Mit ‘Sergio Sollima’ getaggte Beiträge

Ich wusste gar nicht mehr, wie toll dieser Film des Ausnahmeregisseurs Sergio Sollima ist. Die deutsche DVD, die dieser Tage erschienen ist, hat mich wieder daran erinnert. Oliver Reed ist brillant, Fabio Testi schafft das Unglaubliche und hält mit. Auf Hard Sensations habe ich eine Rezension geschrieben, die ihr hier lesen könnt. Und danach kauft ihr euch die Scheibe, bitte. Ihr werdet es nicht bereuen.

Malaysia in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Der adlige Sandokan (Kabir Bedi) verdingt sich nach der Ermordung seiner Familie durch den britischen Kolonialherren James Brooke (Adolfo Celi) als Pirat und Freiheitskämpfer. Der portugiesische Seefahrer Yanes de Gomera (Philippe Leroy) steht dem Volkshelden mit Rat und Tat zur Seite, der immer größeren Zorn der Besatzer auf sich zieht. Nachdem er auf hoher See in einen Hinterhalt gelockt wird und über Bord geht, landet er schließlich in der Obhut des Briten Lord Guillonk (Hans Caninenberg), dem Onkel der entzückenden Marianna (Carole André), der keine Ahnung hat, wer ihm da in die Hände geraten ist. Marianna verliebt sich in den Piraten und flieht mit ihm auf dessen Insel Mompracem. Mit der Hilfe des verzweifelten Guillonk plant Brooke den entscheidenden Schlag gegen den Rebellen …

Unter dem Titel SANDOKAN – DER TIGER VON MALAYSIA lief Sergio Sollimas Miniserie – sechs Episoden à 60 Minuten – mit großem Erfolg im deutschen Fernsehen und bescherte dem indischen Hauptdarsteller Kabir Bedi unter anderem den goldenen Bravo-Otto als beliebtester Fernsehschauspieler. Wie sehr sich die Welt doch in den vergangenen 40 Jahren verändert hat: Das Format der Miniserie ist heute genauso gestorben wie das Genre des bunten Abenteuerfilms, und dass ein feuriger Südostasiate mit wallender Mähne und leidenschaftlich geschwungenen Lippen die Zuneigung der deutschen Teenager gewinnt, scheint kaum noch denkbar. SANDOKAN ist insofern reichlich „dated“: Die dialoglastige Dramaturgie wirkt teilweise ebenso steif wie die abgebildete feine britische Gesellschaft, jeglicher Humor, der den überbordenden Exotismus und Romantizismus, den der Titelheld bedient, abfedern würde, ist abwesend, die schwülstige Love Story kommt ohne jeden Sex aus, und die Action hebt sich Sollima für die letzte Episode auf. Den Gigantismus, den man aus späteren, US-amerikanischen Miniserien wie NORTH AND SOUTH kennt, sucht man außerdem vergebens. Zwar dürfte SANDOKAN ein ordentliches Budget gehabt haben, doch nicht zuletzt durch die überschaubare Zahl der handelnden Figuren entsteht eher der Eindruck eines entgrenzten Kammerspiels denn der eines ausufernden Epos. Auch die psychologische Ausgefeiltheit und Kompexität, die man etwa an heutigen Fernsehserien zu schätzen weiß, strebt SANDOKAN nicht an, füllt seine Spielzeit stattdessen mit einer Vielzahl bunter Geschichten, deren Ablauf jedoch meist vorhersehbar ist.

Das ist es dann aber auch, was ich an SANDOKAN auch heute noch so überaus sympathisch finde: Die Serie trägt keine überkandidelten Ansprüche vor sich her, zielt weder auf historische Genauigkeit ab noch auf das mittlerweile selbst zum Klischee gewordene „Spiel mit den Erwartungen“. Sollima geht stattdessen mit verblüffender Ehrlichkeit zu Werke und liefert 6 Stunden pulpig-bunten Eskapismus, dessen ernsteren Untertöne – Toleranz und Respekt gegenüber „fremden“ Kulturen, Kritik am Kolonialismus und die Propagierung eines „einfachen“ Lebens – die nackte Freude an der weitestgehend unschuldigen Räuberpistole niemals überdecken. Im Grunde genommen war SANDOKAN schon in den Siebzigerjahren – dem Jahrzehnt des Vietnamkriegs, an den man sich damals vielleicht noch stärker erinnert fühlen musste – ein Anachronismus, eine Erinnerung an Zeiten, in denen Gut und Böse noch klar voneinander geschieden waren, Jungs von einem Leben an Bord eines Piratenschiffes und Mädchen von einem Tiger in Menschengestalt träumten.

 

Der Profikiller Jeff Heston (Charles Bronson) wird von seinem Auftraggeber und seiner Geliebten Vanessa (Jill Ireland) hintergangen. Nach einem Gefängnisaufenthalt begibt er sich in die USA, um sich an ihnen zu rächen. Vanessa ist mittlerweile mit dem Gangsterboss Al Weber (Telly Savalas) liiert, der großes Interesse daran hat, Jeff unter seine Fittiche zu nehmen. Seine Abneigung macht sich wiederum Vanessa zunutze, die ganz eigene Pläne verfolgt und Jeff dazu um den Finger wickelt …

Sergio Sollimas Film beginnt furios mit einer spannenden Verfolgungsjagd und einem Shootout, bei dem sein Protagonist schwer verwundet wird. Erst im Verlauf der nächsten halben Stunde liefert er den Kontext zu dieser Actionszene, bis dahin übt er sich – unterstützt von Morricones Beat-Score – in psychedelisch-fiebriger Lückenhaftigkeit. Zwar findet CITTÀ VIOLENTA bald eine klarere Linie, doch die Motivationen seiner Protgaonisten bleiben rätselhaft. Das liegt zum einen im Plot begründet, der alle Gegenspieler und auch vermeintlichen Freunde Jeffs mit geheimen Interessen und dunklen Geheimnissen ausstattet, zum anderen aber auch in strukturellen Schwächen: Charles Bronson ist als wortkarger Killer mit menschlichem Kern zwar idealbesetzt, nicht aber als leidenschaftlicher Liebhaber, der sich von einer Frau die Sinne vernebeln lässt. Das Auf und Ab seiner Beziehung zu Vanessa, das von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der Geschichte ist, bleibt unnachvollziehbar und unglaubwürdig. Und so versandet CITTÀ VIOLENTA mit zunehmender Laufzeit immer mehr: Die furiose Unmittelbarkeit, mit der der Film begann, ist wie weggeblasen. Es wird einfach nicht klar, was Sollima genau erzählen will. Mehrere Dialoge legen nahe, dass es darum geht, Betrug, Gier und Mord als Status quo des menschlichen Zusammenlebens zu kennzeichnen: Alle haben nur ihren eigenen Vorteil im Sinn und verstricken immer mehr Menschen in das von ihnen ausgelegte Netz des Verbrechens. Aber wenn das Sollimas Thema war, dann geht es zwischen den ganzen Plottwists und Wendungen unter. CITTÀ VIOLENTA hat einige schöne Szenen und Bilder, aber neben dem Auftakt bleibt eigentlich nur das bittere Finale im Gedächtnis, das alles das richtig macht, was in der vorangegegangenen Stunde falsch gelaufen ist: Es lässt keinerlei Fragen offen.