Mit ‘Rose Byrne’ getaggte Beiträge

462-film-page-largeEin Wunder: X-MEN: APOCALYPSE hat mir wider Erwarten ganz gut gefallen. Die bisherigen X-Men-Filme ließen mich bislang ziemlich kalt, an die letzten beiden überambitionierten Schnarchfeste, X-MEN: FIRST CLASS und  X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST, habe ich kaum noch Erinnerungen. Irgendwie hängt Singer mit seinem Franchise seit 15 Jahren in einer Zeitschleife – wie seine Protagonisten in den letzten drei Filmen. Wer sich über die ständigen Reboots von Spider-Man aufregt, übersieht, dass man auch ohne solche Volten hübsch auf der Stelle treten kann. Auch hier gibt es inhaltlich kaum Neues: Wieder einmal geht es es da um den Konflikt zwischen den idealistischen Mutanten um den intellektuellen Professer Xavier (James McAvoy), die an eine friedliche Koexistenz von Mensch und Mutant glauben, und den Abtrünnigen, die genug haben von der Diskriminierung durch die Menschen und zum Vergeltungsschlag ausholen. Anstatt von Magneto (Michael Fassbender) werden sie im aktuellen Sequel aber vom uralten Apocalypse (Oscar Isaac) angeführt, sowas wie dem Urmutant, der die letzten Jahrtausende unter einer eingestürzten Pramide geschlummert hat und nun durch rätselhafte Umstände zu neuem Leben aufersteht. Magneto mischt natürlich auch wieder mit, darf nun aber ins zweite Glied zurücktreten und sich sein Selbstbewusstsein von Apocalypse aufpolieren lassen. Es kommt zur breit ausgewalzten Schlacht, mit großem Effektaufwand inszeniert, wie von Singer gewohnt aber auch immer etwas lahm, ohne echten Drive oder Gespür für Kinetik. Dass er das Geschehen um den superschnellen Quicksilver einfrieren muss, um seine Geschwindigkeit darzustellen, ist ein cleverer Schachzug (den Vaughn zuvor schon in FIRST CLASS erprobt hatte), aber auch ein bisschen bezeichnend für sein Bremspedal-Faible.

Als ich in meinem letzten Eintrag über GODS OF EGYPT von Blockbustern schwadronierte, die sich viel zu ernst nehmen und eine Tiefe vorgaukeln, die gar nicht da ist, da war das natürlich nicht ohne Hintergedanken formuliert. X-MEN: APOCALYPSE gefällt sich wie seine Vorgänger darin, Nerds das Gefühl zu geben, sie seien Philosophiestudenten. Da wird Zeitgeschichte im Vorbeigehen referenziert, brüten die Helden ständig angestrengt vor sich hin, die Stirn von tiefen Falten zerfurcht ob des schweren Loses, das sie mit ihren Superfähigkeiten gezogen haben, dürfen die Mutanten als Repräsentanten jeder geschundenen Minderheit durchgehen. Mag sein, dass das dem großen, durchgehenden Bogen der Comics entspricht, aber immer wenn ich die gelesen habe, blieb bei mir in erster Linie hängen, dass es doch auch ziemlich geil ist, in der Gegend rumzufliegen, Laserstrahlen abzuschießen, Gedanken zu lesen oder die Naturgesetze auf andere Art und Weise zu beugen. In den Filmen ist Spaß weitestgehend verboten, da geht es stattdessen um tiefes Leid und Verantwortung. It’s hard out here for a mutant. What a drag.

Warum mir X-MEN: APOCALYPSE trotzdem gefallen hat? Weil er im Gegensatz zu den beiden drögen Vorgängern endlich wieder Schauwerte bietet und Singer sich auch von der langweilig-monochromen Optik verabschiedet, die das Franchise sonst ausgezeichnet hat. X-MEN: APOCALYPSE ist, aller inhaltlichen Schwermut zum Trotz, schön bunt und hat endlich auch mal einen angemessenen Obermufti, dessen Auftreten seinem Namen entsprechend für endzeitliche Stimmung sorgt. Der grobe Klotz mit dem traurigen Blick macht einiges her, vor allem, wenn er Menschen mit einer wegwerfenden Handbewegung im Erdboden versinken lässt, mit einem tödlichen Staubwirbel über den Jordan schickt oder auch einfach nur One-Liner mit donnernder Stimme intoniert. Wolverine (Hugh Jackman) absolviert einen netten Gastauftritt, der sich tatsächlich wie die vergleichbaren Kniffe der Comics anfühlt, auch Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee), zum ersten Mal seit X-MEN 2 wieder mit von der Partie, ist eine willkommene Ergänzung; genauso übrigens wie Angel (Ben Hardy), eine Figur, die ich zwar hochgradig bescheuert, aber gerade deshalb so wertvoll finde: Sie unterläuft diesen Überernst, den der Film unter Singers bleischwerer Regie ostentativ vor sich herträgt, in einer Art und Weise, die fast an Sabotage grenzt. Im größenwahnsinnigen Finale löst X-MEN: APOCALYPSE zudem das Versprechen ein, das seit Jahren immer nur angeteasert wird, gibt es endlich einmal diese weltumspannenden Katastrophenszenarios, die in den Comics ganze Seiten in grellen Farben leuchten ließen, nachdem man zuletzt den Eindruck hatte, Singer wollte unbedingt einen europäischen Politthriller aus der Vorlage machen. Vielleicht lernen die Mutanten beim nächsten Mal dann sogar, Freude an ihren Fähigkeiten zu entwickeln. Es wäre ihnen zu wünschen.

v1.bTsxMTE5MDkyNjtqOzE3MDE1OzIwNDg7MjAyNTszMDAwPaul Feig macht konsequent da weiter, wo er mit THE HEAT aufgehört hat: Bezog der seinen Witz in erster Linie daraus, typischerweise von Männern ausgefüllte Rollen – den linientreuen, karrieristischen FBI-Agenten im Anzug und den ausgebrannten, die Grenzen der Legalität bewusst übertretenden Bullen von der Straße – von Frauen interpretieren zu lassen, konfrontiert er seine Lieblingsschauspielerin Melissa McCarthy in SPY mit der glamourösen Welt der internationalen Spionage, wie sie sich in den Bond-Filmen darstellt und in der seine Heldin aufgrund ihres nur durchschnittlichen Aussehens mit aggressiver Herablassung behandelt wird.

McCarthy spielt die Agentin Susan Cooper, die den Einsatz im Feld gegen einen Job in der CIA-Zentrale eingetauscht hat. Sie ist der kongeniale Partner des weltgewandten, eleganten und selbstbewussten Superagenten Bradley Fine (Jude Law), den sie als Stimme im Ohr aus der Distanz durch die schwierigsten Situationen navigiert. Ihre heimliche Bewunderung für Fine fällt aber nicht auf fruchtbaren Boden, vielmehr behandelt er sie zwar wie einen guten Bekannten und geschätzten Kollegen, aber auch ein wie völlig asexuelles Wesen und eine wandelnde Slapstick-Einlage. Als Fine bei einem Einsatz der schurkischen Rayna Boyanov (Rose Byrne) zum Opfer fällt, wittert Susan ihre große Chance, sich endlich einmal in freier Wildbahn zu beweisen. Weil sie im Gegensatz zu ihren Kollegen völlig unbekannt ist, erhält sie den Zuschlag, sehr zum Missfallen ihres aufbrausenden – und etwas dümmlichen – Kollegen Rick Ford (Jason Statham), der sich sofort an ihre Fersen heftet …

Die Story von SPY ist nur mäßig interessant und der Film mit einer Laufzeit von zwei Stunde auch etwas zu lang geraten, aber wie in den Filmen zuvor gelingen Feig gerade in der Zeichnung und dem Miteinander seiner Charaktere immer wieder glorreiche Momente und Gags, die über manche Länge hinwegtragen. Die „Nettigkeiten“, die Susan aufgrund ihrer Figur und ihres nur wenig aparten Aussehens in einem Fort über sich ergehen lassen muss, sind ein Running Gag mit durchaus schmerzhafter Komponente, ahnt man doch, dass sie einen wahren Kern haben, mit dem Frauen in unserer oberflächenfixierten Welt täglich zu kämpfen haben. Wunderbar ist wieder einmal Rose Byrne als krasser Gegenpol zur Hauptfigur, eine attraktive, modebewusste und schlanke Dame, die ihre Überlegenheit und die von Susans Durchschnittlichkeit ausgelöste Langeweile offensiv heraushängen lässt. Allein ihr ständiges Augenrollen, das genervte Sich-Abwenden und ihre von Beleidigungen nicht zu unterscheidenden Komplimente lohnen die Sichtung des Films. Dann ist da natürlich noch Jason Statham, der seine Actionfilm-Persona mit Verve aufs Korn nimmt. Absolut göttlich ist sein langer Monolog, in dem er Susan aufzählt, was für selbstmörderische Aktionen und tödliche Verletzungen er bereits überstanden habe. Es ist die egomanischer Wendung des typischen „How bad is he?“-Monologs, eines Actionfilm-Standards, den herauszustreichen ein Verdienst des wunderbaren Vern ist. Die eigentliche Entdeckung von SPY ist aber Miranda Hart als Susans Freundin und Kollegin Nancy, eine lange, kaum weniger durchschnittliche Erscheinung, die sich am Ende mit dem Enthusiasmus des Amateurs in die Schlacht wirft, um Susan zur Seite zu stehen.

Leichte Abnutzungserscheinungen lassen sich nach BRIDESMAIDS und THE HEAT nicht ganz verhehlen, aber solange dabei trotzdem eine Komödie vom Format von SPY herauskommt, kann ich damit gut leben. Wer eine intelligente Verballhornung männlicher Actionfilme, neue kreative Flüche und Beleidigungen oder auch nur den neusten Schwanzwitz sucht (nur in der Extended Version) macht hier also definitiv nichts falsch.

neighbors-poster-artSeth Rogen hat in den Judd-Apatow-Filmen die Persona des Slackers entwickelt, der sich trotz fortschreitenden Alters beharrlich weigert, erwachsen zu werden. In NEIGHBORS muss er sich als frisch gebackener Daddy Mac Radner gemeinsam mit Ehefrau Kelly (Rose Byrne) nicht nur an das neue Leben als Eltern gewöhnen, was beiden schwer genug fällt, er wird auch mit einer Art Alter ego konfrontiert, als im Nachbarhaus Frat Boy Teddy (Zac Efron) mit seiner College-Fraternity einzieht. Mac und Kelly stehen angesichts der zu erwartenden geräuschvollen Exzesse einerseits vor dem Problem, klare Grenzen ziehen, andererseits vor den jungen, gutaussehenden College Boys aber auch nicht als langweilige Spießer dastehen zu wollen. Die erste Kontaktaufnahme resultiert in der Teilnahme an einer wilden Party, auf der das Ehepaar noch einmal die vergangene Jugend aufleben lassen kann, doch natürlich folgt wenig später der Bruch, als Mac und Kelly die Polizei wegen Lärmbelästigung einschalten. Es entbrennt ein Nachbarschaftskrieg, in dem beide Parteien bereit sind, zum Äußersten zu gehen.

Regisseur Stoller (FORGETTING SARAH MARSHALL) verlässt sich in NEIGHBORS sehr auf die kumpelhafte Likeability seiner beiden Hauptdarsteller Rogen und Byrne, bekommt aber weder den Stoff mit seinen verschiedenen Implikationen richtig in den Griff – z. B. die Gegenüberstellung der beiden unterschiedlichen Familienentwürfe – noch gelingt es ihm, die Absurdität der Situation im Stile eines OLD SCHOOL genüsslich auf die Spitze zu treiben. Ein Problem ist Mac und Kellys Gegenspieler Teddy, der von Sangesknabe Efron ohne echten eigenen Witz verkörpert wird. Er ist als hedonistischer, egoistischer und ansonsten leerer und oberflächlicher Frat Boy sicher die idealtypische Besetzung, aber statt solchen „Realismus“ hätte der Film eher eine Figur gebraucht, die nicht einfach nur unsympathisch ist, sondern eher als diabloischer Versucher funktioniert. Selbst wenn Mac und Kelly sich teilweise idiotisch benehmen und von ihren Nachbarn nicht ganz zu Unrecht aufs Korn genommen werden: Der Film schlägt sich eindeutig auf ihre Seite, macht es dem Zuschauer zu einfach, für sie Partei zu ergreifen. Es besteht nicht nur nie ein Zweifel daran, dass sich am Ende alles zum Guten wenden wird, es steht auch nie wirklich etwas auf dem Spiel. So kommt NEIGHBORS über den netten Timewaster mit ein paar guten Gags nie hinaus.

Vordergründig ein Film über die Zickenkriege, die Frauen dem Klischee nach mit solch unnachgiebiger Härte führen, handelt BRIDESMAIDS eigentlich viel allgemeiner von Selbstmitleid, Egoismus, davon, wie man eigene Schwächen dadurch kompensiert, anderen die Schuld zu geben, und es sich so in seiner eigenen Leidensblase häuslich und bequem machen kann. Paul Feigs Film ist saukomisch, aber bisweilen auch ziemlich schmerzhaft in seinem schonungslosen Offenlegen verletzter Eitelkeiten und ihrer hässlichen Folgeerscheinungen. Es gibt am Ende natürlich ein Happy End, schließlich befinden wir uns nicht in der Realität, sondern in einem Hollywoodfilm, aber dem Betrachter ist sofort klar: der Menschen Dummheit ist grenzenlos, ihre Fähigkeit, sich selbst zum Arsch zu machen, bloß um den anderen schlecht dastehen zu lassen, unübertroffen. Hier draußen wollten wir mit den Annies und Helens nichts zu tun haben, wünschten sie allenfalls unserem ärgsten Feind an den Hals.

Annie (Kristen Wiig), frustrierte Mittdreißigerin, seit ihr Lebenspartner sie nach der Pleite ihrer Kuchenbäckerei verließ, lebt mit zwei ekligen Untermietern zusammen, lässt sich in einer Sexbeziehung mit einem fiesen Macho zum Objekt degradieren und redet sich das als potenzielle Liebschaft schön. Der einzige Lichtblick ist die seit frühester Kindheit bestehende Freundschaft zu Lillian (Maya Rudolph), die Annie dazu bestimmt, für sie Jungesellinnenabschied und Hochzeit zu organisieren. Die Probleme beginnen, als Lillian ihr die umwerfend schöne Helen (Rose Byrne) vorstellt, eine neue Freundin, der Annie sofort mit Misstrauen begegnet: Zu perfekt und vor allem zu heranschmeißerisch ist die Neue, die alles daran setzt, Annies Platz als BFF einzunehmen. Annie, nicht bereit, sich das Letzte, was sie noch zu haben meint, wegnehmen zu lassen, nimmt den Kampf auf, mit verheerenden Folgen …

Neben den in Apatow-Komödien (der Mann fungierte für BRIDESMAIDS als Produzent) unverzichtbaren Vulgarismen und Geschmacklosigkeiten – hier verursacht eine Lebensmittelvergiftung volatilen und massenhaften Brechdurchfall in einer piekfeinen Boutique für Brautkleider – versteht sich Feig vor allem auf die relativ neue Spielart der Fremdscham-Comedy. Bereits früh wird die Marschrichtung vorgegeben, als sich die beiden Konkurrentinnen anlässlich der Verlobungsfeier mit ihren Reden gegenseitig überbieten wollen und sich dabei auf der Bühne mit rührseligen Liebesbekundungen, inbrünstig falsch gesungenen Liedern, thailändischen Lebensweisheiten und spanischen Fantasiesätzen der Lächerlichkeit preisgeben. Aber Annie und Helen sind ja nicht die einzigen, die mit kaum noch zu bewältigenden Frustrationen zu kämpfen haben. Rita (Wendi McLendon-Covey), verbitterte Mutter dreier verzogener Rotzblagen, macht keinen Hehl daraus, im Junggesellinnen-Abschied eine Chance auf wilden außerehelichen Sex zu sehen, und die brave Becca (Elle Kemper) klagt über einen Mann, der sie nur im Dunkeln anfassen mag und das auch nur nach vorher erfolgter, eingehender Körperreinigung. Die vierschrötige, mehr als nur leicht psychotische Megan (Melissa McCarthy) geht in dieser Gesellschaft schon als Ausbund an Lebensfreude durch. Natürlich überwindet Annie ihre Krise und zum Wohle Lillians auch die Differenzen mit Helen und dass es dafür eines freundlichen Mannes (Chris O’Dowd) bedarf, ist nicht unbedingt originell. Das Herz von BRIDESMAIDS schlägt in den zahlreichen „Frauenszenen“, in den Gesichtern, die die hinter ihnen liegenden Abgründe, Enttäuschung und Zorn immer weniger verbergen können, in Grimassen gespielter Freundlichkeit und den via blitzender Blicke abgeschossenen Giftpfeilen, in der Verwandlung, die Kristen Wiig vollzieht, von der süßen, schlagfertigen, schutzbedürftigen besten Freundin zur tobenden Vogelscheuche, deren in Stöckelschuhen steckende Storchenbeine sich in ihren bizarren Wutanfällen verrenken wie die einer vom Teufel besessenen Marionette.

Irgendein Musiker, ich weiß nicht mehr, wer es war, hat mal etwas gesagt, das ich bis heute für absolut plausibel gehalten habe: Durchschnittlich begabte Menschen liefern immer mehr oder weniger Durchschnitt ab. Die Unterschiede zwischen ihren besseren und schlechteren Werken sind nur gering. Sogenannte Genies und Meister hingegen liefern am einen Tag ein Meisterwerk ab und am nächsten gelingt ihnen gar nichts. Es liegen Welten zwischen ihren Meisterleistungen und ihren misslungenen Schöpfungen. Nun steht James Wan, Regisseur von u. a. SAW, DEAD SILENCE, DEATH SENTENCE, INSIDIOUS und THE CONJURING ganz gewiss nicht im Verdacht, ein großer Meister zu sein. Stattdessen hat er bislang relativ verlässlich „brauchbare“ Unterhaltungsware abgeliefert, die mal ein bisschen besser (DEAD SILENCE, DEATH SENTENCE, INSIDIOUS), mal ein bisschen schlechter (SAW, THE CONJURING) geraten war. Wenn obige These stimmte, dann hätte es INSIDIOUS: CHAPTER 2 nicht geben dürfen, der eines der bodenlosesten Sequels ist, das ich seit einiger Zeit gesehen habe und mich gestern nicht nur massiv gelangweilt, sondern mit fortschreitender Spielzeit mehr und mehr angenervt hat. Wie dieser stinkende Haufen Dung zu seiner 6,7-Punkte-Wertung auf IMDb kommt, ist mir ein Rätsel. (Ist es natürlich nicht, aber ich glaube eben grundsätzlich an das Gute im Menschen.)

Nach den Ereignissen in INSIDIOUS ist nun also Ehemann Josh (Patrick Wilson) von einem bösen Geist besessen, der im Haus seiner Mutter Lorraine (Barbara Hershey), in der sich die ganze Familie niedergelassen hat, herumspukt. Die Ermittlungen der ebenfalls aus dem ersten Teil reaktivierten Geisterjäger Specs (Leigh Whannell) und Tucker (Angus Sampson) führen in die Vergangenheit: in Joshs eigene, in der er bereits schon einmal von einem Gespenst heimgesucht worden war, aber auch in die eben jenes von ihm Besitz ergreifenden Geistes, der Mutter eines gewissen Parker Crane, der sich nach einer misslungenen Selbstkastration in eben jenem Krankenhaus umbrachte, in dem Lorraine einst ihren Dienst als Krankenschwester verrichtete. Während die Geisterjäger rätseln, wie sie den Spuk auflösen, gerät Josh, der nun selbst psychopathische Züge an den Tag legt, immer mehr in seinen Bann …

Es ist ein Allgemeinplatz, der dadurch jedoch nicht an Gültigkeit verliert: Horrorsequels, die dazu antreten, die „Lücken“ ihres Vorgängers zu stopfen, dem Horror, der doch gerade aus dem Unerklärlichen erwächst, quasi eine Biografie zu geben, unterminieren ihre eigene Grundlage. INSIDIOUS: CHAPTER 2 ist nicht nur kein Stück gruselig oder unheimlich, sondern jederzeit vorhersehbar und zudem gleichermaßen fürchterlich anstrengend und albern in der aufgesetzten Ernsthaftigkeit, mit der er diesen Unfug verkauft. Es ist gar nicht so entscheidend, dass die Antworten, die Autor Whannell und Regisseur Wan auf die Fragen finden, die sich nach dem ersten Teil keiner ernsthaft gestellt hat, durch und durch enttäuschend und egal sind: Allein die Tatsache ihres Versuchs, Erklärungen zu liefern, bedeutet das Scheitern ihres Films, der keinen Raum für Überraschungen lässt, das Beunruhigende jeglicher Potenz beraubt, indem er es in einen logischen Rahmen zwängt. INSIDIOUS: CHAPTER 2 hat ein strukturelles Problem.

Dass ihm aber nicht einmal ein paar brauchbare Schocks oder Gänsehautmomente gelingen, ist schon fast als Skandal zu bezeichnen. Wenn man bereits nach der Hälfte eines Horrorfilms genervt auf die Uhr schaut, ist definitiv etwas schief gelaufen. Die Crux ist natürlich, dass man schon von Anfang an weiß, was man zu erwarten hat. Im Hause Lorraines geht ein rachsüchtiger Geist um, der den Körper von Josh erobern will. Daran, die effektiven scares des Vorgängers zu wiederholen, hat Wan offensichtlich kein Interesse, was grundsätzlich lobenswert ist, nur ist das, was er stattdessen bietet, leider nicht besser. Ab und zu huscht sehr erwartbar ein Gespenst im Hintergrund durchs Bild, immer und immer wieder geht dieses nervtötende Babyspielzeug von allein los, so als sei Krach die Lösung aller selbst verursachten Probleme. Und schließlich dieser Irrglaube, der Spuk würde unheimlicher, wenn man wüsste, wie er anno dunnemals seinen Anfang nahm. Die Verrenkungen, die das Drehbuch nimmt, um irgendwie noch etwas zu erzählen zu haben, wo doch eigentlich nichts mehr hinzuzufügen ist, spiegeln sich auch im Kleinen: Da gibt es diese Szene, in der der mittlerweile bösartige Josh mit der Hand hinter dem Rücken vor einem der Parapsychologen steht. Es ist schon vorher völlig klar – dem Zuschauer wie dem Geisterjäger –, dass Josh Übles im Schilde führt und auch, was er da hinter dem Rücken halten könnte, gibt keinerlei Rätsel auf. Trotzdem nehmen Whannell und Wan dies zum Anlass für eine vollkommen ins Leere schießende Suspenseszene, die bestenfalls ein geplagtes Stöhnen hervorruft: „Was trägst du da hinter dem Rücken?“, fragt der Geisterjäger begriffsstutzig. „Frag‘ doch deine Würfel!“, gibt Josh zurück. Der Geisterjäger wirft daraufhin gerhorsam seine Buchstabenwürfel und mit bedeutungsschwangerem Tamtam fängt die Kamera das Wort ein, das sie bilden: „Knife“. So geht Horror für Lernbehinderte. Am Schluss feiert auch das Medium Elise Rainier (Lin Shaye) seine Rückkehr, jene Frau, die Josh schon als Kind „behandelte“ und die in INSIDIOUS von ihm – bzw. von dem Geist, der von ihm Besitz ergriffen hatte – umgebracht worden war. Anstatt das einfach so stehenzulassen, schließlich befinden wir uns in einem Horrorfilm, in dem man die Anwesenheit eines Geistes durchaus akzeptieren kann, müssen Whannell und Wan noch klarstellen, dass die liebe Frau mitnichten im düsteren „further“, dem Zwischenreich rachsüchtiger Geister, herumspuken muss. Nein, versichert sie ihren beruhigt aufatmenden Ex-Assistenten, sie komme von einem schönen Ort und werde nach getaner Arbeit auch dahin zurückgehen. Na gottseidank, dass das mal klargestellt wurde.

Das ganze Versagen von INSIDIOUS: CHAPTER 2 wird jedoch nirgends so deutlich wie im obligatorischen Cliffhanger, mit dem hier noch ein weiteres Sequel, man kann es nicht anders sagen, angedroht wird. Wieder einmal besucht Elise das Haus, in dem sie einen Geist vermutet, wieder einmal fährt die Kamera unheilschwanger an das Gesicht der hübschen Tochter heran, wird mit anschwellendem Dröhnen suggeriert, etwas lauere hinter ihr. Und wieder einmal zeigt der Gegenschuss das Gesicht Elises, das wieder einmal signalisiert, dass das, was sie da jetzt sieht, aber wirklich das absolut Schlimmste ist, mit dem sie je konfrontiert wurde. Ich gönne ihr ihre Affektivität, wirklich, nur ist die Diskrepanz zwischen ihrem Erleben und meinem nach dem Durchleiden von 105 Minuten fußlahmer Mystery absolut frappierend. Ich war während dieser Szene schon auf halbem Weg zum Fernseher, um den Film endlich ausschalten zu können.

 

 

Familie Lambert – Mama Renai (Rose Byrne), Papa Josh (Patrick Wilson), die Söhne Dalton (Ty Simpkins), Foster und ein Neugeborenes – richten sich gerade in einem neuen Haus ein. Nach wenigen Tagen stürzt Dalton beim Spielen auf dem Dachboden, wacht am nächsten Morgen nicht aus dem Schlaf auf. Die Ärzte sind ratlos: Es gibt keinerlei physische Ursache für seinen Zustand. Während die Eltern darauf warten, dass ihr Sohn erwacht, geschehen seltsame Dinge. Renai spürt die Präsenz von etwas Bösem im Haus und kann Josh schließlich dazu überreden, wieder auszuziehen. Doch im neuen Haus angekommen, geht der Spuk mit unverminderter Inensität weiter. Die durch einen Kontakt von Joshs Mutter Lorraine (Barbara Hershey) hinzugezogene Parapsychologin erkennt das Problem: Es ist nicht das Haus, sondern Sohn Dalton, der „bespukt“ wird …

Vor dem reichlich aufgeblasenen, aber megaerfolgreichen THE CONJURING inszenierte James Wan diesen Mystery-Grusler mit den Produzenten der PARANORMAL ACTIVITY-Reihe. Deren Einfluss macht sich vor allem während der ersten beiden Drittel durchaus positiv bemerkbar: INSIDIOUS ist zwar kein Found-Footage-Film, etabliert formal aber jenen zurückhaltend beobachtenden, quasidokumentarischen Blick, der dieses Subgenre auszeichnet und mit sachlicher Bildsprache und unterkühlter Farbpalette einhergeht. INSIDIOUS wirkt trotz unvermeidlicher Hollywood-Klischees – die Mama, die wegen der Kinder nicht zu ihrer künstlerischen Arbeit kommt, der emotional zurückgenommene Papa, der sich in seine Arbeit stürzt, anstatt sich mit den immer größer werdenden Problemen zu Hause auseinanderzusetzen – authentisch, sodass man als Zuschauer gern dazu bereit ist, die übersinnlichen Geschehnisse für bare Münze zu nehmen. Die ersten, frühen Schocks sind immens effektiv: Wan steigert die Spannung langsam und allmählich und ohne großen Geisterbahn-Hokuspokus. Mit dem bei mir überaus beliebten Albtraum-Klassiker stumm und reglos zurückstarrender, bestenfalls diabolisch grinsender Gestalten ruft er mehrfach dieses elektrische Prickeln im Nackenbereich hervor, das als Beleg gelten für seinen Erfolg gelten darf.

Über das Prädikat „nett“ kommt INSIDIOUS letzten Endes dennoch nicht hinaus, aller guten Ansätze zum Trotz: Irgendwann muss sich das diffuse Graue  konkretisieren und Gestalt annehmen, die übliche Dramaturgie einsetzen, mit Eltern, die Hilfe bei nerdigen Parapsychologen suchen, anfängliche Zweifel überwinden und sich schließlich mit zu erwartenden Tamtam dem Spuk stellen. War INSIDIOUS bis dahin geschickt in seinen Methoden, etwa im Einsatz von Kamera und einlullenden Ruhepausen, die den Eindruck der folgenden Schocks ins Unermessliche steigerten, so gibt er sich jetzt ganz dem Kintopp hin. Da fängt der Protokollant einer Seance plötzlich an, im besessenen Tempo die Unflätigkeiten zu Papier zu bringen, die der böse Geist in seine Richtung spuckt, muss der Papa sich seinen eigenen Dämonen stellen und in die Jenseitswelt reisen, aus der sein Sohn nicht zurückkommt, entpuppt sich der böse Geist mit der feurigen Grimasse und den Klauenhänden – eine schaurig-schöne Kreation – als „Lipstick-Face Demon“, der zu alten Burlesque-Songs Frauenkleider näht. Ich möchte INSIDIOUS mit dem Vorwurf homophober Motivik nicht unbedingt wichtiger machen als er ist, aber ein Geschmäckle hat diese „Auflösung“ schon. Bleibt am Ende ein gut gemachter Grusler, der seinen Zweck erfüllt, zwar deutlich über dem traurigen Durchschnitt liegt, in ein paar Jahren aber trotzdem nur als einer von Vielen erinnert werden wird.