Mit ‘Ruth-Maria Kubitschek’ getaggte Beiträge

Episode 72: Drei Brüder (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Der Besitzer eines Spirituosenladens stirbt nach einem Überfall auf sein Geschäft mit einer Schädelverletzung. Das Letzte, was er sagen kann, ist: „Der Jork war’s.“ Doch es gibt drei Jorks, die Brüder Albert (Horst Frank), Heinz (Ralf Schermuly) und Bertram (Manfred Seipold) und alle wollen zur Tatzeit zusammen in ihrer gemeinsamen Wohnung Skat gespielt haben. Bewegung kommt in die verfahrene Situation, als Keller und sein Team Spuren einer Frau in der Wohnung der Jorks finden: Offensichtlich war die Bardame Olga (Evelyn Opela) bei ihnen, als der Mord geschah. Zwar halten die Vier dicht, doch Keller weiß, dass er nur hartnäckig genug bohren muss, bis die Mitwisser umfallen.

In DREI BRÜDER wird der bereits 1973/74 einsetzende, schleichende Übergang zu DERRICK sehr evident, denn die Zermürbungstaktik, die Keller, Heimes und Grabert fahren, erinnert sehr an die Masche, die dem Oberinspektor später so oft zum Erfolg verhelfen sollte. Mit sichtlicher Schadenfreude hängen die Kriminalbeamten in der Nähe der Verdächtigen herum, ganz genau wissend, dass ihre bloße Anwesenheit reicht, um sie nervös zu machen. Und so ist es dann ja auch. Keller hat absolut Recht mit seiner Einschätzung: Der Schweigepakt, den die drei Brüder zusammen mit Olga geschlossen haben, ist für den Täter leicht zu halten, doch für die drei, die ihn decken müssen, wird der Druck irgendwann zu groß werden. Horst Frank ist, wie wir längst wissen, geboren für diese Typen, die nichts aus der Ruhe bringt, die geradezu dazu geboren sind, krumme Dinger zu drehen und die Polizei an der Nase herumzuführen. Und Ralf Schermuly steht hier noch am Anfang an einer langen Karriere, in der er wieder und wieder den schwitzig-nervösen Mörder spielen sollte. Dazu gibt es , gewissermaßen als Bonus, die bezaubernde Evelyn Opela, Wolfgang Völz als Barkeeper und Antje Weissgerber als trauernde Witwe, die den Jorks mit Kopftuch und Handtasche auflauert und sie immer wieder fragt „Haben Sie meinen Mann ermordet?“

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Episode 73: Tod eines Landstreichers (Jürgen Goslar, Deutschland 1974)

In der Nähe eines Gasthofes wird die Leiche eines Landstreichers aufgefunden, den man am Vorabend erschlagen und dann am Fundort abgeladen hatte. Keller und Co. machen drei Leidensgenossen des Mannes ausfindig – Kamann (Hans Schweikart), Pock (Klaus Schwarzkopf) und Lumm (Walter Kohut) -, die berichten, ihr Freund habe ein Huhn stehlen wollen und sei dann nicht zurückgekommen. Im Gasthof von Eberhard Scherf (Paul Dahlke) fällt nicht nur das seltsame Verhalten des Inhabers und seiner Familie auf, die auffallend geduldig mit den drei munteren Landstreichern sind, die hauseigene Metzgerei macht das Gebäude auch zu einem verlockenden Ziel für Hungrige.

Eine schöne Episode, die sich durch den unvorhersehbaren Verlauf, das muntere Zusammenspiel der drei Landstreicher Schweikart, Schwarzkopf und Kohut sowie den insgesamt verständnisvollen und versöhnlichen Tonfall auszeichnet, der einen schönen Kontrast zu Reineckers sonstigen Abrechnungen darstellt. Zwar gibt es wieder die bekannten Tricks und Wendungen, die Lügen und falschen Alibis, die zum Inventar der Serie gehören, aber letztlich ist der gesamte Fall vor allem hochgradig tragisch. Bei der Charakterisierung der drei Vagabunden und ihrem Rapport hat der Autor sich viel Mühe gegeben und die Akteure danken es ihm mit Darbietungen, denen man die Freude anmerkt, die sie dabei hatten, die Figuren zum Leben zu erwecken. In einer Nebenrolle ist Walter Sedlmayr zu sehen.

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Episode 74: Mit den Augen eines Mörders (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Die Schülerin Eva Wechsler (Susanne Uhlen) kommt nach der Schule nicht nach Hause. Am nächsten Tag findet man sie tot auf, erwürgt. Ihre Spur verliert sich nach einem Treffen mit ihrer besten Freundin (Simone Rethel), mit der sie an den Französisch-Hausaufgaben verzweifelt war. Hauptverdächtiger ist der Musiklehrer Voß (Michael Heltau), der für das Mädchen schwärmte – und seine Zuneigung wohl auch erwidert fand.

Was wäre DER KOMMISSAR ohne Altherrenschmier und unangenehme Ambivalenz? Hier ist es das Geständnis des Lehrer, zwar in Eva verliebt, aber sich doch der Implikationen doch bewusst zu sein. Er will warten, bis sie mit der Schule fertig ist und sie erklärt sich einverstanden. Das ist wahrscheinlich der nüchterne Weg, mit dem Problem umzugehen, aber so ganz zufriedenstellend ist das trotzdem nicht. Gleichaltrige jugendliche Liebespaare kommen bei Reinecker nur am Rande vor, dafür sehen sich die Mädchen bei ihm auffallend oft den Avancen älterer Herren ausgesetzt. Und natürlich sind es immer ganz besondere Mädchen, denen das passiert, damit wir auch die Zwickmühle verstehen, in denen sich seine verschwitzt-geilen Herren da befinden. Susanne Uhlen hat nicht viele Szenen, aber in einer davon wirft sie sich ihrem Lehrer angetrunken (selbstverständlich Whisky), mit verführerischem Schlafzimmerblick und kurzem Schulmädchenrock an den Hals, das kleine Luder. Ich finde diese Episoden mittlerweile ja fast am besten, weil sie die ganze Verlogenheit des Bürgertums und seine gähnenden Abgründe in den Vordergrund holen, ohne sich dabei selbst der Objektivität verdächtig zu machen. Es dampft und brodelt nur so.

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Episode 75: Im Jagdhaus (Gottfried Reinhardt, Deutschland 1974)

Im Sommerhaus der Familie Schenk wird ein Toter gefunden: Es ist Paul Schenk (Harry Meyen), der Bruder und Geschäftspartner von Alwin (Herbert Fleischmann): Er war in das Haus gefahren, um dort seine Schwägerin Eva (Ursula Lingen), mit der er ein Verhältnis hat, davon zu überzeugen, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Neben den Töchtern Helga (Eleonore Weisgerber) und Sabine (Sabina Trooger) ist auch Barek (Klaus Herm) im Haus, ein Angestellter der Schenks, der sich dort ein Wochenende entspannen sollte.

Reinecker kopiert sich selbst, was nicht weiter schlimm ist, in diesem Fall aber besonders auffällig, schließlich liegt die Episode, bei der er sich großzügig bedient, „Domanns Mörder“ noch nicht allzu lang zurück. Hier wie dort zeigt eine feine Bürgerfamilie im Angesicht des Todes ihre hässlichen Seiten. Die Schenks – die davon ausgehen müssen, dass einer von ihnen der Mörder ist, und dies auch tun – decken sich ohne Zögern und schieben den Verdacht auf den armen Barek, dem der auf biedere Waschlappen abonnierte Klaus Herm seinen verdatterte Hundeblick leiht. Das ist durchweg unterhaltsam, ohne wirklich spektakulär zu sein. Am außergewöhnlichsten an der Episode ist wahrscheinlich der Score von Eugen Thomas, der dem lang Prolog eine ganz eigene Stimmung verleiht.

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Episode 76: Sein letzter Coup (Helmuth Ashley, Deutschland 1974)

Vor einem Polizeirevier wird en Toter abgeladen: Es handelt sich um einen bekannten Spitzel. Er hatte von einem „großen Ding“ erfahren, dass „Der Professor“ (Peter Lühr) nach seiner Haftentlassung plant. Zusammen mit seinen Leuten (u. a. Peter Vogel, Walter Buschhoff, Günther Stoll) will er einen Geldtransporter ausrauben. Keller und seine Leute finden heraus, wann das Ding steigen soll.

Eine schöne Abwechslung von den vielen bürgerlichen Eifersuchts-, Gier- und Affektmorden, die die Serie in dieser Zeit bestimmen und schon einen Vorgeschmack auf Reineckers modus operandi bei DERRICK ermöglichen. Hier also mal wieder eine richtige Milieugeschichte mit Berufsverbrechern, einem alternden Gentleman-Gauner, den mit Keller wenn schon keine freundschaftliche, so doch eine respektvolle Beziehung verbindet, und einem Nachtclub mit zitternder Garderobendame (Eva Pflug) und schwarzer Soulröhre, Gaststar Donna Hightower, die aber leider die hüftsteife Weißbrotversion von RnB mit ihrer Stimme begleiten muss. Keller und Kollegen stellen sich ziemlich dusselig an, vor allem Grabert, dem das Geld förmlich unter dem Hintern weggeklaut wird, macht keine gute Figur und am Ende ist es nur des Professors Kinderliebe, die ihm ein Bein stellt. Eine schöne Episode.

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Episode 77: Ohne auf Wiedersehen zu sagen (Jürgen Goslar, Deutschland 1974)

Ein junges Mädchen aus dem Ruhrgebiet wird tot in einer Münchener Kiesgrube aufgefunden. Sie war zusammen mit einer Freundin vor einigen Wochen von zu Hause abgehauen, mit dem Ziel Hamburg. Der Vater (Heinz Reincke) der – wahrscheinlich – noch lebenden Franziska stürzt sich mit dem Kommissar und seinen Leuten ins Schwabinger Nachtleben, nachdem sie den Studenten Achim Merk (Bernd Herberger) ausfindig gemacht haben, bei dem die Mädchen einen Monat lang untergekommen waren. Er scheint mehr zu wissen, als er zugibt,

Erneut eine schöne Milieuepisode, von Jürgen Goslar mit Drive inszeniert. Zum ersten Mal kommt auch Elmar Wepper als Harrys Bruder Erwin über die Statistenrolle hinaus. Die Szenen, in denen er mit Reinckes verzweifeltem Vater in diversen Schwabinger Kneipen und Nachtklubs abtaucht, atmen noch einmal den Hauch des deutschen Sleaze, den man aus dieser Zeit zu schätzen weiß. Super der Kommentar, als die beiden in einem zwielichtigen Etablissement namens „Podium“ landen: „Das ist ja mal ein eindeutiger Laden!“ Die Blicke der Schläger, Loddels und Nutten, die da rumstehen sind Gold wert und so verräterisch, dass sie auch Schilder mit der Aufschrift „Ich weiß was!“ tragen könnten. Reincke gibt alles, läuft „Franziska“ rufend und gegen die Türen polternd durch die Räumlichkeiten des Puffs und der rückgratlose Merk wird rehabiltiert, als er den Mörder (Wolfgang Wahl) in einem erbitterten Faust-und-Messerkampf bezwingt. Sehr putzig dabei der Moment, in dem das Licht erlischt und der Verbrecher – trotz erkennbar guter Sichtverhältnisse – blind herumtappt.

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Episode 78: Schwierigkeiten eines Außenseiters (Michael Braun, Deutschland 1974)

Helmut Domrose, Besitzer eines Schnapsladens im Erdgeschoss eines Merhfamilienhauses, wird von einem Einbrecher aufgeschreckt und totgeschlagen. Seine ungeladene Waffe sowie die Tatsache, dass der Täter durch eine Tür entkam, die eigentlich immer abgeschlossen ist, lassen eigentlich nur den Schluss zu, dass Domrose Opfer eines Anschlags wurde. Der Verdacht fällt schnell auf Theo Klinger (Raimund Harmstorf), einen Proleten, der mit dem Schnapsverkäufer im offenen Clinch lag, wegen seines lauten Motorrads bei allen Mietern verhasst ist und mit seinem alkoholkranken Vater zusammenlebt.

Harmstorf im Heinz-Klett-Modus macht die Episode. Mit Nickel-Sonnenbrille, kniehohen Stiefeln, Lederhose und Schlangenlederjacke über dem Unterhemd gibt er ein Bild für die Götter ab, dazu hat er für die bürgerlichen Langweiler in seinem Haus nur unverhohlene Verachtung übrig. Ganz anders ist er zu seinem Vater, einem ganz armen Tropf, den er in einer Superszene nach dem Schweinebratenessen unter den Armen packt und auf den Sozius seines Bikes hebt wie ein Papa seinen kleinen Sohn. Die Auflösung ist clever konstruiert, auch wenn die Identität des Mörders keinen, der die Serie von Anfang an verfolgt, überraschen dürfte. Mit Dirk Dautzenberg feiert ein Akteur seine Premiere, der später noch DERRICK bis in die Neunzigerjahre treu bleiben sollte.

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Episode 79: Jähes Ende einer interessanten Beziehung (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Der junge Mann Strassner (Vadim Glowna) wird vor der Tür seines Mietshauses erschossen als er auf dem Weg ist, sich mit Studienrätin Kämmerer (Johanna von Koczian) zu treffen, mit der er ein Verhältnis hat.

Eine von Reineckers gesellschaftskritischen, progressiven Episoden: Es geht um die Doppelmoral, mit der die sexuelle Aktivität von Frauen, vor allem solchen in „respektablen“ Berufen, sozial geächtet, ja mit dem Aus bestraft wird. Die Lehrerin Kämmerer – die schöne Johanna von Koczian spielte ein Jahr später in zwei Episoden die Geliebte von Kriminaloberinspektor Derrick – und ihre Freundin Agnes Kremp (Doris Schade), Haushälterin eines Geistlichen, lassen sich auf ein Abenteuer mit dem deutlich jüngeren Strassner und seinem Kumpel Lobach (Klaus Löwitsch) ein – und fürchten anschließend um ihre Existenz. Strassner nutzt die Angst der Frau für sich, in dem er sie zu weiteren Treffen nötigt. Der Täter ist ein bürgerliche Beschützer der Moral, der es nicht akzeptieren mag, dass ein Gammler den Ruf einer geachteten Frau in den Schmutz zieht – natürlich ohne zu merken, dass es überhaupt erst diese Haltung ist, die ein nächtliches Sexabenteuer zu einem schandhaften Akt macht. Grädler inszeniert mit großer Sympathie und der richtigen Mischung aus Direktheit und Zurückhaltung und die Koczian ist einfach wunderbar.

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Episode 80: Der Segelbootmord (Wolfgang Becker, Deutschland 1974)

Dr. Gerhard Reger (Peter Pasetti) hat sich von seiner Gattin Magda (Ruth Leuwerik) scheiden lassen und die deutlich jüngere Alexa (Gerlinde Döberl) geheiratet – sehr um Missfallen seines Sohnes Hans (Franz Winter), der in einem Internat am Starnberger See lebt. Bei einem Besuch des Vaters beobachten die beiden wie die junge Gattin mit dem Boot kentert – die Rettung für sie kommt zu spät. Reger ist sich sicher, dass seine Frau ermordet wurde. Und tatsächlich finden sich entsprechende Hinweise.

Eine gute, aber nicht besonders auffällige Episode. Am ehesten sticht das sonnig-vornehme Ambiente heraus, das schon deutlich im Kontrast zur Münchener Großstadt und den verrauchten Pinten darstellt, in die es Keller und seine Jungs sonst so verschlägt. Die sommerliche Stimmung wird vor allem von Ruth Leuwerik unterlaufen, die hier eine besonders kaltes Exemplar der Gattung Frau verkörpert. Am Schluss wird etwas gegen Scheidungen polemisiert und gegen Männer, die sich jüngere Frauen nehmen, aber das Augenrollen hält sich in Grenzen.

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Episode 81: Der Liebespaarmörder (Michael Braun, Deutschland 1974)

Die schöne Kellnerin Anita (Christiane Krüger) kann sich der Avancen der Männer in dem Lokal der Meringers (Claus Biederstaedt und Ruth-Maria Kubitschek), in dem sie arbeitet, kaum erwehren. Als ihr Freund Karl (Tommi Piper) sie abholt und zu einem abgelegenen Platz in den Wald zum Knutschen bringt, werden die beiden erst verfolgt und dann schließlich überfallen. Karl fällt dem Unbekannten beim Versuch, ihn zu verjagen, zum Opfer. Als Verdächtige kommen Kurt Meringer in Frage, der ein Auge auf seine Angestellte geworfen hatte, der Stammgast Korte (Jan Hendriks), der sich bei ihr immer wieder einen Korb abholte, und ihr Vater (Rolf Henniger), ein Künstler, der seine Tochter als Marienfigur malte.

Die Männer kriegen schön ihr Fett weg in dieser Episode, in der Biederstaedt mal wieder einen jener onkeligen Vergewaltiger spielt, die er drauf hat wie kein anderer. Gleich zu Beginn tratschen zwei ältere Herren über die scharfe Anita mit den langen Beinen und darüber, wie gut der Kerl es doch hat, der sie abholen darf. Hahaha, hohoho. Es ist das Grauen, vor allem weil die Frauen, allen voran die Meringer direkt danebenstehen und doch so behandelt werden, als seien sie gar nicht da.

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Episode 82: Traumbilder (Helmuth Ashley, Deutschland 1974)

Der Drogenabhängige Andreas Merkel (peter Chalet) wird auf offener Straße aus einem fahrenden Auto erschossen, Kommissar Keller beim Rettungsversuch verwundet. Der Junge war ein Freund von Martina Linnhoff (Sabine von Maydell), die vor einigen Monaten nach einem LSD-Trip in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert werden musste. Die Spuren führen in einen Appartementkomplex des reichen Unternehmers Kremer (Paul Hubschmid), der hier offensichtlich nicht nur Drogen verkaufte, sondern das Mädchen auch an den alten Weinhändler Schamberg (Alexander Rolling) verscherbeln wollte …

Die Episode erinnert mit ihrer von einem schlechten Trip geschädigten jungen Frau etwas an die spätere DERRICK-Folge EIN TODESENGEL, nur dass sich das Ganze hier nicht zum Rachedrama, sondern zu einer relativ handelsüblichen Gangstergeschichte entwickelt. Harry Mayen spielt den Psychiater, DERRICK-Stammschauspieler Wilfried Lier den Hausmeister des Wohnkomplexes. Keller unterstützt aus dem Krankenhausbett, was Reinecker später ebenfalls bei DERRICK wieder aufgreifen sollte.

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Episode 84: Am Rande der Ereignisse (Theodor Grädler, Deutschland 1976)

Der Kunstexperte Dr. Zorn (Paul Edwin Roth) wird von einem unbekannten durch die Tür seines Hotelzimmers ermordet. Kurz zuvor hatte der der Hotelsekretärin Erna Gutmann (Maria Schell) einen Brief diktiert, mit dem er von einem Geschäftspartner mehr Geld für seine Arbeit einfordern wollte. Das Diktat wurde von einem Drohanruf unterbunden, nachdem der Mann die Sekretärin fortschickte. Kurz nach dem Mord erhält auch sie einen Drohanruf. Kommissar Keller ahnt aber schnell, dass sie etwas weiß. Die Spur führt zu der Kunsthandlung von Kampmann (Romual Pekny) und seinem Sohn (Werner Pochath).

Eine eher schwache Episode: Der Mordfall gibt nicht viel her und das Drehbuch verschwendet viel zu viel Zeit auf die Beziehung der Gutmann zu ihrer an Multipler Sklerose erkrankten Tochter (Gaby Fischer): Hier gibt es wieder die Überdosis Melodram um das hübsche Mädchen, dass in krasser Verleugnung der Tatsachen und mit leuchtenden Augen frohlockt, dass es bald schon wieder tanzen gehen werde oder beim Spaziergang schon fast wieder die Kirche erreicht habe. Und Erwin Klein (Elmar Wepper) ist natürlich zu Herzen gerührt ob dieser Unverdrossenheit angesichts eines schweren Schicksals. Der ganze Subplot hat letztlich keine andere Funktion als Maria Schells Figur ein Motiv für ihr Schweigen zu geben – sie bekommt Geld dafür, das sie gut gebrauchen kann – und krankt an übertriebener Gefühlsduselei als auch an mangelnder Sensibilität im Umgang mit solchen Themen (das zeigt sich auch in späteren DERRICK-Folgen, in denen es um Behinderungen geht). Der Showdown, in dem Erik Schumann auftritt, ist ganz nette, sonst bleibt da nicht viel. Selbst Pochath wird gnadenlos verschenkt. Ganz sicher einer der raren Tiefpunkte der Serie.

Achtung: Episode 83: Das goldene Pflaster (Wolfgang Becker, Deutschland 1975) ist aus rechtlichen Gründen nicht in der DVD-Komplettbox enthalten (es fehlt noch eine weitere Episode), vielleicht reiche ich die zu einem späteren Zeitpunkt nach.

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Episode 85: Warum es ein Fehler war, Beckmann zu erschießen (Michael Braun, Deutschland 1976)

Der Geldtransporter-Fahrer Beckmann (Dirk Dautzenberg) wird nach einem Überfall von den Gangstern um Koch (Hans Brenner) erschossen. Das hätte eigentlich nicht passieren dürfen, denn er war in die Planungen der Verbrecher involviert, sollte sogar mit einem Teil der Beute für sein Mitwirken entlohnt werden. Beckmanns Sohn (Jörg Pleva) führt Keller und seine Männer auf die richtige Spur. Und die führt von Koch geradewegs zum Bankdirektor Höringer (Will Quadflieg), der ein sehr seltsames Verhältnis zu seiner jüngeren Gattin (Alwy Becker) und seinem Sohn Erhard (Gerd Böckmann) pflegt …

Gute Episode, die neben dem interessanten Kriminalfall überdies mit einer tollen Besetzung aufwartet (neben den Genannten wirkt auch noch der immer gern gesehene Ulli Kinalzik als Verbrecher mit). Gleich zu Beginn läuft der Nummer-eins-Hit „Kung Fu Fighting“ (der mehrmals Anwendung findet) und in einer ultraschmierigen Nachtclub-Szene sorgt Michael Holms Schmachtfetzen „Tränen lügen nicht“ für die passende besoffen-rührselige EIn-Uhr-Nachts-Stimmung. Auch das Script ist hervorragend: Immer, wenn man glaubt, den Fortgang der Geschichte zu erahnen, gibt es eine überraschende Wendung. So ist dann auch nicht die Dingfestmachung von Koch entscheidend, sondern der sehr bizarr verlaufende Besuch von Brenner und Heines im Hause des Bänkers, bei dem vor allem Böckmann zu Hochform aufläuft und eine der verrotteten Großbürgerfamilien zum Vorschein bringt, auf die Reinecker sich dann bei DERRICK spezialisierte. Wenn es was zu mosern gibt, dann das die Auflösung nicht mehr wirklich etwas zusetzen kann – und das der gute Walter hier leider durch Abwesenheit glänzt.

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Episode 86: Ein Mord auf dem Lande (Theodor Grädler, Deutschland 1976)

Die erwachsenen Kinder des Wirtshaus-Besitzers Tolke (Walter Sedlmayr) – die Töchter Grete (Lis Verhoeven), Anni (Jutta Speidel) und Sohn Walter (Martin Semmelrogge) sowie Annies Freund Hans (Frithjof Vierock) – zittern jeden Abend, wenn ihr Vater den Laden betrunken abschließt, denn dann gibt es meist Schläge für sie. Auch an diesem Abend wird Tolke wieder übergriffig – doch am Ende liegt er selbst mit einem Beil erschlagen im Hof. Alle verdächtigen Hans, der vor Tolke nach draußen geflohen war, doch der schwört, mit dem Mord nichts zu tun zu haben. Der Nachbar Krüger (Werner Kreindl) tritt als Zeuge auf …

Dem Kriminalfall fehlt etwas der Pep, aber ich liebe diese bayrisch-zünftigen Gasthof-Settings mit Trachten tragenden Herren, die zu Blasmusik aus der Musikbox ihre Maß trinken. Ihren Wirt haben sie alle gehasst, weil sie wussten, dass er ein Schwein war, aber getan haben sie natürlich nichts – immerhin hat er ihnen das Bier verkauft. In einer schönen Szene hält einer der Trinkenden eine flammende Rede, wie gut es doch sei, dass Tolke jetzt endlich tot sei, verdient habe er es und das sei überhaupt kein Grund Trübsal zu blasen, woraufhin er demonstrativ die Musik anmacht. Das kann Keller natürlich nicht durchgehen lassen: EIn Mord ist durch nichts zu rechtfertigen, bellt er, und zieht den Stecker. Am Ende stecken hinter dem Mord ganz weltliche Motive, aber das kennt man von Reinecker ja schon.

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Der Klatschkolumnist Baby Schimmerlos (Franz-Xaver Kroetz) rast mit seinem Partner, dem Fotografen Herbie Fried (Dieter Hildebrandt), atemlos durch München, immer auf der Suche nach dem heißesten Skandal, der größten Sensation, der neuesten Neuigkeit und der besten Party mit den berühmtesten Gästen. Dabei kämpft er gegen die Einmischung von Politik und Wirtschaft, die eigene Verlegerin Unruh (Ruth-Maria Kubitschek), die gern den Anschein von Moral wahren möchte, aber auf Auflage natürlich nur ungern verzichtet, Freundin Mona (Senta Berger), die von ihm ständig aufs Abstellgleis geschoben wird, weil wieder irgendwo ein Termin ansteht, und natürlich gegen sich selbst, weil er sich als journalistisches „Trüffelschwein“ zwar einen Namen in der Münchener Szene gemacht hat, letzten Endes aber doch nur ein kleiner Schmierfink ist, mit dem sich keiner wirklich abgeben mag.

Helmut Dietl orientierte sich für seinen Blick auf die feine Münchener Gesellschaft an realen Vorbildern: Baby Schimmerlos ist dem Klatschreporter Michael Graeter nachempfunden (heute vertritt der seine ekelhaften Ansichten manchmal noch als selbsternannter „Society-Experte“ in diversen Boulevard-TV-Formaten), der damals für die unter Anneliese Friedmann herausgegebene Abendzeitung (hier „Münchner Allgemeine Tageszeitung“) die Feder schwang, sein Partner Fried dem Fotografen Franz Hug, im Bayrischen Ministerpräsidenten (Georg Marischka) erkennt man unschwer Franz-Josef Strauß wieder und etliche weitere Parallelen sind mehr oder weniger offensichtlich. München erweist sich bei Dietl als Stadt des schönen Scheins, in der die „oberen Zehntausend“ einen Ringelpiez der Eitelkeiten aufführen, sich gegenseitig das Gefühl geben, wichtig und gut zu sein, um im Ernstfall Gefälligkeiten auszutauschen, die in Zukunft als nützliche Druckmittel dienen könnten. Schimmerlos inszeniert sich selbst als Durchblicker und Hofnarr der Reichen und Berühmten, glaubt irgendwann selbst an seine gesellschaftliche Bedeutung, ist aber letztlich nur ein besonders armes Licht. Immer, wenn er sich selbst mal ein Stück vom Kuchen sichern will, bekommt er gnadenlos seine Grenzen aufgezeigt. Seine „Enthüllungen“ enthüllen nicht mehr als das, was man ihm großzügig zugesteht, weil so ein bei Laune gehaltenes „Trüffelschwein“ mit flexiblen moralischen Prinzipien dann und wann ganz nützlich sein kann, wenn man sich selbst die Hände nicht schmutzig machen will. Dann wird Schimmerlos zum „willigen Vollstrecker“, der der ihm sorgfältig ausgelegten Spur folgt, immer den vermeintlichen Scoop vor Augen, mit dem er ganz groß rauskommt, und genau in dem Maße blind, ahnungslos und naiv, in dem er sich für intelligent, gewieft und unantastbar hält.

Die sechs Episoden von KIR ROYAL führen in die Grenzbereiche zwischen Wirtschaft, Showbiz und Politik, zeigen die einzelnen Systemkreise als unauflösbar miteinander verbunden, das anscheinend lustige Gesellschaftsspiel des Drinnen und Draußen als äußerst rigide organisiert. Immer wieder werden da die Machtstrukturen auf den Kopf gestellt, landet Schimmerlos nach seinen Höhenflügen zwar auf beiden Füßen, aber doch auf dem Boden der Tatsachen. Das zeigt sich gleich in Episode 1, „Wer reinkommt, ist drin“, in der Schimmerlos zuerst als der Gatekeeper vorgestellt wird, dessen Kolumne darüber bestimmt, wer „in“ ist und wer zum erlauchten Kreis dazugehört. Mit äußerster Arroganz lässt er Generaldirekter Heinrich Haffenloher (Mario Adorf), einen provinziell anmutenden Großunternehmer, der unbedingt in einer von Babys Kolumnen landen will, abblitzen, nur um am Ende von diesem genau da gepackt zu werden, wo es am schmerzhaftesten ist: am Geldbeutel. „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld“, sagt Haffenloher als mephistophelischer Einflüsterer, genau wissend, dass jeder seinen Preis hat und der von Lakaien wie Schimmerlos für Leute wie ihn aus der Portokasse bezahlbar ist. Oder auch in Episode 3, „Das Volk sieht nichts“, in der Schimmerlos in den Streit um eine zum Verkauf stehende Villa verwickelt und kurzzeitig zu ihrem Besitzer wird, bis der machtlüsterne Politiker Gaishofer (Hanns Zischler) seine ganze Abgewichstheit unter Beweis stellt und am Ende der überlegen grinsende Sieger ist. Oder natürlich in Episode 5, „Königliche Hoheit“, in der Babys Versuche, die bayrische Königin der Militärdiktatur Mandalien, Katharina Patricia (Michaela May), mit einem Liebhaber im Bett zu fotografieren, einen Waffendeal aufdecken, den sie mit dem international bekannten Händler Raeber (Paul Hubschmid) eingeht. Die Enthüllung dieses Skandals bringt Baby aber mitnichten Respekt und Ruhm, sondern nur den Ärger der Politik, die nun eine Peinlichkeit zu vertuschen haben, und den Hass des Volkes, dem er die monarchische Projektionsfläche genommen hat. Das Spiel des Boulevards kann nicht gewonnen werden, weil alle Regeln außer Kraft gesetzt sind.

Man kann sich KIR ROYAL im Jahr 2015 nur zu gut als ausufernde, episch erzählte 70-Folgen-Serie nach US-amerikanischem Vorbild vorstellen. Wie Baltimore in den fünf Staffeln von THE WIRE würde München dann zu einem lebendigen Mikrokosmos mit vollständig entwickelter Infrastruktur, Baby Schimmerlos‘ Bemühungen, dem Sumpf schäbiger kleiner Partygeschichten zu entkommen und dahin zu gelangen, wo die wirklich wichtigen Geschichten geschrieben werden, würde zu einem faustischen Pakt mit der Macht und den Protagonisten erst an die Spitze der Gesellschaft führen, dann schließlich seinen Sündenfall einleiten. Aber so haben Dietl und Co-Autor Patrick Süskind (die beiden hatten vier Jahre zuvor bereits MONACO FRANZE – DER EWIGE STENZ zusammen geschrieben) ihre Miniserie im Jahr 1986 nicht konzipiert. Der etwas beliebig scheinenden Untertitel gibt ersten Aufschluss über die Struktur von KIR ROYAL: AUS DEM LEBEN EINES KLATSCHREPORTERS. Nicht „Das Leben“, sondern „aus dem Leben“: Hier wird schon klar, dass Dietl und Süskind eben keinen epischen Anspruch erheben, keine geschlossene Welt mit voll entwickelten Charakteren erschaffen, sondern eher einen schlaglichtartigen Blick, wie im Vorbeiflug, ermöglichen. Was aus dem Deal zwischen Haffenloher und Schimmerlos wird, wie der Reporter den Tod seiner Mutter (Erni Singerl) verarbeitet, was aus ihm nach dem Ende der sechsten Folge wird: Wir wissen es nicht. Als Reaktion auf den Persönlichkeitsrechte munter missachtenden Enthüllungseifer Schimmerlos‘ könnte man auch sagen: Es geht uns nichts an.

Die Enttäuschung darüber, das nicht jede Frage beantwortet wird, manche liebgewonnene Figur keinen zweiten Auftritt bekommt, verfliegt angesichts der gebotenen Klasse schnell. So gut ist deutsches Serienentertainment in den seit KIR ROYAL vergangenen drei Jahrzehnten leider viel zu selten gewesen (auch die vielerorts hochgejubelten Wedel-Mehrteiler können da m. E. zu keiner Sekunde mithalten). Der Humor gerät nie zu grell, andererseits gefällt sich KIR ROYAL auch nicht in ausgeprägter, humorloser Bissigkeit. Die Waage wird immer fein gehalten, was angesichts der Absurditäten, mit denen die Handlung beschäftigt ist, eine beachtliche Leistung ist. Im Kontext betrachtet, kann man Dietls und Süskinds fragmentarischen Ansatz durchaus als programmatisch verstehen: Im Unterschied zu Schimmerlos glauben sie daran, dass manches Detail eben nicht erzählt werden muss, die Andeutung oder die Ellipse manchmal das wirkungsvollere erzählerische MIttel ist. Diese Haltung ist so unmissverständlich, dass auch die „Kritik“ hier nicht mehr explizit gemacht werden muss. EIn Glücksfall. Wir dürfen in Baby Schimmerlos den eitlen Narren sehen, der sich nicht zu schade dafür ist, in einem schmutzigen Geschäft der Beste sein zu wollen, aber es ist nicht nötig, ihn zu hassen. Er ist eine Witzfigur. Vielleicht begreift er es am Schluss. Graeter hat es bis heute nicht verstanden.

Klang des Titels, Thema des Films, Darstellerriege und Stabliste – allen voran natürlich Produzent Luggi Waldleitner und Regisseur Alfred Vohrer – suggerieren sofort eine weitere Simmel-Verfilmung. Doch nach UND JIMMY GIG ZUM REGENBOGEN, LIEBE IST NUR EIN WORT und DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND wurde statt eines weiteren Romans des deutschen Bestseller-Autoren die Adaption der Novelle „Der Schneesturm“ von Alexander Puschkin besorgt – nach dem bewährten Erfolgsrezept natürlich. Die größte Überraschung, die sich während der Betrachtung des Films einstellt, ist dann auch die Tatsache, dass sich UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR trotz aller beabsichtigten Gemeinsamkeiten von Vohrers Simmel-Verfilmungen deutlich abhebt. Ihn als wirklich guten Film zu bezeichnen, ginge indes zu weit. Ich würde jederzeit argumentieren, dass die Waldleitner-Simmels gerade in ihrer ästhetischen Unerträglichkeit sehr einzigartig und faszinierend sind und mit solchem eigentümlichen Reit kann UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR nicht wirklich mithalten. Aber das kann man durchaus auch positiv sehen: Die Charaktere sind – anders als die Simmel’schen Egomanen – lebendig, sympathisch oder aber wenigstens nachvollziehbar in ihrem Handeln, die Weltsicht ist nicht ausschließlich besserwisserisch-negativ, Humor ist tatsächlich möglich. Ja, man hat wirklich den Eindruck, dass die Geschichte auf gewissen menschlichen Erfahrungswerten basiert, dass sie nicht von einem Narziss erdacht wurde, der seine Mitmenschen wie Versuchsobjekte und die Welt wie eine Ameisenfarm betrachtet und seine Romane konstruiert wie Thesenpapiere.

Die Abiturientin Christine Luba (Anita Lochner) hat sich in den einige Jahre älteren französischen Studenten Alain (Alain Noury) verliebt. Die beiden sind ein Herz und eine Seele, doch Christines Vater (Wolfgang Reichmann) behagt die Verbindung der beiden überhaupt nicht. Christines Mutter Irene (Ruth-Maria Kubitschek) verließ ihn wegen seiner unerträglichen Eifersucht, die eigene Schwester (Eva Christian) betrachtet er aufgrund der Tatsache, dass sie alleinerziehend ist, wie eine Aussätzige. „Liebe“ ist für ihn ein überkommenes Konstrukt für hoffnungslose Träumer und der richtige Mann für seine Tochter muss vor allem über einen gewissen Status verfügen. Eine Verkettung schicksalhafter Zufälle führt Christine schließlich mit dem Industriellensohn Martin (Malte Thorsten) zusammen, den Luba sofort als seinen Schwiegersohn in spe betrachtet. Was zunächst niemand weiß: Martin hat einen tragischen Unfall verursacht, bei dem Alain sein Leben verloren hat …

Die tragisch verlaufende Doppel-Liebesgeschichte, an deren Ende Christine den schmerzhaften Verlust gleich zweier Liebhaber betrauern muss, ist auf dem Papier tatsächlich aus demselben Stoff, aus dem die Simmel-Träume sind. Die Handlung der Puschkin’schen Novelle wurde für UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR aus dem Russland des 19. Jahrhunderts ins Lübeck der Gegenwart verlagert, wo sich diesmal aber kein in der Midlife-Crisis gefangener Großbürger auf verzweifelte Sinnsuche begibt, sondern ein junges Mädchen gegen die überkommenen Vorstellungen der Elterngeneration ankämpfen muss. Die erste Hälfte von Vohrers Film widmet sich ganz der blühenden Liebe von Christine und Alain, verplempert die kostbare Erzählzeit geradezu leichtsinnig mit der Darstellung des jungen Glücks und erspielt sich mit solcher Sorglosigkeit einige Sympathiepunkte. Selbst der „Schurke“ des Films, Christines patriarchischer Vater, darf mit seinen Sorgen und Ängsten Mensch bleiben, auch wenn er am Stammtisch Puffgeschichten von rassigen „Negerinnen“ zum Besten gibt. Das Liebespärchen ist vielleicht eine Ecke zu sorglos, um wirklich als authentisch durchzugehen – angeblich orientierte man sich am US-amerikanischen Vorbild LOVE STORY, das kurz zuvor sämtliche Kassenrekorde gebrochen hatte –, aber das verzeiht man dem Film, für den Vohrer sich einige hübsche Kabinettstückchen hat einfallen lassen. Irgendwann versumpft UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR dann aber: Das Geschichtchen ist auffallend banal, mäandert ohne rechte Entscheidungsfreude dahin, sodass man sich unweigerlich fragt: What’s the point? Der erzählerische Clou, der darauf die Antwort liefert, die Entscheidung, den Zuschauer über den Verbleib Alains erst mittels einer verspäteten Rückblende aufzuklären, wirkt indes unangenehm gimmickhaft und unaufrichtig. Der Junge, der immerhin eine gute Stunde lang Identifikationsfigur für den Zuschauer war, hat eigentlich mehr Respekt verdient, als für einen eher preisgünstigen Drehbuchkniff verheizt zu werden. Man nimmt es aber so hin, weil die unerwartete Verwebung der drei Schicksale nach der Story aus dem Bravo-Beziehungsratgeber wenigstens einen Hauch von narrativer Finesse mit sich bringt.

Am Ende ist UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR ein unbefriedigender Film: Er ist zu gut, und ja: zu sympathisch, um ihn vehement zu verreißen, aber auch irgendwie zu egal, um sich wirklich für ihn einzusetzen. Es fehlen ihm die bizarren Momente, die Geschmacksentgleisungen, der Hang zum bodenlosen Melodram, das Suhlen im Morast der Siebziger, die die Simmel-Filme zum Teil zwar so abstoßend machen, denen es damit aber eben immerhin gelingt, wenigstens eine echte Emotion beim Betrachter zu evozieren. UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR st hingegen: Nett. Klassischer Fall von kann man gucken, muss man nicht.

dqbMNXywtOkRqHSwnEFX4aG3NwzWenn ich mich für mein persönliches Kongresshighlight entscheiden müsste, würde ich wahrscheinlich Heinrich Georges SCHLEPPZUG M17 wählen. Das schönste und im positiven Sinne gemütlichste Sichtungserlebnis war jedoch Eberhard Schröders MADAME UND IHRE NICHTE. Der berauschte Zustand, in dem ich ihn sah, trug sehr zu seiner Wirkung bei. Die leichte Erotikkomödie ist gewiss nicht der nachhaltigste Film aller Zeiten, aber er stellte eine Menge mit mir an und hätte für mich noch Stunden weitergehen können.

Die schöne, kultivierte Michelle (Ruth-Maria Kubitschek) lässt es sich in den Betten reicher, meist älterer Männer gut gehen. Ihr aktueller Lover erleidet beim Liebesspiel einen Herzkasper, während sie in Träumen über la dolce vita schwelgt. Ein neuer Lover muss her, und mit dem Millionärssohn Peter von Hallstein (Fred Williams) und dem distinguierten Jochen Reiter (Rainer Penkert) stehen gleich zwei Kandidaten bereit. Mindestens ebenso viel Eindruck wie Michelle macht auf die beiden jedoch ihre Modeltochter Yvette (Edwige Fenech), die Michelle aus Eitelkeit als ihre Nichte auszugeben pflegt. Anders als ihre Mama ist Yvette jedoch auf der Suche nach einer ernsten Beziehung …

Das Faszinierende an MADAME UND IHRE NICHTE, das, was mich den ganzen Film über fesselte und mein Interesse über die volle Laufzeit wachhielt, ist gewissermaßen sein Bastardstatus. Die deutsche Produktion lässt ihre Herkunft zeitweise vollkommen vergessen und wirkt plötzlich wie ein lupenreiner Italofilm, bevor ein Auftritt der unverwüstlichen Rosl Mayr oder des jungen Rudolph Moshammers (der auch die Kostüme beisteuerte) einen wieder zurück in die Realität holt. Kritiker könnten bemängeln, dass Eberhard Schröder sich nicht ganz entscheiden konnte, ob sein Film nun eine beschwingte Beziehungs- oder aber eine knallige Sexkomödie sein sollte, aber ich empfand gerade das ständige Pendeln zwischen diesen Polen als enorm reizvoll. MADAME UND IHRE NICHTEN wird einfach nie langweilig, bietet auf engstem Raum eine Vielzahl unterschiedlicher Attraktionen (die größte ist natürlich der Luxuskörper der Fenech), unfassliche Sleazemomente – dieser schmalzige Schlager, der zu Beginn erklingt, oder die erste Fotosession, mit einem sich fast bis zum Orgasmus verausgabenden Fotografen und einer zunehmend genervteren Yvette –, schöne Gags und haufenweise zitierwürdige Dialogzeilen, von denen ich leider nur noch eine parat habe. Aus irgendeinem Grund beschließt Yvette, dass sie gegenüber ihrer Mama einen Haschischrausch simulieren möchte. Mit tiefschwarzen  Augenringen ausgestattet und völlig apathisch lässt sie sich von ihren esoterischen WG-Kollegen nach Hause tragen, wo die tief besorgte Mutter nach Antworten sucht. Aus dem Mund einer von Yvettes Freundinnen dringt als Erklärung ein Satz, der mit verändertem Genus auch auf zahlreiche Kongressbesucher zuträfe: „Sie ist entrückt.“ Das Geschmackvolle – vor allem in Gestalt der schönen, mondänen Ausstattung – und das Niveaulose geben sich hier in einer Tour die Klinke in die Hand, ohne dass MADAME UND IHRE NICHTE dabei chaotisch oder zerrissen wirken würde. Schröder schafft es wie durch ein Wunder, sogar dann seine Würde zu bewahren, wenn er zwei schwule Studenten eine nackte Schwarze mit einer Banane füttern lässt. Ich bedauere es, kein kohärenteres Bild mehr von diesem Film zu haben, der jetzt schon auf eine hohe Platzierung in meiner Bestenliste 2015 hoffen darf. Wie wunderbar wäre es, wenn man ihm eine DVD-Veröffentlichung spendierte. Ich bin mir sicher, sein Zauber würde auch andere nicht unberührt lassen.

Ein weißer Bungalow im vornehmen München, vor der Tür parkt eine blaue Corvette, im grünen Garten blitzt leuchtend blau ein Swimming Pool. Drinnen leben Angela (Ruth-Maria Kubitschek), wohlhabende Unternehmerin und Firmeninhaberin, und ihr Ehemann Jan (Harald Leipnitz), ihr Geschäftsführer und an der kurzen Leine geführtes, allerdings nicht mehr ganz so knackfrisches Boy Toy: Das schöne Leben in der Bayernmetropole fordert seinen Tribut. Das Haus ist mit protzigem Prunk, geschmacklosen Buddhastatuen und anderem Tand vollgestellt, den man anhäuft, wenn man nicht mehr weiß, wofür man seine Kohle ausgeben soll. Angela trägt wallende Gewänder mit psychedelischen Dekoren und macht sich ihr Kristallglas an der gut sortierten Hausbar halbvoll mit Whiskey, wird den berühmten Schwips, der solch mondänen Damen immer einen Hauch von Verrucht- und Verkommenheit verleiht, gar nicht mehr los, trägt ihn aber mit Würde. Jan hat dicke Koteletten und ein verlebtes Gesicht, der nicht mehr zu verleugnende Bauchansatz hindert ihn nicht daran, die Hemden bis zum Nabel aufzuknöpfen, und auf der Fahrt in dem schicken Sportwagen durch München lässt er sich von seiner leicht bekleideten Geliebten, der dümmlich-püppchenhaften Gina (Véronique Vendell) so unverhohlen am Schwanz herumfummeln, dass er den ein oder anderen Unfall verursacht. Den guten Ehemann spielt er Angela noch nicht einmal mehr vor. Warum auch? Die Gattin lässt ja keinen Zweifel daran, dass sie ebenfalls nur an seinem Körper interessiert ist, weil sie weiß, dass er zu sehr an ihrem Geld hängt, als dass er sie und das Leben, das ihm ihr Vermögen ermöglicht, aufgeben würde. Die beiden sind die bittere Karikatur eines Ehepaares, das sich so weit auseinandergelebt hat, dass es nicht einmal mehr für Hass reicht. Sie schießen unentwegt kleine Giftpfeile aufeinander ab, weil sie ja irgendeine Form der Kommunikation pflegen müssen, wenn sie schon zusammen unter einem Dach wohnen. Das alles verfängt längst nicht mehr. Alkohol, Geld und folgenloser Sex haben einen dichten Nebelschleier um die beiden gelegt, der alles dämpft, was vom anderen auf sie eindringt. Es könnte eigentlich ewig so weitergehen – und das wäre auch ein toller Film geworden –, aber Jan fasst dann doch den Plan, seine Gattin umzubringen, mithilfe seiner Freundin, die sich vor Zeugen als Angela ausgibt, ihren Selbstmord vorzutäuschen und so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Aber weil ICH SCHLAFE MIT MEINEM MÖRDER ein Film vom erfahrenen Krimi-Regisseur Wolfgang Becker ist, geht alles schief, was nur schiefgehen kann.

Man könnte sich ICH SCHLAFE MIT MEINEM MÖRDER gut als DERRICK-Episode vorstellen. Die Beziehung der zwei bzw. drei Protagonisten, der Mordplan und die Ausführung desselben, die unerwartete Panne, die sich weiter anhäufenden Komplikationen, das beharrliche Nachhaken eines strengen, gewissenhaften, asketisch wirkenden Kommissars (Friedrich Joloff), die wachsende Panik der heißen Täter, die sich immer tiefer in Widersprüche verstricken: Die Struktur des Films nimmt den Standardverlauf der 1974 gestarteten Erfolgsserie und deren Handlungsort München deutlich vorweg, bleibt mit dem Fokus aber die ganze Zeit auf dem Täterpärchen, statt sich irgendwann ganz dem Ermittlerteam zuzuwenden. Auch das Sujet, die Atmosphäre neureicher Dekadenz, großbürgerlicher Langeweile, selbstverliebter Schickeria und schnapsgetränkter Selbstkasteiung und das sensationslüsterne Wühlen Beckers in den verschlackten Seelenabgründen des Ehepaars erinnern an die Krimiserie, deren Titelfigur sich mit unerschütterlicher Geduld am Großbürgertum abarbeitete. Verstärkt wird der ätzende Humor Beckers, seine Verachtung für die beiden Manipulatoren, die glauben, sich alles kaufen zu können, durch die Tatsache, dass der zunehmend verzweifelter agierende Jan eigentlich gar nichts getan hat: Nun sieht es so aus, als würde er für ein Verbrechen bestraft, dass er gar nicht begangen hat, während er mit dem planmäßig ausgeführten Mord wahrscheinlich davongekommen wäre (als Todesschütze hat er freilich und vorbeugend seine willige Gina auserkoren, das feige Dreckschwein). Das passt auch gut zur Schlusspointe, die an die fiesen Moralkeulen erinnert, mit denen die TALES FROM THE CRYPT-Episoden zu enden pflegen und ICH SCHLAFE MIT MEINEM MÖRDER in ein ganz anderes Fimuniversum überführt.

ICH SCHLAFE MIT MEINEM MÖRDER war am letzten Kongresstag noch einmal ein echter Höhepunkt, ein wunderbares Beispiel dafür, was für Schätze deutscher Psychotronik in den Archiven dem unweigerlichen Vergessen entgegenschimmeln. Der von Wolf C. Hartwig produzierte Film sah toll aus (einen Kameramann kennt die IMDb leider nicht), verfügte über einen beschwingten Score von Martin Böttcher, ein wunderbares, mit tollen Details und bissigen Dialogen vollgestopftes, wendungsreiches Drehbuch, die hüpfenden Brüste von Veronique Vendell und natürlich das fantastische Hauptdarstellerpaar. Ruth-Maria Kubitschek, mittlerweile längst in den ungnädigen Armen des Altersirrsinns versunken, brilliert als manipulative Männermörderin mit Whiskyatem, Harald Leipnitz, gibt eine dunkle, heruntergekommene Variation der Sunnyboys, mit denen er ein knappes Jahrzehnt zuvor berühmt wurde. Mit seiner Boxernase hatte er zugegeben schon immer das Potenzial zum Schurken (siehe DER ÖLPRINZ), doch erst hier kann er es dank einer vom ausufernden Lebenwandel gezeichneten Figur zu voller Wirkung entfalten. Super, wie er gegenüber seinem dümmlichen Betthäschen immer mehr die Fassung verliert, langsam die Erkenntnis einsinkt, dass es eine ziemliche Schnapsidee war, ausgerechnet diese Frau zu seiner Komplizin in einem Mordkomplott zu machen. Und Ellen Umlauf, humoristische Nebendarstellerin in zahllosen deutschen Filmen der Sechziger- und Siebzigerjahre setzt als erpresserische Althure ein wirkungsvolles i-Tüpfelchen. Toller Film, der zudem Lust auf eine Hausbar macht.