Mit ‘Sergio Martino’ getaggte Beiträge

Der eine Versuch eines massentauglichen Kannibalenfilms. Hier sieht man, wo die Wurzeln eines der berüchtigten Genres überhaupt lagen: im Abenteuerfilm. LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE hat dann auch alle Zutaten, die zünftiger Eskapismus braucht, von den kernigen Typen Stacy Keach und Claudio Cassinelli über den fiesen, feigen Schmierlappen Antonio Marsina hin zur schönen damsel in distress Ursula Andress. Da geht es in khakifarbener Camel-Trophy-Kleidung, die dumpf glotzenden eingeborenen Wasserträger im Schlepptau, macheteschwingend hinein in die grüne Hölle, wo jeder Schritt der letzte sein kann. Von jedem Baum hängt eine tödliche Falle, wenn man mal hinfällt, stürzen sich größenwahnsinnige Taranteln auf einen, am Wegesrand spielt sich die spektakuläre Show des Fressens und Gefressen-Werdens ab, Darwin zum Anfassen. Abends am Lagerfeuer bei Hottentottens gibt es Rotzschnaps, während bebastrockte Mädels den weißen Massa zum Beischlaf ins Tipi locken, oder wie das bei denen heißt. Alles könnte so schön sein, wären da nicht das Geraune von einem finsteren Fluch und die wachsende Gewissheit, dass der verschollene Forscher, den man sucht, längst tot ist.

Sergio Martino konnte im Gegensatz zu seinen Kollegen aus dem Vollen schöpfen und ein illustres Casting um sich scharen. Gedreht wurde im schönen Sri Lanka und der Score von Guido und Fabrizio de Angelis beschwört wirkungsvoll Exotismus und fremde, wundersame Welten herauf. Das gedrehte Material gefiel Umberto Lenzi augenscheinlich so gut, dass er sich einem Kannibalen gleich daran bediente und etwa die Szene mit der Schlangensuppe seinem MANGIATI VIVI! einverleibte. Sind dessen etwas später entstandene Kannibalenschocker oberschundig und billig, gaukelt LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE großes Kino vor und ist dabei halbwegs erfolgreich. Allerdings geht dem Film irgendwann die Puste aus. Es ist eben nur so lang aufregend, Menschen im Wald zuzusehen und die animalischen Gefahren können noch so effektheischerisch eingefangen werden, letztlich ist das alles eine großes Lachnummer, die mit ernstem Gesicht vorgetragen wird. Wenn es endlich an den Fleischtrog geht, ist LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE schon fast vorbei und ich kann nicht gerade behaupten, dass ich dem Ausgang entgegengefiebert habe. Eine Szene mit einer schleimigen Leiche, die den Kannibalen als Fettstift dient, ist hübsch eklig, aber sonst bleibt nicht viel hängen. Richtig sympathisch ist eigentlich nur Stacy Keachs Abenteurer Edward Foster, und das Drehbuch erlaubt sich den unverständlichen Luxus, den Mann ohne Not einen Berg hinunterplumpsen zu lassen. Der eigentlich verlässliche Claudio Cassinelli bemüht sich danach verzweifelt, ähnlich cool zu sein, aber er kann nicht verhindern, dass das Finale verpufft.

Ich sympathisiere mit dem Film, gerade weil er auf großes Entertainment macht, aber auch nur Unfug im Kopf hat, und vielleicht resultieren meine Ermüdungserscheinungen auch nur daher, dass drei Kannibalenfilme hintereinander einfach zu viel des Guten sind. Ich hatte LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE einfach als besser in Erinnerung. Aber ich war damals ja auch noch jung.

16692_895466Es war mal wieder Zeit für eine Commedia sexy all’Italiana – und das Versprechen mit Edwige Fenech und Barbara Bouchet gleich zwei Hotties zu bekommen, war zu verlockend. Zumindest war „unsere“ Bärbel angeht, hat Martino Film nicht enttäuscht. Die sieht mit ihren goldenen Haaren einfach nur fantastisch aus, verbringt einige ihrer Szenen komplett in Reizwäsche. Dagegen muss selbst die gute Edwige gnadenlos verblassen. Der Film selbst wurde leider durch die mir vorliegenden englischen Untertitel schwer sabotiert: Ich bin in dieser Hinsicht ja durchaus einiges gewohnt, aber bei diesem von einem offensichtlich nur über ein höchst rudimentäres Verständnis der englischen Sprache verfügenden Übersetzer verfassten Kauderwelsch musste ich irgendwann die Segel streichen. Nicht dass es irrsinnig viel zu verstehen oder nicht zu verstehen gegeben hätte, aber jeglicher Wortwitz, durch Unterteitel eh immer arg beeinträchtigt, ging hier vollends flöten. Schade drum: Auch wenn LA MOGLIE IN VACANZA gewiss keine Sternstunde des Genres ist, so gehört er doch zu den besseren Vertretern – wenn er Ermüdungserscheinungen gegen Ende auch nicht verbergen kann.

Der Zuschauer bekommt es mit einer klassischen Verwechslungskomödie zu tun: Geschäftsmann Andrea Damiani (Renzo Montagnani) ist mit der schönen, aber kalten Valeria (Barbara Bouchet) verheiratet. Während er sich nebenbei mit der eifersüchtigen Geliebten Giulia (Edwige Fenech) vergnügt, hat es Valeria auf einen waschechten Grafen abgesehen. Dieser existiert jedoch gar nicht: Es handelt sich um Andreas Assistenten Giovanni (Tullio Solenghi), der sich als adliger Gutsbesitzer ausgeben kann, weil sein Cousin Peppino (Lino Banfi) als Hausdiener arbeitet und seine Arbeitgeber im Urlaub weilen. Es gibt also gleich mehrere amouröse Geheimnisse, die gewahrt werden müssen, was umso schwieriger ist, als alle solchermaßen miteinander Verstrickten gleichzeitig in ein und demselben Hotel im Skiort Courmayeur landen …

LA MOGLIE IN VACANZA ist möglicherweise ein gutes Einstiegswerk für Menschen, die es mit dieser speziellen Spielart der italienischen Komödie noch einmal versuchen wollen, nachdem ihnen alle zuvor gesehenen Beispiele zu überdreht waren. Auch Martinos Film ist meilenweit von jeder Subtilität entfernt, voller infantiler Späße und beknacktem Slapstick, aber er ist dabei immerhin recht stringent und verzichtet auf die sonst obligatorischen Grimassierereien. Lino Banfi, der sonst keine zwei Minuten auskommt, ohne ein dummes Gesicht zu ziehen, agiert hier etwa sehr zurückgenommen. Der Großteil des Witzes ergibt sich tatsächlich aus der Personenkonstellation und dem Hin-und-Her, das sich zwischen den einzelnen Hotelzimmern ergibt. Naja, Raum für herbeikonstruierte Unfallketten, an deren Ende dann Valerias Popo anfängt zu rauchen oder Andrea auf einem Schlitten kopfüber einen Berg hinunterrauscht, dürfen keineswegs fehlen, genauso wenig wie gut abgehangene „Klassiker“ wie jener mit der umgedrehten „6“ an der Zimmertür und den daraufhin verwechselten Räumen oder des aus Versehen eingenommenen Abführmittels. Das tut beim Lesen bestimmt weh, ich weiß, aber bei der Betrachtung dieser Filme wird der Spaß eigentlich nur umso größer, je abgedroschener und vorhersehbarer die Gags sind. Da werden ganz tief sitzende Instinkte angesprochen und man freut sich schon diebisch, wenn das Wort „Abführmittel“ zunächst noch ganz unschuldig erwähnt wird. Man ahnt schon, was da unweigerlich bevorsteht. Als zusätzliche Witzfigur wird dann noch ein russischer Geiger (Renzo Ozzano) eingeführt, der den armen Peppino mit Wodka besoffen macht, Gläser isst und die schöne Giulia mit seinem Riesengemächt entzückt. Und Andreas Schwiegermama darf auch nicht fehlen, weil es des Konfliktpotenzials nie genug geben kann. Am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf, aber nicht bevor nicht die gesamte Besetzung in voller Montur in den wiinterlichen Swimming Pool gefallen ist und daraufhin Erfrierungen an verschiedenen Körperteilen erleidet. Hach, dieser sogenannte Humor ist schon eine tolle Sache.

 

00250504Nach seiner produktiven Giallophase in den frühen Siebzigern mit so exzellenten Genrebeiträgen wie LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH, LA CODA DELLO SCORPIONE, TUTTI I COLORI DEL BUIO, IL TUO VIZIO È UNA STANZA CHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVE und natürlich I CORPI PRESANTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE widmete sich Martino dem populärer werdenden Poliziesco sowie dem Gangsterfilm, ohne dabei jedoch an seine vorangegangenen Höchstleistungen anknüpfen zu können. LA CITTÀ GIOCA D’AZZARDO ist ganz hübsch, aber auch ziemlich unoriginell. Zum Teil ist das durchaus Zweck der Übung: Man merkt dem Film deutlich an, dass Martino mit ihm den großen US-amerikanischen Gangsterfilmen aus den Dreißigerjahren seine Reverenz erweisen wollte.

So scheint die eigentlich in Mailand angesiedelte Geschichte – es geht um den Zocker Luca (Luc Merenda), der vom Casino-Besitzer und Crimelord (Enrico Maria Salerno) eingestellt wird, um Pokerspielern das Geld aus der Tasche zu ziehen, es sich dann aber mit dessen Sohn Corrado (Corrado Pani) verscherzt, als er ihm die hübsche Maria Luisa (Dayle Haddon) ausspannt – zeitweise in einer Simulation der Zwanzigerjahre bzw. einer Siebzigerjahre-Appropriation jener Zeit zu spielen. Da läuft dann Luca in „Gangsteranzügen“ rum, erinnert das Ambiente des Casinos an längst vergangene dekadente Zeiten, während das Casino doch tatsächlich in einem scheußlichen Betonklotz ist, der nicht gerade zum Träumen einlädt. Leider wird diese Qualität nicht weiter ausgebaut und auch inhaltlich nicht aufgegriffen: LA CITTÀ GIOCA D’AZZARDO erzählt einer vor 40 Jahren schon nicht mehr originell zu nennende Geschichte, die nahezu ohne echte eigene Einfälle auskommt. Die Liebe zur schönen Frau, die Rivalität mit Corrado, die Racheaktion, bei der dem Zockerprofi die spitzen Fingerchen zertrümmert werden, die Wiedergenesung, der Hass des Papas auf den Sohn, den er leider nicht ausagieren kann, weil Blut nun mal dicker ist als Wasser, das Gelübde des Helden gegenüber seiner Frau, mit dem Spielen aufzuhören, das natürlich gebrochen werden muss, because a man’s got to do what a man’s got to do: Man kennt das alles irgendwoanders her. Nur von der Hetzjagd, die der Titel verheißt, sollte man sich nicht zu viel versprechen.

LA CITTÀ GIOCA D’AZZARDO ist ein ganz unterhaltsamer kleiner Timewaster, handwerklich sauber gemacht und mit einigen schönen Bildern, aber definitiv keine Glanzleistung. Kann man gucken, wenn man die Highlights schon hinter sich hat, oder was braucht, was leicht reinläuft und nicht belastet.

Eine Minderjährige wird ermordet in einer Herberge aufgefunden, beinahe zeitgleich der Sohn eines Mailänder Unternehmers entführt. Der Staatsbeamte Paolo Germi (Claudio Cassinelli) taucht tief in den Sumpf des Rotlichtmilieus ein und kommt einer weit verzweigten verbrecherischen Organisation auf die Schliche …

MORTE SOSPETTA DI UNA MINORENNE oder auch SUSPICIOUS DEATH OF A MINOR ist ausnahmsweise kein Giallo, sondern eine recht unorthodoxe bzw. eben typisch italienische Melange aus Krimi, Polizei- und Actionfilm und Komödie, von Martino gewohnt souverän inszeniert und mit einigen packenden Actionsequenzen versehen, die den Film über Fernsehkrimi-Niveau heben. Eine lange Autoverfolgungsjagd zwischen einem Polizei-Fiat und einer verbeulten Ente ist tatsächlich sehr rasant und rutscht auch deshalb niemals in die Lächerlichkeit ab, weil Martino die Hatz durch die Mailänder Straßen mit etlichen Slapstick-Elementen garniert, die man heute so garantiert nicht mehr zu sehen bekäme: Ein Fahrradfahrer findet sich unvermittelt auf einem Einrad wieder, nachdem ihm das Vorderrad von den Protagonisten der Jagd „abgefahren“ wird, ein Fußgänger wird beinahe umgefahren, vollzieht beim hinfallen einige Headspins und rennt dann schließlich orientierungslos vor einen Laternenpfahl. Höhepunkt ist sicherlich die Schießerei auf einer Achterbahn, aber auch das Duell auf dem Dach eines Kinos, das sich automatisch öffnen lässt, ist ein Hingucker.

Der dramaturgisch spannendste Kniff dieses Films, der wie gewohnt die miesen Machenschaften der oberen Zehntausend thematisiert, gegen die der Staat eigentlich nur noch mit Gewalt etwas unternehmen kann, weil das Rechtssystem regelmäßig versagt, ist wohl Gastaldis Idee, erst nach ca. der Hälfte des Films zu verraten, was der Protagonist eigentlich im Schilde führt. Cassinellis Germi könnte ein Verbrecher sein, ein Psychopath oder ein auf eigene Faust handelnder Privatmann. Mit seinem Zorn auf die laffe Justiz und die großzügige Auslegung der Gesetze ist er ein Gesinnungsgenosse jener italienischer Cops, die als italienische Antwort auf DIRTY HARRY durch die Straßen Roms, Mailands oder Neapels hetzten. Dass Cassinelli äußerlich eher wie ein Denker denn wie ein Tatmensch aussieht, trägt erheblich zur Verwirrung des Zuschauers während der ersten 45 Minuten und damit auch zum Gelingen des Films bei. Kein Muss, aber eine durchweg runde Sache (mit Kanten).

Die schöne Julie Wardh (Edwige Fenech) reist mit ihrem Ehemann, dem Diplomaten Neil Wardh (Alberto de Mendoza) nach Wien. Dort hat es derzeit ein Rasiermessermörder auf schöne Frauen abgesehen und Julies Verdacht fällt bald auf ihren Ex-Liebhaber Jean (Ivan Rassimov), der ihr nachgereist ist und mit dem sie eine psychisch äußerst belastende sadomasochistische Liaison hatte, die immer noch nachbrennt.  Als sie auf einer Party ihrer Freundin Carol (Conchita Airoldi) den schönen Millionenerben George (George Hilton) kennenlernt und eine wilde Romanze mit ihm beginnt, meldet sich kurz darauf ein Erpresser bei ihr, der damit droht, ihrem Gatten von der Affäre zu berichten …

Nicht nur durch die gemeinsame Verwendung des Wörtchens „vizio“ (zu Deutsch: Laster) im Titel dieses ersten von fünf Martino-Giallos drängt sich die Verbindung zu seinem fünften, IL TUO VIZIO É UNA STANZA CHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVE, auf: In beiden Filmen ist eine Frau das Opfer eines gewalttätigen, sadistischen Ehemanns, in beiden fügt sich die Frau allzu bereitwillig in diese Rolle, als dass man übersehen könne, dass ihr diese Form der Unterwerfung auch sexuelle Lust beschert, beide Filme sind vordergründig als Giallos angelegt, lassen diesen Rahmen jedoch weit hinter sich und deuten zwischen all dem lustvollen Suhlen im Plakativen, Materiellen – den Rasiermessermorden, den zahlreichen Nackt- und Sexszenen – beunruhigende psychologische Abgründe, etwas Immaterielles an. Beide werden außerdem entscheidend geprägt von ihrer Musik. IL TUO VIZIO von Bruno Nicolais tieftrauriger, aber wunderschöner Melodie, die an eine Stimme aus dem Jenseits denken lässt, die vergangene Fehler betrauert, LO STRANO VIZIO von einem Stück von Nora Orlandi, das wie ein lustvoll-leidendes Wimmern klingt und das Paradox des Masochisten ins Gedächtnis ruft: Was bereitet ihm größeres Leid – und also größere Lust: der Schmerz oder der unfreiwillige Verzicht auf denselben? Zu guter Letzt: Der Titel von Martinos letztem Giallo taucht nahezu wortwörtlich in seinem ersten auf, als schriftliche Botschaft Jeans an seine verflossene Julie.

Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass ich diesen ersten Martino-Giallo jetzt als letzten geschaut habe: Bei der Erstsichtung vor nun auch schon sechs Jahren hatte er mir zwar durchaus gefallen, doch hatte ich ihn damals noch als sehr stromlinienförmigen und damit auch etwas unbefriedigenden Vertreter seiner Zunft abgetan. Das sehe ich heute ganz anders. Es ist ja schon sehr auffällig, wie wenig Martino an seiner Rasiermessermörder-Geschichte interessiert ist, wie sehr sie ihm eigentlich nur als Fassade für etwas dient, was sich eher unterschwellig entfaltet. Zwar muss er am Ende natürlich eine handelsüblich-unvorhergesehene Auflösung für seine Murder Mystery liefern, doch täuschen die letzten Einstellungen des Films nicht darüber hinweg, dass das eigentliche Mysterium des Films, eben das „merkwürdige Laster der Signora Wardh“, weiterhin Bestand hat, mit der Lösung des Kriminalfalles höchstens ein Subplot abgeschlossen wurde. Ja, der ganze Film ist eigentlich um die schöne Edwige Fenech herum komponiert, die eine Lust bei ihren männlichen Verehrern auslöst, die ihr gänzlich unverständlich ist, deren unschuldig-naiver Blick an einen Körper gekoppelt ist, der puren Sex verströmt, und die sich selbst das größte Geheimnis scheint. Ihre seelischen Verkrustungen werden von ihrer makellosen Schönheit trügerisch verdeckt und auch ihr eigener Blick bleibt immer an der Oberfläche hängen. Nur ihr seltsamer Name mit diesem außer im Röcheln eines Sterbenden keinerlei phonetische Realisierung findenden Dehnungs-H, das da hinten an ihm dranhängt wie ein hartnäckiger Atavismus oder ein in der Vergangenheit liegendes dunkles Geheimnis (mithin sofort Assoziationen zum Gothic Horror auslöst), deutet an, dass da etwas im Argen liegt. Und so handelt der ganze Film von einer Disposition, die niemand wirklich durchschaut, die nie konkret wird, die zwar der Ursprung aller Handlungen des Films ist, aber selbst immer im Hintergrund bleibt. LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH ist ein ziemlich eigenartiger Film, vor allem weil sich selbst diese Eigenartigkeit irgendwie dem Blick entzieht. Die geschäftige Handlung ist ganz Klarheit und Konkretion, aber eben doch bloß Beiwerk. Vielleicht hätte der Rasiermessermörder ja etwas freigelegt, wenn er der schönen Julie begegnet wäre. Aber diese Geschichte wollte Martino nicht erzählen.

Die Ehe zwischen dem ausgebrannten Schriftsteller Oliviero Rouvigny (Luigi Pistilli) und seiner nervösen Ehefrau Irina (Anita Strindberg) ist ein Albtraum: In den heruntergekommenen Palazzo seiner verstorbenen und verehrten Mutter lädt er regelmäßig die Hippies vom nächsten Campingplatz zu großen Saufgelagen, bei denen er seine Ehefrau öffentlich demütigt und sich anschließend am schwarzen Hausmädchen Brenda vergeht. Häusliche Gewalt ist Oliviero also kein Fremdwort und so wird Irina zunehmend hysterisch – was dann weitere Gewalt nach sich zieht. Als die Leiche eines Mädchens auftaucht, mit dem Oliviero ein Verhältnis hatte, gerät er sofort unter Verdacht. Ein Verdacht, der es nötig macht, zu unkonventionellen Mitteln zu greifen, als auch Brenda ermordet wird: Gemeinsam mit seiner Frau mauert er die Leiche im Weinkeller ein. Als seine schöne Nichte Floriana (Edwige Fenech) überraschend zu Besuch kommt, kommt Bewegung in die festgefahrenen Verhältnisse: Denn nicht nur hat der unverbesserliche Womanizer Oliviero Interesse an ihr, auch Irina findet Gefallen an der jugendlichen Schönheit …

Der vierte der fünf zwischen 1971 und 1973 entstandenen Giallos von Sergio Martino (zuvor drehte er LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH, LA CODA DELLO SCORPIONE und TUTTI I COLORI NEL BUIO, danach I CORPI PRESENTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE) beruft sich auf Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „The Black Cat“, die Martino aber zu einem finsteren Ehedrama mit deutlich gotischem Schauerbezug ausweitet. Die sadomasochistische Beziehung zwischen Oliviero und Irina erinnerte mich in der zur Schau gestellten Drastik und Ausweglosigkeit dabei sowohl an Claude Chabrols schonungslosen UNE PARTIE DE PLAISIR als auch ein wenig an Mike Nichols WHO’S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF?: Anita Strindbergs zu Berge stehende Haare lösten bei mir jedenfalls unweigerlich diese Assoziation aus. Die Verbindung dieser beiden zunächst einmal nur schwer vereinbar scheinenden Bezüge führt dazu, dass IL TUO VIZIO über den Rahmen des Giallos, der seinen Reiz ja meist aus seinem selbstreflexiven Spiel über mehrere Metaebenen hinweg bezieht, hinausgeht und tatsächlich sehr direkt und emotional wirkt. Auch wenn Oliviero und Irina keine psychologisch ausgefeilten Charaktere sind, so geht ihr Schicksal doch deutlich näher als das so vieler ihrer Giallo-Protagonisten-Kollegen, die lediglich den Plot vorantreiben und alles in allem austauschbar sind. Es ist aber kaum abzuschätzen, wie groß der Anteil von Bruno Nicolais sprachlos machendem Score an dieser Wirkung ist: Schon in der ersten Sekunde, wenn seine tieftraurige, hoch fragile Melodie einsetzt, man dazu zwei durch die Unschärfe zu geisterhaften Schemen reduzierten Menschen beim Liebesspiel zusieht, das weiße Laken, unter dem sich ihre Umrisse abzeichnen in hartem Kontrast zum undurchdringlichen Schwarz darüber, legt sich ein dunkler Schatten aufs Gemüt, sinkt die Herzfrequenz um mehrere Schläge und es wird klar, dass es hier kein Happy End, nur Tod und Trauer zu erwarten gibt.

Bemängelte ich beim zuletzt gesehenen LA CODA DELLO SCORPIONE also noch, dass Martinos exaltierten Bildkompositionen ein nur trivialer Plot gegenübersteht, der die auf der Bildebene vermittelte Spannung nicht auf die Handlungsebene hinüberzuretten versteht, so ist IL TUO VIZIO deutlich ausgewogener, charakter- und handlungsorientierter (ohne dabei verlabert zu sein), gleichmäßiger und runder. Farblich versprüht er weniger den Esprit der Pop-Art, sondern orientiert sich seines Settings und seiner Stimmung angemessen eher an der monochromen Farbpalette des Gothic Horrors. So überwiegt hier ein tiefes Schwarz, das von kaum einladenderen Grau- und Brauntönen aufgelockert wird. Die einzigen Farbtupfer sind Edwige Fenech als jugendlich-frivole Nichte, die mir mit ihrem hier präsentierten Bubikopf zum ersten Mal richtig gut gefallen hat, und das blutrot sprudelnde Blut, das – wie von Martino nicht anders gewohnt – aus klaffenden Wunden sprudelt. IL TUO VIZIO ist in seinen Gewaltdarstellungen erneut wenig zimperlich, doch empfindet man die geschlagenen Wunden fast als Erlösung, weil sie der Seelenpein, die so konkret und doch so wenig greifbar ist, etwas Körperlichkeit entgegenhalten. Ein wunderbarer Film, für mich bislang Martinos bester und einer der stärksten Giallos überhaupt, weil er so viel mehr ist als das. Und diese Musik von Bruno Nicolai, sie lässt mich nicht mehr los …

Weil ihr Ehemann bei einem Flugzeugunglück ums Leben kommt, erhält seine jüngere Ehefrau Lisa (Ida Galli) von der Versicherung eine Million, die sie in Athen in Empfang nimmt. Lara Florakis (Janine Reynaud), die Geliebte von Lisas Gatten, hat etwas dagegen und hetzt der jungen Frau einen Typen namens Sharif (Luis Barboo) auf den Hals. Ihr zur Hilfe kommt Peter Lynch (George Hilton), doch auch der kann ihren gewaltsamen Tod letztlich nicht verhindern. Gemeinsam mit der Reporterin Cléo Dupont (Anita Strindberg) versucht er, den Mörder zu stellen – auch weil er selbst als einer der Verdächtigen gilt …

LA CODA DELLO SCORPIONE ist zwar nur ein mittelmäßiger Giallo, aber er ist ganz hilfreich, um die Querverbindung zu Hitchcocks PSYCHO als wichtigem Einfluss für das italienische Thrillergenre zu ziehen. Als Hitchcocks Film damals erschien, setzte er neue Maßstäbe hinsichtlich der Inszenierung von Gewalt, er führte die Psychologie als offenliegenden Bezugsrahmen in den Thriller ein und unterzog das Genre einer Sexualisierung: Aspekte, die im Giallo auf die Spitze getrieben wurden. Martino übernimmt von PSYCHO außerem noch den dramaturgischen Clou, die vermeintliche Hauptfigur nach einem Drittel aus dem Film zu nehmen. Lisa agiert bis zu ihrem Tod in jeder Szene und ihr Tod wird mit heftigen Splattereffekten dann auch als besonders einschneidend inszeniert. Doch so richtig überraschend kommt ihr Tod nicht: Erstens muss in einem Giallo nunmal irgendwann jemand ins Gras beißen und zweitens tragen die Credits, die die bis zu Lisas Tod noch überhaupt nicht aufgetretene Anita Strindberg als Hauptdarstellerin listen, auch nicht gerade dazu bei, dass man als Zuschauer bereit ist, sein Herz bedingungslos an die etwas fade Lisa zu hängen. LA CODA DELLO SCORPIONE ist Giallo auf Autopilot: von Martino gewohnt versiert, aber auch etwas uninspiriert inszeniert, mit seiner absurden Zahl aus den unmöglichsten Perspektiven gefilmter Szenen zwar immer schön anzusehen und dank Bruno Nicolais Score auch anzuhören, aber von den Mordszenen, in denen ordentlich auf die Tube gedrückt wird – es gibt eine tolle Zeitlupensequenz und ein paar sehr happige Schlitzereien –, und jenen sparsam aber effektiv verteilten Momenten, in denen die wunderschöne Strindberg blank zieht, einmal abgesehen, auch ziemlich langweilig. Ein typischer Mittelklase-Giallo halt, den ich vielleicht besser gefunden hätte, wenn ich nicht zuvor so viele so viel bessere Genrevertreter geschaut hätte; bezeihungsweise solche, die neben ihrer avancierten Bildgestaltung eben auch sonst spannend sind. Und um diesen natürlichen Abnutzungserscheinungen etwas vorzubeugen, unterbreche ich meine Gialloreihe jetzt mal kurz und schaue was ganz anderes.

Die schöne Jane Harrison (Edwige Fenech), die immer noch vom Verlust ihres ungeborenen Kindes traumatisiert ist, wird von garstigen Albträumen geplagt, in denen ihr ein Mann mit stahlblauen Augen und einem spitzen Messer nachstellt. Ihre Sorgen werden größer, als ihr dieser Mann tatsächlich begegnet und Jane immer größere Schwierigkeiten hat, Traum und Realität voneinander zu unterscheiden. Weil ihr Mann Richard (George Hilton) nichts von einer Psychotherapie hält, empfiehlt ihre Freundin ihr den Besuch bei einer schwarzen Messe …

TUTTI I COLORI DEL BUIO beginnt fulminant: Während der Credits kann man den Sonnenuntergang über einem Naturidyll bewundern, das sich mit seiner Tierstimmenkakophonie schließlich als Horrorszenario entpuppt, danach stürzt Martino den Zuschauer in einen von Janes Albträumen, auf dessen Höhepunkt schließlich in den Autounfall überblendet wird, dem Jane den Verlust ihres Kindes zu verdanken hat. Und als wäre das noch nicht genug, schleppt sich die von diesem Traum gebeutelte Jane im Nachthemd unter die Dusche, wo sie einen Nervenzusammenbruch erleidet, während man selbst ihre sich durch den nassen Stoff abzeichnenden Brustwarzen bewundern darf. Die Weichen für einen meisterlichen Giallo sind gestellt und zumindest in der ersten Hälfte des Films kann Martino das Versprechen der ersten Minuten auch einlösen. Mehr und mehr wird Jane in den Wahnsinn getrieben und in Szenen wie jener, in der ihr Peiniger sich ihr in einem leeren U-Bahn-Abteil nähert und Lichtausfälle ihn immer wieder kurz aus ihrem Blick verschwinden lassen, sind kreuzspannend und rücken TUTTI I COLORI DEL BUIO gar in die Richtung von Mario Bavas beklemmendem Meisterwerk SHOCK. Leider jedoch kann Sergio Martino dieses hohe Niveau nicht halten. Die schwarze Messe, die eigentlich der erste Höhepunkt des Films sein müsste, büßt viel ihrer potenziellen Wirkung durch den unpassenden Score von Bruno Nicolai ein, dessen loungige Jazzklänge der unheimlichen Szene einen fast parodistischen Ton verleihen und den Eindruck der Marter, der sich Jane aus lauter Verzweiflung freiwillig unterzieht, immens abschwächen. Davon erholt sich der Film nicht mehr wirklich: Die innere Spannung, die ihn während der ersten Hälfte unermüdlich antrieb, ist dahin, die sich giallotypisch immer mehr verkomplizierende Handlung trägt ebenfalls zu kontinuierlichen Distanzierung des Zuschauers bei. Dass Gialli die aufgebauten Erwartungen mit ihrer Auflösung nur selten bestätigen können, ist keine neue Erkenntnis, doch das Finale von TUTTI I COLORI DEL BUIO kommt vor dem Hintergrund seiner zuvor offenbarten grellen Plotideen besonders angestaubt rüber.

Meine Kritik liest sich harscher, als ich den Film tatsächlich fand und vielleicht sollte ich ein abschließendes Urteil zumindest bis zu einer Zweitsichtung aufschieben. Aber im Moment überwiegt einfach noch die Enttäuschung darüber, dass Martino es nicht gelungen ist, den Schwung, den sein Film zu Beginn ohne Frage hat, bis zum Ende mitzunehmen.

In Rom geht ein Mörder um, der es vor allem auf die schönen Frauen im Freundeskreis der amerikanischen Kunststudentin Jane (Suzy Kendall) abgesehen hat. Um dem Schrecken zu entfliehen, reist sie mit ihren verbliebenen drei Freundinnen Daniela (Tina Aumont), Ursula (Carla Brait) und Katia (Angela Covello) aufs Land. Doch der Killer folgt ihnen auch dorthin: Ist es Stefano (Roberto Bisacci), der so wenig Glück bei Frauen hat, aber dafür ein Halstuch besitzt, das jenem, mit dem die schöne Florence erdrosselt worden war, sehr ähnlich sieht? Der schweigsame Arzt Roberto (Luc Merenda), ein Arzt, der ebenfalls ein solches Halstuch erworben hat? Der ältere Herr, mit dem Daniela lieert ist und der den Mädchen sein Landhaus zur Verfügung gestellt hat? Oder gar der Kunstprofessor Franz (John Richardson), der ein amouröses Interesse an Jane zu haben scheint?

Dass „die Leichen Anzeichen von körperlicher Gewalteinwirkung zeigen“, wie es der italienische Originaltitel wortreich behauptet, ist gelinde gesagt eine Untertreibung, denn die schönen Damen werden blutig aufgeschlitzt und im Einzelfall sogar mit rausgepuhlten Augäpfeln aufgefunden. Ganz im Gegenteil zum Killer steht Sergio Martino für sauberes Handwerk, das allerdings selten zu echten Begeisterungsstürmen hinreißt, weil es stets zu sehr den bereits von anderen etablierten Regeln verhaftet bleibt. Auch dieser Giallo macht da keine echte Ausnahme: Hervorzuheben sind die Fotografie von Giancarlo Ferrando – eine Begegnung mit dem Killer in einer zwielichtig-nebligen Sumpflandschaft hat es mir besonders angetan -, der Score von den De-Angelis-Brüdern sowie der schöne Bruch in der Dramaturgie, der das letzte Drittel einleitet: Als man sich schon auf ein nervenzerreißendes Stalk’n’Slash mit den vier Mädels und dem lauernden Killer eingestellt hat, beendet ein Schnitt das Leben von dreien ganz abrupt, wechselt die Perspektive zur letzten Überlebenden im Bunde, die am nächsten Tag die Leichen ihrer Freundinnen auffinden und dann entsetzt feststellen muss, dass der Killer sich zwecks Leichenentsorgung (daher auch der deutsche Titel DIE SÄGE DES TEUFELS) noch immer im Haus befindet. Das folgende finale Versteckspiel wertet Martinos Film, der bis dahin eher formelhaft abgelaufen war, noch einmal auf, doch letztlich ist I CORPI PRESENTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE ein lediglich guter Vertreter eines Genres, das weitaus Spektakuläreres und Originelleres hevorgebracht hat. Die Enttarnung des Täters stellt trotz der angehäuften Verdächtigen keine Überraschung dar und die freudianischen Komplexe, die seinen Taten zugrunde liegen, machen eher den Eindruck, kurz vor knapp aus einem Zeitungsartikel zusammengeklaubt worden zu sein. Ganz hübsch sind die ebenfalls genretypischen Reflexionen zum Thema „Sehen und Gesehenwerden“, die PROFONDO ROSSO aber keinen Zacken aus der Krone brechen können.

Dass Martinos Werk dennoch über einen relativ hohen Bekanntheitsgrad genießt, mag nicht zuletzt an eben seinem internationalen Verleihtitel TORSO gelegen haben, der in Verbindung mit den hübschen, meist nur leicht- oder aber gar nicht bekleideten Euro-Chicks ruppig-schmutzige Unterhaltung verspricht und auf den auch die Zensur hier und da hereingefallen ist. Bis auf zwei, drei sekundenkurze und ziemlich durchsichtige Großaufnahmen von aufgeschlitzen Brustkörben und blutigen Augenhöhlen bleibt TORSO nämlich zumindest hinsichtlich seiner Gewaltdarstellungen aber eher zurückhaltend (was nackte Brüste angeht, ist er weniger zimperlich), sodass ich bei der Erstsichtung vor rund 15 Jahren doch etwas enttäuscht war. Heute hat mir der Film viel besser gefallen: Wer Giallos mag und es zu schätzen weiß, einfach mal „nur“ gut gemachte Unterhaltung zu genießen, der wird bei entsprechend justierter Erwartungshaltung nicht enttäuscht werden. Und den Rest besorgt dann das Zeitkolorit.

Nach einem Schiffsunglück landet Lieutenant Claude de Ross (Claudio Cassinelli) mit einer Handvoll Überlebender auf einer Insel, die jedoch schon kurze Zeit später von merkwürdigen Fischmenschen dezimiert wird. Der zwielichtige Edmond Rackham (Richard Johnson), der die Insel gemeinsam mit der schönen Amanda (Barbara Bach) sowie einigen unter seinem Befehl stehenden Eingeborenen bewohnt, schweigt zunächst über den Ursprung der Kreaturen, doch de Ross bleibt hartnäckig: Es stellt sich heraus, dass Rackham das versunkene Atlantis entdeckt hat und mithilfe der Fischmenschen – den ehemaligen Einwohnern der vergangenen Zivilisation – hofft, gewaltige Reichtümer aus den Tiefen zu bergen. Bleibt nur die Frage, was es mit Amandas Vater, Prof. Ernest Mavin (Joseph Cotten) auf sich hat, der von Rackham gefangen gehalten wird …

Martinos L’ISOLA DEGLI UOMINI PESCE (deutscher Verleihtitel: DIE INSEL DER NEUEN MONSTER) orientiert sich unverkennbar an der zwei Jahre vorher entstandenen Wells-Verfilmung THE ISLAND OF DR. MOREAU: Eine hier wie dort stargespickte Besetzung tummelt sich auf einem nur auf den ersten Blick idyllischen Tropeneiland, die Inszenierung ist für italienische Verhältnisse erstaunlich gediegen und zurückhaltend und die Geschichte hat einen heute etwas betulich anmutenden Abenteuereinschlag, demgegenüber die Science-Fiction-Elemente eher in den Hintergrund gedrängt werden. Die moralphilosphischen Überlegungen, die Wells noch beschäftigten, sind hier bloßer Zierrat, in erster Linie geht es Martino um Schauwerte, die er dann auch liefert. Die Fischmenschen sind durchaus als gelungen zu bezeichnen, wenngleich sie an die Kreaturen aus Taylors Moreau-Film selbstverständlich nicht herankommen, die Unterwasserszenen um das versunkene Atlantis sind zwar etwas fadenscheinig, aber dennoch sehr atmosphärisch und liebevoll, und Settings wie auch die Besetzung lassen vermuten, dass Martino ein durchaus hübsches Sümmchen zur Realisierung des Films zur Verfügung stand. Dass L’ISOLA DEGLI UOMINI PESCE der große Erfolg trotzdem verwehrt bleibt, liegt vor allem darin begründet, dass die Auflösung um den Ursprung der Fischmenschen den Kenner des literarischen oder filmischen Vorbilds nur wenig überraschen kann, sich die Behutsamkeit, mit der der Film auf diese „Enthüllung“ zuläuft, damit als eher nachteilig erweist: L’ISOLA ist nach heutigen Maßstäben einfach ein bisschen zu langsam. Ich finde ihn dennnoch hochgradig sympathisch, weil er seine nun ziemlich depperte Geschichte nicht ironisch bricht, sondern ganz seriös erzählt und somit eindeutig auf ein Publikum abzielt, das bereit ist, das auf der Leinwand Gebotene für bare Münze zu nehmen und nicht ständig auf Realitätsnähe und Plausibilität abzuklopfen, sondern sich für 100 Minuten in eine Fantasiewelt entführen zu lassen. Filme dieser Art gibt es mittlerweile nicht mehr und L’ISOLA DEGLI UOMINI PESCE ist ein gutes Beispiel dafür, was wir damit verloren haben. Schön!