Mit ‘Sean Anders’ getaggte Beiträge

tt1528854_1444736349_871Fünf Jahre nach THE OTHER GUYS vereint DADDY’S HOME erneut die beiden Hauptdarsteller Will Ferrell und Mark Wahlberg in vergleichbaren Rollen, aber gänzlich anderem Sujet. Als liebender, stets positiv denkender Stiefvater Brad, der sich auch von den gemeinsten Anfeindungen der Kinder seiner Gattin Sara (Linda Cardellini) nie aus der Ruhe bringen lässt, ist Will Ferrell in seinem Element, schmeißt den Haushalt, wenn die Ehefrau mal im Stress ist, verachtet Gewalt und einen rohen Umgangston, glaubt fest an die Kraft ruhig und sachlich vorgetragener Argumente, scheut sich nicht, seine Emotionen zu zeigen und arbeitet nebenher bei der Smooth-Jazz-Radiostation Nr. 1, „The Panda“.

Doch all die Werte, an die er glaubt, sowie sein Selbstverständnis als Mann und Vater werden auf den Prüfstand gestellt, als Dusty (Mark Wahlberg), der Ex-Mann Saras und leiblicher Vater ihrer Kinder, sich für einen Besuch ankündigt. Brad ist fest entschlossen, ihm offen, aber doch auch bestimmt gegenüberzutreten, sieht seine Felle gegen den muskelbepackten, motorradfahrenden hunk mit der geheimnisvollen Vergangenheit aber schnell davonschwimmen – nicht zuletzt, weil er sich bei seiner Ehre gepackt fühlt und in den Schwanzvergleich, den er nur verlieren kann, miteinsteigt. Es gilt für ihn, sich auf seine Art und Weise zu behaupten – und natürlich kann auch Dusty, der einst vor dem commitment als Familienvater davonlief, etwas lernen.

DADDY’S HOME verzichtet auf die Ausflüge in den überdrehten Gaga-Humor, der Ferrells frühere Filme auszeichnete, ist insgesamt familienfreundlicher, warmherziger und geerdeter. Man kann sich gut und gern eine Version von Anders‘ Film vorstellen, in der Dustys nur angedeutete Actionhelden-Vergangenheit gnadenlos ausgereizt wird, hier bleibt das alles auf dem Boden der Realität. Die wenigen Ausflüge auf das Terrain des krachigen Klamauks – meist gekennzeichnet durch nicht ganz überzeugende CGI-Effekte – fallen aus dem sonst eher ruhigen Film dann auch etwas raus, der sich auf die Chemie seiner beiden Hauptdarsteller verlassen kann. Will Ferrell ist göttlich als effeminierter Bilderbuch-Papa und sein Konflikt mit Dusty ist auch deshalb so witzig und nachvollziehbar, weil er die Auseinandersetzung moderner Familenväter mit einem überkommenen Männlichkeitsbild und neuen gesellschaftlichen Herausforderungen widerspiegelt. Stand-up Comedian Hannibal Buress hat eine herrlich bescheuerte Rolle als Handwerker Griff, der im Haus der Familie einziehen darf, weil Brad vermeiden will, als Rassist bezeichnet zu werden, und das Geschehen im Folgenden mit seiner typisch verschlafen wirkenden Gelassenheit kommentiert. Ich habe DADDY’S HOME sehr genossen.

horrible-bossses-2-10Sequels haben bei mir derzeit gute Karten: Analog zu KICK-ASS 2 gefällt mir auch HORRIBLE BOSSES 2 um Längen besser als der doch reichlich zwiespältige erste Teil. Der Unterschied zwischen beiden Filmen manifestiert sich zum einen in der nun endgültig völlig abstrusen Storyline, in die sich auch die übersteuerten Figuren besser einfügen, zum anderen – nur scheinbar im Widerspruch dazu – in der größeren Empathie, die Anders ihnen entgegenbringt. Während Jennifer Anistons sexsüchtige Zahnärztin im Vorgänger noch als psychopathisches Biest und misogynes Zerrbild der selbstbewussten Frau durchging, hat sie ihre Sucht im Sequel endlich zur Kenntnis genommen und versucht sie in einer Selbsthilfegruppe in den Griff zu bekommen: Dass ihre Bemühungen eher erfolglos sind, sie die Sitzungen dazu zweckentfremdet, sich an den Berichten ihrer Leidensgenossen aufzugeilen und neues Fleisch zu akquirieren, macht sie fast schon zur tragischen Figur, die deutlich mehr komisches Potenzial in sich birgt.

Der deutsche Verleihtitel KILL THE BOSS 2 macht indes überhaupt keinen Sinn mehr: Nick (Jason Bateman), Dale (Charlie Day) und Kurt (Jason Sudeikis) sind nach ihren Erfahrungen aus dem Vorgänger unter die Unternehmer gegangen und erhalten ein lukratives Angebot vom Großhändler Bert Hanson (Christoph Waltz). Dem liegt allerdings gar nichts an einer fairen Geschäftsbeziehung, vielmehr will er die drei in die Pleite treiben und sich ihr Unternehmen unter den Nagel reißen. Ein erneuter Mordversuch kommt nicht infrage, so viel haben die drei Protagonisten gelernt, aber irgendwie auch Spaß an kriminellen Aktivitäten gefunden, mit denen man lästiges verantwortliches Handeln adrenalinfördernd umgeht. Also wird kurzerhand Rex (Chris Pine) entführt, der selbstverliebte Sohn Hansons, und ein stattliches Lösegeld gefordert. Der Plan wird allerdings dadurch verkompliziert, dass Rex über deutlich mehr kriminellen Drive verfügt, seinen Vater inbrünstig hasst und an dem Coup beteiligt werden will.

Regisseur Sean Anders fährt ganz gut damit, sich auf seine drei Antihelden zu konzentrieren, deren Miteinander mehr Raum erhält als noch im Vorgänger, in dem ihnen die drei titelgebenden Bosse Konkurrenz machten. Nick hat alle Hände voll damit zu tun, seine infantilen, enorm begeisterungsfähigen, aber nicht besonders intelligenten im Zaum zu halten, was ihm mal besser, mal schlechter gelingt. Der eklige Rex – Chris Pine hat sichtlich Spaß an seiner Rolle – weiß die drei geschickt gegeneinander auszuspielen und Nick ist dann doch zu ehrgeizig, um den Idioten allein das Ruder zu überlassen. Doch je näher die Amateure ihrem Ziel kommen, umso häufiger stolpern sie über die von ihnen selbst gelegten Fallstricke. HORRIBLE BOSSES 2 ist witziger, zotiger, aber gleichzeitig auch visuell einfallsreicher: Sehr schön ist die Sequenz gestaltet, in der der Plan der vier wie ein perfekter Film abläuft, sich z. B. ein Blutfleck in einer nahtlosen Überblendung in die Spiegelung roten Neonlichts in einer Pfütze verwandelt. Auch toll, wie alles, was in diesem „Vorstellungsfilm“ noch so  perfekt war, später in der Umsetzung nur noch halb so gut funktioniert oder sich als lediglich filmischer Effekt entpuppte: Die Perücke, mit der sich Kurt in Bert Hanson verwandeln soll, lässt ihn wie einen Wischmop aussehen, die Pagenkostüme, mit denen sich Nick und Dale verkleiden, entsprangen lediglich der überbordenden Fantasie Dales, der sich nun sehr enttäuscht darüber zeigt, ganz undramatisch in zivil fliehen zu müssen.

Am klügsten ist aber die von „Motherfuckah“ Jones (Jamie Foxx) kommende Einsicht, dass der Zuschauer es bei den Protagonisten mitnichten noch mit drei unschuldigen Tölpeln auf Irrwegen zu tun hat. Die Art und Weise, wie sie ihre Probleme nun schon zum zweiten Mal mit einem Verbrechen lösen wollen, und dabei trotzdem beharrlich das Selbstbild aufrechterhalten, lediglich in die Ecke gedrängte Normalos zu sein, die keine andere Wahl haben, macht sie zu den eigentlichen Gestörten des Films.

Adam Sandler polarisiert. Für die einen sind seine Filme die One-Man-Show eines wenig begabten Egozentrikers, dessen Talent sich umgekehrt proportional zu seinem Erfolg verhält. Dass er mit seinen Komödien Millionen verdient hat, fungiert zum einen als Beleg für die behauptete Dumm- und Flachheit seiner Filme, vergrößert zum anderen noch die Verachtung, mit der er bedacht wird. Aber es gibt seit ein paar Jahren auch eine Gegenbewegung abseits der „Dummköpfe“, die Geld dafür ausgeben, ihn auf der Leinwand zu sehen. Vor allem der in diesem Blog mehrfach diskutierte Armond White hat sich in den letzten Jahren als Apologet des Sandler’schen Schaffens erwiesen und in dem Komiker einen Moralisten vom Schlage eines Frank Capra ausgemacht. Adam Sandler gibt den durchschnittlichen Narren, der im Laufe seiner Filme die eigenen Schwächen überkommen muss, um ein besserer Mensch zu werden. Er inszeniert sich dabei nicht als Aufklärer, sondern begegnet seinem Publikum durchweg auf Augenhöhe. Sandler ist alles andere als ein Feingeist, er liebt die Zote, geht gemeinsam mit seinen Charakteren stets dahin, wo es besonders wehtut, erfreut sich mit ihnen wie ein Kind daran, in Pfützen zu springen und im Schlamm zu waten. Und tief in der Jauche findet er dann die Erkenntnis, das Juwel. Fast meint man, dass Sandler selbst aus jedem seiner Film ein Stückchen weiser hervorgeht. Das ist die Schönheit seiner Filme: Seine Figuren überwinden die Limitationen, ohne sich verraten zu müssen. Das trifft auch auf THAT’S MY BOY zu.

Donny Berger (Adam Sandler) ist ein gealterter Teenie-Held der Achtziger. Weil er mit 14 eine sexuelle Beziehung zu seiner attraktiven Lehrerin unterhielt, gelangte er zu nationaler Berühmtheit, Anerkennung, einer eigenen Fernsehshow und zu Reichtum, der ihm notgedrungen die Sinne vernebelte. Außerdem machte die Geschichte ihn mit 18 zum überforderten Vater eines bemitleidenswerten Sohnes. In der Gegenwart sind alles Geld, alle Prominenz längst verflogen. Donny ist eine jener „Celebritys“, die allerhöchstens noch für Kurzbeiträge in niederträchtigen Gossip-Shows zu gebrauchen sind. Die Aufforderung, 43.000 $ Steuern nachzuzahlen, droht ihn in den Knast zu bringen. Es gibt nur noch eine Möglichkeit, dem zu entgehen: Donny muss sich mit seinem Spross versöhnen, zu dem er seit Jahren keinen Kontakt mehr hat. Han Solo Berger (Andy Samberg) heißt mittlerweile Todd Peterson, um die Verbindung zum peinlichen Papa zu verbergen, ist erfolgreicher Geschäftsmann und steht kurz vor der Heirat mit Jamie (Leighton Meester). Dazu weilt er gemeinsam mit deren Familie im Haus seines Chefs, Steve Spirou (Tony Orlando), wo die Feierlichkeiten steigen sollen. Donny taucht uneingeladen dort auf, gibt sich als alter Freund Todds aus und gewinnt mit seiner unverstellten, direkten Art bald alle Sympathien der Anwesenden – sehr zum Entsetzen seines Sohns, der aus der gemeinsamen Zeit zahlreiche Neurosen (und ein hässliches New-Kids-on-the-Block-Rückentattoo) davongetragen hat. Beim Junggesellenabschied, den Donny an sich reißt, gelingt es ihm endlich, eine Verbindung zu Todd herzustellen. Doch als der vom Grund für Donnys Besuch erfährt, droht alles wieder zusammenzubrechen …

Zunächst mal ist THAT’S MY BOY eine typische US-Komödie. Der Plotverlauf ist kaum mehr als Genrestandard, mit größter Genauigkeit lässt sich jeder Wendepunkt der Geschichte vorhersagen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gibt es die Krise, bevor dann nach einer erneuten Zuspitzung alle zusammenfinden und das herzige Happy End bejubelt werden kann. Die Botschaft, die der Film vermittelt, kennt man ebenfalls: Es sind innere Werte, die zählen, man soll man selbst sein und sich nicht daran orientieren, was andere für richtig halten. Familie ist das höchste und Blutsbande sind durch nichts zu ersetzen. Erfolg ist nicht alles, am wichtigsten ist es, glücklich zu sein – und zwar nach den eigenen Maßstäben. Das ist, wenn man es so liest erschreckend banal und kaum der Rede wert, weil es genau das ist, was 95 % der aus den USA stammenden Filme ihrem Publikum mit auf den Weg geben. Worin sich THAT’S MY BOY aber von dieser Masse unterschiedet, sind einerseits sein Ton, andererseits die Art, wie er sein erstrebenswertes Ideal ausfüllt. Während sich nämlich in der Öffentlichkeit eine breite Front gegen jene Unterprivilegierten, Versager, Nichtskönner und Ungebildeten auftut – man lese nur einmal die Kommentare aus Spiegel Online zu einschlägigen Artikeln oder unterhalte sich mit einer x-beliebigen gebildeten Person über das Fernsehprogramm –, zelebriert Sandler das Idiotische, Mittelmäßige, Hässliche und Dumme und gibt ihm einen Teil seiner Würde zurück. Wie auch Matt Groenings THE SIMPSONS ist THAT’S MY BOY vollgestopft mit Verweisen auf die „Underachievers“, Menschen, die ihre fünf Minuten Ruhm teuer mit nicht abebbender Häme und Spott bezahlt haben. Vanilla Ice spielt sich selbst, eine nicht unwichtige Rolle als Donnys alter Kumpel und Todds „Onkel Vanny“, die das Maß jener selbstreferenziellen Cameos, die ihm sonst zugedacht werden, weit überschreitet. Donny stellt ihn einmal als „awesome rapper“ vor: Und tatsächlich war ich sehr erstaunt, ihn später beim obligatorischen Einsatz von „Ice Ice Baby“ tatsächlich sehr passabel rappen zu hören, anstatt immer nur über ihn zu lesen und mir zum x-ten Mal bestätigen zu lassen, wie peinlich und scheiße er doch war. Donny selbst ist mit seinem Musikgeschmack eher in den mittleren Eighties hängengeblieben – sein Zimmer säumen Poster von längst vergessenen Hairmetal-Combos, seine Motorhaube ziert ein riesiges Rush-Logo – aber der Film platziert diese Verweise mit großer, ungewöhnlicher Selbstverständlichkeit. Sie illustrieren Donnys Geschmack, ohne ihn damit insgeheim zum Idioten zu stempeln. Idioten sind nach dem Verständnis des Films nämlich die, die ihre Vorlieben von einst verleugnen und sich dessen schämen, und nicht die, die zu dem stehen, was sie mögen, auch wenn es gerade dem Zeitgeist nicht entspricht. Deswegen ist auch das außer Form geratene NKOTB-Tattoo, dem Todd die Hemmung verdankt, sich vor anderen zu entblößen, nicht etwa Grund, sich zu schämen, sondern eben Ausdruck von Persönlichkeit. Und zu der gehören nicht nur jene stolzen Momente, in denen man sich von seiner besten, schönsten und klügsten Seite zeigte, sondern auch die kleinen Sünden, Peinlichkeiten, Niederlagen. THAT’S MY BOY kommt mit dieser Aussage davon, weil sich Regisseur Sean Anders und Adam Sandler nicht zu schade sind, diese Sünden, Peinlichkeiten und Niederlagen schillernd auszumalen. Der Film bedient sich eines Gross-out-Humors, der zwar zotig, aber nur selten prüde daherkommt. Die fettleibige schwarze Stripperin Chamaple (Luenell), die in Donnys bevorzugter Tittenbar arbeitet, wird hier nicht zur Zielscheibe ekliger Dickenwitze. Sie ist ein Original, das man nicht schön finden muss, aber dessen Offenheit einem Respekt abverlangt. Ihre Statur spielt bald schon gar keine Rolle mehr: Man lernt sie als eine Person aus Donnys exzentrischem, aber liebenswert-herzlichen Freundeskreis kennen.

Letztlich steht und fällt eine Komödie aber natürlich mit der Qualität ihrer Gags. Und THAT’S MY BOY liefert da weitaus mehr als man von vergleichbaren Angeboten zuletzt bekommen hat. Die Sequenz um Todds Junggesellenabschied hätte ich an einem jener bierseligen Abende im Kreise meiner besten Freunden vor ein paar Jahren noch rauf und runter geguckt und mit diversen Lachkrämpfen bedacht. Für Zoten bin ich ja generell zu haben, sobald sie nur im richtigen Maß über das Ziel hinausschießen. Die Szene, in der eine Vielzahl vollgewichster Taschentücher eine wichtige Rolle spielen, hat sogar meine Gattin zu hysterischem Kichern ermutigt. Eine sehr hübsche und originelle Idee ist das spontane Baseballspiel der versammelten Hochzeitsgesellschaft, bei dem alle Beteiligten außer Todd eine Spitzenliestung zeigen – selbst die Oma und das Kleinkind. Sicherlich kann man hier und da geteilter Meinung sein. Sandlers am Kiefer vorbei durch die Backen gepresstes Gequäke finde ich bisweilen anstrengend und unnötig, aber daran konnte ich mich in den vergangenen 15 Jahren halbwegs gewöhnen. Ob das bösartige Ende, das Todds Verlobte ereilt, wirklich nötig war, ließe sich auch treffend diskutieren. Da scheint der Film mit seinem Herz für Freaks plötzlich am Ende seiner zunächst doch anscheinend grenzenlosen Empathie angekommen. Aber wie oben schon gesagt: Wenn man THAT’S MY BOY lieben will, dann muss man auch seine weniger lichten Augenblicke zu nehmen wissen.