Mit ‘Scott Derrickson’ getaggte Beiträge

Als ich meine kurze, aber heftige Marvelphase hatte – es muss so Anfang der Neunzigerjahre gewesen sein – da war Doctor Strange ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, an das sich nur die Veteranen noch erinnertern. Dass er nun mit einem eigenen Film geadelt und den Avengers künftig im Kampf gegen zerfahrene Drehbücher und unterentwickelte Schurkenfiguren zur Seite stehen wird, zeigt mir einmal mehr, dass die Comicwelt, die die Filme abbilden, nicht mehr die ist, die ich damals kennengelernt habe. Aber die Inklusion des über fernöstliche Esoterik zu magischen Kräften gelangten Neurochirurgen Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ins Marvel Cinematic Universe ist in jedem Fall eine willkommene, weil  die Figur das seit etlichen Filmen bestehende Einerlei doch ein wenig aufzumischen vermag. Was nicht heißt, dass DOCTOR STRANGE erzählerisch oder gar formal besonders aus der Reihe fiele: Derricksons Werk zeigt genau dieselben Schwächen, die mich auch bei den vorangegangene drölfzig Marvel-Filmen schon gelangweilt haben, nur mutet dieses Werk insgesamt etwas kurzweiliger, witziger und aufgrund seiner Figur minimal origineller an. Nach ANT-MAN darf DOCTOR STRANGE also für sich in Anspruch nehmen, einer der besseren Filme der dritten Marvel-Welle zu sein.

Leider muss man sich als Zuschauer, wie immer in diesen Filmen, wieder einmal durch eine ellenlange Exposition kämpfen, die umso sinnloser erscheint, als man jeden ihrer Schritte punktgenau vohersagen kann. Strange ist der brillante, witzige und auch irgendwie charmante Held, dem jedoch aufgrund einer mustergültigen Laufbahn jegliche Demut völlig fremd ist. Naturellement macht ein schwerer Autounfall seiner güldenen Karriere ein jähes Ende: Plötzlich steht das Wunderkind vor dem Nichts und er reagiert darauf wie ein Arschloch, das dringend eine Lektion braucht. Die gibt es in Nepal, wo er eigentlich die Heilung für seine verkrüppelten Hände sucht, aber weitaus mehr findet: Nicht nur mystische Zauberkräfte, sondern auch die Einsicht, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die ein reicher Schnösel nicht begreift. Weil das für einen Film aber noch nicht reicht, wird er noch in einen uralten Konflikt zwischen seiner Lehrerin „The Ancient One“ (Tilda Swinton) und einem abtrünnigen Schüler (Mads Mikkelsen) hineingezogen, der wieder einmal notdürftig übergestülpt wirkt und mit dem Rest des Films keine rechte Bindung eingehen mag.

Wie gesagt, im Grunde ist alles wie zuvor; dass ich DOCTOR STRANGE diese Mängel aber eher verzeihe als meinetwegen dem letzten CAPTAIN AMERICA-Film, liegt daran, dass Benedict Cumberbatch durch seine bloße Anwesenheit einen kultivierten Witz und Stil mitbringt, den andere Marvel-Filme weitestgehend vermissen lassen, und die Zaubershow, die er und seine Gegner abbrennen, darüber hinaus viel Stoff für visuell aufregende Effekte bietet. Über die von Nolans INCEPTION inspirierte Sequenz, in der sich eine ganze Stadt in einen Zauberwürfel zu verwandeln scheint, wurde schon viel geschrieben, fast noch schöner fand ich Stranges Flug durch bunte Space-Dimensionen, der an eine Achterbahnversion des berühmten Sternenfluges aus 2001: A SPACE ODYSSEY erinnert. Derrickson und seine Effektleute zaubern einfach jede Menge Eye Candy aus dem Zylinder und es ist eine willkommene Abwechslung, endlich einmal nicht mit diesem ganzen nach x Filmen doch etwas müden Politthriller-Gedöns der Avengers-Filme konfrontiert zu werden. DOCTOR STRANGE ist Quatsch im positivsten Sinne und als solcher recht erfrischend.

Horrorfilme wie die zuletzt gesehenen THE CONJURING und MAMA bedeuten streng genommen das Ende des Genres: Anstatt, wie es der Begriff „Horror“ eigentlich beinhaltet, zu verstören, zu erschrecken und Grenzen zu überschreiten, begnügen sie sich damit, etablierte Motive und Mechanismen abzuspulen und zu wiederholen, den Zuschauer eben gerade nicht herauszufordern, sondern ihm bloß das aufzutischen, was er erwartet: den abgesicherten scare. Um den Unterschied zu begreifen, muss man sich bloß die Banalisierung und Infantilisierung des Horrorfilms zum „Scary Movie“ vor Augen führen: So nennt man eben jene „sicheren“ Horrorfilme, die pünktlich zu Halloween über die Leinwand flimmern und in die man die Angebetete schleppt, damit sie sich in einem gesellschaftlichen Ritual während des Film in die Arme des Erwählten flüchtet. Echter Schrecken ist freilich nicht erwünscht, stünde er doch der anschließenden Abendgestaltung (die im Idealfall im Bett endet) im Weg. SINISTER ist sicherlich kein epochemachender Schocker, steht motivisch und ästhetisch durchaus in der zeitgenössischen US-amerikanischen Horrorfilmtradition, findet dabei aber eben eigene, noch nicht allzu ausgetretene Pfade und evoziert jene durch und durch seltsame, fremdartige, beunruhigende und, ja, böse Atmosphäre, die den Horrorfilm im Idealfall auszeichnet.

Der True-Crime-Schriftsteller Ellison Oswalt (Ethan Hawke) wartet bereits seit zehn Jahren auf den nächsten großen Hit, mit dem er an seinen einen großen, einstigen Erfolg anknüpfen kann. Seine Familie – Gattin Tracy (Juliet Rylance), Sohn Trevor (Michael Hall D’Addario) und Tochter Ashley (Clare Foley) – haben der Karriere des Ehemanns und Vaters alles untergeordnet, ziehen mit ihm von einem Ort zum nächsten, nur um mitzuerleben, wie er sich in blutigen menschlichen Tragödien verliert – die wiederum Einfluss auf ihr Seelenleben nehmen. Der aktuelle Fall ist seine gefühlte „letzte Chance“: Er bezieht mit der nichts Böses ahnenden Familie den Tatort eines grausamen Verbrechens. Eine Familie wurde in ihrem Garten erhängt, von der jüngsten Tochter fehlt immer noch jede Spur. Eigentlich will er sie wiederfinden, doch kurz nach dem Einzug findet er auf dem Dachboden einen Karton mit Super-8-Filmen, die einen Zeitraum von fast 50 Jahren abdecken. Mit Entsetzen stellt er fest, dass es sich um Snuff Movies handelt: Jeder Film zeigt die Ermordung einer ganzen Familie. Während er mehr und mehr eingenommen wird, fördert die Untersuchung der Filme immer krudere Details ans Tageslicht. Ellison entdeckt eine seltsam aussehende Gestalt und okkulte Symbole in den Filmen, die sich, wie ihm ein Wissenschaftler erklärt, auf einen alten babylonische Dämon namens Bughuul beziehen, den „eater of children“. Dann offenbaren sich verblüffende Verbindungen zwischen den abgefilmten Untaten. Je seltsamer der Fall wird, umso furchteinflößendere Dinge passieren auch im Haus der Oswalts, bis Ellison schließlich beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln …

Das Drehbuch des einstigen AICN-Autors C. Robert Cargill verbindet zunächst geschickt mehrere aus dem modernen Horrorfilm bekannte Plotstandards zu einer originellen Geschichte: Man kennt den ausgebrannten Schriftsteller, der sich obsessiv in seiner Arbeit verstrickt und gar nicht bemerkt, wie das Objekt seines Interesses immer stärker Besitz von ihm ergreift. Ellisons Kinder müssen ständig die Schule wechseln, der pubertierende Sohn entwickelt eine renitente Ader und wird zudem von heftigen Albträumen geplagt, die künstlerisch begabte Tocher beginnt plötzlich die Verbrechen, mit denen sich der Vater beschäftigt, zu Papier zu bringen. Ellison selbst verliert völlig den Blick für die Bedürfnisse seiner Lieben, die fürchterlichen Geschichten, die sein Leben bestimmen, setzen ihn immenser psychischer Belastung aus. Diese Ausgangskonstellation führt inneres und äußeres Drama zusammen: Die Grundvoraussetzung für effektiven, nachhaltigen, vielschichtigen Horror. Das True-Crime- und Snuff-Sujet bringt außerdem einen gewissen Realismus mit sich, der die absurderen Einfälle des Films erdet und zudem an einen metafilmischen Aspekt gekoppelt ist: Der Zuschauer von SINISTER erkennt sich im Protagonisten wieder, der auf intradiegetischer Ebene ja selbst ein Horrorfilm-Zuschauer ist. Die Bedrohung, die innerhalb des Films von den Super-8-Rollen ausgeht, durchbricht quasi die vierte Wand und greift auf den Zuschauerraum über. Der Betrachter von SINISTER ist vor dem Bildschirm nicht mehr länger sicher, er wird genauso affiziert wie der Protagonist, der sein Repräsentant auf Filmebene ist. SINISTER ist mithin auch ein Film über das Wesen des Horrorfilms selbst, über seine Wirkweisen und seinen medialen Charakter: Er zeigt, dass er nicht nur den kurzen scare hervorruft, sondern das Potenzial hat, im tiefsten Inneren zu treffen, dass eine unberechenbare Kraft von ihm ausgeht. Er erinnert darin etwas an Theodore Roszaks grandiosen Roman „Flicker“ (zu Deutsch: „Schattenlichter“), auf dessen Verfilmung man mittlerweile auch schon Jahre wartet. Nach Derricksons Film vielleicht nicht mehr ganz so sehnsüchtig.

SINISTER bedient sich zudem einer Storykonstruktion und Dramaturgie, für die ich überaus empfänglich bin: Das Schicksal der Protagonisten ist nämlich bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt besiegelt, alles, was danach passiert, liegt nicht mehr in seiner Hand, sondern folgt einem teuflischen Plan. Das Finale zeichnet sich relativ früh ab, früher jedenfalls, als Ellison es absehen kann. Damit geht aber nicht etwa ein Mangel an Spannung einher, vielmehr verstärkt dieses Mehrwissen des Zuschauers das allgegenwärtige Gefühl des Unheils, das aus jeder Pore des Filmes trieft. Während die oben genannten THE CONJURING oder MAMA also lediglich bekannte Bilder auffrischen und Erwartungen bedienen, verstört SINISTER, indem er die bekannten Dinge auf eine neue Art und Weise zeigt. Die zentralen Snuff-Filme sind keineswegs besonders grafisch, wie man das mittlerweile kennt, vielmehr von einer schockierenden Distanz und Unaufgeregtheit geprägt. In ihnen zeigt sich keine Bestilität, sondern eine unmenschliche Gleichgültigkeit des Täters, eine groteske Beiläufigkeit der Tat, die dadurch anmutet wie ein perverses Kinderspiel. Überhaupt beweist SINISTER, so unheimlich und bizarr er auch ist, einen feinen Humor, der den Schrecken jedoch nicht abschwächt, sondern verstärkt. Die potenziell idiotische Idee mit dem babylonischen Dämon Bughuul (von dem sich, so einer der hübschen kleinen Gags des Films, die einem unaufmerksamen Zuschauer leicht durchgehen können, der Begriff „Boogeyman“ ableitet), wird so glaubwürdig umgesetzt. Das Böse nimmt eben die absurdesten Formen an und hat sein Ziel dann erreicht, wenn es in unsere Köpfe eingedrungen ist. Zum Beispiel über einen Horrorfilm. SINISTER ist ein schöner Hirnfick, nach dem es sich angemessen beschissen schläft und der auch darüber hinaus noch beschäftigt. Einer der besten aktuellen Horrorfilme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.