Mit ‘Serienmörder’ getaggte Beiträge

Es gibt drei Arten von Besessenheitsfilmen: den ernsten Horrorfilm, der durch Friedkins THE EXORCIST oder auch von De Martinos L’ANTICRISTO idealtypisch repräsentiert wird, das sleazige Rip-off, das schwerpunktmäßig in Europa beheimatet ist (man denke etwa an Walter Boos‘ MAGDALENA, VOM TEUFEL BESESSEN oder an Gariazzos L’OSSESSA), aber auch in Asien einige Vertreter hat, die allerdings nicht auf der christlichen Religion fußen. Die dritte Spielart ist weniger bedeutend und eher am Rande dem Horrorfilm zuzurechnen: Ich denke etwa an Hans-Christian Schmids REQUIEM, der einen realen Exorzismus-Fall aus den Siebzigerjahren behandelt und sich mit den sozialen Ursachen und Wirkungen von religiösem Fanatismus auseinandersetzt. Na Hong-jins Gok-seong – internationaler Verleihtitel THE WAILING – ist ziemlich exakt in der Schnittmenge dieser drei Spielarten angesiedelt: Er spielt im authentisch dargestellten südkoreanischen Provinzalltag, in den plötzlich das Übersinnliche einbricht. Der Film befasst sich mit dem Schrecken dieser unerklärlichen, grausamen Ereignisse, der kulturellen Bedeutung von Magie, Schamanismus und Geisterglaube, ohne jedoch offen „gesellschaftskritisch“ zu sein. THE WAILING ist ein Schocker, der aber im Gewand eines impressionistischen Dramas und/oder Polizeifilms daherkommt.

Wie schon in Na Hong-jins meisterlichem HWANGHAE ist der Kontrast von Langsamkeit, Tempoverschleppung und Stille gegenüber plötzlichen „Beschleunigungen“ und dem damit einhergehenden Chaos ein bedeutendes stilistisches Merkmal von GOK-SEONG, das seinen Verbündeten in einem lakonischen Humor findet, der mit zunehmender Dauer – der Film dauert opulente 160 Minuten – immer mehr auf die Probe gestellt wird. Das Gesicht und Herz des Films ist Hauptdarsteller Do Won-kwak, der als stiller Provinzcop und Familienvater Jong-goo mit einer Serie bizarrer Verbrechen konfrontiert und bald auch ganz persönlich involviert wird. Alles beginnt mit einem brutalen Mord: Der Täter wird an Ort und Stelle festgenommen, blutverschmiert und apathisch ist er am Tatort verblieben. Wenig später gibt es einen Brandstiftungsfall, der das Opfer, eine alte Frau, vollkommen hysterisch hinterlässt. Während Jong-goo sich bemüht, nicht die Nerven zu verlieren, häufen sich Gerüchte über einen vampirischen Japaner (Jun Kunimura), der im Wald lebe, rot leuchtende Augen habe und arglose Wanderer überfalle. Nach anfänglicher Skepsis scheinen sich die Gerüchte zu bewahrheiten: Im Haus des Japaners finden sich Fotografien von Vermissten und Mordopfern, Spuren rätselhafter okkulter Rituale sowie ein Schuh von Jong-goos Tochter (Hwan Hee-kim), die wenig später Zeichen dämonischer Besessenheit an den Tag legt. Entgegen seiner Überzeugungen engagiert Jong-goo schließlich einen Schamanen (Jung Min-hwang), um seine Tochter zu retten.

Es ist nicht ganz einfach, über GOK-SEONG hinsichtlich seiner möglichen Bedeutung zu schreiben oder ihn spontan zu interpretieren. Ich könnte nicht zusammenfassen, worum es geht, was das zentrale Thema des Films ist. Über weite Strecken beobachtet Na Hong-jin einfach nur, begleitet seine Charaktere durch den Provinzalltag, der immer mehr in Schieflage gerät. Schon der erste Mordfall stellt im Leben Jong-goos und seiner Kollegen eine Zäsur dar: Die abgezockte Professionalität, mit der die Professionals des Großstadt-Copfilms noch die übelsten Leichenfunde taxieren, weicht hier einem bis ins Mark reichenden Entsetzen und einer Erschütterung des bis dahin gefestigten Urvertrauens. Im Folgenden bezieht GOK-SEONG nicht wenig Komik aus der Verängstigung seines Protagonisten und seiner Kollegen, lässt sie sich angesichts unheimlicher Geistererscheinungen kreischend unter dem Schreibtisch verstecken und alles andere als routinierte Souveränität an den Tag legen. Doch dann geht eine Veränderung mit Jong-goo einher: Als sich die Beweise immer mehr zugunsten übersinnlichen Wirkens verdichten, legt er auch die Angst ab und wappnet sich für die bevorstehenden Konfrontation. In der zweiten Hälfte wird GOK-SEONG zu einer Art Selbstjustizfilm, mit dem Unterschied, dass sich der Mob nicht gegen Punks, Vergewaltiger und Gesindel formiert, sondern gegen einen bösen Geist. Scheint es zu Beginn noch so, als könnte es in Na Hong-jins Film um die destruktive Kraft von Vorurteilen, Gerüchten und Aberglauben gehen, wird eine solche Lesart schließlich komplett verworfen. Das Dorf aus GOK-SEONG wird tatsächlich vom Bösen heimgesucht, Jong-goos Tochter tatsächlich von einem Dämons besessen und der Schamane, der mit einer ziemlich geilen Zaubershow anrückt und sich dabei inszeniert wie ein Popstar, ist mitnichten ein gemeiner Bauernfänger, sondern weiß ganz genau, was er tut. Es gibt kein Happy-End, aber auch keinen gemeinen Twist am Ende: GOK-SEONG endet einfach auf einer denkbar nihilistischen Note, die er aber nicht als Pointe behandelt, sondern mit derselben Nüchternheit, die er in den 160 Minuten zuvor an den Tag legte.

Die Welt ist in Na Hong-jins Film so weit aus den Fugen geraten, dass es nur als logische Konsequenz erscheint, dämonisches Treiben als Teil unserer Realität zu akzeptieren. Wie in THE EXORCIST, in dem das Grauen ja auch gerade keine religiöse Familie, sondern eine alleinstehende, linksintellektuelle Künstlerin trifft, entscheidet sich Jong-goo mangels glaubwürdiger Alternativen, seine Vorstellungen von der Welt und den Dingen beiseite zu schieben. Zum Glaubenden wird er dennoch nicht: Er folgt einfach den Indizien. Letztlich führt ihn nicht die Abwendung vom Pfade der Ratio ins Verderben, sondern die Tatsache, dass er die Zweifel nicht ganz zur Seite wischen kann.

Ich würde gern mehr sagen über diesen Film, aber er ist nicht zu greifen für mich. Ich fand ihn hochgradig faszinierend, großartig inszeniert, bisweilen kreuzunheimlich, dann wieder sehr komisch, dabei immer spannend, interessant und unterhaltsam. Ich weiß nicht genau, welche Weltsicht Na Hong-jin vertritt, was er glaubt oder auch nur vermitteln möchte. Vielleicht weiß er das selbst nicht so genau. Seine Filme zeigen aber einen sehr genauen Beobachter und sie scheinen mir geprägt von dem Wunsch, die Dinge vorurteilsfrei und genau zu betrachten, uns bei ihrer Beurteilung und Bewertung von bestehenden Konzeptionen und Überzeugungen freizumachen. GOK-SEONG beinhaltet in jedem Fall eine Aufforderung, ganz genau hinzuschauen, der ich sehr gern nachgekommen bin.

1986 entführten, vergewaltigte und tötete das australische Ehepaar David und Catherine Birnie vier Mädchen bzw. Frauen im Alter von 15 bis 31 Jahren innerhalb von fünf Wochen, bis ihr letztes Opfer entkommen konnte und ihre Peiniger bei der Polizei meldete. In seinem Debütspielfilm nimmt sich Ben Young der Geschichte mit erstaunlicher Sensibilität an, konzentriert sich weniger auf die Pein der jungen Vicki (Ashley Cummings) und den Wahn der Täter, sondern  – eine Parallele zu HONEYMOON – auf das Spannungsverhältnis von Männern und Frauen. HOUNDS OF LOVE ist, wie meine Gattin es perfekt auf den Punkt brachte, ein Film über Mütter, Töchter und Ehefrauen. Und er ist von einer stilistischen Geschliffenheit und Poetik, die in Debütfilmen eher selten ist. Das beginnt schon mit der Eröffnung, die den voyeuristischen Blick des Mörderpärchens auf ein weibliches Netball-Team in eine Extrem-Slow-Mo übersetzt und es setzt sich im weitere Verlauf des Films, der Verlangen und Begierde in Bilder gießt, die gleichermaßen wunderschön sind wie sie immer auch die Unerreichbarkeit des Objekts dieser Begierde zeigen. Die Menschen in HOUNDS OF LOVE rennen Idealen hinterher, die im Leben fast zwangsläufig enttäuscht werden müssen. Die Frage ist, wie lange man an seinen Idealen festhalten will, bis man sie als Täuschung erkennt und sie verwirft.

Aber zurück zu den Frauen, um die es hier geht: Vicki ist eine junge Teenagerin, die es ihrer Mutter Maggie (Susie Porter) nicht verzeihen kann, dass die sich von ihrem Vater Trevor (Damian de Montemas) getrennt und den mit der Ehe gegebenen Wohlstand zugunsten einer Freiheit aufgegeben hat, die Vicki nur als Armut empfindet. Für sie ist die Mutter eine Verliererin, die ihr eigenes fehlgeleitetes Ego über ihre Interessen gestellt hat und sie lässt ihre Mutter dies immer wieder spüren. Ihre Passiosngeschichte beginnt, als sich Vicki nach einem Streit trotz Verbotes aus dem Haus stiehlt, um auf eine Party zu gehen. Sie kommt dort nie an, wird auf ihrem Weg von Evelyn (Emma Booth) und John White (Stephen Curry) aufgegriffen. Sie versprechen ihr Drogen und eine Mitfahrgelegenheit, laden sie schließlich in hr Haus ein, betäuben sie und ketten sie an ein Bett. Hier wird sie festgehalten, gequält und von John vergewaltigt, als Evelyn nicht im Haus ist. Sie soll einen Brief an die Mutter schreiben, um ihr mitzuteilen, dass sie in Sicherheit sei. Am Montag so heißt es, wollen John und Evelyn sie umbringen. Aber Vicki sieht eine Chance, zu entkommen.

Der perverse John übt nämlich eine perfide Kontrolle über Evelyn aus, benutzt sie für seine Zwecke, demütigt und misshandelt sie, wenn sie nicht gehorcht oder sich widersetzt, und macht sie dann wieder mit kleinen Zugeständnissen gefügig. Er hat sie zu seiner Komplizin gemacht, versteht es, sie mit in ihr Ohr geflüsterten Liebesgeständnissen und Schuldbekenntnissen bei Laune zu halten, nur um dann wieder auszuholen, wenn sie nicht so funktioniert, wie er es sich wünscht. Sie geht durch ein heißkaltes Wechselbad der Gefühle mit ihm und führt eine Beziehung, die an Selbstaufgabe grenzt, ohne zu bemerken, dass sie betrogen wird, weil ihr jede Selbstachtung und jedes Selbstwertgefühl fehlt. Vicki bemerkt schließlich, dass der Weg in die Freiheit über Evelyn führt: Wenn es ihr gelingt, der Frau klar zu machen, dass John sie nicht liebt, sie nur ausnutzt, könnte die Flucht gelingen. Doch Evelyn hält vorerst mit aller Kraft an ihrer Beziehung fest.

HOUNDS OF LOVE ist einer dieser Filme, die ihre Klasse fast ausschließlich durch ihre Perspektive beziehen: Young hat keinen Terrorfilm über die Qualen eines Opfers zweier Killer gedreht, sondern einen Film über enttäuschte Frauen, gebrochene Herzen und Seelen und über zerplatzte Träume. Sein Film ist nicht hart und fordernd, sondern meistens sanft und behutsam, was die unangenehmen Momente umso härter treffen lässt, selbst wenn er nie dem Reiz erliegt, mit der Kamera einfach nur draufzuhalten. Dazu passt die Besetzung des Mörderpärchens: Stephen Curry ist eigentlich für komische Rollen bekannt und schwankt zwischen psychopathischer Intensität in seinen eigenen vier Wänden und feiger Waschlappigkeit draußen. Emma Booth ist großartig als getriebene, verunsicherte, verzweifelt am Einzigen, was sie hat, festhaltende Evelyn: Es ist vor allem ihre Verzweiflung, die sie so unberechenbar macht, eine Verzweiflung, die sich am Ende in Vickis Mutter spiegelt, die sich von den Aussagen der Polizei, ihre Tochter werde schon wieder auftauchen, beruhigen lassen will. HOUNDS OF LOVE ist ein leiser, traumhaft inszenierter Film, mit den besten Musikeinsätzen der letzten Zeit: Er holt das maximale Drohpotenzial aus „Nights in white satin“ von The Moody Blues, gönnt Evelyn einen Glücksmoment zu Cat Stevens‘ „Lady D’Arbanville“ und schließt mit Joy Divisions „Atmosphere“ in einem Zustand der Schwerelosigkeit.

Ich weiß nicht genau, was australische Genrefilme an sich haben. Man bezeichnet KILLING GROUND heute wohl am ehesten als „Terrorfilm“, aber er ist im Ansatz eher bescheiden, begnügt sich mit einem zwar gemeinen, aber doch recht überschaubaren Bedrohungsszenario und kommt auf seine knappen 90 Minuten, weil er seine einfache Geschichte in drei Erzählstränge aufsplittet. Der Blurb auf dem nebenstehenden Poster behauptet zwar verstörende Nachhaltigkeit, aber das kann ich nicht wirklich bestätigen. Wohl aber, dass KILLING GROUND, solange er läuft, ziemlich effektiv ist – und eben jenes Quäntchen „authentischer“ und irgendwie trockener, gemeiner rüberkommt als Vergleichbares aus den USA.

Ich könnte mir vorstellen, dass KILLING GROUND mit einer Bildidee seinen Anfang nahm: ein kleiner, idyllischer, von der Außenwelt abgeschnittener Campingplatz, darauf ein leerstehendes Zelt, das den Eindruck erweckt, seine Besitzer seien vor wenigen MInuten noch dort gewesen und gleich wieder da: Auf einer Leine hängen Badesachen zum Trocknen, zwei Stühle sehen vor dem Zelt. Es ist das Bild das sich den beiden Protagonisten, dem Pärchen Ian (Ian Meadows) und Samantha (Harriet Dyer), eröffnet, als sie den hübschen Sandstrand an einem einsamen Waldsee irgendwo in der australischen Wildnis betreten. Zuerst sind die beiden ganz froh darüber, allein zu sein, doch als die „Nachbarn“ auch in der Nacht und am folgenden Morgen nicht wieder aufgetaucht sind, ist klar, dass hier etwas nicht stimmt. Der Verdacht erhärtet sich als ihnen wenig später ein verstörtes und verletztes Kleinkind in die Arme läuft.

KILLING GROUND konfrontiert eine einfache Familie wie aus dem Nichts mit zwei skrupellosen, perversen Sadisten und Lustmördern und lässt die Täter einige Stunden später an den Ort ihres Verbrechens zurückkehren, wo sich mittlerweile unliebsame Zeugen eingefunden haben. Es kommt zur unvermeidlichen Konfrontation, deren Ausgang im Wesentlichen davon abhängt, wie widerstandsfähig die Opfer sind, wie viel Lebenswillen sie in den Kampf gegen die bewaffneten und zu allem entschlossenen Killer werfen. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg, den Regisseur Damien Power im Hin und Her zwischen Gegenwart und Rückblenden sowie den drei beteiligten Parteien beschreitet. Der Blick in die Vergangenheit zeigt die Opferfamilie im trauten Beisammensein, beschreibt die Ereignisse bis hin zu ihrer brutalen Ermordung, die der schockierende Höhepunkt des Films ist, während der Zuschauer in der Gegenwart Ian und Samantha, aber auch die beiden Mörder „German“ (Aaron Pedersen) und „Chook“ (Aaron Glenane) kennen lernt, die in der Folge ihres Verbrechens hitzig miteinander diskutieren, bis sie schließlich an den Tatort zurückkehren. Die Strategie dahinter ist klar: KILLING GROUND möchte zum einen Hochspannung dadurch erzeugen, dass die doppelte Katastrophe möglichst lang herausgezögert wird und der Einbruch des irrationalen Grauens in die Normalität möglichst hart trifft. Bei mir hat das funktioniert, weil diese Filme bei mir fast immer funktionieren und ihre australische Variante, wie oben einleitend schon angedeutet, stets noch mit einem Bonus versehen ist, aber weniger wohlmeinende Zuschauer haben gewiss nicht Unrecht, wenn sie sich darüber beklagten, dass Powers seine kleine, einfache Geschichte mithilfe von selbstzweckhaften Taschenspielertricks auf Länge bringt. KILLING GROUND würde locker auch als Kurzfilm funktionieren, möglicherweise sogar noch besser. Übel aufgestoßen sind mir persönlich die Szenen, in denen mit dem Shock Value von Kindesermordungen gespielt wird: Gleich zwei Mal muss der Toddler vermeintlich dran glauben, nur um sich dann doch noch als quicklebendig zu entpuppen, was ich als ätzende Taktik empfinde: Entweder, man zeichnet seine Schurken als echte Schweine, die auch vor einem Kinderleben nicht halt machen (warum sollte sie auch?) und zieht die Konsequenzen daraus oder man entscheidet sich dagegen. Alles andere ist einfach nur spekulativ und letztlich feige.

Letztlich hat mir KILLING GROUND aber gut gefallen: Wer realistische, ruppige, spannende „Terrorfilme“ mag und ein Faible für Ozploitation hat, wird ihm sicher etwas abgewinnen und die bestehenden Mängel verschmerzen können. Ein guter Film mit Luft nach oben, den man aber nicht unbedingt zweimal sehen muss.

Bei Erscheinen von M. Night Shyamalans Superhelden-Dekonstruktion UNBREAKABLE stand der im Schatten des sensationellen Erfolgs von THE SIXTH SENSE – obwohl er der mit einigem Abstand bessere Film war. Die Wikipedia-Seite berichtet, dass UNBREAKABLE nur der erste Akt einer von Shyamalan erdachten Geschichte sei, doch der Regisseur dementierte nach den eher enttäuschenden Einspielergebnissen alle Gerüchte über mögliche Fortsetzungen, ohne sie jedoch ganz zerschlagen zu können. SPLIT, der zweite Teil dessen, was heute als „UNBREAKABLE-Series“ bezeichnet wird, Shyamalans Antwort auf das MCU, hätte gut und gern ein alleinstehender Film sein können, wenn da nicht mit der letzten Szene und dem Auftritt von UNBREAKABLE-Protagonist David Dunn (Bruce Willis) eine Verbindung geknüpft worden wäre. GLASS, benannt nach dem UNBREAKABLE-Superschurken „Mr. Glass“, Elija Price (Samuel L.Jackson), schließt nun vorerst den Kreis, deutet aber weitere mögliche Sequels an. Die Idee hinter der Geschichte, die so etwas wie eine intellektuelle Reflexion über die Superhelden-Idee darstellt, ist durchaus interessant, vor allem vor dem Hintergrund der in den letzten zehn Jahren vollzogenen Entwicklung des US-Eventkinos, das heute mit wenigen Ausnahmen fest in den Händen des Superheldenfilms liegt. Als UNBREAKABLE anlief, steckte das comicbasierte Superheldenkino hingegen noch in den Kinderschuhen: Erst vier Monate zuvor war X-MEN angelaufen, den man rückblickend als Initialzündung betrachten kann. Aber GLASS wird leider vom Gewicht seiner eigenen Ambitionen und Shyamalans bisweilen mangelhafter Selbstkontrolle heruntergezogen.

In GLASS werden die drei „Superhelden“ David Dunn, der als unverwundbarer und seherisch begabter Vigilant auf der Suche nach Verbrechern durch die Straßen Philadelphias zieht, der Serienmörder Kevin Wendell Crumb (James McAvoy), der einem ganzen Dutzend verschiedener Persönlichkeiten eine Heimat in seinem Kopf bietet, und der superintelligente, an einen Rollstuhl gefesselte Elija Price gefangen genommen und in eine Heilanstalt gesperrt. Die Psychologin Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) ist der Überzeugung, dass die drei unter einer bislang noch nicht erforschten Wahnvorstellung leiden und ihr Ziel ist es, sie davon zu überzeugen, „normale“ Menschen zu sein, die sich ihre besonderen Fähigkeiten nur einbilden bzw. rational erklärbare Vorgänge zu mystifizieren. Aber Superhirn Mr. Glass hat eigene Pläne: Er befreit sich Crumb aus seiner Gefangenschaft.

Shyamalan wirft mit GLASS mehrere spannende Fragen auf: Gibt es Superhelden wirklich? Wenn ja, worin bestehen ihre Superheldenfähigkeiten? Was unterscheidet den Helden vom Schurken? Hat nicht jeder das Potenzial, eine Superfähigkeit auszubilden? Und wenn ja: Was geschieht mit einer Welt, in der jeder Schurke oder Held sein kann? Es mangelt GLASS also ganz gewiss nicht an inhaltlichem Potenzial, wohl aber an einem Drehbuch, das diese Fragen in eine interessante Geschichte überführt, anstatt sie einfach nur in ermüdender Dialogform abzuarbeiten. GLASS ist, das muss ich leider so sagen, todsterbenslangweilig, mit einer Spielzeit von zwei Stunden viel zu lang und außerdem mit einer unangenehmen Gravitas belastet, die jede Euphorie im Keim erstickt. Die andächtige Bedeutungsschwere fällt umso unangenehmer auf, als man als Betrachter über weite Strecken des Films keine Ahnung hat, worauf Shyamalan eigentlich hinauswill: Das ist nicht zwangsläufig ein Makel, wenn der Weg zum Ziel wenigstens Spaß macht, aber leider passiert in GLASS lange Zeit einfach gar nichts. Und das zerrt zunehmend an den Nerven: James McAvoys schauspielerischer Parforceritt nervt mit jeder weiteren Szene ein bisschen mehr, bis man für jeden Augenblick ohne ihn dankbar ist. Sarah Paulson ist entsetzlich dröge als Psychologin, deren Geheimnis Shyamalan viel zu lang für sich behält. Wenn dann in der letzten halben Stunde eine Enthüllung auf die nächste folgt, ist es schon zu spät, zumal die Twists, die Shyamalan sich hier ausgedacht hat, den großen Punch seiner besten Filme vermissen lassen.

Es ist nicht alles schlecht an GLASS, aber von den guten Dingen gibt es eindeutig zu wenig: Samuel L. Jackson ist toll, wird nach Jahren, ach was, Jahrzehnten, in denen er verlässlich auf den Schwarzen reduziert wurde, der „motherfucker“ sagt, endlich einmal wieder schauspielerisch gefordert und beweist, was er leisten könnte, bekäme er die Gelegenheit dazu. Bruce Willis hat als Dunn fast nichts zu tun, aber die souveräne Entspanntheit, die er mitbringt, beatmet den schwermütigen, klumpfüßigen Film um ihn herum mit frischer Luft. Das „Biest“, McAvoys Killer-Identität ist mit aufgepumpten Muskeln, pulsierenden Venen und grollender Stimme ebenfalls eine Schau. Und ja, am Ende, wenn man dann endlich versteht, was das alles eigentlich sollte, stellt sich dann auch Spurenelementen dieses excitements ein, das man aus Shyamalans besseren Filmen kennt. Aber letztlich ist GLASS viel zu laboriert, zu sehr mit Ambitionen belastet, zu überzeugt von seiner eigenen Bedeutung und viel zu umständlich und selbstverliebt, als das dies den bestehenden Eindruck noch entscheidend ändern könnte. Ich war immer der Meinung, dass Kritiker wie Zuschauer die Bedeutung des Plottwists, der Schlussüberraschung in Shyamalans Werk überbewerten. GLASS wirkt hingegen so, als sei sein Macher selbst auf den Hype reingefallen.

 

 

„The Origin Story of THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE“: Wie einem LEATHERFACE am Ende gefällt, hängt ganz entschieden davon ab, wie dringend man wissen wollte, warum Leatherface zu dem wurde, der er in Tobe Hoopers Klassiker ist – und wie sehr man auch eine unbefriedigende Erklärung zu akzeptieren bereit ist. Ich will nicht ausschließen, dass da eine erzählenswerte Geschichte lauert, aber Bustillo und Maury erzählen sie genauso wenig wie Jonathan Liebesman im mittlerweile auch schon wieder 12 Jahre alten TEXAS CHAINSAW MASSACRE: THE BEGINNING. Die Ursache, die der damals für Kettensägenfetisch und Maskenwahn lieferte – schlimmer Hautausschlag und Hänseleien der Klassenkameraden – war zwar ungleich bescheuerter als das, was LEATHERFACE auftischt, aber wirklich zufriedenstellend ist auch der neueste Anlauf, dem Franchise Leben einzuhauchen, nicht geworden. Die Kritik sah das ganz ähnlich: Um Bustillo und Maury, ohne Zweifel Filmemacher, denen Großes zuzutrauen ist, tut es mir Leid. Dass sie etwas können, haben Sie ja bereits bewiesen, aber das Drehbuch, mit dem sie arbeiten müssen, gibt leider nicht viel her.

LEATHERFACE beginnt in den Dreißigerjahren mit einem Blick auf die vielköpfige Familie Sawyer, Schweinefarmern, die – angeführt von der strengen Mama Verna (Lily Taylor) – jeden umbringen, der ihnen in die Quere kommt oder über den Weg läuft, und dann an die Schweine verfüttern. Sheriff Hartman (Stephen Dorff) hat sie schon länger im Visier und schreitet zur Tat, als seine Tochter tot auf dem Anwesen der Sawyers gefunden wird: Er nimmt Verna alle Kinder weg und lässt sie im Sanatorium einknasten, definitiv kein Ort, an dem man sich gern aufhalten möchte. Hier kommt es zur Revolte, bei der dem Bonnie-&-Clyde-mäßigen Sadistenpärchen Ike (James Bloor) und Clarice (Jessica Madsen) die Flucht gelingt. Als Geiseln nehmen sie die Krankenschwester Lizzy (Vanessa Grasse) sowie die Insassen Jackson (Sam Strike) und Bud (Sam Coleman) mit. Einer der beiden letzteren ist Jed Sawyer, der angehende Kettensägenmörder.

Eines vorweg: Wem es bei einem TCM-Sequel vorwiegend um Gore und Splatter geht, der wird von Bustillo und Maury gut bedient. In den Gewaltszenen wird ein beachtliches Maß an Detailfreude und Chuzpe an den Tag gelegt, spätestens wenn Sheriff Hartman die Kettensäge zu spüren bekommt, bleibt kein Gorebauern-Auge trocken. Visuell ordnet sich LEATHERFACE zwar den derzeitigen Trends unter, aber er sieht das entscheidende Quäntchen besser aus als das, was man von den üblichen Vollstreckungsgehilfen geliefert bekommt, die von den Produzenten so gern auf dem Regiestuhl platziert werden. Beim Rest hapert es leider entschieden, auch wenn LEATHERFACE ganz gut reinläuft. Es wird nicht viel Zeit verplempert und ein erstaunliches Tempo vorgelegt: Wenn der Film zu Ende ist, blickt man etwas verwundert auf die Uhr. Das war’s schon? Was aber auch – und jetzt kommen wir zur Kritik – daran liegt, dass das, was da erzählt wird, den Erwartungen, die man an die Origin-Story einer Ikone wie Leatherface stellt, nicht im Geringsten gerecht wird. Und wenn man einen Film wie LEATHERFACE mit einem Schulterzucken quittiert, ist definitiv etwas schief gegangen.

Das Hauptproblem des Films – und der größte Fehler des Drehbuchs – ist es, die Frage nach der „wahren“ Identität des Killers in den Mittelpunkt zu rücken. Man könnte sagen, LEATHERFACE ist kein Whodunit, sondern ein Whowilldoit und er stellt sich somit vor die große – vielleicht zu große – Aufgabe, einerseits eine rückblickend glaubwürdige Genese für die Titelfigur zu liefern, andererseits aber auch nicht zu deutlich zu werden und alles vorzeitig zu verraten. LEATHERFACE löst das, indem er konsequent eine falsche Fährte legt, den Verdacht auf eine Figur lenkt, die es dann doch nicht ist, und die Ledermaske am Ende einem Charakter zuspielt, den man bis dahin nicht unbedingt auf dem Schirm hatte. Den mit dieser Strategie einhergehenden Zwang, eine Überraschung aus dem Hut zaubern zu müssen, raubt der Geschichte leider aber auch ein Stück Glaubwürdig- bzw. Nachvollziehbarkeit: Die vom Drehbuch als Leatherface auserkorene Figur muss einen Riesensprung vollziehen, um sich für die Titelrolle zu qualifizieren, der durch die Vorgänge nur unzureichend motiviert ist. Letztlich unterminiert LEATHERFACE so seinen eigenen Anspruch: Er will auf der einen Seite zeigen, wie das menschliche Monster Leatherface entstand, was sich für ein Mensch hinter Maske und Kettensäge verbirgt, liefert dann aber noch nicht einmal in sich eine schlüssige Erklärung dafür. Im Grunde genommen verwundert mich dieses Scheitern nicht: Ich halte es für unmöglich, einen Menschen in dieser Form auf vergangene Erlebnisse herunterzubrechen, ihn quasi als Summe seiner Erfahrungen zu begreifen (genau darum ging es meines Erachtens in Rob Zombies HALLOWEEN) und in gewisser Hinsicht untermauert das Versagen von LEATHERFACE meine These. Er liefert eben keine letzten Antworten, sondern nur wieder neuen Prequelstoff: So müsste man etwa als nächstes die Frage stellen, warum Verna Sawyer ihre Kinder eigentlich zu solch grausamen Sadisten erzog. Zwar ist es dem Geschichtenerzähler natürlich inhärent, dass sich unendliche Anknüpfungspunkte bilden, nur hätte man es dann ja eigentlich auch beim Urfilm belassen können. Seien wir ehrlich: LEATHERFACE ist ausschließlich für Leute interessant, die Hoopers THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE lieben, doch genau diese Menschen, durch deren Albträume Leatherface seit der Erstsichtung des Filmes tobt wie durch das Gestrüpp des texanischen Buschs, werden am Ende maßlos enttäuscht von ihm sein. LEATHERFACE ist wie so viele Fortsetzungen, Remakes und Prequel vor ihm für sich genommen kein schlechter Film: Aber er steht nun einmal nicht für sich. Und gemessen an seinem Erbe ist das hier nicht mehr als ein Parasit, der sich vom nährstoffreichen Blut des Originals ernährt, ohne ihm etwas zurückzugeben.

Der dritte Film der HALLOWEEN-Reihe, der den Namen HALLOWEEN trägt, ist also kein Remake des Originals, wie man vielleicht hätte annehmen können, sondern ein alternativer zweiter Teil. Erdacht haben ihn mit David Gordon Green und Danny McBride nicht unbedingt zwei ausgesuchte Genregrößen, sondern Leute, die ich bislang vor allem mit beißend komischen Stoffen wie EASTBOUND & DOWN assoziiert habe. Die Außenseiterperspektive hat sich im vorliegenden Fall ausgezahlt, denn anstatt sich in die bestehende Sequeltradition einzureihen, also wieder mal einen Grund für Michael Myers‘ Auferstehung zu finden und ihn dann zum xten Mal nach Haddonfield zu schicken, erschaffen sie eine Art „Was wäre wenn“-Szenario: Was wäre, wenn Michael Myers nach jener schicksalhaften Nacht vor 40 Jahren inhaftiert worden wäre und seitdem in einer Strafanstalt einsäße? Wie hätte Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) die Ereignisse von einst weggesteckt? Was wäre aus ihr geworden?

HALLOWEEN eröffnet mit zwei True-Crime-Reportern, die Michael im Gefängnis besuchen: Ein optimaler Start, der einem direkt zu Auftakt einen veritablen Knoten im Magen hinterlässt. Ihr Plan ist eine Sondersendung über ihn und ihr größter Wunsch wäre es, Laurie mit dem Killer zusammenzubringen. Laurie lebt mittlerweile ein Eremitendasein in einem vollkommen abgeschotteten Blockhaus im Wald, umgeben von Waffen und Sicherheitsanlagen. Das Sorgerecht für ihre Tochter Karen (Judy Greer) hat sie bereits vor Jahrzehnten verloren, weil sie diese etwas zu früh in Selbstverteidigung trainiert und auf eine mögliche Konfrontation mit dem Mörder vorbereitet hatte, als es den Behörden normal erschien. Die durch die Vergangenheit traumatisierte Karen versucht ihrerseits, Distanz zu ihrer Mutter zu schaffen, was durch die Neugier von Enkelin Allyson (And Matichak) zum einen sowie Lauries Hartnäckigkeit , zum anderen erschwert wird. Letztere hat aber einen Grund für ihre Unruhe: Es nähert sich der Halloween-Feiertag und ausgerechnet an diesem Datum steht die Verlegung des Serienkillers in eine andere Anstalt an.

HALLOWEEN entfaltet sich zunächst so, wie man es gewohnt ist: Michael entkommt natürlich und findet seinen Weg nach Haddonfield, wo er sich pünktlich zu den Feierlichkeiten lautlos durch die Suburbs schlitzt. Green greift auf bestehende Standards des Originals zurück: der Überfall auf eine Tankstelle, das Belauern und Beobachten von nichts ahnenden Opfern, der Angriff auf eine Babysitterin, aber durch die spezielle Figurenkonstellation – drei Strode-Frauen aus drei Generationen – verleiht er dem Gemetzel eine tiefere emotionale Dimension, die die anderen Sequels vermissen ließen, und verankert ihn in der Realität anstatt in einem Comic-Universum mit maskierten Unholden. Dem sehr physischen Schrecken gibt er durch die Betonung der psychologischen Folgen, die sich durch die ganze Familie ziehen, eine weitere Ebene und adressiert nebenbei zum ersten Mal explizit, was seinen orgängern nie augefallen war: dass es in HALLOWEEN auch um Gewalt von Männern gegen Frauen geht. Das Finale, der Twist, wenn man so will, führt HALLOWEEN schon fast auf das Terrain des Rape-and-Revenge-Films – mit der Einschränkung, dass es natürlich keine Vergewaltigung im Wortsinn gibt. Trotzdem wirkt der Schluss des Films länger nach als all die Mätzchen der vorangegangenen Teile, weil man den Eindruck hat, hier stünde zum ersten Mal wieder etwas auf dem Spiel.

Ich glaube, es ist auch diese Gesamtkonstruktion, die den ganzen Film deutlich brutaler erscheinen lässt, als meinetwegen die Teile 4, 5 und 6, ohne dass er dabei gleich in wilde Matschereien verfallen müsste. Vom Regisseur war zu hören, HALLOWEEN habe ihn in jungem Alter völlig weggeblasen und die Gelegenheit, einen eigenen Film um Myers zu drehen, sei eine Art Konfrontationstherapie gewesen. Ob man das jetzt glaubt oder für PR-Sprech hält, sei mal dahingestellt, in jedem Fall merkt man Greens Film an, dass er sehr genau verstanden hat, was an Carpenters ursprünglicher Version beunruhigend und unheimlich war. Die Konfrontationen mit dem Monster sind mörderisch effektiv inszeniert, ob es die Sequenz mit dem Busunfall auf nächtlicher Landstraße ist, der verzweifelte und hoffnungslose Überlebenskampf in einer sehr ekligen Tankstellen-Toilette ist (ich muss bei solchen Szenen unweigerlich an MANIAC denken, aber das mag an mir liegen), der One Take mit einer bemitleidenswerten Hausfrau oder das Zusammentreffen Michaels mit einem aufdringlichen Jungen in einem verlassenen Gartengrundstück. HALLOWEEN gelingt die schwierige Gratwanderung zwischen dem spannungsgeladenen, langsamen und unheilvollen Aufbau, das raffinierte Spiel mit Licht, Schatten, Räumen, Vorder- und Hintergrund, das Carpenter zur Meisterschaft trieb, und den Schocks der überfallartigen Attacken ausgezeichnet. Für mich ist HALLOWEEN die beste Fortführung der Reihe, die man sich 40 Jahre nach dem Original wünschen konnte, und ein spätes Highlight des Slasherfilms.

Katt Shea drehte STRIPPED TO KILL 2 back to back mit dem Vampirfilm DANCE OF THE DAMNED in denselben Settings und mit derselben Hauptdarstellerin: ein charakteristischer Coup für den Unternehmergeist von Produzent Roger Corman, der genau wusste, wie man wirtschaftlich produziert und die Rendite maximiert. Der Vorgänger STRIPPED TO KILL dürfte schon über seinen Titel eine sichere Bank gewesen sein, sodass ein Sequel obligatorisch war. Neben Regisseurin Katt Shea war auch wieder ihr Ehemann Andy Ruben als Drehbuchautor an Bord, dem aber leider nicht gelang, dem ersten Teil noch einmal einen draufzusetzen. Das Stripteaselokal-Setting ist hier im Unterschied zu diesem relativ austauschbarer Schauplatz für eine Mordgeschichte, die mit ihrem ausgebrannten Cop und der mysteriösen Femme fatale deutlich vom Film Noir inspiriert ist.

Shady (Maria Ford) ist der Neuzugang im Stripclub Paragon, der sein männliches Publikum mit beinahe avantgardistischen Darbietungen lockt, und leidet unter schlimmen Albträumen, in denen sie von einem maskierten Mörder mit Rasierklinge im Mund geküsst wird. Nicht nur, dass sie stets mit blutiger Lippe aufwacht, die Morde, von denen sie träumt, haben sich in der Zwischenzeit in echt ereignet – an ihren Kolleginnen. Nicht verwunderlich, dass die Ärmste selbst glaubt, die Schuldige zu sein. Der ermittelnde Cop Decker (Eb Lottimer) hingegen ist von ihrer Unschuld überzeugt und verliebt sich in die zerbrechliche Schönheit.

Die Story dürfte bei Vielsehern das ein oder andere Déjà-vu auslösen und entfaltet sich dann auch ohne große Überraschungen so, wie man es vorausgesehen hat. Kein Vergleich zum tollen Vorgänger, der zwar auch nicht das Rad neu erfand, aber doch aus frischer Perspektive auf das gut abgehangene Serienmörderszenario blickte. Auch die Besetzung ist eine Nummer schwächer und läuft jeglichem emanzipatorischen Potenzial entgegen: Maria Fords Shady ist das hilflose Kätzchen, blickt von Anfang an verstört in die Kamera wie ein Rehlein ins Scheinwerferlicht und nervt damit bereits nach kurzer Zeit. Eb Lottimer spielt tapfer dagegen an, kann aber auch nicht wirklich etwas retten. Selbst die Zickereien der Stripperinnen muten flacher an als im ersten Teil. So schleppt sich STRIPPED TO KILL 2 über die Runden bis zu seinem austauschbaren Finale. Reine Zeitverschwendung also?

Nicht ganz, denn dank Kamera-As Phedon Papamichael gerät Sheas Neo-Noir immerhin zum visuellen Augenschmaus: Das beginnt bei den schon erwähnten Tanzszenen im expressiven Bühnenbild und setzt sich in der betont artifiziellen Ausleuchtung in grellen Neonfarben fort. Ich weiß nicht, ob sich Katt Shea von italienischen Giallos inspirieren ließ, aber die Parallelen sind eigentlich zu gravierend, um hier lediglich Zufall zu vermuten. Mehr als einmal musste ich explizit an Michele Soavis AQUARIUS denken, der eine ganz ähnliche Atmosphäre evoziert, sich genauso „künstlich“ anfühlt. Auch in STRIPPED TO KILL 2 gewinnt man den Eindruck, als agierten seine Charaktere auf einer Bühne vor Publikum, ohne es jedoch zu wissen. Ihr ganzes Leben ist ein Stück, in dem sie eine Rolle einnehmen und jeder Schritt, den sie tun – aus vermeintlich eigenen Stücken – ist vorherbestimmt. So federt Shea die Schwächen ihres Drehbuchs wieder ab und kann am Ende einen Film vorweisen, der immerhin eine interessante formale Fingerübung ist.