Mit ‘Rosanna Yanni’ getaggte Beiträge

BÉSAME, MONSTRUO (oder KÜSS MICH, MONSTER) entstand back to back mit dem Vorgänger SADISTEROTICA; es ist Francos dritter Film um das weibliche Detektivduo der „Roten Lippen“ (nach LABIOS ROJOS von 1960, der aber ohne Reynaud und Yanni auskommen musste) und wie bei SADISTEROTICA gilt für meine Leser: Auf gar keinen Fall die englische Synchronisation schauen! Mein lauwarmer Text zum Prequel beruht eben auf der hüftsteifen englischen Version, die mit der deutschen, die ich dann Jahre später mal im Rahmen des Mondo Bizarr auf der großen Leinwand bewundern durfte, in punkto Esprit und Wortwitz nicht annähernd mithalten kann.

Janine Reynaud und Rosanna Yanni sind die Zwillinge Diana und Regina, die mit Sexappeal, Witz, Verstand, scharfen Kurven und regelmäßig wechselnder Garderobe rätselhafte Kriminalfälle lösen und sich dabei schlagfertige One-Liner zuwerfen. Der Einfluss sowohl von James Bond als auch der TV-Serie THE AVENGERS ist unübersehbar, beide Filme sind außerhalb der Sixties kaum denkbar mit ihren bunten Kostümen und der provokanten, selbstbewussten flirtiness der Heldinnen. Die Handlung hingegen ist völlig zweitrangig und im Falle von BÉSAME, MONSTRUO nur schwer nachvollziehbar: Es geht um ein Serum, mit dessen Hilfe Menschen in willenlose Kampfmaschinen verwandelt werden können (ein Standard bei Franco) und hinter dem gleich mehrere Parteien her sind, darunter ein homosexuelles Männerpaar, die Anführerin eines Amazonenstammes sowie ein Geheimbund mit Kapuzen. Nach viel Hin und Her, bei dem Franco sich gar nicht erst die Mühe macht, vorzugaukeln, dies habe alles etwas zu bedeuten, endet der Film mit einer schönen Windmühlensequenz, bei der die Flügel des alten Bauwerks den Zahlen einer Safekombination entsprechen. Ebenfalls sehr schön ist eine kurze nächtliche Flussüberquerung an Bord einer Fähre, die mit einem einfachen Seilzug bewegt wird: Franco filmt die komplette Fahrt ohne Schnitt und auch wenn das alles andere als spektakulär ist, scheint der Regisseur in diesem Moment ganz bei sich.

Für BÉSAME, MONSTRUO gilt meines Erachtens dasselbe, was für fast alle Francos dieser Phase gilt: Richtig spannend und charakteristisch wird sein Schaffen erst später, seine bunten Sixtiesfilme sind aber durchweg nett, wenngleich sie eher als Moodfilme rezipiert werden sollten: als Ausflüge in eine vergangene Epoche, die sich durch heiße Fummel, freche, scharfe Frauen und die entsprechenden Requisiten auszeichnet. Die Rote-Lippen-Filme sind harmloser, aber netter Spaß, darüber hinaus angenehm kurz und mit den beiden Hauptdarstellerinnen exquisit besetzt, wobei ich SADISTEROTICA den Vorzug geben würde. Das Leben verändern beide Titel aber nicht.

Die wohlhabende Künstlerin Ruth (Analìa Gadé) trennt sich von ihrem Ehemann Michel (Tony Kendall), als sie sich in den attraktiven, smarten Paul (Jean Sorel) verliebt. In ihrer luxuriösen Mittelmeervilla haben die beiden eine leidenschaftliche Romanze, bis zwei rätselhafte Unfälle Ruth beinahe das Leben kosten. Ruth vermutet ihren eifersüchtigen Ehemann dahinter, der bald wieder bei ihr auftaucht. Doch dann belauscht sie ein geheimes Gespräch der beiden Männer …

Kein lupenreiner Giallo, sondern ein sehr ruhiger und entspannter Thriller, dessen mediterranes Flair und die Bilder der von der Nachmittagssonne beschienenen Naturschönheit den Vergleich mit etwa Lenzis SPASMO oder Caianos L’OCCHIO NEL LABIRINTO heraufbeschwören, dessen Plotline mit Mordkomplott und Dreiecksbeziehung hingegen an einen Film Noir mit vertauschten Geschlechterrollen denken lässt (beim Noir ist ja in der Regel der Mann derjenige, der verraten wird, hier ist es die Frau). Forqué inszeniert seine Geschichte mit viel Geduld und setzt dabei voll auf die Stimmung von Müßiggang und Tagträumerei, die nicht nur seiner Protagonistin die Sinne vernebelt. EL OJO DEL HURACÁN wirkt irgendwie irreal mit seinem Sonnenglitzern auf der trügerisch ruhigen Meeresoberfläche und dem charmanten Lächeln Pauls, der einfach zu perfekt ist, als dass mit ihm nicht etwas faul sein könnte. Wenn die schmucke Fassade langsam wegbröckelt, erhalten seine edlen Züge, sein selbstbewusstes verführerisches Lächeln und sein weltmännischer Charme plötzlich heftige Schlagseite Richtung Psychopathentum: Jean Sorel liefert eine Glanzleistung ab, agiert sehr subtil und versteigt sich niemals zu wildem Grimassieren. Es sind nur Nuancen, die sein Spiel in der ersten Hälfte des Films von dem in der zweiten unterschieden und das macht ihn geradezu teuflisch effektiv. Die schöne Analía Gadé, die die etwas undankbare Rolle der Betrogenen innehat, macht die Verletzung ihrer Ruth sehr nachvollziehbar und hilft so dabei, den eigentlich sehr abgebriffenen Stoff lebendig zu halten. So ist es dann auch zu verschmerzen, dass EL OJO DEL HURACÁN kein großer Wurf, sondern lediglich ein sehr solider Euro-Thriller geworden ist, dem Atmosphäre und Stil alles sind und dem ich es daher nur zu gern verzeihe, dass er darüber Innovation und erzählerische Raffinesse etwas vernachlässigt.

Ich habe keine Ahnung, worum es in dem Film eigentlich ging. Irgendwas mit einem durchgeknallten Künstler namens Klaus Tiller, der seinen Gehilfen Morpho – das fehlende Glied zwischen Dreitagebart und Werwolf – losschickt, um schöne Frauen zu rauben, die ihm dann als Vorlagen für seine blutrünstigen Gemälde dienen oder mit viel Mörtel beschmiert als Stauen enden. Zwei weibliche Detektive, Diana (Janine Reynaud) und Regina (Rosanna Yanni), ermitteln in der Sache und kommen dem Bösewicht schließlich auf die Schliche.

Selten hat Indifferenz so viel Spaß gemacht: Zwar ist die Geschichte nun wirklich alles andere als neu oder gar besonders anspruchsvoll, trotzdem konnte ich den Irrungen und Wirrungen des Plots schon nach kürzester Zeit nicht mehr folgen. Aber wen interessiert schon der Plot, wenn es so viel zu gucken gibt? Allein der Luxusleib von Rosanna Yanni in verschiedenen raffiniert geschnittenen Exponaten psychedelischer Mode hält das Interesse über die schnittige Laufzeit von knapp 76 Minuten wach, und wenn dann noch Jess Franco seinen obligatorischen Auftritt als trotteliger Kunsthändler Napoleon Bolivard absolviert, erotische Tanzeinlagen den Ausflug in den Beatschuppen garnieren, Chris Howland als depperter Interpol-Beamter Francis MacClune unter dem Decknamen „James Bond“ im Hotel eincheckt und die Übeltäter ein diabolischer Herr mit Augenklappe und besagter Wolfsmensch namens „Morpho“ – Francophile horchen auf – sind, muss man sich nur zurücklehnen, entspannen, die Augäpfel justieren und sich vielleicht einen leckeren Drink greifen, um glücklich zu sein. Hätte es noch ein par Szenen mehr von Rosanna Yanni im an Bavas DANGER: DIABOLIK gemahnenden Superheldenkostüm gegeben, es wäre kaum zum Aushalten gewesen. So bleibt ein schöner, psychedelischer Hippie-Franco irgendwo zwischen EUGENIE und VAMPYROS LESBOS. Gutes Einsteigermaterial.

EDIT 13.02.2016: Bei der Zweitsichtung im Rahmen des monatlichen Mondo-Bizarr-Kinoevents gefiel mir SADISTEROTICA noch eine ganze Ecke besser als beim ersten Mal. (Und was ich damals für Verständnisprobleme hatte, kann ich kaum noch nachvollziehen.) Auf 35 mm in nur leicht rotstichiger, aber immer noch schön farbenfroher Kopie, darüber hinaus in der deutschen Synchro, die den eh schon reichlich ausgelassen-albernen Film adäquat mit verbalem Froh- bis Unsinn unterstützt, ist das wunderbar flüchtige Glück, das einem da entgegenströmt, kaum in Worte zu fassen. Das Publikum sah das offensichtlich ganz genauso und hatte hörbar viel Vergnügen mit der albernen Detektivposse. Wäre schön, wenn ein paar Zuschauer zur Francophilie bekehrt worden wären.