Mit ‘Sergio Grieco’ getaggte Beiträge

Der italienische Superheldenfilm der Sechzigerjahre ist eine hübsche Zeitgeisterscheinung, die außerhalb Italiens eigentlich keine Entsprechung hatte: Von Pulpromanen und Comics um maskierte Superverbrecher ebenso inspiriert wie von den Abenteuern des britischen Superagenten 007 werfen die meist preisgünstig produzierten Filme einen ganzkörperbestrumpften Helden in die Schlacht gegen Schurken mit überkandidelten Weltbeherrschungsplänen und abstrusen Superwaffen. Der berühmteste Vertreter des Genres ist wahrscheinlich Mario Bavas psychedelisches Pop-Meisterwerk DIABOLIK, Griecos Argoman ist einer seiner zahlreichen Kollegen im Superheldenbusiness, neben solchen anderen Maskenträgern wie Superargos, Kriminal oder Satanik. Seine Markenzeichen: Ein gelber Jumpsuit mit putzigem schwarzen Mäntelchen und Maske sowie telekinetische Fähigkeiten, die ihn allerdings für sechs Stunden verlassen, wenn er sich mit einer Frau zum Liebesspiel niedergelassen hat. Was ziemlich oft passiert, denn hinter der Maske Argomans verbirgt sich der britische Superplayboy Sir Reginald Hoover (Roger Browne), der mit seinem treuen Diener Shandra (Eduardo Fajardo in Blackface) in einer unpraktischen Protzvilla mit gestohlener Mona Lisa, Indoor-Brunnen und von der Decke hängenden Loungesofas wohnt und ihn besuchende Damen gern mit Rolls Royce, Smaragdketten und Pelzmänteln beschenkt. Einfach so.

Neben seiner Tätigkeit als Superheld ist Hoover außerdem gefragter Kriminalexperte und immer einer der ersten Ansprechpartner für Scotland Yard, FBI und Konsorten, wenn wieder einmal die Kronjuwelen gestohlen wurden wie im vorliegenden Film: In der zertrümmerten Vitrine des Towers liegt nur noch ein Brief einer gewissen „Jenabell, Königin der Welt“, die mit dem Raub der Krone aber nur ihre Macht demonstrieren will, bevor sie einen Superdiamanten verlangt, der aufgrund von Irgendwas von allen möglichen Leuten wahlweise als Lösung oder Ursache aller Weltprobleme angesehen wird. Hoover hat besagte Schurkin schon kennen gelernt und sie zum Beischlaf überreden können, in der Gestalt von Argoman heftet er sich dann an ihre Fersen. In Jenabell findet er endlich einen adäquaten Gegner: Die von einer Armee in Fetischuniformen unterstützte Schurkin hat eine Möglichkeit gefunden, Menschen zu willenlosen Robotern zu machen und so auch diverse Politiker „umgedreht“. In einer famosen Szene stürzt sich einer der willenlosen Verräter aus einem Fenster in den Freitod, doch Argoman kann ihn mittels telekinetischer Kräfte vor dem Aufprall bewahren – zumindest bis es plötzlich an die Tür klopft, Argoman die Konzentration verliert und er den Unglücksseligen fallen lässt. Klatsch!

COME RUBARE LA CORONA D’INGHILTERRA ist produktionstechnisch deutlich besser als ich das eigentlich erwartet hatte: Die Settings sind hübsch und liebevoll, die Kostüme grandios, die Musik von Piero Umiliani einfach herrlich, wenn man diesen typischen Sixties-Sound mag. Dazu kommt der Humor, der nicht immer aus der Verwunderung über den damals vorherrschenden, lässigen Sexismus und den latenten Rassismus sowie den rührend naiven Vorstellungen über Wissenschaft herrührt, sondern hier und da durchaus beabsichtigt ist. Klar, wenn da ein Schauspieler in einer sperrigen Blechlitfasssäule steckt und mit steifen Armen den wenig bedrohlichen Folterroboter geben muss oder Jenabell den Helden in einer der für diese Filme typischen superumständlichen Fallen steckt, anstatt ihn einfach auf dem nächstbesten Klo einzuschließen, ist die Freude groß. Aber man muss doch einräumen, dass Grieco wusste, was er tat: Die Stunts in den ansonsten herrlich ungeschickten Prügeleien sind allererste Sahne, ein Rennen über die Dächer eines fahrenden Zuges wurde nicht etwa mit Rückprojektion realisiert, sondern tatsächlich gedreht: inklusive Unter-einer-Brücke-Durchducken! Ich kann nicht anders, als hier eine dicke Empfehlung auszusprechen, denn COME RUBARE LA CORONA D’INGHILTERRA ist ein großer, unbeschwerter, kindischer Spaß. Nicht Ultra-, sondern Argokunst sozusagen.

 

Der gemeingefährliche Verbrecher Nanni Vitali (Helmut Berger) bricht mit einigen Kumpanen aus dem Gefängnis aus und beginnt sofort, eine Spur der Verwüstung und der Gewalt hinter sich herzuziehen. Sein erstes Ziel ist der Informant, der einst verantwortlich für seine Inhaftierung war: Dessen Geliebte Giuliana (Marisa Mell) kommt Vitali gerade recht. Ihr Vater ist Sicherheitsbeamter in einer Fabrik, die genug Geld im Tresor hat, um Nannis die Flucht ins Ausland zu finanzieren. Indessen ist Kommissar Giulio Santini (Richard Harrison) dem hochaggressiven Mann dicht auf den Fersen. Und das muss er auch sein, denn der vergreift sich als nächstes an Santinis Vater, dem Richter, der ihn verurteilte, und seiner Schwester …

Vor ein paar Wochen sorgte Helmut Berger mal wieder für einen dieser „Skandale“, die zu produzieren mittlerweile die Hauptfunktion unserer Qualitätsmedien zu sein scheint. Mehr oder weniger leicht angeschickert saß der ehemalige Weltstar in einer grauenvollen Talkshow, in der minderbegabte Promis Werbung für Film/CD/Buch machen und sich aufgrund einer daherkonstruierten Befähigung (meist neuer Film, neue CD, neues Buch) zu aktuellen Themen äußern dürfen, und ließ es sich nicht nehmen, seine Verachtung für die um ihn versammelten Hackfressen demonstrativ zur Schau zu stellen. Ich habe die Sendung nicht gesehen, aber nach dem, was man so lesen konnte, hat er wohl Jasmin „Blümchen“ Wagner beleidigt und Jörg Knör angegangen. Na und? (Ich hatte mal das zweifelhafte Vergnügen, Jörg Knör bei der Arbeit erleben zu dürfen, als Mensch gewissermaßen, und kann daher nur sagen, dass er jede erdenkliche Demütigung verdient hat.)

In der großen Aufregung über das „mangelhafte Benehmen“ Bergers ging leider unter, dass so mancher dieser „Prominenten“, die man im Fernsehen regelmäßig zugemutet bekommt, eigentlich viel häufiger beleidigt werden sollte; dass außerdem keine dieser Bratwürste auf eine mit Bergers Schaffen vergleichbare Leistung zurückblicken kann; dass er hundertmal interessantere Geschichten zum Besten geben könnte, bekäme er denn die Gelegenheit dazu, als Nullnummer Blümchen und Oberlangweiler Knör, der seit mittlerweile 20 Jahren mit den immergleichen Boris-Becker-, Inge-Meysel- und Papst-Johannes-Paul-II.-Imitationen nervt; und dass Berger nicht zum ersten Mal in dieser Art und Weise auffällig geworden war, dass man sogar davon ausgehen muss, dass er genau wegen solcher „Ausfälle“ eingeladen wird, damit man sich danach künstlich darüber aufregen und als Bewahrer guter Manieren und Umgangsformen aufspielen kann. Hätte man ernsthaft Interesse an diesem Mann, würde man ihn dann neben Nichtskönner und Hilfsamöben wie Jasmin Wagner und Jörg Knör setzen? Eben. Alle Halbgebildeten, die es sich nicht nehmen ließen, in diversen Internetforen und Kommentarspalten ihren unqualifizierten Senf zum „Skandal“ und zum „peinlichen“ Berger abzugeben, sollen froh sein, dass Berger nur als Person des öffentlichen Interesses und nicht als sein alter ego Nanni Vitali aufgetreten war. Dann wäre Knör nämlich mit ungelöschtem Kalk übergossen, Jasmin Wagner vergewaltigt und verprügelt, Markus Lanz verschleppt und erschossen worden.

Womit LA BELVA COL MITRA schon recht treffend zusammengefasst ist: Der Film ist von Anfang an eine schauspielerische Tour de force Bergers, der sich als sadistischer Choleriker Nanni Vitali aller einengenden Zwänge befreit und seinen augenrollenden Psychopathen mit dem Feingefühl eines Folterknechts und dem zarten Humanismus einer Horde volltrunkener Hools ausstattet. Er verteilt schlagringbewehrte Maulschellen mit einer Verve, als habe er ein heiliges Gelübde darüber abgelegt, ballert wüst in der Gegend rum und stellt seinen Eltern auch mit seinem sonstigen Betragen kein gutes Zeugnis aus. Als Erzieher brauchen die sich bestimmt nicht mehr zu bewerben. Ein Vollblutasi, wie er im Buche steht, tobt Nanni unaufhaltsam auf sein Ende zu, jeder Mensch, der ihm begegnet, wird entweder als potenzieller Stolperstein betrachtet und aus dem Weg geräumt oder aber als Sprosse zum Erfolg und demzufolge hoffnungslos ausgebeutet. Da fragt man sich, wie er, mit solch gewinnender Persönlichkeit ausgestattet, andere überhaupt ohne Gewalt davon überzeugen kann, sich ihm anzuschließen. Der Nachwuchsverbrecher, der ihm am Ende hilft, behauptet gar, Nanni sei ein Vorbild für ihn: Da bekommt man es wirklich mit der Angst zu tun.

Vitali ist die lauthals rausgerotzte Absage an alle romantisierten edlen Verbrecher, an den Glauben an eine „honor among thieves“: Er ist die Negation des Sozialen, sein Lebensweg ein einziger, alles zerstörender Egotrip, von Leichen und geschundenen Körpern gesäumt. Da mutet es umso verstörender an, dass Grieco dem Schuft mit seiner Inszenierung eine Art animalischer Sexualität verleiht. Klar, Berger war auch 1977 noch ein ziemlich ansehnlicher Mann mit markant-durchdringendem Blick, sein Ruhm gründete ja nicht zuletzt auf seinem guten Aussehen und androgynen Charme. Aber Giulianas Blick – eine Mischung aus panischer Angst und bebender, unkontrollierbarer Lust – ist schon mehr als provokant, wenn man bedenkt, dass er sie erst verdroschen und dann in einer Kiesgrube vergewaltigt hat; wohlgemerkt nach dem Zusammenschlagen und vor der Ermordung ihres Geliebten. Diese erotische Faszination ist umso beunruhigender, als sie nie ganz explizit wird: Das Drehbuch lässt Giuliana immer nur von ihrer Angst sprechen, auch in den beiden Sexszenen bleibt sie passiv-versteinert, durchaus anders als in anderen Exploitern, in denen die Frauen nur auf eine ordentliche Vergewaltigung gewartet zu haben scheinen. Ihr Begehren liegt einzig in ihrem Blick, wird nie weiter thematisiert. Trotzdem vibriert der ganze Film förmlich vor entfesselter Geilheit, vor der Lust, die Zwänge der Zivilisation abzuwerfen und sich wie eine richtige Wildsau zu benehmen. Man muss sich nur mal anschauen, wer der „Bestie mit dem Maschinengewehr“ aus dem Originaltitel als Held gegenübergestellt wird: Richard Harrison darf optisch zwar als Inbegriff des kernigen Machos gelten, aber neben dem stets kurz vor der Explosion und dem vorzeitigen Samenerguss stehenden Berger hat er den Sexappeal eines Astlochs. Steif, hölzern und völlig asexuell stapft er durch den Film und wenn er der aufgelösten Giuliana eine Kippe aus seiner Schachtel anbietet, erwartet man fast, dass er sie für diese schamlose Anzüglichkeit um Verzeihung bittet. Das letzte Bild des Films gehört dann auch nicht ihm, sondern dem von ihm gestellten und bezwungenen Nanni. Blutig geschlagen, verdreckt und mit zerrissenem Hemd bleibt er dennoch unbezähmbare Naturgewalt und darf noch einmal einen seiner geilen, feurigen Blicke in die Kamera werfen. Ein Standbild lässt dem Betrachter keine Chance, ihm zu entkommen.