Mit ‘Sebastian Koch’ getaggte Beiträge

Ich wiederhole mich: In den letzten Jahren ist dem klassischen Actionkino Hollywoods vom DTV-Actioner der Rang abgelaufen worden. Wer gute Action um kernige Alleingänger und Einzelkämpfer sehen wollte, der war mit dem Griff zur DVD-Premiere meist besser bedient als mit dem Gang ins Kino. Regisseure wie Isaac Florentine, John Hyams, Roel Reine oder William Kaufman zeigten mit ihren Filmen, dass ein großes Budget nicht alles ist, dass man viele budgetbedingte Defizite durch eine saubere Inszenierung und vor allem ein für das Gelingen von Actionszenen so wichtiges gutes Raum- und Bewegungsverständnis wettmachen kann. Statt mit aufgedunsenen Plots um Aufmerksamkeit zu heischen, konzentrierten sie sich auf das Wesentliche: kurze knackige Storys, um einen markanten Konflikt zentriert, garniert mit harten Fights und sauber choreografierten Action-Set-Pieces. Viele von ihnen zog es für diese Filme in den Ostblock, dahin, wo Arbeitskräfte und Drehgenehmigungen günstig sind, die Settings Geschichte atmen, alteuropäischer Barock einträchtig neben sozialistischen Altlasten und den prunkvollen Protzbauten des neuen Turbokapitalismus existieren, und einen eindrucksvollen Backdrop abgeben. Muss man es da nicht als den ultimativen Zirkelschluss begreifen, dass der neueste Beitrag der schwächelnden DIE HARD-Reihe sich nun auf die Spuren jener neuen, preisgünstigen Actonfilme begibt? Eben jene Reihe, deren erfolgreicher Startschuss einst maßgeblich zur Veränderung des klassischen Actionkinos hin zum Eventfilm und damit– auf Umwegen – erst zur oben beschriebenen Renaissance der DTV-Action beigetragen hatte.

Dafür, dass die Existenz eines neuen DIE HARD-Films ein Event sein sollte, kommt John Moores viertes Sequel aufreizend flüchtig daher. Die Spielzeit liegt bei rund 100 Minuten, die bis zum Anschlag vollgepackt sind mit Explosionen, Ballereien und Verfolgungsjagden. Da bleibt nur wenig Platz für eine Story: John McClane (Bruce Willis) erfährt, dass sein Sohn in Russland im Bau sitzt und möglicherweise die Todesstrafe erwartet. Sofort begibt er sich nach Moskau und stolpert auf der Suche nach Filius Jack (Jai Courtney) mitten in eine Straßenschlacht. Der Gefangene Komarov (Sebastian Koch) soll gegen den Politiker Chagarin aussagen und der hetzt seine Schergen auf ihn, um ihn in seine Gewalt zu bringen. Jack, ein CIA-Agent, kommt die Aufgabe zu, ihn dem Zugriff der Ganoven zu entziehen und mitten hinein in seine Bemühungen platzt der Papa, dem er nach schweren Konflikten entflohen ist. Nun müssen sich Papa und Sohnemann zusammentun, um den Tag zu retten …

An dieser kurze Inhaltsangabe sollten Kenner und Liebhaber der Serie um John McClane schon erkennen, was mit dem neuesten Eintrag alles falsch ist. Aber ich möchte zuvor auf die gelungeneren Aspekte des Films eingehen: Der Reduktionismus des Films, der gleich nach seiner Mini-Exposition mit dem Showdown beginnt ist durchaus sympathisch. Anstatt im vollen Bewusstsein seines Eventcharakters auf die Pauke zu hauen und den Zuschauer mit In-Jokes, Selbstreferenzen oder ähnlichen Mätzchen zu nerven, gibt es hier einfach 100 Minuten lang auf die Zwölf. Und die Action-Sequenzen sind größtenteils sehr ansehnlich geraten. Herausragend sicherlich die Verfolgungsjagd durch Moskau, bei der Autos auf ausgesprochen kreative Weise zu Schrott verarbeitet werden. Und Moskau liefert einen attraktiven Schauplatz der ansprechend in Szene gesetzt wird. Auch das Mit- und Gegeneinander der beiden Hauptfiguren zählt zu den positiven Seiten eines Films, der besser unter einem anderen Namen vermarktet worden wäre. Und hier sind wir dann bei der Kehrseite der Medaille: Die bisherigen Teile der Reihe – auch der viel gescholtene vierte – gaben sich viel Mühe, eine Situation aufzubauen, in der McClane die Rolle des Helden wider Willen zukam. Die Tagline „John McClane is back in the wrong place at the wrong time“ fasst das Problem des DIE HARD-Helden perfekt zusammen. Von den anderen Actionhelden seines Jahrzehnts unterschied sich McClane dadurch, dass er gar kein Held sein wollte. Ihm reichte das Dasein als einfacher Polizist mit einer kleinen Familie. Aber das Schicksal warf ihn beharrlich in Situationen, in denen mehr von ihm verlangt wurde. Der Erfolg von DIE HARD (und seinen Sequels) rührt von einer Verwandtschaft des Zuschauers mit McClane: Mit seinem Hadern und Jammern über die Situationen, in denen er sich wiederholt ohne eigenes Verschulden befindet, ist er eine perfekte Identifikationsfigur. Und weil er durch und durch durchschnittlich ist, wiegen seine Triumphe umso schwerer. Es gibt in fast allen Filmen den Moment, in dem der zunächst nur vom Pflichtbewusstsein ausgebremste Unwille in kamaikazehafte Lust umschlägt, in dem McClane bemerkt, dass sein Körper ein Flummi ist, dem nichts etwas anhaben kann und den er demzufolge immer wahnsinnigeren Tests unterzieht. Das sind die Momente, in denen die Materie über den Geist siegt und der mit Ehe- und Alkoholproblemen kämpfende McClane zu sich findet.

 

In A GOOD DAY TO DIE HARD gibt es nichts davon. Freiwillig geht McClane nach Moskau, sofort stolpert er ins Chaos, sofort fällt die Entscheidung, mitzumischen. Da gibt es kein Zögern, kein Hadern und keine Angst mehr, stattdessen: „Let’s go kill some motherfuckers!“ Na klar, all die vergangenen Abenteuer, mit denen McClane ja auch zu einer nationalen Berühmtheit aufstieg, werden ihre Spuren hinterlassen, sein Ego möglicherweise aufgeblasen und ihn in den Glauben versetzt haben, er sei unsterblich. Aber wenn das so wäre, müsste das thematisiert werden. Es gibt aber keinerlei schlüssige, vom Film gelieferte Erklärung dafür, warum McClane sich plötzlich anhört wie Sylvester Stallone in THE EXPENDABLES 2. Man muss zu dem Schluss kommen, dass keiner der Verantwortlichen sich Gedanken darüber gemacht hat, was die DIE HARD-Filme überhaupt ausgezeichnet hat. Auch der Vater-Sohn-Konflikt, eigentlich ja ein dankbares erzählerisches Mittel, dem Zuschauer die Figuren menschlich näher zu bringen, wird hier einfach so dahingestellt. Screenwriting 101. Was man mitgenommen hat aus den Vorgängern, das ist dieser oben erwähnte Flummi-Aspekt. Nachdem McClane im Vorgänger auf einem Düsenflieger reiten durfte, hängt er hier an einem außer Kontrolle geratenen Hubschrauber. Aber diese selbstmörderischen Aktionen verursachen längst keine Schmerzen beim Helden mehr, sie sind lediglich business as usual für McClane, der in diesem Film ein Superheld ist, einer der nach Moskau fliegt, um Ärsche zu treten, während er früher nicht einmal einen Streifenpolizisten davon überzeugen konnte, seinen Wagen nicht abzuschleppen.

Fazit: A GOOD DAY TO DIE HARD ist kein schlechter Film, aber er trägt den falschen Titel. Als TAKEN 2 und mit Liam Neeson besetzt, wäre er ausgezeichnet – und besser als das tatsächlich existierende Sequel dieses Namens.