Mit ‘Samuel L. Jackson’ getaggte Beiträge

18686501Wahrscheinlich hat jeder, der Mitte der 90er-Jahre, als PULP FICTION zum kulturellen Ereignis avancierte, jung und filminteressiert war, seine persönliche Geschichte zu Tarantinos Film. Meine scheint mir recht exemplarisch und geht so: Als ich ihn irgendwann 1994 oder 1995 in einer Wiederaufführung zum ersten Mal im Kino sah, war ich massiv beeindruckt. Der Film wirkte neu und frisch auf mich, ich hatte so etwas zuvor noch nicht gesehen und fühlte mich ungemein inspiriert von der Vielzahl an Geschichten, die der Film erzählte, den Figuren, die ihn bevölkerten, den Gesprächen, die sie führten, der Sprache, derer sie sich dabei bedienten. Und ich war nicht der einzige, dem es so ging. Fortan rotierte der Soundtrack in der Heavy Rotation, Harvey Keitel, Tim Roth oder Christopher Walken wuchsen (gemeinsam mit anderen Darstellern des erweiterten Tarantino-Universums, etwa Steve Buscemi) zu Lieblingsschauspielern heran, Filme in denen skurrile Killer sich über ihre Lieblingsplatten unterhielten, schossen wie Pilze aus dem Boden, „tarantinoesk“ wurde zu einem völlig selbstverständlich verwendeten Begriff und Fachbücher über den Mann wurden geschrieben, noch bevor JACKIE BROWN herauskam. Doch all dieser Enthusiasmus, mit dem ein Übermaß an Liebe großzügig verschwendet wurde, führte nach einiger Zeit unweigerlich zum bösen Erwachen, dazu, dass die Gefühle bald ins Gegenteil umschlugen. Tarantino, der für seine untalentierten Plagiatoren nun wirklich nichts konnte, war auf einmal verantwortlich für eine nicht abebbende Welle ach so ironischer,  ach so selbstreflexiver und dabei ziemlich unerträglicher Filme, die nichts mehr bedeuteten und sich damit begnügten einer kursierenden Vorstellung von Coolness zu entsprechen. Das, was man vorher witzig, spritzig und originell fand, erschien einem plötzlich geschwätzig, maniriert, leer, nervtötend. Tarantino selbst wendete sich mit JACKIE BROWN – vielleicht seinem bis heute besten Film – von Episodenhaftigkeit und Pastiche ab und verprellte damit viele seiner „Fans“, rettete aber seine Integrität und Relevanz. PULP FICTION indes war für mich seitdem mit einem Stigma versehen. Ein respektabler, wichtiger Film, gewiss, aber einer, den es reichte zu kennen und den man nicht mehr unbedingt lieben musste. Ich hatte ihn seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen und bis vor kurzem auch nicht das Bedürfnis, daran etwas zu ändern. Eine Haltung, die zum ersten Mal etwas aufgeweicht wurde, als ich Thomas Elsaessers Aufsatz zum Film im Buch „Hollywood heute“ las.

Das Wiedersehen mit PULP FICTION war nicht nur deshalb schön, weil viele der Aspekte, die ich damals so beeindruckend fand, nach der langen Abstinenz wieder annähernd so frisch wirkten wie damals. Aber das Wiedersehen war längst nicht nur eine Auffrischung, sondern im besten Sinne eine Neu-Betrachtung. Besonders erstaunlich war für mich die Erkenntnis, dass der Film seinem Wesen nach ganz anders ist, als ich ihn in Erinnerung hatte. Vieles von dem, was mir damals so wesentlich erschien, fiel bei dieser neuen Sichtung kaum noch ins Gewicht, und dafür traten andere Dinge ins Sichtfeld, die mir bisher entweder gar nicht aufgefallen oder aber immer als vernachlässigbar vorgekommen waren. Zunächst einmal empfand ich PULP FICTION als erstaunlich aufgeräumt, keineswegs labyrinthisch und übervoll. Zwei Geschichten werden von Tarantino erzählt und miteinander verschränkt – die von Vincent (John Travolta) und Jules (Samuel L. Jackson) und die von Butch (Bruce Willis) – und über weite Strecken bleibt dabei sogar die Chronologie der Ereignisse gewahrt. Die kleinen Episödchen, in die sich die beiden Handlungslinien aufsplitten – Vincents Date mit Mia (Uma Thurman), Jules‘ Gotteserfahrung, die „Bonnie Situation“, das Aufeinandertreffen von Butch und Marsellus (Ving Rhames) im Folterkeller eines Gebrauchtwarenladens – ergeben sich logisch aus dem Gesamtflow und fügen sich auch nahtlos in diesen ein, anstatt aus ihm herauszureißen. Eigentlich gibt es nur eine echte Tangente im ganzen Film: das Räuberpärchen Pumpkin (Tim Roth) und Honeybunny (Amanda Plummer), das die Handlung eher zufällig kreuzt. PULP FICTION ist gewiss kein gewöhnlicher Erzählfilm, aber verglichen etwa mit Robert Altmans SHORT CUTS (oder mit dessen Vorgänger NASHVILLE), mit dem er strukturell einiges gemeinsam hat, bleibt er sehr konzise, fokussiert und stringent. Das liegt auch daran, dass alles, was in PULP FICTION passiert, letztlich um einen einzigen Gedanken, eine Idee kreist. Ich komme gleich darauf.

Dann sind da die Dialoge: Fußmassagen, Le Big Mac, Ezechiel 25,17, Kugelbäuche, Kaffee. Gewissermaßen die Refrains des Films, das, was jedem im Gedächtnis geblieben ist, was man damals zitiert hat und was man irgendwann nicht mehr hören wollte. In der Erinnerung besteht der ganze Film aus diesen selbstverliebten Vorträgen. Aber diese Erinnerung trügt. Ja, es wird unheimlich viel gesprochen in PULP FICTION, und, ja, diese Dialoge sind mit spitzer Feder komponiert und weisen ein Höchstmaß an gossenpoetischer Stilisierung auf. Aber die meisten Dialoge sind eben das: Austäusche zwischen Charakteren statt ellenlanger Popkultur-Vorträge, und meist durch die Ereignisse des Films bestimmt. Mir erschien PULP FICTION erstaunlicherweise als sehr ruhig, selbst wenn nicht oft wirklich geschwiegen wird. Aber es gibt sie, diese Momente, in denen die Figuren ganz bei sich sind (und es sind die sprechendsten und schönsten des ganzen Films): das betretene Schweigen zwischen Vincent und Mia (das dann ja auch sogleich thematisiert wird), seine Zigarettenpause während ihres Toilettengangs, natürlich der gemeinsame Tanz sowie Mias Soloeinlage zu Urge Overkills Neil-Diamond-Cover, Butchs wortkarg genossene Kippe im Taxi nach dem geschmissenen Boxkampf, das vertraute Miteinander zwischen ihm und seiner Freundin Fabienne (Maria di Medeiros), schließlich sein Alleingang, um die Uhr des Vaters zurückzuholen …

––– Exkurs: Wie wunderbar ist überhaupt diese eine Episode und wie grandios ist Bruce Willis darin? Sein Wutanfall, als er bemerkt, dass seine Freundin die ihm so wichtige Uhr vergessen hat – weil es ihm nicht gelungen ist, ihr klarzumachen, welche Bedeutung sie für ihn hat. Wie er sich wieder fängt, weil er Fabienne liebt und das Glück ihrer Intimität und ihres Vertrauens nicht zerstören will. Wie er sich dann im Auto weiter über sie aufregt, sich erklärt, dass er ein Recht auf seinen Zorn hat. Aber was ich wirklich an dieser Geschichte liebe, ist das bedingunglose commitment, das Butch zeigt. Es ist ihm egal, dass er dabei sein Leben riskiert, er muss diese Uhr zurückholen. Was hatten sein Vater, sein Groß- und Urgroßvater auf sich genommen, dass sie sich nun in seinem Besitz befindet? Er schuldet es ihnen, sie nicht zurückzulassen. Denn der Moment, in dem er von dieser Uhr getrennt ist, ist der Moment, in dem sie alle Bedeutung, die sie während eines Jahrhunderts auf sich geladen hat, verliert. Und es ist auch der Moment, in dem Butch einen entscheidenden Teil seiner Persönlichkeit einbüßt: Weil er dann vaterlos wird. Die ganze Episode um Butchs Uhr enthält gewissermaßen die Essenz von PULP FICTION. (Und sie ist, by the way, grandioser Actionstoff, ein in sich perfekt funktionierender Kurzfilm.) –––

… Elsässer schreibt in seinem Aufsatz, das beeindruckendste an Tarantinos Film sei das Nebeneinander der Welt des Faktischen und der der Gedanken, wie sie sich durch die Dialoge präsentiert, und wie diese beiden Welten nie in Dekcung gebracht werden. PULP FICTION handelt seiner Meinung nach von dem postmodernen Unbehagen, alles zu wissen und doch keine Lösung zu haben. Ich würde sagen: PULP FICTION handelt vom Schweigen der Worte. Davon, wie sich die Vielzahl verschiedener Bedeutungen gewissermaßen widersprechen, bis nichts mehr übrig bleibt. (Oder, um auf die Uhrengeschichte zurückzukommen, wie Bedeutung sich einfach auflöst, weil der Adressat fehlt.) Das beginnt gleich mit der anfänglichen Dictionary-Einblendung, die einem das Wörtchen „pulp“ erklärt, und setzt sich dann mit den hoch widersprüchlichen Auffassungen zum Thema „Fußmassagen“ fort (die gerade deshalb so verfänglich sind, weil sie so absolut unverfänglich scheinen). Die Welt ist voll mit Bedeutung, die es zu entschlüsseln gilt, und dann wird man nach dem Kacken erschossen, bevor man irgendwas verstanden hat. Oder weil eine Knarre völlig unerklärlicherweise von allein losgeht. Oder man überlebt, obwohl es keinen Grund dafür gibt. Wie es Fabienne einmal sagt: Das, was wir gern ansehen, und das, was sich für uns gut anfühlt, ist seltsamerweise meist nicht dasselbe. Tarantino exerziert so auch durch, was die „Pulp Fiction“, der er mit seinem Film ein Denkmal errichtet, auszeichnet, wie sie das Unbedeutende, Flüchtige so sehr mit Bedeutung auflädt wird, bis es implodiert. PULP FICTION verweist dabei auf seiner diegetischen Ebene weniger auf die Popkultur, der er angehört, als dass er ein Bedeutungsnetz aufspannt, das ihn selbst bestimmt. PULP FICTION ist ein autopietisches, sprich: sich selbst erhaltendes System, das den Verweis auf ein jenseits seiner Grenzen existierendes Außen gar nicht mehr benötigt. Er liefert die Antworten auf die Fragen, die er selbst stellt, gleich mit. Nur führen diese immer wieder zu neuen Fragen, und nie zu einem Ende.

Patriot_Games-852489170-largeEx-CIA-Analyst Jack Ryan (Harrison Ford) vereitelt in London ein Attentat einiger nordirischer Terroristen. Dabei bringt er auch den jüngeren Bruder eines der Attentäter, Sean Miller (Sean Bean), um. Der sinnt im Folgenden auf Rache. Nachdem ihm mithilfe seines Kollegen Kevin O’Donnell (Patrick Bergin) die Flucht aus einem Gefängnistransport gelingt, setzt er alles daran, Ryan ausfindig zu machen und umzubringen. Als Ryans Gattin Cathy (Anne Archer) und Tochter Sally (Thora Birch) bei einem Anschlag nur knapp dem Tod entgehen, nimmt Ryan den Dienst wieder auf und versucht die Verbrecher aufzuspüren. Doch die bereiten sich mittlerweile in einem nordafrikanischen Trainingslager auf neue Aufgaben vor …

Damals, anno 1992 fand ich PATRIOT GAMES, den viel umworbenen zweiten Jack-Ryan-Film nach THE HUNT FOR RED OCTOBER mit dem noch auf der Höhe seines Ruhms stehenden Harrison Ford in der Hauptrolle, ziemlich mittelprächtig. Hängen geblieben ist nichts von dem Film, nur, dass im Showdown irgendwas mit Nachtsichtgeräten passierte, habe ich noch behalten. Heute hingegen, wo jeder Actionfilm mit Computerffekten zugekleistert wird und auf Comic/Videospiel/Spielzeugreihe basiert, lernt man das Understatement und den knackigen Professionalismus eines Films wie PATRIOT GAMES wieder zu schätzen – sofern man mit dem Clancy’schen Militarismus klar kommt, jedenfalls. Die Story wird sehr geradlinig erzählt, ohne dass sie dabei dem gewollten Reduktionismus anheimfiele, der realpolitische Hintergrund wirkt nicht wie für Nerds mit ADS aufbereitet, Hightech kommt zwar zum Einsatz, steht aber nicht im Mittelpunkt des Interesses. Die Schurken sind böse, ohne zu Karikaturen zu verkommen, der Held ist gerade deshalb heldenhaft, weil er berechtigte Ängste aus- und trotzdem seinen Mann steht. Tatsächlich ist es letzterer Aspekt, der PATRIOT GAMES wie schon seinen Vorgänger auszeichnet und ihm einen kleinen, leider vergessenen Sonderstatus verleiht. Jack Ryan, so sehr er als Ex-Marine, vielfach dekorierter Geheimdienstmann und Fachdozent in renommierten Militärakademien und Politkreisen auch vom Status des Normalbürgers entfernt ist, so fremd ist ihm dennoch die Rolle des Kämpfers. Es ist eine Kurzschlussreaktion, mehr als alles andere, die ihn zu Beginn eingreifen lässt (die Erklärung, es sei sein Zorn gewesen, stellt ihn interessanterweise auf eine Stufe mit dem durchschnittlichen Vigilanten), und er wird sie bald schon bereuen. Es ist durchaus keine alltägliche Situation für ihn, auf der Todesliste eines gesuchten Terroristen zu stehen, und auf offener Straße gedungenen Mördern ausweichen zu müssen. In einer Szene arbeitet Noyce das sehr schön heraus: Ryan geht auf die Toilette seines Büros und plötzlich wird ihm bewusst, in welcher Gefahr er schwebt. Er erinnert sich daran, wie er nur ganz knapp einem Killer entgangen ist, versteht, dass in jeder Sekunde ein weiterer zuschlagen könnte. Sein Blick fällt am Waschbecken in den Spiegel und er sieht, dass eine Tür nur leicht angelehnt ist. Eine Frau tritt aus einer der Kabinen – er hat sich gedankenverloren in die Damentoilette verirrt – und er taxiert sie lange: Sie könnte eine Killerin sein, hat dieselben roten Haare wie Millers Partnerin. Im Unterschied zu seinen Genrekollegen ist Ryan vor allem ein Kopfmensch. Er hat sich nicht im Kampf Mann gegen Mann ausgezeichnet, sondern mit seinen analytischen Fähigkeiten. Es ist nicht sein Metier, sich mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Aber er begreift, das genau das nun von ihm verlangt wird, weil der Gegner es auf ihn und seine Familie abgesehen hat.

Diese Charakterzeichnung begünstigt auch einen Realismus, der dem Film und Noyces Inszenierung sehr zu Gute kommt. Es gibt bis zum Kintopp-Showdown, der natürlich aus der Rolle fallen muss, keine überkandidelten Actionszenen. Attacken enden aufgrund unbeeinflussbarer Rahmenbedingungen entweder im Chaos oder aber werden extrem präzise durchgeführt. Den Angriff einer Spezialeinheit auf das von Ryan ausgewählte Camp beobachtet er mit seinen Kollegen als Satellitenaufnahme. Konturlose Pixelmännchen bringen andere Männchen um, und man sieht das Unbehagen auf Ryans Gesicht, die Einzug haltende Erkenntnis: Ich schaue hier gerade einem auf meinen Befehl veranlassten Massaker zu. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Miller und Konsorten den Tod verdient haben, aber ein Grund zum geegnseitigen Auf-die-Schulter-Klopfen ist das trotzdem nicht.  

 

Kürzlich habe ich einen sehr dummen Artikel gelesen(Cracked.com mag ich eigentlich sehr gern, aber die Filmtexte fallen mir immer häufiger negativ auf), in dem die Geschäftsstrategie der Marvel-Konkurrenten DC (Superman, Batman etc.) hinsichtlich ihrer Filme genüsslich auseinandergenommen wurde. Die Grundthese des hingeschluderten Textes lautete, dass die Verantwortlichen für die filmische Umsetzung der DC-Comics nicht in der Lage seien, ihre Lehren aus den immens erfolgreichen Marvel-Vorbildern zu ziehen. Als ein wichtiges Beispiel für die seiner Meinung nach verfehlte Konzeption führte der Autor an, dass die DC-Filme überwiegend auf Düsternis setzten, wo doch Marvel gerade mit dem überwältigenden Erfolg von GUARDIANS OF THE GALAXY bewiesen habe, dass das Publikum das genaue Gegenteil sehen wolle. Mal ganz davon abgesehen, dass die Kritik an sich idiotisch ist – Wer sagt, dass nicht zwei unterschiedliche „Produkte“ Erfolg haben können? Wer bräuchte DC-Verfilmungen, wenn sie ein bloßer Abklatsch der Marvel-Filme wären? Und was schriebe wohl ein ideenloser Nerd, wenn DC das Erfolgskonzept des Konkurrenten 1:1 übernähme? –: Sie ist schlicht falsch. Denn wenn CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER kein düsterer und grimmiger Superheldenfilm ist, dann weiß ich es auch nicht. Nachdem Joe Johnstons Vorgänger, der mir auch schon ganz ausgezeichnet gemundet hatte, sich weitestgehend einer nostalgischen Reanimation des in Zeiten des Zweiten Weltkriegs die Werte der freien Welt gegen die Nazis verteidigenden dienstältesten Marvel-Helden verschrieben hatte, befassen sich Anthony und Joe Russo mit der Frage, welche Funktion eine solch anachronistische Figur heute noch übernehmen könnte. Die Antworten, die sie finden, drohen in ihrer konsequentesten Lesart nicht nur, dass Konzept des „Superhelden“ gänzlich zu erodieren, sie machen CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER auch zum bislang mit Abstand ernstesten und erwachsensten  der grassierenden Marvel-Verfilmungen.

Die Organisation S.H.I.E.L.D., unter deren Schirmherrschaft Steve Rogers (Chris Evans) als Supersoldat Captain America und zahlreiche andere Superhelden ihren Dienst zum Schutz der USA versehen, entpuppt sich zu Beginn des Films als zu bedrohlicher Macht angewachsener Popanz. Ein Konflikt zwischen dem braven Diener und seinem Vorgesetzten Nick Fury (Samuel L. Jackson) bahnt sich schon früh an, als letzterer seinen Untergebenen in das neueste Projekt von S.H.I.E.L.D. einweiht: Wissenschaftliche Forschung hat es ermöglicht, zukünftige Verbrecher zu ermitteln und die Organisation so in die Lage versetzt, sie à la MINORITY REPORT präventiv zu bestrafen. Rogers ist von diesem Plan alles andere als angetan, sieht die eindeutig totalitaristischen Tendenzen hinter einem solchen Vorhaben und beginnt somit auch an der Legitimation seines Arbeitgebers und der Rechtmäßigkeit seiner eigenen Missionen zu zweifeln. Auch der S.H.I.E.L.D.-Offizielle Alexander Pierce (Robert Redford) will sich nicht länger damit begnügen, Verbrecher zu jagen und nach ihrer Festsetzung zu bestrafen. Er sieht sich als „Realist“ und seine Überzeugung fasst er mit dem Satz „to build a better world sometimes means having to tear the old one down“ zusammen. Mit dem Niederreißen dieser alten Welt anzufangen, kann er kaum erwarten. CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER befasst sich unverkennbar mit der Entwicklung, die die so genannte freie Welt seit 9/11 immer näher an einen nun möglicherweise kurz bevorstehenden Wendepunkt geführt haben: den Moment, in dem das ins Extrem getriebene Sicherheitsbedürfnis der Wohlstandsnationen droht, sie in totalitäre Regime zu verwandeln, die ihren Bürgern schon bei bloßem Verdacht mit drastischen Repressalien drohen. Siehe alle politischen Vorstöße zur Überwachung und „Terrorismusbekämpfung“.

Passend zu dieser Thematik werfen die Russos fast allen pubertären Zierrat über Bord und gestalten ihr Sequel in Struktur, Ton und Dramaturgie nach dem Vorbild der unterkühlten Spionage- und Politthriller der Siebzigerjahre. (Die Besetzung von Redford, der in zwei der wichtigsten Vertreter jenes Genres mitwirkte – Pakulas ALL THE PRESIDENT’S MEN und Pollacks THREE DAYS OF THE CONDOR –, ist ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl.) CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER befasst sich zunächst mit der langsamen Entfremdung Rogers‘ von seinem Arbeitgeber, den Verdachtsmomenten und stärker werdenden Zweifeln, um den Spieß dann in der zweiten Hälfte, nach einem unerwarteten, als Zäsur wirkenden Ereignis umzudrehen. Der bisherige Vorkämpfer für die Werte der Demokratie ist nun der Abtrünnige und Landesverräter, der seine Unschuld nur dann beweisen kann, wenn er den Drahtzieher des Komplotts ausschaltet. Passend dazu fallen die Actionszenen hier eine ganze Spur weniger exaltiert, dafür aber erheblich ruppiger aus als zuvor. Ein Einsatz Rogers‘ auf einem von Terroristen gekaperten Schiff ist eine Studie in Sachen Geschwindigkeit und brachialer Effizienz, und auch die weiteren Actionsequenzen betonen eher die zerstörerische Gewalt als dass sie jugendliche Omnipotenzträume und Bewegungsfreude bebilderten. Es ist letztens der Vorlage geschuldet, dass CAPTAIN AMEIRCA: THE WINTER SOLDIER nicht zur deprimierenden Dystopie wird. Am Ende ist es eben doch kein inhärentes systemisches Problem, das den Sündenfall von der humanistisch gesinnten Polizeiorganisation zum Terrorherrscher begründet, sondern die Infiltration durch die Abkömmlinge der Nazivereinigung Hydra, die Rogers glaubte, im vorangegangenen Film zerschlagen zu haben. Genretypisch ufert das Sequel zum Showdown hin in eine ausgedehnte, aber selten wirklich innovative oder gar begeisternde Material- und Effektschlacht aus, die nach den vorangegangenen Ereignissen durchaus etwas befremdlich und inkonsequent anmutet, aber den rundum positiven Gesamteindruck kann dieser verzeihbare Schönheitsfehler auch nicht schmälern. Auf die weitere Entwicklung in den kommenden Marvel-Filmen bin ich überaus gespannt, was ich nach den letzten Installationen nicht gerade sagen konnte.

Nach DIE HARD 2 zogen fünf Jahre bis zur nächsten Fortsetzung ins Land, die damals wie eine Ewigkeit schienen. Der Erfolg von Steven Seagals UNDER SIEGE, einem nach dem erprobten DIE HARD-Schema konzipierten Actionfilm, der den Ex-SEAL Casey Ryback an Bord eines ausgedienten Kriegsschiffes gegen eine Bande von Terroristen antreten lässt, machte einem dritten, auch auf einem Schiff angesiedelten Film um John McClane zunächst einen Strich durch die Rechnung. Die Produzenten musste sich etwas Neues ausdenken, wollten sie den Vorreiterstatus ihres Franchises bewahren und nicht mit der Kopie einer Kopie in die Kinos drängen. Schon die Rückkehr John McTiernans auf den Regiestuhl durfte man als Signal bewerten: Hier sollte die Geschichte des Actionfilms gleich noch einmal umgeschrieben werden, so wie das sieben Jahre zuvor  gelungen war. Auch, dass man statt eines abgeschlossenen Settings nun ganz Manhattan als Spielwiese nutzte, machte den Anspruch der Produzenten deutlich, neue Standards zu setzen. Der Coup gelang, der Film wurde zum ertragreichsten Film des Jahres, auch wenn Kritiker die nervenzerrende Spannung der Vorgänger, die eben nicht zuletzt aus der Beschränkung auf einen abgeschlossenen Schauplatz erwuchs, vermissten. Dem damals 19-jährigen Autor, der DIE HARD WITH A VENGEANCE im Kino genoss, ging es ganz ähnlich: Auf der einen Seite wurde er eines meisterhaft in Szene gesetzten Actionfilms ansichtig, auf der anderen Seite fehlte da genau das, was ihm die beiden Vorgänger so ans Herz geschweißt hatte. (Und das war nicht nur Willis‘ Stammsynchronsprecher Manfred Lehmann, der hier unpassenderweise Thomas Danneberg wich, den man eigentlich mit Stallone und Schwarzenegger verband.)

Nein, was man an diesem dritten Teil logischerweise vermisst, das ist die Leichtigkeit und Lockerheit der beiden Vorgänger. DIE HARD hatte natürlich den Vorteil, gewissermaßen aus dem Nichts zu kommen, keine wolkenkratzerhohen Erwartungen erfüllen zu müssen. Aber es fällt auch heute noch auf, wie unglaublich organisch sich seine überaus konstruierte Handlung entfaltet. DIE HARD WITH A VENGEANCE ist inhaltlich wieder näher dran am Original als Harlins Sequel, das sich sozusagen auf das „Kerngeschäft“ konzentrierte, aber unter dem Druck, den erarbeiteten Ruf zementieren zu müssen, ist ihm jede Lässigkeit leider abhanden gekommen. Das sieht man auch an John McClane, der hier unter dem Eindruck eines gewaltigen Hangovers steht und sich förmlich durchbeißen muss durch die Herausforderungen, die ihm sein neuer Gegner, Hans Grubers Bruder Peter Krieg (Jeremy Irons), stellt: McClane lässt zu keiner Sekunde einen Zweifel daran, dass er lieber woanders wäre. Seinen spitzbübischen Charme und die mit seinen körperlichen Selbstverleugnungen graduell mitwachsende Euphorie, die ihn in den beiden Vorgängern zu einer idealen Identifikationsfigur gemacht hatten, sucht man hier vergeblich. Er hat keine Freude an seiner Arbeit. Was auch daran liegen mag, dass das Drehbuch den Film bis unter die Hutkrempe mit Missionen und Submissionen, mit Twists und Turns, mit Finten und falschen Fährten vollstopft, aber kaum einmal Menschen aufeinandertreffen lässt. Klar, hinter der durchkonstruierten Plotline steckt das Vorhaben, nach dem „einfachen“ Geiseldrama des zweiten Teils zu den Wurzeln zurückzukehren. Aber es musste eben noch einer draufgesetzt werden: Somit geht es nicht mehr allein um Räuber, die sich zur Tarnung als Terroristen ausgeben, sondern um Räuber, die sich zur Tarnung als Terroristen ausgeben, die eine persönliche Rechnung mit McClane zu begleichen haben. Und weil das immer noch nicht reicht, wird McClane noch der Afroamerikaner Zeus (Samuel L. Jackson) zur Seite gestellt, sodass DIE HARD WITHA VENGEANCE auch ein bisschen Buddy-Movie ist, und die Schule mit einer Bombe bedroht, auf die die zwei kleinen Jungs aus Zeus‘ Umfeld gehen, um für das human interest zu sorgen. Die erste Hälfte ist ganz geschäftige Schnitzeljagd durch Manhattan und an den einzelnen Stationen warten knifflige Knobelaufgaben auf die Helden: Das ist, wie gesagt alles arg an den Haaren herbeigezogen und überkonstruriert, aber dennochschwungvoll und dynamisch. Der Film verreckt in der zweiten Hälfte, wenn die Masche der Schurken durchschaut ist und alles auf eine dann irgendwie müde Verfolgung herausläuft. Und der Showdown schließlich ist eine einzige Enttäuschung. Viel Arbeit, wenig Magie.

Es sind eher einzelne Stunts, Gags und Actioneinlagen, die packen, als der Gesamtentwurf: McClane mit dem rassistischen Schild in Harlem, 90 Blocks in 30 Minuten während der New Yorker Rush Hour, der blutige Shootout im Fahrstuhl, der von einem Stahlseil halbierte Bösewicht. Die Aufzählung liefert schon ein recht beredtes Beispiel dafür, was ich immer meine, wenn ich vom eventisierten Actionfilm der Neunzigerjahre schreibe und spreche. Der Fokus liegt nicht auf handfester Auseinandersetzung, auf der Übersetzung von Emotion in Bewegung, sondern auf vordergründigem Spektakel, das immer noch einen draufsetzen muss. Da wird McClane im LKW von einer riesigen Flutwelle verfolgt und von einer Fontäne in die Luft geschossen, springen die beiden Helden am Schluss vor einer atombombengroßen Explosion ins Wasser – was natürlich die Rettung bedeutet. Da muss es nach Hans Grubers hünenhaftem blonden Killer diesmal eben ein stets pantherhaft-dominant durchs Bild schleichendes henchwoman und nach Hochhaus und Flugplatz eine ganze Metropole sein, die lahmgelegt wird. Am Ende bleibt auffallend viel ungeschöpftes Potenzial liegen. Heute, sprich: nach 2001, sähe dieser Film ganz anders aus, würde das Gefühl der Unsicherheit, einer sich tief in die Häuserschluchten senkenden Bedrohung, das hier immer nur ganz kurz aufblitzt, wohl deutlich stärker herausgearbeitet.

Auf zwei kleinere Momente will ich noch kurz eingehen. Der eine ist ein instant classic, vom Start weg zum Inszenierungsklischee geronnen, das heute zum guten Ton gehört: Ich meine natürlich die Auftaktsequenz, wenn die establishing shots eines geschäftigen, unter der Sommerhitze leidenden New Yorks, durch das Joe Cocker sein „Summer in the city“ röhrt, wie aus dem Nichts von einer Explosion zerrissen werden. Ein großartiger Start, dem der Film streng genommen nichts mehr hinzuzusetzen weiß. Der andere ist ein kleiner, leiserer. Er passiert, wenn McClane und Zeus in den Park eilen, wo sie einen weiteren Anruf des Schurken erwarten. Die Kamera wackelt orientierungslos im heute üblichen Verité-Stil hinter den Protagonisten her, verliert sie fast aus dem Blick, die Nachmittagssonne scheint golden durch die Baumwipfel, die Szenerie ist trotz größter Aufregung von jener müden, schweren Stille, nur aus ungewisser Entfernung dringt dieses unheilvolle, fast geisterhafte Klingeln eines Telefons ans Ohr. McClane wird in DIE HARD WITH A VENGEANCE herumgewirbelt, angeschossen, gejagt, verdroschen und weggesprengt, er stürzt ab, wird hochgeworfen, fast ersäuft, blutet, schwitzt und leidet. Aber diese kurzen Sekunden mit dem Telefon sind die wahrhaftigste körperliche Erfahrung, die der ganze Film bereithält.

 

David Caruso ist ja mittlerweile aufgrund seiner eindimensionalen Rolle in CSI MIAMI zu einer Art besonnenbrilltem Running Gag verkommen, aber anno 1995 war der Star der Fernsehserie NYPD BLUE auf dem Sprung, auch im Filmgeschäft groß rauszukommen. Anlässlich dieses Films wurde sogar in der Splatting Image ein Interview mit ihm abgedruckt, in dem er Steve McQueen als sein großes Vorbild nannte: Er bewundere an ihm die mimische Ökonomie, das Talent, mit einem Minimum an Mitteln maximalen Effekt zur erzielen. In KISS OF DEATH zeigt Caruso, dass er die McQueen’sche Coolness tatsächlich gut zu adaptieren versteht – er muss keine beeindruckende Physis mitbringen oder Muskeln zeigen, um klarzumachen, dass man mit ihm besser keine Spielchen spielen sollte. In einem famos besetzten Film ist er das unumstrittene Zentrum, das menschgewordene Auge des Tornados. Schade, dass seine Filmkarriere nach einigen gescheiterten Anläufen baden ging. Zumal die Filme, die daran „Schuld“ waren, in einer gerechten Welt niemals gefloppt wären. KISS OF DEATH ist einer davon.

Das Remake des (mir noch unbekannten) gleichnamigen Noir-Klassikers von 1947 wurde von Barbet Schroeder als hochkonzentrierter Männerfilm auf die Leinwand gebracht. Schroeder interessiert sich dabei kaum für gängige Genremechanismen. Die sonst zentralen Actionszenen sind kurz, dafür aber umso drastischer, die Rache des gebeutelten Helden wird nicht zum blutigen Triumphzug ausgewalzt, sondern mit den Mitteln des Verstandes verübt und die überlebensgroßen, archetypischen Figuren lassen immer wieder Eigenschaften aufblitzen, die ihnen ungewohnte Tiefe verleihen. Es sind nicht so sehr die großen dramatischen Schlüsselszenen des Films, die haften bleiben, sondern eben die kleinen Momente, die von Schroeder nahezu gleichberechtigt behandelt werden. So sehr man es auch mit einem typischen Hardboiled-Stoff zu tun hat: KISS OF DEATH wirkt stets real und glaubwürdig, ohne dabei auf fragwürdige Authentifizierungsstrategien zurückgreifen zu müssen. Der Film ist selbst dann, wenn er Nicolas Cage eine Plattform zum Megaacting bietet, noch so down to earth wie sein Hauptdarsteller.

Der Autoknacker Jimmy Kilmartin (David Caruso) will nach verbüßter Haftstrafe ein normales Leben mit Frau Beverly (Helen Hunt) und gemeinsamer Tochter führen. Doch mit seinem in krumme Dinger verwickelten Cousin Ronnie (Michael Rapaport) klopft schnell die kriminelle Vergangenheit an die Tür. Ronnie bittet Jimmy, als Fahrer bei einer groß angelegten Autoschieberei zu fungieren, „Little Junior“ (Nicolas Cage) bringe ihn sonst um. Jimmy ist nicht der Typ, der seine Familie hängen lässt, also willigt er ein. Wenig später bereut er diese Entscheidung: Der Konvoi wird von der Polizei angehalten und weil sein Beifahrer das Feuer auf den Polizeibeamten Calvin Hart (Samuel L. Jackson) eröffnet und ihn verwundet, sieht sich Jimmy einer Anklage wegen versuchten Mordes gegenüber. Während er im Knast sitzt, kommt seine Gattin Beverly ums Leben – nachdem sein feiner Cousin sie ins Bett zerren wollte. Jimmy sinnt auf Rache, serviert er Ronnie mit einem gezielten Tipp beim aalglatten Staatsanwalt Zioli (Stanley Tucci) ab. Und der sieht in Jimmy ein geeignetes Werkzeug, die eigene Karriere voranzubringen: Nach seiner Entlassung soll der ihm helfen,  Little Junior hinter Gitter zu bringen …

Man kann nicht sinnvoll über KISS OF DEATH sprechen, ohne auf seine Schauspieler einzugehen. Schroeder kitzelte selbst aus Idi Amin eine unfassbare Performance heraus, kein Wunder, dass er die Riege herausragender Darsteller zu Glanzleistungen motivierte, die den eher ruhigen Film zum Strahlen bringen. Zu Caruso habe ich mich schon geäußert, aber Cage, Tucci, Jackson und Rapaport sind kaum weniger großartig. Ersterer gibt seinen Junior als Trainingsanzug-Proleten mit Asthma und Abneigung gegen Metallbesteck. Seine Auftritte sind kurz, aber unvergesslich, prägnante Beispiele seines berüchtigten Megaactings: Nach dem Tod seines Vaters tanzt er autoaggressiv zu Kirmes-Techno, er macht Gewichtheben mit einer Tänzerin seines Stripclubs, möchte sich mit Jimmy in einem Anfall von Introspektion über „life and shit“ unterhalten, gibt sich motivierende Akronyme („it helps you to visualize your goals) und hat sich dabei für „B.A.D“ entschieden, was für „balls, attitude, direction“ steht. Jimmys Vorschlag „F.A.B“ – „Fucked at Birth“ – ist ihm hingegen entschieden zu negativ. Ich gehe davon aus, dass ein Großteil dieser Dialogzeilen sowie Einfälle wie die Besteckabneigung auf Cages eigene Improvisation zurückgehen – und erstaunlicherweise zerreißen diese tonal krass herausstechenden Momente den Film nicht, sondern fügen sich wunderbar ins Bild. Es sind diese superspezifischen Details, die Little Junior – eigentlich ein echter Kintopp-Schurke – gegen jede Wahrscheinlichkeit zu einer runden, lebendigen Figur machen. Eine Überraschung ist auch Samuel L. Jackson: Agiert er seit Jahren als Karikatur seines vor 20 Jahren etablierten „big black motherfuckers“, hat er hier eine überraschend differenzierte Rolle bekommen. Der Cop, der von seiner Schussverletzung ein tränendes Auge und Migräneanfälle davongetragen hat und dessen Zorn auf Jimmy sich in echte Sympathie verwandelt, als er bemerkt, dass der genauso ein Opfer seiner Umwelt ist wie er, ist in KISS OF DEATH ein emotionales Zentrum neben dem Zentrum. Diese Wandlung eines Nebencharakters zur echten Identifikationsfigur ist nur eine der zahlreichen unerwarteten Überraschungen, die Schroeder bereithält. Unbedingt ansehen!

Seinen Verbleib bei der Polizei sichert sich der S.W.A.T.-Cop Jim Street (Colin Farrell), indem er seinen skrupellosen, draufgängerischen Kollegen Brian Gamble (Jeremy Renner) beim Vorgesetzten anschwärzt. Fortan muss er zwar Frondienste in der Waffenkammer verrichten, doch als Sergeant „Hondo“ (Samuel L. Jackson), ein alter S.W.A.T.-Veteran, seinen Dienst als Teamleiter wieder aufnimmt, erhält er eine neue Chance. Gemeinsam mit seinen Kameraden bekommt er gleich eine schwere Bewährungsprobe: Der international gesuchte Schwerverbrecher Alex Montel (Olivier Martinez) konnte durch einen Zufall gefasst werden und muss nun in ein anderes Gefängnis überführt werden. Dass er medienwirksam eine Belohnung von 100 Millionen Dollar auf seine Befreiung auslobt, macht die Ausführung des Jobs nicht einfacher. Und so gibt es dann auch ein Wiedersehen zwischen Speed und Gamble, diesmal auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes …

S.W.A.T., Verfilmung einer mir unbekannten Serie aus den Siebzigerjahren, hat mich durchaus positiv überrascht (vielleicht auch nur, weil ich wirklich das Schlimmste erwartet habe). Zwar ist er alles andere als makellos, mit vielen Fehlern behaftet, die solche Megabuck-Produktionen üblicherweise auszeichnen, und letztlich nur leicht überdurchschnittlich, aber er ist dies auf sehr viel sympathischere Art und Weise, als ich das erwartet habe. Was den Film positiv aus den Massen total egaler, nur auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigung abzielender Mainstream-Actioner heraushebt, ist seine Anlage: Johnson macht ein weites Feld auf, führt seinen Protagonisten ein, beleuchtet die Zusammenstellung des Teams und die Ausbildung seiner Mitglieder, baut nebenbei den finalen Konflikt auf und lässt sich dann viel Zeit, den Showdown vorzubereiten. In seinen 115 Minuten deckt S.W.A.T. ein enormes Spektrum ab und vermeidet Langeweile, auch wenn er selten wirklich Neues erzählt. Das ist dann auch sein eigentliches Problem: Er beißt mehr ab, als er eigentlich kauen kann.

Clark Johnson hat nur wenige Filme in seinem Lebenslauf, dafür aber unzählige Serienbeiträge, darunter mehrere Episoden für die brillante Copserie THE SHIELD, deren Einfluss man auch hier zu spüren meint. Für S.W.A.T. bemüht er sich, den Realismus dieser Serie, die Vielzahl interessanter und wichtiger Figuren mit eigenen Geschichten, die Akribie, mit der der Arbeitsalltag und die mit der Polizeiarbeit verbundene Bürokratie und Politik gezeichnet wurden,  auf einen zeitlich enorm komprimierten Film zu übertragen. Das muss misslingen. S.W.A.T. erzählt viel, bleibt dabei aber zwangsläufig immer nur an der Oberfläche. Die Charaktere sind eindimensional, die harte Ausbildung mutet wie ein Spaziergang an, die finale Mission ist ohne rechte Anbindung an den Rest, auf feiste Actioneinlagen, die bebildern, was es mit den „Special Weapons and Tactics“ eigentlich auf sich hat, wartet man vergeblich. Auch wenn das alles viel größer produziert ist und bis in die letzte Nebenrolle mit fähigen Leuten besetzt, ist S.W.A.T. dann doch irgendwie nur Fernsehen. Mit den vielen guten Ansätzen, die nicht richtig zu Ende geführt werden, erinnert er ein bisschen an eine Serie, die nach zwei Episoden wegen schlechter Einschaltquoten abgesetzt wurde. Das haut ja auch von der Länger her hin. Aber immerhin ist es eine Serie, von der man gern mehr gesehen hätte. Wenn ich es mir recht überlege, ist eigentlich nur eine Sache richtig unverzeihlich: Die Besetzung von Samuel L. Jackson in der Rolle eines Ausbilders namens „Hondo“. Gegen dessen immergleichen Shtick muten selbst die wie immer betanktoppte Michelle Rodriguez und der stolz das Sixpack präsentierende LL Cool J wie gegen den Strich besetzt an.

Dass für den Freund bunten Firlefanzes dieses Jahr kein Weg an MARVEL’S THE AVENGERS vorbeiführt, zeigt sich schon daran, dass selbst ich den Weg ins Kino gefunden habe, um ihn mir mit 3D-Brille bewaffnet anzusehen und mich selbst davon zu überzeugen, dass es sich hierbei um den CITIZEN KANE des Superheldenfilms handelt. Zwar bin ich ganz froh, dass ich mein anlässlich des grauenvollen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE geäußertes Versprechen, Marvel-Filme zukünftig zu meiden, gebrochen habe, dennoch hapert es auch bei diesem jüngsten Werk ganz erheblich an allem, was über Krawall und Action hinausgeht. Was das heißt, könnt ihr in meiner Rezension nachlesen, die ich für Hard Sensations verfasst habe. Klick!