Mit ‘Ruggero Deodato’ getaggte Beiträge

Wer mich kaufen will, kann das dieser Tage gleich dreifach:

Schon etwas länger auf dem Markt, aber immer noch aktuell genug, um ihn hier zu würdigen ist die Blu-ray-Veröffentlichung von Ruggero Deodatos gottgleicher Poliotteschi-Quasi-Parodie EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN via filmart. Gemeinsam mit Pelle Felsch habe ich das Vergnügen gehabt, einen Audiokommentar aufnehmen zu dürfen, in dem wir etwas über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zur damaligen Zeit palavern. Alles garantiert unwissenschaftlich!

Etwas neuer ist der Filmkalender 2019 von Schüren, mit dem man das kommende filmische Jahr planen kann. Unter den Kurzaufsätzen, die den Kalender auflockern, befindet sich auch ein Porträt über Bud Spencer von mir.

Last but not least ist soeben die neueste Ausgabe des 35 MM Retrofilmmagazins erschienen, die unter dem Motto „Sommer – Sonne – Sumpf“ steht. Die große Hitzwelle scheint zwar (zum Glück) vorbei zu sein, wer davon aber nicht genug bekommt, findet auf den reich bebilderten Seiten sicheerlich sein Glück. Auch ich habe mich von den Temperaturen inspirieren lassen und mich in meiner Noir-Kolumne mit dem Fritz-Lang-Klassiker THE BIG HEAT befasst. Das Heft kann man hier bestellen.

Dieser Tage ist Ruggero Deodatos von der Cannon produzierte Fantasyfim DIE BARBAREN als Mediabook bei Koch Media erschienen. Gemeinsam mit Pelle Felsch habe ich dafür mal wieder einen Audiokommentar eingesprochen und das Booklet beigesteuert. Wem das als Kaufanreiz noch nicht reich, den überzeugt vielleicht die Tatsache, dass Deodatos Frühwerk FENOMENA E I TESORO DI TUTANKAMEN (zu Deutsch: FENOMENAL UND DER SCHATZ VON TUTANCHAMUN) enthalten ist.

Außerdem möchte ich noch auf die kleine, aber feine Ausstellung „Raus aus dem Spießerglück: die anderen 60er Jahre“ hinweisen, die man sich derzeit im Freilichtmuseum Detmold anschauen kann. Anhand von mehreren gestifteten Alltagsgegenständen aus den Sechzigern wird ein sehr konkretes und auch emotionales Bild von einem Jahrzehnt gezeichnet, das längst nicht nur aus Hippies und Mondlandungen bestand. Für den gleichnamigen Ausstellungsband durfte ich einen Aufsatz zu den Karl-May-Filmen jener Zeit verfassen, die das deutsche Publikum damals in Scharen in die Kinos lockten und eine bessere Welt voller Edelmut, Tapferkeit, Romantik und Abenteuer erträumten. Mehr zur Ausstellung gibt es hier: http://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-Freilichtmuseum-Detmold/ausstellungen/sonderausstellungen

Wenn es einen Anlass gibt, mit einem hyperbolischen Superlativ zu beginnen, dann ist es Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST, vielleicht der ehrlichste Film aller Zeiten und wahrscheinlich der einzige, den ich kenne, der eine kritische Haltung einnimmt, ohne sich dabei bequem auf einen archimedischen Punkt zurückzuziehen, von dem er mit dem Finger auf die Dummen und Nixblicker zeigen kann. Deodato wusste es schon 1980: Die Welt ist in einem solch verheerenden Zustand, dass niemand sich herausreden kann. Wir stecken alle drin, partizipieren alle an einem System, das auf der Ausbeutung der Schwächeren basiert. Die einzige Form der Kritik ist die Selbstanklage, der Rundumschlag, den Deodato mit CANNIBAL HOLOCAUST vorlegte. Wenn ich ihn richtig verstehe, hat er keinen Spaß an dem Film gehabt.

CANNIBAL HOLOCAUST ist auch fast 40 Jahre nach Erscheinen noch berüchtigt und für nicht wenige Horrornerds und Gorebauern, denen sonst keine Schweinerei zu viel ist, überschreitet dieser Film eine Grenze, die sie nicht übertreten wollen. Nicht etwa, weil sich fast alle Gewalt gegen Frauen richtet und immer sexuell konnotiert ist, nicht weil die „Kannibalen“ als grunzende Primitive gezeichnet werden oder weil der Film die Zivilisation als Lüge enttarnt und uns allen ein äußerst schlechtes Zeugnis ausstellt: Nein, wegen der drei Tiersnuffszenen, die natürlich mal gar nicht gehen. So verständlich die Reaktion auch ist – die Szenen sind ohne Zweifel grausam und ekelhaft und sollen auch genau das sein -, so verlogen ist die moralische Entrüstung darüber angesichts der Millionen von Tiere, die Jahr für Jahr industriell zerlegt werden, um als Bärchenwurst im Kühlregal zu landen. Deodato tut nichts anderes als uns ein Stück Realität vorzuhalten, die wir sonst so gern verdrängen, und unsere Sensationsgeilheit zu stören, die wir von dem Film sonst bedient sehen wollen. Im Unterschied zu anderen Filmen, die eine ähnliche Strategie fahren, macht Deodato aber eben ernst: Er macht sich selbst schuldig, um zu zeigen, wie weit es mit uns gekommen ist, anstatt uns Haneke-Style zu hintergehen, uns mit Gewalt zu ködern und uns dann dafür zu geißeln, dass wir seinen Film angeschaut haben. Er sagt nicht: „Das seid ihr“, sondern „Das sind wir“.

Der Titel ist auch nur ein Trick. CANNIBAL HOLOCAUST hat mit Kannibalen eigentlich nichts am Hut. Es geht um den Westen, den Kapitalismus, wenn man das Wort benutzen will, darum, wie wir unsere Werte mit großer Aggressivität in die Welt hinaus tragen, sie zerstören oder infizieren. Film ist nur eines „unserer“ Mittel und Deodato führt uns mit großer technischer Brillanz vor, welche Macht er hat, wie uns Film Dinge über die Welt erzählt, die wir sofort glauben, obwohl sie totaler Bullshit sind. Ich weiß nicht, ob Deodato den „Found Footage“-Film wirklich erfunden hat, wie oft kolportiert wird, aber ganz sicher hat er die mit ihm verbundenen Authentifizierungsstrategien bereits zu einem Zeitpunkt definiert, entwickelt, ausgereizt und zu technischer Vollendung geführt, als es den Begriff noch gar nicht gab und nicht daran zu denken war, dass sich aus dieser Idee mal ein veritables Subgenre formen würde. CANNIBAL HOLOCAUST ist ein Meisterwerk der Manipulation und diese Manipulation ist nicht nur schnödes Mittel, den Zuschauer glauben zu lassen, er habe Dinge gesehen, die gar nicht da sind: Es steckt mehr dahinter. Wir werden andauernd belogen und hinters Licht geführt, ohne es zu bemerken. Wir wollen das sogar. Es ist bequem. Wir können nicht alles hinterfragen. Woher kommen die Bilder, die wir sehen? Wer sind die Menschen, die sie produzieren? Was ist das Weltbild, das sie uns verkaufen? Das hat nichts mit Lügenpresse zu tun, sondern mit Medienkompetenz. Deodato zwingt uns genau hinzusehen, während wir eigentlich nichts mehr wollen, als uns die Augen zuzuhalten.

Ich hatte CANNIBAL HOLOCAUST als bestialischen Film in Erinnerung und das ist er auch, aber hinsichtlich seiner Effekte ist er tatsächlich relativ zurückhaltend. In der Abtreibungsszene hält die Kamera eben nicht voll drauf, sie scheut sogar davor zurück, uns alles zu zeigen. Trotzdem haben wir das Gefühl, hier massiv überfordert zu werden. Der Grund ist, dass diese Gräueltaten nicht durch eine Dramaturgie gerechtfertigt sind: Die Menschen, die da gequält und geschändet werden, sind Fremde, sie haben keine Namen und keine Persönlichkeit, sie haben nichts getan und wir verstehen nicht, warum man ihnen dieses Leid zufügt. Da wird eine filmische Konvention verletzt. Dann ist da natürlich diese unfassbare Musik von Riz Ortolani, einer der tollsten Scores aller Zeiten, der einem abwechselnd Angst einjagt und einem dann wieder die Tränen in die Augen treibt. CANNIBAL HOLOCAUST geht gegen alles, was wir für menschlich halten, und zwingt uns dann, einzusehen, dass wir Teil dieser Unmenschlichkeit sind. Erst am Schluss gibt er uns die Möglichkeit, uns ein Stück zu distanzieren: wenn wir mit Professor Monroe (Robert Kerman) und den Fernsehleuten in einem Vorführraum sitzen und gezwungen werden, uns auch die letzten Szenen des geborgenen Materials zu sichten, von denen wir bereits ahnen, dass sie das grausame (aber gerechte) Ende des Filmteams zeigen, das zuvor die Indianer gequält hatte, um seinen Film aufzupimpen. Aber auch das ist mit einem fiesen Trick verbunden: Es ist der Tod der weißen Amerikaner, der die Entscheidung herbeiführt, das Material zu vernichten.

CANNIBAL HOLOCAUST ist ein schwieriger und komplizierter Film, dabei aber gleichzeitig von äußerster Klarheit (und immer wieder auch großer Poesie). Wenn man kein Psychopath ist, kann es nur eine Reaktion auf ihn geben: die Verachtung für die brutalen Filmemacher, die ihre Fakten inszenieren, um einem nach Sensationen dürstenden Publikum die geilen Bilder zu geben, die Trauer mit den Unschuldigen, die sie quälen und umbringen, den Ekel vor dieser Form von Selbstermächtigung, mit der sie sich  über vermeintlich schwächere, weniger „zivilisiertere“ und wohlhabende Menschen stellen. Aber er gibt uns nicht die Genugtuung, mit dem Finger auf die Schuldigen zu zeigen, weil wir alle mit drin hängen. Siehe Sensationalismus: Was hat die meisten wohl zuerst dazu bewogen, einen Film mit dem Titel CANNIBAL HOLOCAUST zu schauen? Die Verachtung und Entrüstung, die dem Film weitestgehend entgegenschlägt, ist Beweis dafür, dass seine Einschläge zu nahe an unserer Komfortzone liegen. Aber so sehr wir uns auch von ihm distanzieren mögen: Wir kommen nicht raus aus der Nummer. Die politischer Aufruhr der letzten Jahre ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass wir irgendwann alle die Quittung dafür bekommen, dass wir unseren Reichtum auf der Armut der Dritten Welt aufgebaut haben.Wir haben erst ihre Hütten verbrannt und dann vor ihren Augen eine Orgie gefeiert.

 

contagem2bde2bcad25c325a1veres2b-2bcamping2bdel2bterrore2b252819862529Ruggero Deodatos CAMPING DEL TERRORE zeigt schon im Titel, dass er keine größeren Ambitionen hatte, als die zum damaligen Zeitpunkt bereits gut abgehangene Slasher-Formel auch noch einmal durchzunudeln. Die Story um ein paar besonders doofe Teenies, die in den Bergen von Colorado einem Killer zum Opfer fallen, der seine ersten Opfer vor 15 Jahren niedergestreckt hatte, ist natürlich nur Vorwand für ein paar Splatter-Szenen, die der Rede kaum wert sind – und es eigentlich damals auch schon nicht waren. Unter deutschen Horrorfreunden war der Film zu VHS-Zeiten absurderweise dennoch sehr gefragt, weil man ihn in der deutschen Version seiner garstigeren Momente – und somit seines ganzen Reizes – entledigt hatte. Ich mag ihn irgendwie, das hat sich auch in dieser ersten Sichtung seit bestimmt 20 Jahren erneut gezeigt: Ob ich das erklären kann, werden die folgenden Zeilen zeigen, ich habe aber meine Zweifel.

Zunächst mal ist da natürlich diese Besetzung: David Hess spielt den Besitzer des Campgrounds, auf dem sich das Massaker abspielt, einen unfreundlichen, eigenbrötlerischen und verbitterten Mann, der sich einen Scheiß um das Wohl seiner Mitmenschen sorgt. Mimsy Farmer ist seine Gattin: Sie hat nicht irrsinnig viel zu tun, aber ihre Anwesenheit ist trotzdem eine Freude, zumal sie auch noch eine Affäre mit Charles Napier haben darf, der wieder einmal einen Gesetzeshüter spielt. John Steiner und Ivan Rassimov haben nur winziger Wegwerfrollen, die für den Film kaum von Bedeutung sind, aber dass sie da sind, ist schön, weil es den Film mit der alten italienischen Exploitation- und Giallo-Tradition verknüpft, die man durch die sonst ganz auf amerikanisch getrimmte Oberfläche nur noch schemenhaft erkennt. Vor allem die eigentlichen Protagonisten, also die Teens, sind furchtbar gesichtslos und benehmen sich stets so idiotisch und aufgekratzt wie möglich: Sie kommen mitten in der Nacht auf die Idee, ein verfallenes Badehaus im Wald aufzuräumen, um es für ihre Dusche zu benutzen, und necken sich auf eine Art und Weise, die nur sehr bedingt komisch ist. Aber dann gibt es da noch den Score von Claudio Simonetti, der an bessere Zeiten erinnert, sowie Eugenio Alabisos furiosen Schnitt, der so manche der formelhaften Fluchtszenen zu wahren Tanzperformances stilisiert: Noch nie sind Menschen so anmutig durchs Unterholz gestolpert wie hier. Ja, und das war es dann auch schon fast.

CAMPING DEL TERRORE ist By-the-numbers-Kino, klebt so sklavisch am erprobten Muster, dass man ihn schon fast als Metafilm bezeichnen muss. Kaum vorstellbar, dass Deodato diesen Film als etwas anderes betrachtete als als tumben Spaß, um verblödeten Kids das Geld aus der Tasche zu ziehen. Vermutlich hat er sich mit David Hess in den Drehpausen kaputtgelacht. Zumindest auf mich überträgt sich dieses „Ah, fuck it“: Langweilig ist CAMPING DEL TERRORE eigentlich nie, selbst wenn man sich einen Furz dafür interessiert, wer der Killer ist oder wer als nächstens ins Gras beißen muss. Es ist immer was los – und es sieht immer eine Ecke besser aus als im Großteil der schäbigen DTV-Slasher, die zu dieser Zeit den Markt fluteten. Das Ehedrama zwischen David und Mimsy hätte eigentlich mehr Raum verdient und ist viel, viel interessanter als die Mär um den Schamanen mit der Gummimaske, aber man kann das ja auch so sehen: Immerhin gibt es hier irgendwas, von dem man nach 85 Minuten gern noch mehr gehabt hätte. Wenigstens das ist sehr Slasher-untypisch.

Auf Sizilien treffen Irem (Al Cliver) und Barbara (Silvia Dionisio), ein libertinäres Liebespaar, auf den reichen, zynischen und misanthropischen Unternehmer George (John Steiner), der seine Frau Silvia (Elizabeth Turner) offen demütigt, misshandelt und betrügt. Weil George ein Interesse an Barbara entwickelt, lädt er das Paar auf seine Luxusyacht ein. Während der gemeinsamen Zeit an Bord wird ein fröhliches Bäumchen-wechsel-dich-Spiel durchexerziert, bei dem der sadistische George immer mehr isoliert wird. Irgendwann ist er davon überzeugt, dass seine Frau sich mit den Gästen gegen ihn verbündet hat und seine Ermordung plant …

Deodato wieder mal – man denke an LA CASA SPERDUTA NEL PARCO – im Klassenkämpfermodus. Was sich da als aufgeheizte erotische Vierecksbeziehung präsentiert, hat natrlich eine für jeden durchschaubare gesellschaftspolitische Dimension: George ist der skrupellose Kapitalist, der andere Menschen nach seinem Gutdünken ausbeutet, benutzt und wegwirft, wenn er keine Verwendung mehr für sie hat, Irem und Barbara sind die Unterprivilegierten, die den Aufstand proben. Das ist – wie fast immer im populären italienischen Kino jener Zeit – etwas undifferenziert und überdeutlich auf den Zweck der linken Agitation hin konstruiert. George verfügt über keinerlei sympathische Züge, ist moralisch durch und durch verrottet und ein sehr dankbarer Anlass für eine polemische Kapitalismuskritik. Es ist nicht schwer, ein System zu kritisieren, das durch solche Figuren repräsentiert wird.

Trotzdem ist ONDATA DI PIACERE (zu Deutsch etwa: „Wellen der Lust“) sehr sehenswert. Neben offenkundigen Reizen wie der schönen Fotografie in traumhafter Urlaubskulisse, dem tollen Darstellerensemble und der überaus ansehnlichen Silvia Dioniso (die damals mit Deodato verheiratet war), ist es die berüchtigte Verschlagenheit und Doppelzüngigkeit Deodatos, die für den Film einnimmt. Es bleibt nämlich bis zum Ende unklar, ob Irem und Barbara nicht von Anfang an ein doppeltes Spiel gespielt haben. Gleich zu Beginn beobachten sie George und Silvia, wissen, um wen es sich bei den beiden handelt und dass er ein mieses Schwein ist, das seine Gattin wie Dreck behandelt. Auch dass George auf Barbara aufmerksam wird, ist keinesfalls ein Zufall, vielmehr sucht sie seine Nähe, legt es darauf an, von ihm „entdeckt“ und angesprochen zu werden. Beide scheinen es von Anfang an darauf anzulegen, mit George und Silvia in Kontakt zu kommen, von ihnen auf die Yacht eingeladen zu werden – aber auch, ihn zu töten?

Man muss eigentlich davon ausgehen, aber die Art, wie sie diesem „Plan“ nachgehen, lässt dann doch einige Zweifel entstehen. Sie lassen sich viel, viel Zeit und es ist nicht wirklich klar, worauf sie eigentlich warten. Um den kritischen Impetus des Films zu retten, könnte man ihr Zögern vielleicht so interpretieren, dass auch Barbara und Irem den Verlockungen des Reichtums nicht ganz gleichgültig gegenüberstehen. Sie genießen das Leben im Überfluss sichtlich und vielleicht versuchen sie insgeheim doch, sich mit dem Feind zu arrangieren. Das Problem ist nicht, dass die Macht in den falschen Händen liegt, sondern das Sein von Macht generell. Wenn die beiden George dann schließlich doch umbringen, indem sie ihn mit Alkohol betäuben und mit einer defekten Sauerstoffflasche ins Meer werfen, dann sind sie eigenlich nicht mehr viel besser als der zynische Lump, den sie so sehr verachten.

Fred (Marc Porel) und Tony (Ray Lovelock) gehören zu einer Spezialeinheit, die sich in Rom dem aus dem Ruder laufenden Verbrechen entgegenstellen soll. Die beiden sind nicht zimperlich: Ihre Einsätze enden immer damit, dass Leichen weggeräumt werden müssen. Ihr Vorgesetzter (Adolfo Celi) hat Schwierigkeiten, ihr Vorgehen zu verteidigen. Aber die Hoffnung, dass sie den Gangsterboss Pasquini (Renato Salvatori) stellen, obsiegt …

Das Genre des Italo-Polizeifilms ist an reaktionären Spitzen nicht arm, doch Deodatos Schleuderttrauma von einem Film toppt alles. Gleich zu Beginn heizen die beiden gewaltgeilen Supercopsauf ihren Öfen zwei armseligen Handtaschenräubern hinterher, nehmen dabei keine Rücksicht auf Verluste und noch weniger auf andere Verkehrsteilnehmer und treiben die Flüchtigen in einen blutigen Tod. Das heißt: Eigentlich nur einen von beiden. Dem zweiten, einem schwerverletzt unter Schmerzen winselnden Tunichtgut, bricht Fred kurzerhand selbst das Genick, auf dass er keine weiteren Schandtaten begehe. In diesem Stile geht es weiter: Die Nobelkarossen der betuchten Besucher eines von Pasquini betriebenen Casinos werden von den beiden lachend in Brand gesetzt, später dann ein Bankraub vereitelt, indem die Täter durch gezielte Schüsse mitten im munteren Treiben auf der Straße getötet werden, noch bevor sie eine kriminelle Tat begehen konnten. Mit entfesselter Mordlust und der Macht des Gesetzes ausgetattet, walzen Fred und Tony wie moderne Nachfahren von Max & Moritz durch die Stadt. Es ist nicht erst die beinahe väterliche Verzweiflung ihres Vorgesetzten, die sie wie verrohte und die entscheidende Sozialisierung erst noch vor sich habende Kinder erscheinen lässt, die eben Kriminelle hopsgehen lassen, anstatt Frösche aufzublasen oder Matchbox-Autos in die Luft zu jagen. Wie beste Freunde wohnen beide zusammen, stelzen der Sekretärin mit dem juvenilen Übereifer von Jungs hinterher, die gerade den ersten Prono gesehen und verstanden haben, was man mit einem Pimmel so alles anstellen kann. Brüderlich wird alles geteilt, wie zum Beispiel die nymphomane Zeugin, über die die beiden nacheinander drüberrutschen und sich danach von ihrer gutherzigen Vermieterin ein Rührei machen lassen, um wieder zu Kräften zu kommen.

Das ist ales so weit draußen, dass man eh schon nicht so recht glauben mag, dass das alles Ernst gemeint ist. Dass Regisseur Deodato und Drehbuchator Di Leo zur intellektuellen Speerspitze des italienischen Genrekinos zu zählen sind, verstärkt den Verdacht, es hier mit einer doppelzüngigen Satire zu tun zu haben. Wo ihre amerikanischen Vorbilder … Don Siegels DIRTY HARRY oder Michael Winners DEATH WISH – die dunklen Neigungen ihrer Zuschauer noch sanft kitzelten, um ihnen dann den Spiegel vorzuhalten, da servieren Deodato und Di Leo eine Welt, die den Weltuntergangs-Fantasien des in seinem Reihenhäuschen fernab der Realität vor sich hin hassenden Bild-Lesers eins zu eins entspricht. Nur zwei ganze Kerls wie Fred und Tony können da Abhilfe schaffen und es ist wohl die Ironie des Schicksals, dass sie mit ihren Lederjacken, Cowboystiefeln, Motorrädern und dem ostentativ ausgestellten Disrespekt vor (erwachsenen) Autoritäten das gespuckte Ebenbild jener Lumpen sind, die der Spießbürger als Wurzel allen Übels ausgemacht zu haben glaubt.

CUT AND RUN, so lautet der internationale Verleihtitel dieses Films. Cut and run, schneiden und rennen. Das darf man als Beschreibung des modus operandi der Schurken des Films begreifen, aber auch als Anleitung für den Zuschauer: Greif dir die besten Stellen und vergiss den Rest. Immer wieder gibt es mal eine packende Szene oder Sequenz, aber deren Verbindung über eine schlüssige, durchgehende Dramaturgie ist Deodato einfach nicht gelungen. Nein, CUT AND RUN (wie ich ihn jetzt der Einfachheit halber nenne) ist wirklich kein besonders guter Film und Deodatos Behauptung, er habe einen neuen Ansatz für „sein“ Kannibalenthema gesucht, weil er keine Lust auf ein CANNIBAL HOLOCAUST-Sequel gehabt habe, darf man auch als nachgereichte Entschuldigung verstehen. CUT AND RUN ist wie fast alle italienischen Filme dieser Zeit von dem Bedürfnis geprägt, es dem US-amerikanischen Blockbusterkino gleichzutun: Die Darstellerriege ist gespickt mit internationalen Semistars, die derben Effekte sind etwas publikumsfreundlicher aufbereitet als in Deodatos früheren Schockern, der Horror wird von melodramatischen Aspekten und Actionsequenzen überlagert, der Simonetti-Score drückt mit dampfenden Synthies ausschließlich auf die Tube und die zuvor noch wütende Medien- und Zivilisationskritik bietet hier lediglich ein dünnes Deckmäntelchen, das kaum mehr als ein modebewusstes Accessoire darstellt.

Es ist natürlich Spekulation, inwieweit die Orientierung an Übersee den Niedergang des italienischen Kinos nicht noch beschleunigt hat, anstatt ihn zu verhindern. Es scheint mir aber eine ziemlich unübersehbare Tatsache zu sein, dass die Anlehnung an die Trends und Eigenheiten des US-Kinos sogar noch die positivsten Eigenheiten des Italokinos als Defizite erscheinen lässt bzw. dessen Stärken neutralisiert. CUT AND RUN wäre gern rasantes Actionkino der Marke Hollywood, doch schon beim Fundament versagt Deodato, weil seine Protagonisten einfach unglaubwürdig bleiben. Eine kleine Lokalreporterin (Lisa Blount) will zum Amazonas reisen, um dort Brian Horne (Richard Lynch), einen ehemaligen US-Soldaten zu interviewen, der abtrünnig wurde, dem fehlgeleiteten Sektenführer Jim Jones als rechte Hand diente und später gar seinen eigenen Tod fingierte, wohl um seine Verwicklung in diverse groß angelegte Drogengeschäfte zu kaschieren, die sich in der Gegenwart des Films in einigen handfesten Massakern niederschlägt? Dieser Grad von mit Naivität gepaarter Lebensmüdigkeit ist auch für den gleichgültigsten Zuschauer eine enorm schwer zu schluckende Pille. Selbst der – vor allem im Tötungshandwerk – doch um keinen kreativen Einfall verlegene Horne kann so viel Dummheit kaum fassen, als er der Reporterin schließlich gegenübersteht. Und man meint der Schauspielerin Lisa Blount den Ärger darüber, ein mit einer solch armseligen Motivation ausgestattetes Dummchen spielen zu müssen, förmlich anzusehen.

Fairerweise muss man sagen, dass CUT AND RUN nun auch beileibe keine Katastrophe ist. Technisch ist er sauber gemacht, aber das dürfte einem Regisseur, der einen formal so aufregenden und zukunftsweisenden Film wie CANNIBAL HOLOCAUST vorzuweisen hat, kaum schmeicheln. Dass er in CUT AND RUN deutlich Bezug auf dieses Meisterwerk nimmt – wieder sind Reporter die Protagonisten, wieder wird schockierendes Material in ein Fernsehstudio übertragen, wieder gibt es einen kurzen zivilisationskritischen Vortrag – verleiht dem Film dann zwar das Quäntchen Tiefgang, das ihn über den reinen Timewaster hinaus noch interessant macht, verdeutlicht aber auch schmerzlich, wie groß die Distanz zu diesem genannten Meisterwerk ist. Selbst in seinen schockierendsten Momenten – hier sei die lustige Booby Trap erwähnt, die den armen John Steiner halbiert und die auch in Fulcis drögem Spätwerk DEMONIA von 1990 zum Einsatz kommt – kommt CUT AND RUN nicht über letztlich schnödes Genrekino mit Geisterbahnambitionen hinaus. Es wäre bestimmt mehr drin gewesen, aber 1985 war es für große Ambitionen wohl einfach zu spät.