Mit ‘Sean S. Cunningham’ getaggte Beiträge

Schon mit FRIDAY THE 13TH hatte Cunningham bewiesen, dass er seinen Finger am Puls der Jugend hatte. Um auf die Idee zu kommen, dass die alljährlichen Spring-Break-Orgien an den Stränden Floridas einen guten Stoff für einen Teeniefilm hergeben würden, musste man hingegen kein Genie sein. SPRING BREAK war dann ach kein ganz so großes kommerzielles Phänomen wie die Campmetzeleien um Jason Voorhees, aber dennoch ein lukratives Geschäft: Bei einem Budget von knapp 6 Millionen Dollar spielte er an den Kassen satte 25 wieder ein. In Deutschland startete er unter dem putzigen Titel IM SAUSESCHRITTT INS DÜNENBETT im Sommer 1984 und dürfte hier all jene angesprochen haben, die sich auch die EIS AM STIEL– oder PORKY’S-Filme mit Begeisterung angeschaut hatten.

Der Reiz von SPRING BREAK erschöpft sich eigentlich darin, die titelgebenden Feierlichkeiten in epischer Breite auf die Leinwand zu hieven. Die Handlung kreist um die beiden braven Jungfrauen Nelson (David Knell) und Adam (Perry Lang), die in Fort Lauderdale angekommen sogleich Bekanntschaft mit den beiden erfahrenen Feierbiestern Stu (Paul Land) und O.T. (Steve Bassett) machen. Gemeinsam machen die vier die Nacht zum Tag, besuchen Wet-T-Shirt-Contests, treten bei Saufwettbewerben an, erobern diverse Frauen, verlieren im Falle von Nelson und Adam ihre Jungfräulicheit und retten am Ende gemeinsam das kleine Motel, in dem sie wohnen und auf das es Nelsons kapitalistischer, patriarchischer Stiefvater (Donald Symington) abgesehen hat: der Hauch von Drama, den sich SPRING BREAK gönnt.

Ich tue Cunningham sicherlich nicht Unrecht, wenn ich behaupte, dass er diesen Film nicht mit dem Vorhaben, große Kunst zu schaffen, inszenierte. Das Script dürfte in wenigen Stunden entstanden sein, seine Aufgabe als Regisseur bestand während großer Teile der Dreharbeiten darin, die Kamera in die tobenden Teeniemassen zu stellen und „Action!“ zu rufen.  (Spaß war das bestimmt trotzdem nicht.) Bis es endlich zum oben erwähnten dramatischen Konflikt kommt, ist SPRING BREAK fast vorbei und bis dahin besteht er aus einer einzigen Aneinanderreihung von Saufgelagen, Parties und nur mäßig witzigen Zoten. Wenn man Cunningham wirklich etwas zu Gute halten kann, dann dass er den Ausnahmezustand on location einfing, mit vielen authentischen Impressionen, anstatt ihn in einem anonymen Studio in Hollywood nachzustellten. Die Protagonisten – vor allem Nelson und Adam – sind nicht unsympathisch, aber sie bekommen, wen wundert’s?, nicht viel Gelegenheit für character development. Stu und O.T. entsprechen dem Typus der endlos selbstbewussten, völlig eindimensionalen Sex- und Alkoholsüchtigen und sind da schon fragwürdiger, erweisen sich letztlich aber, wie das meistens so ist, als Kerle mit dem Herz auf dem rechten Fleck.

Eine ernsthafte Empfehlung kann ich für diesen Quatsch naturgemäß nicht aussprechen, wer aber ein Faible für solche durch und durch atavistischen Triebbefriedigungsvehikel, Eighties-Zeitgeist und weibliche Brüste hat – eines der love interests ist das Penthouse „Pet of the Year“ Corinne Wahl – der liegt hier nicht daneben.

a-stranger-is-watching-movie-poster-1982-1020437597A STRANGER IS WATCHING, EYES OF A STRANGER, SOMEONE’S WATCHING ME: Drei Filme, die ich immer durcheinanderbringe. Letzterer ist ein von Carpenter fürs Fernsehen inszenierter Thriller, EYES ein Serienmörderfilm mit garstigen Effekten von Tom Savini. Cunninghams direkter Nachfolger des megaerfolgreichen FRIDAY THE 13TH, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Mary Higgins Clark, liegt ziemlich genau zwischen den beiden. Man merkt ihm an, dass Cunningham nach dem von der Kritik weitgehend als Bodensatz verrissenen Vorgänger etwas „Respektables“ vorlegen wollte, aber auch, dass er einen „Ruf“ zu verteidigen und Erwartungen zu erfüllen hatte. A STRANGER IS WATCHING ist ein Großstadtthriller, der sich bei Hitchcock, dem Meister des Genres bedient, aber sich die Gewaltspitzen nicht ganz verkneifen mag.

Die kleine Julie (Shawn von Schreiber) musste vor zwei Jahren mitansehen, wie ihre Mutter, die Gattin des Zeitungsverlegers Steve Peterson (James Naughton), von einem Eindringling vergewaltigt und umgebracht wurde. Der damals festgenommene Ronald Thompson (James Russo) beteuerte seine Unschuld, erwartet nun aber die Exekution – die erste seit mehreren Jahrzehnten in New York vollstreckte. Während eine heiße mediale Diskussion um die Todesstrafe tobt, in die auch die Journalistin Sharon Martin (Kate Mulgrew) involviert ist, pikanterweise die Geliebte von Peterson, taucht der Mörder von einst wieder auf. Artie Taggart (Rip Torn) verschafft sich erneut Zugang zum Haus der Petersons und verschleppt Julie und Sharon in einen Kellerraum irgendwo im New Yorker U-Bahnnetz …

A STRANGER IS WATCHING ist ein kompetent gemachter Thriller, dessen Reiz auch darin besteht, dass er nicht alles ausformuliert. Wer ist dieser Taggart eigentlich? Mit Lederkappe und -jacke weckt er Assoziationen zur damals sehr aktiven schwulen Lederszene (siehe CRUISING oder auch NEW YORK CITY INFERNO), auch das verliesartige Untergrundszenario passt dazu, aber inhaltlich wird die sexuelle Komponente nie wirklich ausformuliert, aber sie schwingt immer mit. Das Drehbuch konzentriert sich auf die Gegenüberstellung des hilflos wartenden Vaters und dem Kampf der beiden Opfer, die verzweifelt versuchen, aus ihrer misslichen Lage zu entkommen. Am Ende ist es dann auch nicht die Polizei, die dem Killer ein Ende setzt, sondern weibliche Entschlossenheit und Tatkraft. Irgendwie ist A STRANGER IS WATCHING auch ein Rape-and-Revenge-Film (in der Romanvorlage wurde kein Mädchen, sondern ein Junge entführt), in dem es um tief im Inneren verborgene männliche Aggression und sexuelle Frustration geht: In einer Szene wird Taggart auf einer öffentlichen Toilette von den Mitgliedern einer Gang verdroschen. Ein guter Thriller, dem man lediglich etwas mehr Mut gewünscht hätte, offener mit seinen Implikationen umzugehen.

the-new-kids-poster„A New Ticket to Terror from the Director of ,FRIDAY THE 13TH‚“ verspricht das Plakat von THE NEW KIDS marktschreierisch. Mit dem Hit hatte Regisseur Sean S. Cunningham fünf Jahre zuvor nicht nur das Slasher-Genre als profitable Spielart des Horrorfilms aus der Taufe gehoben, er hatte auch gezeigt, wie man mit einem preisgünstig produzierten Indiefilm in die Phalanx der Großen einbrechen kann. Andere Filmemacher legen mit einem solchen Hit den Grundstein für eine große Karriere, aber von Cunningham kam danach nichts mehr, was auch nur annähernd an den Kassenschlager heranreichte. Er verlegte sich eher aufs Produzieren, drehte hier und da noch saubere, aber immer auch etwas unspektakuläre oder derivative Genrefilme wie A STRANGER IS WATCHING oder DEEP STAR SIX. THE NEW KIDS – auf deutsch sehr schön als DIE KIDS VON ORLANDO vermarktet und sogar geschnitten worden – ist wahrscheinlich einer seiner besten Filme, obwohl das oben Genannte auch auf ihn zutrifft. Gegenüber dem frechen FRIDAY ist dieser Teeniethriller fast aufreizend konzeptarm und bodenständig – aber vielleicht auch deshalb so verdammt effektiv.

Loren (Shannon Presby) und Abby (Lori Loughlin), Kinder eines soeben mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichneten Soldaten (Tom Atkins), stehen völlig unverhofft als Waisen da, als ihre Eltern bei einem Autounfall verunglücken. Die Erleichterung ist groß, als ihr Onkel Charlie (Eddie Jones), sie zu sich und seiner Gattin nach Florida einlädt. Er hat einen maroden Vergnügungsparkt gekauft, in dem die Kinder leben und mit anpacken können. Das tun sie nach Kräften, doch bald gibt es Schwierigkeiten mit dem fiesen Mitschüler Dutra (James Spader) und seinen Schergen: Er hat es auf die neuen, vor allem die hübsche Abby, abgesehen und ist nicht bereit, ein „Nein“ als Antwort auf seine Avancen zu akzeptieren. Was als Schulhofstreiterei angefangen hat, weitet sich bald zu einem Duell auf Leben und Tod aus.

THE NEW KIDS ist aus zwei Gründen so gut: Zum einen, weil der Grundkonflikt des Films nicht weit weg ist vom eigenen Erfahrungshorizont und Cunningham bis zum Schluss kaum von dieser realistischen Prämisse abweicht, zum anderen weil Dutra und seine Kompagnons wirklich wunderbar hassenswerte Schurken abgeben. Es gibt ja diese Filme, bei denen man die Wut und Verzweiflung förmlich in sich hochkriechen spürt, die es einem nahezu unerträglich machen, taten- und hilflos vor dem Bildschirm auszuharren, die den unstillbaren Wunsch in einem anwachsen lassen, dem Übeltäter höchstselbst die fiese Fresse zu polieren. THE NEW KIDS ist einer davon. James Spader, der hier aussieht wie der verlorene Sohn von Christopher Walkens Max Zorin aus A VIEW TO A KILL, ist ein wahrlich widerliches Ekelpaket, in dessen arrogante Visage man mit wachsender Begeisterung reinschlagen möchte, und die Redneck-Ärsche, die er um sich geschart hat, sind so richtig ignoranter, asozialer Abschaum ohne einen einzigen Funken Anstand im Leib. Wie sie in einem Fort vollkommen harmlose Mitschüler triezen, sich feige in ihrer Clique verstecken, Hunde zu blutgierigen Bestien abrichten, fremder Leute Eigentum mutwillig beschädigen und sich aufführen, als gehöre ihnen die Welt, verlangt einem jede Menge Disziplin ab, sie nicht gleich von der heimischen Couch aus mit unflätigen Kraftausdrücken zu überziehen. Dass Abby und Loren so überaus sympathische und gutmütige Kinder sind, trägt noch entscheidend dazu bei, dass das eigene Unrechtsbewusstsein lautstark Alarm schlägt.

Der Spannungsbogen ist sehr geschickt gespannt, langsam und stetig eskaliert die Situation vom harmlosen Streit bis zur lebensbedrohlichen Vendetta, beschleunigt sich die Gewaltspirale, bis sie von niemandem mehr aufzuhalten ist. Das Finale auf dem gammeligen Vergnügungspark-Gelände bietet dann zum Abschluss genug rostige Gerätschaften für diverse spektakuläre Todesarten und Hinrichtungen und das offene Ende ist erwartbar, aber in diesem Kontext dann auch nicht ohne. Mag sein, dass THE NEW KIDS den finalen Kick vermissen lässt, der die Etikettierung als „Klassiker“ rechtfertigen würde. Aber seine Qualitäten sind m. E. unverkennbar und ich denke, für die Behauptung, Cunninghams Film sei ein nicht zu unterschätzender Vorläufer des in den letzten zehn Jahren so populären, realistischen Terrorkinos, lassen sich einige sehr stichhaltige Argumente formulieren. Guter Film!

 

Dieser Text hat mich vor einigen Tagen darauf aufmerksam gemacht, dass der Startschuss für die berühmteste und erfolgreichste Slasherfilm-Serie dieses Jahr seinen 35 Geburtstag feiert. Ein Superanlass, mit meinem „Reihen-Special“ weiterzumachen, zumal ich die FRIDAY THE 13TH-Filme, die ich abgöttisch liebe, sowieso mal wieder von vorn bis hinten durchgucken wollte. In meiner gut zehnjährigen Filmschreiberlaufbahn habe ich tatsächlich noch kein einziges Mal über die Jason-Voorhees-Mordsaga geschrieben, was ein untragbarer Zustand ist, dem dringend Abhilfe geschaffen werden muss. Bevor ich mich dem Film selbst zuwende, immer noch eine der ertragreichsten Indie-Produktionen der Filmgeschichte, die weltweit das Zigfache ihres bescheidenen Budgets einspielte, muss ich aber kurz auf meine persönliche Beziehung zur Reihe eingehen. Anders lässt sich meine Liebe für diese Filme kaum verstehen.

Ganz wichtig: FRIDAY THE 13TH und der Killer mit der Eishockeymaske waren mir schon Jahre bevor ich tatsächlich den ersten Film zu Gesicht bekam ein Begriff. Zuerst war da das miese C64-Computerspiel, das damals zur Veröffentlichung von Joseph Zitos viertem Teil erschien und dessen Plakatmotiv als Cover hatte. Es verfügte, wie viele Computerspiel-Adaptionen von Filmen über ein miserables Gameplay und eine selbst an den damaligen Möglichkeiten gemessene unterdurchschnittliche Grafik. Trotzdem hatte es eine gewisse verstörende Qualität: Immer, wenn der Killer im Spiel zugeschlagen hatte, gab das Spiel ohne jede Vorwarnung ein ohrenbetäubendes Kreischen von sich, das einem unweigerlich die Nackenhaare hochstellte und einen während des Spiels in einen Zustand permanenter Anspannung versetzte. Später dann, ich muss 11 oder 12 gewesen sein, erzählte mir ein Klassenkamerad von eben jenem FRIDAY THE 13TH: THE FINAL CHAPTER und ich ließ mir von ihm auf dem Schulhof minutiös alle Mordszenen beschreiben. Monster und Horrorfilme hatten seit meiner Kindheit einen immensen Reiz auf mich ausgeübt, gleichzeitig hatte ich aber großen Respekt vor ihnen und traute mich nicht so recht an sie heran. Berichte wie die meines Schulfreundes waren gewissermaßen meine Ersatzdroge und sie ließen die Filme in meiner Vorstellung bedrohlich anwachsen. In den blutigsten Farben malte ich mir diesen unerhörten FRIDAY THE 13TH: THE FINAL CHAPTER aus und verlieh ihm so einen unerreichbaren Legendenstatus. Etwas später verschlang ich dann die Hasstiraden, die ihnen die Autoren Hahn/Jansen den Filmen in ihrem Horrorfilm-Lexikon angedeihen ließen und blätterte verzückt in den Ausgaben der Fangoria, die ich in einem örtlichen Comicladen ausfindig gemacht hatte. In jenen Jahren gegen Ende der Achtziger war Jason nichts anderes als ein Popstar und jedes neue Sequel erhielt in dem amerikanischen Horrormagazin seinen ausladend bebilderten Artikel. Im Fokus standen dabei nicht nur die Bilder des hünenhaften Kilelrs selbst, sondern auch seiner grausamen Mordtaten. Meine Vorstellungen von einst wurden nun grafisch unterfüttert: Diese Filme, in denen ein stummer, entmenschlichter Koloss ohne jede Zurückhaltung und mit bestialischer Kreativität Teenie um Teenie abschlachtete, mussten wahrhaftig das Brutalste auf Erden sein. Die Serie wurde für mich zum Inbegriff bösen, blutigen, verstörenden und lustigerweise erwachsenen Horrorkinos.

Ich hätte eigentlich maßlos enttäuscht sein müssen, als ich dann irgendwann, Jahre später, den ersten Jason-Film zu Gesicht bekam. Aber das war nicht der Fall. Auch wenn die Reihe streng genommen einen mit jedem Eintrag debiler werdendem Kindergeburtstag gleicht, hatte sie in meiner Vorstellung längst eine mythische Kraft angenommen, die die Filme selbst  infiltrierte. Wenn Jason stumm und mit stoischer Gelassenheit durchs Unterholz pflügte, sich mit der Machete durch Horden von gehirnamputierten US-Boys und -Girls schlachtete, dann verkörperte dieses Bild für mich eine geradezu archaische Urgewalt, die an Urängste rührte, die die Filme tatsächlich nur sehr unzureichend bedienten. Dennoch spielten sie für meine Filmsozialisation eine kaum zu unterschätzende Rolle: Wochenlang tingelte ich mit meinem ebenso Jason-versessenen Kumpel durch die Krefelder Videotheken, um dort die noch fehlenden Teile aufzutreiben. Als uns klar wurde, warum wir den dritten und vierten Eintrag einfach nicht finden konnten, ergab sich der Kontakt zu jener legendären Venloer Videothek, in der wir dann ein gutes Jahr lang unsere Wochenenden verbrachten und uns fühlten wie der kleine Junge, der im Süßigkeitenladen eingeschlossen wird. Wir waren wegen FRIDAY THE 13TH PART 3 und FRIDAY THE 13TH: THE FINAL CHAPTER gekommen (und natürlich wegen der ungeschnittenen Fassungen der anderen Teile) und verließen sie mit bergeweise bei uns gekürztem, beschlagnahmtem oder schlicht nicht erhältlichen Stoff. Ich entdeckte viele, viele Filme, die unendlich viel besser waren als die tumben Späße um Jason Voorhees, aber ihren Platz in meinem Herzen haben die trotzdem immer behalten.

Was mich nun endlich zum ersten Teil bringt, in dem der eigentliche Held der Reihe bekanntermaßen gar nicht auftaucht bzw. nur ganz kurz zum Schluss. Wenn es darum geht, den Ursprung des Slasherfilms zu benennen, verweisen Experten gern auf Bavas REAZIONE A CATENA oder auf Bob Clarks BLACK CHRISTMAS, wenn sie weniger originell sind, natürlich auf Carpenters HALLOWEEN. Alle diese Einwürfe sind richtig, aber erst Sean S. Cunningham dachte deren Ideen zu Ende und entwarf den Slasherfilm als teeniezentrierte Nummernrevue mit viel Raum für Zoten, zahmen Sex, blutige Morde und einen Killer, der neben einer dekorativen Maske auch einen ebensolchen Dachschaden mit sich herumträgt. Mit einer Ausnahme: Der Fokus von FRIDAY THE 13TH liegt ohne jeden Zweifel auf seinem Final Girl Alice (Adrienne King) und noch nicht auf den Untaten des Killers, der erst im Laufe der nächsten 9 bzw. 10 (FREDDY VS. JASON) bzw. 11 (Nispel-Reboot) bzw. 12 (angekündigtes Remake) Filme immer mehr zum eigentlichen Star der Show wird. Eigentlich ist FRIDAY THE 13TH ein recht altbackener Whodunit, allerdings einer, der sich nur wenig für das Legen falscher Spuren, das Etablieren von Verdächtigen und die Jagd nach clues interessiert. Das Tempo ist aufreizend langsam, der Film trotz seines rustikalen Settings etwas leblos und echte Spannung kommt eigentlich nie auf – schon gar nicht nach gefühlten 28 Sichtungen. Die gefeierten Make-up-Effekte von Tom Savini sind der Rede eigentlich nicht wert, da sie überaus sparsam zum Einsatz kommen und außerdem ziemlich fadenscheinig sind. Das Ende ist natürlich toll, genau wie Harry Manfredinis lebhafter Score, der so klingt, als hätten die Looney Toons einen Score von Bernard Herrmann gecovert. Trotzdem mag ich den Film und das nicht nur, weil er sich wie eine perfekt eingetragene, schlabbrige Jogginghose anfühlt, die mich seit Jahren begleitet. Lustigerweise ist es vor allem die gemütliche erste Hälfte des Films, die mich für ihn einnimmt, die Anreise in das marode Camp, die Begrüßung durch die argwöhnischen Hillbillies, die Etablierung der Subjektiven, der Müßiggang der Teenies und ihre idiotischen Spielchen. Wenn sie dann weggemeuchelt werden, empfinde ich ganz entgegen der klischierten Meinung, nach der man ihren Tod angeblich herbeisehnt und bejubelt, eine gewisse Traurigkeit. Nicht, weil es sich um solch faszinierende, sympathische Charaktere handelte, sondern gerade weil ihre Identitätslosigkeit den Film so wunderbar leicht gemacht hat. Und machen wir uns nichts vor: Wir alle waren mit 17, 18 ziemlich unerträglich, bestenfalls langweilig und hätten uns in das FRIDAY THE 13TH-Figurenensemble bestens eingefügt. Wahrscheinlich hätte es mit uns sogar weniger Sex gegeben.

Das bringt mich zu einem weiteren Rezeptionsklischee, auf das ich hier abschließend eingehen will. Es ist längst zu einem Allgemeinplatz geworden, dass der Slasherfilm im Kern puritanisch sei, angetrieben von einem konservativen Moralverständnis. Der Killer ist nach dieser Lesart der reaktionäre Moralist, der alle, die vorehelichen Sex haben, Drogen nehmen oder sich sonst nicht zu benehmen wissen, gnadenlos bestraft. Man kann das so sehen, aber für mich greift diese Betrachtung zu kurz bzw. verkennt sie eine Wahrheit des Slasherfilms, die als Begründung gelten mag, warum diese Filme gerade bei Jugendlichen so erfolgreich waren. Auf einer eher bildlichen, gleichnishaften Ebene handelt der Slasherfilm nicht vom Konflikt zwischen freigeistigen Jugendlichen und strengen Erwachsenen, sondern von der enttäuschenden Durchschnittlichkeit der „teenage experience“. Man nehme die vorliegende Reihe: Da werden Kinder – als Gäste oder Angestellte – in ihren Sommerferien in einem maroden Sommercamp abgeladen, das einst Schauplatz diverser tragischer Unglücksfälle war. Der „Spaß“ dort besteht in doofen Scherzen, lustlosen Spielchen und meist ergebnislos bleibenden Flirts. Der herbeigesehnte Sex ist die Aufregung nur selten wert, die meisten gucken eh dumm aus der Wäsche. Und dann kommt auch noch ein Killer daher und setzt dem Ganzen die Krone auf. Wie ist Jason noch gleich gestorben? Noch vor Erreichen der Geschlechtsreife ist er abgesoffen, weil die Aufpasser sich ineinander verbissen hatten. In den Sequels stapft er nun traurig und faulend durch den dunklen Tann, schaut den Jungen und Schönen bei einem Vergnügen zu, das ihm immer vorenthalten geblieben ist. In jedem Film gibt es einen Seelenverwandten, einen Außenseiter, einen Dicken, Beschränkten, Verblödeten, der nicht zum Schuss kommt. Das sind die eigentlichen Helden der Reihe, die Figuren, denen die Sympathie gilt, und zwar nicht, weil sie enthaltsam sind, sondern weil wir uns mit ihrer Traurigkeit identifizieren. Der vordergründige Spaß, den die Kiddies in Camp Crystal Lake haben, ist doch höchst defizitär. Wahrscheinlich wird man von morgens bis abends von Moskitos zerstochen, im schlimmsten Fall holt man sich einen Schlangenbiss. Aber natürlich sehen die Protagonisten das nicht so: Man beachte das erste Opfer in FRIDAY THE 13TH, die zukünftige Camp-Köchin, die ihren armseligen Job mit einer Euphorie antritt, als handelte es sich um den Startschuss für eine fulminante Weltkarriere. Oder das Funkeln in den Augen der Blondine, die als Abendvergnügen eine Runde „Strip-Monopoly“ vorschlägt. Kann man sich etwas Langweiligeres, Fehlgeleiteteres vorstellen? Kann man sich einen weniger adäquaten Weg vorstellen, seine Libido zu befriedigen? Eine unbeholfenere Art, einen Mann aus seinen Klamotten zu holen? Darum geht es: Nicht um die Bestrafung für die Sünde, sondern darum, dass man als Teenager erst kein Glück hat und dann auch noch Pech dazukommt.