Mit ‘Sam Raimi’ getaggte Beiträge

the evil dead (sam raimi, usa 1981)

Veröffentlicht: April 22, 2017 in Film
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Es sollte sich mittlerweile rumgesprochen haben: Sam Raimis hierzulande seit 1984 beschlagnahmter Horror- und Splatterfilm-Klassiker ist vor einem knappen Jahr endlich freigegeben worden – und aus gegebenem Anlass in einer üppigen Blu-ray-Edition erschienen. Welchen besseren Grund hätte es geben können, als sich THE EVIL DEAD endlich mal wieder anzusehen? Für critic.de habe ich darüber geschrieben. (Jetzt bitte noch MOTHER’S DAY rehabilitieren!)

army of darkness (sam raimi, usa 1992)

Veröffentlicht: Mai 20, 2013 in Film
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Raimis Debüt THE EVIL DEAD ist ein Klassiker des modernen Horror- und Splatterfilms. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn die naheliegende Genrezuschreibung verdeckt die viel fundamentalere Erkenntnis, dass er absolut singulär ist (in Kürze mehr dazu anlässlich meines Textes zum aktuellen Remake). Das zeigt sich unter anderem auch in seinem Sequel ARMY OF DARKNESS, einer im Mittelalter angesiedelten Fantasy-Slapstick-Komödie, die nicht nur eine konsequente Fortschreibung der beiden vorangegangenen Teile darstellt, sondern selbst von den höchst konservativen Horrorfans akzeptiert wurde, obwohl er denkbar weit vom ersten Teil entfernt ist.

So sehr Raimi in THE EVIL DEAD und dessen zweitem Teil EVIL DEAD 2: DEAD BY DAWN – eher ein Remake als eine Fortsetzung – auch durch die Motivgeschichte des Horrorfilms wilderte, sich beim Spukhaus-, Backwood-, Zombie-, Besessenheits- und Slasherfilm bediente und dazu heftige Bilder körperlicher Verstümmelungen lieferte: Sein Protagonist Ash (Bruce Campbell) setzte sich mit dem ganzen Körper vor allem dafür ein, dass die Zuschauer den Schrecken auf der Leinwand hemmungslos weglachen konnten. Raimis viel zitierte Einflüsse vom Slapstick der THREE STOOGES über die Cartoons von Tex Avery bestimmen den Ton und überlagern die Splatter-Schweinereien. Lineare Narration tritt zugunsten einer episodischen, nummernhaften Struktur in den Hintergrund: Die EVIL DEAD-Filme gliedern sich in Set Pieces, die meist auf einer einzigen visuellen Idee basieren. So konnte Raimi mit EVIL DEAD 2 ein als Meisterwerk gefeiertes Sequel inszenieren, das noch einmal dieselbe Geschichte erzählte: Er erfand einfach neue visuelle Gags, erhöhte noch einmal das Tempo und polierte die rohe Oberfläches des Originals mit den Mitteln eines höheren Budgets. ARMY OF DARKNESS ist eine konsequente Weiterentwicklung: Zwar erzählt er die Geschichte des großmäuligen Helden wider Willen nun weiter, doch vor allem geht es darum, ein neues Setting für Raimis wüste Ideen und Campbells Verrenkungen zu liefern. Der Regisseur geht ein absurd hohes Tempo, scheißt auf die Regeln herkömmlicher Dramaturgie und die Konstruktion eines gleichmäßigen Spannungsbogens. Es gibt keine Exposition, ledigliche eine kurze, pointierte Rekapitulation der vorangegangenen Ereignisse, dann landet der Zuschauer gemeinsam mit Ash auch schon in medias res, von wo aus es auf schnellstem Weg und ohne Atempause dem Showodown entgegengeht.

ARMY OF DARKNESS ist – wie schon EVIL DEAD 2 – ein bunter Comic Strip mit überbordenden Panels und einem Protagonisten, der mit seiner unwiderstehlichen Mischung aus Dummheit und Maulheldentum eine wunderbare Projektionsfläche für den Zuschauer bietet. Man kann diesen Ash gleichermaßen aus- wie mit ihm lachen, ihm zujubeln, seine Chuzpe beklatschen, sich für ihn schämen und sich ob seiner Verfehlungen mit der flachen Hand vor die Strin schlagen. Man fühlt sich ein wenig wie ein kleines Kind im Kasperletheater ständig dazu berufen, ihn entweder anzufeuern oder zu warnen. Mit ihm wird ARMY OF DARKNESS zur emotionalen Achterbahnfahrt und zum hysterischen Spektakel. Ash ist der Fremdenführer, der den Zuschauer durch das Chaos von Raimis Popkultur-Museum geleitet. Hier wird die Dorothy aus THE WIZARD OF OZ wiedergeboren als Supermarktverkäufer mit delusions of grandeur, der Mittelalter-Schönheiten mit Machosprech aus dem Phrasenbuch von Humphrey Bogart begegnet, aber Schwierigkeiten hat, sich die Formel aus THE DAY THE EARTH STOOD STILL zu merken. Die Dämonen, die er weckt, materialisieren sich als Harryhausen’sche Skelette, die ihren Sinn für Humor den drei Stooges verdanken, Ash auch schon einmal als miniaturisierte Doppelgänger angreifen und ihm die Gulliver-Spezialbehandlung angedeihen lassen, bevor er wie einst Marty McFly zurück in die Zukunft reisen kann. Das ganze endet wie ein Monumentalfilm mit einer gewaltigen Schlacht, bei der Ash die knöchernen Horden mit einem umgebauten Auto ähnlich kompromisslos wegmetzelt wie sein neuseeländischer Kollege Lionel in Peter Jacksons BRAINDEAD aus dem selben Jahr, wenn er sich nicht gerade als prolliger Nachfahre von Errol Flynn gebärdet.

Zusammengehalten wird das von Raimis visuellem Erfindungsreichtum und der erwähnten breakneck speed, die verhindert, dass man sich hier allzuviele Gedanken machen kann. Wer einmal zwinkert, hat bereits etwas verpasst und läuft Gefahr, aus der Kurve zu fliegen. Vor kurzem vernahm ich das Raunen, der Film sei nicht gut gealtert: Klar, einige Effekte wirken heute etwas fadenscheinig und preiswert, die mit Stop Motion realisierte Skelettarmee kommt deutlich weniger zum Einsatz als ich das in Erinnerung hatte und der ganze Film ist ob seiner Anlage superflüchtig und kaum nachhaltig. Aber in den 80 Minuten, die er dauert, bietet er grandioses Entertainment, das ohne Vergleich ist. Heute ist Sam Raimi ja leider sehr im Mainstream angekommen, der seine Ecken und Kanten zugunsten größerer Massentauglichkeit weitestgehend abgeschliffen hat. Was für ein einzigartiger Filmemacher er ist/war, sieht man in den Filmen, die er in den ersten zehn Jahren seiner Karriere zwischen 1981 und 1992 gedreht hat. Damals gab es keinen einzigen Regisseur, der mit ihm vergleichbar gewesen wäre. Und was genau das bedeutet sieht man in ARMY OF DARKNESS, der einen schönen Schlussstrich unter diese  Frühphase setzt. Danach ging es auf zu größeren Aufgaben.

drag me to hell (sam raimi, usa 2009)

Veröffentlicht: November 30, 2009 in Film
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Die Bankangestellte Christine Brown (Alison Lohman) ist einfach zu weich für ihren Job, wie ihr ihr Chef immer wieder weismachen will. Weil Christine sich und dem Chef das Gegenteil beweisen will, bleibt sie hart, als ein armes altes Mütterchen bei ihr um einen neuen Kredit bettelt, weil sie sonst auf der Straße sitzt. Ein folgenschwerer Fehler, denn das alte Mütterchen ist eine Hexe, die Christine mit einem teuflischen Fluch belegt. Die Visionen und Attacken der nächsten Tage sind nur ein kleiner Vorgeschmack auf das Schicksal, das Christine bevorsteht: Gelingt es ihr nämlich nicht, sich innerhalb von drei Tagen von dem Fluch zu befreien, wird sie für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren …

Zwischen all den Remakes alter Horrorklassiker und den nicht minder langweiligen Aufgüssen bewährter Erfolgsrezepte mutet Sam Raimis Rückkehr zu seinen inszenatorischen Wurzeln richtig frisch an. Mit dem Okkult-Sujet hat er sich ein im zeitgenössischen Horrorfilm geradezu stiefmütterlich behandeltes Thema ausgesucht (sieht man mal von diversen Teufelsfilmen ab), das demzufolge unverbraucht daherkommt und von Raimis Modernisierungsversuchen weiter profitiert. DRAG ME TO HELL dürfte wohl vor allem von Tourneurs NIGHT OF THE DEMON inspiriert worden sein, dessen Atmosphäre einer stetig präsenten, unabwendbaren Bedrohung Raimi sehr geschickt wiederbelebt. Raimi – mit seinem EVIL DEAD entscheidender Mitinitiator eines Wandels hin zu einem grafischeren Horrorfilm – belässt es nicht bei diffusen Andeutungen und vagen Hinweisen, sein Fluch plagt sein Opfer mit allen Mitteln moderner Effektkunst und erhält so eine echte Schlagseite Richtung Körperkino. Diese Kombination aus somatisch wirkenden Schocks, breit ausgespielten Schreckensszenarios und dem Kniff einer an einen Countdown erinnernden Spannungsdramaturgie hat zumindest mir beim Sehen ziemlich zugesetzt. Zumal auch die Bedrohung durch die Hölle, die für einen aufgeklärten Zuschauer nur schwer nachvollziehbar ist und ältere Filme dieses Themas heute eher gemütlich-naiv erscheinen lässt, in DRAG ME TO HELL ein unmittelbar wirkendes und reichlich furchteinflößendes Gesicht erhält. Obwohl Raimi als sehr humorvoller Regisseur bekannt ist und selbst ein EVIL DEAD nach fast 30 Jahren kaum anders als als Slapstick zu betrachten ist, mutet DRAG ME TO HELL doch ziemlich böse an. Es gibt nicht viel, an das man sich als Zuschauer klammern darf. Sein bitteres Ende steht dem Film insofern zwar gut zu Gesicht, nimmt ihm leider aber auch einiges von seiner Singularität, weil sie ihn klar als „Kind seiner Zeit“ markiert. Das ist ein bisschen schade, weil DRAG ME TO HELL sonst so sympathisch neben der Spur liegt, ohne dabei jedoch  ostentativ „crazy“, „abgefahren“ und „anders“ sein zu müssen. Man merkt ihm einfach an, dass sein Regisseur nicht bloß Genrefan, sondern ein -kenner und -liebhaber ist. Wohl auch deshalb gelingt es ihm wie derzeit keinem anderen, die hohen Weihen des Hollywood-Bombasts und die symptahischen Unzulänglichkeiten des Exploitationfilms ohne Reibungsverlust in Einklang zu bringen. DRAG ME TO HELL ist das beste aus beiden Welten.