Mit ‘Sexploitation’ getaggte Beiträge

Eriprando Viscontis LA ORCA hatte ich als geschmacklosen Skandalfilm vorverurteilt: Der gewohnt dezente deutsche Untertitel GEFANGEN, GESCHÄNDET, ERNIEDRIGT hatte seinen Teil dazu beigetragen. Tatsächlich weiß Luchino Viscontis Neffe Eriprando das „skandalöse“ Potenzial seines Films im Sinne seiner gewohnt klassenkämpferischen Sozialkritik zu nutzen – und auch sonst sehr zu überz. Mehr von mir zu diesem tollen Film, der Anfang des Jahres von Camera Obscura in einer unverzichtbaren DVD-Edition erschienen ist, gibt es auf Filmgazette.de zu lesen. Klick: hier.

Der Amerikanerin Alex Morrison (Kimberly Kates) wird bei ihrem Aufenthalt in Prag ein Päckchen Heroin ins Gepäck geschmuggelt, woraufhin sie zu zehn Jahren Haft verurteilt wird. Sie landet in Razik, einem Gefängnis, über das die sadomasochistisch veranlagte Magda Kassar (Brigitte Nielsen) mit eiserner Hand regiert – und nebenbei ein florierendes Geschäft mit Pornos, Prostitution und Drogen leitet. Während Alex versucht, sich zu behaupten, begibt sich ihre Schwester Suzanne (Kari Whitman) auf die Suche nach ihr …

Die Anwesenheit von Brigitte Nielsen und Paul Koslo sowie die Tatsache, dass der Film in Deutschland nur gekürzt auf Video veröffentlicht worden war, ließ mich einen gepflegten Frauenknast-Hobel erhoffen, stattdessen habe ich mich 98 Minuten gelangweilt. Triebabfuhr sieht definitiv anders aus. In geleckter Videoclip-Optik, die entweder an die rammdösigen Erotikthriller erinnert, die in den späten Neunzigerjahren das Nachtprogramm der großen Privatsender dominierten, oder aber bereits den grauenvollen Digi-Video-Amateursumpf der Jahrtausendwende (inklusive Ostblock-Connection) antizipiert, bemüht sich Regisseur Simandl um Ernsthaftigkeit und Dramatik, ist aber nur darin erfolgreich, jeden Funken Spaß, jeden Hauch von Anarchie und Wahnsinn, der das WiP-Genre eigentlich auszeichnet, aus diesem Film herauszusaugen. An den kalkulierten Anstößigkeiten, die letztlich immer brav im Rahmen des Erwartbaren bleiben, nimmt man keinen Anstoß, weil der Film sowieso wie ein Softporno aussieht, und der dramatische Plot geht einem am Allerwertesten vorbei, weil die Schauspieler einen nicht für zwei Sekunden von ihren Rollen überzeugen können. Die handvoll lustiger Ideen, aus denen Regisseure wie Jack Hill, Jonathan Demme, Jess Franco oder Paul Nicholas was zu machen gewusst hätten, fallen hier dem Zusammenprall uninspirierter Regie und peinlichem Chargieren zum Opfer: ein Beispiel dafür ist etwa der Transvestit namens Bobo, der durch ein Missverständnis (!) im Frauenknast landete und nun die Garderobe für Magda und ihre Schergen entwerfen darf (!). Ich möchte es eigentlich nicht sagen, aber Brigitte Nielsen (die ich mag) passt mit ihrer unnahbar-androgynen Art irgendwie gut rein in diesen somnambulen Film, überragt ihre weiblichen Kolleginnen zudem um mehrere Kopflängen, was ihre sowieso schon beeindruckende und furchteinflößende Physis noch unterstreicht, Paul Koslo hingegen tat mir einfach nur Leid. Nicht nur, dass er in diesem Film überhaupt mitmachen muss, er hat auch noch ein denkbar uninteressante Rolle abbekommen, die durch den einzig denkbaren Plottwist des Films dann auch nicht wirklich aufgewertet wird. Die letzten zehn Minuten mit dem obligatorischen Aufstand, bei dem dann Dutzende von weiblichen Häftlingen mit Maschinenpistolen herumballern und sich die Wachmänner als grauenvoll inkompetent erweisen dürfen, entschädigt ein wenig für die vorige Langeweile, aber retten tut das diesen Rohrkrepierer auch nicht mehr. Schade drum, ich hatte mich auf den Film erhlich gefreut.

Ein Nachtzug in die Schweiz wird mit lauter furchtbaren Vertretern der Gattung Mensch vollgeladen, von denen drei junge hedonistische Designerproleten sich als noch einen Tick asozialer erweisen als der Rest und sich sogleich daran machen, den Rest zu terrorisieren – so er denn männlich ist – oder zu vergewaltigen – so er weiblich ist. In dem Waggon, in dem eine Edelprostituierte (Silvia Dionisio) das Objekt der Begierde für drei Testosteronprotze darstellt, herrscht Anarchie, bis sich schließlich ein Häftling den Unholden entgegenstellt …

Ferdinando Baldis Sleazereduktion von Aldo Lados L’ULTIMO TRENO DELLA NOTTE – seinerseits wiederum eine italienisch-gallige Annäherung an Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT – mit analytischem Werkzeug zu begegnen, würde bedeuten, sie etwas zu ernst zu nehmen. Muss man den beiden genannten Filmemachern ohne Zweifel unterstellen, mit ihrer schmerzhaften Kritik genau ins Schwarze getroffen und unangenehme Wahrheiten über die Scheinheiligkeit des Bürgertums enthüllt zu haben, so begnügt sich Baldi damit, die erfolgreiche Blaupause für ein saftiges Exploitationstück zu instrumentieren. Aber wem erzähle ich etwas: Der Film heißt auf Deutsch HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS. Wer sich an der Zurschaustellung von Niedertracht um der Niedertracht willen delektieren kann, wird hier also definitiv fündig, wenn man auch sagen muss, dass Baldi mit angezogener Handbremse operiert, der Film immer im Rahmen dessen bleibt, was man damals zeigen konnte. Das ist ja das eigentlich Abgeschmackte, Skandalöse an diesen und vergleichbaren Filmen: Sie setzen zwar auf Sex und Gewalt, aber es darf auch nicht wirklich wehtun. Feministen werden jedenfalls ihre helle Freude an einer Vergewaltigungsszene haben, die das Opfer mit auffallender Bereitwilligkeit über sich ergehen lässt. Aber dieses opportunistische Manövrieren zwischen der Befriedigung der Schaulust einerseits und dem Einhalten der nicht ausgesprochenen Übereinkunft, innerhalb „sicherer“ Grenzen zu verbleiben, macht ja auch den Reiz solcher Filme aus.

LA RAGAZZA DEL VAGONE LETTO bedient schon mit seinem Personeninventar jedes gängige Vorurteil des Bild-Zeitungs-Lesers: Da gibt es das sich ständig streitende Ehepaar bestehend aus der jungen, attraktiven Frau (Zora Kerova) und dem älteren, eifersüchtigen Mann (Venantino Venantini), den bonzigen Politiker, der sich von seinem Adlatus Pornohefte am Bahnhofskiosk kaufen lässt und bei der ersten Gelegenheit mit der Edelnutte ins Bett hüpft, und schließlich die Kleinfamilie, deren Vater es auf die schnuckelige Tochter abgesehen hat. Ein gefundenes Fressen für die drei Proleten, die in den anwesenden Männern bald schon willige Komplizen für ihre Schandtaten finden, während die Frauen um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten müssen. Der letzte Satz deutet es schon an: In diesem durchweg krachigen Sleazehaufen verbirgt sich irgendwo ein Film, der den Konflikt aus den weiter oben genannten Vorbildern entlang der Gender- statt der Klassengrenzen austrägt, doch Baldi hat sich mit weniger zufrieden gegeben. Die stärkste Szene des Films illustriert lustigerweise auch seinen generellen Makel: Als ein Rentner, der seine schwerkranke Ehefrau im Zug transportiert, um Hilfe bittet, wird er von dem zynischen Politiker grob abgefertigt. Das lässt dessen Assistenten, einem rückgratlosen Ja-Sager, endlich den Kragen platzen. Doch sein Wutanfall, seine Konfrontation des Chefs, mutet aller benutzten Schimpfworte zum Trotz seltsam zahnlos an. Am Ende kassiert er die Entlassung und setzt sich etwas ratlos wieder auf seinen Platz. Dieser Zug ist einfach nicht der Ort für große gesellschaftliche Umbrüche.

Die Heranwachsende Eugenie (Marie Liljedahl) wird von der dekadenten Sadomasochistin Madame Saint Ange (Maria Rohm) und deren Stiefbruder/Geliebten Mirvel (Jack Taylor) in die gemeinsame Villa auf einer Mittelmeer-Insel eingeladen. Dort setzen die beiden das junge Mädchen unter Drogen und unterziehen sie zunehmend brutaleren Sexspielen. Unter der psychischen Belastung verliert Eugenie schließlich den Verstand …

In dem Interview mit Jess Franco, das im Bonusmaterial der Blue-Underground-DVD enthalten ist, bezeichnet der spanische Vielfilmer EUGENIE,  die Verfilmung des De-Sade-Romans „Die Philosophie im Boudoir oder Die lasterhaften Lehrmeister“, als den einzigen seiner Filme, den er wirklich mag. Und selbst der dem schlechten Geschmack sonst eher abgeneigte Christopher Lee bricht anlässlich der Zusammenarbeit für EUGENIE eine Lanze für Franco, räumt ein, dass dieser ein ausgezeichneter, intelligenter Regisseur sei, der lediglich meist weder die Zeit noch die Mittel erhalten habe, die für bessere Ergebnisse nötig gewesen wären. Ich kenne zwar längst nicht alle seiner Filme, noch auch nur einen zumindest quantitativ repräsentativen Teil seines Werks, aber nach der Sichtung würde ich beiden unbedingt zustimmen wollen: EUGENIE ist bislang der mit Abstand beste Film, den ich von Franco gesehen habe, und ganz einschränkungslos ein fantastischer, wunderschöner und gleichzeitig ziemlich beunruhigender Sexploiter.

Der Begriff ist dabei eigentlich ziemlich unpassend, denn EUGENIE ist – wie die meisten der von Harry Alan Towers produzierten Francos – ausgesprochen geschmackssicher inszeniert, überschreitet die Grenze zur Pornografie niemals und bleibt auch in den sadistischen Folterszenen auf Distanz. Dass der Film seine Wirkung dennoch nicht verfehlt, ist der expressiven Bildsprache – Franco taucht das Geschehen oft in ein infernalisches Blutrot, arbeitet mit exremen, verzerrenden Groß- und Detailaufnahmen oder filmt durch Requisiten hindurch – und dem psychedelischen, sich förmlich in einen Rausch hochschaukelnden Score von Bruno Nicolai geschuldet. Es ist gerade die Verbindung dieser geschmackvollen, artifziellen Inszenierung und der grausamen Vorgänge, die an EUGENIE nachhaltig beeindruckt und erschüttert. Der Film ist von einer eisigen Kälte, selbst wenn er die flirrenden Hitzewallungen der Lust oder das Idyll der Mittelmeerkulisse bebildert, woran nicht zuletzt die atemberaubend aussehende Maria Rohm mit ihren ebenso grausamen wie sinnlichen Katzenaugen und der seine Abgründe hinter einer Fassade der Kultiviertheit verbergende Jack Taylor großen Anteil haben. Es gibt einfach kein Korrektiv in diesem Film, keine Normalität, der gegenüber sich der Wahnsinn von Madame Saint Ange und Mirvel einordnen ließen. Nicht einmal Eugenies Mutter hat einen Draht zu ihrer pubertierenden Tochter und der Vater verhökert Eugenie  höchstselbst an Madame Saint Ange, während er mit dieser durch die Betten pflügt. Die Jugend, die Eugenie verkörpert, ist in Francos Film völlig auf sich gestellt, wird von einer pervertierten Erwachsenenwelt für die Befriedigung der eigenen Triebe mitleidlos missbraucht. Eugenie hat keine Chance, sich vor dem Ertrinken im Wahnsinn zu retten, weil gar kein Ufer in Sicht ist: Die ganze Welt ist verrückt geworden.

Olga (Uta Koepke) und ihr Mann Michael (Angél Caballero) sind frisch verheiratet und mit ihrer Rostlaube unterwegs in den Flitterwochen: Was läge da näher, als ein „No Trespassing“-Schild zu missachten? Ehe sie sich versehen, befinden sie sich in der Gewalt der dominösen Magda (Ajita Wilson), die mitten in der Pampa einen Frauenknast mit angeschlossenem Steinbruch betreibt. Olga wird dabehalten, der Mann nach Hause geschickt. Fortan muss Olga barbusig und mit modisch kurz über der Arschbackenrundung abgeschnittenen Jeans Steine hacken und mitansehen, wie ihre Zellengenossinnen von Magda mit der Reitgerte in die Brust gepiekt werden. Manche erwischt es aber noch schlimmer: Sie werden im Niemandsland ausgesetzt und dann von Magda und Governor Mendoza (Antonio Mayans) gejagt, erschossen und den Plastikkrokodilen überlassen. Letzterer – Mendoza, nicht das Krokodil – trägt eine beeindruckende Schnurrbartattrape unter dem Riechkolben spazieren, die das Suppeessen wohl zu einer ähnlichen Qual macht wie das Von-Magda-in-die-Titte-gepiekt-Werden.

Aber der Schnurrbart ist nicht das einzige Leid, das er zu tragen hat: Er ist nämlich auch noch impotent und weder die Fürsorge seiner Gattin Loba (Gina Janssen) noch die Unterstützung der Häftlingsdamen kann Abhilfe schaffen. Erst als er beim Orgeln mit seiner Frau dabei zusehen darf, wie die schöne Mercedes (Andrea Guzon) von seinem Lieblingsschäferhund besprungen wird, geht ihm einer ab. Wem nicht? Zwischendrin macht sich Michael (der ein bisschen aussieht wie der „Frontmann“ von den Flippers) mit einem dusseligen Kumpel auf den Weg, die Gattin zu befreien. Weil Magdas Wärterinnen ziemlich ungeschickt sind, gelingt ihm das auch. Allerdings sind ein paar Frauen zu diesem Zeitpunkt schon an den schwulen Puffbesitzer Lucas (Jess Franco, der sich auch eine Analsexszene mit einem großen Schwarzen ins Drehbuch geschrieben hat!) verschachert worden. Der armen Tara (Ursula Buchfellner) hat ein übererregter Kunde die halbe Brust abgebissen: Sich im Fieber windend liegt sie im Sterben. Ihr Tod bedeutet einen Moment der Introspektion: „Das erinnert mich an den Tag, als Zenobia starb.“ „Eine Verwandte?“ „Nein, meine Lieblingskuh.“ Spätestens hier ahnt man, dass der Film nicht ganz ernst gemeint sein könnte. Otto Retzer, den die meisten als lustigen Hausmeister aus EIN SCHLOSS AM WÖRTHERSEE in Erinnerung haben dürften, macht übrigens auch mit, was ein Euphemismus ist für „hat auch eine Sexszene“. Der Schluss ist noch einmal angemessen merkwürdig: Olga und ihr Mann schicken Magda in den Tümpel zum Plastikkrokodil, doch ihrem Tod beizuwohnen, ist dem Zuschauer nicht mehr vergönnt. Der Film blendet vorher ab, die Credits rollen.

Jess Franco hat viele bescheuerte und bizarre Filme gemacht. Und obwohl ich nur einen Bruchteil seines riesigen Werks kenne, wage ich zu behaupten, dass SADOMANIA einer seiner merkwürdigsten ist. All die Unzulänglichkeiten – bisweilen holpriger Schnitt und Kameraführung, die durchwachsenen bis armseligen schauspielerischen Darbietungen, die in der englischen Fassung noch durch die unorthodoxe Synchro unterstrichen werden, der zerdehnte Rhythmus, das stetige Sich-Verlieren in breit ausgewalzten Sexszenen und der zwar ganz hübsche, aber nichtsdestotrotz ziemlich redundante Score („Lajalajalajala“) – unterstreichen nur die Fremdartigkeit dieses Films, der immer wieder auch wunderschöne Bilder aufbietet und mit seinem komisch ausblutenden Licht wie ein besonders beknackter, verstörender Fiebertraum anmutet. Ich kann nicht behaupten, dass die knapp 100 Minuten wie im Flug vorübergegangen seien und ich würde den Film auch nicht vorbehaltlos jedem empfehlen. Wer aber Erfahrung mit Jess Franco hat und ein Faible für diese strangen Dinger, die irgendwo im schmalen Grenzbereich zwischen Trash, Porno und Kunst angesiedelt sind, der sollte sich SADOMANIA unbedingt anschauen. Sowas wird es nie wieder geben.

Zum Abschluss ein paar Impressionen:

Wenn das die Gewerkschaft wüsste

Arbeit macht (obenrum) frei

The Small Bird Cage

"Mein Herr, Sie haben einen Schnurrbart, wir müssen sofort operieren!"

Ein Krokodil und kein Nilpferd

Karawane der Nackerten

Cagefight

Before Sunset

Twin Peaks

Eine Hochzeitsgesellschaft sieht sich auf einem alten Schloss am Rand der italienischen Alpen merkwürdigen Attacken und Halluzinationen ausgesetzt. Eine okkulte Vereinigung, die in den Verliesen ihr Unwesen treibt, braucht Blutopfer für die Wiedererweckung der vor 500 Jahren hingerichteten Hexe Isabella (Rita Calderoni), deren Reinkarnation die schöne Braut Lauren ist. Nach etlichen Toden, Scheintoden, Vergewaltigungen, Nippelgroßaufnahmen und Vermisstenmeldungen verwandeln sich die männlichen Gäste, unter ihnen Jack Nelson (Mickey Hargitay), der wiedergeborene Lover Isabellas, auch noch in Vampire und machen Jagd auf schöne Frauenhälse …

Es ist recht schnell klar, dass Polsellis auch mit RITI, MAGIE NERE E SEGRETI ORGE NEL TRECENTO … nicht als flammender Verfechter der formalen oder überhaupt nur irgendeiner Logik in die Geschichtsbücher eingehen wird. Gleich zu Beginn wird eine miniberockte Trulla von rotgewandeten Butzemännern auf einem Plastikaltar geopfert, der etwas an die maßstabsungenaue Bühnendeko von Spinal Tap erinnert. Nach einem harten Schnitt verbreitet sich die Kunde ihres Todes unter ihren Freundinnen wie ein Lauffeuer, doch so richtig überrascht sind die Damen nicht: „Sie wurde umgebracht!“ – „Ja, ich weiß, Dämonen haben ihr das Herz rausgerissen.“ All das kann die Damen nicht davon abhalten, zur Hochzeit Laurens auf ein düsterromantisches Schlösschen zu fahren und dort dumm in der Gegend rumzustehen. Es muss in der Folge gar nichts wirklich Außergewöhnliches passieren, um das Gefühl zu haben, eines besonders miesen Albtraums teilhaftig zu werden: Die ausnehmend hölzern agierenden, mit nur einem Gesichtsausdruck ausgestatteten Darsteller sondern am laufenden Meter hanebüchenes Zeug ab, ihre „Charaktere“ sind meist kaum mehr als körperlich präsent und erhalten teilweise erst in den letzten zehn Minuten des Films überhaupt einen Namen, was einer herkömmlichen Identifikation eher abträglich ist. Das narkoleptische Temperament, das ich eben schon ansprach, ist allen zu eigen, sodass auch die merkwürdigsten Vorgänge nie zu Konsequenzen führen. Und, oh ja, es gehen einige wirlich rätselhafte Dinge auf dem Schloss vor, die die auch schon nicht gerade langweilige Polselli-Realität noch mächtig durcheinander wirbeln. Da wird gehobelt, dass es nur so kracht, Frauen werden von imaginären Vampiren überfallen, die ihnen an den Brüsten rumschrauben, im alten Folterkeller gepiekst oder auch mal „nur“ eine Treppe runtergeschubst und herzzerreißend idiotische Erklärungsversuche für dieses Treiben bemüht. Das Highlight für mich war aber eindeutig Laurens Bräutigam, der einer akzidentellen Lebendigbeerdigung im schwarzen Lederanzug und mit einer weißen Fellmütze ausgestattet beiwohnt: Sein Style ist geil genau wie ’ne X-File.

Es ist aber vor allem Polsellis Inszenierung, die dem Fass namens RITI, MAGIE NERE E SEGRETI ORGE NEL TRECENTO … endgültig den Boden ausschlägt und ihn zu einem geradezu metaphysischen Filmerlebnis macht: So müssen sich Menschen fühlen, wenn sie langsam in den Wahnsinn abgleiten. Der Schnitt zerstört jede Ahnung von Kohärenz und Chronologie, ohne dies jedoch zur erkennbaren Erzählstrategie zu machen. Für Polselli scheint das alles ganz normal zu sein. Personen tauchen auf und verschwinden wieder, zum Showdown wechseln Tag- und Nachtaufnahmen sich munter ab, das Zeit-Raum-Kontinuum es wird zum Spielball in Polsellis klobigen Flossen. Ich war auf dieses Chaos einigermaßen vorbereitet, kenne ich doch Polsellis nicht weniger deliriösen DELIRIO CALDO: Dieser merkwürdige Serienkillerfilm – ebenfalls mit Janye Mansfields Ehemann Mickey Hargitay – glänzt in der deutschen Fassung mit einer sprachlos machenden Synchro, die ihn zu einem der größten Baddies neben Lenzis ebenfalls kreuzdebilen LE PORTE DELL’INFERNO macht, aber auch durch die beschriebene Handschrift des Regisseurs. Man ist geneigt, diesen Film als Machwerk eines komplett Ahnungs- und Talentlosen zu verlachen, bis dann ein Plottwist herniedergeht, der Adrian Lynes JACOB’S LADDER um fast 20 Jahre vorwegnimmt und die Einordnung plötzlich gtar nicht mehr so einfach macht. RITI, MAGIE NERE E SEGRETI ORGE NEL TRECENTO … entlässt mich kaum weniger ratlos: Der Film ist komplett bescheuert, unterirdisch gespielt und verstößt so ziemlich gegen jedes geschriebene und ungeschriebene Gesetz des filmischen Erzählens. Anflüge von echtem im Gegensatz zu unfreiwilligem Humor, die schiere Konzentration verfremdender Effekte und eine zumindest teilweise wirklich schöne Fotografie und expressive Beleuchtung halten mich aber davon ab, Polselli einfach nur als Dilettant zu bezeichnen. Man kann nicht verleugnen, dass RITI, MAGIE NERE E SEGRETI ORGE NEL TRECENTO … auf seine eigene unerklärliche Weise funktioniert und ja, auch irgendwie ziemlich effektiv dabei ist. Bei surreal angehauchten Filmen wird schnell das Wörtchen „traumgleich“ oder „Traumlogik“ bemüht, nur ganz selten trifft es aber dermaßen ins Schwarze wie bei Polselli, wo zu jeder Zeit alles möglich ist und gerade deshalb nichts mehr überrascht. Die leichenartige Contenance der Figuren scheint die einzig angemessene Möglichkeit, noch auf das Chaos zu reagieren, und dennoch steigert sich der Film in einen wahren Rausch aus schmuddeligem Sex, Folterkellerromantik, knatschrotem Tomatenketchupblut, hingeschluderten Dialogszenen, Stroboskopschnitten, meterbreiten Schnurrbärten und geschmacklosen Kostümen. Sinn im herkömmlichen Sinn ergibt das zu keiner Sekunde, aber, und da geht es mir wie seinen Charakteren, es ist einfach scheißegal. Hauptsache, es knallt.

 

Nach den Ereignissen aus HOWLING: Ben White (Reb Brown) wohnt der Beerdigung seiner Schwester bei, als der mysteriöse Stefan Crosscoe (Christopher Lee) ihm offenbart, dass diese ein Werwolf war, der den Freitod gesucht hatte. Ben ist ungläubig, doch die Reporterin Jenny Templeton (Annie McEnroe), eine Arbeitskollegin seiner Schwester, überzeugt ihn, zusammen mit Crosscoe nach Transylvanien zu reisen, von wo aus die Werwolfkönigin Stirba (Sybil Danning) die Weltherrschaft der Werwölfe anstrebt …

Die Erstbegegnung mit diesem Film via RTLplus-Videoaufzeichnung in unschuldigen Teenagerjahren war ein denkwürdiges Erlebnis. Erwartet hatte ich einen straighten Werwolfhorrorfilm (Joe Dantes Original war mir nur nominell bekannt), was ich zu sehen bekam, sprengte aber die Grenzen gewöhnlichen Genrekinos mit sexploitativen Elementen und einer sich durch den Film ziehenden, nur wenig greifbaren fremdartigen Atmosphäre – nicht, dass ich das damals so hätte beschreiben können, da war ich einfach nur sprachlos und meine, mich daran erinnern zu können, mehr als nur etwas beschämt von HOWLING II gewesen zu sein. Diese Reaktion scheint aber eine durchaus gängige Rezeptionserfahrung für Zuschauer des Films zu sein: Durchforstet man das Web nach Rezensionen und Texten zu Moras Film, findet man zahlreiche, die ihn als abstrusen Trash in die So-bad-it’s-good-Kategorie einsortieren, damit aber weniger den Film charakterisieren, als vielmehr die eigene Verwirrung demonstrieren. Klar, HOWLING II (der auch noch den schönen Alternativ-Subtitel STIRBA, WEREWOLF BITCH trägt) ist ein ziemlich wüstes Teil und als Horrorfilm nur mäßig erfolgreich. Aber dafür leistet Mora in anderer Hinsicht Beachtliches: Er verquickt der Exploitation-Sphäre angehörende Elemente, wie einen Christopher Lee mit modischer Sonnenbrille, einen New-Wave-Titelsong, einen um sich ballernden Reb Brown, eine in Fetischklamotten gewandete Sybil Danning, groteske Splattereffekte und viel sleazig inszenierten Sex, mit einer dem Arthouse- und Avantgarde-Kino zuzurechnenenden Montagetechnik und einer traumgleich-surrealen Narration und irrirtiert de Betrachter damit nachhaltig. Es gibt nur wenige Filme – jedenfalls fallen mir nicht allzu viele ein – bei denen die gängigen Werkzeuge der Filmkritik so wenig dazu geeignet sind, das Filmerlebnis treffend zu beschreiben. HOWLING II: YOUR SISTER IS A WEREWOLF ist mehr als das, was auf der Leinwand zu sehen ist. HOWLING II: YOUR SISTER IS A WEREWOLF ist Kunst.