Mit ‘Sean Bean’ getaggte Beiträge

goldeneyeWenn man, so wie ich derzeit, eine ganze Filmreihe in chronologischer Folge schaut, beeinflusst das ohne Frage die Wahrnehmung der einzelnen Filme. Man betrachtet jeden einzelnen Beitrag weniger für sich, sondern stellt Vergleiche an, sucht Verbindungen und Unterschiede, ordnet ein und strickt insgesamt an einer Art übergeordneten Dramaturgie. Das ist, denke ich, ein legitimer Ansatz, der mir zudem Spaß macht, aber er ist nicht unproblematisch: Man läuft Gefahr, jeden Beitrag nur noch hinsichtlich seines Platzes im Gesamtwerk zu betrachten. Eigenheiten werden zu Abweichungen von einer imaginierten Linie, oder man blendet sie gleich ganz aus, um das Bild des großen Ganzen, das man insgeheim schon gemalt hat, nicht revidieren zu müssen.

In meinem Text zu LICENCE TO KILL beschrieb ich die Brosnan-Ära gegenüber den letztlich gescheiterten Innovationsversuchen mit Dalton durchaus voreilig – von keinem seiner Bonds habe ich einen wirklich belastbaren Eindruck in Erinnerung behalten – als „Rückschritt“. Diese Diagnose lag für mich nah: Der etwas rohere Dalton-Bond war nicht akzeptiert worden und mit Brosnan feierte die Bond-Reihe zumindest in der Gunst des Publikums ihr Comeback mit einem Darsteller, um den sich die Produzenten schon zehn Jahre zuvor bemüht hatten. Brosnan, der mit seiner Rolle eines bondesken Privatdetektivs in der Fernsehserie REMINGTON STEELE eine Art Bewerbungsvideo für die Rolle als Doppelnull abgeliefert hatte, scheint auf den ersten Blick wie eine Verlängerung der Moore-Tradition: Er ist ein insgesamt glatterer Typ als Connery, ideal für den smarten, kultivierten Verführer im Smoking, gutaussehend und mit spitzbübischem Lächeln zur Selbstironie befähigt. Während Dalton als eher handfester und auch etwas durchschnittlicher Typ etwas Neues mitbrachte, wirkt Brosnan wie eine leicht angeraute Version von Moore. Aber er legt den Agenten gänzlich anders an und sorgt gemeinsam mit den neuen Autoren – Richard Maibaum, bis auf wenige Ausnahmen für alle Bond-Drehbücher verantwortlich, war 1991 verstorben – dafür, dass die Erneuerungsversuche mit Dalton letzten Endes als äußerst halbherzig und inkonsequent angesehen werden müssen. Immerhin aus inhaltlicher Sicht kann ich meine Rückschrittsbehauptung verteidigen: GOLDENEYE steht mit seinem einen irrwitzigen Plan verfolgenden Schurken, der an Science Fiction grenzenden Hightech-Waffe, dem Rückgriff auf die Kalter-Krieg-Thematik, der Verbindung von Thrill und Komik, der Gegenüberstellung von zwei attraktiven Frauen und der rasanten Aneinanderreihung von Action-Set-Pieces ganz in der Tradition, die die Serie groß gemacht hatte.

Es sind im Wesentlichen einige kurze Dialogszenen, die die Charakterisierung von Brosnans Bond konturieren und die Figur wieder mehr in Richtung „funktionierender Söldner“ interpretieren, den Connery verkörperte, bevor sie unter Moore zum dandyhaften (später altersmüden) Superhelden mutierte. Von M (Judy Dench) wird der Agent als sexist, misogynist dinosaur“ und „relic of the Cold War“ bezeichnet: In wenigen Sekunden verwandelt sich Bond vor den Augen des Zuschauers vom unhinterfragten zum Antihelden, werden seine über die Jahre zu liebenswerten Marotten degradierten Eigenschaften ganz klar benannt. GOLDENEYE geht das Dilemma der Serie damit ganz offensiv an: Mit dem Zusammenbruch der UdSSR war auch eine ganz wesentliche Bedingung weggebrochen, hatte der Agent zumindest einen Teil seiner Daseinsberechtigung eingebüßt. Die Frage, was man mit der so beliebten Figur nun eigentlich anfangen sollte, die spätestens mit Ende der Moore-Ära offen im Raum stand, wird somit auf die Handlungsebene geholt. Was fängt der Staat (die Produzenten) mit einem Relikt aus alten Tagen an? Bonds erste Konfrontation mit seinem ehemaligen Partner, dem totgeglaubten und zum Feind übergelaufenen Alec Trevelyan (Sean Bean), knüpft indes an Bonds Austausch mit Dr. No im allerersten Bondfilm und an Scaramangas Bemerkungen aus THE MAN WITH GOLDEN GUN an: Trevelyan nennt Bond „her majesty’s loyal terrier, defender of the so-called faith“, fragt ihn, ob „all those vodka martinis ever silence the screams of all the men you’ve killed… or if you find forgiveness in the arms of all those willing women for all the dead ones you failed to protect“ und stellt schließlich die ganze Legitimität ihres Berufs in Frage: „Did you ever ask why? Why we toppled all those dictators, undermined all those regimes?“ Bond ist williger Helfer eines Systems, dessen Rechtmäßigkeit er gelernt hat, nicht zu hinterfragen. Und Trevelyan ist so etwas wie der Kontingenz-Beweis: Seine Eltern starben nach dem Zweiten Weltkrieg in einem russischen Gefangenenlager durch den Verrat des Empires, das ihnen seine Hilfe zugesagt hatte. Das Relikt Bond ist ein Vollstreckungsgehilfe, überzeugter Vertreter überkommener Werte und somit zu einem Verwandten all jener alten Seelen, die so oft im Zentrum des Actionkinos stehen: Männer, die sehen, wie die Welt sich um sie herum verwandelt, und die nun dagegen ankämpfen, auf dem Schrottplatz der Geschichte entsorgt zu werden. Nach Jahren der bloßen Verwaltung ist GOLDENEYE der erste Bond, der etwas Neues zu sagen hat.

Formal knüpft er indes nahtlos an seine Vorgänger an, lediglich den Soundtrack von John Barry vermisst man angesichts des etwas ziellosen Geklimpers von Eric Serra. Der Opening Shot ist einer der schönsten der ganzen Serie, die Pre-Title-Sequenz, auf deren Höhepunkt Bond mit dem Motorrad einem abstürzenden Flugzeug hinterher springt, ist schierer Wahnsinn, und es gibt sogar wieder eine sonnendurchflutete, romantische Pause, bevor der Film sich in den Showdown stürzt. Campbell inszeniert mit großer visueller Eleganz, aber ohne den in den Moore-Jahren vorherrschenden, ironisierenden Camp-Appeal. So bleibt ein starker Bond mit lediglich kleinen Schwächen, die ich mit meiner Neunzigerjahre-Ablehnung in Verbindung bringe: Alan Cummings vereint als russischer Hacker alle Nerdklischees auf sich, vom Hawaiihemd über die Notgeilheit bis zum nervösen Tic, und die göttliche Famke Janssen hätte ihre eh schon absurde, nymphoman und sadomasochistisch angelegte Schurkin Xenia Onatopp durchaus etwas zurückhaltender spielen dürfen. Für mich war der Film insgesamt aber eine mehr als positive Überraschung. Ich hatte ihn als äußerst mäßig in Erinnerung behalten und nehme daher an, dass ich ihn damals von vornherein scheiße finden wollte. Das ist er nicht, ganz im Gegenteil.

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Patriot_Games-852489170-largeEx-CIA-Analyst Jack Ryan (Harrison Ford) vereitelt in London ein Attentat einiger nordirischer Terroristen. Dabei bringt er auch den jüngeren Bruder eines der Attentäter, Sean Miller (Sean Bean), um. Der sinnt im Folgenden auf Rache. Nachdem ihm mithilfe seines Kollegen Kevin O’Donnell (Patrick Bergin) die Flucht aus einem Gefängnistransport gelingt, setzt er alles daran, Ryan ausfindig zu machen und umzubringen. Als Ryans Gattin Cathy (Anne Archer) und Tochter Sally (Thora Birch) bei einem Anschlag nur knapp dem Tod entgehen, nimmt Ryan den Dienst wieder auf und versucht die Verbrecher aufzuspüren. Doch die bereiten sich mittlerweile in einem nordafrikanischen Trainingslager auf neue Aufgaben vor …

Damals, anno 1992 fand ich PATRIOT GAMES, den viel umworbenen zweiten Jack-Ryan-Film nach THE HUNT FOR RED OCTOBER mit dem noch auf der Höhe seines Ruhms stehenden Harrison Ford in der Hauptrolle, ziemlich mittelprächtig. Hängen geblieben ist nichts von dem Film, nur, dass im Showdown irgendwas mit Nachtsichtgeräten passierte, habe ich noch behalten. Heute hingegen, wo jeder Actionfilm mit Computerffekten zugekleistert wird und auf Comic/Videospiel/Spielzeugreihe basiert, lernt man das Understatement und den knackigen Professionalismus eines Films wie PATRIOT GAMES wieder zu schätzen – sofern man mit dem Clancy’schen Militarismus klar kommt, jedenfalls. Die Story wird sehr geradlinig erzählt, ohne dass sie dabei dem gewollten Reduktionismus anheimfiele, der realpolitische Hintergrund wirkt nicht wie für Nerds mit ADS aufbereitet, Hightech kommt zwar zum Einsatz, steht aber nicht im Mittelpunkt des Interesses. Die Schurken sind böse, ohne zu Karikaturen zu verkommen, der Held ist gerade deshalb heldenhaft, weil er berechtigte Ängste aus- und trotzdem seinen Mann steht. Tatsächlich ist es letzterer Aspekt, der PATRIOT GAMES wie schon seinen Vorgänger auszeichnet und ihm einen kleinen, leider vergessenen Sonderstatus verleiht. Jack Ryan, so sehr er als Ex-Marine, vielfach dekorierter Geheimdienstmann und Fachdozent in renommierten Militärakademien und Politkreisen auch vom Status des Normalbürgers entfernt ist, so fremd ist ihm dennoch die Rolle des Kämpfers. Es ist eine Kurzschlussreaktion, mehr als alles andere, die ihn zu Beginn eingreifen lässt (die Erklärung, es sei sein Zorn gewesen, stellt ihn interessanterweise auf eine Stufe mit dem durchschnittlichen Vigilanten), und er wird sie bald schon bereuen. Es ist durchaus keine alltägliche Situation für ihn, auf der Todesliste eines gesuchten Terroristen zu stehen, und auf offener Straße gedungenen Mördern ausweichen zu müssen. In einer Szene arbeitet Noyce das sehr schön heraus: Ryan geht auf die Toilette seines Büros und plötzlich wird ihm bewusst, in welcher Gefahr er schwebt. Er erinnert sich daran, wie er nur ganz knapp einem Killer entgangen ist, versteht, dass in jeder Sekunde ein weiterer zuschlagen könnte. Sein Blick fällt am Waschbecken in den Spiegel und er sieht, dass eine Tür nur leicht angelehnt ist. Eine Frau tritt aus einer der Kabinen – er hat sich gedankenverloren in die Damentoilette verirrt – und er taxiert sie lange: Sie könnte eine Killerin sein, hat dieselben roten Haare wie Millers Partnerin. Im Unterschied zu seinen Genrekollegen ist Ryan vor allem ein Kopfmensch. Er hat sich nicht im Kampf Mann gegen Mann ausgezeichnet, sondern mit seinen analytischen Fähigkeiten. Es ist nicht sein Metier, sich mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Aber er begreift, das genau das nun von ihm verlangt wird, weil der Gegner es auf ihn und seine Familie abgesehen hat.

Diese Charakterzeichnung begünstigt auch einen Realismus, der dem Film und Noyces Inszenierung sehr zu Gute kommt. Es gibt bis zum Kintopp-Showdown, der natürlich aus der Rolle fallen muss, keine überkandidelten Actionszenen. Attacken enden aufgrund unbeeinflussbarer Rahmenbedingungen entweder im Chaos oder aber werden extrem präzise durchgeführt. Den Angriff einer Spezialeinheit auf das von Ryan ausgewählte Camp beobachtet er mit seinen Kollegen als Satellitenaufnahme. Konturlose Pixelmännchen bringen andere Männchen um, und man sieht das Unbehagen auf Ryans Gesicht, die Einzug haltende Erkenntnis: Ich schaue hier gerade einem auf meinen Befehl veranlassten Massaker zu. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Miller und Konsorten den Tod verdient haben, aber ein Grund zum geegnseitigen Auf-die-Schulter-Klopfen ist das trotzdem nicht.  

 

Der Gangster Carl Lucas (Luke Goss) erhält von seinem Chef Marcus Kane (Sean Bean) den Auftrag, eine Bank zu überfallen. Das Ding geht schief und so landet Lucas wegen Polizistenmords auf Terminal Island, einem Hochsicherheitsknast auf hoher See. Dort hat der Fernsehsender der Weyland Corporation unter der Leitung der ehrgeizigen September Jones (Lauren Cohan) eine neue Gameshow namens „Death Match“ installiert, bei der sich die Häftlinge in einer Arena in Kämpfen auf Leben und Tod gegenüberstehen. Als die Quoten sinken, wird aus „Death Match“ spontan „Death Race“: ein quer über die Insel laufendes Autorennen mit aufgemotzten Boliden. Dem Gewinner winkt die Amnestie. Carl kommt eine wichtige Rolle bei diesem Rennen zu, doch muss er nicht nur gegen seine Kontrahenten antreten, sondern auch gegen die Killer Marcus Kanes, der befürchtet, sein Schützling können gegen ihn aussagen …

Viel Plot für einen kleinen Neunzigminüter. DEATH RACE 2 hält sich demzufolge nicht lange mit seinen vielen Ideen auf, rast ähnlich schnell und unaufhaltsam durch die Twists und Turns des Drehbuchs wie die martialischen PS-Schleudern im klimaktischen Autorennen. Das geht zulasten der Charaktere, die ziemlich eindimensional geraten sind und nur wenig von sich preisgeben. Ein Makel, der sich aber leicht verschmerzen lässt, weil Roel Reiné, der sich in den letzten Jahren zu einer echten Größe auf dem Sektor der DTV-Action gemausert hat, weiß, wie man krachige Actionszenen zu inszenieren hat. Wer die Schnauze voll hat von pixeligen Explosionen oder billigem CGI-Pfusch, wo er echte Materialschlacht erwartet, der wird an DEATH RACE 2 jedenfalls seine helle Freude haben. Hier darf Mann noch Mann sein, Autos werden mit unheiliger Lust in ihre Bestandteile zerlegt oder feurig in einen anderen Aggregatszustand überführt und die Kamera ist damit beschäftigt, von dieser Zerstörungsorgie die schönsten Bilder zu liefern. Ein Fest fürs Auge.

Die Frage, wie sich das Sequel des Remakes von Paul Bartels Exploitationklassiker DEATH RACE 2000 zu diesem verhält, ist vor diese Hintergrund durchaus zu vernachlässigen, zumal ich sie eh nicht beantworten kann, da ich mich bislang erfolgreich um P. W. Andersons Film gedrückt habe. Wie die Einführung des Frankenstein-Charakters (David Carradines Rolle in Bartels Film), die Roel Reiné in den letzten zehn Minuten Film noch vornimmt, einzuordnen ist, weiß ich also auch nicht. Aber das ist auch egal, weil das in diesem Fall einfach eine schöne, das Original angemessen wüdigende Verbeugung ist, die ich kaum erwartet hatte, wo sich die meisten der in den vergangenen Jahren veröffentlichten Remakes doch eher geschichtsvergessen gegenüber ihren Inspirationsquellen gegeben haben. Das Fazit kann also nur lauten: Dicke Empfehlung für Action-Enthusiasten. (Und Fans der Achtzigerjahre-Boygroup Bros können zudem mal gucken, wie sich einer ihrer Schwärme von einst als Actionhauptdarsteller so schlägt.)