Mit ‘Sabu’ getaggte Beiträge

Ich habe BLACK NARCISSUS für diesen Text gleich zweimal geschaut – und könnte ihn mir gut und gern auch noch ein drittes, viertes und fünftes Mal ansehen. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass BLACK NARCISSUS einer der bildgewaltigsten, schönsten und farbenprächtigsten Filme ist, die ich je gesehen habe. Und wie die zuletzt gesehenen THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP und A MATTER OF LIFE AND DEATH des Regisseur-und-Autoren-Gespanns Powell/Preeburger handelt es sich auch bei diesem um ein Musterbeispiel an Geschmack, Stil und Intelligenz. Aber er ist auch anders: Konnte man die beiden vorgenannten Filme noch als „Themenfilme“ bezeichnen, als Filme mit einem Thema und einer „Aussage“, so ist BLACK NARCISSUS stärker figurenorientiert und psychologisch. Ich habe ihn auch deshalb zweimal nacheinander gesehen, weil mir am Ende des ersten „Durchgangs“ klar geworden war, dass mir viele wichtige Details entgangen waren. Ich musste das erst einmal alles wahrnehmen, aufsaugen und verarbeiten, was da an Farbenpracht und Opulenz auf mich eingeprasselt war, um mich dann ums Verstehen zu bemühen. Wie die Nonnen des Films, die in ihrem verlassen in den Bergen liegenden Kloster inmitten einer fremdartigen Kultur und von kalten Winden umtost einen wahren Kulturschock erleben, der ihr Innenleben gründlich durcheinanderwirbelt, musste auch ich mich als Zuschauer erst einmal wiederfinden, um mich ihm dann noch einmal stellen zu können.

BLACK NARCISSUS ist ein tief sinnlicher, ungemein erotischer Film – nicht zuletzt deshalb, weil Sinnlichkeit und Erotik aufgrund des Sujets (und der damals vorherrschenden Moralvorstellungen) nur unterschwellig verhandelt werden. Die Nonnen, die ausgerechnet im ehemaligen „Frauenhaus“ des Generals ein Kloster eröffnen sollen, stoßen in der überwältigenden Abgeschiedenheit der Bergwelt des Himalayas an ihre Grenzen, beginnen ihr Gelübde – das sie zur Enthaltsamkeit zwingt – zu hinterfragen, und sich an die Zeit davor zu erinnern, eine Zeit, die nicht zuletzt von enttäuschten Liebschaften geprägt war. Der virile Mr. Dean (David Farrar), der ihnen als eine Art Hausmeister zur Verfügung steht, gerät ohne sein Zutun zwischen die junge Oberin Schwester Clodagh (Deborah Kerr) und die nervlich sowieso schon angespannte Sister Ruth (Kathleen Byron), die jede einfache Freundlichkeit direkt als amouröse Zuwendung missversteht und eine glühende Eifersucht auf ihre Vorgesetzte entwickelt. Auch der junge General (Sabu), der im Kloster eigentlich nur studieren will, wird auf dem falschen Fuß erwischt, und zwar von dem verführerischen Dorfmädchen Kanchi (Jean Simmons), die – von Jean Simmons völlig „stumm“ gespielt – als beinahe dämonische Verkörperung der in der Luft des Ortes liegenden erotischen Spannung verstanden werden kann. Der General ist auch für den Titel des Films veantwortlich: „Schwarze Narzisse“ ist der Name des Parfüms, das er benutzt, damit die Sinne Kanchis betört und die ihn unterrichtende Nonne verwirrt. BLACK NARCISSUS handelt von der überwältigenden Kraft der Begierde, die unter gewissen Voraussetzungen eine geradezu desorientierende, wahnhafte Qualität annimmt (ich könnte mir gut vorstellen, dass sich Dario Argento diesen Film im Vorfeld von LA SINDROME DI STENDHAL ganz besonders genau angesehen hat), den Menschen an seine Grenzen und im Falle von Sister Ruth gar darüber hinaus führt.

BLACK NARCISSUS wird heute vor allem für seine atemberaubende und makellose Technicolor-Fotografie von Jack Cardiff gerühmt, der die wunderschönen Matte Paintings kongenial einbindet und den Zuschauer mit jedem Bild zu verführen gedenkt. Gegen Ende, wenn der Konflikt zwischen Sister Clodagh und Sister Ruth seinem Höhepunkt entgegensteuert, nimmt der Film eine geradezu fiebrige Qualität an, der man sich nicht entziehen kann. Es ist diese bedeutungsverstärkende Verbindung der im besten Sinne sprechenden Bilder, bedeutsamen Blicke und der vielsagenden, subtilen Dialoge, die BLACK NARCISSUS so herausragend, spannend und, ja, erregend macht. Es gibt übrigens noch eine interessante politische Lesart, die aber interessanterweise auch den eigentlichen „Text“ stützt: 1947, das Jahr, in dem BLACK NARCISSUS erschien, war auch das Jahr, in dem Indien – der Schauplatz des Films – seine Unabhängigkeit zurückerlangte, die britischen Kolonialherren sich verabschieden mussten. Das exotische Land verließen die Briten nicht zuletzt reich an überwältigenden Eindrücken aus einer fremden Kultur, sicherlich nicht nur aus machtpolitischen Gründen mit einem weinenden Auge, das man dann auch in der letzten Einstellung des Filmes sieht, als Mr. Dean den abreisenden Nonnen nachschaut. BLACK NARCISSUS lässt sich mithin auch als Abschiedsfilm lesen, als Liebeserklärung an ein Land, das den Briten die Sinne vernebelte, dass sie liebten, aber nie begreifen konnten.

Ich bin beim Durchforsten der Titel der Warner Archive Collection auf den mir zuvor völlig unbekannten RAMPAGE (deutscher Titel: BRING SIE LEBEND HEIM oder auch IM BANNE DER ROTEN TIGERIN) gestoßen, dessen Covermotiv und Inhaltsangabe mich sofort für ihn eingenommen haben. Es geht um den Fallensteller Harry Stanton (Robert Mitchum), der von einem deutschen Zoo (eigentlich ist es der Zoo von San Diego) den Auftrag erhält, im Urwald von Malaysia „The Enchantress“, eine mythenumwobene Raubkatze, halb Leopard, halb Tiger, einzufangen. Ich versprach mir davon einen farbenfrohen – noch dazu vergessenen – Abenteuerfilm mit Fantasy-Einschlag, den man als Freund des abseitigen Films nur ins Herz schließen kann. Und dass auf dem Regiestuhl Phil Karlson saß, der u. a. den tollen Redneck-Actioner WALKING TALL und den rohen Rachefilm FRAMED zu verantworten hat, schadete auch nicht. RAMPAGE stammt noch aus einer Zeit, als auch den großen Filmstudios mal ein gnadenloser Heuler entfleuchte, den sie sich heutzutage längst nicht mehr erlauben würden – oder zumindest mit so viel Knete aufmotzen, bis er wie eines ihrer typischen Hochglanzprodukte aussieht. Karlsons Film fährt neben der namhaften Besetzung einiges an Schauwerten auf – gedreht wurde auf Hawaii –, kann aber zu keiner Sekunde verbergen, dass seine Wurzeln in der Groschenheft-Literatur liegen, das Drehbuch eilig auf einen Bierfilz gekritzelt wurde und das Budget auch eher karg war. Ich habe mich wirklich angestrengt, RAMPAGE zu mögen, aber es ist mir bis zum Schluss nicht gelungen.

Erzählt werden im Grunde zwei Geschichten, die sich gegenseitig spiegeln sollen, sich aber letztlich nur gegenseitig die Zeit wegnehmen. Hauptplot ist die Jagd auf „The Enchantress“ und zwei Tiger, auf die sich Harry zusammen mit dem reichen Großwildjäger Otto Abbot (Jack Hawkins) und dessen Jahrzehnte jüngerer Geliebte Anna (Elsa Martinelli) begibt. Harry ist der Meinung, dass es falsch ist, Tiere aus purer Lust zu töten, Otto hingegen vertritt die Ansicht, dass erst ein konserviertes, ausgestopftes Tier wahre, unvergängliche Schönheit verkörpert. Ihre beiden unterschiedlichen Haltungen treten auch in ihrer Stellung zu Anna zu Tage, die Harry sofort gefällt. Otto lernte die Frau als 14-jähriges Waisenkind kennen, nahm sie sofort zu sich und gab ihr einen neuen Namen, weil ihm der Klang ihres echten Geburtsnamens nicht gefiel – der Film verschleiert nicht die unangenehmen Implikationen, die mit dieser Geschichte einhergehen. Es ist klar: Auch sie ist nur ein Trophäe für ihn, mit deren Fang er sich brüstet. Dass Harry ihm gegenüber keinen Hehl daraus macht, dass er sie für sich gewinnen möchte, betrachtet er nicht als Affront, sondern als Bestätigung für seinen exzepttionellen Geschmack und als sportliche Herausforderung. Das ändert sich jedoch, als Anna ihm am Ende tatsächlich den Laufpass gibt und sich für Harry entscheidet: Da rastet Otto aus, lässt „The Enchantress“ frei und geht auf die titelgebende „Rampage“.

Der Film krankt vor allem an einem elendig umständlichen Drehbuch, das den Zuschauer mit einer halben Stunde Dialogexposition befrachtet, bevor er endlich im Urwald ankommt. Doch auch dann wird RAMPAGE nur geringfügig interessanter. Dass Harry und Anna zusammenfinden werden, ist schon früh beschlossene Sache, und auch die kleinen Konflikte, die ihnen in den Weg gelegt werden, sind stets als Klischees zu erkennen, die keine Folgen nach sich ziehen werden. Die Jagd auf die Tiger ist ebenso schnell abgefrühstückt wie die Suche nach „The Enchantress“, die sich leider als nur etwas angemalter Leopard entpuppt. Augenfällig ist auch, dass für aufwändige Tieraufnahmen oder Stunts, wie man sie etwa aus HATARI! kennt, kein Geld da war. Erst zum Finale hin kommt in Harrys Auseinandersetzung mit dem Fabeltier in einer Höhle und dem Schlusskampf gegen Otto auf nächtlichen Häuserdächern etwas Spannung auf, aber zu diesem Zeitpunkt hat man auch schon über eine Stunde darauf gewartet, dass irgendwas passiert. Auch die Charaktere sind flach und eindimensional, die Schauspieler bekommen fast nichts zu tun. Mitchum ist MItchum, Hawkins ein Ekel und die schöne Elsa Martinelli, die in LA RISAIA noch mit burschikoser Aufmüpfigkeit erotisierte, erinnert als vornehme Society-Dame mit weißemTeint tatsächlich an eine Mumie. Geradezu schmerzhaft ist es aber, wie mit Sabu umgegangen wird: Als 12-Jähriger für den Film ELEPHANT BOY entdeckt, bestätigte der gebürtige Inder seinen Publikums-Appeal in Zoltan Kordas THE DRUM, bevor er mit den Klassikern THE THIEF OF BAGDAD und JUNGLEBOOK zum Star avancierte. Es ist ein Beispiel für den damals vorherrschenden Alltagsrassimus, dass man mit ihm nicht mehr anzufangen wusste, als ihn immer wieder in Nebenrollen als agilen „Eingeborenen“ oder „Ausländer“ zu besetzen, und er ist gewiss auch nicht der erste Kinderstar, dessen Ruhm an der Schwelle zum Erwachsenwerden verblasste. Aber ihn hier, im Jahr seines tragischen Todes im Alter von nur 39 Jahren (posthum erschien noch A TIGER WALKS), in einer absolut unwürdigen Rolle als rassistisches Klischee des stets gutmütig grinsenden, den weißen Herrenmenschen sklavisch ergebenen, seine Ehefrau andienenden, lendenbeschürzten Urwaldbewohner zu sehen, erstickt noch den letzten Funken von goodwill, den man für RAMPAGE hatte.

Eine Reise zurück in die eigene Kindheit: Aus dem Fernsehen aufgenommen, illustrierte dieser Traum in Technicolor das imaginäre, mittelalterliche Persien, das ich aus den Märchen aus 1001 Nacht kannte. Ferne, fremde und magische Orte wie Bagdad (das man heute mit ganz anderen, weniger farbenfrohen Bildern assoziiert) und Basra erhielten plötzlich eine greifbare Gestalt, ohne dabei die eigenen, farbenfrohen Vorstellungen zu entzaubern: Vielmehr bestätigten sie mich in meiner Überzeugung, dort wüchsen prächtige, ornamental verschnörkelte Paläste in den Himmel, überschatteten Straßen, in denen das pure Leben wimmelte wie in einem Ameisenhaufen. Hinter jeder Ecke konnte dort das Abenteuer lauern, ein Händler den ersehnten fliegenden Teppich feilbieten oder vielleicht die Wunderlampe, der dann ein gutmütiger Flaschengeist entweichen würde, um einem drei Wünsche zu erfüllen. Dort konnte man ebenso der wunderschönen Prinzessin in Not begegnen wie dem finsteren Magier, dessen böser Blick ausreichte, um einen mit einem gefährlichen Fluch zu belegen.

Tatsächlich weiß ich gar nicht mehr so genau, was zuerst da war: diese Bilder eines exotischen Persiens als einem Ort der wahr gewordenen Träume, der Abenteuer und Sehnsucht oder aber THE THIEF OF BAGDAD, der als Treibstoff zur Befeuerung der eigenen Fantasie bis heute unübertroffen ist. Das Regie führende Triumvirat – laut IMDb ergänzt durch die  nicht gecrediteten Alexander und Zoltan Korda sowie Wiliam Cameron Menzies – erzählt die komplexe Geschichte als nicht abreißende Abfolge prächtiger Bilder und Set Pieces. Mehr als durch einen narrativen roten Faden wird der Film durch die Vision eines Ortes zusammengehalten, an dem alles möglich ist, alles große, den Horizont erfüllende Emotion, die Grenze zwischen Realität und Traum vollkommen durchlässig. Gegenwart und Vergangenheit verschmilzen zu einem unauflöslichen Zustand der Sehnsucht: Der Film beginnt mit dem blinden Bettler Ahmad (John Justin) und seinem treuen Freund, einem klugen Hund. Doch Ahmad ist, wie er erzählt, eigentlich ein König und der Hund sein Freund Abu (Sabu), ein kleiner, tapferer Dieb. Beide fielen sie einem Fluch des bösen Magiers Jaffar (Contad Veidt) zum Opfer, der den König in den Kerker werfen ließ. Gemeinsam mit dem ebenfalls dort gefangenen Abu gelang ihm die Flucht nach Basra, wo die Liebe zuschlug: Ahmad verliebte sich unsterblich in die Prinzessin (June Duprez), auf die jedoch auch der böse Jaffar ein Auge geworfen hatte. Mit seinem Zauber geschlagen, bemühen sich die beiden Helden, erst ihre menschliche Gestalt zurückzuerlangen, die Prinzessin zu befreien, den Bösewicht zu besiegen und schließlich den Urzustand wiederherzustellen. Dabei begegnen sie einem Djinn (Rex Ingram), nehmen den Kampf mit einer Riesenspinne auf und stellen sich schließlich Jaffar und seiner Armee.

Das Wiedersehen mit THE THIEF OF BAGDAD ist mit Wehmut verbunden. Zum einen darüber, dass sich die Unschuld und Naivität, mit der ich den Filmen vor rund 30 Jahren zum ersten Mal gesehen habe, nicht lückenlos wiederherstellen lässt. Der Zauber wird durch das Wissen um die Gemachtheit des Films gemindert: Wo ich früher den mächtigen Djinn seinem Flaschengefängnis entweichen sah, sehe ich heute Doppelbelichtungen und Rückprojektionen. Größeren Schmerz bereitet aber die Gewissheit, dass es Filme wie diesen nie wieder geben wird. Die Lust an der Farbe, an Welten, die nicht den schnöden Gesetzen der Logik unterworfen sind, ist im heutigen Kino längst einem ernüchternden Zwang zum Realismus und der Authentizität gewichen. Während THE THIEF OF BAGDAD den direkten Weg zum Herzen wählt, müsste er heute den Umweg über das Hirn machen – und würde dabei genau das verlieren, was ihn auszeichnet. Andererseits sollte man diese heutige Perspektive, der man den Film unterzieht, vielleicht auch nicht überschätzen: Auch wenn seine Effekttechnik heute etwas rührend und unzulänglich anmuten mag, so war der Film zu seiner Zeit doch nicht zuletzt ein technischer Triumph. Die schiere Menge unterschiedlichster Effekttechnologie, die darin zum Einsatz kommt, macht THE THIEF OF BAGDAD zu einem Vorfahren von Kubricks 2001. Beide haben, was Spezialeffektkunst im prädigitalen Zeitalter angeht, enzyklopädischen Charakter.