Mit ‘Ruth Leuwerik’ getaggte Beiträge

Episode 042: Abendfrieden (Helmut Ashley, 1978)

Nach Episode 033, „Offene Rechnung“ verschlägt es Derrick und Klein für ihre Ermittlungen erneut in ein Seniorenheim. Der Großneffe einer Bewohnerin ist vor einer Weinstube überfahren worden, nachdem er von einem unbekannten Anrufer dort hinbestellt wurde. Eigentlich wollte er seiner Großtante die Nachricht einer Erbschaft überbringen, doch die beiden resoluten Heimleiterinnen, Helene (Inge Birkmann) und Margarete Schübel (Alice Treff) hatten ihn auf merkwürdige Art und Weise abgewimmelt. Das Aufeinandertreffen des Mannes mit den beiden Damen ist das Highlight dieser Episode, könnte fast aus einem Pete-Walker- oder einem französischen Horrorfilm der Siebzigerjahre stammen. Man weiß, dass die beiden Frauen ein Geheimnis haben, dass sich hinter ihrem freundlichen Tantenlächeln ein dunkles Geheimnis verbirgt sowie die grimme Entschlossenheit, dieses Geheimnis um jeden Preis zu wahren. Und so ist es ja dann auch. Die Auflösung ist nicht übermäßig überraschend, aber insofern interessant, dass hier zwei separate Fälle schicksalhaft zusammentreffen. Dem Sujet angemessen eher bedächtig erzählt, aber recht atmosphärisch: Zum Finale gibt es ein schwer melancholisches Violinenkonzert einer vornehm blassen Schönheit (Dietlinde Turban), während Derrick im Nebenraum wie einst Hercule Poirot die Verdächtigen versammelt.

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Bildschirmfoto 2015-04-03 um 15.54.55Episode 043: Ein Hinterhalt (Alfred Vohrer, Deutschland 1978)

Auf einer Landstraße verunglückt ein Autofahrer, weil jemand einen Baumstamm auf die Fahrbahn gezerrt hat. Da der Wagen der Ärztin Dr. Schwenn (Ruth Leuwerik) gehörte, vermuten Derrick und Klein, dass es sich um einen fehlgeschlagenen Mordanschlag handelt und die Frau immer noch in Lebensgefahr schwebt. Der Kriminalfall gestaltet sich eher als dröge, doch was diese Episode Vohrers über den Durchschnitt hebt, sind die Figuren der Ärztin Schwenn und ihres Neffen Bruno (Hans Georg Panczak). Sie ist eine irgendwie freudlose Person, nicht offen unsympathisch, aber auf so eine seriöse Art und Weise nondeskript, das niemand sie leiden mag, was ihre neutrale Haltung nur noch weiter bestärkt. Auch ihr Neffe macht keinen Hehl daraus, dass er nicht viel von ihr hält, sich nach eigener Aussage nichts in ihm gerührt hätte, wäre sie bei dem Anschlag ums Leben gekommen. Die Dialoge zwischen diesen beiden sind Dreh- und Angelpunkt der Folge, weil Vohrer die Spannung vor allem aus der Frage bezieht, ob Bruno der Attentäter war und ob er einen zweiten Versuch unternehmen wird. Auch die Ärztin wird ob seiner offen zur Schau gestellten Härte immer ängstlicher, seine Schadenfreude, seine sonst immer so sichere Tante nun zittern zu sehen, treibt ihn noch mehr an. Am Ende kommt alles ganz anders und „Ein Hinterhalt“ endet mit einer menschlichen Geste, die man in dieser Gefrierschrank-Episode ebenso wenig erwartet hat, wie Hansi „Pepe Nietnagel“ Kraus als bayerischen Bauernsohn mit Seppelhut und Schnurrbart.

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Episode 044: Steins Tochter (Wolfgang Becker, Deutschland 1978)

Eine eher unaufregende Episode, aber mit einer tolle Szene zu Beginn, die hängenbleibt. Wenn Cosima Stein (Katerina Jacob, später als Assistentin des „Bullen von Tölz“ zu TV-Prominenz gelangt) zu den Klängen der Santa-Esmeralda-Version des Klassikers „Don’t let me be misunderstood“ aus dem Sportwagen ihres Freundes springt, um im Münchener Nachtlicht zu tanzen, ist das einer der Momente, für die man diese deutschen Siebzigerjahre-Krimis ins Herz geschlossen hat. Auch danach wird es eigentlich immer toll, wenn Cosimas blasses, tränenüberströmtes Gesicht ins Bild gerückt wird, sie apathisch zwischen ihren Singles auf dem Boden ihres Schülerinnen-Zimmers hockt. Demgegenüber sind die Szenen um ihren Verehrer Betzky (Markus Boysen) ein bisschen anstrengend, weil der Schauspieler und Reineckers gewohnt gespreizte Dialoge keine so gute Mischung ergeben. Und Cosimas Papa, der Lehrer Stein (Thomas Holtzmann) ist einer dieser Hardcore-Spießer, die sogar töten würden, um ihre Brut vor dem Absturz ins moralische Verderben zu schützen. Die winterliche Atmosphäre ist ganz hübsch, aber sonst gibt es hier einfach zu wenig, was das Interesse wirklich wachhielte. Außer Cosimas Tanz natürlich.

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Episode 45: Klavierkonzert (Helmuth Ashley, Deutschland 1978)

Eine lustige Koinzidenz: In der zuletzt gesehenen DER KOMMISSAR-Episode „Keiner hörte den Schuss“ (Regie: Wolfgang Becker) spielte Peter Fricke den Mörder. Hier nun ist er der, den alle für den Mörder halten – und halten sollen. Er spielt den berühmten Pianisten Robert van Doom (großartiger Name!), der in einer Ehe mit der älteren Luisa van Doom (Maria Schell) gefangen ist, die ihm die Karriere mit ihrem Geld überhaupt erst ermöglichte. Jeder weiß, dass Robert eine junge Tänzerin (Iris Berben) als Geliebte hat und seine Ehe mehr als zerrüttet ist: Er will sich scheiden lassen, sie ihn nicht freigeben, schließlich hat sie in ihn „investiert“. Als die Haushälterin der van Dooms während eines von Roberts Konzerten erschossen wird – in einer offensichtlichen Verwechslung, denn es sollte Luisa treffen -, deutet alles darauf hin, dass der Musiker der Auftraggeber ist. Vor allem Luisa ist davon überzeugt und fest dazu entschlossen, ihn fertigzumachen …

„Klavierkonzert“ ist thematisch wieder überaus typisch: Es geht um die Dekadenz des Großbürgertums einerseits, um dessen Unfähigkeit, emotional-menschliche Probleme anders zu lösen als durch das Ausspielen von Macht andererseit. Helmuth Ashley, dem Sleaze nicht abhold, suhlt sich in einer Inszenierung, die die barocken Geschmacklosigkeiten und die Kälte eines leeren Wohlstands mit Genuss in den Fokus rückt. Das Haus der van Dooms ist ein Albtraum aus tannengrünen Tapeten, schweren Samtvorhängen und gebrauchsfeindlichen Antiquitäten. Der Pianist selbst ist ein zitternder Feigling, seine Frau – die Mutter der Nation, Maria Schell – ein herrisches Biest, alle Freunde und Verwandte sehen entweder tatenlos zu, versuchen den Konflikt aus eigenem Interesse kleinzuhalten oder befeuern ihn noch. Sky DuMont gibt den wunderbar blasierten Assistenten von van Dooms Agent Ostrow (Eric Pohlmann), Jutta Speidel die hilfsbereite Nichte der toten Haushelferin. Ashley gelingt das Kunststück, dass man fast jeden mal für den potenziellen Täter hält und eigentlich alle Personen gleichermaßen widerlich findet. Und irgendwie findet er dann auch noch die Gelegenheit, Derrick und Klein in einer McDonalds-Filiale einen Hamburger mampfen zu lassen.

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, was diese deutschen Krimiserien auszeichnet, woher die Faszination kommt, die sie auf mich (und andere) heute ausüben. Für einen Spätgeborenen wie mich steckt natürlich nicht zuletzt der Reiz dahinter, in eine bundesrepublikanische Realität blicken zu können, die ich nur noch am Rande mitbekommen habe (1978 war ich zwei Jahre alt). Mit dem Abstand der Jahrzehnte zeigt sich einem da eine Welt, die seit dem zweiten Weltkrieg zwar zwei bis drei volle Jahrzehnte hinter sich gebracht, die Spätfolgen aber keinesfalls verarbeitet hat. Es zeigt sich da eine Welt, wo fast jeder eine Leiche im Keller hat – oder aber durch den geringsten Anstoß überaus bereitwillig zum Mörder wird. Und wo es immer wieder die Väter sind, die Unheil über ihre Kinder, Ehefrauen, Familien bringen. Da ist es durchaus als programmatisch zu verstehen, dass im Zentrum sowohl von DER KOMMISSAR als auch von DERRICK Väterfiguren ohne Familien stehen. (Interessant, wie bei beiden Figuren zu Beginn versucht wurde, sie durch Ehefrau und Geliebte zu vermenschlichen, die Idee bei beiden aber schnell wieder verworfen wird.) Sowohl Kommissar Keller als auch Oberinspsektor Derrick sind in allererster Instanz Staatsdiener, verbürokratisiertes Über-Ich gewissermaßen. Es fällt schwer, hier kein künstlerisches Programm zu vermuten: Vielleicht der Versuch einer verspäteten Wiedergutmachung des Autors, der als Kriegsberichterstatter in einer Propagandakompanie der Waffen-SS gedient hatte? Who knows.

Mal sehen, ob ich hier demnächst auch noch was über DER KOMMISSAR zum Besten geben werde. Gerade in Verbindung mit weiteren DERRICK-Sichtungen könnte das sehr interessant und aufschlussreich sein.

Johannes Mario Simmel, 1924 als Sohn deutscher Eltern in Wien geboren, avancierte 1960 mit dem Roman „Es muss nicht immer Kaviar sein“ zum Bestsellerautor. Bis zu seinem Tod im Jahr 2009 veröffentlichte er im steten Rhythmus von ein bis drei Jahren weitere Werke, die seinen Ruf bei der seriösen Literaturkritik, der er als Trivial- und Fließbandautor galt, zwar nicht unbedingt verbesserten, ihn aber wie nur ganz wenige deutschsprachige Schriftsteller zur absoluten Marke machten. In den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren gehörten seine Romane mit dem unverwechselbaren Umschlagdesign wahrscheinlich zur Grundausstattung deutscher Mittelstandswohnungen. Natürlich blieb er auch dem Kino nicht lang verborgen. Die erste Welle von Simmelverfilmungen datiert auf die Jahre 1960 – 1963 und gipelte in Géza von Radványis ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN, dessen Fortsetzung DIESMAL MUSS ES KAVIAR SEIN der Einfachheit halber gleich mitgedreht wurde. Nach dem ARD-Fernsehfilm DER SCHULFREUND riss die Reihe abrupt ab und es dauerte bis zum Ende der Sechzigerjahre, als der Produzent Luggi Waldleitner sich an das Potenzial der Simmel-Romane als Vorlage für breit angelegte und aufwändig produzierte Spielfilme erinnerte. 1971 erschien UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN als erfolgreicher (3 Millionen Zuschauer) und mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ versehener Auftakt einer bis 1976 anhaltenden, insgesamt achtteiligen Simmel-Reihe, deren Inszenierung in der Hauptsache Alfred Vohrer übernahm (lediglich die beiden letzten Einträge, BIS ZUR BITTEREN NEIGE und LIEB VATERLAND, MAGST RUHIG SEIN, wurden von Gerd Oswalt bzw. Roland Klick inszeniert).

Ganz unabhängig von einer Bewertung von Vohrers Simmel-Debüt erkennt man schon während der Betrachtung des Films, warum er die Menschen in Scharen ins Kino lockte: Produzent Luggi Waldleitner hatte eine eindrucksvolle Besetzung vor der Kamera versammelt, die man kaum anders als als Machtdemonstration und Kampfansage verstehen konnte: Neben dem attraktiven Newcomer Alain Noury, damals eine Hoffnung des europäischen Filmes, die jedoch unerfüllt blieb, gaben sich solche beliebten und respektierten Schauspieler wie Ruth Leuwerik, Horst Tappert, Horst Frank, Peter Pasetti, Doris Kunstmann, Judy Winter, Konrad Georg, Herbert Fleischmann, Heinz Baumann und Klaus Schwarzkopf förmlich die Klinke in die Hand. Drehbuchautor Manfred Purzer hatte Simmels 700-Seiten-Wälzer auf einen vollgepackten Zweistünder eingedampft, der das ganze Simmel-Spektrum von Agententhrill über Historiendrama bis hin zu Liebes- und Schicksalschmonzette abdeckte und dabei mithilfe der Wiener Originalschauplätze epische Grandezza verströmte, so gut es ging.

Zur Handlung: Der französische Geheimdienstchef Mercier (Herbert Fleischmann) erteilt einem Killer den Auftrag, den Argentinier Manuel Aranda (Alain Noury) umzubringen, der in Wien erwartet wird. Der junge Mann bereist die österreichische Metropole, um dort den Leichnam seines Vaters abzuholen, eines Chemikers, der unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist. Vermutlich wurde er bei einem Treffen im Teezimmer einer kleinen Buchhandlung von Valerie Steinfeld (Ruth Leuwerik) vergiftet, die sich jedoch direkt im Anschluss selbst umbrachte. Von dem ermittelnden Hofrat Groll (Heinz Moog) erfährt Manuel, dass Wien der Tummelplatz der Geheimdienste ist und die Arbeit seines Vaters offensichtlich das Interesse sowohl der Amerikaner, vertreten durch Grant (Heinz Baumann), als auch der Russen, vertreten durch Santarin (Peter Pasetti), und eben der Franzosen geweckt hatte. In seinen Hinterlassenschaften findet Manuel ein in Code verfasstes Dokument, das sich nach höchst einfacher Entschlüsselung als Formel für einen chemischen Kampfstoff herausstellt. Bleibt die Frage, was die alte Dame dazu veranlasste, den Chemiker umzubringen. Durch die Befragung des Büchereibesitzers Landau (Konrad Georg) sowie der Bordellbesitzerin Nora Hill (Judy Winter) eröffnet sich Manuel in lang ausgedehnten Rückblenden die Geschichte seines Vaters: Er, ein überzeugter Nazi und ehemaliger Liebhaber der Steinfeld, war über deren Ehe mit einem Juden so erbost, dass er ihren Sohn Hans als „Bastard“ beim Gauleiter anschwärzte. Der Arisierungsprozess, den die Steinfeld daraufhin mithilfe des „Leihvaters“ Landau und des Anwalts Dr. Forster (Horst Tappert) anstrengte, befreite den Sohn zwar von den Vorwürfen und der unmittelbar drohenden Gefahr, trieb ihn aber auch der Wehrmacht und somit dem Tod in die Arme. Der Mord an Aranda war Valerie Steinfelds verspätete Rache für das erlittene Leid. Manuel, der sich während der Wahrheitssuche in Irene (Doris Kunstmann), die Nichte der Steinfeld, verliebt hat, nutzt diese Erkenntnis indes nichts mehr: Er wird von der tödlichen Kugel eines amerikanischen Killers getroffen.

In UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN vereinen sich verschiedene Strömungen des populären deutschen Kinos bzw. Fernsehens jener Tage zu einer hochpotenten – und aus heutiger Sicht betrachtet – höchst eigentümlichen Mischung. Alfred Vohrer war in den Sechzigerjahren ganz wesentlich am großen Erfolg der Edgar-Wallace-Filme beteiligt gewesen, sollte im weiteren Verlauf der Siebziger zudem das deutsche Selbstverständnis mit seiner eifrigen Mitarbeit an Quotenbringern wie DERRICK und DER ALTE maßgeblich prägen und noch später dann seine Eignung fürs Schmonzettenhaft-Schmalzige mit der Beteiligung am TRAUMSCHIFF und DIE SCHWARZWALDKLINIK unter Beweis stellen. In seinem Simmel-Debüt ist all das bereits enthalten: Das Intrigenspiel der Geheimdienste, das kaltblütige Ausschalten unliebsamer Zeugen und die Gier nach einer todbringenden Formel befriedigen das Bedürfnis nach Thrill und Gewalt, Manuels Suche nach der Wahrheit lädt wie die Wallace-Filme zum Mitraten und -spekulieren ein, die Liebesgeschichte bietet etwas fürs Herz, die Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart suggeriert einerseits einen gewissen Anspruch (Vohrer hatte in SIEBEN TAGE FRIST mit einem ganz ähnlichen Kniff ein beachtliches Ergebnis erzielt), wird aber gleichzeitig hoffnungslos melodramatisch überfrachtet, sodass nichts davon dem Betrachter unangenehm zu nahe kommt. Das Deckmäntelchen der anspruchsvollen Unterhaltung, das Waldleitner, Vohrer und Purzer ihrem Film unter Mobilmachung aller verfügbaren Kapazitäten übergeworfen hatten, entpuppt sich heute, mehr als 40 Jahre später, als mottenzerfressener Fetzen, der kaum verbergen kann, dass sich darunter ein zwar hochgetuntes, letztlich aber doch eher billiges Stundenmädchen verbirgt. Aber es macht zugegebenermaßen den Reiz des Filmes aus, wie seine staubtrockene Seriosität aufs heftigste mit unverhohlenem Sensationalismus, Nazikitsch und Biedermeier-Sleaze kollidiert.

So gibt Judy Winter die Bordellbesitzerin und ehemalige Nazi-Doppelagentin in der Gegenwart des Films mit viel Kleister im Gesicht, um als alte Frau durchzugehen, und erlebt ihren schauspielerischen Höhepunkt sicherlich in der Szene, in der sie mit gebrochenem Rückgrat am Boden liegt und von einem Nazi vergewaltigt wird, während die Kamera an den nackten Brüsten vorbei auf ihr leichenblasses Gesicht zoomt. Die Gerichtsverhandlung rund um die Arisierung von Sohn Hans soll ganz gewiss die Niedertracht des Naziregeimes bloßlegen, doch gleichzeitig meint man zu merken, wie Purzer einer dabei abging, seine Figuren in einer Großproduktion von Analverkehr und Fellatio schwadronieren zu lassen. Jeder gute Vorsatz ist spätestens dann dahin, wenn Horst Tappert „Fellatio“ mit den unsterblichen Worten „zu Deutsch: Reizkuss“ übersetzt. Da wird UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN zur Travestieshow, zum Schmierenstück, dem die deutsche Vergangenheit kaum mehr ist als der Freifahrtschein für saftige Geschmacksentgleisungen, die aber stilecht mit der Büßermiene eines katholischen Pfarrers vorgetragen werden. Das ist wahrscheinlich das Faszinierendste an diesem Film: Diese seltsam chloroformierte Atmosphäre, die sich selbst in seinen grellsten Momenten über ihn legt und alles unter einem staubgrauen Schleier verschwinden lässt. UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN ist wie ein jahrzehntealtes Stofftier, das man auf dem Trödelmarkt in einem Karton findet: nach völlig anderen Schönheitsvorstellungen hergestellt, unangenehm nach verronnenem Leben müffelnd und aus einem Material gefertigt, das heute als „krebserregend“ aus allen Kinderzimmern verbannt ist. Es hat seine ursprüngliche Bedeutung total verloren, doch gleichzeitig weiß man, dass es früher mal jemanden gab, der dieses Kuscheltier schön genug fand, es seinem Kind zu schnenken, das es daraufhin in sein Herz schloss. UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN ist in dieser Form heute undenkbar. Würde er so heute erscheinen, er würde die Menschen völlig verstören. Damals hingegen fühlte man danach, dass man einen guten Film gesehen hatte. Bizarr. Und irgendwie geil.

Der Lkw-Fahrer Martin Siebeck (Michael Janisch) hat schon ein paar Biere getrunken, als er sieht, wie zwei Gestalten einen leblosen Körper auf nächtlicher Straße genau vor seinem heranrauschenden Wagen ablegen. Er kann nicht mehr bremsen und überrollt das Opfer, das sofort tot ist, bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Polizei glaubt Siebecks Geschichte natürlich nicht, dafür aber die Strafverteidigerin Dr. Maria Rohn (Ruth Leuwerik), die sich des Falls annimmt und dafür den Spott ihres Ehemanns Günther (Peter van Eyck), eines erfolgreichen Bauunternehmers, über sich ergehen lassen muss. Nachdem sie eine Phantomzeichnung des Opfers veröffentlicht, kommt sie hinter dessen Identität: Bei dem Toten handelte es sich um einen gewissen Kessler, seinerseits Bauingenieur. Und dessen Name steht auch auf einem Zettel, den sie im Mülleimer ihres angesichts ihres Eifers zunehmend ungehalteneren Gatten findet …

Angeblich nach einer wahren Begebenheit verfasste der spätere DERRICK-Erfinder Herbert Reinecker das Drehbuch zu EIN ALIBI ZERBRICHT, das von Alfred Vohrer gewohnt packend umgesetzt wurde. Die Geschichte einer Frau, deren nächsten Anvertrauten und Freunde sich plötzlich als Feinde erweisen, die ihr nach dem Leben trachten, ist der Stoff, aus dem auch Alfred Hitchcock seine Meisterthriller zu weben pflegte. Die wirkungsvolle Dramaturgie profitiert noch erheblich von den milden emanzipatorischen Untertönen der Geschichte: Zu Beginn kann Günther sein Unbehagen noch gut als alltäglichen Chauvinismus tarnen: Eine Frau, die sich in einem „Männerberuf“ behauptet, wird eben nicht richtig ernst genommen oder aber besonders kritisch beäugt. Es sind kleine herablassende Bemerkungen, leiser Spott, die zeigen, dass Günther das Engagement seiner Frau für Spielerei hält. Erst nach und nach wird klar, dass diese Form der Herablassung Methode hat und dann beginnt der echte Psychokrieg für die Ehefrau, die sich nun die Loyalitätsfrage stellen lassen muss. Von welch anderem Kaliber ist da die brave Hanne Wasneck (Hannelore Elsner), die Gattin von Günthers Komplizen Leopold (Sieghardt Rupp). Ein Blick in ihr Gesicht indes verrät, dass es nicht die Kraft der bedingungslosen Liebe ist, die sie schweigen lässt, sondern die nackte Angst vor dem unberechenbaren Ehemann.

Alfred Vohrer inszeniert Reineckers Stoff als düsteres Kammerspiel, das zunehmend enger, unangenehmer und dunkler wird. Geht Maria Rohn am Anfang enthusiastisch und voller Tatendrang ihrer Arbeit nach, fürchtet sie das Ergebnis ihrer Ermittlungen umso mehr, je näher sie ihrem Ziel kommt. Aber sie kann natürlich nicht hinter die einmal erlangte Erkenntnis zurückfallen: Das erlangte Wissen ist nicht auszulöschen, sie muss ihren Weg bis zum bitteren Ende gehen. Die Frau, die die Treue zu ihrem Mann solchermaßen verletzt, muss mit einer harten Strafe rechnen: Am Ende sitzt sie wie die Angeklagte vor den drei Tätern (Charles Regnier ist der dritte im Bunde), während die in ihrem Beisein mitleidlos ihr Ableben vorbereiten. Auf einer dunklen Baustelle im Nebel kommt es schließlich zum Showdown.

So unterhaltsam und spannend EIN ALIBI ZERBRICHT auch ist, der Film wird letztlich von einigen unübersehbaren Drehbuchschwächen vom durchschlagenden Erfolg abgehalten. Damit ist gar nicht mal jene gewisse „Fernsehhaftigkeit“ und „Heavy-Handedness“ gemeint, die der fast ausschließlich in abgeschlossenen Räumen spielende und in Dialogen fortschreitende Film nicht ablegen kann: Vielmehr hat Reinecker es versäumt, einige faustgroße Plotholes zu stopfen, die sich bis zum Finale hin erheblich summieren und einem so entschieden von der Glaubwürdigkeit abhängigen Film wie diesen, der sich auch noch mit seinem Ursprung in der Realität brüstet, erhebliche Probleme einbringen. Es bleiben einfach ein paar zu viele Fragen unbeantwortet, um es verzeihen zu können: Wie kann die Verteidigerin sicher sein, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um Kessler handelt, wenn er doch nur mithilfe eines unvollständigen Phantombildes identifiziert wird, dass zudem anhand einer völlig entstellten Leiche angefertigt wurde? Der Film springt ihr zwar recht schnell mit untermauernden Hinweisen zur Seite, aber sie tut von Anfang an so, als sei die Aussage des Hotelportiers, der das Phantombild erkennt, ein Sechser im Lotto. Nächste Frage: Wie kann der Portier dieses mit nur wenigen Details glänzende Phantombild überhaupt identifizieren, wenn sich eines dieser wenigen Details im weiteren Verlauf der Handlung auch noch als eindeutig falsch herausstellt? Der Gipfel der Überkonstruktion folgt kurz vor Schluss, wenn die Rohn die Täterschaft ihres Mannes anhand seiner Reaktion auf Bachs „Toccata und Fuge in d-moll“ erkennt, das zum Zeitpunkt des Unfalls im Radio des Lkw lief – angeblich so laut, dass es auch die Täter gehört haben müssen. Der größte Fehler, den sich der Film erlaubt, ist aber zweifellos die Begriffsstutzigkeit der Protagonistin auf dem Höhepunkt des Films, als sie schier ewig braucht, um zu begreifen, dass die Männer ihre Ermordung vorbereiten. Hier bestätigt der Film die Vorurteile ihres Gatten, der für ihre juristischen Ambitionen kaum mehr als ein wohlwollendes Lächeln übrig hat.

Gegen diese unübersehbaren Schwächen hat es auch Vohrer schwer, der den Film aber mit großem Sinn für die dramatische Zuspitzung inszeniert und ihn gewissermaßen „rettet“. Das atmosphärische Finale, in dem sich der zuvor aufgebaute Druck endlich auflöst, mag dafür das herausstechendste Beispiel sein. Für Ruth Leuwerik, die in den frühen Fünfzigerjahren zu einem der gefragtesten deutschen Leinwandstars avanciert war, bedeutete EIN ALIBI ZERBRICHT das vorläufige Ende einer großen, aber kurzen Filmkarriere. Bis 1970, als sie erneut unter Vohrers Regie in der Simmel-Verfilung UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN agierte, wirkte sie nur noch in zwei Fernsehfilmen mit.