Mit ‘Serienmörder’ getaggte Beiträge

Zehn Jahre nach dem bahnbrechenden, Oscar-gekrönten Erfolg von Demmes THE SILENCE OF THE LAMBS erschien endlich das von vielen sehnlich erwartete Sequel: Grund für die lange Wartezeit war die banale Tatsache, dass sich Thomas Harris, der Autor der literarischen Vorlage, selbst bis 1999 Zeit gelassen hatte, einen weiteren Roman um den kannibalistischen Serienkiller zu schreiben. Die Vorfreude wich schnell der Ernüchterung: Die Filmkritik hatte nur wenig Gutes über Scotts Film zu sagen (der natürlich trotzdem ein Hit wurde), beklagte den Verlust jener Subtilität, die Demmes Vorgänger ausgezeichnet hatte, und befand, dass die dafür nun in die Waagschale geworfenen grafischen Geschmacklosigkeiten keinen adäquaten Ersatz darstellten. Und während THE SILENCE OF THE LAMBS seinen Platz im Horrorfilm-Pantheon sicher hat, ist die Fortsetzung heute kaum mehr als eine Fußnote wert. Tatsächlich ist HANNIBAL eine ziemliche Katastrophe, aber eben eine, die sich mit ihren Over-the-Top-Gewaltdarstellungen und ihrem pompösen Kitsch unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennt. Ich habe auch hier nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich Ridley Scott für einen der überbewertetsten Filmemacher überhaupt halte (eine kleine Handvoll erstklassiger Filme stehen einem weitaus höheren Berg von Mittelmaß und Schrott gegenüber), aber HANNIBAL würde ich tatsächlich gegen alle Kritiker verteidigen.

Während Scott ganz oft den Eindruck erweckt, keinen echten Plan davon zu haben, was einen Stoff wirklich interessant macht, so hat er das HANNIBAL zugrundeliegende Problem sehr genau erkannt: THE SILENCE OF THE LAMBS, in dem Lecter ja streng genommen nur eine Nebenfigur war, profitierte massiv davon, dass seine interessanteste Figur über weite Strecken der Handlung in seiner Freiheit massiv eingeschränkt war, ihr Potenzial mithin nie voll entfalten konnte. In der Interpretation von Hopkins war da kaum mehr als eine Ahnung von seiner Grausamkeit, die den Killer aber noch furchteinflößender machte. In HANNIBAL rückt der Kannibale nun ins Zentrum der Geschichte, er wird zum gleichberechtigten Protagonisten neben Clarice Starling (Julianne Moore) und seine Taten werden voll ausgespielt. Ein typisches Sequelproblem, das schon vielen Fortsetzungen das Genick gebrochen hat. Scott begegnet diesem Problem, indem er den Gore- und Geschmacklosigkeitsregler bis zum Anschlag aufreißt: Es dürfte nur wenige Filme dieser Preisklasse geben, die ähnlich lustvoll in Blut und Gedärm waten. Das beginnt schon im Prolog mit der Erschießung einer Aids-infizierten Drogendealerin, die ein Baby im Arm hält, setzt sich fort über Gary Oldmans Albtraum-induzierendes Make-up (sein Päderast Mason Verger schnitt sich einst auf Geheiß von Lecter unter Drogeneinfluss das Gesicht weg), den armen Kriminalisten Pazzi (GIancarlo Giannini), dessen Eingeweide sich auf eine florentinische Piazza ergießen, sowie menschenfressende Wildschweine und endet dann in der unfasslichen Sequenz, in der Hannibal Krendler (Ray Liotta) bei vollem Bewusstsein das eigene Gehirn verfüttert. Sicher, mancher Vertreter des sogenannten „Torture Porn“ ist noch zeigefreudiger, reiht noch mehr Schweinereien und Tabubrüche in noch kürzerer Zeit aneinander, aber diese Filme kommen eben auch nicht mit dem Stempel des Multimillionen-Mainstream-Sequels zu einem anerkannten Welthit daher. Es ist Ridley Scotts Verquickung von blutrünstiger Exploitation und opulentem Bilderbuchkino, die den Film so verstörend macht. Vor dem Hintergrund der florentinischen Kulisse mit ihren Renaissance-Palazzos und Opern-Vorstellungen, von John M athieson festgehalten in ultraslicken Bildern, nimmt HANNIBAL tatsächlich den Charakter einer bizarren Gewaltoper an, der spätestens im dritten Akt sämtliche Gäule durchgehen. Als hätte Rob Zombie nach einem miesen Heroin-Trip Thomas Manns „Tod in Venedig“ verfilmt. (Einschränkend muss man sagen, dass sich die Wikipedia-Inhaltsangabe des zugrunde liegenden Romans kaum weniger gestört liest und der Filmtod von Mason Verger tatsächlich eine „softe“ Version des Schicksals ist, das sich Harris für ihn erdacht hatte.)

Als Thriller betrachtet funktioniert HANNIBAL dann aber nur in Teilen: Scott gelingt es zwar noch einmal, diese Bedrohung einzufangen, die von dem freundlichen alten Mann ausgeht, und die annähernd versteinernde Furcht, die Menschen in seiner Gegenwart befällt, wenn sie wissen, mit wem sie es zu tun haben, besonders in den beiden Konfrontationen zwischen ihm und Pazzi (Giancarlo Giannini ist sehr gut als trauriger Kriminalist, der Morgenluft wittert, als er den gesuchten Lecter ausfindig macht), aber dem Film fehlt ein klarer Konflikt. Dass sich Starling und Lecter erst im letzten Akt begegnen, ist ein dramaturgischer Schwachpunkt, wie überhaupt der Charakter der FBI-Agentin hier nichts mehr mit dem Vorgänger zu tun hat. Starling ist nun nur ein weiterer Vertreter der klischierten tough cops, die es gelernt haben, ihre Gefühle hinter einer Wand der Härte zu verbergen (Jodie Foster lehnte die Rolle ab, weil ihr die Richtung, die Harris einschlug, überhaupt nicht gefiel). Und Lecter verliert über die vole Distanz viel von dem Schrecken, den er in wenigen Szenen von Demmes Film erzeugte, weil man erstens zu viel von ihm zu sehen bekommt, zweitens der „Schöne und das Biest“-Aspekt zu stark betont wird. Hopkins ist immer noch gut in der Rolle, aber der Film wird bisweilen von blankem Sensationalismus befallen. Subtil ist hier wirklich gar nichts mehr und in seiner permanenten Übertreibung, sei es hinsichtlich der bestialischen Gewalt oder auch hinsichtlich der Darstellung von Lecters Affluenz und seines Intellektualismus, mutet HANNIBAL an wie ein Splatterfilm für Leute, die sich sonst mit Vorliebe an Home Stories über Adelsfamilien delektieren. Aber wie schon einleitend gesagt: Diese seltsame Verbindung ist immerhin originell und tatsächlich durchzieht HANNIBAL eine Aura der Perversion und des Sadismus, die sehr passend ist für den Stoff. Es lohnt sich nicht mehr, wie noch bei Demmes Klassiker, lange über ihn nachzudenken, weil alles auf der Hand liegt, aber HANNIBAL ist immerhin noch ein guter, fieberhafter Albtraum geworden. Das ist nicht wenig, würde ich sagen.

Es ist ein berühmtes popkulturelles Narrativ, dass 1991 das Jahr war, in dem Grunge bzw. Alternative Rock den Hardrock töteten, wie er in den Achtzigerjahren populär war. Weniger plattgetreten ist die These, dass Jonathan Demme mit THE SILENCE OF THE LAMBS eine neue Welle des „erwachsenen“ Horrorfilms bzw. Thrillers einläutete, nachdem das Genre im vorangegangenen Jahrzehnt vor allem Teenies adressierte. Plötzlich waren Serienmörder und die sogenannten Profiler en vogue – und sind es ja eigentlich bis heute: Die diversen CSI-Ableger, Serien wie CRIMINAL MINDS und Konsorten wären ohne Demmes Hit-Verfilmung des Bestsellers von Thomas Harris undenkbar und mit dem intellektuellen Kannibalen Hannibal Lecter schenkte er dem Pantheon berühmter Horrorgestalten einen neuen Protagonisten, der sich hinsichtlich Bekanntheitsgrad nicht mehr hinter Dracula, Frankenstein, Michael Myers oder Freddy Krueger verstecken braucht. THE SILENCE OF THE LAMBS zog mit Ridley Scotts HANNIBAL das zwangsläufige Sequel nach sich (wenn auch mit rund zehnjähriger Verspätung), der Romanvorgänger, an dem sich Michael Mann 1986 mit dem erstklassigen MANHUNTER schon einmal versucht hatte, ohne jedoch den gewünschten kommerziellen Erfolg zu erzielen, erlebte eine Neuverfilmung, mit HANNIBAL RISING entstand ein Prequel um den Menschenfresser und Mads Mikkelsen durfte ihn schließlich sogar in einer eigenen Fernsehserie spielen.

Das ganz große Trara um THE SILENCE OF THE LAMBS habe ich indessen nie wirklich verstanden: Die große Schockwirkung hatte er bei mir nicht entfaltet, wahrscheinlich, weil ich bereits Fangoria-gestählt war, als ich ihn zu Gesicht bekam, und die betont unterkühlte Atmosphäre, die Tak Fujimoto in monochrome grau-braune Bilder gießt, empfand ich immer eher als lähmend denn als spannend. Sicher, Demmes Film war schon sehr ordentlich inszeniert, getragen von den herausragenden Darbietungen von Hopkins, Foster und Levine, aber irgendwie war mir der Film immer eine spur zu intellektuell und sachlich. Erst vor einem Jahr schrieb ich, dass ich Demmes sträflichst vernachlässigten SOMETHING WILD für weitaus interessanter halte als das viel gepriesene „Meisterwerk“ seiner Filmografie. Wahrscheinlich hat mich THE SILENCE OF THE LAMBS bei dieser Sichtung zum ersten Mal wirklich begeistert. Die suggestive Kraft der Inszenierung, die vieles nur andeutet, die dräuende Ruhe und die Ahnung einer in den Tiefen des Unbewussten lauernden Gefahr hat endlich ihre volle Wirkung bei mir entfaltet. Die Psychoduelle zwischen Hopkins und Foster – mittlerweile Zielscheibe unzähliger Parodien und in deutlich schwächerer Ausführung ein gut abgehangener Standard des Genres – bilden tatsächlich das Rückgrat des Films und vor allem Hopkins versteht es, im Verbund mit Demme die Faszination des Zuschauers für das irrational Böse herauszukitzeln. Lecter ist auch deshalb so bedrohlich, weil sein mörderisches Potenzial sich nie voll entladen darf. Das ist auch der Hauptunterschied zu Scotts Grand-Guignol-Sequel, das zwar die blutigen Tatsachen und Geschmacklosigkeiten anhäuft, aber bei Weitem nicht so beunruhigend ist. Aber das ist ja nichts Neues, dass es meist effektiver ist, die Dinge nicht voll auszuspielen.

Auch der Subtext von Misogynie und institutionellem Sexismus hat sich für mich erst bei dieser Sichtung wirklich als solcher entfalten können: Clarice Starling kämpft von Anfang an gegen eine Männerfront an, die sie eigentlich scheitern sehen will und Fujimoto bildet das ab, indem er die Protagonistin mehr als einmal als einzige Frau in männlich dominierten Gruppenbildern festhält. Überall trifft sie auf Männer, die sie aufgrund ihres Geschlechts für inkompetent halten, sie lediglich als leckeres Betthäschen betrachten oder ihr gleich das Sperma ins Gesicht schleudern. Auch Lecter versucht sie mit entsprechenden Demütigungen aus der Reserve zu locken und natürlich ist der Killer mit dem Spitznamen Buffalo Bill ein Frauenmörder, der die blinde Heldin im legendären Showdown schwer atmend aus dem Dunkel belauert. Starlings Trauma, die schreienden Lämmer nicht retten zu können, das sie seit der Kindheit plagt, wird in der Gegenwart des Films nicht nur durch die Gerissenheit der Serienmörder  angefeuert, sondern eben auch durch die vermeintlichen Verbündeten, die der Frau in ihren Reihen keinen Erfolg gönnen, ihr lieber Steine in de Weg legen, als sie zu unterstützen. Jodie Foster ist die Idealbesetzung für die ihre Zweifel und Verwundbarkeit hinter einer Fassade der Unnahbarkeit verbergende Polizistin, die im Dialog mit Lecter an ihre Grenzen stößt und sich nun ungewollt den Dämonen stellen muss, die sie so erfolgreich unter Verschluss gehalten hat. Um sich zu behaupten, muss sie sich erst selbst überwinden: Eine Herausforderung, die den Kollegen, die das lück hatten, mit dem „richtigen“ Geschlecht geboren worden zu sein, erspart bleibt.

In erster Linie sollte ein Film wie THE SILENCE OF THE LAMBS den Betrachter aber natürlich bei der Gurgel packen, ihn nicht mehr loslassen und den Druck bis zum Showdown unablässig erhöhen: Von der oben als vermeintlicher Schwachpunkt ausgemachten Ruhe, mit der Demme erzählt, sollte man sich dann auch nicht täuschen lassen: Der Regisseur lullt einen langsam ein, bevor er dann zuschlägt. Set Pieces wie jenes, dass Lecters brutal-gerissene Flucht aus der Haft schildert, oder Starlings Konfrontation mit einem Zeugen, der sich dann, sehr zu ihrem Erschrecken, als der Mörder entpuppt, sind saumäßig effizient gescriptet und inszeniert. Das fällt vor allem auf, wenn man etwa letztere Sequenz mit der ganz ähnlichen Auftaktszene aus Ratners RED DRAGON vergleicht, die kaum mehr als ein laues Lüftchen entfacht. Nein, nein, THE SILENCE OF THE LAMBS ist ein außergewöhnlich guter Thriller, der seinen Ruf ausnahmsweise zu Recht genießt. (Ich glaube, SOMETHING WILD finde ich aber trotzdem einen Tick besser.)

Erste Sichtung nach vielen, vielen Jahren. Aber als die ersten Töne des Carpenteresken Scores erklingen, ist alles wieder da. Henry (Michael Rooker), Otis (Tom Towles) und Becky (Tracy Arnold), der Fernseher, die Kamera, die gedrungene Statur des Mörders, sein ausdrucksloses Gesicht, das sadistische Lachen von Otis, Beckys Freude über das „I love Chicago“-Shirt. Und natürlich das Knacken der Genicke von Henrys Opfern, ihre Körper eingefangen in beinahe künstlerischen Stillleben, die Gesichter eingefroren nicht so sehr in Angst oder Schmerz, sondern in einer Grimasse der Überraschung, der Ungläubigkeit. Der Tod, den Henry bringt, ist die totale Willkür, nichts verbindet ihn mit seinen Opfern, er wählt sie bei seinen Ausflügen aus, folgt ihnen, spioniert sie aus und schlägt dann zu. Immer sind es Frauen und es ist die pure Lust, aber Henry hat sich unter Kontrolle, seine Triebe so weit im Griff, das er niemals Gefahr läuft erwischt zu werden. Er ist der menschgewordene Tod.

Doch mit der Routine ist es vorbei, als er seinen alten Knastkumpel Otis wiedertrifft. Soeben hat der seine Schwester bei sich augenommen, weil sie ihren Ehemann verlassen hat. Es entwickelt sich eine gefährlich Dreiecksgeschichte: Otis wird durch Henry auf den Geschmack des Tötens gebracht, aber ihm fehlt jegliche Beherrschung. Becky verliebt sich in den schweigsamen Henry, hinter dessen kühler Fassade eine gepeinigte Seele wohnt, und der erwidert ihre Gefühle. Sein Leben, wie er es zu leben gewohnt ist, ist in Gefahr.

HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER entstand für ein Budget von knapp über 100.000 Dollar, nachdem Regisseur John McNaughton eine Dokumentation über den Serienmörder Henry Lee Lucas gesehen hatte. Der Film erlebte seine Premiere auf einem Filmfestival in Chicago. Es folgten weitere Einsätze, die ihm schnell einen kontroversen Ruf einbrachten, aber erst in den frühen Neunzigerjahren erfuhr er einen offziellen Kinostart in den USA, versehen mit dem berüchtigten X-Rating, das eigentlich Pornos vorbehalten ist. In vielen Ländern war er jahrelang beschlagnahmt oder nur stark geschnitten zu sehen, aber es war nicht der Vorwurf übertriebener Gewaltdarstellung, über den er stolperte, sondern die Kühle und Distanz, mit der er die Verbrechen von Henry und Otis einfängt. In einigen Szenen hilft ihm dabei der Camcorder, den die beiden Freunde mitführen: Eine Home Invasion, bei der sie eine dreiköpfige Familie umbringen und sich einen Spaß mit den Leichen machen, filmen sie mit und wir sehen sie durch das Objektiv des am Boden liegenden Geräts. Später sitzen beide zu Hause auf der Couch, eine Bierdose in der Hand, den eigenen Film begutachtend, als handele es sich um eine Talkshow, die man am Nachmittag aus Langeweile konsumiert. McNaughton zeigt den Wahnsinn als erschreckende Normalität und der gewaltige Sprung vom „normalen“ Bürger zum Triebtäter ist bei ihm (und Otis) nur ein kleiner Schritt. Genauso wie Todd Phillips HATED handelt auch McNaughtons HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER von einer verwundeten Generation von Männern, für die es in der Gesellschaft kein echtes Auffngbecken gibt. Henry und Otis sind seelisch kaputt, finanziell am Boden, ohne soziales Umfeld, das ihnen helfen könnte. Was bleibt sind Dosenbier, Sex mit billigen Prostituierten, Frustration und der Kick, den die Gewalt verspricht.

Auffällig: Der Titel des Films ist ein Trick. Es gibt kein Porträt, nur eine (repräsentative) Momentaufnahme. Was Henry über sich selbst sagt, kann wahr, aber genauso gut gelogen sein. (Darin orientiert sich McNaugton an seinem realen Vorbild.) Wesentlich näher ist uns Otis: Er liegt da wie ein offenes Buch, ein Einfaltspinsel mit einfachen Bedürfnissen. Henry ruht den ganzen Film über in sich, Otis macht eine Reise durch und verändert sich dabei. Er fungiert auch als eine Art Stand-in für den Zuschauer, der sich bei der Kontaktaufnahme mit dem Serienkiller hinter ihm verstecken kann. Aber erstaunlicherweise ist uns Henry näher als Otis. In seinem Tötungshandwerk bringt er den Opfern einen gewissen Respekt entgegen, während Otis immer maßloser wird.

Als wir nach der Vorführung über den Film sprachen, bemerkte Jochen, dass wir im Versuch, die Hauptfigur zu verstehen, alle mehr über uns sagen, als über Henry. Das ist der Kern des Films: Es geht nicht um den Serienmörder. Er ist nur der Katalysator. HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER hat in den vergangenen, nun schon 32 Jahren nichts, rein gar nichts von seiner Power und suggestiven wie verstörenden Kraft eingebüßt. Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes erschreckend guter Film, nahe an der Perfektion und mit drei zentralen Performances geadelt, ohne die er kaum denkbar wäre. Mit anderen Worten: ein modernes amerikanisches Meisterwerk.

 

 

In Deutschland erschien dieser putzige Serienmörderthriller, der deutlich weniger schmierig und billig ist, als ich es erwartet – und um ehrlich zu sein: erhofft – hatte, unter dem herrlichen Titel DIE NACHT DER APOKALYPSE mit einem toll reißerischen Videocover. Damit kann das Original zwar nicht dienen, aber Horrorfilme, die auf dem Cover mit vollbärtigen Schmierlappen in Latzhose werben, können sich meiner grundsätzlichen Zuneigung natürlich trotzdem gewiss sein, vor allem, wenn sie ihm eine Heckenschere in die Hand drücken und eine nackte Frau in unmittelbarer Nähe platzieren. Letztlich ist LADY STAY DEAD ein ziemlich stilsicher und routiniert inszenierter Psychothriller, der den positiven Eindruck, den man sich von Ozploitation bislang gemacht hat, festigt – aber er ist auch irgendwie ein bisschen langweiliger als es das nebenstehende Bild suggeriert.

Gordon (Chard Hayward) ist Gärtner, vor allem aber ein Spinner: Er himmelt die Popsängerin Marie (Deborah Coulls) an, deren Garten er pflegt, bespannt sie beim Baden im Meer, wobei er sich in Folterfantasien ergeht und in den Sand vögelt – tja und dann vergewaltigt er sie und bringt sie um. Wie das in solchen Filmen so ist, bleibt es nicht bei dem einen Mord: Der freundliche ältere Nachbar, der Gordon mit der Leiche ertappt, muss ebenfalls beseitigt werden. Und dann taucht wenig später Maries ältere Schwester Jenny (Louise Howitt) auf, die schnell ahnt, dass dieser Gordon nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Es kommt zu einer Belagerungssituation …

LADY STAY DEAD ist weniger glatt als vergleichbare US-Produktionen und eben irgendwie ein bisschen anders, so wie man das von australischen Exploitern kennt, ohne genau benennen zu können, worin dieser Andersartigkeit eigentlich besteht. Gerade in der ersten halben Stunde ist Bourkes Film sleaziger und expliziter als es solche Thriller üblicherweise sind, was nicht zuletzt an Haywards geekigem Killer liegt (der mich an eine muskulösere Mischung aus John Landis und Tobe Hooper erinnert hat), aber er ist auch nicht so schundig und abgrundtief spekulativ, wie es fürs Bahnhofskino oder das Drive-in gefertigte Titel aus dem Zwischenreich von Slasher und Serienmörderfilm sind. Wenn das Katz-und-Maus-Spiel beginnt, versandet LADY STAY DEAD aber leider etwas in der Beliebigkeit, auch wenn Bourke seine Sache gut macht, sein Film über einer weit überdurchschnittliche Kameraarbeit und einen schicken Score verfügt. Es fehlt das Quäntchen Wahnsinn, zumal der nun endgültig durchdrehende Psycho nur selten richtig gefährlich wirkt, eher wie ein jähzorniges Kind rüberkommt. Ozploitation-Freunde sollten ruhig mal einen Blick riskieren, zumal der Film in einer supercrispen HD-Variante vorliegt: Ich fand LADY STAY DEAD zwar nicht rundum zufriedenstellend, aber doch sehr sympathisch.

Auch unter dem Titel THE KILLING HOUR oder, in Deutschland, als AMERICAN KILLING bekannt, handelt es sich bei Armand Mastroiannis Thriller um einen kleinen, wenig spektakulären, aber kompetent gemachten Film, der sich irgendwo zwischen den Polen „übersinnlicher Mysterygrusel“ und „dreckiger New-York-Copfilm“ einpendelt. Erster hatte seine große Zeit mit Filmen wie AMITYVILLE HORROR, AUDREY ROSE, THE EYES OF LAURA MARS schon etwas hinter sich, befruchtete aber immer noch den Exploitationfilm, letzterer taumelte seinem finsteren Höhepunkt entgegen.

New York in den Achtzigern, das war so etwas wie der Beweis für Pessimisten und Misanthropen, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, und die moderne Idee der Metropolen ein grausamer Irrtum. Religiöse Hardliner ahnten oder hofften vermutlich, dass die Folge der ständigen Horrornachrichten von steigenden Verbrechens- und Mordraten, von aufgegebenen, verfallenden Stadtvierteln und marodierenden Gangs unweigerlich die Sintflut nach sich ziehen müsse und Filmemacher wie John Carpenter setzten ins (übersteigerte) Bild, was andere bereits laut dachten: Mauer drum, Tür zu, Schlüssel wegschmeißen. Oder gleich die Bombe oben drauf. In dieses New York entführt uns THE CLAIRVOYANT.

Armand Mastroiannis Film beginnt dannn auch mit drei sadistischen Morden bzw. Leichenfunden: ein nacktes Mädchen wird aus dem Hudson gefischt, ein Mann im Swimming Pool ertränkt, eine anderer elektrifiziert. Die Kriminalbeamten Weeks (Norman Parker), Sporaco (Jon Polito), Rich (Joe Morton) und Cullum (Kenneth McMillan) haben nichts in der Hand, außer der Tatsache, dass bei allen drei Morden Handschellen zum Einsatz kamen, und sind eher genervt als wirklich frustriert. Sie kennen das schon zu Genüge. Das einzige, was sie vorerst tun können, ist Schadensbegrenzung betreiben und die Verbindung der drei Verbrechen unter Verschluss halten, um keine Panik aufkommen zu lassen. Doch der Fernsehjournalist und Talkmaster McCormack (Perry King) macht ihnen einen Strich durch die Rechnung: Er gibt Details über die Morde in seiner Call-in-Show bekannt, weil er die Chance auf eine große Karriere widmet. Dann kommt auch noch die Kunststudentin Virna Nightbourne (Elizabeth Kemp) ins Spiel: Sie verfügt über seherische Fähigkeiten und hat die Morde vorab auf ihren Bildern festgehalten …

Die Story ist zwar nicht besonders originell, aber aufgrund ihres Patchwork-Charakters auch wieder ganz interessant: Es gibt da die Konkurrenz zwischen den Bullen, die mangels Beweisen auf die Hilfe einer „Seherin“ angewiesen sind (deren Gabe sie natürlich erst einmal für Spinnerei halten) und dem Fernsehmoderator, der das Klima in der Stadt nutzt, um Stimmung zu machen. Die Wiederherstellung des Gesetzes und der Schutz der Unschuldigen spielen für ihn zwar nur eine untergeordnete Rolle, aber seine Show bietet ihm die Gelegenheit, sich zum furchtlosen Tatmenschen zu stilisieren und gleichzeitig reich und berühmt zu werden. Und seine Vorgesetzten machen natürlich nichts, weil sie letztlich doch der Meinung sind, dass die Quote jedes Mittel heiligt. McCormack ist ein Vorläufer von Robert Downey jr.s Wayne Gale aus NATURAL BORN KILLERS, der ja dann in äußerster Konsequenz gleich mit auf Mordtour ging. McCormack ist etwas braver, aber der geübte Zuschauer ahnt schon, dass er ein dunkles Geheimnis in seiner Brust spazieren trägt. Und so ist es dann auch.

THE CLAIRVOYANT ist ein bisschen unspektakulär und er könnte definitiv mehr New-York-Schmutz vertragen. Ein paarmal geht es in den Polizeigesprächen um Sexshops und Bordelle, aber zu Gesicht bekommt man diesen seedy underbelly Manhattans leider nicht. Mastroianni konzentriert sich meines Erachtens zu sehr auf den eigentlich uninteressantesten Teil der Story, nämlich die Begabung der schönen Virna (die dann auch mt beiden männlichen Protagonisten rumknutschen darf), was zulasten des grimmigen Tons geht, den er zu Beginn anschlägt. Der Film lullt ein bisschen ein, was dann aber zur Folge hat, dass die fiese Auflösung zum Schluss wieder ziemlich reinknallt. THE CLAIRVOYANT ist definitiv kein Muss, sondern ein klares Kann: Wer ihm aber eine Chance gibt, wird dies allein wegen der schönen Besetzung nicht bereuen.

Als ich damals die Pressevorführung von NO COUNTRY FOR OLD MEN verließ, war ich sprachlos. Es lag auch daran, dass mich das Ende des Films völlig auf dem falschen Fuß erwischt hatte, aber relativ schnell wurde meine Desorientierung von der Gewissheit abgelöst, etwas Großem beigewohnt zu haben. Eine Einschätzung, die ich später in die Behauptung kleidete, bei NO COUNTRY FOR OLD MEN handle es sich um den besten amerikanischen Film seit Peckinpahs BRING ME THE HEAD OF ALFREDO GARCIA. Wobei „Amerikanischer Film“ hier nicht nur als Eingrenzung des Produktionslandes verstanden werden muss, sondern vor allem als Aussage darüber, in welchen kulturellen und motivischen Kontext  sich NO COUNTRY FOR OLD MEN eingliedert. Die mittlerweile dritte Sichtung hat daran nichts geändert, mich vielmehr darin bestätigt, dass ich mich für mein damaliges, ziemlich vollmundiges Urteil nicht schämen und es schon gar nicht revidieren muss. NO COUNTRY FOR OLD MEN ist ein Meisterwerk, für mich der (vorläufige) Gipfelpunkt des Coen’schen Schaffens, der logische Endpunkt einer über 20 Jahre währenden Entwicklung, eine thematisch, atmosphärisch und philosophisch konsequente Fortsetzung von FARGO und THE MAN WHO WASN’T THERE.

In allen drei Filmen geht es darum, wie ganz normale Männer, die vom Schicksal nicht unbedingt begünstigt, aber ganz sicher auch nicht bestraft wurden, zu Kriminellen werden und damit alles aufs Spiel setzen, was sie haben. Mit ihrer im vollen Bewusstsein getroffenen Entscheidung riskieren sie nicht nur leichtfertig, fahrlässig und in maßloser Selbstüberschätzung das Leben von Menschen, die ihnen nahestehen, sie tun noch etwas anderes, weitreichenderes: Sie verlassen in gewisser Weise die menschliche Gesellschaft, der sie zuvor noch angehörten, drehen ihr den Rücken zu und leiten damit sowohl ihr eigenes Ende wie auch den totalen Zusammenbruch aller Humanität und Kausalität ein. Alle drei Filme handeln von Kriminalfällen, aber mehr als um Krimis oder Thriller handelt es sich im weitesten Sinne um Horrorfilme, in denen es um den Abstieg in den Schlund, um den Verlust von Menschlichkeit und Spiritualität geht.

Gegenüber den diesen vorangegangenen Titeln oder auch den „Zwischenwerken“ THE BIG LEBOWSKI und O BROTHER, WHERE ART THOU? geht dies in NO COUNTRY FOR OLD MEN einher mit einem auffallenden Verzicht auf den skurrilen, mal tiefschwarzen, mal eher cartoonesken Humor, mit einer Reduzierung des Tempos und der zunehmenden Schweigsamkeit bzw. Einsilbigkeit der Protagonisten. Aus NO COUNTRY FOR OLD MEN scheint sogar der Erzähler getilgt zu sein, der Film steht still, unverrückbar und massiv im Raum wie der schwarze Monolith in Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY. Tommy Lee Jones fungiert als Gesetzeshüter Ed Tom Bell ähnlich wie Sam Elliott in THE BIG LEBOWSKI als Anker für den Zuschauer, aber nie wendet er sich direkt an ihn, nie hat man das Gefühl, Bell wisse, dass ihm jemand zusieht und dies „seine“ Geschichte ist. Während Sam Elliotts Cowboy ein klassischer auktorialer, allwissender Erzähler ist, der den Dude besser kannte als der sich selbst (obwohl er ihm im Film nur ganz kurz begegnet),endet NO COUNTRY FOR OLD MEN mit dem am Tisch sitzenden Bell, der seiner Frau einen Traum erzählt und sich fragt, was er bedeuten soll.

Es ist nicht nur keine Welt für alte Männer, die die Coens zeigen: Niemand ist wirklich glücklich im Sinne von erfüllt, all treiben mehr oder minder ahnungslos durch Zeit und Raum, je weniger sie verstehen und mitbekommen, umso besser ergeht es ihnen. Aber das friedlich-rechtschaffene Passivdasein ist kein Garant für den Frieden, denn der Tod kann zu jeder Sekunde zuschlagen und er braucht dafür keinen Grund. Es ist wie der alte Ellis sagt: „This country’s hard on people. You can’t stop what’s coming. It ain’t all waiting on you. That’s vanity.“ Das Ende kommt in Gestalt des Killers Anton Chigurh (Javier Bardem), der die Frage von Leben und Tod von einem Münzwurf abhängig macht, einfach so, weil ihm danach ist. Er ist kein Sadist, kein Psychopath, der sich an der Furcht seiner Opfer ergötzt: Ob er jemanden lebendig oder tot zurücklässt, ist ihm völlig gleichgültig. Leben oder Tod, es ist eins. Diese Haltung – sie wirkt aufgrund der Distanz des Blicks zunächst zynisch, aber es geht den Coens nicht darum, dem Leben seinen Wert abzusprechen oder dem Menschen insgesamt ein schlechtes Zeugnis auszustellen, im Gegenteil – schlägt sich in der gesamten Gestaltung des Films nieder: Bildsprache, Settings, Musik, Schnitt, wie auch im gesamten Handlungsverlauf. Die Weite und Kargheit des Landes, die gnadenlos herunterbrennende Sonne steht den Charakteren schnonungslos gegenüber, die Farben sind ausgeblichen und flach, Roger Deakins fängt die Menschen oft als kleine Punkte in breiten Totalen ein, Carter Burwells Score atmet bestenfalls leise im Hintergrund. Der Schnitt schlägt einem mehr als einmal mit der flachen Hand ins Gesicht, schert sich nicht darum, den Rhythmus verlässlich aufrecht zu halten. Viel wurde über Billy Wilders berühmten Schnitt in DOUBLE INDEMNITY geschrieben, das filmische Äquivalent zu Theodor Fontanes sprechender Auslassung bei der Schlittenfahrt in „Effi Briest“: Die Schwarzblende der Coens, die hier aus einem lebenden Menschen eine Leiche macht, mag schöpferisch kein ganz so großer Wurf mehr sein, aber ihre Wirkung ist verheerend, der Gipfel eines Filmes, der keiner von außen auferlegten erzählerischen Moral, nur noch der seiner Welt folgt.

Und diese Welt nimmt ja noch nicht einmal Rücksicht auf den Tod selbst, der da kurz vor Schluss aus dem toten Winkel des Bildkaders auf die Hörner genommen wird. Man kann sich auf nichts verlassen, muss jederzeit mit allem rechnen, denn das Leben nimmt keine Rücksicht auf unsere Vorstellung einer runden Dramaturgie. In NO COUNTRY FOR OLD MEN wird viel und effektvoll geblutet und gestorben, aber auffallend viele Menschen erwischt es, wenn die Kamera nicht da ist. Llewelyn Moss (Josh Brolin) und seine Schwiegermutter (Beth Grant) sterben in einer Pause, bei Moss‘ Ehefrau Carla Jean (Kelly Macdonald) können wir nur Mutmaßungen anstehen. Andere wissen gar nicht, was da auf sie zukommt, sie werden von hinten überfallen oder haben keine Ahnung, dass sie ihrem Mörder gegenüberstehen, wieder anderen wird die Chance genommen, sich zu wehren. Chigurh tritt ihnen gegenüber, sie wissen, dass das Spiel aus ist, aber sie müssen erst noch darauf warten, dass er es beendet. Man kann Wells (Woody Harrelson) dabei zusehen wie die Erkenntnis sich ganz langsam in seinem Gesicht abzeichnet, wie er sich damit abfindet, dass sein Leben hier und jetzt an diesem Ort zu Ende ist.

Das Leben ist grausam, aber natürlich gibt es das Potenzial für die Schönheit. Man schaue sich die Ruhe und Vertrautheit der Ehe von Bell und seiner Frau (Tess Harper) an. Nicht immer haben wir Einfluss darauf, was passiert, aber wir tragen mit unseren Entscheidungen zum Verlauf bei. Moss trifft eine Entscheidung, das Geld an sich zu nehmen, dann die, an den Ort des Diebstahls zurückzukehren. Wells trifft die Entscheidung, Chigurh erneut gegenüberzutreten, nachdem er einmal die Erfahrung gemacht hat und mit dem Leben davon kam. NO COUNTRY FOR OLD MEN ist tief existenzialistisch: Man muss sich der Absrdität des Lebens stellen, um es bewältigen zu können, man muss die Rückschläge nehmen. Der Versuch ihnen auszuweichen, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, zieht unweigerlich Konsequenzen nach sich. Das muss man wissen. Moss wählt seinen Weg. Andere haben einfach nur das Pech, in seine und Chigurhs Geschichte hineinzustolpern. Ich glaube, die gaze Wahrheit liegt in dem Rätsel von Bells Schlussmonolog: Sein toter Vater reitet in einer eisigen, dunklen, schneeverwehten Nacht an ihm vorbei. Er trägt eine Fackel, wird ein Feuer machen und auf seinen Sohn warten, irgendwo da draußen. Zumindest ist es das, was Bell glaubt. Wir kennen den Weg nicht, den wir gehen, wir wissen nicht, was auf uns wartet. Wir können nur darauf hoffen, dass es unserer ist.

 

 

 

 

 

Der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes entstand, weil sich Joel und Ethan Coen bei der Arbeit am Drehbuch zu MILLER’S CROSSING „festgeschrieben“ hatten und etwas Abstand brauchten. Nach eigenen Angaben „rülpsten“ sie BARTON FINK innerhalb von nur drei Wochen aus und konnten danach mit frischem Geist zurück an die Arbeit gehen. Es ist demnach auch kein Wunder, dass BARTON FINK gegenüber MILLER’S CROSSING der kleinere Film ist, eine Novelle oder sogar Kurzgeschichte im Vergleich zum Roman. BARTON FINK spielt über weite Strecken in einem einzigen Raum; die Handlung konzentriert sich im Wesentlichen auf zwei Figuren (von denen eine möglicherweise nur der Fantasie der anderen entspringt) und sie hat etwas entscheiden Traumgleiches, Surreales, Flüchtiges. Man könnte den ganzen Film im Grunde genommen auf ein einziges geichnisartiges Bild herunterkürzen: der ambitionierte Autor, der während der quälenden Arbeit in seinem eigenen Hirn eingesperrt ist, das für ihn infernalische Züge annimmt. Kein Wunder, das ein an der Hotelzimmerwand hängendes Bild eine so bedeutende Rolle in der Gesamtkomposition einnimmt. Es ist wahrscheinlich überflüssig zu sagen, dass BARTON FINK ein stark autobiografischer Film ist, in dem es um den Prozess des Schreibens geht, speziell um das Schreiben von Drehbüchern für große Filmstudios, um den Konflikt zwischen „hoher“ und „niederer“ Kunst und die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.

New York in den frühen Vierzigerjahren: Der Autor Barton Fink (John Turturro) hat soeben einen großen Triumph am Broadway gefeiert, wird von den Kritikern als neues Wunderkind eines ehrlichen, authentischen Theaters gefeiert, das sich mit den Sorgen und Nöten des „kleinen Mannes“ auseinandersetzt. Aber Kritikerlob ist ihm zu wenig: Ihm schwebt nichts Geringeres vor, als das Theater von Grund auf zu revolutionieren, eine Revolution, die am besten nicht auf die Bühne beschränkt bleibt. Doch zunächst ruft Hollywood, Inbegriff des künstlerisch Niederen: Auf den dringenden Rat seines Agenten, seine hehren Ideale wenigstens für ein paar Monate gegenüber weltlicheren Dingen zurückzustellen – Geld kann schließlich jeder gebrauchen -, gint Fink widerwillig nach, reist nach Westen und mietet sich in dem heruntergekommenen Hotel Earle ein. Vom Studioboss Charlie Lipnick (Michael Lerner) erhält er den Auftrag, das Drehbuch zu einem Wallace-Beery-Catcherfilm zu schreiben, veredelt mit dem „Barton-Fink-Touch“, was immer das sein soll. Der Autor hat keine Ahnung von den Anforderungen des Genres, fühlt sich isoliert in seinem tristen Zimmer und ist absolut unfähig etwas Brauchbares zu Papier zu bringen. In seiner Verzweiflung sucht er den Schriftsteller W. P. Mayhew (John Mahoney) auf, der über den von Hollywood erzwungenen künstlerischen Kompromiss alkoholabhängig geworden ist und seine Lebensgefährtin Audrey (Judy Davis) misshandelt. Etwas Ablenkung verschaffen Barton außerdem die Gespräche mit dem gutmütigen Handelsvertreter Charlie Meadows (John Goodman), der das Nachbarzimmer bewohnt. Nach einer Liebesnacht mit Audrey wacht Barton am nächsten Morgen neben ihrer Leiche auf. Ist er nun völlig wahnsinnig geworden?

BARTON FINK ist zu gleichen Teilen schwarze Komödie, Noir, Horrorfilm, Period Piece und Künstlerdrama, dessen Einflüsse dementsprechend breit gefächert sind. Parallelen zu Polanskis REPULSION und LE LOCATAIRE sowie (mit Abstrichen) Lynchs ERASERHEAD (die Frisur Bartons!) sowie zur Literatur von Franz Kafka sind unverkennbar. Das Interieur des Hotels trägt absurde bis albtraumhafte Züge, die Isolation und Vertiefung in sein Inneres trügen zunehmend die Wahrnehmung Finks: Was ist echt, was entspringt seiner überspannten Imagination? Dazu kommt die Entfremdung, die er im Austausch mit der für ihn fremden, oberflächlichen, hyperbolisch-aggressiven Welt des Filmgeschäfts fühlt: Sowohl Lipnick als auch der für ihn zuständige Produzent Ben Geisler (Tony Shaloub) scheinen einen völlig andere Sprache zu sprechen, ihn gar nicht als Menschen wahrzunehmen. Die unwirkliche Stimmung verschärft sich: Die Geräuschkulisse des Hotels, das außer ihm und Charlie kaum von anderen Menschen bewohnt zu sein scheint, wird immer bizarrer, die faulig-grünen Tapeten lösen sich unter der unmenschlichen Hitze von den Wänden, der Leim tropft an ihnen herab, die roten, nass glänzenden Wände dahinter suggerieren ein Wesen aus Fleisch und Blut. Auf dem Höhepunkt passiert der Mord.

Die Coens weben mit BARTON FINK ein dichtes Netz aus Symbolen, Beziehungen und Andeutungen, das den Betrachter aber niemals einschnürt. Man bekommt am Ende keine „Lösung“ an die Hand, nicht alle Fragen werden befriedigend – oder überhaupt – beantwortet, nicht jedes Detail hat einen tieferen Sinn. Dass der Film etwa ungefähr zur Zeit des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor angesiedelt ist, ist lediglich atmosphärisches Ornament, mit dem die Coens der allgegenwärtigen Stimmung eines drohenden Unheils einen „realen“ Background verleihen; mit den Biografien von Clifford Odets und William Faulkner vertraut zu sein, die Barton und Mayhew „beatmeten“, ist interessant im Hinblick auf den schöpferischen Prozess der Coens, aber für die Rezeption von BARTON FINK eher unerheblich. Ob der Film in erster Linie komisch ist (die Szenen mit Michael Lerner sind zum Schreien) oder eigentlich doch ziemlich bitter und tragisch, muss jeder für sich selbst beantworten. Tatsächlich scheint die bereits angesprochene Verwischung des Unterschieds zwischen Realität und Traum und damit eben auch die Verweigerung mundgerechter Antworten wesentliches Thema des Films.

Am Ende ist Barton Fink, der sich immer als Außenseiter fühlt, ganz buchstäblich „drin“: Sein Versagen als Drehbuchautor macht ihn zum Sklaven Lipnicks, der in den Mühlen Hollywoods gefangen ist, und er findet sich in dem Bild wieder, das ihm in seinem Hotelzimmer als einziges einen erlösenden Ausblick nach außen verschaffte. Charlie hingegen, der mit dem Hotel eine rätselhafte Symbiose bildet (er tropft und schwitzt wie die Wände, er ist im Unterschied zu Barton nicht bloß Gast auf der Durchreise, sondern dauerhafter Bewohner), verschwindet am Ende in einer wahren Feuersbrunst, wird mit der Fertigstellung von Bartons Drehbuch gewissermaßen exorziert wie ein böser Dämon. Am Ende ist lediglich klar, dass Schreiben im Besonderen oder künstlerische Arbeit im Allgemeinen ein geheimnisvoller Prozess ist, der sich nur schwer im Rückblick rekonstruieren lässt. Barton schreibt seine größte, wichtigste Arbeit, als er mit seinem vermeintlich nichtigsten Auftrag befasst ist. Ist es nicht eigentlich nur folgerichtig, sich eines massenkompatiblen B-Picture-Scripts anzunehmen, wenn man etwas für den „common man“ machen will? Und sind es nicht vor allem Finks große, hehre, hoffnungslos naive Ambitionen, die ihm dabei am meisten im Weg stehen?

Die Coens jedenfalls erhielten für BARTON FINK die höchsten cineastischen Weihen, einen Film, der mehr oder weniger aus der Not geboren wurde. Und an den Kinokassen natürlich gnadenlos floppte. Heute ist er gewiss längst rehabilitiert und gilt nicht wenigen als eine der Sternstunden in der an Großtaten nicht armen Filmografie. BARTON FINK ist in jeder Hinsicht ein Gedicht, mit Jahrhundertperformances von Goodman, Lerner und Mahoney, endlos zitierwürdigen Szenen und einer gottgleichen Kamerarbeit von Roger Deakins, der Barry Sonnenfeld ersetzte.