Mit ‘Sex’ getaggte Beiträge

Ein Taxifahrer vergewaltigt seine weiblichen Fahrgäste und filmt sie dabei. Um seiner Lust nachzugehen, wird er immer einfallsreicher: So baut er eine Düse in sein Fahrzeug ein, aus der ein Betäubungsgas ausströmt, das seine Opfer lahmlegt, während er sich durch Tragen einer Gasmaske schützt. Eines seiner Opfer ist eine Ehefrau, die nach dem Erlebnis einen Rape-Fetisch entwickelt, der die Beziehung zu ihrem Mann gefährdet, und ihre Schwester auf dumme Gedanken bringt …

Satôs Frühwerk – laut IMDb-Filmografie sein dritter Spielfilm, wobei ich vorsichtig wäre, das für die ultimative Wahrheit zu halten – ist stakr sexlastig und handlungsarm. Wie in einem „typischen“ Porno werden hier mehrere Sex- und Vergealtigungsszenen aneinandergereiht und nur von kurzen Dialog- und Handlungspassagen unterbrochen. Dennoch erkennt man den Regisseur schnell wieder: HITOZUMA KOREKUTÂ – internationaler Verleihtitel ist WIFE COLLECTOR – ist dunkel, kalt, ungemütlich, hoffnungslos, apokalyptisch. Warum es um die Menschen so mies bestellt ist, wird dabei nie so ganz klar. Warum sind sie nicht in der Lage, liebevolle, erfüllende Beziehungen zueinander zu unterhalten. Männer sind entweder Waschlappen, reißende Bestien, heimtückische Manipulatoren oder auf dem Weg dahin, eines von beiden zu werden, Frauen frustriert, unbefriedigt und neurotisch.

Auch wenn Satô sich nicht wirklich für die Hintergründe dieser Dispositionen interessiert, dass das Leben in der Megacity Tokio von Gleichgültigkeit und Egoismus geprägt ist, kommt in seinen Bildern immer wieder zum Ausdruck: Da fallen Männer gleich in Scharen über hilflose Frauen her, wird die mit versteckter Kamera gefilmte Vergewaltigung am Rand einer stark befahrenen Schnellstraße maximal mit einem faulen Hupen quittiert. Am Schluss, wenn der vergewaltigende Taxifahrer sein totes Opfer durch die Fußgängerzone schleppt, muss man angesichts der ratlos um ihn herumtorkelnden Menschen fast an den Zombiefilm denken. Der Serienvergewaltiger kommt da im Vergleich gar nicht mehr so schlecht weg, er hat wenigstens irgendeine Leidenschaft. Am Ende fährt er in die Tiefe der nächtlichen Stadt, verschwindet in den Lichtern. Er wird weitermachen und niemand wird ihn aufhalten.

Advertisements

Zwei britische Agentinnen werden als Gefangene in das berüchtigte „Love Camp 7“ der Nazis eingeschleust, um dort eine Frau ausfindig zu machen, die wichtige Information gegen die Deutschen hat, und sie nach Möglichkeit zu befreien. Das Lager dient als Bordell, in dem sich die Nazigrößen an den jungen Frauen vergreifen …

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein ganzes, kommerziell zudem durchaaus erfolgreiches Genre von einem kleinen, schundigen Stück Bahnhofskino begründet wird: Lee Frosts LOVE CAMP 7 gilt gemeinhin als Vorreiter der Frauenknast- und Naziploitationwelle, die in den Siebzigerjahren in die Kinos schwappte. Allzu weit entfernten sich die weitaus erfolgreicheren Nachfolger zwar nicht vom Ursprung – will sagen, dass sie alle von gewieften Produzenten initiiert wurden, deren Erfolge nicht zuletzt darauf begründet waren, Filme möglichst billig zu produzieren -, aber LOVE CAMP 7 ist schon ein besonders unverschämtes Teil. Das meine ich nicht so sehr hinsichtlich seiner Gewaltdarstellung oder seiner natürlich höchst fragwürdigen Idee von Entertainment, denn Frosts Film lässt die grafischen Exzesse späterer Werke weitestgehend vermissen und kann durchaus als „zahm“ bezeichnet werden – sofern man diesen Begriff für einen Naziploiter verwenden möchte: Nein, LOVE CAMP 7 ist vor allem unfassbar billig und schäbig. Und das macht ihn auch irgendwie aus.

Die erste Einstellung mag den Londoner Big Ben und die Houses of Parliament zeigen, doch nach diesem opulenten Establishing Shot aus dem Archiv geht es geradewegs in den Schweinetrog. Das Zimmer eines britischen Militärs sieht wie auch das spätere Nazibüro aus, als habe man es in einer besonders hässlichen Garage oder aber im Ed Geins Folterkeller eingerichtet: Der Putz bröckelt von den Wänden, in die Ecken hat sich seit Jahrzehnten kein Mop mehr hin verirrt, Bilder hängen schief, Möbelstücke wurden wahrscheinlich vom einzigen Flohmarkt erworben, der den Hinweis auf die fiesen Krabbeltierchen verdient. Auf dem roten Plüschsofa ist wahrscheinlich mal jemand verendet und wahrscheinlich holten sich die Darsteller, die darauf Platznahmen, die unterschiedlichsten Krankheiten von der Gonorrhoe über Wanzenbisse bis hin zu Blutvergiftung und Meningitis. In ähnlich erbarmungswürdigem Zustand sind auch die Kostüme, da muss man gar nicht erst mit historischer Akkuratesse anfangen, es gibt genug Mängel zu beklagen. Außenszenen gibt es fast gar nicht, Zuschauer mit Hausstaub-Allergie sollten den Film tunlichst meiden. Erstaunlich angesichts der einem ins Gesicht springenden Billigkeit, dass die Damen, die hier geschunden und getriezt werden und natürlich ständig ihre Brüste zur Schau stellen müssen, tatsächlich sehr ansehnlich sind. Sie tun einem hier einfach nur leid und ihre Aufopferungsgabe ist bemerkenswert. Wahrscheinlich haben Sie es positiv gesehen: Nach LOVE CAMP 7 konnte es unmöglich noch weiter bergab gehen.

Ich bin mir nicht nur zuletzt vor dem Hintergrund der derzeitigen Sexismus- und Missbrauchsdebatte bewusst, dass es nicht viele Argumente gibt, mit denen man LOVE CAMP 7 verteidigen kann. Es ist ein spekulativer, voyeuristischer Film, der auf die niedersten Innstinkte lüsterner Kerle abzielt und keinerlei Finessen zu bieten hat. Aber verdammt noch mal, wenn ich nicht meinen Spaß mit diesem unglaublichen Hobel hatte!

 

Man muss über ILSA, SHE-WOLF OF THE SS nicht mehr viel sagen. Edmonds Film hat seinen Status als einer der berühmtesten Vertreter der sogenannten Naziploitation. Er ist weder der beste, gewiss nicht der anspruchsvollste oder gar künstlerischste dieser Gattung, die in den wenigen Jahren ihrer Popularität alles von fordernder Avantgarde (SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA) über aufwändigen Fetischsex (SALON KITTY) bis hin zu schäbigem Schmuddelkram abdeckte, aber vielleicht der berühmteste. Er musste dafür allerdings erst auf Video erscheinen: Seine Kinoveröffentlichung verlief eher unspektakulär, wahrscheinlich war die Konkurrenz an ähnlich niederträchtige Unterhaltung versprechenden Werken auf der 42nd Street in Manhattan einfach zu groß. Aus dem überwiegend europäischen Genre fällt er schon aufgrund seiner kanadischen Herkunft heraus, mehr aber noch, weil er aus dem Schrecken des Dritten Reichs eine grelle Komödie macht, voller markiger Sprüche und markanter Charaktere. Und die auffallendste Figur ist eben Ilsa, von Dyanne Thorne in unnachahmlicher Weise interpretiert.

Edmonds Film orientiert sich lose an Ilse Koch und Irma Grese. Koch ging als „Hexe von Buchenwald“ in die Geschichte einging, weil sie angeblich Lampenschirme aus den Häuten tätowierter KZ-Insassen gemacht hatte – eine Behauptung, die nie stichhaltig bewiesen werden konnte. Im Jahr 1967 nahm sie sich im Alter von 60 Jahren während ihrer lebenslänglichen Haftstrafe das Leben, indem sie sich in ihrer Zelle aufhängte. Grese arbeitete in den Konzentrationslagern Ravensbrück, Bergen-Belsen und Auschwitz. Sie bekam den Spitznamen „Hyäne von Auschwitz“ oder auch „die schöne Bestie“ und wurde im Alter von nur 22 Jahren zum Tod durch Erhängen verurteilt – bis heute die jüngste Frau, die je unter britischem Gesetz hingerichtet wurde.

Edmonds nutzt diesen wahrhaft grauenerregenden historischen Hintergrund für einen feisten Schwartenkracher, der die realen Naziverbrechen zum Anlass für schenkelklopfenden Humor, krachlederne pseudodeutsche Dialogzeilen, pralle Männerfantasien und Lagermelodram auf Soap-Opera-Niveau nimmt. Das ist alles erwartbar in bad taste und hochgradig zynisch, motivisch mit seiner Sexualisierung von Gewalt auch gar nicht so weit weg von den Ideen Pasolinis, aber letztlich auch ein ziemlicher Spaß. Grund dafür ist neben dem schwungvollen Tempo, das Edmonds anschlägt, Sexszenen, One-Liner und Splatterffekte in schneller Folge auf den staunenden Zuschauer einprasseln lässt, eben genannte Dyanne Thorne, die eine Darbietung für die Ewigkeit abgibt. Sie macht die Ilsa zu ihrer Figur, ganz so, als sei sie für die Rolle geboren worden. Eine andere Darstellerin ist schlichtweg nicht denkbar. Ein Glücksfall für diesen Film, der sein Sparbudget in produktionstechnischer Hinsicht zu keiner Sekunde verleugnen kann, aber in der Besetzung der Hauptfigur einen sensationellen Glückstreffer landete, ohne den er wahrscheinlich niemals diese Berühmtheit erlangt hätte. Sieht wahrscheinlich auch Edmonds so, der über das Drehbuch angeblich einmal gesagt hatte, es sei das „worst piece of shit I ever read“ gewesen.

VERFLIXT NOCHMAL – WER HAT? DER HAT! lautet der hübsche deutsche Titel, unter dem diese brasilianische Sekomödie hierzulande firmierte. Der Film sorgte für große Heiterkeit – sicher handelte es sich um die Stimmungskanone dieses Kongresses, was passt, weil sich auch seine Geschichte um eine solche „Stimmungskanone“ dreht.

Lírio (Nuno Leal Maia) ist ein klassischer Dorfdepp: Groß und kräftig zwar, mithin durchaus attraktiv, aber etwas einfältig und von dem Pfarrer, der als sein Vormund fungierte, leider in dem Bewusstsein erzogen, dass Sex pfui ist. Die Mädchen im Dorf mühen sich vergeblich, ihn zu entjungfern, aber alles ändert sich, als zwei wohlhabende Gesellschaftsdamen, Doña Nair (Consuelo Leandro) und Doña Zila (Maria Luíza Castelli) ihn auf der Suche nach einem Antiquitätengeschäft an der Straße aufgabeln. Sie stellen nämlich fest, dass er mit einem riesigen Gemächt ausgestattet ist: ein Fakt, der auch den anderen weiblichen Hausangestellten sowie dem Freundinnenkreis nicht verborgen bleibt und manche Begehrlichkeit weckt. Der zunächst so scheue Lirio kommt bald auf den Geschmack, während im zuvor so geordneten Leben seiner Gönnerinnen das totale Gefühlschaos ausbricht.

VERFLIXT NOCHMAL ist eine Meisterleistung der Effizienz: Die streng genommen zwei Gags, die Regisseur Miziara aufzubieten hat, werden immer und immer wieder verbraten, aber dem Erfolg der Unternehmung tut das keinen Abbruch. Eher im Gegenteil verstärkt sich der Effekt durch die Wiederholung noch. Der eine Witz besteht in einer Soundeffekt-Orgie, die die unkontrollierten Spontanerektionen des Protagonisten untermalt: ein Flötenton, ein Hupen und ein Gong gehören dazu, also der unverzichtbare Grundstock des Slapstick-Tonarchivs, und sie künden zusammen sehr anschaulich von den entgeisterten Blicken der weiblichen Belegschaft von den gigantischen Dimensionen des Geschlechtsteils, das da unsanft aus dem Dornröschenschlaf gerissen wurde. Der andere Witz schließt sich meist direkt an: Der Orgasmus, den Lírio seinen Verehrerinnen verschafft, sorgt nämlich für erdbebenartige Erschütterung, purzelnde Menschen und panisch im Zeitraffer fliehende Hunde. Man ahnt es schon: VERFLIXT NOCHMAL ist von comichafter Überzeichnung, dabei aber – anders als etwa die Commedia sexy all’Italiana, an die er teilweise erinnert – weniger konfus, überdreht und vollgestopft, sondern sehr konzentriert und reduziert auf seine zentrale Idee.

Der Film bedient natürlich auch die Ressentiments des vermutlich eher ländlichen Publikums gegenüber den überkandidelten Bonzen aus der Großstadt, die über den „einfachen Bürger“ verfügen wie über einen Gegenstand. Zu Beginn gibt es ein Missverständnis zwischen Nair und Zila, als letztere über das „Stück“ redet, das sie beim Antiquitätenhändler erstanden hat, und erstere dies auf das Glied Lírios bezieht. Sex ist in der Stadt immer mit extremen Konfusionen, Heimlichkeit und Komplikationen verbunden, die Frauen sind unbefriedigt und geil, die Männer impotent, schlecht bestückt und eifersüchtig. Und dass Nair, Zila und ihre Freundinnen dann auch noch in einem Frauenverein engagiert sind, der sich für die Gleichberechtigung einsetzt, ist dem Film auch eher suspekt. Das Gegenstück zur urbanen Korrumpiertheit findet Lírio zurück in seiner Heimat bei der süßen Volga (Ana Maria Nascimento e Silva), mit der er sich einfach in der Natur nieder- und es krachen lässt. Vor Erlangung dieses romantischen Liebesidylls muss er aber noch einiges durchstehen: Er geht in der Großstadt verloren, wird von zwei Zivilpolizisten aufgegriffen (hier wird VERFLIXT NOCHMAL für Nicht-Brasilianer, die schon einmal von Todesschwadronen gehört haben, ganz kurz einmal ziemlich unheimlich), landet bei einer reichen Ehebrecherin, zieht den Zorn des japanischen Hausdieners Kimura auf sich, dessen Freundin Pedra sich an ihm vergeht, und wird schließlich von einer ganzen Horde geiler Weiber verfolgt.

Für großes Vergnügen sorgten nicht nur die schon erwähnten Soundeffekte, sondern gewiss auch das Backpfeifengesicht des Hauptdarstellers, eine schlaksige Mischung aus Belmondo und Celentano, Dialogpreziosen von geplatzten Hosen, die Idee, dass sämtliche von Lírio beglückten Damen zunächst ärztlicher Handlung oder zumindest eines Krückstocks bedürfen, und dessen Bemühungen, seine Erektionen im Zaum zu halten: Erst zieht er fünf Hosen übereinander an, dann hüllt er sich in eine Ritterrüstung, mit dem Ergebnis dass auch die Kollision von Schwanz und Metall ihren eigenen Soundeffekt bekommt. Pimmelwitze sind ein schwieriges Feld, José Miziara erweist sich mit VERFLIXT NOCHMAL – WER HAT? DER HAT! als Großmeister der Gattung.

 

12919_230Es war schon vorher nicht unwahrscheinlich, dass VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK zu den denkwürdigeren Filmen des 16. Hofbauer-Kongresses zählen würde. Enz, der deutsche Sexfilm-Avatgardist, dessen Wiederentdeckung nur eine der vielen Errungenschaften der Nürnberger Kinoveranstaltung ist, hatte bisher eigentlich mit jedem Film, der im Rahmen der Kongresse vorgeführt worden war, für herunterklappende Kinnladen, zumindest aber für große Freude gesorgt, mit HERBSTROMANZE, seinem autistischen Heimatfilm, gar für einen absoluten Meilenstein. VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK, von Christoph als eines der „zärtlichsten“ Werke von Enz angekündigt, wurde in der Hardcore-Version namens HIGHSCHOOL GIRLS vorgeführt und hinterließ beim Publikum Spuren wie die Luftwaffe der Alliierten 1945 in Dresden. Von der versprochenen Zärtlichkeit war dank bestialisch unerotischer Fickszenen nicht mehr allzu viel zu spüren, aber dafür kam neben den typischen Enzianismen, die man nicht unbedingt gut, aber doch mindestens interessant finden muss, ein inszenatorischer Gestaltungswille zum Ausdruck, den ich in dieser Form bei ihm noch nicht gesehen habe.

VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK beginnt in einem Lehrerzimmer: In einem dunkelbraunen Regal stehen ein paar unsortierte, zerfledderte Bücher, ein alter Globus und ein Mikroskop, die Stühle um den ebenfalls braunen Holztisch wurden von mehreren Trödlern zusammengesucht, der Aschenbecher ist gut gefüllt, muss aber noch lange nicht geleert werden, die Lehrerschaft – sechs an der Zahl, fünf Männer, eine Frau – diskutieren die Probleme des Berufs, wachsende Klassengrößen, steigende Zahl an Feiertagen. Auffällig und dem Enzperten sofort vertraut ist der Duktus, in dem diese Gespräche geführt werden: Unpersönlich, steif, langsam, als würden die Sätze von Wesen geäußert, die die Sprache zwar akzent- und fehlerfrei beherrschen, aber die Bedeutung der Worte nicht verstehen. Im Klassenzimmer bereiten die Schüler derweil einen Streich vor, den Klassiker mit dem Wassereimer auf der Tür. Statt dem geilen Lehrer mit dem offenen Hemd und dem Brusthaartoupet bekommt aber die neue Schülerin Nora (Soraya Athigi) die Dusche ab und steht daraufhin mit nassem Kleid und sich darunter abzeichnenden Nippeln vor dem Lehrer, der sofort Stielaugen bekommt und sie zum „Abtrocknen“ mit ins Lehrerzimmer nimmt. „Du hast ein herrliches kleines Loch“, bemerkt der Lehrer beim folgenden unumgänglichen Fick. Liebe in den Zeiten der Cholera.

Die Affäre zwischen Lehrer und Schülerin geht weiter, aber wer erwartet, dass diese Beziehung in irgendeiner Form problematisiert würde, sieht sich getäuscht. Wenn der Direktor später an die Vernunft des Lehrers appelliert, zeigt dessen Blick völliges Unverständnis, mehr noch: Teilnahmslosigkeit – und das liegt gewiss nicht nur daran, dass die Standpauke jegliche Schärfe vermissen lässt. Inspiriert von der Beziehung von Nora und dem Lehrer kommt es erst bei einer Party zu einer wilden Orgie der Schüler, zu Lehrer-Lehrer-Sex im Lehrerzimmer (Kommentar des nachsichtigen Direktors, der die beiden erwischt: „Schwamm drüber.“), dann schließlich beim Schulausflug zum großen Rudelbums, bei dem sich nun auch die anderen Lehrer an den Schülerinnen versuchen. Die arme Nora wird am Ende vom Direktor auf ihre alte Schule zurückgeschickt, nicht aber ohne dass der ihren Kopf im Auto in seinen Schoß drückt.

Diese Geschichte ist im Pornofilm nicht neu, aber der Blick den Enz auf diese Figurenkonstellation wirft, der ist es wohl: Das Schicksal Noras ist erschütternd und deprimierend und so inszeniert Enz das eigentlich auch, aber es stellt sich trotzdem die Frage, ob er das selbst auch so gesehen hat. Man kommt einfach nicht dahinter, warum seine Filme so sind wie sie sind. Der Sex ist bei ihm immer schmucklos, wild und triebhaft zwar, aber dabei frei von jeder Spiritualität oder sonstiger Glücksvorstellung. Die Menschen, die ihn haben, sind bestenfalls durchschnittlich, die Zimmer, in denen sie sich auf Bett, Sofa oder Teppich zerren, (klein-)bürgerliche Albträume in Kackbraun. Noch so ein Rätsel: Sehen seine Settings immer absichtlich so unvorteilhaft und scheiße aus oder war das doch nur Faulheit beim Dreh? Man kann sich letzteres kaum vorstellen, so konsequent wie da immer wieder irgendwelche Abscheulichkeit ins Bild ragen. Verstörend auch die Dialoge. Die „sweet nothings“, die sich die Menschen beim Sex in die Ohren säuseln, taugen nämlich zum Beweis, dass Sprache durchaus Gewalt antun kann: Als ein Mann seine Partnerin dazu auffordert, ihn rauszuziehen und sie ihn fragt, warum, bekommt sie als Antwort nur ein gebelltes „Weil ich es so will!“ zu hören. Die oralen Künste eines anderen Mädchens werden mit dem Satz „Nimm ihn auf Lunge!“ kommentiert und das Liebesspiel zweier Mädels wird von einem eben erst anderweitig fertig gewordenen Jungen mit den Worten unterbrochen: „Lasst das Gelesbel, hier kommt ein angefickter Schwanz!“ Alles ist vulgär und eklig, und wo eigentlich spielerische Freude oder Leidenschaft zum Ausdruck kommen sollte, wird stattdessen gekeucht, gestöhnt und geächzt wie beim Straßenbau. Da helfen auch die gemischten Paprikaschoten in der Holzschale auf dem Wohnzimmertisch neben der Flasche gutem Eierlikör nichts. Der Farbfleck bringt hier kein Leben rein.

VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK kulminiert dann in der langen, bereits erwähnten Schulausflug-Sequenz, bei der es die Schüler und ihre Lehrer an einen ruhig daliegenden kleinen Weiher verschlägt. Unglaublich, wie Enz das inszeniert, wie die typische Langsamkeit hier plötzlich zum spannungserzeugenden Mittel wird. Die sexuelle Anspannung ist greifbar: Die Mädchen machen sich einen Spaß daraus, ihre männlichen Lehrer zu reizen, die wiederum etwas verstockt im Gras sitzen und stumm auf die Mädchen starren, die sich auf einem Steg gegenüber platziert haben und ihre Blusen und Pullover lüpfen. Enz filmt dieses Lauerszenario mit Leonesker Ruhe und Ausdauer, in der das ganze Drohpotenzial der Situation zum Vorschein kommt: Ein anderer Regisseur hätte den Film hier vielleicht in einen Gewaltschocker umkippen lassen, in dem sich die Lüsternen gegenseitig umbringen. Die Szene, in der Nora sich im Bildvordergrund auf dem Rücken auf einer Waldlichtung liegend ihren Lehrern anbietet, die aus dem Bildhintergrund langsam auf den leblos anmutenden Körper zuschreiten, mutet wie ein Artefakt eines solchen nie entstandenen Enz-Gewaltpornos an, für den der Regisseur mit dem untrüglichen Blick, aber anscheinend ohne das Bewusstsein für das Hässliche, wahrscheinlich zu freundlich war. Eines der vielen, vielen Rätsel, die einem Enz aufgibt: Wie konnte man solche Filme drehen und die Menschen gleichzeitig lieben? Es ist ein Mysterium, das auch der nächste Film nicht lüften wird. Zum Glück.

 

 

bobaJapan während des Zweiten Weltkriegs: Murayama (Minoru Ôkôchi), Chef der Militärpolizei und ein ausgemachter Sadist, hat ein Auge auf die schöne Gesellschaftsdame Namiji (Naomi Tani) geworfen. Als ihr Name bei der Vernehmung des Schauspielers Kayo (Rei Okamoto), eines angeblichen Staatsfeindes, fällt, sieht er seine Chance gekommen und lässt die Dame verhaften. In seinem Folterkeller wird sie immer fantasievolleren Methoden und Demütigungen ausgesetzt, bis ihr der Folterknecht Taoka (Kazuo Satake), der sich in die leidesnfähige Frau verliebt hat, zur Flucht verhilft …

ORI NO NAKA NO YÔSEI gilt als eines der „Meisterwerke“ aus Nikkatsus Roman-Porno-Reihe, die immerhin fast zwei Jahrzehnte lief und mehrere hundert Filme umfasst. Mit seinem sehr konkreten historischen Hintergrund, der aufwändigen Ausstattung und seiner unverkennbaren Kritik an den Obrigkeiten, die ihre Autorität zur Stillung ihrer eigenen, degenerierten Bedürfniss missbrauchen, hebt er sich von anderen, meist rein fiktiven Pinku-Stoffen ab. Die Folterkeller-Thematik hat ja ein ganz eigenes, bis heute in Japan lebendiges Subgenre nach sich gezogen, und die rituellen Bondagepraktiken, die hier zum Einsatz kommen, sind schon höchst faszinierend. Intellektuell bewegt sich ORI NO NAKA NO YÔSEI durchaus in Sichtweite zu etwa Pasolinis SALÓ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA, auch wenn der Italiener weniger voyeuristisch und lüstern, sondern eher analytisch zu Werke ging als sein Regiekollege einige Tausend Meilen weiter östlich. Aber Ohara schafft die Gratwanderung zwischen geiler Zeigefreude und der puren Lust am Tabubruch und seinem hehren Anliegen als Künstler. Das Leid seiner Opfer, die unter falschem Vorwand gequält werden, demzufolge gar keine Möglichkeit haben, ihrer Folter zu entgehen, wird im Blick  der Kamera/des Zuschauers noch einmal gedoppelt, der Zuschauer findet sich unweigerlich auf der falschen Seite wieder. Das brachiale Finale, eine Art Reminiszenz an Arthur Penns BONNIE & CLYDE, verfehlt seine Wirkung ebenfalls nicht.

Es mag von einigen als Beleg des Scheiterns gewertet werden, aber aller Kritik an den Obrigkeiten, allen Leids der Opfer zum Trotz ist ORI NO NAKA NO YÔSEI auch ein großer perverser Spaß. Logisch, war der Roman Porn aus dem Hause Nikkatsu doch in allererster Linie eine hochkommerzielle Angelegenheit, die die Massen in die Kinos locken und ihr niederen Instinkte befriedigen sollte. Die von Nikkatsu etablierte Strategie, ambitionierten Regisseuren ein gewisses Maß an Freiheit zu geben und gleichzeitig mit strengen Vorgaben dafür zu sorgen, dass sie nicht über die Stränge schlagen konnten, zahlte sich oft aus und war die Grundlage für eine der größten Exploitation-Filmschmieden der Geschichte. Man bekam einerseits verlässliche Qualität und Schweineigeleien, die sozusagen per Quote garantiert waren, andererseits ließen es sich die Filmemacher oft nicht nehmen, den anonymen, am Fließband erdachten Stoffe mit eigenen Einfällen ihren eigenen, individuellen Stempel aufzudrücken. ORI NO NAKA NO YÔSEI begann als kleiner Eintrag in Nikkatsus Enzyklopädie der Derangiertheit und reifte dank der klugen Regie von Ohara zum Klassiker des SM-Kinos heran.

vampyres_1974_poster_01Wo ich anlässlich meines Textes zu LEMORA: A CHILD’S TALE OF THE SUPERNATURAL schon beim Thema „erotische Vampirfilme“ war, macht es Sinn dort weiterzumachen. VAMPYRES ist einer der Klassiker des Subgenres, den ich bislang immer noch nicht gesehen hatte. Er variiert die bekannten Zutaten eigentlich nur geringfügig: Die beiden Vampirdamen Fran (Marianne Morris) und Miriam (Anulka Dziubinski) leben gemeinsam in einem alten Schloss auf dem britischen Land, in das sie arglose Männer locken, sie zu ihren Lustsklaven machen und dann schließlich aussaugen. Deutlich liebevoller und zärtlicher wenden sich die beiden untoten Schönen aber einander zu und wenn sie ihre nackten Leiber dann vom Blut gereinigt haben, erholen sie sich tagesüber von ihren lüsternen nächtlichen Abenteuern, um neue Kraft zu tanken. Beneidenswert! Natürlich kommt ihnen bei der langsamen Verführung ihres neuesten Opfers jemand in die Quere: Das liebenswerte englische Pärchen Harriet (Sally Faulkner) und John (Brian Deacon), das unweit des Schlosses mit seinem Wohnwagen halt macht und bald Zeuge überaus merkwürdiger Vorgänge wird.

Erzählerisches Neuland betritt Larraz mit VAMPYRES wirklich nicht; zunächst war ich etwas verwundert über den Ruf, den der Film genießt, und die zum Teil euphorischen Reaktionen, die er von seinen Fürsprechern erfährt. Das änderte sich dann aber ungefähr zur Halbzeit, als die beiden bis dahin sehr zivilisierten Damen zum ersten Mal die Zähne blecken. Die Zeit der verschämt-gezielten Bisse in die rehgleichen Alabasternacken holder Damen ist mit VAMPYRES vorbei: Hier wird beim Blutsaugen eine richtige Schweinerei angerichtet, verwandeln sich die beiden Vampirinnen in gierige Bestien, die in der Ekstase völlig außer Kontrolle geraten. Von ihnen gebissen und versklavt zu werden, verspricht keinen aufregenden erotischen Kitzel, für das man sein irdisches Dasein nur zu gern opfert: Es kommt vielmehr der völligen Selbstaufgabe gleich, einem kannibalischen Verzehrt-Werden, das unermessliche, unendliche Qualen auslöst. Die Männer, die den beiden ins Netz gehen, sind nur zu beneiden, solange Fran und Miriam sich von ihnen fern halten: Frans Opfer, ein selbstbewusster Geschäftsmann, verwandelt sich in ein hilfloses, blasses Etwas, Miriams Errungenschaft kann ihrer Wildheit überhaupt nichts entgegensetzen, sein blutiger Kadaver muss danach schnellstmöglich verschwinden.

Ich würde gern noch irgendetwas Schlaues sagen zu dem Film, aber ich stehe leider auf dem Schlauch. Ich fand ihn toll, aber es ist nicht so, dass er mir etwas wirklich Neues gesagt hätte. Was VAMPYRES auszeichnet, ist dieses unberechenbare Umschwingen vom milden Mystery-Grusel zum schreikreischigen Blutrausch. Larraz hat einen sehr, sehr körperlichen Vampirfilm gedreht: Mit dem romantisch-esoterischen Seelen- und Unsterblichkeits-Gedöns anderer Vampirfilm hat er denkbar wenig am Hut, er ist nicht mystisch-ätherisch, sondern im Gegenteil fleischlich und eben blutig. Hier geht es um nicht weniger als die existenzielle Wurst.