Mit ‘Serienmörder’ getaggte Beiträge

thefirstpower4Gerade eben erst habe ich festgestellt, dass THE FIRST POWER tatsächlich einen deutschen Kinostart hatte: Trotzdem ist er ein hervorragendes Beispiel für die mit den Videotheken untergegangene Tradition der Verleihhits. Das waren Titel der zweiten Reihe – die damals noch nicht ganz so weit von den Lichtspielhäusern weg war wie heute -, die vom Verleih mit großem Werbeaufwand gepusht wurden und in den Videotheken entsprechend auffällig ausgestellt waren. Filme dieser Gattung waren noch nicht als „DTV“ verschrieen und wurden auch nicht als „minderwertig“ wahrgenommen, im Gegenteil. So mancher dieser Titel avancierte zum Publikumsfavoriten und lief in der Gunst der Leiher sogar den großen Blockbustern den Rang ab. Und THE FIRST POWER – deutsches Cover nebenstehend – war so einer: Lou Diamond Philips galt damals, nach LA BAMBA, RENEGADES und YOUNG GUNS, noch als Star, mit dem Posterdesign orientierte man sich offenkundig an Alan Parkers ANGEL HEART und die exploitative Mischung aus Copfilm und Horror war geradezu prädestiniert für die heimische Couch. Man musste das Teil einfach ausleihen.

So richtig enttäuscht waren damals wahrscheinlich die wenigsten, denn THE FIRST POWER ist der Inbegriff der soliden Videothekenware. Nichts, was einen total vom Hocker reißt oder einem gar schlaflose Nächte und schweißnasse Hände beschert, aber eben ein Film, der gut reinläuft und auf diese angenehme Art überraschungsarm und vorhersehbar ist. Man muss sich nicht wirklich konzentrieren, kann zwischendurch mal aufs Klo oder zum Kühlschrank gehen oder neue Chips aus dem Schrank holen, ohne Gefahr laufen, den Anschluss zu verpassen. Man fühlt sich auf Anhieb zu Hause: Es gibt da zwar diese improvisierten Rumpelecken, für die man seit Jahren schon eine Lösung finden will, aber wirklich stören tun einen auch die nicht mehr, man hat sich damit arrangiert. So muss man in THE FIRST POWER damit leben, dass Held und Heldin irgendwann ein Techtelmechtel beginnen, das niemand braucht und an das offensichtlich noch nicht einmal die Filmemacher glaubten; dass der Plot hanebüchen ist und der Drehbuchautor (Regisseur Resnikoff selbst) sich damit begnügt hat, seine paar Ideen aneinanderzureihen: Ausgearbeitet wird hier wirklich gar nichts und das Ende wirkt regelrecht so, als hätten die Macher irgendwann die Lust verloren. Man denkt sich zu jeder Sekunde, dass man dies und jenes hätte viel, viel besser machen können, freut sich dann aber wieder über die kleinen Einfälle, die hervorstechen, oder die geilen Stunts (ein paar Mal wird da sehr spektakulär gestürzt und einen fetten Autocrash gibt’s auch). Oder auch einfach nur über diesen coolen, weiten Achtzigerjahre-Mantel, mit dem Philips ständig rumläuft.

Ich fand THE FIRST POWER gestern doch eher mau: Die Hoffnung, ein vergessenes Highlight wiederzuentdecken, verflog schnell, zu formelhaft ist Resnikoffs Film. Es bleibt einfach nicht viel hängen und Resnikoff bekam die entsprechende Quittung: Er arbeitete nie wieder in Hollywood. Aber die Erwartungshaltung, mit der ich an den Film herangetreten bin, ist ihm auch nicht angemessen. Der durchschnittliche Viedeothekenkunde, der damals einfach nur auf der Suche nach Stoff für einen unterhaltsamen Abend vor der Glotze war, war mit THE FIRST POWER sicherlich gut bedient. Und irgendwie finde ich den Film in seiner ambitionslos-routinierten Art auch sehr sympathisch. Sowas gibt es heute nicht mehr: Videothekenfilme, die im Kino liefen. Oder hätten laufen können. Oder eben Kinofilme, die besser auf Video aufgehoben waren. Und die im Diskurs als gleichwertig behandelt wurden. „ANGEL HEART? Also ich fand PENTAGRAMM geiler. Mit dem Philips, weißte? Geiles Teil, musst du mal leihen!“

jacks-back-poster-screams-80sIn L.A. geht ein Serienmörder um, der zum 100. Geburtstag die Verbrechen Jack the Rippers exakt nachstellt. Der junge Mediziner John Wesford (James Spader) entdeckt das letzte Opfer und den möglichen Täter; einen Kollegen, der ihn im folgenden Zweikampf umbringt und den Verdacht so auf ihn lenkt. Johns Bruder Richard (James Spader) glaubt nicht an die Schuld seines Bruders und begibt sich mit dessen Kollegin Chris (Cynthia Gibb) selbst auf die Suche – oder ist er der Täter?

Rowdy ROAD HOUSE Herrington hat einen interessanten kleinen Thriller gedreht, der nicht durch vordergründige Gimmicks besticht, sondern sich durch seine brüterische Atmosphäre auszeichnet. JACK’S BACK ist trotz seiner latent marktschreierischen Prämisse ein erstaunlich bodenständiger und zurückhaltender Film geworden: Lediglich die Exposition, führt den Zuschauer mit einigen Twists auf die falsche Fährte, danach bewegt sich der Thriller dann sehr geradlinig. Wer das ganz große Hexenwerk erwartet, ist hier sicherlich eher an der falschen Adresse, aber mir haben die unaufgeregte Art und der Ernst, mit dem das alles umgesetzt ist, sehr zugesagt. James Spader, den ich in den letzten Wochen häufiger gesehen habe und der mir dabei fast immer gut gefallen hat, überzeugt hier als stiller, schwer einordenbarer Einzelgänger, dessen inneren Abgründe und Gefühlsregungen man eher erahnen kann, als dass sie akribisch ausformuliert würden. Die Ungewissheit über die Identität des Killers erwächst dann auch gar nicht so sehr aus irgendwelchen geschickt konstruierten Drehbucheinfälen, sondern vor allem aus dem Spiel des Hauptdarstellers, aus dem man lange nicht so recht schlau wird. Richtig super fand ich die Szene, in der er sich in die Wohnung seines toten Bruders schleicht, zu dem er keine besonders enge Beziehung hatte, sichtbar versucht, einen Eindruck von dieser ihm fremd gewordenen Person zu erlangen und dann deutlich versteinert, als er vor ihrem Bett steht, in dessen Kopfkissen man noch den Abdruck von der vergangenen Nacht sieht.

JACK’S BACK hat eine Qualität, die ich nur schwer benennen kann, eine, die auf keine konkreten äußeren Aspekte zurückzuführen ist. Aus der Verbindung einzelner Bestandteile – der Doppelrolle Spaders als sozusagen „halbtotes“ Bruderpaar, die dazu führt, dass auch der „Tote“ immer noch anwesend ist, der Ruhe der Inszenierung, der Verlagerung der eigentlichen Mordserie in einen dem Film zeitlich vorgelagerten Raum, dem weitestgehenden Verzicht auf Action- oder überhaupt laute Szenen und der Konzentration auf die Nachtstunden – erwächst etwas Metaphysisches, Geisterhaftes. Mehr als von einem Serienmörder, einer Mordserie oder der Suche nach einem Killer handelt JACK’S BACK von der Leere die bleibt, wenn jemand für immer geht, eine Leere, die paradoxerweise gerade dadurch spürbar wird, dass da immer noch ein Rest übrig ist, Erinnerungen, Gedanken oder gar die körperliche Ähnlichkeit. Der Zuschauer wird durch Herringtons Besetzungscoup in die Rolle Richards gedrängt: Er vermisst den toten Bruder, der in der Gestalt Spaders doch in jeder Szene anwesend ist.

white-of-the-eye-movie-poster-1987-1020252325In Tucson, Arizona, und Umgebung geht ein brutaler Frauenmörder um. Durch einen Reifenabdruck an einem der Tatorte kommt das Morddezernat in Vertretung von Det. Charles Mendoza (Art Evans) auf die Spur von Paul White (David Keith), einem hochbgeabten Installateur von Hi-Fi-Anlagen, Ehemann von Joan (Cathy Moriarty) und Vater einer kleinen Tochter. Die Hinweise, dass er der Mörder ist, verdichten sich. Es kommt zur Katastrophe …

Donald Cammells Karriere verlief ähnlich turbulent und überraschend wie die seines Protagonisten. Gemeinsam mit Nicholas Roeg inszenierte er den einflussreichen PERFORMANCE, benötigte dann sieben Jahre für den Sci-Fi-Schocker DEMON SEED und dann noch einmal zehn für WHITE OF THE EYE, die Verfilmung eines wenig beachteten Romans, deren Drehbuch er gemeinsam mit seiner damaligen Gattin schrieb und die zwei Jahre auf Halde lag, bevor sie veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem Freitod im Jahr 1996 veröffentlichte er noch den Film WILD SIDE unter dem Pseudonym Franklin Brauner. Heute ist sich die internationale Cinephilie weitestgehend einig darüber, dass Cammell ein hoch interessanter, vollkommen eigenständiger und visionärer Filmemacher war, der nicht zuletzt an der Mutlosigkeit Hollywoods gescheitert war. „Nicht zuletzt“, weil Cammell wohl an dem litt, was man umgangssprachlich als „Schizophrenie“ bezeichnet: Als er sich am Ende einer unerfüllten Karriere beschloss, zu erschießen, verfehlte er sein Gehirn, verbrachte ca. 45 Minuten in einem Zustand der euphorischen Nahtod-Euphorie, während der er blutend am Boden liegend die Sterbeszene der Hauptfigur aus PERFORMANCE nachspielte – vor seiner ihm beistehenden Gattin wohlgemerkt -, bis ihn dann das Leben verließ. Auch der Protagonist aus WHITE OF THE EYE trägt wohl Eigenschaften ihres Schöpfers: So wissen Weggefährten von Cammells Operngesang zu berichten, ein Hobby, das auch Paul White pflegt.

Aber diese biografischen Elemente sind nur das i-Tüpfelchen auf einem ohnehin schon bizarren Film. Wobei es gar nicht so einfach ist, zu erklären, was es ist, dass WHITE OF THE EYE so rätselhaft macht. Zunächst einmal: Auch wenn man Cammells Film dem Serienmördergenre zurechnen muss, so stehen im Mittelpunkt des Interesses doch weniger die Mordserie, die Ermittlungen oder auch die Psychose des Mörders, sondern die Liebesgeschichte zwischen Paul und Joan, die in grobkörnigen Rückblenden nacherzählt wird. So geht es weniger darum, wie ein Mensch zur Bestie werden, welche Formen seine Krankheit annehmen kann, sondern darum, wie in der Bestie eben auch immer noch ein Mensch schlummert. Diese Dialektik arbeitet Cammell – möglicherweise au eigener Erfahrung – heraus wie kaum ein anderer: Während man anderen Film-Serienmördern den Psychopathen doch immer anmerkt, ahnt, dass ihre Freundlichkeit nur Tarnung ist, so schlagen in Paul Brust tatsächlich zwei Herzen. Er kann im schockierenden Finale vor seiner Gattin aus voller Überzeugung berichten, dass die Frau Ursache allen Übels ist und ausgelöscht gehört, und sie dennoch aus vollem Herzen lieben. Das ist erschreckender als alle skurrilen Perversionen, die den zahlreichen Serienkillern der Kulturgeschichte bislang zugeschrieben wurden. Und es verändert die Erzählhaltung des Films sowie die Position des Zuschauer total.

Passend dazu ist die unverwechselbare Ästhetik von WHITE OF THE EYE, ein Wechselspiel aus geschliffener Artifizialität und urwüchsiger Wildheit Ganz entscheidend für die trotz des gleißenden Wüstenszenarios winterliche, desolate Atmosphäre sind die Musik von Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason und natürlich die Kameraarbeit von Larry McConkey. Vor allem in den beiden Mordszenen trägt er dazu bei, dass WHITE OF THE EYE jenen stilisierten, künstlerischen Anstrich erhält, der stark an den italienischen Giallo erinnert und die brutalen Morde zu grotesken Kunst-Performances überhöht. Eine Rückblendensequenz, die das Geheimnis um die Identität des Mörders endgültig lüftet, erinnert in ihrem archaischen Naturmystizismus hingegen an den australischen Genrefilm. Das Finale, in dem es zu einer Art Western-Showdown kommt, will keine echte Katharsis bringen. Zu tragisch ist das Schicksal der Whites, zu wenig will man den Killer als unberechenbare Bestie erkennen, zu wahr schien die Liebesbeziehung zwischen Joan und Paul. Das muss am Ende sogar der Detective eingestehen. Als Joan ihm gegenüber die verlorene Zeit beklagt, entgegnet er nur: „What’s 10 years, when you’re in love?“

zoom-in-rape-apartmentsTristesse Royal. In einer noch nicht ganz fertig gestellten, irgendwo auf der grünen Wiese weit draußen vor der Stadt hochgezogenen Plattenbau-Neubausiedlung geht ein Serienvergewaltiger um, der seinen Opfern nach vollzogener Tat auch noch ein Feuer zwischen den Beinen legt und sie so umbringt. Die hübsche Saeko (Erina Miyai), die vor einiger Zeit selbst eine Vergewaltigung über sich ergehen lassen musste, vermutet, dass der Täter ihr ehemaliger und neuer Liebhaber Sachi (Yôko Azusa) sein könnte: Er besitzt nämlich ein ungewöhnliches Werkzeug, mit dem auch Saeko einst bedroht worden war.

Ob Sachi nun der Täter ist oder nicht, spielt im Verlauf des Films nur eine untergeordnete Rolle. Mehr als einer Geschichte oder einer konventionellen Auflösung ist er einer speziellen Atmosphäre und Bildwelt verpflichtet, für die der Schauplatz repräsentativ ist. Die Neubausiedlung ist noch in der Fertigstellung begriffen, viel eher aber sieht sie aus, als seien die Betonskelette der Häuser von der Apokalypse verschont worden. Auf den Betonpisten, die sich durchs Ödland ziehen, den von Bauschutt und Schrott übersäten Plätzen versammeln sich die traurigen, gesichtslosen Menschen, die dort leben, wie die Zombies, die in DAWN OF THE DEAD den Parkplatz vor der Shopping Mall bevölkern (ich musste auch mehrfach an Manfred Stelzers freilich ganz anders gelagerten DIE PERLE DER KARIBIK denken, der aber ein sehr ähnliches Setting hat). Die Kremation einer Leiche wird etwa von einem geistig behinderten Mädchen beobachtet, das sich Essbares aus dem Müll in den Mund stopft. Nice.

Kurosawa – nicht verwandt oder veschwägert – lässt seinen Film immer weiter Richtung eines bleichen, der Welt fremd und unverwandt gegenüberstehendem Surrealismus entgleiten, der am Ende die Frage aufwirft, was von dem, was man da eben gesehen hat, überhaupt „real“ war: Heldin Saeko bemerkt am Ende, dass ihr Urin die Beine hinuntertropft. Ein Blick zurück zeigt, dass sie eine Feuerspur hinter sich herzieht. Eine Schwangere, die ihr entgegenkommt, geht ohne Vorwarnung in Flammen auf. Der Serienvergewaltiger und -mörder ist auch nur eine Ausprägung jener totalen Entffremdung, die das Individuum in einer Umwelt erfährt, die dazu gemacht wurde, ihn zu brechen. Ein faszinierender Film mit deutlichen Giallo-Anleihen (schwarze Handschuhe, schwarzer Mantel, fiese Stichwaffe), dessen erheiterndster Moment die Demütigung ist, die der Klavierstimmer Sachi von einer zickigen Kundin erfährt: „You lowly tuner!“ Da bedauert man fast, dass man kein Klavier zu Hause hat.

mpw-59135Jonathan Demmes SILENCE OF THE LAMBS hat den Filmmarkt zu Beginn der Neunziger stark verändert: Plötzlich wimmelte es auf den Leinwänden vor perversen Serienmördern und toughen FBI-Ermittlern und es hielt eine Darstellung von grafischer Gewalt ins erwachsene Mainstream-Kino Einzug, die vorher undenkbar gewesen war. (Ich erinnere mich noch an einen Radiobericht zum Start von SILENCE OF THE LAMBS, in dem Kinogänger monierten, der Film sei unnötig brutal.) Glickenhaus, dessen vorletzter Film dies war, legte für seine Variante sogar noch eine Schippe drauf. In SLAUGHTER OF THE INNOCENTS, der in den USA gleich im Fernsehen ausgestahlt wurde, geht es um einen gestörten Kindermörder, der in seinem texaschainsawmasskeresken Unterschlupf Dutzende verstümmelter Leichen in fantasievollen Posen drapiert hat. Das ist aber nicht das einzige Verstörende hier.

SLAUGHTER OF THE INNOCENT hätte gewiss das Zeug  zu einem wenn auch nicht bahnbrechenden Thriller so doch zu einem angemessen düsteren Gegenpart zu den etlichen gestriegelten High-End-Thriller gehabt: Der Auftakt setzt gleich das richtige Signal, eine Szene, in der der ermittelnde FBI-Agent Stephen Broderick (Scott Glenn) einen Ermittlungsbericht voll grausamer Details mit nüchterner, ungerührter Stimme verliest, ist schon fast als kaltschnäuzig zu bezeichnen, die Hinrichtung eines Unschuldigen lädt auch nicht gerade zu Heiterkeit und Freude ein. Das spektakuläre Finale ist vor allem der Genrekonvention geschuldet, aber trotzdem ein Hingucker: Der Mörder hat in seiner Höhle eine Arche gebaut, die er auf Schienen mitsamt seiner letzten Opfer in eine Schlucht krachen lassen will. Der Showdown ist demzufolge ein bisschen INDIANA JONES in klein. An technischer Finesse oder der dem Sujet angemessenen Düsternis mangelt es dem Film nicht. Leider, leider torpediert er seinen Erfolg aber mit einer hanebüchenen Drehbuchidee und einem katastrophalen Besetzungscoup: Broderick bei den Ermittlungen zur Seite steht nämlich sein ca. 12-jähriger Sohn Jesse (Jesse Cameron-Glickenhaus), wie man an seinem Namen unschwer erkennen kann der Sohn des Regisseurs. Dieser Jesse ist ein etwas blässliches, mit großen Kulleraugen ausgestattetes Englein, das nicht nur superintelligent ist, sondern auch ein ausgewachsener Computerexperte. Er ermittelt auf eigene Faust und hilft seinem Papa immer wieder mit verblüffenden Rechercheerfolgen und Kombinationen. So sehr, dass der Papa den Sohnemann sogar freiwillig einbindet in seine Bemühungen, einen gefährlichen Kindermörder zu fassen! Und am Ende begibtt Jesse sich natürlich allein auf die Jagd und kommt sogar vor seinem Papa im Versteck des Killers an.

Ich habe ernsthafte Zweifel, aber vielleicht hätte es wirklich Mittel und Wege gegeben, diese Idee so in einen Film zu überführen, dass nicht jede Glaubwürdigkeit schreiend die Flucht ergriffen hätte. Es ist schon mehr als dispension of disbelief nötig, anzunehmen, dass ein Profiler seinen minderjährigen Sohn mit Informationen über aktive Serienmörder versorgen würde und dieser ihm dann sogar noch Teile der Arbeit abnehmen könnte, ja, dass ein Kind darauf überhaupt Lust hätte. Aber gut, irgendwoher müssen zukünftige Staatsbeamte ihre Passion ja haben. In SLAUGHTER OF THE INNOCENTS jedenfalls geht alles in die Binsen, sobald Jesse Cameron-Glickenhaus auftritt: Dieses Kind hat weder das nötige Schauspieltalent, um die unglaubwürdige Prämisse zu retten, noch das Charisma, dass man ihm das mangelnde Talent verzeihen würde. Wenn er da mit seinem Computer telefoniert, sogar Erwachsene bedroht, ihm Informationen zu geben, seinen Vater mit cleveren Schlussfolgerungen beeindruckt und generell einfach nur Superbrain ist, ist es als würde man mit einem Eiswasser aus einem wunderschönen Traum gerissen: Eben war man noch in einem misanthropischen Serienmörderfilm, plötzlich steckt man in einer drittklassigen Variation von TKKG. Man merkt jeder Szene mit ihm an, dass selbst der Drehbuchautor beim Verfassen plötzlich von jedem Mut verlassen wurde. Und Scott Glenn macht sichtbar gute Miene zum bösen Spiel. Es ist bizarr.

Tiefenpsychologisch aber natürlich auch wieder sehr interessant: Speziell die Sequenz, in der Jesse durch die Höhle des Killers stolpert, wie besinnungslos Fotos von den ausgestellten Leichen macht, fordert geradezu dazu auf, sie autobiografisch zu interpretieren. Rechnet der Regisseur hier mit seiner eigenen Exploitationvergangenheit ab, bedauert er, vielleicht auch seinen eigenen Sohn berufsbedingt zu viel (filmischer) Gewalt ausgesetzt, ihm Dinge gezeigt zu haben, die nicht für seine Augen bestimmt waren? Dass Glickenhaus danach nur noch den Kinderfilm TIMEMASTER drehte, ebenfalls mit seinem Sohn in der Hauptrolle, lässt diese Spekulationen jedenfalls sehr plausibel erscheinen. SLAUGHTER OF THE INNOCENTS würde ich aufgrund der genannten, kaum auszublendenden Mängel nur Glickenhaus-Enthusiasten oder Freunden von rätselhaft missglückten Filmen empfehlen. Wunderkinder sind eben keine wahre Freude.

shadows2brun2bblack2b001frodgffdgEin Film aus der beliebten Rubrik „Leiche im Keller“: kleine schmuddelige oder schlicht blöde Horrorfilme, in denen spätere Superstars sich ihre frühen Brötchen verdienten. In diesem Film aus dem Jahr 1984, der aber aussieht und sich anfühlt wie einer von 1978, ist es Kevin Costner, der zwei völlig unwichtige Szenen hat und dabei den Eindruck macht, er habe alle seine Dialogzeilen spontan erdacht. Er wird in den Credits separat genannt, wahrscheinlich weil er zu diesem Zeitpunkt der Bekannteste aus der Besetzungsliste war, und startete dann mit seinem nächsten Film FANDANGO richtig durch. Ob er gern über diesen kleinen Schlocker spricht, weiß ich nicht, wage es aber zu bezweifeln.

Es handelt sich bei SHADOWS RUN BLACK um einen Film, der damals vielleicht im Zuge des Slasherbooms den ein oder anderen dazu veranlasste, ein Kinoticket zu lösen. Wer aber auf der Suche nach neuen Inspirationen für eigene Latex- und Kunstblutkreationen war, wurde bitterlich enttäuscht. Mehr als ein neumodischer Metzelfilm mit ausufernden Mordsequenzen und einen miesepetrigen Maskenmann ist SHADOWS RUN BLACK ein unbeholfen erzählter, weitestgehend ohne Schauwerte auskommender kleiner Thriller. Man fühlt sich an Hunderte billig produzierter Schwarten aus den Seventies erinnert, die mit dem Versprechen von viel Sex & Crime in die Autokinos lockten, auf den saftigen Titel und das geile Posterartwork aber nicht mehr viel drauflegen konnten. Aber irgendwie ist Heards Film in seiner schmucklosen Unbeholfenheit auch wieder ganz süß: ein krasser Anachronismus zwischen den neonbunten Effektfeuerwerken, die damals populär wurden.

Die Geschichte um einen Studentinnenmörder, der von der Polizei „the black angel“ tituliert wird, ist ohne Drive und Spannung erzählt, geht aber trotzdem recht schnell vorüber, weil halt immer irgendwas Idiotisches passiert. Da lässt sich ein Mädel von ihrem Schlapphut tragenden Freund erst durch den Wald hetzen (die immer mit ihre rape fantasies) und anschließend in seinem Wagen durchorgeln, bevor er sich bei einsetzender Nacht daran macht, das Auto zu reparieren. Auf einer Geburtstagsparty begeistert danach ein schwarzer Zauberkünstler die handvoll anwesender Gestalten – der Geräuschkulisse aus dem Off nach könnte man meinen, man befände sich im Madison Square Garden – minutenlang mit völlig banalen Tricks, während sich ein weiteres Opfer davonstiehlt um im Pool ein Nacktbad zu nehmen. Die Portagonistin des Films, die von einem obszönen Anrufer belästigt wird, bekommt von ihrem Freund gesagt, sie solle sich keine Sorgen  machen, das sei bestimmt nur einer dieser obszönen Anrufer. Er ist nicht nur offensichtlich dumm, sondern auch noch Afroamerikaner, weshalb ihr Stiefvater ihn brutal zusammenschlägt. Nicht weiter tragisch, man redet drüber, der Freund wird kurzerhand dazu gebeten, sich um des lieben Frieden willens wegen bei seinem Peiniger zu entschuldigen. Das ist gelebtes Christentum. Apropos Christentum, irgendwann stellt sich ein Pfaffe beim ermittelnden Polizeibeamten vor, um Hinweise in der Mordsache zu geben. Nach ellenlangem belanglosem Dialog gesteht er dann aber, selbst der Killer zu sein. Er wird abgeführt,  ein durchgeknallter Trittbrettfahrer, das war’s, die ganze sinnlose Szene hatte keinen weiteren Sinn. Das trifft dann auch auf die Auflösung zu: Wie immer ist am Ende einfach der der Mörder, der bislang nie in Frage kam und noch lebt. Kevin ist zu diesem Zeitpunkt schon lang wieder raus.

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THE TOWN THAT DREADED SUNDOWN erlebte jüngst ein reichlich unerwartetes Remake: Zwar genießt er einen kleinen Kultstatus und hat seine Spuren in der Genrefilm-Geschichte hinterlassen, aber es ist ein eher kleiner, im positiven Sinne unspektakulärer Film, der nicht unbedingt nach einer Neuverfilmung schreit. Immerhin hat die Adaption den Weg für eine Neuentdeckung gebahnt, die sich nun auch in einer deutschen Blu-ray-Veröffentlichung unter dem wunderbaren alten Verleihtitel DER UMLEGER niederschlägt. Freunde des True-Crime-Kinos müssen eigentlich zuschlagen – der Film widmet sich einer Mordserie aus dem Jahr 1946 – und wer ein Faible für das lokale Exploitationkino der Siebziger hat, wird ebenfalls auf seine Kosten kommen. Für Critic.de habe ich ein paar Zeilen anlässlich der Veröffentlichung geschrieben. Hier geht’s lang.