Mit ‘Serienmörder’ getaggte Beiträge

di shi pan guan (herman yau, hongkong 1993)

Veröffentlicht: Oktober 30, 2017 in Film
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CAT III-Schmier vom Besten, was soll da groß schief gehen? Nichts, und selbst wenn TAXI HUNTER an wahnsinnige Kotzbrocken wie THE UNTOLD STORY und EBOLA SYNDROME nicht herankommt, liefert Yau doch wieder eine ordentliche Packung aus Elementen, die nirgendwo anders als in Hongkong zusammen gingen.

Ah Kin (Anthony Wong) ist ein erfolgreicher aber braver Versicherungsvertreter kurz vor der Beförderung. Seine Ehefrau erwartet in Kürze ein Baby, alles könnte ganz wunderbar sein. Doch dann verliert sie durch das grob fahrlässige Verhalten eines ignoranten Taxifahrers ihr Leben. Kin ist untröstlich – und geht auf einen blutigen Rachefeldzug gegen alle Taxifahrer, die sich auf Hongkongs Straßen benehmen wie die buchstäbliche Axt im Walde.

TAXI HUNTER ist eine grelle Mischung aus TAXI DRIVER und FALLING DOWN, begeistert mit vielen stimmungsvollen Szenen im neonbeleuchteten Nachtleben der Metropole, rührt darüber hinaus noch jede Menge fehlgeleiteter Komik in den Thriller und agitiert, dass die Schwarte kracht. Über Taxifahrer und ihren oft rücksichtslosen Fahrstil zu lästern, ist auch hierzulande durchaus üblich, der Hass, den Yau und Wong auf sie niedergehen lassen, spielt aber in einer ganz anderen Liga. Man kann bei Betrachtung des Films aber tatsächlich den Eindruck bekommen, dass in Hongkong nur asoziale Taugenichtse, Menschenfeinde und arbeitsunwillige Faulpelze in der Personenbeförderung arbeiten: ein Taxifahrer verweigert Kins Frau den Transport, weil er befürchtet, sie ruiniere sein Auto, Beschiss ist an der Tagesordnung, droht Ärger, wird Verstärkung geholt, die äußerst rabiat zu Werke geht. Und Kin tritt nun also an, diesen Arschgeigen zu zeigen, wo der Hammer hängt. Er stürzt sich ins Nachtleben und schaut sich die besonders miesen Schweine unter den Taxifahrern aus, mit denen er dann kurzen Prozess macht – sehr zur Begeisterung der normalen Bürger, die schon lange die Schnauze voll haben.

Konterkariert wird das vom Subplot um Kins bestem Freund, dem Hardboiled-Polizisten Kai-chung Yu (Rongguang Yu), der mit seinem neuem Partner, dem trotteligen Gao (Ng Man-tat), in den Fall verwickelt wird. Gao agiert als Undercover-Cop und läuft den ganzen Film über in US-Sports-Montur herum, mit der er aussieht wie ein Zurückgebliebener. Seine Tochter, die süße Fernsehreporterin Mak (Athena Chu), mischt auch noch mit, ohne dass das so wirklich eine Rolle spielt. Wie das im Hongkong-Kino oft der Fall ist, ist auch TAXI HUNTER so vollgestopft, dass für den eigentlichen Plot kaum noch Raum bleibt. Da geht es dann auch mal um die Vorliebe Gaos für die Chilisauce seiner Tochter. Diese erzählerische Unfokussiertheit führt dazu, dass sich TAXI DRIVER schon nach ein paar Morden bereits dem Ende zuneigt. Den beiden Cops hilft letzten Endes vor allem die Unbedarftheit des Täters, mehr als eigenes Ermittlungsgeschick. Hinsichtlich Blut und Geschmacklosigkeit muss man gegenüber den beiden weiter oben genannten Tabubrechern einige Abstriche machen: TAXI HUNTER wird mit seinen Gewaltdarstellungen niemanden um den Schlaf bringen und ist mit seinen absurden Übertreibungen viel zu weit draußen, um seine Selbstjustiz-Verherrlichung wirklich ernst zu nehmen. Aber als völlig enthemmte Oper und epileptische FALLING DOWN-Variante ist er natürlich definitiv einen Blick wert.

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Wer der Meinung ist, es gäbe keine Tabus mehr, die man brechen könnte, kann sich ja mal die im Netz verfügbaren Rezensionen durchlesen, die Hisayasu Satōs LOLITA VIB-ZEME eingefahren hat. Der Film wird in großem Einvernehmen als verabscheuungswürdiger Schund verrissen, dass Satō als einer der Säulenheiligen des Pinku gilt, zählt nicht. So ist das mit der Kunst. Irgendwo steht immerhin noch geschrieben, Satōs Film habe für den Vibrator eine ähnliche Bedeutung wie THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE für die Kettensäge, aber auch das stülpt dem Film nur eine Maske über, die ihm nicht wirklich passen mag.

Ja, LOLITA VIB-ZEME ist auch ein Film über einen Serienmörder, er ist in seiner Darstellung von Leid und Perversion nicht gerade zimperlich und inkorporiert wie einst Hoopers Evergreen verstörende Bildcollagen – trotzdem sträubt sich in mir alles, ihn als „Horrorfilm“ zu bezeichnen oder die lose Verwandtschaft zum großen Klassiker überzustrapazieren. Wie auch die beiden Filme, die ich zuletzt von Satō gesehen habe, zeichnet er ein Bild von allumfassender urbaner Einsamkeit, von Entfremdung, Leere und Ziellosigkeit. Nur in den bizarren sadomasochistischen Gewaltfantasien finden seine Protagonisten etwas, das ihnen das „normale“ Leben nicht zu geben vermag.

Kozue (Sayaka Kimura) verteilt kopierte Flyer mit dem Foto ihres vermissten Freundes in Tokio. Ein Privatdetektiv (Takeshi Itô) bietet ihr seine Hilfe an, doch in Wahrheit ist er ein impotenter Killer, der seine Frustrationen an Frauen auslässt, indem er sie mit einem Vibrator vergewaltigt, umbringt und im Moment ihres Todes fotografiert. Zwischen ihm und Kozue entsteht eine Art Liebesbeziehung …

Klassisches Erzählkino sollte man hier nicht erwarten und auch die oben versuchte Inhaltsangabe ist eine eher hilflose Skizze. Leerstellen durchziehen den Film, Worte können nie wirklich erklären, was da vor sich geht. Kozue lebt ganz allein in ihrer Wohnung, ihr Vater scheint immer an der Arbeit zu sein, schläft sogar im Büro. Ihre beste Freundin vergiftet das Schulessen mit Aerosol und muss dafür später mit einem Schild auf dem Rücken herumlaufen. Hat sich Kozues Freund nun umgebracht oder nicht? Und was hat es mit dem Anruf der Mutter auf sich, der den Film (fast) beendet? Möglich, dass das Verstehen lediglich durch fehlendes Sprachverständnis und mangelhafte Untertitel verhindert wird, aber ich glaube nicht daran. Satō erweist sich gleichermaßen als Skeptiker und Träumer und dieses Nebeneinander des vermeintlich Unvereinbaren verleiht dem Film seine albtraumhafte Schönheit: Die Annehmlichkeiten der modernen Welt sind eine Täuschung, der Mensch verkümmert und vereinzelt, doch der Ausbruch ist möglich, sofern er denn mit äußerster Radikalität vollzogen wird. Der Zustand, den seine Protagonisten erreichen, ist kein passives Eremiten- oder quasiaufmüpfiges Rebellendasein (am Ende scheint sich Satō einmal über linksintellektuelle Hipster lustig zu machen, wenn er seinem perversen Liebespärchen Sonnenbrillen aufsetzt und sie Außenseiter-Künstler vor einem dummdreisten Reporter spielen lässt), sondern vielmehr die vollständige spirituelle/transzendentale Loslösung vom irdischen Sein. Ich nehme an, dass Kozue am Ende in den Freitod geht, die einzige Möglichkeit der täglichen Pein zu entgehen. Aber eine Niederlage, ein Eingeständnis der Schwäche ist das nicht. Den Vibrator, der ihr als einziges etwas Glück spendete, braucht sie nun nicht mehr.

Klassische linke Gesellschaftskritik, könnte man meinen, aber Satō macht kein politisches Thesenkino, jedenfalls keines, dass sich wortwörtlich in griffige Botschaften übersetzen ließe. Bei aller sozialen Realität, die seine Filme abbilden, sind sie doch auch in einer Parallelwelt angesiedelt, die nur seine Protagonisten wirklich verstehen. Seine Filme sind vordergründig kalt, aber unter der Oberfläche brodelt die Leidenschaft, die nicht nach oben darf. Die analytische Schärfe, die etwa Cronenbergs Werk auszeichnet, mit dem Satō oft verglichen wird, sehe ich hier nicht. Seine Filme oszillieren zwischen fiebrigem Wahn und mitleidloser Klarheit, ohne sich jemals für eine Wahrnehmung entscheiden zu wollen. Das Verstörende an LOLITA VIB-ZEME sind nicht seine Vergewaltigungen, sondern die Tatsache, dass er sie konsequent aus dem Blickwinkel des Täters filmt und sich das moralische Urteil bis ganz zum Schluss verkneift. Für seinen Protagonisten und sein späteres Opfer ist diese Form der Sexualität anscheinend tatsächlich nur ein Mittel, dem existenziellen Schmerz zu entfliehen. Aber eine Heilung ist sie auch nicht, immerhin.

Eine Erkenntnis, die das Leben verdammt kompliziert macht: Die meisten Menschen, die „Böses“ tun, sind selbst nicht böse. Es mag Menschen geben, die wissen, was sie tun, wenn sie Menschen Schmerzen zufügen, und die das tun, weil gerade die Tatsache, dass sie eine Grenze überschreiten, ihnen Befriedigung bringt. Aber die allermeisten Mörder und Gewalttäter werden entweder durch äußere Umstände zu ihrer Tat gebracht oder aber ihnen fehlt schlicht der moralische Kompass, der ihnen die Orientierung ermöglicht. Ich würde behaupten, dass es kaum jemanden gibt, der sich selbst als „böse“ bezeichnen würde. Die meisten Gewaltverbrecher sind wahrscheinlich der Meinung, in diesem einen schicksalhaften Moment keine Wahl oder zumindest einen Grund gehabt zu haben oder gar im Recht gewesen zu sein. Aber man muss ja gar nicht ins Extrem gehen: Selbst das größte Arschloch, das wir kennen, hat Freunde, die dieses Arschloch für einen guten Typen halten.

In THE EYES OF MY MOTHER wohnen wir der Entwicklung einer Frau vom jungen, beeinflussbaren, braven Mädchen zur brutalen, rücksichtslosen Mörderin und Gewalttäterin bei. Was sie tut, ist unentschuldbar und grausam. Aber sie tut es nicht, weil sie Freude daran hat, andere zu quälen, sondern weil sie nicht allein sein will. Und weil sie nie gelernt hat, wie man Kontakt zu Menschen knüpft und Beziehungen pflegt. Alles, was sie weiß, ist wie man Augäpfel entfernt.

Francisca ist noch ein kleines Mädchen, als eines Tages, der Vater ist nicht zu Hause, ein Mann in ihr Haus kommt. Es ist ein Frauenmörder, jemand, der sich Zutritt in Häuser verschafft und die dort lebenden Frauen umbringt. Einfach so, zum Spaß. Franciscas Mutter, eine ehemalige Chirurgin, die dem Mädchen unter anderem beigebracht hat, wie man Kuhaugen seziert, fällt ihm zum Opfer, während Francisca nebenan in der Küche sitzt. Der Killer wird wenig später vom heimkehrenden Vater überwältigt, in der angrenzenden Scheune angekettet und dann seiner Augen entledigt. Er wird Jahre dort im Dunklen verbringen und sogar den Vater Franciscas überdauern, der irgendwann als Greis verstirbt. Völlig allein, hat Francisca niemanden außer dem Gefangenen nebenan. Und der Wunsch nach einem Lebensgefährten oder gar einem eigenen Kind, für das nun sie die Rolle der liebenden Mutter übernehmen kann, die sie so sehr vermisst, wird immer größer.

Nicolas Pesces Debütfilm ist ein dunkles Poem in kargem Schwarzweiß, statt Worten und Erklärungen regieren Stille und die allumfassende Traurigkeit des portugiesischen Fado, der die monochromen Stillleben untermalt. Es wird nichts beschrieben und auch nichts erklärt, was geschieht, muss der Zuschauer sich aus den Bildern zusammensetzen – oder akzeptieren, dass manche Dinge einfach passieren, nicht unbedingt einer Logik oder Kausalität folgen. THE EYES OF MY MOTHER hat keine Aussage oder Botschaft im klassischen Sinne. Es ist kein Film, der „gegen“ irgendetwas ist. Vielmehr zeigt er, wie stark die Bindung eines Kindes zu seinen Eltern ist, welchen Einfluss Eltern auf ihre Kinder nehmen können und wie dieser Einfluss noch wirkt, wenn sie längst nicht mehr da sind. Das eigentlich Unheimliche ist dann auch nicht so sehr, was Francisca mit ihren bemitleidenswerten Opfern anstellt, sondern das, was vorher passierte – oder eher nicht passierte. Denn die Szenen zwischen Francisca und ihren Eltern zeigen eine distanzierte, strenge Beziehung ohne Zärtlichkeit und Liebe. Franciscas Fluch ist es, diese Liebe niemals zu bekommen, auch dann nicht, wenn sie Gewalt anwendet.

THE EYES OF MY MOTHER, sein Regisseur und Drebuchautor Pesce, Cinematograph Kuperstein und Hauptdarstellerin Magalhães wurden im vergangenen Jahr bei etlichen Festivals nominiert bzw. ausgezeichnet. Nicht nur als Debütfilm ist er beeindruckend und macht Hoffnung und Lust auf das, was da noch kommen mag. Seine Zurückhaltung, Sicherheit und Ruhe sind für den Sturm und Drang der Jugend (gut, Pesce ist 27) dann doch eher ungewöhnlich und zeigen einen Regisseur, der schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt seiner Karriere genau zu wissen scheint, was er will. Über eine perfekt austarierte Spielzeit von knapp 75 Minuten entwickelt Pesce eine morbide Atmosphäre und einen Charakter, der ebenso enigmatisch wie verführerisch ist, der erschreckt und gleichzeitig Mitleid evoziert. THE EYES OF MY MOTHER ist wunderschön und tiefschwarz, ein Film voller Liebe, die sich in der Sanftheit zeigt, mit der sich der Regisseur seiner Protagonistin nähert, ihr Raum lässt, sie nie bedrängt – aber auch erfüllt von der ernüchternden Einsicht, dass aus der tiefsten Liebe das absolute Grauen erwachsen kann.

COP ist einer von wahrscheinlich Dutzenden von US-amerikanischen Cop-Thrillern mittlerer Größenordnung, die in den Achtzigerjahren den Weg in die Kinos fanden. Nicht alle sind sie herausragend, aber mich kriegen sie trotzdem fast immer. Das gilt auch für COP, der für sich in Anspruch nehmen kann die erste Verfilmung eines Romans von James Ellroy zu sein (die Vorlage lieferte „Blood on the Moon“, das erste von drei Büchern über den Cop Lloyd Hopkins). Mittlerweile ist Ellroy Hardboiled-Royalty und wahrscheinlich einer der einflussreichsten Autoren populärer Literatur überhaupt. Wenn man COP sieht, merkt man das allerdings nicht unbedingt: Der Film ist unverkennbar Kind seiner Zeit und weitestgehend frei von stilistischer Individualität, eben ein Film, wie er damals mehrfach im Jahr ausgespuckt wurde. Wenn man mit Ellroys Werk ein bisschen vertraut ist, dann erkennt man in COP seine Stimme als Autor vor allem in der Verzweiflung wieder, die sein Protagonist angesichts der Gewalt empfindet, die Frauen unter den Händen von Männern erfahren. Aber gleichzeitig gibt es da auch die zahllosen Klischees, auf die der Copfilm zu jener Zeit nicht mehr verzichten wollte.

Die klassische „hardboiled cop fordert seinen Chef auf, ihn mit großer manpower in seinen Ermittlungen zu unterstützen, obwohl die vor allem auf seiner Obsession basieren“-Szene etwa ist hier besonders albern und James Woods kommt als Lloyd Hopkins darin nicht wie der mit allen Wassern gewaschene Vollblut-Profi rüber, sondern wie ein Trottel, der keine Ahnung von Taktik hat. Sein brandheißer lead besteht aus reiner Spekulation und um seinen Ruf ist es auch nicht zum besten bestellt, trotzdem stürmt er da wie eine Irrer ins Büro seines Chefs (Raymond J. Barry) und fordert 15 Männer, die ihm rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Selbst wenn er mehr in der Hand hätte, würde ich ihm als Vorgesetzter für diese Unbeherrschtheit aus Prinzip einen reinwürgen. Es gibt ein paar weitere Nachlässigkeiten: Der Verdächtige hat ein Faible für Poesie und muss auf den Seiten eines Highschooljahrbuchs zu finden sein, aber auf die Idee, den Schüler rauszupicken, der da als „Poet Laureate“ bezeichnet wird, kommt Hopkins nicht. Mein Hauptkritikpunkt besteht aber in der problematischen Art und Weise, mit der COP seine wichtigste weibliche Figur behandelt: Die Morde an sexuell aktiven Frauen führt Hopkins zu Kathleen McCarthy (Lesley Ann Warren), der Besitzerin einer feministischen Buchhandlung, die ein einziges wandelndes Klischee ist: zugeknöpft und Männern gegenüber feindselig, aber letztlich natürlich nur auf der Suche nach einem Prinzen, der sie in seine starken Arme nimmt. Gut, dieses Rollenklischee hat es auch vor COP schon gegeben, aber hier wird die Frau für die Einfallslosigkeit des Drehbuchschreibers geradezu diffamiert. Und das ist einfach doof.

COP leistet sich einige solcher Dummheiten, aber er entschädigt dafür mit – ja, womit genau eigentlich? Ich kann das gar nicht genau benennen. Ich mag einfach diese in den Achtzigerjahren entstandenen Neo-Noirs mit ihren Straßenimpressionen von L.A., den Saxophon-Einsätzen auf dem Score, Akteuren wie eben Woods, Durning und Barry und Plots, bei denen sich einzelne Morde plötzlich als Puzzleteile einer über Jahrzehnte reichenden Geschichte erweisen. Und COP hat noch dazu eine endgeile Schlusseinstellung, die schön viel Power vermittelt und Harris‘ Film fest im Gedächtnis verankert.

Nach der Scheidung seiner Mutter Sally (Catherine Hicks) von seinem Vater Paul (Edward Herrmann) geht der kleine Billy (Peter Billingsley) mit ihr zusammen auf eine Urlaubsreise durchs Death Valley – gemeinsam mit ihrer alten Jugendliebe und neuem Partner Mike (Paul Le Mat). Während Mike versucht, das Vertrauen des Jungen zu gewinnen, kommt der durch Zufall einem Serienmörder auf die Schliche, der die Gegend seit Jahren unsicher macht und sich an Billys Fersen heftet, als er von dem unliebsamen Zeugen erfährt …

John McCarty, Autor des einst wegbereitenden „Splatter Movie Guide“ hat nicht allzu viele gute Worte für DEATH VALLEY übrig: Er lobt die erstklassige Cinematografie von Richards und Kameramann Stephen H. Burum, der mit seiner Arbeit jahrelang Brian De Palmas Filme veredelte, verreißt den Film aber als „glorified tv“, also etwa als aufgemotztes Fernsehfilmchen. Ich finde das ein bisschen unfair. Es ist richtig, DEATH VALLEY bietet nicht viel mehr als überdurchschnittlich solide gemachtes Entertainment, das mit tollen Bildern aufwartet, aber das ist ja immerhin schon etwas, finde ich. Richards holt viel aus seiner Prämisse raus, nutzt die endlose Weite und Leere der Wüste für atmosphärische Bilder, die Robert Harmons Miniklassiker THE HITCHER vorwegnehmen, hat dann viel Spaß mit der kitschigen Kulisse einer für Touristen betriebenen Westernstadt und schafft es zudem die tatsächlich etwas fernsehhafte Figurenkonstellation mit Leben zu erfüllen.

Filme mit Kindern als Hauptfiguren sind oft problematisch und auch Billy ist wirklich ein geradezu herzerwärmend hübscher kleiner moppet, aber der Konflikt zwischen ihm und dem um Anerkennung ringenden Ersatzpapa fühlt sich trotzdem sehr echt an – das habe ich schon viel, viel schlechter gesehen und zwar in deutlich größeren Filme. Auch die Eingangsszene mit Edward Herrmann als Papa, einem Professor, der den Jungen ins Museum mitnimmt, ihn im Schachspiel gegen einen Opa im Park unterweist und anschließend antike Klassiker mit ihm rezitiert, ist sehr schön geraten, weil sie Billys emotionalen Konflikt kontextualisiert ohne gleichzeitig den „neuen“ Papa zu diskreditieren. Es ist eine Szene, die der Film nicht unbedingt gebraucht hätte (als DEATH VALLEY mit Bildern von New York eröffnete, dachte ich zuerst, ich hätte den falschen Film angeworfen), die aber zeigt, dass die Charaktere Richards am Herzen lagen.

Wenn ich DEATH VALLEY etwas vorwerfen würde, dann dass er es versäumt, im letzten Drittel eine Schippe draufzulegen. Zwar ist das Finale durchaus spannend und zupackend, aber auch ein bisschen unspektakulär. Es spielt sich eben ziemlich genauso ab, wie man das erwarten konnte, was nach dem behutsamen und schönen Aufbau ein bisschen enttäuschend ist. Trotzdem: Ich freue mich immer wieder darüber, über solche Filme zu stolpern, die noch nicht an jedem Baum als vergessene Perle abgefeiert werden. Mich mit der Entdeckung zu brüsten ginge trotzdem zu weit, immerhin ist DEATH VALLEY in den USA auf Blu-ray erschienen, was seiner visuellen Pracht sehr angemessen ist. Wilford Brimley hat einen wunderbaren Auftritt als kinderfreundlicher Sheriff und Stephen McHattie, den man wahrscheinlich am ehesten aus PONTYPOOL und WATCHMEN kennt, ist gut besetzt als Wüstenkiller mit einem MAD MAX-artig aufgemotzten Wagen. Wenn man irgendwann diese Welt verlässt, ohne DEATH VALLEY gesehen zu haben, hat man nicht unbedingt etwas zu bedauern, aber wenn man ein Herz für sauber inszenierte Spannungsware hat, die nicht unbedingt zum Kanon gehört, sollte man ihm ruhig eine Chance geben.

KILLER’S MOON zeigt wieder einmal sehr schön, wie die Zeit für manche Themen manchmal einfach reif zu sein scheint: Der Film handelt davon, wie eine Gruppe von Mädchen, die auf der Reise zu einem Chorauftritt aufgrund einer Buspanne gezwungen sind, in einem sich auf die bevorstehende Saisoneröffnung vorbereitenden Landhotel zu übernachten, von vier aus einer Klinik ausgebrochenen Psychopathen heimgesucht werden. Das erinnert nicht nur inhaltlich an den Ende 1978 in den USA gestarteten HALLOWEEN, der Carpenter-Klassiker, der zum Box-Office-Phänomen avancierte, wird in einer Szene ganz explizit zitiert. Zumindest scheint es so, denn der Protoslasher startete in Großbritannien erst nach Birkinshaws Film. Aber KILLER’S MOON ist keine Kopie: Er hat einen ganz eigenen Stil, lässt in seiner Grundkonstellation mit den ängstlichen, hilflosen, am Ende in weißen Nachthemden durch die Nacht stolpernden Mädchen an die poetischen Horrormärchen eines Jean Rollin denken (es passt, dass der Film seine Digitalauswertung durch Redemption erlebte), in seiner Zeichnung der Killer hingegen an Kubricks A CLOCKWORK ORANGE und versieht das ganze mit einem Humor, den man gemeinhin als „typisch britisch“ apostrophiert.

Nicht alles geht auf: Die Zeichnung der Irren ist gewöhnungsbedürftig wie auch die Idee, das gleich vier unter völlig unterschiedlichen Psychosen leidende Mörder gemeinsame Sache machen wie eine gewöhnliche Bande von Einbrechern (hier musste ich an Jack Sholders ALONE IN THE DARK denken). Das Drehbuch begründet ihre Mordtour damit, dass sie durch eine Traumtherapie verlernt haben, Realität und Traum zu unterscheiden: Sie glauben, sie befänden sich in einem Traum. Das ist eine schöne Idee, die eine etwas geschliffenere Umsetzung verdient gehabt hätte. In Birkinshaws Film wird dieser Aspekt aber vor allem auf der Dialogebene abgehandelt, anstatt ihn auf die visuelle Ebene zu hieven. Gut, das Setting des alten, schlossartigen Hotels mitten im englischen Niemandsland und die durch den dunklen Tann schleichenden Mädchen in ihren Nachthemden bieten ein durchaus traumgleiches Motiv, aber die Inszenierung ist sehr trocken und sachdienlich, wie sich auch die Handlungsabwicklung als eher bodenständig erweist: Den Mädchen kommen zwei in der Nähe campierende junge Männer zur Hilfe und KILLER’S MOON springt dann, wenn er einmal in Fahrt gekommen ist, zwischen den im Hotel gefangen gehaltenen Schülerinnen, den Helfern und den delirirenden Killern hin und her, ohne seine eigentlich vielversprechende Prämisse jemals so ganz zur Entfaltung zu bringen.

Mir hat es vor allem die Zeichnung der vier Psychos erschwert, so richtig in den Film eintauchen zu können: Sie bekommen meines Erachtens zu viel Raum, sich zu erklären, als dass sie als mörderische Phantome Angst und Schrecken verbreiten könnten, und die Geisteskranken habe ich den Darstellern auch nicht abgenommen. Hier kommt der oben genannte Vergleich zu Kubricks Gewaltoper zum Tragen: Nicht nur sehen sie Alex DeLarges droogs mit ihren weißen Krankenhausanzügen zum Verwechseln ähnlich (einer trägt sogar eine Melone), sie behandeln die ganze Situation wie diese als großes Spiel. Das ist nicht per se problematisch, aber die Darsteller tragen diesen Einfall einfach nicht. Immer, wenn die vier Mörder ins Zentrum des Geschehen rücken, hat man den Eindruck, einen komplett anderen Film zu sehen. Trotzdem möchte ich eine Lanze für KILLER’S MOON brechen: Allein deshalb, weil der Film anders ist und sich von den zu jener Zeit aus dem Boden schießenden Vertretern des Stalk’n’Slash vor allem US-amerikanischer Prägung deutlich unterscheidet. Und der lausige eine Stern, den Frank Trebbin in einem seiner zahlreichen Anflüge von geistiger Umnachtung verteilt hat, ist völlig indiskutabel.

 

wolf-creek-2-mondo-posterMore of the same: Im australischen Backwood treibt Mick Taylor (John Jarratt) sein Unwesen, ein Redneck und Serienmörder, der es sich zum Ziel gemacht hat, sein Land von Touristen zu befreien. In der Nähe des titelgebenden Kraters greift er diesmal zwei Deutsche auf, das Pärchen aus Katarina (Shannon Ashlyn) und Rutger (Philippe Klaus). Erstere kann ihm entkommen und läuft geradewegs vor das Auto des Briten Paul (Ryan Corr), der nun von dem Killer quer durch die Einöde gejagt wird …

Greg McLean greift die (angeblich) wahre Geschichte eines britischen Australien-Touristen auf, der völlig aufgelöst von der Polizei aufgegriffen wurde, von der Konfrontation mit einem verrückten Touristenkiller erzählte und zurück in der Heimat in einer Nervenheilanstalt landete. Ansonsten unterscheidet sich das Sequel inhaltlich nicht wesentlich vom Vorgänger, mit der Ausnahme, dass es etwas mehr auf, ähem, „Fun“ ausgerichtet ist: Der Naturmystizismus, der in WOLF CREEK noch an eine lange australische Film-Tradition mit solchen Titeln wie WALKABOUT, PICNIC AT HANGING ROCK, THE LAST WAVE oder LONG WEEKEND erinnerte, wird hier außen vor gelassen, stattdessen rückt der sadistische Crocodile-Dundee-Verschnitt Taylor in den Mittelpunkt, der im Stile eines Slashers unerbittlich morden und seine Schandtaten nebenbei schwarzhumorig kommentieren darf. Schon der Auftakt, der ihn bei der Abrechnung mit zwei großkotzigen Streifenpolizisten zeigt (inkl. MAD MAX-Zitat), deutet die Neuausrichtung an: Aus der Identität des Mörders wird kein Geheimnis mehr gemacht und mit den beiden Arschgeigen, die ihm zum Opfer fallen, hat man nur mäßiges Mitleid – ist ja schießlich nur ein Film. Das ändert sich zwar ein wenig, wenn Taylor wenig später wieder harmlose Touristen ins Visier nimmt, aber seine Unerbittlichkeit nötigt einem dennoch Hochachtung ab. Er weiß, was er will und scheut bei der Verfolgung seines Ziels keine Mühen.

Der Überführung jener charakteristischen Slasher-Eigenschaft in einen etwas realistischeren Kontext und in die schier endlose Weite (und Leere) des australischen Outbacks verdankt WOLF CREEK 2 sein Gelingen als thrillride: Die Angst des zunehmend hoffnungslosen Ryan vor dem durch nichts abzuwimmelnden und mit äußerster Brutalität vorgehenden Jäger wird ebenso greifbar wie die tödliche Absurdität eines Raumes, der keinerlei Grenzen aufweist, aber gerade deshalb auch keinen Ausweg bietet. Am Ende muss sich Ryan dem Killer in dessen unterirdischem Verlies der bizarren Travestie einer Quizshow stellen und Fragen zur Geschichte Australiens beantworten. Es stellt sich heraus, dass der Mörder es auf „Ausländer“ abgesehen hat, die seine heimische Kultur mit Füßen treten – einer Kultur, mit der der Geschichtsstudent Ryan ironischerweise besser vertraut ist als Taylor selbst. Dieser Aspekt des Films wirkt ein wenig aufgesetzt, wie der Versuch, eine gewisse Tiefe oder Bedeutung in ihn hineinzulegen, obwohl er sich bis dahin damit zufriedengegeben hat, den Affekt zu bedienen. Taylor verliert umso mehr von seinem Schrecken, je mehr er redet. Und er redet ziemlich viel.

Langer Rede, kurzer Sinn: WOLF CREEK 2 scheint deutlich weniger ambitioniert als der Vorgänger. Er macht keinen Hehl daraus, dass es ihm in erster Linie darum geht, sein Publikum für 90 Minuten zum Kreischen zu bringen. Das gelingt ihm sehr gut, woran nicht zuletzt die garstigen Make-up-Effekte einen Anteil haben. Hier gibt es keine klinischen CGI-Gliedmaßen, stattdessen werden anatomisch genau geformte Gummiprothesen mit viel Körper- und Kunstbluteinsatz abgetrennt. Diese Ausrichtung mindert aber natürlich auch die Langzeitwirkung des Films: Wer mehr sucht als einen effektiven, aber auch ziemlich leeren Schocker, ist hier definitiv an der falschen Adresse.