Mit ‘Ruth Leuwerik’ getaggte Beiträge

Episode 72: Drei Brüder (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Der Besitzer eines Spirituosenladens stirbt nach einem Überfall auf sein Geschäft mit einer Schädelverletzung. Das Letzte, was er sagen kann, ist: „Der Jork war’s.“ Doch es gibt drei Jorks, die Brüder Albert (Horst Frank), Heinz (Ralf Schermuly) und Bertram (Manfred Seipold) und alle wollen zur Tatzeit zusammen in ihrer gemeinsamen Wohnung Skat gespielt haben. Bewegung kommt in die verfahrene Situation, als Keller und sein Team Spuren einer Frau in der Wohnung der Jorks finden: Offensichtlich war die Bardame Olga (Evelyn Opela) bei ihnen, als der Mord geschah. Zwar halten die Vier dicht, doch Keller weiß, dass er nur hartnäckig genug bohren muss, bis die Mitwisser umfallen.

In DREI BRÜDER wird der bereits 1973/74 einsetzende, schleichende Übergang zu DERRICK sehr evident, denn die Zermürbungstaktik, die Keller, Heimes und Grabert fahren, erinnert sehr an die Masche, die dem Oberinspektor später so oft zum Erfolg verhelfen sollte. Mit sichtlicher Schadenfreude hängen die Kriminalbeamten in der Nähe der Verdächtigen herum, ganz genau wissend, dass ihre bloße Anwesenheit reicht, um sie nervös zu machen. Und so ist es dann ja auch. Keller hat absolut Recht mit seiner Einschätzung: Der Schweigepakt, den die drei Brüder zusammen mit Olga geschlossen haben, ist für den Täter leicht zu halten, doch für die drei, die ihn decken müssen, wird der Druck irgendwann zu groß werden. Horst Frank ist, wie wir längst wissen, geboren für diese Typen, die nichts aus der Ruhe bringt, die geradezu dazu geboren sind, krumme Dinger zu drehen und die Polizei an der Nase herumzuführen. Und Ralf Schermuly steht hier noch am Anfang an einer langen Karriere, in der er wieder und wieder den schwitzig-nervösen Mörder spielen sollte. Dazu gibt es , gewissermaßen als Bonus, die bezaubernde Evelyn Opela, Wolfgang Völz als Barkeeper und Antje Weissgerber als trauernde Witwe, die den Jorks mit Kopftuch und Handtasche auflauert und sie immer wieder fragt „Haben Sie meinen Mann ermordet?“

****/*****

 

Episode 73: Tod eines Landstreichers (Jürgen Goslar, Deutschland 1974)

In der Nähe eines Gasthofes wird die Leiche eines Landstreichers aufgefunden, den man am Vorabend erschlagen und dann am Fundort abgeladen hatte. Keller und Co. machen drei Leidensgenossen des Mannes ausfindig – Kamann (Hans Schweikart), Pock (Klaus Schwarzkopf) und Lumm (Walter Kohut) -, die berichten, ihr Freund habe ein Huhn stehlen wollen und sei dann nicht zurückgekommen. Im Gasthof von Eberhard Scherf (Paul Dahlke) fällt nicht nur das seltsame Verhalten des Inhabers und seiner Familie auf, die auffallend geduldig mit den drei munteren Landstreichern sind, die hauseigene Metzgerei macht das Gebäude auch zu einem verlockenden Ziel für Hungrige.

Eine schöne Episode, die sich durch den unvorhersehbaren Verlauf, das muntere Zusammenspiel der drei Landstreicher Schweikart, Schwarzkopf und Kohut sowie den insgesamt verständnisvollen und versöhnlichen Tonfall auszeichnet, der einen schönen Kontrast zu Reineckers sonstigen Abrechnungen darstellt. Zwar gibt es wieder die bekannten Tricks und Wendungen, die Lügen und falschen Alibis, die zum Inventar der Serie gehören, aber letztlich ist der gesamte Fall vor allem hochgradig tragisch. Bei der Charakterisierung der drei Vagabunden und ihrem Rapport hat der Autor sich viel Mühe gegeben und die Akteure danken es ihm mit Darbietungen, denen man die Freude anmerkt, die sie dabei hatten, die Figuren zum Leben zu erwecken. In einer Nebenrolle ist Walter Sedlmayr zu sehen.

****/*****

 

Episode 74: Mit den Augen eines Mörders (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Die Schülerin Eva Wechsler (Susanne Uhlen) kommt nach der Schule nicht nach Hause. Am nächsten Tag findet man sie tot auf, erwürgt. Ihre Spur verliert sich nach einem Treffen mit ihrer besten Freundin (Simone Rethel), mit der sie an den Französisch-Hausaufgaben verzweifelt war. Hauptverdächtiger ist der Musiklehrer Voß (Michael Heltau), der für das Mädchen schwärmte – und seine Zuneigung wohl auch erwidert fand.

Was wäre DER KOMMISSAR ohne Altherrenschmier und unangenehme Ambivalenz? Hier ist es das Geständnis des Lehrer, zwar in Eva verliebt, aber sich doch der Implikationen doch bewusst zu sein. Er will warten, bis sie mit der Schule fertig ist und sie erklärt sich einverstanden. Das ist wahrscheinlich der nüchterne Weg, mit dem Problem umzugehen, aber so ganz zufriedenstellend ist das trotzdem nicht. Gleichaltrige jugendliche Liebespaare kommen bei Reinecker nur am Rande vor, dafür sehen sich die Mädchen bei ihm auffallend oft den Avancen älterer Herren ausgesetzt. Und natürlich sind es immer ganz besondere Mädchen, denen das passiert, damit wir auch die Zwickmühle verstehen, in denen sich seine verschwitzt-geilen Herren da befinden. Susanne Uhlen hat nicht viele Szenen, aber in einer davon wirft sie sich ihrem Lehrer angetrunken (selbstverständlich Whisky), mit verführerischem Schlafzimmerblick und kurzem Schulmädchenrock an den Hals, das kleine Luder. Ich finde diese Episoden mittlerweile ja fast am besten, weil sie die ganze Verlogenheit des Bürgertums und seine gähnenden Abgründe in den Vordergrund holen, ohne sich dabei selbst der Objektivität verdächtig zu machen. Es dampft und brodelt nur so.

****/*****

 

Episode 75: Im Jagdhaus (Gottfried Reinhardt, Deutschland 1974)

Im Sommerhaus der Familie Schenk wird ein Toter gefunden: Es ist Paul Schenk (Harry Meyen), der Bruder und Geschäftspartner von Alwin (Herbert Fleischmann): Er war in das Haus gefahren, um dort seine Schwägerin Eva (Ursula Lingen), mit der er ein Verhältnis hat, davon zu überzeugen, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Neben den Töchtern Helga (Eleonore Weisgerber) und Sabine (Sabina Trooger) ist auch Barek (Klaus Herm) im Haus, ein Angestellter der Schenks, der sich dort ein Wochenende entspannen sollte.

Reinecker kopiert sich selbst, was nicht weiter schlimm ist, in diesem Fall aber besonders auffällig, schließlich liegt die Episode, bei der er sich großzügig bedient, „Domanns Mörder“ noch nicht allzu lang zurück. Hier wie dort zeigt eine feine Bürgerfamilie im Angesicht des Todes ihre hässlichen Seiten. Die Schenks – die davon ausgehen müssen, dass einer von ihnen der Mörder ist, und dies auch tun – decken sich ohne Zögern und schieben den Verdacht auf den armen Barek, dem der auf biedere Waschlappen abonnierte Klaus Herm seinen verdatterte Hundeblick leiht. Das ist durchweg unterhaltsam, ohne wirklich spektakulär zu sein. Am außergewöhnlichsten an der Episode ist wahrscheinlich der Score von Eugen Thomas, der dem lang Prolog eine ganz eigene Stimmung verleiht.

***/*****

 

Episode 76: Sein letzter Coup (Helmuth Ashley, Deutschland 1974)

Vor einem Polizeirevier wird en Toter abgeladen: Es handelt sich um einen bekannten Spitzel. Er hatte von einem „großen Ding“ erfahren, dass „Der Professor“ (Peter Lühr) nach seiner Haftentlassung plant. Zusammen mit seinen Leuten (u. a. Peter Vogel, Walter Buschhoff, Günther Stoll) will er einen Geldtransporter ausrauben. Keller und seine Leute finden heraus, wann das Ding steigen soll.

Eine schöne Abwechslung von den vielen bürgerlichen Eifersuchts-, Gier- und Affektmorden, die die Serie in dieser Zeit bestimmen und schon einen Vorgeschmack auf Reineckers modus operandi bei DERRICK ermöglichen. Hier also mal wieder eine richtige Milieugeschichte mit Berufsverbrechern, einem alternden Gentleman-Gauner, den mit Keller wenn schon keine freundschaftliche, so doch eine respektvolle Beziehung verbindet, und einem Nachtclub mit zitternder Garderobendame (Eva Pflug) und schwarzer Soulröhre, Gaststar Donna Hightower, die aber leider die hüftsteife Weißbrotversion von RnB mit ihrer Stimme begleiten muss. Keller und Kollegen stellen sich ziemlich dusselig an, vor allem Grabert, dem das Geld förmlich unter dem Hintern weggeklaut wird, macht keine gute Figur und am Ende ist es nur des Professors Kinderliebe, die ihm ein Bein stellt. Eine schöne Episode.

****/*****

 

Episode 77: Ohne auf Wiedersehen zu sagen (Jürgen Goslar, Deutschland 1974)

Ein junges Mädchen aus dem Ruhrgebiet wird tot in einer Münchener Kiesgrube aufgefunden. Sie war zusammen mit einer Freundin vor einigen Wochen von zu Hause abgehauen, mit dem Ziel Hamburg. Der Vater (Heinz Reincke) der – wahrscheinlich – noch lebenden Franziska stürzt sich mit dem Kommissar und seinen Leuten ins Schwabinger Nachtleben, nachdem sie den Studenten Achim Merk (Bernd Herberger) ausfindig gemacht haben, bei dem die Mädchen einen Monat lang untergekommen waren. Er scheint mehr zu wissen, als er zugibt,

Erneut eine schöne Milieuepisode, von Jürgen Goslar mit Drive inszeniert. Zum ersten Mal kommt auch Elmar Wepper als Harrys Bruder Erwin über die Statistenrolle hinaus. Die Szenen, in denen er mit Reinckes verzweifeltem Vater in diversen Schwabinger Kneipen und Nachtklubs abtaucht, atmen noch einmal den Hauch des deutschen Sleaze, den man aus dieser Zeit zu schätzen weiß. Super der Kommentar, als die beiden in einem zwielichtigen Etablissement namens „Podium“ landen: „Das ist ja mal ein eindeutiger Laden!“ Die Blicke der Schläger, Loddels und Nutten, die da rumstehen sind Gold wert und so verräterisch, dass sie auch Schilder mit der Aufschrift „Ich weiß was!“ tragen könnten. Reincke gibt alles, läuft „Franziska“ rufend und gegen die Türen polternd durch die Räumlichkeiten des Puffs und der rückgratlose Merk wird rehabiltiert, als er den Mörder (Wolfgang Wahl) in einem erbitterten Faust-und-Messerkampf bezwingt. Sehr putzig dabei der Moment, in dem das Licht erlischt und der Verbrecher – trotz erkennbar guter Sichtverhältnisse – blind herumtappt.

*****/****

 

Episode 78: Schwierigkeiten eines Außenseiters (Michael Braun, Deutschland 1974)

Helmut Domrose, Besitzer eines Schnapsladens im Erdgeschoss eines Merhfamilienhauses, wird von einem Einbrecher aufgeschreckt und totgeschlagen. Seine ungeladene Waffe sowie die Tatsache, dass der Täter durch eine Tür entkam, die eigentlich immer abgeschlossen ist, lassen eigentlich nur den Schluss zu, dass Domrose Opfer eines Anschlags wurde. Der Verdacht fällt schnell auf Theo Klinger (Raimund Harmstorf), einen Proleten, der mit dem Schnapsverkäufer im offenen Clinch lag, wegen seines lauten Motorrads bei allen Mietern verhasst ist und mit seinem alkoholkranken Vater zusammenlebt.

Harmstorf im Heinz-Klett-Modus macht die Episode. Mit Nickel-Sonnenbrille, kniehohen Stiefeln, Lederhose und Schlangenlederjacke über dem Unterhemd gibt er ein Bild für die Götter ab, dazu hat er für die bürgerlichen Langweiler in seinem Haus nur unverhohlene Verachtung übrig. Ganz anders ist er zu seinem Vater, einem ganz armen Tropf, den er in einer Superszene nach dem Schweinebratenessen unter den Armen packt und auf den Sozius seines Bikes hebt wie ein Papa seinen kleinen Sohn. Die Auflösung ist clever konstruiert, auch wenn die Identität des Mörders keinen, der die Serie von Anfang an verfolgt, überraschen dürfte. Mit Dirk Dautzenberg feiert ein Akteur seine Premiere, der später noch DERRICK bis in die Neunzigerjahre treu bleiben sollte.

*****/*****

 

Episode 79: Jähes Ende einer interessanten Beziehung (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Der junge Mann Strassner (Vadim Glowna) wird vor der Tür seines Mietshauses erschossen als er auf dem Weg ist, sich mit Studienrätin Kämmerer (Johanna von Koczian) zu treffen, mit der er ein Verhältnis hat.

Eine von Reineckers gesellschaftskritischen, progressiven Episoden: Es geht um die Doppelmoral, mit der die sexuelle Aktivität von Frauen, vor allem solchen in „respektablen“ Berufen, sozial geächtet, ja mit dem Aus bestraft wird. Die Lehrerin Kämmerer – die schöne Johanna von Koczian spielte ein Jahr später in zwei Episoden die Geliebte von Kriminaloberinspektor Derrick – und ihre Freundin Agnes Kremp (Doris Schade), Haushälterin eines Geistlichen, lassen sich auf ein Abenteuer mit dem deutlich jüngeren Strassner und seinem Kumpel Lobach (Klaus Löwitsch) ein – und fürchten anschließend um ihre Existenz. Strassner nutzt die Angst der Frau für sich, in dem er sie zu weiteren Treffen nötigt. Der Täter ist ein bürgerliche Beschützer der Moral, der es nicht akzeptieren mag, dass ein Gammler den Ruf einer geachteten Frau in den Schmutz zieht – natürlich ohne zu merken, dass es überhaupt erst diese Haltung ist, die ein nächtliches Sexabenteuer zu einem schandhaften Akt macht. Grädler inszeniert mit großer Sympathie und der richtigen Mischung aus Direktheit und Zurückhaltung und die Koczian ist einfach wunderbar.

*****/*****

 

Episode 80: Der Segelbootmord (Wolfgang Becker, Deutschland 1974)

Dr. Gerhard Reger (Peter Pasetti) hat sich von seiner Gattin Magda (Ruth Leuwerik) scheiden lassen und die deutlich jüngere Alexa (Gerlinde Döberl) geheiratet – sehr um Missfallen seines Sohnes Hans (Franz Winter), der in einem Internat am Starnberger See lebt. Bei einem Besuch des Vaters beobachten die beiden wie die junge Gattin mit dem Boot kentert – die Rettung für sie kommt zu spät. Reger ist sich sicher, dass seine Frau ermordet wurde. Und tatsächlich finden sich entsprechende Hinweise.

Eine gute, aber nicht besonders auffällige Episode. Am ehesten sticht das sonnig-vornehme Ambiente heraus, das schon deutlich im Kontrast zur Münchener Großstadt und den verrauchten Pinten darstellt, in die es Keller und seine Jungs sonst so verschlägt. Die sommerliche Stimmung wird vor allem von Ruth Leuwerik unterlaufen, die hier eine besonders kaltes Exemplar der Gattung Frau verkörpert. Am Schluss wird etwas gegen Scheidungen polemisiert und gegen Männer, die sich jüngere Frauen nehmen, aber das Augenrollen hält sich in Grenzen.

***/*****

 

Episode 81: Der Liebespaarmörder (Michael Braun, Deutschland 1974)

Die schöne Kellnerin Anita (Christiane Krüger) kann sich der Avancen der Männer in dem Lokal der Meringers (Claus Biederstaedt und Ruth-Maria Kubitschek), in dem sie arbeitet, kaum erwehren. Als ihr Freund Karl (Tommi Piper) sie abholt und zu einem abgelegenen Platz in den Wald zum Knutschen bringt, werden die beiden erst verfolgt und dann schließlich überfallen. Karl fällt dem Unbekannten beim Versuch, ihn zu verjagen, zum Opfer. Als Verdächtige kommen Kurt Meringer in Frage, der ein Auge auf seine Angestellte geworfen hatte, der Stammgast Korte (Jan Hendriks), der sich bei ihr immer wieder einen Korb abholte, und ihr Vater (Rolf Henniger), ein Künstler, der seine Tochter als Marienfigur malte.

Die Männer kriegen schön ihr Fett weg in dieser Episode, in der Biederstaedt mal wieder einen jener onkeligen Vergewaltiger spielt, die er drauf hat wie kein anderer. Gleich zu Beginn tratschen zwei ältere Herren über die scharfe Anita mit den langen Beinen und darüber, wie gut der Kerl es doch hat, der sie abholen darf. Hahaha, hohoho. Es ist das Grauen, vor allem weil die Frauen, allen voran die Meringer direkt danebenstehen und doch so behandelt werden, als seien sie gar nicht da.

****/*****

 

Episode 82: Traumbilder (Helmuth Ashley, Deutschland 1974)

Der Drogenabhängige Andreas Merkel (peter Chalet) wird auf offener Straße aus einem fahrenden Auto erschossen, Kommissar Keller beim Rettungsversuch verwundet. Der Junge war ein Freund von Martina Linnhoff (Sabine von Maydell), die vor einigen Monaten nach einem LSD-Trip in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert werden musste. Die Spuren führen in einen Appartementkomplex des reichen Unternehmers Kremer (Paul Hubschmid), der hier offensichtlich nicht nur Drogen verkaufte, sondern das Mädchen auch an den alten Weinhändler Schamberg (Alexander Rolling) verscherbeln wollte …

Die Episode erinnert mit ihrer von einem schlechten Trip geschädigten jungen Frau etwas an die spätere DERRICK-Folge EIN TODESENGEL, nur dass sich das Ganze hier nicht zum Rachedrama, sondern zu einer relativ handelsüblichen Gangstergeschichte entwickelt. Harry Mayen spielt den Psychiater, DERRICK-Stammschauspieler Wilfried Lier den Hausmeister des Wohnkomplexes. Keller unterstützt aus dem Krankenhausbett, was Reinecker später ebenfalls bei DERRICK wieder aufgreifen sollte.

***/*****

 

Episode 84: Am Rande der Ereignisse (Theodor Grädler, Deutschland 1976)

Der Kunstexperte Dr. Zorn (Paul Edwin Roth) wird von einem unbekannten durch die Tür seines Hotelzimmers ermordet. Kurz zuvor hatte der der Hotelsekretärin Erna Gutmann (Maria Schell) einen Brief diktiert, mit dem er von einem Geschäftspartner mehr Geld für seine Arbeit einfordern wollte. Das Diktat wurde von einem Drohanruf unterbunden, nachdem der Mann die Sekretärin fortschickte. Kurz nach dem Mord erhält auch sie einen Drohanruf. Kommissar Keller ahnt aber schnell, dass sie etwas weiß. Die Spur führt zu der Kunsthandlung von Kampmann (Romual Pekny) und seinem Sohn (Werner Pochath).

Eine eher schwache Episode: Der Mordfall gibt nicht viel her und das Drehbuch verschwendet viel zu viel Zeit auf die Beziehung der Gutmann zu ihrer an Multipler Sklerose erkrankten Tochter (Gaby Fischer): Hier gibt es wieder die Überdosis Melodram um das hübsche Mädchen, dass in krasser Verleugnung der Tatsachen und mit leuchtenden Augen frohlockt, dass es bald schon wieder tanzen gehen werde oder beim Spaziergang schon fast wieder die Kirche erreicht habe. Und Erwin Klein (Elmar Wepper) ist natürlich zu Herzen gerührt ob dieser Unverdrossenheit angesichts eines schweren Schicksals. Der ganze Subplot hat letztlich keine andere Funktion als Maria Schells Figur ein Motiv für ihr Schweigen zu geben – sie bekommt Geld dafür, das sie gut gebrauchen kann – und krankt an übertriebener Gefühlsduselei als auch an mangelnder Sensibilität im Umgang mit solchen Themen (das zeigt sich auch in späteren DERRICK-Folgen, in denen es um Behinderungen geht). Der Showdown, in dem Erik Schumann auftritt, ist ganz nette, sonst bleibt da nicht viel. Selbst Pochath wird gnadenlos verschenkt. Ganz sicher einer der raren Tiefpunkte der Serie.

Achtung: Episode 83: Das goldene Pflaster (Wolfgang Becker, Deutschland 1975) ist aus rechtlichen Gründen nicht in der DVD-Komplettbox enthalten (es fehlt noch eine weitere Episode), vielleicht reiche ich die zu einem späteren Zeitpunkt nach.

**/*****

 

Episode 85: Warum es ein Fehler war, Beckmann zu erschießen (Michael Braun, Deutschland 1976)

Der Geldtransporter-Fahrer Beckmann (Dirk Dautzenberg) wird nach einem Überfall von den Gangstern um Koch (Hans Brenner) erschossen. Das hätte eigentlich nicht passieren dürfen, denn er war in die Planungen der Verbrecher involviert, sollte sogar mit einem Teil der Beute für sein Mitwirken entlohnt werden. Beckmanns Sohn (Jörg Pleva) führt Keller und seine Männer auf die richtige Spur. Und die führt von Koch geradewegs zum Bankdirektor Höringer (Will Quadflieg), der ein sehr seltsames Verhältnis zu seiner jüngeren Gattin (Alwy Becker) und seinem Sohn Erhard (Gerd Böckmann) pflegt …

Gute Episode, die neben dem interessanten Kriminalfall überdies mit einer tollen Besetzung aufwartet (neben den Genannten wirkt auch noch der immer gern gesehene Ulli Kinalzik als Verbrecher mit). Gleich zu Beginn läuft der Nummer-eins-Hit „Kung Fu Fighting“ (der mehrmals Anwendung findet) und in einer ultraschmierigen Nachtclub-Szene sorgt Michael Holms Schmachtfetzen „Tränen lügen nicht“ für die passende besoffen-rührselige EIn-Uhr-Nachts-Stimmung. Auch das Script ist hervorragend: Immer, wenn man glaubt, den Fortgang der Geschichte zu erahnen, gibt es eine überraschende Wendung. So ist dann auch nicht die Dingfestmachung von Koch entscheidend, sondern der sehr bizarr verlaufende Besuch von Brenner und Heines im Hause des Bänkers, bei dem vor allem Böckmann zu Hochform aufläuft und eine der verrotteten Großbürgerfamilien zum Vorschein bringt, auf die Reinecker sich dann bei DERRICK spezialisierte. Wenn es was zu mosern gibt, dann das die Auflösung nicht mehr wirklich etwas zusetzen kann – und das der gute Walter hier leider durch Abwesenheit glänzt.

****/*****

Episode 86: Ein Mord auf dem Lande (Theodor Grädler, Deutschland 1976)

Die erwachsenen Kinder des Wirtshaus-Besitzers Tolke (Walter Sedlmayr) – die Töchter Grete (Lis Verhoeven), Anni (Jutta Speidel) und Sohn Walter (Martin Semmelrogge) sowie Annies Freund Hans (Frithjof Vierock) – zittern jeden Abend, wenn ihr Vater den Laden betrunken abschließt, denn dann gibt es meist Schläge für sie. Auch an diesem Abend wird Tolke wieder übergriffig – doch am Ende liegt er selbst mit einem Beil erschlagen im Hof. Alle verdächtigen Hans, der vor Tolke nach draußen geflohen war, doch der schwört, mit dem Mord nichts zu tun zu haben. Der Nachbar Krüger (Werner Kreindl) tritt als Zeuge auf …

Dem Kriminalfall fehlt etwas der Pep, aber ich liebe diese bayrisch-zünftigen Gasthof-Settings mit Trachten tragenden Herren, die zu Blasmusik aus der Musikbox ihre Maß trinken. Ihren Wirt haben sie alle gehasst, weil sie wussten, dass er ein Schwein war, aber getan haben sie natürlich nichts – immerhin hat er ihnen das Bier verkauft. In einer schönen Szene hält einer der Trinkenden eine flammende Rede, wie gut es doch sei, dass Tolke jetzt endlich tot sei, verdient habe er es und das sei überhaupt kein Grund Trübsal zu blasen, woraufhin er demonstrativ die Musik anmacht. Das kann Keller natürlich nicht durchgehen lassen: EIn Mord ist durch nichts zu rechtfertigen, bellt er, und zieht den Stecker. Am Ende stecken hinter dem Mord ganz weltliche Motive, aber das kennt man von Reinecker ja schon.

***/*****

Episode 042: Abendfrieden (Helmut Ashley, 1978)

Nach Episode 033, „Offene Rechnung“ verschlägt es Derrick und Klein für ihre Ermittlungen erneut in ein Seniorenheim. Der Großneffe einer Bewohnerin ist vor einer Weinstube überfahren worden, nachdem er von einem unbekannten Anrufer dort hinbestellt wurde. Eigentlich wollte er seiner Großtante die Nachricht einer Erbschaft überbringen, doch die beiden resoluten Heimleiterinnen, Helene (Inge Birkmann) und Margarete Schübel (Alice Treff) hatten ihn auf merkwürdige Art und Weise abgewimmelt. Das Aufeinandertreffen des Mannes mit den beiden Damen ist das Highlight dieser Episode, könnte fast aus einem Pete-Walker- oder einem französischen Horrorfilm der Siebzigerjahre stammen. Man weiß, dass die beiden Frauen ein Geheimnis haben, dass sich hinter ihrem freundlichen Tantenlächeln ein dunkles Geheimnis verbirgt sowie die grimme Entschlossenheit, dieses Geheimnis um jeden Preis zu wahren. Und so ist es ja dann auch. Die Auflösung ist nicht übermäßig überraschend, aber insofern interessant, dass hier zwei separate Fälle schicksalhaft zusammentreffen. Dem Sujet angemessen eher bedächtig erzählt, aber recht atmosphärisch: Zum Finale gibt es ein schwer melancholisches Violinenkonzert einer vornehm blassen Schönheit (Dietlinde Turban), während Derrick im Nebenraum wie einst Hercule Poirot die Verdächtigen versammelt.

***/*****

 

Bildschirmfoto 2015-04-03 um 15.54.55Episode 043: Ein Hinterhalt (Alfred Vohrer, Deutschland 1978)

Auf einer Landstraße verunglückt ein Autofahrer, weil jemand einen Baumstamm auf die Fahrbahn gezerrt hat. Da der Wagen der Ärztin Dr. Schwenn (Ruth Leuwerik) gehörte, vermuten Derrick und Klein, dass es sich um einen fehlgeschlagenen Mordanschlag handelt und die Frau immer noch in Lebensgefahr schwebt. Der Kriminalfall gestaltet sich eher als dröge, doch was diese Episode Vohrers über den Durchschnitt hebt, sind die Figuren der Ärztin Schwenn und ihres Neffen Bruno (Hans Georg Panczak). Sie ist eine irgendwie freudlose Person, nicht offen unsympathisch, aber auf so eine seriöse Art und Weise nondeskript, das niemand sie leiden mag, was ihre neutrale Haltung nur noch weiter bestärkt. Auch ihr Neffe macht keinen Hehl daraus, dass er nicht viel von ihr hält, sich nach eigener Aussage nichts in ihm gerührt hätte, wäre sie bei dem Anschlag ums Leben gekommen. Die Dialoge zwischen diesen beiden sind Dreh- und Angelpunkt der Folge, weil Vohrer die Spannung vor allem aus der Frage bezieht, ob Bruno der Attentäter war und ob er einen zweiten Versuch unternehmen wird. Auch die Ärztin wird ob seiner offen zur Schau gestellten Härte immer ängstlicher, seine Schadenfreude, seine sonst immer so sichere Tante nun zittern zu sehen, treibt ihn noch mehr an. Am Ende kommt alles ganz anders und „Ein Hinterhalt“ endet mit einer menschlichen Geste, die man in dieser Gefrierschrank-Episode ebenso wenig erwartet hat, wie Hansi „Pepe Nietnagel“ Kraus als bayerischen Bauernsohn mit Seppelhut und Schnurrbart.

****/*****

 

 

 

Episode 044: Steins Tochter (Wolfgang Becker, Deutschland 1978)

Eine eher unaufregende Episode, aber mit einer tolle Szene zu Beginn, die hängenbleibt. Wenn Cosima Stein (Katerina Jacob, später als Assistentin des „Bullen von Tölz“ zu TV-Prominenz gelangt) zu den Klängen der Santa-Esmeralda-Version des Klassikers „Don’t let me be misunderstood“ aus dem Sportwagen ihres Freundes springt, um im Münchener Nachtlicht zu tanzen, ist das einer der Momente, für die man diese deutschen Siebzigerjahre-Krimis ins Herz geschlossen hat. Auch danach wird es eigentlich immer toll, wenn Cosimas blasses, tränenüberströmtes Gesicht ins Bild gerückt wird, sie apathisch zwischen ihren Singles auf dem Boden ihres Schülerinnen-Zimmers hockt. Demgegenüber sind die Szenen um ihren Verehrer Betzky (Markus Boysen) ein bisschen anstrengend, weil der Schauspieler und Reineckers gewohnt gespreizte Dialoge keine so gute Mischung ergeben. Und Cosimas Papa, der Lehrer Stein (Thomas Holtzmann) ist einer dieser Hardcore-Spießer, die sogar töten würden, um ihre Brut vor dem Absturz ins moralische Verderben zu schützen. Die winterliche Atmosphäre ist ganz hübsch, aber sonst gibt es hier einfach zu wenig, was das Interesse wirklich wachhielte. Außer Cosimas Tanz natürlich.

**/*****

 

Episode 45: Klavierkonzert (Helmuth Ashley, Deutschland 1978)

Eine lustige Koinzidenz: In der zuletzt gesehenen DER KOMMISSAR-Episode „Keiner hörte den Schuss“ (Regie: Wolfgang Becker) spielte Peter Fricke den Mörder. Hier nun ist er der, den alle für den Mörder halten – und halten sollen. Er spielt den berühmten Pianisten Robert van Doom (großartiger Name!), der in einer Ehe mit der älteren Luisa van Doom (Maria Schell) gefangen ist, die ihm die Karriere mit ihrem Geld überhaupt erst ermöglichte. Jeder weiß, dass Robert eine junge Tänzerin (Iris Berben) als Geliebte hat und seine Ehe mehr als zerrüttet ist: Er will sich scheiden lassen, sie ihn nicht freigeben, schließlich hat sie in ihn „investiert“. Als die Haushälterin der van Dooms während eines von Roberts Konzerten erschossen wird – in einer offensichtlichen Verwechslung, denn es sollte Luisa treffen -, deutet alles darauf hin, dass der Musiker der Auftraggeber ist. Vor allem Luisa ist davon überzeugt und fest dazu entschlossen, ihn fertigzumachen …

„Klavierkonzert“ ist thematisch wieder überaus typisch: Es geht um die Dekadenz des Großbürgertums einerseits, um dessen Unfähigkeit, emotional-menschliche Probleme anders zu lösen als durch das Ausspielen von Macht andererseit. Helmuth Ashley, dem Sleaze nicht abhold, suhlt sich in einer Inszenierung, die die barocken Geschmacklosigkeiten und die Kälte eines leeren Wohlstands mit Genuss in den Fokus rückt. Das Haus der van Dooms ist ein Albtraum aus tannengrünen Tapeten, schweren Samtvorhängen und gebrauchsfeindlichen Antiquitäten. Der Pianist selbst ist ein zitternder Feigling, seine Frau – die Mutter der Nation, Maria Schell – ein herrisches Biest, alle Freunde und Verwandte sehen entweder tatenlos zu, versuchen den Konflikt aus eigenem Interesse kleinzuhalten oder befeuern ihn noch. Sky DuMont gibt den wunderbar blasierten Assistenten von van Dooms Agent Ostrow (Eric Pohlmann), Jutta Speidel die hilfsbereite Nichte der toten Haushelferin. Ashley gelingt das Kunststück, dass man fast jeden mal für den potenziellen Täter hält und eigentlich alle Personen gleichermaßen widerlich findet. Und irgendwie findet er dann auch noch die Gelegenheit, Derrick und Klein in einer McDonalds-Filiale einen Hamburger mampfen zu lassen.

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, was diese deutschen Krimiserien auszeichnet, woher die Faszination kommt, die sie auf mich (und andere) heute ausüben. Für einen Spätgeborenen wie mich steckt natürlich nicht zuletzt der Reiz dahinter, in eine bundesrepublikanische Realität blicken zu können, die ich nur noch am Rande mitbekommen habe (1978 war ich zwei Jahre alt). Mit dem Abstand der Jahrzehnte zeigt sich einem da eine Welt, die seit dem zweiten Weltkrieg zwar zwei bis drei volle Jahrzehnte hinter sich gebracht, die Spätfolgen aber keinesfalls verarbeitet hat. Es zeigt sich da eine Welt, wo fast jeder eine Leiche im Keller hat – oder aber durch den geringsten Anstoß überaus bereitwillig zum Mörder wird. Und wo es immer wieder die Väter sind, die Unheil über ihre Kinder, Ehefrauen, Familien bringen. Da ist es durchaus als programmatisch zu verstehen, dass im Zentrum sowohl von DER KOMMISSAR als auch von DERRICK Väterfiguren ohne Familien stehen. (Interessant, wie bei beiden Figuren zu Beginn versucht wurde, sie durch Ehefrau und Geliebte zu vermenschlichen, die Idee bei beiden aber schnell wieder verworfen wird.) Sowohl Kommissar Keller als auch Oberinspsektor Derrick sind in allererster Instanz Staatsdiener, verbürokratisiertes Über-Ich gewissermaßen. Es fällt schwer, hier kein künstlerisches Programm zu vermuten: Vielleicht der Versuch einer verspäteten Wiedergutmachung des Autors, der als Kriegsberichterstatter in einer Propagandakompanie der Waffen-SS gedient hatte? Who knows.

Mal sehen, ob ich hier demnächst auch noch was über DER KOMMISSAR zum Besten geben werde. Gerade in Verbindung mit weiteren DERRICK-Sichtungen könnte das sehr interessant und aufschlussreich sein.

Johannes Mario Simmel, 1924 als Sohn deutscher Eltern in Wien geboren, avancierte 1960 mit dem Roman „Es muss nicht immer Kaviar sein“ zum Bestsellerautor. Bis zu seinem Tod im Jahr 2009 veröffentlichte er im steten Rhythmus von ein bis drei Jahren weitere Werke, die seinen Ruf bei der seriösen Literaturkritik, der er als Trivial- und Fließbandautor galt, zwar nicht unbedingt verbesserten, ihn aber wie nur ganz wenige deutschsprachige Schriftsteller zur absoluten Marke machten. In den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren gehörten seine Romane mit dem unverwechselbaren Umschlagdesign wahrscheinlich zur Grundausstattung deutscher Mittelstandswohnungen. Natürlich blieb er auch dem Kino nicht lang verborgen. Die erste Welle von Simmelverfilmungen datiert auf die Jahre 1960 – 1963 und gipelte in Géza von Radványis ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN, dessen Fortsetzung DIESMAL MUSS ES KAVIAR SEIN der Einfachheit halber gleich mitgedreht wurde. Nach dem ARD-Fernsehfilm DER SCHULFREUND riss die Reihe abrupt ab und es dauerte bis zum Ende der Sechzigerjahre, als der Produzent Luggi Waldleitner sich an das Potenzial der Simmel-Romane als Vorlage für breit angelegte und aufwändig produzierte Spielfilme erinnerte. 1971 erschien UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN als erfolgreicher (3 Millionen Zuschauer) und mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ versehener Auftakt einer bis 1976 anhaltenden, insgesamt achtteiligen Simmel-Reihe, deren Inszenierung in der Hauptsache Alfred Vohrer übernahm (lediglich die beiden letzten Einträge, BIS ZUR BITTEREN NEIGE und LIEB VATERLAND, MAGST RUHIG SEIN, wurden von Gerd Oswalt bzw. Roland Klick inszeniert).

Ganz unabhängig von einer Bewertung von Vohrers Simmel-Debüt erkennt man schon während der Betrachtung des Films, warum er die Menschen in Scharen ins Kino lockte: Produzent Luggi Waldleitner hatte eine eindrucksvolle Besetzung vor der Kamera versammelt, die man kaum anders als als Machtdemonstration und Kampfansage verstehen konnte: Neben dem attraktiven Newcomer Alain Noury, damals eine Hoffnung des europäischen Filmes, die jedoch unerfüllt blieb, gaben sich solche beliebten und respektierten Schauspieler wie Ruth Leuwerik, Horst Tappert, Horst Frank, Peter Pasetti, Doris Kunstmann, Judy Winter, Konrad Georg, Herbert Fleischmann, Heinz Baumann und Klaus Schwarzkopf förmlich die Klinke in die Hand. Drehbuchautor Manfred Purzer hatte Simmels 700-Seiten-Wälzer auf einen vollgepackten Zweistünder eingedampft, der das ganze Simmel-Spektrum von Agententhrill über Historiendrama bis hin zu Liebes- und Schicksalschmonzette abdeckte und dabei mithilfe der Wiener Originalschauplätze epische Grandezza verströmte, so gut es ging.

Zur Handlung: Der französische Geheimdienstchef Mercier (Herbert Fleischmann) erteilt einem Killer den Auftrag, den Argentinier Manuel Aranda (Alain Noury) umzubringen, der in Wien erwartet wird. Der junge Mann bereist die österreichische Metropole, um dort den Leichnam seines Vaters abzuholen, eines Chemikers, der unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist. Vermutlich wurde er bei einem Treffen im Teezimmer einer kleinen Buchhandlung von Valerie Steinfeld (Ruth Leuwerik) vergiftet, die sich jedoch direkt im Anschluss selbst umbrachte. Von dem ermittelnden Hofrat Groll (Heinz Moog) erfährt Manuel, dass Wien der Tummelplatz der Geheimdienste ist und die Arbeit seines Vaters offensichtlich das Interesse sowohl der Amerikaner, vertreten durch Grant (Heinz Baumann), als auch der Russen, vertreten durch Santarin (Peter Pasetti), und eben der Franzosen geweckt hatte. In seinen Hinterlassenschaften findet Manuel ein in Code verfasstes Dokument, das sich nach höchst einfacher Entschlüsselung als Formel für einen chemischen Kampfstoff herausstellt. Bleibt die Frage, was die alte Dame dazu veranlasste, den Chemiker umzubringen. Durch die Befragung des Büchereibesitzers Landau (Konrad Georg) sowie der Bordellbesitzerin Nora Hill (Judy Winter) eröffnet sich Manuel in lang ausgedehnten Rückblenden die Geschichte seines Vaters: Er, ein überzeugter Nazi und ehemaliger Liebhaber der Steinfeld, war über deren Ehe mit einem Juden so erbost, dass er ihren Sohn Hans als „Bastard“ beim Gauleiter anschwärzte. Der Arisierungsprozess, den die Steinfeld daraufhin mithilfe des „Leihvaters“ Landau und des Anwalts Dr. Forster (Horst Tappert) anstrengte, befreite den Sohn zwar von den Vorwürfen und der unmittelbar drohenden Gefahr, trieb ihn aber auch der Wehrmacht und somit dem Tod in die Arme. Der Mord an Aranda war Valerie Steinfelds verspätete Rache für das erlittene Leid. Manuel, der sich während der Wahrheitssuche in Irene (Doris Kunstmann), die Nichte der Steinfeld, verliebt hat, nutzt diese Erkenntnis indes nichts mehr: Er wird von der tödlichen Kugel eines amerikanischen Killers getroffen.

In UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN vereinen sich verschiedene Strömungen des populären deutschen Kinos bzw. Fernsehens jener Tage zu einer hochpotenten – und aus heutiger Sicht betrachtet – höchst eigentümlichen Mischung. Alfred Vohrer war in den Sechzigerjahren ganz wesentlich am großen Erfolg der Edgar-Wallace-Filme beteiligt gewesen, sollte im weiteren Verlauf der Siebziger zudem das deutsche Selbstverständnis mit seiner eifrigen Mitarbeit an Quotenbringern wie DERRICK und DER ALTE maßgeblich prägen und noch später dann seine Eignung fürs Schmonzettenhaft-Schmalzige mit der Beteiligung am TRAUMSCHIFF und DIE SCHWARZWALDKLINIK unter Beweis stellen. In seinem Simmel-Debüt ist all das bereits enthalten: Das Intrigenspiel der Geheimdienste, das kaltblütige Ausschalten unliebsamer Zeugen und die Gier nach einer todbringenden Formel befriedigen das Bedürfnis nach Thrill und Gewalt, Manuels Suche nach der Wahrheit lädt wie die Wallace-Filme zum Mitraten und -spekulieren ein, die Liebesgeschichte bietet etwas fürs Herz, die Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart suggeriert einerseits einen gewissen Anspruch (Vohrer hatte in SIEBEN TAGE FRIST mit einem ganz ähnlichen Kniff ein beachtliches Ergebnis erzielt), wird aber gleichzeitig hoffnungslos melodramatisch überfrachtet, sodass nichts davon dem Betrachter unangenehm zu nahe kommt. Das Deckmäntelchen der anspruchsvollen Unterhaltung, das Waldleitner, Vohrer und Purzer ihrem Film unter Mobilmachung aller verfügbaren Kapazitäten übergeworfen hatten, entpuppt sich heute, mehr als 40 Jahre später, als mottenzerfressener Fetzen, der kaum verbergen kann, dass sich darunter ein zwar hochgetuntes, letztlich aber doch eher billiges Stundenmädchen verbirgt. Aber es macht zugegebenermaßen den Reiz des Filmes aus, wie seine staubtrockene Seriosität aufs heftigste mit unverhohlenem Sensationalismus, Nazikitsch und Biedermeier-Sleaze kollidiert.

So gibt Judy Winter die Bordellbesitzerin und ehemalige Nazi-Doppelagentin in der Gegenwart des Films mit viel Kleister im Gesicht, um als alte Frau durchzugehen, und erlebt ihren schauspielerischen Höhepunkt sicherlich in der Szene, in der sie mit gebrochenem Rückgrat am Boden liegt und von einem Nazi vergewaltigt wird, während die Kamera an den nackten Brüsten vorbei auf ihr leichenblasses Gesicht zoomt. Die Gerichtsverhandlung rund um die Arisierung von Sohn Hans soll ganz gewiss die Niedertracht des Naziregeimes bloßlegen, doch gleichzeitig meint man zu merken, wie Purzer einer dabei abging, seine Figuren in einer Großproduktion von Analverkehr und Fellatio schwadronieren zu lassen. Jeder gute Vorsatz ist spätestens dann dahin, wenn Horst Tappert „Fellatio“ mit den unsterblichen Worten „zu Deutsch: Reizkuss“ übersetzt. Da wird UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN zur Travestieshow, zum Schmierenstück, dem die deutsche Vergangenheit kaum mehr ist als der Freifahrtschein für saftige Geschmacksentgleisungen, die aber stilecht mit der Büßermiene eines katholischen Pfarrers vorgetragen werden. Das ist wahrscheinlich das Faszinierendste an diesem Film: Diese seltsam chloroformierte Atmosphäre, die sich selbst in seinen grellsten Momenten über ihn legt und alles unter einem staubgrauen Schleier verschwinden lässt. UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN ist wie ein jahrzehntealtes Stofftier, das man auf dem Trödelmarkt in einem Karton findet: nach völlig anderen Schönheitsvorstellungen hergestellt, unangenehm nach verronnenem Leben müffelnd und aus einem Material gefertigt, das heute als „krebserregend“ aus allen Kinderzimmern verbannt ist. Es hat seine ursprüngliche Bedeutung total verloren, doch gleichzeitig weiß man, dass es früher mal jemanden gab, der dieses Kuscheltier schön genug fand, es seinem Kind zu schnenken, das es daraufhin in sein Herz schloss. UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN ist in dieser Form heute undenkbar. Würde er so heute erscheinen, er würde die Menschen völlig verstören. Damals hingegen fühlte man danach, dass man einen guten Film gesehen hatte. Bizarr. Und irgendwie geil.

Der Lkw-Fahrer Martin Siebeck (Michael Janisch) hat schon ein paar Biere getrunken, als er sieht, wie zwei Gestalten einen leblosen Körper auf nächtlicher Straße genau vor seinem heranrauschenden Wagen ablegen. Er kann nicht mehr bremsen und überrollt das Opfer, das sofort tot ist, bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Polizei glaubt Siebecks Geschichte natürlich nicht, dafür aber die Strafverteidigerin Dr. Maria Rohn (Ruth Leuwerik), die sich des Falls annimmt und dafür den Spott ihres Ehemanns Günther (Peter van Eyck), eines erfolgreichen Bauunternehmers, über sich ergehen lassen muss. Nachdem sie eine Phantomzeichnung des Opfers veröffentlicht, kommt sie hinter dessen Identität: Bei dem Toten handelte es sich um einen gewissen Kessler, seinerseits Bauingenieur. Und dessen Name steht auch auf einem Zettel, den sie im Mülleimer ihres angesichts ihres Eifers zunehmend ungehalteneren Gatten findet …

Angeblich nach einer wahren Begebenheit verfasste der spätere DERRICK-Erfinder Herbert Reinecker das Drehbuch zu EIN ALIBI ZERBRICHT, das von Alfred Vohrer gewohnt packend umgesetzt wurde. Die Geschichte einer Frau, deren nächsten Anvertrauten und Freunde sich plötzlich als Feinde erweisen, die ihr nach dem Leben trachten, ist der Stoff, aus dem auch Alfred Hitchcock seine Meisterthriller zu weben pflegte. Die wirkungsvolle Dramaturgie profitiert noch erheblich von den milden emanzipatorischen Untertönen der Geschichte: Zu Beginn kann Günther sein Unbehagen noch gut als alltäglichen Chauvinismus tarnen: Eine Frau, die sich in einem „Männerberuf“ behauptet, wird eben nicht richtig ernst genommen oder aber besonders kritisch beäugt. Es sind kleine herablassende Bemerkungen, leiser Spott, die zeigen, dass Günther das Engagement seiner Frau für Spielerei hält. Erst nach und nach wird klar, dass diese Form der Herablassung Methode hat und dann beginnt der echte Psychokrieg für die Ehefrau, die sich nun die Loyalitätsfrage stellen lassen muss. Von welch anderem Kaliber ist da die brave Hanne Wasneck (Hannelore Elsner), die Gattin von Günthers Komplizen Leopold (Sieghardt Rupp). Ein Blick in ihr Gesicht indes verrät, dass es nicht die Kraft der bedingungslosen Liebe ist, die sie schweigen lässt, sondern die nackte Angst vor dem unberechenbaren Ehemann.

Alfred Vohrer inszeniert Reineckers Stoff als düsteres Kammerspiel, das zunehmend enger, unangenehmer und dunkler wird. Geht Maria Rohn am Anfang enthusiastisch und voller Tatendrang ihrer Arbeit nach, fürchtet sie das Ergebnis ihrer Ermittlungen umso mehr, je näher sie ihrem Ziel kommt. Aber sie kann natürlich nicht hinter die einmal erlangte Erkenntnis zurückfallen: Das erlangte Wissen ist nicht auszulöschen, sie muss ihren Weg bis zum bitteren Ende gehen. Die Frau, die die Treue zu ihrem Mann solchermaßen verletzt, muss mit einer harten Strafe rechnen: Am Ende sitzt sie wie die Angeklagte vor den drei Tätern (Charles Regnier ist der dritte im Bunde), während die in ihrem Beisein mitleidlos ihr Ableben vorbereiten. Auf einer dunklen Baustelle im Nebel kommt es schließlich zum Showdown.

So unterhaltsam und spannend EIN ALIBI ZERBRICHT auch ist, der Film wird letztlich von einigen unübersehbaren Drehbuchschwächen vom durchschlagenden Erfolg abgehalten. Damit ist gar nicht mal jene gewisse „Fernsehhaftigkeit“ und „Heavy-Handedness“ gemeint, die der fast ausschließlich in abgeschlossenen Räumen spielende und in Dialogen fortschreitende Film nicht ablegen kann: Vielmehr hat Reinecker es versäumt, einige faustgroße Plotholes zu stopfen, die sich bis zum Finale hin erheblich summieren und einem so entschieden von der Glaubwürdigkeit abhängigen Film wie diesen, der sich auch noch mit seinem Ursprung in der Realität brüstet, erhebliche Probleme einbringen. Es bleiben einfach ein paar zu viele Fragen unbeantwortet, um es verzeihen zu können: Wie kann die Verteidigerin sicher sein, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um Kessler handelt, wenn er doch nur mithilfe eines unvollständigen Phantombildes identifiziert wird, dass zudem anhand einer völlig entstellten Leiche angefertigt wurde? Der Film springt ihr zwar recht schnell mit untermauernden Hinweisen zur Seite, aber sie tut von Anfang an so, als sei die Aussage des Hotelportiers, der das Phantombild erkennt, ein Sechser im Lotto. Nächste Frage: Wie kann der Portier dieses mit nur wenigen Details glänzende Phantombild überhaupt identifizieren, wenn sich eines dieser wenigen Details im weiteren Verlauf der Handlung auch noch als eindeutig falsch herausstellt? Der Gipfel der Überkonstruktion folgt kurz vor Schluss, wenn die Rohn die Täterschaft ihres Mannes anhand seiner Reaktion auf Bachs „Toccata und Fuge in d-moll“ erkennt, das zum Zeitpunkt des Unfalls im Radio des Lkw lief – angeblich so laut, dass es auch die Täter gehört haben müssen. Der größte Fehler, den sich der Film erlaubt, ist aber zweifellos die Begriffsstutzigkeit der Protagonistin auf dem Höhepunkt des Films, als sie schier ewig braucht, um zu begreifen, dass die Männer ihre Ermordung vorbereiten. Hier bestätigt der Film die Vorurteile ihres Gatten, der für ihre juristischen Ambitionen kaum mehr als ein wohlwollendes Lächeln übrig hat.

Gegen diese unübersehbaren Schwächen hat es auch Vohrer schwer, der den Film aber mit großem Sinn für die dramatische Zuspitzung inszeniert und ihn gewissermaßen „rettet“. Das atmosphärische Finale, in dem sich der zuvor aufgebaute Druck endlich auflöst, mag dafür das herausstechendste Beispiel sein. Für Ruth Leuwerik, die in den frühen Fünfzigerjahren zu einem der gefragtesten deutschen Leinwandstars avanciert war, bedeutete EIN ALIBI ZERBRICHT das vorläufige Ende einer großen, aber kurzen Filmkarriere. Bis 1970, als sie erneut unter Vohrers Regie in der Simmel-Verfilung UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN agierte, wirkte sie nur noch in zwei Fernsehfilmen mit.