Mit ‘Ruth Gordon’ getaggte Beiträge

Mrs. Marrable (Geraldine Page) ist am Boden zerstört, als sie erfährt, dass ihr verstorbener Ehemann ihr nichts als Schulden hinterlassen hat, aber sie findet schnell einen anderen Weg, ihre Kasse aufzubessern und ihren Lebensstil beizubehalten: Sie stellt Haushälterinnen ein, die sie zu einem Investment bei ihrem Broker überredet, bevor sie sie dann schließlich ermordet, in ihrem Garten verscharrt und sich ihr Vermögen aneignet. Ihr neuestes Opfer, Mrs. Dimmock (Ruth Gordon), macht es ihr jedoch deutlich schwerer bei der Ausübung ihres teuflischen Plans und das liegt daran, dass sie sich selbst nicht ohne Hintergedanken bei Mrs. Marrable beworben hat …

Der Titel lässt unweigerlich an Robert Aldrichs Klassiker des Mörderische-alte-Frauen-Films WHAT EVER HAPPENDED TO BABY JANE? denken, in dem die alternden Diven Bette Davis und Joan Crawford als streitsüchtiges Schwesternpaar Gelegenheit bekamen, ihre reale Feindschaft auch auf der Leinwand auszutragen, und der Produzentencredit Aldrichs zerschlägt auch noch den letzten Zweifel daran, dass diese Nähe mit purer Absicht gesucht wurde. Wie im großen Vorbild liefern sich auch in WHAT EVER HAPPENED TO AUNT ALICE? zwei ältere Damen ein Psychoduell voller gemeiner, mal mehr und mal weniger versteckter Spitzen und ziehen die Aufmerksamkeit des Zuschauers ganz auf sich: Vor allem Geraldine Page ist herrlich hassenswert als niederträchtige, giftspritzende und gierige Witwe und Ruth Gordon ist sowieso fast immer wunderbar, hat hier aber leider einen undankbaren und außerdem nachlässig geschriebenen Part abbekommen. Dennoch lassen die beiden fast vergessen, dass Lee H. Katzins Film leider nur ein gut gemeintes Plagiat ist. Ich schreibe „fast“, denn Katzin gelingt es einfach nicht, dem Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen mit einer entsprechenden Regieleistung zur Seite zu stehen. Im besten Fall zweckdienlich und zurückhaltend, im schlechtesten ratlos und unbeholfen verschwendet er zu viel Zeit auf unwichtige Nebencharaktere und unterbricht so immer wieder den schleichenden Spannungsaufbau, den dieser Stoff gebraucht hätte. Die versteckte Motivation von Mrs. Limmock wird zu früh aufgedeckt, ohne dass die Gefahr, in der sie schwebt, wirklich greifbar oder durch ihre spätere Enttarnung wesentlich vergrößert würde, und sie selbst übt nie den Druck auf ihre Gegenspielerin aus, der eine Eskalation der Situation unvermeidlich machte. Das Spiel mit den verdeckten, nur für den Zuschauer offenen Karten führt zu nichts und dann geht plötzlich alles ganz schnell. Das nachgereichte böse Ende verfehlt seine Wirkung, weil es wie aus der Not heraus angeklebt wirkt.

Auch wenn sich das jetzt ziemlich böse liest, ist WHAT EVER HAPPENED TO AUNT ALICE? keineswegs ein schlechter Film, aber er hätte eben viel, viel besser sein können, hätte ein versierterer Regisseur als Katzin hinter der Kamera gestanden und das Psychoduell der beiden Frauen konsequent herausgearbeitet. Katzin landete dann auch ein paar Jahre später, nachdem er unter anderem Steve McQueens LE MANS gedreht hatte, beim Fernsehen. Die IMDb gibt mit Bernard Girard noch einen weiteren Regisseur als uncredited an, doch ob und wenn ja wer da wen ersetzt haben könnte, bleibt unklar. Wie auch immer diese Frage beantwortet werden mag: Da auch Girard sich bis zu diesem Film vor allem als Fernsehregisseur hervorgetan hatte, drängt sich der Vergleich der Produzenten mit unentschlossenen Fußballtrainern, die bei eigenem Rückstand kurz vor Spielende einen Stürmer auswechseln, um einen anderen einzuwechseln, förmlich auf. Schade.

Mal wieder stehe ich vor dem Problem, nicht zu wissen, was ich zu diesem Film eigentlich noch schreiben soll, ohne komplett redundant zu sein. HAROLD AND MAUDE wird gern als „Kultfilm“ apostrophiert, was ich zwar eher abstoßend finde, was aber trotzdem verdeutlicht, wie viel er sehr vielen Menschen bedeutet, die ihn wahrscheinlich häufiger gesehen haben als ich. Aber „Kultfilm“, das hat ja immer so etwas Sektiererisches, Konsensmäßiges und man sieht diese sich „Fangemeinde“ schimpfende Gruppe von Menschen vor sich, wie sie im Kino die Dialoge mitsprechen, schon lachen, bevor der Witz kommt, ihre mit Paraphernalia zugestellte Wohnung vorführen und überhaupt immer ganz genau wissen, was im Film ihres Herzens besser ist als überall anders. HAROLD AND MAUDE kann nichts dafür und es gibt gewiss etliche Filme, die diesen Kultfilmstatus weniger verdient haben als er. Denn, das sei hier mal ausdrücklich gesagt, bevor Missverständnisse aufkommen: HAROLD AND MAUDE ist schon sehr großartig. In Bildsprache, Stimmung, Inszenierung, Spiel und Humor total eigenständig, dabei absolut zugänglich und ja, einfach zu jeder Sekunde vollkommen richtig.

Dabei – und hier komme ich wieder zum Einstieg zurück – hätte HAROLD AND MAUDE durchaus die Potenz gehabt, ein ganz ekliger Tigerentenfilm zu werden, ein Film für Leute, die trivialen Blödsinn wie „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum“ für eine große Weisheit halten, sich morgens „Carpe Diem“ sagen (aus ihrem zweitgrößten Lieblingsfilm DEAD POET’S SOCIETY mitgenommen), bevor sie aus ihrem Ikea-Bett steigen, ihren Industriekaffee aus der extragroßen Janoschtasse trinken, sich später im Supermarkt darüber freuen, 19 Cents bei den Miracoli-Nudeln gespart zu haben und abends pünktlich zum „Marienhof“ wieder vor dem Fernseher Platz nehmen. Für all diese Leute ist HAROLD AND MAUDE aber eigentlich ausdrücklich nichts, vielmehr dreht er ihnen allesamt die lange Nase und propagiert ein Leben, das zu leben tatsächlich Opfer und Mut kostet und nichts mit der Normindividualität zu tun hat, die einem die Konsumindustrie verspricht. Weil das so ist, stehe ich eben auch dem Kultfilm-Geschwätz skeptisch gegenüber: HAROLD AND MAUDE zeigt einem ja vor allem auf, wie feige und bequem man selbst ist, anstatt einem zu suggerieren, man sei ein wahnsinnig einzigartiger Mensch. So gut mich HAROLD AND MAUDE also einerseits fühlen lässt, einfach, weil es ein wunderschöner und sehr wahrer Film ist, so schmerzhaft ist es doch auch zu erkennen, dass ich nicht den Mut habe, so zu leben wie Maude; das hat zwar einen Grund, einen, den man leicht übersieht, weil Hal Ashby ihn ganz beiläufig offenbart, während andere Filmemacher da mindestens eine große tränenreiche Szene rausgemolken hätten, aber es ändert ja nichts an der Tatsache.

Um mit meinem Stream-of-Consciousness mal zum Ende zu kommen: HAROLD AND MAUDE ist ein ganz großer Film des großen Vergessenen des New Hollywood Hal Ashby, der in den Siebzigerjahren einen tollen Film nach dem anderen gedreht hat, bevor diese Serie in den Achtzigern plötzlich abriss. Wahrscheinlich war die Drogensucht Schuld. Sein Schicksal zeigt jedenfalls ziemlich deutlich, dass auch er nur davon träumen konnte, so zu leben wie diese Maude.