Mit ‘Shirley Temple’ getaggte Beiträge

Es ist eine komplexe, komplizierte Welt: Die kleine Priscilla Williams (Shirley Temple) reist mit ihrer Mutter Joyce (June Lang) aus den USA nach Indien, um den Groß- und Schwiegervater zu besuchen, Colonel Williams (C. Aubrey Smith), der hier ein Regiment befehligt und die Aufgabe hat, den Rebellenführer Koda Khan (Cesar Romero) in Schach zu halten. Ob es hier Indianer gebe, wie zu Hause, fragt sie. Nein, die Indianer zu Hause seien fälschlicherweise so genannt worden, hier leben die echten Indianer. Ist denn dann der Opa auch ein Indianer? Nein, der ist hier auf Befehl der Königin von England. Aber immerhin wird es bei ihm ab sofort immer genug zu Essen geben.

Priscilla ist in John Fords Verfilmung einer Kurzgeschichte von Rudyard Kipling eines dieser typischen rotbäckigen, großäugig staunenden, zum Wegrennen niedlichen Kinder, deren erzählerische Funktion darin besteht, Komplexität mit der entwaffnenden Klarheit des kindlichen Blicks zu reduzieren – und natürlich harte Männerherzen zu erobern und aufzuweichen. Am Bahnhof angekommen beobachtet sie die Verhaftung Koda Khans und wie der dabei ein Amulett verliert: In naiver Missachtung der Gefahr stürzt sie hinter ihm her, um ihn den verlorenen Besitz zurückzugeben. Zwar kann der freundlich-knurrige Sergeant MacDuff (Victor McLaglen) sie eben noch zurückhalten, aber sie zieht mit ihrem Mut die Aufmerksamkeit und die Bewunderung des Banditen auf sich. Am Wohnsitz des streng-autoritären Großvaters wird sie unter dem Namen „Wee Willie Winkie“ zur Freude der Soldaten zum Rekruten ausgebildet und knackt mit ihrer offenen Art die harte Schale des Colonels. Am Ende, nach einem Überfall, bei dem ihr Freund McDuff tödlich verwundet wird, begibt sie sich todesmutig ins Versteck Koda Khans, um bei diesem für eine friedliche Beilegung des Konflikts zu werben. Doch der Colonel rückt schon mit seinen Männern an, um die Enkelin zu befreien.

Ich kann WEE WILLIE WINKIE nicht ganz vom Schmonzetten-Charakter freisprechen: Mit seiner zuckersüßen Hauptdarstellerin zielte der Film mit Sicherheit auch auf den Beschützerinstinkt von Mamas und Omas ab, die dann im Kino in Verzückung lachen oder Taschentücher vollheulen sollten. Die gerade neunjährige Temple war bereits ein veritabler Star und absolvierte mit WEE WILLIE WINKIE ihren sage und schreibe 22. Filmauftritt. Sie ist der unumstrittene Mittelpunkt des Films, aber zum Glück gibt es um sie herum noch ein paar andere interessante Darsteller und Rollen. Ford-Veteran McLaglen – die beiden drehten sieben Filme zusammen – ist wunderbar in der ihm auf den Leib geschriebene Rolle des vierschrötigen, aber herzensguten MacDuff, aber C. Aubrey Smith steht ihm als altehrwürdiger Colonel, der es sichtlich genießt, dass jemand sich traut, an seiner Fassade der Autorität zu kratzen, kaum nach. Cessar Romero hat nicht so viel zu tun, versieht den Rebellenanführer aber mit dem exotisch-geheimnisvollen Charme, mit dem Hollywood solche Ganoven noch bis heute gern ausstattet.

Ein vergessenes Meisterwerk sollte man nicht unbedingt erwarten, aber selbstredend profitiert WEE WILLIE WINKIE von der souveränen Regie Fords, der so gut es geht verhindert, dass der Kinderstar zu viel Raum bekommt, sein Film allzu rührselig wird. Und natürlich gibt es dann auch die Momente, die aufmerken lassen. Die Szene etwa, in der Mutter Joyce den strengen Schwiegervater mit dem Vorwurf konfrontiert, ein herzloser Knochen zu sein, und der ihr sehr schlüssig erklärt, dass es in seiner Welt, in der täglich das Leben der im untergebenen Männer auf dem Spiel steht, keinen Platz für Sentimentalitäten gibt, Disziplin und eine gewisse Härte überlebensnotwendig sind. Oder natürlich der Tod von MacDuff, der sein Leben aushaucht, während die kleine Priscilla für ihn „Auld lang syne“ singt. Ford melkt den Augenblick bis auf den letzten Tropfen aus, aber Spuren hinterlässt er trotzdem, auch weil der Kniff, den Moment des Todes selbst nicht im Bild festzuhalten, im die dringend nötige Distanz verleiht. Auch fotografisch setzt Ford mit seinem DoP Arthur C. Miller einige Glanzlichter: Ganz zu Beginn etwa, wenn man von außen durch das Fenster in das Zugabteil blickt, durch das im Vordergrund die staunende Priscilla hinausschaut, im Hintergrund leicht verschwommen die Mutter. Bildkompositionen, die Meisterschaft in flüchtigen Momente zeigen. Aus heutiger Perspektive mag man die Darstellung des verräterischen Dieners nicht ganz unproblematisch finden, aber Fords Humanismus behält stets die Oberhand. Seinen Realismus kann ihm aber auch die süße Shrley Temple nicht austreiben. Zum Glück.