener europäischer Klassenkampfdramen aufgreift: Auf der Yacht der reichen Frau hat sich ein Panoptikon der Verkommenen versammelt, von dem jeder nur den eigenen Vorteil im Sinn hat und den anderen bis aufs Blut hasst. Was sie natürlich nicht davon abhält, sich in immer neuen Konstellationen aneinander zu reiben und Körperflüssigkeiten auszutauschen. Das kennt man etwa aus Ruggero Deodatos ONDATA DI PIACERE und einigen weiteren Yacht-Thrillern und -dramen, die den beengten Raum und die unendliche Weite des umgebenden Meeres als eine Art Simulationsraum für böse „Gesellschaftsspiele“ nutzen. In TOP SENSATION wird die im trügerischen Stillstand begriffene Situation verkompliziert, als das Schiff auf einer Sandbank aufläuft und die Passagiere zum Landgang zwingt. Dort begegnen sie mit besagtem Ziegenhirten Andro und seiner jungen Gattin, dem naiven Bauernmädel Beba (Eva Thulin), zwei Menschen vom anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums. Ohne Wissen ihres Mannes verspricht Beba, den Reichen zu helfen und kommt mit an Bord, wo sie natürlich sogleich Zielscheibe lustvoller Manipulationen – und lesbischer Zuwendung – wird. Nur Tony scheint sie als Mensch zu akzeptieren. Keimt da im totalen humanistischen Nichts etwa doch eine Liebe, die die Klassengrenzen und den Zynismus überwindet?

Wer das italienische Kino und diese spezielle Spielart von Klassenkampf-Dramen kennt, der weiß natürlich bald, dass alles in einer großen Katastrophe enden muss. Und je mehr sich diese Dynamik herauskristallisiert, umso mehr treten auch die Geschmacksüberschreitungen in den Hintergrund, während Allessis künstlerische Ambitionen in den Fokus geraten. Echte emotionale oder auch nur intellektuelle Teilhabe ist allerdings kaum möglich, dafür sind die Protagonisten entweder zu schematisch-unsympathisch oder aber zu sehr als bloß strukturalistischer Gegenentwurf zu diesen Bastarden angelegt. Mit wachsendem Respekt für den Film schwindet so auch ein wenig die Freude an ihm, weil sich lediglich routiniert erfüllt, was man eh von Anfang an erwartet hat. Die Enttäuschung darüber hält sich allerdings in Grenzen, da man sich immer noch an den Kurven Neris und Fenechs delektieren kann, was mehr ist, als andere Filme vorzuweisen haben.

Baron Frankenstein (Joseph Cotten) schraubt gemeinsam mit seinem Assistenten Dr. Marshall (Paul Muller) an einem künstlichen Menschen aus Leichenteilen herum, die ihm der kleine Ganove Lynch (Herbert Fux) besorgt. Pünktlich zur Ankunft seiner Tochter Tania (Rosalba Neri) gelingt die Wiederbelebung des Monsters, das den Baron sofort umbringt und fortan die Gegend unsicher macht. Während Captain Harris (Mickey Hargitay) versucht, die Morde aufzuklären, macht sich die ehrgeizige Tania daran, in die Fußstapfen des Papas zu treten: Sie will das Gehirn des ihr verfallenen Marshall in den kräftigen Körper des tumben Stallburschen Thomas einsetzen …

Erwartet hatte ich eine Trashgurke, bekommen habe ich einen zwar hier und da kruden und unbeholfenen, aber stets originellen und daher interessanten Frankenstein-Film: Nicht nur, dass er der altbekannten Geschichte durch die Einführung der ehrgeizigen Tochter einige neue Fassetten abgewinnt und so auch als Kommentar auf die sich nicht gerade durch ein progressives Frauenbild auszeichnenden Gothic-Horror-Klassiker verstanden werden kann, ihm gelingen einige wirklich makabre Augenblicke. Die Ermordung des knackigen Stallburschen ist so eine: Während die dominante Tania ihn ordentlich zureitet, wird der arme Teufel von Marshall mit einem Kissen erdrosselt. Sein Todeskampf scheint der schönen Tania einigen Genuss zu bringen. Doch erst Tanias und Marshalls kranke Vorstellung einer glücklichen Beziehung setzt dem Film die Krone auf: er gefangen in einem Körper, der ihm nicht gehört, sie, die ihn auf seine Intelligenz reduziert, aber mit seinem Body nichts anfangen kann. Ein wahrhaft liebreizendes Paar, das jede Party mit seiner Anwesenheit adelt. Und das Monster hat einen Kopf wie ein Champignon und ein ordentlich zermatschtes Auge. Kein Wunder, dass es böse ist und nackte Frauen in den Bach schubst.

Nicht ganz uninteressant erscheint mir die Produktionsgeschichte, über die ich leider auf die Schnelle keine weiteren Informationen finden konnte. Der Film wurde in Italien produziert, aber inszeniert von Welles, einem US-Schauspieler, der unter anderem an Cormans LITTLE SHOP OF HORRORS beteiligt war – wohl auch als Regisseur, wie die IMDb andeutet. So wurde der Film dann auch von Cormans New World Pictures gekauft und in Amerika als LADY FRANKENSTEIN vermarktet, weshalb er innerhalb der Corman-Reihe von Shout! Factory auf DVD erhältlich ist. Der Film ist dort in einer normalen, ca. 83-minütigen Fassung und in einer „Extended Version“ enthalten, in die weitere Handlungsszenen aus anderer Quelle eingefügt wurden. Und wenn mich nicht alles täuscht, dann erkennt man in der linken oberen Ecke dieser Szenen das Logo von 3sat. Wobei ich mich dann frage, unter welchem Vorwand die eine lange Fassung von LADY FRANKENSTEIN in ihr Programm gehievt haben? Vielleicht im Rahmen einer Joseph-Cotten-Retro gleich im Anschluss an CITIZEN KANE? Wer weiß? Die Welt ist voller kleiner Wunder und Geheimnisse.

Der Frauenknast auf der sinnig benannten Isla del Muerte wird mit eiserner Hand geführt: Die psychotisch-nervöse Wärterin Thelma Diaz (Mercedes McCambridge) bestraft das kleinste Vergehen mit Kerkerhaft, ihr Vorgesetzter, der Gouverneur Santos (Herbert Lom), gibt sich nicht allzu viel Mühe, sie in Zaum zu halten. Die neu angekommene Insassin (Maria Rohm), nach ihrer Häftlingsnummer nur Nr. 99 genannt, muss gleich am eigenen Leib erfahren, was auf sie zukommt: Als sie um Hilfe für eine unter Entzugsschmerzen leidende Zellengenossin ruft, handelt sie sich eine schöne Strafe ein. Die Häufung von mysteriösen Todesfällen ruft allerdings die Regierung auf den Plan, die die Beamtin Leonie Carroll (Maria Schell) zur Untersuchung der vorherrschenden Zustände schickt. Ihre Versuche, bessere Bedingungen für die Häftlinge zu schaffen, werden aber schließlich von der Flucht dreier Damen, darunter auch Nr. 99, unterwandert …

DER HEISSE TOD gilt als Startschuss für die neue Welle von Frauenknastfilmen, die vor allem in den Siebzigerjahren über die Bahnhofskinos schwappte und dem so entstandenen Subgenre sogar ein eigenes Kürzel bescherte: WiP – Women in Prison. Etwas zu Unrecht werden die WiP-Filme meist mit schlimmstem Schmuddelkram assoziiert, dabei sind die frühen Vertreter jener Welle, wie etwa dieser hier, CAGED HEAT, THE BIG DOLL HOUSE oder auch THE BIG BIRD CAGE, durchaus respektabel; exploitativ zwar, sicherlich, aber deutlich weniger niederträchtig, billig und schäbig als das, was da etwas später, etwa unter der Regie von Mattei und Konsorten, das Licht der Welt erblicken und den Frauenknastfilm als eine besonders ekelhafte Form von Gewaltpornografie abstempeln sollte. Auch DER HEISSE TOD ist, wie eigentlich alle in jener Zeit vom Briten Harry Alan Towers produzierten Filme des Spaniers, gediegen inszeniert, gut besetzt und geschmackvoll ausgestattet, deutlich näher dran am großen, bunten und gutgelaunten Abenteuerkino der Sechzigerjahre als an der dreckigen, wütenden und hässlichen Exploitation des Folgejahrzehnts. Natürlich sind alle Zutaten, die den Frauenknastfilm auch später noch definieren sollten, schon drin: schöne Frauen (neben den bereits genannten noch Luciana Paluzzi und die tolle Rosalba Neri, die hier die ganze Zeit ganz fasziniert von ihren eigenen bestrumpften Beinen ist), Lesbensex, eine sadistische Wärterin, ein nazihafter Politiker in Militäruniform und eine Portion Sadismus. Auch die Handlungsstruktur – auf den harten Knastalltag folgt irgendwann die Flucht, die meist jedoch scheitert – wurde in späteren Filmen nur noch milde variiert. In DER HEISSE TOD ist also alles noch eine ganze Spur zahmer und gesitteter – der Sex (sehr psychedelisch meist in disorientierenden Close-ups gefilmt, die mehr andeuten als zeigen), die Gewalt (eigentlich immer offscreen) – und mit dem Einsatz von Maria Schell als stets besorgt dreinblickender Pädagogin gelingt es Franco manchmal fast, einen davon zu überzeugen, hier eines ernsthaften Human-Interest-Dramas um unmenschliche Haftbedingungen ansichtig zu werden (zumindest scheint er Maria Schell davon überzeugt zu haben, in einem solchen mitzuspielen).

Wer mit Jess Franco bislang nichts anfangen konnte, wem seine Filme immer zu billig, zu krude, zu dusselig oder zu schlampig waren, der hat mit den in Kollaboration mit Towers entstandenen Filmen – z. B. THE BLOOD OF FU MANCHU, MARQUIS DE SADE: JUSTINE, IL TRONO DI FUOCO oder EUGENIE – vielleicht eine Chance, doch noch mit dem Werk des umtriebigen Spaniers warm zu werden. Ich bin da hin- und hergerissen: EUGENIE halte ich bislang für den stärksten Film Francos, DER HEISSE TOD jedoch ist mir eine Spur zu langweilig geraten. Da würde ich dann den weniger aufwändigen, dafür aber völlig wahnsinnigen SADOMANIA jederzeit vorziehen. Kommt wohl drauf an, was man will: Die Towers-Francos sind handwerklich besser, haben bessere Production Values und sind insgesamt etwas „gebügelter“ als die anderen Francos. Ich bin mittlerweile soweit, dass ich seine Filme gerade wegen ihrer Idiosynkrasien zu schätzen weiß.

Als der Juwelendieb Antoine Gottvalles (Peter Martell) im Pariser Edelpuff von Madame Colette (Anita Ekberg) mit der schönen Francine (Barbara Bouchet) aneinandergerät und diese nur kurz nach seinem lautstarken Abgang tot aufgefunden wird, steht er als Mörder fest und wird demzufolge ohne viel Federlesen zum Tode verurteilt, wobei er es sich aber nicht nehmen lässt, seine Unschuld zu beteuern und Rache aus dem Grab zu schwören. Zwar gelingt Antoine noch einmal die Flucht, doch verliert er bei einem Motorradunfall seinen Kopf. Als wenig später auch Madame Colette umgebracht wird, ist für alle, die nicht an Übersinnliches glauben, klar, dass man den Falschen verurteilt hat. Inspektor Fontaine (Roberto Sacchi) steht vor einem Rätsel – und einer unüberschaubaren Zahl potenzieller Verdächtiger (darunter etwa Howard Vernon, Rosalba Neri, Rolf Eden und Evelyn Kraft). Diese wird durch weitere Morde jedoch immer mehr dezimiert …

Meine Sichtung war zunächst durch die verzweifelten Versuche von meiner Frau und mir beeinträchtigt, unsere Tochter in einem Bett zum Schlafen zu bewegen, aus dem diese zum ersten Mal selbst wieder aussteigen konnte. Nach der flotten ersten halben Stunde – etwa bis zu dem Zeitpunkt, als Antoine sich an einem dumm geparkten Transporter enthauptet – zogen sich die letzten beiden Drittel für mich daher etwas zäh dahin, zerrissen durch zahlreiche erzwungene Pausen. Der Verriss war eigentlich schon geschrieben. Weil auf dem Cover der Mondo-Macabro-DVD (unter dem TItel FRENCH SEX MURDERS) aber von einem „delirium from start to finish“ die Rede ist, wollte ich mich damit nicht zufrieden geben und habe dem Film direkt im Anschluss eine zweite Chance mit nun ungeteilter Aufmerksamkeit eingeräumt. Und siehe da: CASA D’APPUNTAMENTO ist tatsächlich eine ziemliche Schote, die Menschen mit schlechtem Geschmack für kanppe 90 Minuten das Leben erheblich versüßen kann.

Für einen Appel und ’n Ei produziert vom Low-Budget-Papst Dick Randall, dem es irgendwie gelungen war, eine stattliche Riege von bekannten Namen zur Teilnahme zu überreden (in Minirollen wirken außerdem Gordon Mitchell als Frauenbelästiger und Söldnerfilm-Regular Mike Monty mit – letzterer mit einem imposanten Schnurrbart, dessen Enden er fast am Hinterkopf zusammenbinden kann), sollte man seine Erwartungen nicht zu hoch schrauben: Wer von einem Giallo opulente Bildkompositionen erwartet, psychedelische Beat-Scores und eine gewisse inszenatorische Klasse, wird hier nämlich eines Schlechteren belehrt. Die Settings sind hässlich-karg bis zugestellt-kitschig, der Lichtsetzer leuchtet alles so grell aus, dass man sich einen Spaß daraus machen kann, die Schlagschatten zu zählen, die Dialoge sind zum Gottserbarmen dumm, die Schauspieler verlegen sich entweder aufs gnadenlose Chargieren oder aufs Stocksteif-im-Bild-Rumstehen und die kruden Splattereffekte des jungen Carlo Rambaldi werden gern vier- bis fünfmal hintereinander gezeigt und dabei hübsch psychedelisch eingefärbt. Der große Clou des Films ist sicherlich die Besetzung des Inspektors mit dem professionellen Bogart-Lookalike Sacchi, der den ganzen Film über im klassischen Trenchcoat mit hochgestelltem Kragen herumläuft und spricht, als hätte der Zahnarzt vergessen, ihm die Watte aus den Backen zu nehmen.

Was CASA D’APPUNTAMENTO – der mit seiner Besetzung und der zugkräftigen Melange aus Sex & Crime eindeutig als künstlerisch wenig ambitionierte Cashcow zu identifizieren ist – zum oben erwähnten „delirium“ werden lässt, sind die abstrusen Drehbucheinfälle, die keinem höheren dramaturgischen Zweck verpflichtet sind, sondern dem Zuschauer lediglich möglichst viel fürs Geld bieten sollen, frei nach der Gleichung „Mehr ist Mehr“. Die Wirkung des ausgestoßenen Fluches wird sofort dadurch nivelliert, dass Antoine entkommen kann und seinen Tod letztlich vor allem selbst zu verantworten hat. Der Wunsch von Professor Waldemar, Experimente am abgetrennten Kopf des vermeintlichen Mörders vorzunehmen (!), dient nur dazu, Vernon in einer typischen Mad-Scientist-Rolle aufbieten zu können (inklusive Gehirn im Einmachglas auf dem Regal) und ihn infolgedessen dabei zu zeigen, wie er mit einem Skalpell den Augapfel des Verblichenen tranchiert: Er stellt sich dabei so ungeschickt und grobmotorisch an, dass er die Operation mit ähnlichem Erfolg auch mit einem Holzlöffel hätte durchführen können. Das falsche Todesurteil wird nach dem Tod von Madame Colette von den Verantwortlichen kaum mehr als etwas zerknirscht zur Kenntnis genommen: Shit happens! Und was die Szene soll, in der der Richter beim Schachspiel mit Waldemar einfach mal kurz bewusstlos wird, ist mit gesundem Menschenverstand auch nicht zu begreifen: Ich musste unweigerlich an PRAXIS DR. HASENBEIN denken („Bin nur mal kurz eingeschlafen!“). Dieser ganze Irrsinn wird auf merkwürdige Art von Roberto Sacchis Dreigroschenbogart zusammengehalten, der in seiner Inkompetenz so souverän ist, dass er tatsächlich wie ein abgebrühtes Mastermind rüberkommt und so das Universum des Bescheuerten, in dem CASA D’APPUNTAMENTO angesiedelt ist, fast wieder normal erscheinen lässt: Wenn er Verdächtige frustriert aus dem Verhör entlässt, nur weil sie ihm gesagt haben, dass sie unschuldig sind, entscheidende Hinweise überhört, falsch interpretiert oder einfach regelmäßig zu spät kommt, dann versteht man, was der Begriff „menschliches Versagen“ wirklich bedeutet. Regisseur Ferdinando Merighi ist von solcher Selbsterkenntnis wahrscheinlich weit entfernt.