Mit ‘Samuel L. Jackson’ getaggte Beiträge

CAPTAIN MARVEL ist der letzte Film vor dem Abschluss in AVENGERS: ENDGAME und damit auch so etwas wie ein Ausblick auf Kommendes im MCU. Das ich nicht der allergrößte Fan der Marvel-Filme bin, mus ich nicht mehr erwähnen, was mich mit den Filmen verbindet, ist zum einen die grundsätzliche Sympathie für Superheldencomics, zum anderen das Interesse daran, wie sich das alles entwickeln wird – also nicht auf Handlungsebene, sondern eher konzeptionell-ökonomisch. Ich glaube, man muss kein besonderer Pessimist oder Miesepeter sein, um zu wissen, dass die Blase irgendwann platzen wird. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem sich die Menschen vom Superheldenfilm ab- und anderen Stoffen zuwenden.Noch scheint dieser Moment jedoch in ferner Zukunft zu liegen, denn auch CAPTAIN MARVEL war pervers erfolgreich, obwohl seine Titelheldin mit der Popularität eines SPider-Man oder Captain America kaum mithalten kann. Aber dass Marvel derzeit anscheinend alles machen kann, hat das Unternehmen ja bereits mit GUARDIANS OF THE GALAXY gezeigt, dessen Comicvorlage noch deutlich obskurer war.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob man auf dem Charakter der Pilotin Carol Danvers (Brie Larson), die auf einem fremden Planeten mit außerirdischen Superkräften ausgestattet wird, eine ähnliche Erfolgsreihe gründen kann wie seinerzeit auf IRON MAN. CAPTAIN MARVEL bietet genau jenes Maß routiniertes, mit spektakulären Effekten, einer Prise Humor und den typischen Querverweisen gewürztes Entertainment, das man von Marvel standardmäßig bekommt, das Kurzweil bietet, aber nur wenig darüber hinaus. Die Story, die ein bisschen an DCs Superman erinnert, ist eher unterdurchschnittlich interessant und dasselbe gilt für die Heldin selbst, bei der das Girl Empowerment bisweilen unangenehm Richtung Arroganz umschlägt und deren diszipliniertes Pflichtbewusstsein sie zum pathetischen Kriegstreiber prädestiniert. Das beste an CAPTAIN MARVEL ist eigentlich die ausgedehnte Rolle für Nick Fury (Samuel L. Jackson), für den der Film fast so etwas wie die Origin Story liefert und der hier endlich mal wieder mehr als einen Gastauftritt absolvieren darf.

Ich will gar nicht groß meckern: Ich fand CAPTAIN MARVEL adäquat und es hat mich gefreut, dass sich meine Tochter endlich mal mit einer Heldin identifizieren konnte, die im MCU ja bisher eine eher untergeordnete Bedeutung haben. Hängengeblieben ist aber wieder mal gar nix. Vielleicht muss ich mich einfach noch daran gewöhnen, dass leuchtende Fixsterne in einem Universum eher die Ausnahme sind.

Bei Erscheinen von M. Night Shyamalans Superhelden-Dekonstruktion UNBREAKABLE stand der im Schatten des sensationellen Erfolgs von THE SIXTH SENSE – obwohl er der mit einigem Abstand bessere Film war. Die Wikipedia-Seite berichtet, dass UNBREAKABLE nur der erste Akt einer von Shyamalan erdachten Geschichte sei, doch der Regisseur dementierte nach den eher enttäuschenden Einspielergebnissen alle Gerüchte über mögliche Fortsetzungen, ohne sie jedoch ganz zerschlagen zu können. SPLIT, der zweite Teil dessen, was heute als „UNBREAKABLE-Series“ bezeichnet wird, Shyamalans Antwort auf das MCU, hätte gut und gern ein alleinstehender Film sein können, wenn da nicht mit der letzten Szene und dem Auftritt von UNBREAKABLE-Protagonist David Dunn (Bruce Willis) eine Verbindung geknüpft worden wäre. GLASS, benannt nach dem UNBREAKABLE-Superschurken „Mr. Glass“, Elija Price (Samuel L.Jackson), schließt nun vorerst den Kreis, deutet aber weitere mögliche Sequels an. Die Idee hinter der Geschichte, die so etwas wie eine intellektuelle Reflexion über die Superhelden-Idee darstellt, ist durchaus interessant, vor allem vor dem Hintergrund der in den letzten zehn Jahren vollzogenen Entwicklung des US-Eventkinos, das heute mit wenigen Ausnahmen fest in den Händen des Superheldenfilms liegt. Als UNBREAKABLE anlief, steckte das comicbasierte Superheldenkino hingegen noch in den Kinderschuhen: Erst vier Monate zuvor war X-MEN angelaufen, den man rückblickend als Initialzündung betrachten kann. Aber GLASS wird leider vom Gewicht seiner eigenen Ambitionen und Shyamalans bisweilen mangelhafter Selbstkontrolle heruntergezogen.

In GLASS werden die drei „Superhelden“ David Dunn, der als unverwundbarer und seherisch begabter Vigilant auf der Suche nach Verbrechern durch die Straßen Philadelphias zieht, der Serienmörder Kevin Wendell Crumb (James McAvoy), der einem ganzen Dutzend verschiedener Persönlichkeiten eine Heimat in seinem Kopf bietet, und der superintelligente, an einen Rollstuhl gefesselte Elija Price gefangen genommen und in eine Heilanstalt gesperrt. Die Psychologin Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) ist der Überzeugung, dass die drei unter einer bislang noch nicht erforschten Wahnvorstellung leiden und ihr Ziel ist es, sie davon zu überzeugen, „normale“ Menschen zu sein, die sich ihre besonderen Fähigkeiten nur einbilden bzw. rational erklärbare Vorgänge zu mystifizieren. Aber Superhirn Mr. Glass hat eigene Pläne: Er befreit sich Crumb aus seiner Gefangenschaft.

Shyamalan wirft mit GLASS mehrere spannende Fragen auf: Gibt es Superhelden wirklich? Wenn ja, worin bestehen ihre Superheldenfähigkeiten? Was unterscheidet den Helden vom Schurken? Hat nicht jeder das Potenzial, eine Superfähigkeit auszubilden? Und wenn ja: Was geschieht mit einer Welt, in der jeder Schurke oder Held sein kann? Es mangelt GLASS also ganz gewiss nicht an inhaltlichem Potenzial, wohl aber an einem Drehbuch, das diese Fragen in eine interessante Geschichte überführt, anstatt sie einfach nur in ermüdender Dialogform abzuarbeiten. GLASS ist, das muss ich leider so sagen, todsterbenslangweilig, mit einer Spielzeit von zwei Stunden viel zu lang und außerdem mit einer unangenehmen Gravitas belastet, die jede Euphorie im Keim erstickt. Die andächtige Bedeutungsschwere fällt umso unangenehmer auf, als man als Betrachter über weite Strecken des Films keine Ahnung hat, worauf Shyamalan eigentlich hinauswill: Das ist nicht zwangsläufig ein Makel, wenn der Weg zum Ziel wenigstens Spaß macht, aber leider passiert in GLASS lange Zeit einfach gar nichts. Und das zerrt zunehmend an den Nerven: James McAvoys schauspielerischer Parforceritt nervt mit jeder weiteren Szene ein bisschen mehr, bis man für jeden Augenblick ohne ihn dankbar ist. Sarah Paulson ist entsetzlich dröge als Psychologin, deren Geheimnis Shyamalan viel zu lang für sich behält. Wenn dann in der letzten halben Stunde eine Enthüllung auf die nächste folgt, ist es schon zu spät, zumal die Twists, die Shyamalan sich hier ausgedacht hat, den großen Punch seiner besten Filme vermissen lassen.

Es ist nicht alles schlecht an GLASS, aber von den guten Dingen gibt es eindeutig zu wenig: Samuel L. Jackson ist toll, wird nach Jahren, ach was, Jahrzehnten, in denen er verlässlich auf den Schwarzen reduziert wurde, der „motherfucker“ sagt, endlich einmal wieder schauspielerisch gefordert und beweist, was er leisten könnte, bekäme er die Gelegenheit dazu. Bruce Willis hat als Dunn fast nichts zu tun, aber die souveräne Entspanntheit, die er mitbringt, beatmet den schwermütigen, klumpfüßigen Film um ihn herum mit frischer Luft. Das „Biest“, McAvoys Killer-Identität ist mit aufgepumpten Muskeln, pulsierenden Venen und grollender Stimme ebenfalls eine Schau. Und ja, am Ende, wenn man dann endlich versteht, was das alles eigentlich sollte, stellt sich dann auch Spurenelementen dieses excitements ein, das man aus Shyamalans besseren Filmen kennt. Aber letztlich ist GLASS viel zu laboriert, zu sehr mit Ambitionen belastet, zu überzeugt von seiner eigenen Bedeutung und viel zu umständlich und selbstverliebt, als das dies den bestehenden Eindruck noch entscheidend ändern könnte. Ich war immer der Meinung, dass Kritiker wie Zuschauer die Bedeutung des Plottwists, der Schlussüberraschung in Shyamalans Werk überbewerten. GLASS wirkt hingegen so, als sei sein Macher selbst auf den Hype reingefallen.

 

 

SPIDER-MAN: HOMECOMING fand ich zwar ganz nett, aber auch nicht so richtig zwingend. Letztlich krankte er für mich an einem Symptom, das schon mehrere Marvel-Filme zeigten: Mit dem fliegenden Strauchdieb Vulture (Michael Keaton) gab es einen Schurken, der nur mäßig interessant war und dem Film einen wie nachträglich aufgepfropften Konflikt bescherte, den es zwar irgendwie noch brauchte, für den im Drehbuch aber nicht mehr so richtig viel Platz übrigblieb. Ich kann mich heute, ein knappes halbes Jahr nach der Sichtung, an kaum noch etwas Konkretes erinnern. SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE war da schon ein ganz anderes Kaliber.

Mit SPIDER-MAN: FAR FROM HOME mache ich jetzt einen ziemlichen Sprung, denn der aktuelle Beitrag zum MCU schließt unmittelbar an AVENGERS: ENDGAME an, den ich noch nicht gesehen habe, von dem ich jetzt aber schon weiß, was darin passiert. Egal, denn seien wir mal ehrlich, wer sich die Dinger wegen er aufregenden Storylines anschaut, die man in der Regel auf einem Bierfilz unterbringt, ist ja eh mit dem Klammerbeutel gepudert. FAR FROM HOME schickt Peter Parker (Tom Holland) nun also mit seiner Schulklasse auf Europareise, während der er drei große Aufgaben zu erledigen hat: Erstens – und für ihn eigentlich am wichtigsten – will er endlich die angehimmelte MJ (Zendaya) für sich gewinnen, zweitens muss er als Spider-Man dabei helfen, die Welt vor einer tödlichen Bedrohung zu bewahren und drittens diese beiden Aufgaben unter einen Hut bringen – am besten so, dass keiner seinem Geheimnis auf die Schliche kommt. Und dann ist da ja auch noch Nick Fury (Samuel L. Jackson), der Spidey unbedingt in sein Team holen möchte, aber im Gegensatz zu dessen Förderer Tony Stark noch an der Bereitschaft des Jungspunds zweifelt. Bei der Bedrohung handelt es sich um sogenannte Elementals, Elementarmonster, die von einer parallelen Version unserer Erde stammen. Das zumindest behauptet Quentin Beck aka Mysterio (Jake Gyllenhaal), ein Bewohner eben jener Welt, der die Elementals dort bereits besiegt hat und dies nun mithilfe Spider-Mans ein zweites Mal tun will. Wer die Comics kennt, der weiß schon, dass das alles Quatsch und Quentin Beck in Wahrheit ein raffinierter Betrüger ist, dem es um etwas ganz anderes geht.

SPIDER-MAN: FAR FROM HOME unterscheidet sich von seinem Vorgänger nicht wesentlich: Wieder verquickt er seine Superheldengeschichte mit komödiantischen Teenie- und Highschoolfilm-Elementen, die durchaus amüsant, wenn auch nicht irrsinnig originell sind. Die Anbindung an den übergeordneten Storybogen um die Avengers schafft etwas zusätzliche Dramatik und Schwere: Unter anderem geht es um das Erbe, das Tony Stark Peter Parker hinterlassen hat: eine Hightech-Brille namens Edith sowie damit verbunden die Aufgabe, die Avengers in Zukunft anzuführen. Der Clou des Filmes ist, dass das Motiv des Schurken unmittelbar mit diesem Subplot verbunden ist. Mysterio wirkt also eben nicht, wie Vulture im Vorgänger, mehr oder weniger willkürlich reingeflanscht, sondern im Gegenteil wie ein zwingend notwendiger Bestandteil der Geschichte. Und Gyllenhaal fand ich wirklich super, ganz gewiss einer der bislang stärksten Superschurken des MCU bisher. Mysterios besondere Gabe liefert wunderbaren Stoff für effektreiche Actionszenen mit Hintersinn, denn mithilfe technologischer Hilfsmittel erzeugt er gefährliche Illusionen. Auch wenn es sicher nicht zu erwarten war, dass Marvel den Meta-Aspekt dieser Idee auch nur annähernd ausreizt, holen sie doch ziemlich viel raus aus der Idee. Die wunderbar choreografierte Sequenz, in der Spidey von einer Illusion in die nächste stürzt, bis weder er noch der Zuschauer noch wissen, was echt und was Täuschung ist, ist ebenso ein Highlight wie der Finalkampf des Helden gegen eine Vielzahl der von Mysterio befehligten Drohnen auf einer Themsebrücke in London

Auch bei diesem Film würde ich zwar – wie so oft im MCU – bemängeln, dass er deutlich mehr visuelles Flair, eine Bildsprache oder überhaupt eine identifizierbare formale Gestaltung vertragen könnte, aber dieser Mangel fiel hier für mich weniger schwer ins Gewicht, weil die Geschichte endlich mal was hergibt. Das Ende bietet einen schönen Cliffhanger, der wahrscheinlich aber nicht mehr aufgelöst werden wird. Wie ja vor einigen Wochen bekannt wurde, ist der Spider-Man-Deal zwischen Disney und Sony geplatzt, sodass dies wohl vorerst der letzte Auftritt des Webslingers innerhalb des MCU gewesen sein dürfte. Nach SPIDER-MAN: FAR FROM HOME finde ich das zwar durchaus etwas schade, aber ansonsten ist natürlich jede Niederlage, die Disney einstecken muss, erst einmal begrüßenswert.

Heute erscheint mir das bescheuert, aber damals verband ich riesige Hoffnungen mit XXX. Zuvor hatte mich Vin Diesel im tollen PITCH BLACK begeistert und nach dem Überraschungserfolg von THE FAST AND THE FURIOUS schien er das nächste große Ding des Actionfilms zu sein. Das riesige Plakat, das XXX an der A46 vor Düsseldorf allen ankündigte, die in die Stadt fuhren, war ein ziemlich deutliches Statement – und sah ziemlich geil aus. Ich weiß nicht genau, was ich von dem Film wusste oder mir genau versprach, aber als ich ihn dann sah, war ich einfach nur enttäuscht. Statt eines feisten Actioners gab es „coole“ Sprüche und doofe Gags ohne einen Funken Gewalt, das reichlich verspäte Anknüpfen an die Extremsportwelle, die damals schon Schnee von gestern war, enttarnte XXX als Marketingvehikel, das von ein paar desinteressierten Fuzzis in einer Frappuccino-geschwängerten Nacht erdacht worden war.

15 Jahre später also XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE, ein Film, auf den wahrscheinlich niemand wirklich gewartet hat, der aber mit dem Selbstbewusstsein auftritt, als sei er ein Jahrhundertevent. Die Produzenten haben sich die FAST & FURIOUS-Erfolgsreihe ganz genau angeschaut und Notizen gemacht. Auch da hätte nach TOKYO DRIFT keiner Geld darauf setzen wollen, dass die Menschen unbedingt eine Reunion der Charaktere aus dem nun nicht gerade revolutionären ersten Teil brauchten, der zu diesem Zeitpunkt gute fünf Jahre alt war. Tja, und heute zählt das Franchise zu einem der erfolgreichsten und wir erwarten gespannt den neunten Eintrag der Reihe. XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE macht es ganz ähnlich: Er suggeriert uns von Anfang an, dass wir diesen Xander Cage, Extremsportler, Tattooprolet und Geheimagent, schmerzlich vermisst haben, präsentiert sich selbst als großes Geschenk an die darbenden Fans, schart eine Posse cooler Dudes und Dudettes um die zentrale Schunkelbirne, fährt am Ende sogar Ice Cube auf, den in Lee Tamahoris Sequel XXX: STATE OF THE UNION eigentlich niemand sehen wollte, und tut so als sei das auf eine Stufe mit der Wiedervereinigung von Han Solo und Chewbacca zu stellen.

Es gibt unzählige Gründe, XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE zu hassen: Er ist das filmische Äquivalent zu einer zuckrigen, koffeinhaltigen Chemiebrause in Neonfarben, deren Werbespot einen immer mit seinem furchtbar nervtötenden Song quält. Manchmal erinnert er auch an die peinlichen Versuche von Politikern, sich als „hip“ und „up to date“ zu gerieren, um sich an Jugendliche ranzuschmeißen. Dazu pflegt er ein Weltbild, in dem sich Freiheit darin äußert, dass alle sich überall tätowieren, supersexy rumlaufen, jede Gelegenheit nutzen, eine coole Party mit heißen Chicas zu schmeißen, Autoritätspersonen mit dummen Sprüchen zu bedenken – und natürlich bloß nicht arbeiten. Klar, es wäre supertoll, wenn jeder nach seiner Vorstellung leben könnte, aber in XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE geht das ja auch nur, weil seine Protagonisten a) privilegiert sind und b) die Welt, in der sie leben, gnadenlos eindimensional ist. Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass die ganze Chose wenig mehr ist als ein Vehikel, um irgendwelche Lifestyle-Produkte zu verhökern (es ist bestimmt kein Zufall, dass mit Donnie Yen, Kris Wu und Deepika Padukone Top-Stars aus den Riesen-Kinomärkten China und Indien anwesend sind und Neymar jr. einen idiotischen Gastauftritt abliefert), weiß man, woher der Wind weht.

Andererseits tue ich mich schwer damit, dem Film das wirklich um die Ohren zu hauen. In seiner Neonchemiekoffeinzuckerbrausen- und Schunkelbirnenhaftigkeit ist er nämlich irgendwie auch sehr charmant. Er macht keinen Hehl daraus, dass seine Prämisse absurd ist und er findet – im Gegensatz zum eher biederen ersten Teil – die angemessene Sprache, um sie ins Bild zu setzen. Das ist zum Teil grauenhaft (diese Angewohnheit, Namen und irgendwelche heißen „Facts“ zu Figuren ins Bild knallen zu lassen, zum Beispiel), immer einfältig, seltenst so cool wie der Film glaubt zu sein, oft herzzereißend dumm und darüber hinaus höchst fadenscheinig: Warum zum Teufel benötigt Xander in seinem schlagkräftigen Team heißer Draufgänger etwa einen DJ und dann auch noch so einen milchbubihaften Hänfling wie Kris Wu? Egal! Viel wichtiger sind überkandidelte Actionsequenzen wie jene, bei der sich Xander und Xiang (Donnie Yen) eine Motorradverfolgungsjagd über das offene Meer (!) liefern und dabei durch Wellentunnel rasen wie motorisierte Surfer. Oder der Showdown, mit seinem ausufernden Shootout in einem im Sturzflug befindlichen Flugzeug. D. J. Caruso weiß zum Glück auch, wie man solche Schoten inszenatorisch umsetzt: Wer mit neumodischer Actioninszenierung partout nix anfangen kann, wird auch hier eher abgetörnt werden, aber immerhin weiß man, was da gerade vor sich geht: Längst keine Selbstverständlichkeit.

Um zum Schluss zu kommen: Über die volle Länge ist XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE schon ziemlich ermüdend. Das Bombardement an dumpfen One-Linern und minderbemittelter Lebensphilosophie sowie die konsequente Weigerung, irgendeine Idee mal konsequent zu Ende zu denken oder den Film auch nur für eine Sekunde atmen zu lassen, wird für jeden, der die 30 überschritten hat, zwangsläufig irgendwann körperlich anstrengend. Die Zielgruppe ist hier eindeutig eine andere, wobei ich mich frage, ob die den dicken Vin als coolen Bro akzeptieren und überhaupt wissen, wer Ice Cube ist. Wahrscheinlich finde ich den Film genau wegen solcher Ungereimtheiten so liebenswert: Am Reißbrett auf eine  bestimmte Zielgruppe hin gestreamlinet und doch an allen echten, lebenden Wesen meilenweit vorbei. So kommt mir das jedenfalls vor. Ich hoffe, ich irre mich nicht.

King Kong ist wahrscheinlich eine der berühmtesten Schöpfungen, die das Kino hervorgebracht hat – mehr noch: Kong IST Kino, eine Kreatur, die dafür gemacht war, auf der Leinwand zum Leben erweckt zu werden. Neben den beiden „echten“ Kong-Filmen sowie den Remakes und ihren Fortsetungen inspirierte der Riesenaffe zahlreiche weitere Filme aus aller Welt (man lese hierzu auch Ingo Streckers neues Buch „Gorillawood“) und eines der schönsten Kinophänomene überhaupt. Der aktuellste Beitrag zum äffischen Treiben knüpft nicht etwa an Peter Jacksons umstrittene Neuverfilmung aus dem Jahr 2005, sondern an Gareth Edwards GODZILLA und die Tradition des japanischen Kaijus mit seinen ausufernden Monsterbalgereien an. Grundsätzlich eine schöne Sache. Leider ist das Riesenaffen-Abenteuer mit der Ausdauer und Ruhe eines Dreijährigen inszeniert. Die spannungsarme, dafür aber atemlose Aneinanderreihung von effektreichen Monsterszenen ist zwar schön bunt und kurzweilig, verpufft trotz gigantischem Geld- und Technikeinsatz aber nahezu wirkungslos.

Ich muss gestehen, Jacksons Remake im Gegensatz zur gängigen Einschätzung damals absolut geliebt zu haben. Ja, der Film hätte vielleicht ein paar Kürzungen gut vertragen, aber seinem Regisseur war es m. E. doch gelungen, seine schablonenhaften Charaktere ebenso wie seine digitalen Kreaturen mit Leben zu füllen. Und man merkte dem Film in jeder seiner rund 180 Minuten an, wie oft Jackson die Heimat Kongs in seiner Fantasie besucht hatte, dass sein Film auch die Erfüllung eines lang gehegten, intensiven Jungentraums war. Die Kluft zu KONG: SKULL ISLAND könnte größer kaum sein. Seine Figuren sind kaum mehr als Stichwortgeber für eine nur rudimentär skizzierte Story, die vollends übertriebenen Monsterschöpfungen werden mit großer Hast ins Rennen geworfen und selbst der Titelheld, der nun die Größe eines Berges hat, bleibt seltsam blass. Viel wurde über die Parallelen zu APOCALYPSE NOW geschrieben: KONG: SKULL ISLAND sei ein Quasi-Kriegsfilm, vielleicht sogar eine Allegorie auf den Vietnamkrieg (ganz nach dem Vorbild von Inoshiro Hondas Ur-GODZILLA, der bekanntermaßen eine Reaktion auf die Atombombe war). Ich fand die Idee ja einigermaßen reizvoll, aber ich hätte wissen müssen, dass die Parallelen sich in ein paar leicht zu identifizierenden Bildzitaten, die „Allegorie“ darin erschöpft, dass die Soldaten auch hier durch den Urwald stapfen und sich dort einem mit „archaischen“ Mitteln kämpfenden Gegner gegenübersehen. Ein typischer Fall für einen „Subtext“, der keiner ist, weil er jederzeit lautstark und überdeutlich artikuliert wird, mit dem Ziel, Bedeutung vorzugaukeln.

„Warum das alles?“, fragt man sich. Eine Insel voller Monster, eine aus Wissenschaftlern, Abenteurern und Soldaten zusammengesetze Mannschaft, die von diesen dezimiert wird: Ist das nicht mehr als genug Stoff für einen Film? Jordan Vogt-Roberts tut sein Bestes, jeden Tropfen aus seiner kargen Prämisse rauszupressen, und wahrscheinlich sollte ich mit dem, was ich bekommen habe, zufrieden sein: jede Menge Effekte, Kreaturen und mitunter tolle Bilder. Aber leider wird das alles so  dargeboten, dass nichts davon wirklich hängenbleibt oder auch nur die angestrebte Wirkung erzielt (ich gebe zu, im Kino war der Überwältigungseffekt wahrscheinlich ungleich größer). Nach kurzer Exposition und Spannungsaufbau tritt sofort Kong auf, die meines Erachtens spektakulärste Sequenz des Films ist gewissermaßen der Aufmacher. Ich sehe ja ein, dass man den Riesenaffen in einem Film von 2017 nicht mehr lange anteasern muss, aber es gibt für Vogt-Roberts nach diesem Moment nichts mehr hinzuzusetzen. Das führt dazu, dass es von allem Mehr gibt, ohne jedes Gespür für Rhythmus oder Dramaturgie. Früher kämpfte Kong gegen einen Tyrannosaurus, heute sind es die fiesen Skullcrawler, zweibeinige (?) Riesenechsen mit Totenschädelkopf. Früher war es Gang und Gäbe, dass irgendwo eine Riesentarantel träge in ihrem Netz hing, hier ist die Riesenspinne gleich so groß wie ein Hochhaus. Die Riesenkrake, mit der es Kong zu tun bekommt, ist es den Filmemachern schon gar nicht mehr wert: Sie wird vom Titelhelden genauso schnell beiseite geschafft wie sie aufgetaucht ist. Und das unablässige Sterben der zahlreichen Nebenfiguren, evoziert keinerlei Reaktion, so wenig tangieren sie.

Was ich sagen will: KONG: SKULL ISLAND fehlt in jeder Hinsicht die Zurückhaltung, die ein spannender Abenteuerfilm auf der Schwelle zum Horror, aber auch eine bloß bunte Monsterbalgerei im Stile eines Kaiju benötigt. Vogt-Roberts will irgendwie beides haben, aber am Ende fabriziert er einen Film, für den die Form eines Sonntagmorgen-Cartoon um einiges besser geeignet wäre. Trotz Kriegs-Sujet ist das alles flüchtige Kinderkacke ohne echten Stil, ohne Charme und ohne jede Nachhaltigkeit. Ich will KONG: SKULL ISLAND nicht jeglichen Unterhaltungswert absprechen, aber irgendwie tut mir Kong hier noch mehr Leid als im Orginal – obwohl er überleben und seine Rückkehr verkünden darf.

 

 

 

f001Back in the day, als Quentin Tarantino mit PULP FICTION zum vielleicht größten amerikanischen Regisseur der Neunzigerjahre avancierte, da konnte er fast nichts falsch machen. Diskussionen begleiteten sein Schaffen zwar schon damals – Michael Madsens Tänzchen aus RESERVOIR DOGS erhitzte die Gemüter genauso wie der unabsichtliche Kopfschuss oder der sehr freie Gebrauch des N-Worts -, aber der wenn auch zerknirscht konstatierte Konsens hinter den Debatten besagte ohn Zweifel, dass Tarantino tatsächlich eben jenes Wunderkind war, als das man ihn medial gern bezeichnete. Monografien wurden über ihn verfasst, noch bevor seine dritte Regiearbeit erschienen war, Trittbrettfahrer kopierten seinen Stil und sorgten für eine wahre Flut von spektakulär besetzten Filmen über geschwätzige Killer und skurrile Zwielichtkreaturen.

Heute, 20 Jahre später, ist ein neuer Tarantino-Film immer noch Anlass für große Aufregung, noch dazu aus fast genau denselben Gründen wie damals, aber der Tenor hat sich, meine ich, seit einigen Jahren verändert. Die, die ihn damals schon für überschätzt, seinen Umgang mit Gewalt und der Rassenthematik problematisch fanden, fühlen sich mit jedem neuen Film bestätigt in ihrem Urteil, und die, die ihn einst vehement gegen die Kritiker verteidigten, sind mittlerweile gelangweilt davon. Was früher als des Regisseurs höchst eigener Stil galt – die popkulturellen Referenzen, die manirierten, ausufernden Dialoge, die Gewaltschübe inmitten der Komik -, wird heute als totgerittene Masche empfunden. Kurz gesagt: Das Wunderkind, das enfant terrible hat es versäumt, endlich erwachsen zu werden, sich weiterzuentwickeln. Die Aufregung um seinen neuesten Film, THE HATEFUL 8, erreichte – geschürt durch die marketingträchtige Entscheidung, den Film auf 70 mm zu drehen und in dieser Form in ausgewählten Kinos zu zeigen – dabei ganz neue Ausmaße. Erneut konstatierten einige Rezensenten, dass QT den Bogen nun aber endgültig überspannt habe, zogen seine Entscheidung infrage, einen Film, der eh nur in einem Raum spielt, auf 70 mm abzulichten, ekelten sich ob der „selbstzweckhaften“ Splattereffekte und fanden THE HATEFUL 8 schlicht „langweilig“. Aber welche Meinung man zu dem streitbaren Filmemacher auch einnehmen mag, man muss anerkennen, dass es derzeit keinen anderen gibt, dessen Arbeiten ähnliche Reaktionen zu entfachen in der Lage sind.

Meiner ganz unbescheidenen Meinung nach hat Tarantino mit THE HATEFUL 8 nicht weniger als einen seiner allerbesten Filme vorgelegt und sich nach dem tatsächlich eher faden, masturbatorischen DJANGO UNCHAINED nicht nur seiner Stärken besonnen, sondern konsequent den Rahmen geschaffen, um sie zum Leuchten zu bringen. Die Kritik, seine Filme seien „verlabert“ und „statisch“, begleitet ihn ja nun schon seit einigen Jahren – nicht ganz zu Unrecht. In THE HATEFUL 8 fällt dies nun vielleicht zum ersten Mal seit RESERVOIR DOGS überhaupt nicht mehr ins Gewicht, weil es sich konsequenterweise um ein Kammerspiel handelt, angesiedelt in zwei ganz und gar abgeschlossenen Räumen (einer Kutsche und der Abgeschiedenheit von „Minnie’s Haberdashery“). In seiner ganzen Dramaturgie, die wie ein Whodunit auf die große Auflösung hinausläuft (und Samuel L. Jacksons Major Marquis Warren einmal gar als geistigen Ahnen von Hercule Poirot in Erscheinung treten lässt), dem moritatenhaften Charakter der Erzählung und der Thematisierung von Dichtung und Wahrheit kommt Tarantino in seinem neuesten Film ganz zu sich und seiner Vorstellung von Kino. Was nicht bedeutet, dass es nicht hier und da Anlass zum Widerspruch oder zum Zweifel gäbe.

Wie auch schon im Vorgänger geht es auch in THE HATEFUL 8 um Rassismus, um Hass generell und um die daraus sich ergebende Gewalt. Nahezu alle Charaktere sind Mörder mit fragwürdigen oder gar verachtenswerten Ansichten, selbst dann, wenn sie auf der Seite des Gesetzes stehen. Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) trägt den Spitznamen „der Henker“, weil er seine Opfer stets lebendig beim Scharfrichter abliefert, ihnen so einen schnellen Tod vorenthält. Sein Kollege Major Marquis Warren hat während seiner im Krieg legitimierten Jagd auf weiße Rassisten billigend in Kauf genommen, dass auch mal die Falschen ins Gras beißen. Sheriff Chris Mannix (Walton Goggins), der etwas einfältige Sohn eines Südstaaten-Rebellen, spuckt in einem Fort rassistische Invektive. Sein großes Idol, General Sandy Smithers (Bruce Dern) tat sich im Krieg dadurch hervor, ein ganzes Batallion gefangener schwarzer Soldaten hingerichtet zu haben, weil sie ihm die Mühe einer Überführung nicht wert waren. John Ruths Gefangene, Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), eine Schwerverbrecherin, auf deren Kopf satte 10.000 Dollar ausgesetzt sind, spuckt Geifer und Galle und scheint gar nicht zu normaler Kommunikation fähig. Und Scharfrichter Oswaldo Mobray (Tim Roth) rühmt sich mit wohlfeilen Worten der absoluten Gefühslkälte, die ihn umfängt, wenn er den Hebel umlegt, der seinen „Klienten“ das Genick bricht. Gesäumt werden diese Gestalten vom Mexikaner Bob (Demian Bichir) und dem Cowboy Joe Gage (Michael Madsen), zwei eher durchschnittlichen Halsabschneidern. 

Zwischen diesen Charakteren entspinnt sich schnell ein Psychospielchen: John Ruth ist überzeugt, dass ein Komplott zur Befreiung Daisys geplant wurde, und natürlich hat er Recht. In der klaustrophobischen Abgeschlossenheit von Minnie’s Haberdashery geht es nun darum, den Übeltäter zu enttarnen oder ihn zumindest so lang auf Distanz zu halten, bis der draußen tobende Schneesturm vorübergezogen ist und die Weiterreise zum Zielort aufgenommen werden kann. Das Ganze endet, wie man erwarten durfte, überaus blutig und schließlich in einer Konstellation, die an John Carpenters THE THING erinnert – nicht nur wegen des vorherrschenden eisigen Klimas. Auf dem Weg dorthin spielen Geschichten und die Frage, ob diese nun wahr sind oder erlogen, eine wichtige Rolle, ja sie ziehen sich fast leitmotivisch durch den Film: Ist der Lincoln-Brief von Warren echt? Lügt Bob über den Verbleib von Minnie und ihrem Mann Sweet Dave? Will Joe wirklich seine Mama zu Weihnachten besuchen? Hat Daisy Domergue wirklich eine 15 Mann starke Gang in der Hinterhand, die nur darauf wartet, „Minnie’s Haberdashery“ zu stürmen? Das Ganze kulminiert in der Geschichte, die Warren dem von Hass zerfressenen Smithers zur Provokation auftischt: Der will seinen vor Jahren verschollenen Sohn bestatten und muss sich von Warren nun in schillernden Details erzählen lassen, dass der diesen nicht nur umgebracht, sondern zu Tode gefoltert und dann oral vergewaltigt habe. Es bleibt offen, ob sich das wirklich so ereignet hat, aber es steht zu vermuten, dass Warren den Rassisten bloß dazu bringen will, die Waffe gegen ihn zu erheben, damit er ihn endlich abknallen kann.

Und so steht jede Einordnung des Geschehens auf wackligen Füßen. Die Brutalität, die Ruth gegenüber seiner Gefangenen an den Tag legt, scheint im weiteren Verlauf nicht mehr so ungerechtfertigt. Aber wenn sie ihrem Bruder Jody (Channing Tatum) in die Augen blickt, in denen wahre Liebe und Erleichterung aufflammt, ist sie auch nur ein Opfer, ein Mensch. Aber natürlich sind mit Minnie, Sweet Dave und deren Bediensteten auch Menschen für Jodys Coup gestorben, die für ihr Schicksal rein gar nichts können. Warrens Hass auf Weiße, die ihn nur aufgrund seiner Hautfarbe am nächsten Baum aufknüpfen wollen, ist nachvollziehbar, trotzdem hat man Mitleid mit dem greisen General, der sich kurz vor seinem Tod anhören muss, dass sein geliebter Sohn den Schwanz eines Schwarzen gelutscht hat. Es spielt gar keine Rolle, ob die Geschichte wahr ist oder nicht: Smithers glaubt sie, reagiert entsprechend, für Warren erfüllt sie ihren Zweck. Und im Rahmen des Films noch einen weiteren: Sie lenkt die Figuren (und den Zuschauer) für einige Minuten vom Wesentlichen ab, das sich im Hintergrund vollzieht. Man könnte auch sagen: Das kleine Scharmützel, das sich Warren zur Befriedigung seiner eigenen Gelüste leistet, kostet ihn mittelfristig das eigene Leben. Der Hass, der Zorn, der die Figuren durchtost, besiegelt auch ihren Untergang. Durch Mord lässt sich kein Leben erkaufen. THE HATEFUL 8 ist gewiss der moralischste Film Tarantinos.

Aber auch der bislang schmerzhafteste. Es hilft kein Bisschen, dass die Splattereffekte in ihrer Überzogenheit eher komisch sind und Distanz schaffen, im Gegenteil. Man fühlt sich betrogen um den Schmerz, um die Katharsis. Man ist noch nicht fertig mit diesen Figuren, auch wenn sie schon lange tot sind, sie nagen immer noch, nerven uns, lassen uns nicht in Ruh, wie das verräterische Herz, das in Poes Kurzgeschichte unter den Dielen schlägt. Eine Ausnahme ist Daisy Domergue, die Ruth von der ersten Sekunde an zum menschlichen Sandsack degradiert, ebenso großzügig wie beiläufig Schläge an sie verteilt und die am Ende, wo es eigentlich keinen Unterschied mehr macht, auch noch aufgeküpft wird. Da muss man dann lange zusehen, wie sie mit starrem Entsetzen im Blick vergeblich um ihr Leben kämpft, der weiße Rassist und der schwarze Sadist sich zusammenschließen, um die Frau zu beseitigen, von deren Tod sie rein nichts haben. Das ist so bitter, so sinnlos. Es wurde Tarantino immer vorgeworfen, dass seine Gewaltinszenierung verharmlosend sei. Bullshit. Das einzige, was ich ihm nach THE HATEFUL 8 noch vorwerfen würde, ist sein etwas seltsames Anbiedern bei den Schwarzen, das mehr als nur etwas misguided wirkt und mich etwas an Dave Chappelles Sketch mit dem „Black White Supremacist“ erinnert, nur mit umgekehrten Vorzeichen. An der Extraklasse von THE HATEFUL 8 ändert aber auch das nichts.

 

MPW-16164JUICE gehört wie BOYZ N THE HOOD, MENACE II SOCIETY oder NEW JACK CITY zur Welle von Filmen mit spezifisch afroamerikanischen Themen, die zu Anfang der Neunzigerjahre in die Kinos schwappte und markiert außerdem das Schauspieldebüt des damals gerade 20 Jahre alten Tupac Shakur. Er war zu jenem Zeitpunkt noch ein Unbekannter, doch zeigt er hier bereits das immense Charisma und Talent, die ihn in den folgenden Jahren bis zu seinem frühzeitigen Tod im Jahr 1996 zum Superstar machen sollten. JUICE ist „nur“ ein guter Film, der hierzulande unter zudem nur auf Video veröffentlicht wurde, aber wenn man eine Ahnung davon haben will, was Shakur zum auch heute noch vermissten Idol machte, kommt man an ihm nicht vorbei.

JUICE ist auch das Regiedebüt von Ernest Dickerson, der seine Karriere als Kameramann bei „schwarzen“ Filmen wie John Sayles‘ THE BROTHER FROM ANOTHER PLANET, KRUSH GROOVE oder EDDIE MURPHY: RAW begann und dann lange Jahre zum Stab von Spike Lee gehörte, für den er SHE’S GOTTA HAVE IT, DO THE RIGHT THING, MO‘ BETTER BLUES, JUNGLE FEVER und MALCOLM X ablichtete. Als Regisseur konnte Dickerson nie wirklich ein eigenes Profil entwickeln, inszenierte meistens formelhafte, oft mit Rappern besetzte Genrefilme wie SURVIVING THE GAME (mit Ice-T), den frühen Sandler-Film BULLETPROOF, BONES (mit Snoop Dogg) oder NEVER DIE ALONE (mit DMX). Sein größter Hit war wahrscheinlich der TALES FROM THE CRYPT-Kinofilm DEMON KNIGHT, den in Deutschland schwachsinnigerweise gar eine Beschlagnahmung ereilte. Heute arbeitet er fast ausschließlich fürs Fernsehen. Dass Dickerson durchaus ambitioniert war, zeigt JUICE, aber eben auch, dass es ihm nicht wirklich gelang, Schwächen des Drehbuchs auszugleichen.

In JUICE geht es um vier Freunde – den angehenden DJ Q (Omar Epps), Raheem (Khalil Kain), Steel (Jermaine Hopkins) und Bishop (Tupac Shakur) -, die lieber die Straßen von Harlem unsicher machen, als die Schulbank zu drücken. Sie hängen rum, machen Blödsinn, rennen vor den Cops davon. Aber Bishop ist das bald nicht mehr genug: Er will etwas machen aus seinem Leben, will nicht länger weglaufen, sondern den „Respekt“ seiner Mitmenschen. Er überredet die Kumpels zu einem Überfall, der fürchterlich schiefgeht: Erst erschießt er ohne Not den Ladenbesitzer, dann Raheem, der ihn zur Rede stellt. Q und Steel stehen nun vor einer schwierigen Entscheidung: Sollen sie den Tod ihres besten Freundes ungesühnt lassen oder zur Polizei gehen und so auch ihr eigenes Schicksal besiegeln? Und Bishop weiß natürlich, dass die Mitwisser eine Bedrohung für ihn darstellen, solange sie am Leben sind.

Die erste Hälfte des Films ist stark, fängt sehr überzeugend diese Unbeschwertheit der Jugend ein, die noch keine Konsequenz, nur Leichtigkeit und Spaß kennt. JUICE beginnt mit einer tollen Parallelmontage, die die vier Protagonisten bei ihrem Start in den Tag zeigt, schlägt dann einen gleichermaßen beschwingten wie gemütlichen Rhythmus an: Der Zuschauer folgt den Freunden bei ihrem ziellosen Weg durch ihr Viertel, hört ihnen zu, lernt sie mit ihren unterschiedlichen Stimmen, Ansichten, Gewohnheiten und Manierismen kennen. Ich liebe Filme, die nicht so sehr durch eine Handlung strukturiert werden, sondern eher durch einen Ort, den man erkundet wie ein Tourist in der Obhut eines Fremdenführers, der nicht Sehenswürdigkeiten abklappert, sondern einem tatsächlich Einblick in das lokale Leben gewährt. JUICE ist so ein Film und ich hätte mich mit ihm gern noch tiefer nach Harlem begeben. Aber zur Hälfte setzt dann eben der Plot ein, der alle Figuren einschnürt, wo sie vorher einfach sein durften. Bishop wird zum machtgeilen, augenrollenden Psychopathen, der keine Freunde und kein Mitgefühl mehr kennt, und in einem actionreichen Showdown natürlich seiner gerechten Filmstrafe zugeführt werden muss. Mehr als an andere Filme, die sich seinerzeit mit dem Leben junger Afroamerikaner und ihrer Konfrontation mit institutionellem Rassismus auseinandersetzten, erinnerte mich JUICE in dieser zweiten Hälfte an die bürgerlich-konservativen Home-Invasion-Thriller, die ebenfalls zu jener Zeit reüssierten (eine interessante Koinzidenz übrigens), in denen brave Ehepaare sich plötzlich einem Irren gegenüber sehen, der alle ihre Werte infrage stellt. Dickerson macht sich leider keine Mühe, Bishops Motivation nachvollziehbar zu machen: Der Bruch im Film ist unübersehbar. Diese erste, bärenstarke Hälfte nimmt ihm allerdings niemand weg.