Mit ‘Shehmaz Begum’ getaggte Beiträge

Männer vergewaltigen Frauen und werden von einer mysteriösen Katzenfrau blutig dafür bestraft. Ein Polizist ermittelt und verdächtigt einen Rocker, der aber unschuldig ist. Eine Gang grell geschminkter und gekleideter Punks treibt ihr Unwesen und wird nach und nach von der Katzenfrau dezimiert. Zwischendurch singen Menschen und dicke Frauen machen Bauchtanz …

Ich fürchte zwar, der obige Versuch, diesen Film in ein paar Sätzen zusammenzufassen, hilft niemandem wirklich weiter, aber viel mehr als das habe ich einfach nicht mitbekommen: Das liegt zum einen mal wieder daran, dass es weder eine Untertitelspur noch eine Synchro zu diesem bizarren Film gibt, viel mehr aber noch daran, dass sich alles in DA KHWAR LASME SPOGMAY dem gesunden Menschenverstand verschließt, zumindest jenem, der im Westen geprägt wurde. Zum Glück habe ich diesen Text gefunden, sodass ich mit meiner Traumabewältigung nicht ganz allein bin. Und ein paar der lebensnotwendigen Hintergrundinformationen, die ich ihm entnommen habe, fasse ich hier mal kurz zusammen, weil ich sonst kaum weiß, wie ich das Chaos in meinem Kopf, das dieser Film ausgelöst hat, in einen lesbaren Eintrag umformen soll. DA KHWAR LASME SPOGMAY ist ein Pashto-Film: Er entstammt einer in Peshawar, im Nordwesten Pakistans zentrierten Filmindustrie, deren Produktionen sich überwiegend an die Paschtunen richtet, ein als konservativ geltendes Völkchen, dessen Lebensraum sich bis in den Süden Afghanistans erstreckt. Nach langsamem Start in den späten Dreißiger-/frühen Vierzigerjahren stieg die Zahl der Pashto-Filme in den späten Sechziger- und den Siebzigerjahren massiv an, bevor der Siegeszug von Fernsehen und Video in den Achtzigern dieser Entwicklung ein Ende bereitete. Um das Überleben der Industrie zu sichern, richteten sich die Filmproduktionen fortan vor allem an ein männliches, überwiegend armes Publikum: Sex & Crime standen fortan im Mittelpunkt des Interesses, der Ruf des Pashto-Kinos wurde nachhaltig beschädigt, es steht mittlerweile synonym für billigen Schund. Ein längeres Zitat: „Noted India and Pakistan film expert Omar Ali Khan […] has even mentioned that some cinemas would start out playing the normal sleazy awful film, then switch reels to European porn, and then return to the actual film for the final reel. Pashto cinema became known for women wearing skimpy costumes gyrating around with repeated zooms or closeups of the crotch region. It is just a weird thing to see. And these films passed the censor boards in the area, making the whole thing even more bizarre. Pashto men are manly men with big mustaches and everyone is shouting all the time. It’s like Turkish film to the power of 100.“

DA KHWAR LASME SPOGMAY – was angeblich so viel bedeutet wie „Schön wie der 14. Mond“ – ist zunächst mal lang: 110 Minuten dauert der zweifelhafte Spaß, wobei schätzungsweise 40 davon für zahlreiche ausgedehnte Gesangs- und Tanznummern draufgehen. Formaltechnisch ist er eine mittlere Katastrophe: Er sieht unglaublich billig aus und wirkt mit seinen zahlreichen Verschmutzungen und den ausgeblichenen Farben trotz seines doch recht niedrigen Alters wie ein aus irgendeinem verschütteten Archiv geborgener Film aus den frühen Siebzigerjahren. Zwischendurch ist eine Szene mal völlig unscharf, was die Illusion, dass hier auch mal nicht der erste Take genommen worden sein könnte, endgültig zerstört. Schnitt und Ton gehen eine unheilige Allianz ein, scheinen einzig das Ziel zu verfolgen, die Zuschauer in den Wahnsinn oder in einen epileptischen Anfall zu treiben: Da kreischt und dröhnt es in einem Fort, während irgendwo darunter ein geklauter Score vor sich hin dudelt, und dazu die Bilder der Katzenfrau – die Regisseurin höchstselbst, die eine Badekappe mit Katzenohren sowie Handschuhe mit Plastikkrallen trägt – im Stroboskop-Rhythmus auf einen niederprasseln. Überhaupt die Frauen: Konnte man auch am sehr züchtigen, fast verschämten ZINDA LAASH noch gut erkennen, dass der Pakistani ein Faible für mollige Frauen hat, so werden die kleinen Butterfässchen hier von allen Seiten ausführlich beleuchtet. Zwar gibt es keine explizite Nacktheit zu begutachten, dennoch legen die verschiedenen Damen jegliche Scheu ab, zeigen ihre weichen Speckpölsterchen von allen Seiten und inszenieren sich in einer Art, die man bei Damen ihres Formats in unseren Breiten (äehm …) als eher unpassend empfände. In einer lustigen Szene streckt eine Frau ihrem love interest den dicken Po entgegen, den dieser daraufhin mit seinen Fäusten bearbeitet wie einen Punchingball. Die Männer sind wie in obigem Zitat erwähnt alle beschnurrbartet und dominant, außer eben sie begegnen ihren dicken Herzensdamen: Dann sind sie plötzlich ziemlich unbeholfen. 

Normalerweise müsste ich nach etabliertem Baddie-Berichterstattungsbrauch noch en detail auf diverse Verfehlungen und Unglaublichkeiten dieses Films eingehen, aber das scheint mir gänzlich unmöglich. Irgendwann ab Minute 30 starrte ich ob der eigenen Unfähigkeit, das Gebotene irgendwie fassen zu können, nur noch völlig konsterniert auf den Bildschirm. Dutzende von handelnden Figuren geben sich in DA KHWAR LASME SPOGMAY die Klinke in die Hand und nahezu jede bekommt einen Partner zur Seite gestellt, mit dem eine eigene Gesangsnummer absolviert wird. Figuren, die man als Protagonisten ausgemacht zu haben glaubte, verschwinden einfach mal für eine halbe Stunde, bevor sie dann wieder zu alter Funktion zurückkehren. Irgendwann habe ich es tatsächlich als körperliche Arbeit empfunden, diesen Film weiterzusehen. Die Seherfahrung kann ich nur damit vergleichen, wie es wohl sein mag, auf LSD am Iron-Man-Triathlon teilzunehmen. Ich habe zwar weder Erfahrung mit halluzinogenen Drogen noch mit Triathlon, aber deshalb passt der Vergleich ja auch so gut: Nichts konnte mich auf DA KHWAR LASME SPOGMAY vorbereiten. Wer glaubt, schon alles gesehen zu haben, hat garantiert noch nie einen Pashto-Film gesehen. Danach ist nichts mehr so wie vorher und man weiß, dass man nichts weiß.