Mit ‘Salma Hayek’ getaggte Beiträge

Der vor allem in den USA erfolgreiche, aber von der Kritik viel gescholtene GROWN UPS war eine der entspanntesten Komödien der vergangenen Jahre; ein Film, dem die oft als erstrebenswertes Ideal angestrebte, aber allzu oft nur mäßige Ergebnisse zeitigende Prämisse, befreundete Komiker zusammenzustecken und sie einfach mal machen zu lassen, ohne Limitierungen durch ein einengendes Drehbuch, zu ungeahnter Lockerheit verhalf. Das Miteinander von Sandler, James, Rock, Spade und Schneider sowie der anhängenden Frauen fühlte sich so echt und privat an, das die halbherzigen Versuche des Scripts, im dritten Akt doch noch so etwas wie einen Plot zu installieren, umso bemühter wirkten. Es war eigentlich klar, dass der zweite Teil, der ja per se das Problem haben würde, etwas draufsetzen zu müssen und nicht ganz so selbstbewusst bei sich sein könnte.

So krankt GROWN UPS 2 gegenüber dem Vorgänger tatsächlich an einer gewissen Überfülle an Ideen und dem verzweifelten Bemühen, einen richtigen Ansatz zu finden. Versammelten sich die Jugendfreunde mit ihren Familien im ersten Teil nach der Exposition schnell an ihrem Häuschen am See, wo sie ihr gemeinsames Urlaubswochenende in Gegenwart des glücklichen Zuschauers verbringen sollten, ist das Sequel deutlich rastloser, unruhiger, auf der Suche nach jenem Rückzugsort, wo seine Protagonisten ganz sie selbst sein können (was sich auch auf der Handlungsebene spiegelt, etwa in Erics (Kevin James) heimlichen Ausflügen zu seiner Mutter, die ihn füttert und ihn bestätigt). GROWN UPS 2 findet sein Haus am See erst ganz zum Schluss in einer großen Achtzigerparty, auf der sich die versammelten Fortysomethings gegen eine Horde vor Kraft strotzender College-Bros zur Wehr setzen müssen. Insgeheim wünsche ich mir eine Alternativversion des Films, die nur an diesem Abend, nur auf dieser Party spielt, mal diesem, mal jenem Charakter folgt, sie wieder vereint, trennt und in unterschiedlichsten Konstellationen zusammenführt, dabei eine Vielzahl kleiner Episoden spinnt, die sich zum Bild eines wunderbaren Abends zusammensetzen, an dem die Zeit stilzustehen scheint. GROWN UPS 2 ist leider nicht dieser Film, aber er ist dennoch ein Vergnügen, wenn er auch den Erfolg des Vorgängers nicht wiederholen kann.

Die rastlose Suche des Films hat nämlich auch was. Es ist schon bemerkenswert, wie wenig er daran interessiert ist, sich von einer Dramaturgie bändigen zu lassen. Das Selbstbewusstsein, das es dafür braucht, eint ihn mit dem ersten Teil. GROWN UPS 2 bewegt sich mal hierhin, mal dorthin, probiert dieses und jenes, scheut in seinem Hit-and-Miss auch vor blöden Einfällen nicht zurück und findet so zu einer Authentizität, die gerade im Komödiengenre, das dramaturgisch sehr festgefahren und enorm von originellen Prämissen abhängig ist, außergewöhnlich ist. Nicht jeder Gag sitzt, ein paarmal verdreht man die Augen, dann wieder gibt es aber diese wunderbaren Momente und insgesamt reicht es vollkommen aus, weitere 100 Minuten mit diesen Charakteren und allen aus dem ersten Teil bekannten Nebenfiguren verbringen zu können. Rob Schneider, der gute Geist des Vorgängers, fehlt allerdings an allen Ecken und Enden als ruhendes Zentrum seiner Clique. Vielleicht ist das tatsächlich der entscheidende Unterschied.

Scott Voss (Kevin James) geht seinem Beruf als Biologielehrer nur noch mit äußerst gemäßigtem Einsatz nach. Das ändert sich, als er erfährt, dass der liebenswerte Musiklehrer Marty Streb (Henry Winkler) kurz vor dem Aus steht, weil die Schule Geld einsparen muss. Weil er insgeheim weiß, dass Marty einer der wenigen Lehrer ist, die ihren Job verdient haben, nimmt er sich vor, das Geld aufzubringen, um seinen Job zu retten. Dummerweise fällt ihm dafür keine bessere Lösung ein, als sich als MMA-Kämpfer zu verdingen. Mithilfe des ehemaligen Fighters Niko (Bas Rutten) wirft sich Scott in den Ring – und hat nach einigen Schwierigkeiten tatsächlich Erfolg …

Der unsportliche Normalo, der sich einer anscheinend selbstmörderischen und unlösbaren körperlichen Aufgabe stellt: eine beliebte Komödienformel, die etwa Will Ferrell meisterlich anzuwenden verstand. Auch Kevin James verdankt seinen Ruf der sympathischen Interpretation des treudoofen Durschnittstypen mit gelegentlichen delusions of grandeur und ist somit eigentlich prädestiniert dafür, zur Freude des Publikums von gefährlichen Kampfgiganten verdroschen zu werden. Leider mag sich HERE COMES THE BOOM aber nicht damit begnügen, die Schadenfreude seiner Zuschauer zu bedienen und seine Prämisse bis auf den letzten Tropfen zu melken. Klar, es gibt ein paar dankbare Gags, die Coraci – einer von Adam Sandlers Stammregisseuren – gern mitnimmt, aber viel lieber möchte er ein warmherziges Drama abliefern, das wieder einmal erzählt,  das man alles schaffen kann, wenn man nur will, dass es wichtig ist, Ideale zu haben und seinen Träumen zu folgen, anstatt immer nur realistisch zu sein. Über die neue Herausforderung wird Scott zu einem besseren, motivierteren und natürlich auch bei den Kids beliebteren Lehrer, er hilft dem nerdigen Philippino-Mädchen, das von seinem Papa gezwungen wird, die Musik aufzugeben, um ihm in seinem Restaurant zu helfen, er kriegt die heiße Schulkrankenschwester Bella Flores (Salma Hayek) und gewinnt am Ende natürlich gegen jede Chance einen Profikampf in Las Vegas, während die ganze Schule ihm von der Tribüne aus zujubelt. Was eine herrlich blöde kleine Komödie für die intellektuelle Unterschicht hätte sein können, wird unversehens zu einem ausgesprochen aufgeblasenen und unangenehmen aufdringlichen Vehikel, das sich viel zu ernst nimmt, dafür, dass es lediglich Altbekanntes wiederkäut, reichlich verlogene Augenwischerei betreibt und Meisterschaft lediglich im Knöpfchendrücken erlangt. Leid tut es mir vor allem um Bas Rutten, der hier wirklich toll ist als liebenswerter, kantiger Immigrant. Wann immer er die Szene betritt, erlangt der Film die Lockerheit, die man sonst weitestgehend vermisst.

Das ganze Maß der in meinem Beitrag über JACK AND JILL beschriebenen Verachtung, die Adam Sandler vonseiten der US-Kritik entgegenschlägt, kann man der Rotten-Tomatoes-Seite zu GROWN UPS (Tomatometer: 10 %) ablesen. Mir fallen auf Anhieb nur wenige Filme ein, die in den letzten Jahren so einhellig so böse verrissen worden wären wie dieser hier (es erstaunt mich, dass sein IMDb-Rating so gnädig ausfällt). Ironischerweise zeigen diese Rezensionen aber vor allem eins: dass viele der vermeintlich professionellen, „seriösen“ Filmkritiker schon lange vor dem Verfassen ihrer Texte, nämlich bei der Betrachtung des zu rezensierenden Films scheitern, dass sie speziell bei Sandler mit breitem Arsch und bereits vorgefasster Meinung im Kino sitzen, fest entschlossen darauf, dem Star einen reinzuwürgen. Die Feder ist mit den entsprechenden, naheliegenden Argumenten schon geladen und ob sie nun auch noch auf den zu rezensierenden Film zutreffen, ist völlig zweitrangig. Dass Sandler das Ende des Kinos ist, ist eh Konsens, warum sich also noch lange mit Fakten aufhalten. Lieber einen gallesprühenden Verriss runterrotzen, an dem sich am Ende genau das zeigt, was man Sandlers Film fälschlicherweise vorwirft.

Knapp 20 Jahre ist es jetzt her, dass Lenny (Adam Sandler), Eric (Kevin James), Kurt (Chris Rock), Marcus (David Spade) und Rob (Rob Schneider) Jugendmeister im Basketball wurden. Als Erwachsene treffen sich die Fünf ausgerechnet zur Beerdigung ihres ehemaligen Meistertrainers wieder. Bis auf Marcus, der als Single dem Müßiggang frönt, haben sie alle eine Familie und führen ein von Pflichten und Verantwortung geprägtes Leben. Lenny ist Hollywood-Agent, wohlhabend, mit der attraktiven Modedesignerin Roxanne (Salma Hayek) verheiratet und mit drei Kindern gesegnet, von denen die beiden älteren mit „verwöhnte Wohlstandsblagen“ wohl treffend beschrieben sind. Erics vierjähriger Sohn hängt immer noch bei der überfürsorglichen Gattin Sally (Maria Bello) an der Brust, während die jüngere zu Wutausbrüchen neigt. Kurt ist Hausmann und leidet unter Gattin Deanne (Maya Rudolph) und Schwiegermama Ronzoni Sorgen und Nöte, die normalerweise Hausfrauen vorbehalten sind. Rob ist mit der gut 20 Jahre älteren Gloria (Joyce van Patten) lieert, hat drei gescheiterte Ehen und ebensoviele ausgeflogene Töchter hinter sich. Um die alten Zeiten zu feiern, verbringen die alten Freunde mit ihren Familien ein Wochenende in einem Haus am See und müssen sich dabei mit dem Gedanken abfinden, dass die Jugend lange, lange hinter ihnen liegt …

Es ist erschreckend, wie wenig die meisten Rezensenten in der Lage sind, diesen Film zu verstehen, vor allem, wenn man die Vorwürfe der Dummheit und Einfalt betrachtet, mit denen sie gegen ihn zu Felde ziehen. „In the end, the movie is about having no regrets.“, schreibt Connie Ogle vom Miami Herald über den Film, den sie für symptomatisch für eine von Mittelmäßigkeiten geschlagene Summer-Movie-Saison hält. Leider ist das falsch, denn es geht im Gegenteil sogar darum, sich mit eigenen Schwächen und Fehlern auseinanderzusetzen, um schließlich erwachsen zu werden. Die Industriepostille Variety interessiert sich eh nicht für Inhalte und weiß mit der Geisteshaltung eines Buchhalters und Statistikers zu berichten, dass GROWN UPS „delivers precious few laughs for the volume of sheer comedy talent on offer“, ganz dem Irrglauben erlegen, der Erfolg einer Komödie hänge von der Zahl der Lacher ab (davon abgesehen: ich habe sehr häufig gelacht). Joshua Rothenbaum fragt auf Time Out, ob es „would have been such a crushing blow to these stars‘ egos if they’d accomodated a little anxiety, instead of the typical lake-rope-swinging mishaps“ und bemerkt vor lauter vorgeschobenem Anspruch gar nicht, dass der Film zum einen durchaus „anxiety“ bietet – etwa in Lennys Angst, verwöhnte Kinder großzuziehen, in Kurts Klage, als Hausmann nicht wertgeschätzt zu werden, in Robs Geständnis, in seinen Ehen immer zu früh aufgegeben zu haben, in Erics Furcht, als Arbeitsloser von seinen Freunden nicht Ernst genommen zu werden, in Marcus‘ Unfähigkeit, ein geordnetes Leben zu führen –, zum anderen eigentlich auffallend arm ist an jenen typischen Slapstick-Einlagen, die er beklagt. Jeff Beck vom Examiner  macht wenigstens gleich zu Beginn seines einsichtsfreien Artikels klar, dass er ahnungslos ist, wenn er behauptet Dugans und Sandlers bisherige Kollaborationen YOU DON’T MESS WITH THE ZOHAN und I NOW PRONOUNCE YOU CHUCK AND LARRY seien „failures“, da kann man sich das Weiterlesen sofort sparen. Und die Filmnerd-Seite Filmdrunk mag einige humorvolle Schreiber am Start haben, aber leider niemanden, der sich mit Film auskennt. Wenn man GROWN UPS als schlechtesten Film des Jahres 2010 platziert, riecht das vor allem nach Revanchismus und dem Bedürfnis, Klicks zu generieren. Xan Brooks vom Guardian will sich gar nicht lange mit dem Film aufhalten und watscht ihn deshalb ab wie ein kleines Kind, nicht jedoch, ohne sich über die herablassende Art von GROWN UPS zu beschweren: Besonders gestört hat den Schöngeist, dass die Protagonisten des Films „pull disgusted faces at a sixtysomething woman on the basis that she is still sexually active and therefore so much more repulsive than the teenage hottie who fixes her car with her rear in the air“dabei übersehend, dass diese Frau innerhalb des Films zum einen durchaus als Sexualpartner ernstgenommen wird, der Ekel zum anderen in vollem Bewusstsein des eigenen unaufhörlich fortschreitenden Alters empfunden wird. In allen diesen Reviews (ich habe keine Lust mehr, weitere zu lesen) kommen ein fruchtbar beschränktes Verständnis der Gattung „Komödie“ sowie die völlige Unfähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, zum Ausdruck, und kollidieren aufs Heftigste mit einem schon vor Jahren gefestigten Bild Sandlers, das man sich nur noch bestätigen lässt, anstatt sich von Vorurteilen freizumachen. Der vielfach beschworene Mangel an Plot ist die auffallende und herasuragende Stärke des Films, die vermissten Charakterisierungen braucht er nicht, weil wir diese Figuren dank der zigfach etablierten Personae ihrer Darsteller bereits in- und auswendig kennen. Die „bösartigen“ Beleidigungen, die immer wieder kritisiert werden, sind keine, vielmehr handelt es sich um das typische Necken, das unter männlichen Freunden so üblich ist. Dass nicht jeder One-Liner begnadetes Dialoggut ist, kommt dem Realismus des Films zu Gute. Elaboriertere Gags hätten den wunderbar flüchtigen, alltäglichen Eindruck, den Dugan gemeinsam mit seinen Stars beinahe mühelos etabliert, nur geschadet. Die Selbstverliebtheit Sandlers – er ist als Lenny Hollywood-Agent, hat eine Superfrau und kann auch noch Basketball spielen –, wird immer wieder als Argument gegen den Film herangezogen. Was keiner erwähnt, ist die Niederlage, die Lenny am Ende absichtlich herbeiführt, weil er den Underdogs einmal ein Erfolgserlebnis verschaffen will. Der ganze Film tut nichts anderes, als die Stars in vollem Bewusstsein ihrer etablierten Stellung über ihre Oberklassen-Scham sinnieren zu lassen. Irgendwo habe ich auch gelesen, GROWN UPS sei ein zynisches Alibi für Sandler gewesen, mit seinen Kumpels Urlaub zu machen. Das ist ja wirklich besonders schwachsinnig und populistisch: Als könne Sandler sich keinen richtigen Urlaub leisten, ja, als müsse er überhaupt noch arbeiten.

Ich habe GROWN UPS am vergangenen Wochenende gleich zweimal gesehen, einmal allein, einmal mit meiner Gattin, die ihn auch toll fand. Ich bin begeistert von ihm, weil ihm etwas gelingt, was in amerikanischen Filme sehr rar ist. Er ist wunderbar entspannt, konzentriert sich ganz auf das Miteinander seiner Protagonisten und befreit sich fast gänzlich von den Zwängen eines aufgesetzten Plots. Na klar, irgendwann muss es so eine Art Konflikt geben und eine Dialogszene, in der die eigentlich doch klar auf der Hand liegende Moral von der Geschicht noch einmal für alle verständlich ausformuliert wird. Aber Dugan und Sandler lassen keinen Zweifel daran aufkommen, wo das Herz dieses Filmes liegt. Es schlägt da, wo die Freunde einfach zusammen rumsitzen und Blödeln, wo sie alten Erinnerungen nachhängen oder sich ihre Sorgen anvertrauen, wo sie sich gegenseitig hochnehmen oder gemeinsamen Triumphen nachhängen. Dann riecht das trotz der Anwesenheit der großen Namen gar nicht mehr nach Hollywood-Bullshit, sondern wirkt sehr echt, klein und intim. Und die Clowns zeigen, dass sich hinter ihrer Maske Menschen aus Fleisch und Blut verbergen. Menschen, die mehr Herz und Seele haben, als ihnen das mancher nachsagt, der sich erst einmal die Augen untersuchen lassen sollte.

Wenn man als Außenstehender etwas über die Realität des Drogenhandels in den USA jenseits statistischer Werte erfahren will, ist Rap ein guter Einstieg. Der „daily struggle“ in den Armutsvierteln der Metropolen führt Unterprivilegierte seit Jahrzehnten in das Dilemma, mit dem Drogenhandel auf der einen Seite den Ausweg aus der Armut zu schaffen, dabei aber auf der anderen die eigenen „Brüder“ in die Sucht und den Tod zu führen. Die vor allem in den letzten 10 Jahren reüssierende „Trap Music“ – meist aus den Südstaaten stammender Rap über den Alltag des Drogendealers, vorgetragen von Künstlern mit mehr oder weniger authentischen Drogenbiografien, wie Young Jeezy, The Clipse, Yo Gotti, Gucci Mane, T.I. und zahlreichen weiteren – zeichnet sich neben der genreüblichen Prahlerei über die eigene Tollkühnheit und die so erworbene Affluenz immer wieder auch durch die ernüchterte Reflektion darüber aus, zu welchem Preis letztere eigentlich erworben wurde – und wie vergänglich der „Ruhm“ des Dealers ist: Jeden Tag kann er selbst der Verlierer des Spiels sein.

Was hat das mit SAVAGES zu tun? Oliver Stone lässt in seinem Drogen-Crime-Thriller zwei weiße Mittelklassen-Kids – der eine, Chon (Taylor Kitsch), Irak- und Afghanistan-Veteran, der andere, Ben (Aaron Johnson), absolvierter Business- und Botanik-Student und selbst ernannter Buddhist – mittels eigener Marihuana-Zucht zu Reichtum und schickem Strandhaus an der kalifornischen Küste kommen und dann mit der mexikanischen Drogenmafia aneinanderrasseln, die für die privilegierte Konkurrenz nur wenig Sympathie übrig hat. Weil das CIA den Rivalen El Azul unterstützt, schwimmen dem von Elena „La Reina“ (Salma Hayek) geführten Baja-Kartell die Felle davon und so ist es zur Kollaboration mit den erfolgreichen Hipster-Dealern gezwungen. Die haben verständlicherweise nur wenig Interesse daran, ihre Gewinne zu teilen, noch dazu mit Verbrechern, deren Methoden noch weniger zimperlich sind, als die von enforcer Chon. Die beiden teilen sich die blonde Strandnixe O. (Blake Lively) und mit dieser den Traum vom Ausstieg und dem Leben in Indonesien. Der Drogenhandel ist ihnen Mittel zum Zweck und den Widerspruch, einerseits vom modernen Hippietum zu träumen, ihr kriminelles Geschäft andererseits auch mit Gewalt zu verteidigen, halten sie mit der Ignoranz von Wohlstandsbengeln aus, die keine Verpflichtungen kennen, jede Verantwortung für ihr Tun ablehnen. Sie lernen auf schmerzhafte Art und Weise, dass der internationale Drogenhandel kein Spaß ist – und schon gar keine Freizeitbeschäftigung, die man wieder fallen lässt, wenn man die Lust daran verloren hat.

Ben, Chon und O. sind konsequenterweise die Identifikationsfiguren für den Zuschauer – letztere fungiert als Voice-over-Erzählerin –, aber die Sympathien sind keineswegs so klar verteilt. Die anfängliche Bewunderung für den Unternehmergeist der beiden Männer (und der Neid auf ihre wilden Schäferstündchen mit der sinnlichen O.) weicht recht schnell dem Unverständnis über die moralische Flexibilität, die sie bei ihrem Tun an den Tag legen und der Erkenntnis, dass sie nicht unbedingt besser sind als die Profis aus Mexiko. Natürlich drückt man ihnen die Daumen, dass sie die Konfrontation mit dem Baja-Kartell überstehen – aber dennoch schwingt die Genugtuung darüber mit, dass die beiden mal ordentlich Mores gelehrt bekommen, ihnen der Zahn gezogen wird, sie gehörten nicht dazu. Und zwar von Menschen, die ihr Metier nicht gewählt haben wie einen Kaffee to go bei Starbucks, sondern die ihm mit Haut und Haaren verpflichtet sind, die darin leben – und sterben. Die eigentliche Sympathiefigur von SAVAGES – und auch die interessanteste weil facettenreichste Figur – ist Elena „La Reina“, Witwe des ehemaligen Anführers des Baja-Kartells und zwangsläufig Erbin seines Imperiums. Sie füllt ihre Rolle mit Bravour aus, aber während das Leben von Ben, Chon und O. aussieht wie aus dem Reiseprospekt, hat sie es längst verlernt zu lachen oder gar ihren Reichtum zu genießen. Um sich in der Männerdomäne zu behaupten – einem Haifischbecken, in dem jeder lauernd den anderen umschwimmt –, hat sie sich von jedweder Emotion freigemacht und wartet so angespannt auf den Tag, an dem ihr ein Untergebener den Dolch ins Kreuz rammen wird.

SAVAGES würde ich spontan als Kreuzung aus Oliver Stones wildem NATURAL BORN KILLERS und der Fernsehserie WEEDS beschreiben: Von ersterem hat er die grell überzeichnete Gewalt, den sinnlichen Voice-over, die aufgeheizte Erotik und die jungen, attraktiven Protagonisten, die nicht bereit sind, sich anzupassen. Mit WEEDS, der Serie um eine Mittelklassen-Dealerin, deren anfängliches Nebengeschäft Marihuana-Handel sich bald zu einem Großunternehmen ausweitet und die darüber jeden Maßstab verliert, teilt er die Erkenntnis, dass es ein Irrglaube ist, man könne auf „saubere“ Art kriminell sein. SAVAGES ist nicht perfekt, Stone entwickelt seine Linie nicht so klar, wie er das zu seinen besten Zeiten tat. Hier und da wird der Film flach, scheint der Regisseur – der selbst eine bewegte Drogenvergangenheit hat – dem Oberflächenreiz zu verfallen, schleichen sich Szenen in den Film, die über das Klischee nicht hinauskommen. Die sich anbahnende, ungleiche Freundschaft zwischen Elena und ihrer Gefangenen O. ist zwar von zentraler Bedeutung für den Film, wirkt aber unangenehm didaktisch, nie wirklich echt. Das erzählerische Gimmick am Schluss, wenn das Finale zwei mal mit ganz unterschiedlichem Verlauf gezeigt wird, ist kaum mehr als ein leeres Spannungselement, lediglich dem Zweck geschuldet, den Zuschauer zu überraschen – was misslingt, weil es durch O.’s Voice-over-Zeile, sie könne zum Zeitpunkt der Narration bereits tot sein, bereits frühzeitig telegrafiert wird. Andererseits ist es gerade diese Uneinheitlichkeit, das Zerfahrene, nicht Stromlinienförmige, das mich für den Film eingenommen hat. Stone war früher einer meiner Lieblingsregisseure, weil er stets eine klare Botschaft hatte, die er mit Vehemenz verkündete. Irgendwann war es dann genau das, was mir den Spaß an seinen Filmen verdarb: das Pädagogische, Didaktische. SAVAGES hat auch eine klare Botschaft. Aber Stone verzettelt sich bei ihrer Verkündung ebenso in Widersprüchen wie seine beiden Protagonisten im „sauberen Drogenhandel“. Das mag auch Absicht gewesen sein: Der Begriff „Savage“ bezeichnet hier erst die grausamen Killer des Kartells, dann die selbstgerechten Jungdealer, am Ende schließlich einen Zustand vorzivilisatorischer Unschuld. It’s a mad world …