Mit ‘Shirley Temple’ getaggte Beiträge

Wenn ich hier über Fords Filme schreibe – mit meiner umfassenden Retrospektive habe ich vor über vier Jahren angefangen, eigentlich mit dem ehrgeizigen Ziel, sie innerhalb eines Jahres abzuschließen -, steht mir immer wieder die Filmgeschichte im Weg wie ein Achttausender. Viele von Fords Filmen, FORT APACHE eingeschlossen, sind ja viel mehr als nur das: Sie gehören zum Kanon, sind Meilensteine des US-amerikanischen Kinos, Generationen von Cinephilen, Historikern, Filmwissenschaftlern, Filmkritikern oder einfach nur ganz normalen Kinogängern und Fernsehzuschauern haben sie gesehen, sich eine Meinung über sie gebildet, eine Beziehungen zu ihnen aufgebaut und zum Teil über sie geschrieben. Das, was ich hier auf begrenztem Raum zum Besten gebe, ist demgegenüber immer ein Kompromiss, der Gefahr läuft, hoffnungslos subjektiv und uninformiert zu sein, ein weiteres belangloses Tröpfchen in einem Meer von Texten, die die fraglichen Titel seit ihrer Uraufführung inspiriert haben. Das ist manchmal entmutigend, aber ich habe beschlossen, mich davon nicht weiter beeinträchtigen zu lassen. Fords Werk wird meine von gefährlichem Halbwissen geprägten, keinen Anspruch auf wissenschaftliche Fundiertheit erhebenden Ergüsse ganz gewiss unbeschadet überstehen – umso mehr, als ich sowieso fast ausschließlich lobende Worte für sie übrig habe. Hoffentlich sind sie ein Beleg dafür, dass seine besten Filme auch heute noch faszinierendes Kino darstellen, das seit damals nur wenig von seiner Kraft verloren hat. Vielleicht fühlt sich der ein oder andere inspiriert, sie sich selbst anzuschauen, sich seine eigene Meinung zu bilden und diese auch zu teilen. Letzten Endes geht es nur darum, die Geschichte der Filme weiterzuschreiben. Auch wenn man nur eine Fußnote zum großen Text beiträgt.

Die Filmgeschichte also: FORT APACHE markiert den ersten Teil der sogenannten Kavallerie-Trilogie, dessen weitere Teile SHE WORE A YELLOW RIBBON und RIO GRANDE sind, beide mit John Wayne in der Hauptrolle. Nach dem finanziellen Misserfolg von THE FUGITIVE brauchte der Filmemacher dringend einen Hit, weshalb er sich dem kommerziell verlässlichen Westerngenre zuwendete und erneut das Monument Valley bereiste, wo er zuvor bereits STAGECOACH und MY DARLING CLEMENTINE gedreht hatte. (Unvorstellbar, dass er damals keineswegs eine bereits allseits beliebte Touristenattraktion ablichtete, sondern diese für Millionen von Touristen überhaupt erst entdeckte.) Die Entscheidung erwies sich als goldrichtig: Ford gelang der benötigte Erfolg, der ihn auch als Produzent etablierte, und darüber hinaus ein echter Klassiker, der zudem als einer der ersten pro-indianischen Western in die Geschichtsbücher einging.

FORT APACHE erzählt die Geschichte der im titelgebenden Stützpunkt im äußersten Südwesten der USA stationierten Soldaten, die die Aufgabe haben, die dort beheimateten Apachen zu befrieden. Kopf des Regiments ist der besonnene Captain York (John Wayne), der die Indianer gut kennt und aufgrund seiner Besonnenheit den Respekt ihres Häuptlings Cochise (Miguel Inclán) gewinnen konnte. Doch mit der Ankunft von Lieutenant Colonel Owen Thursday (Henry Fonda) wendet sich das Blatt: Der Mann wurde trotz seiner Leistungen im Sezessionskrieg degradiert und in den verhassten Westen abkommandiert, wo er sich nun mit militärischen Erfolgen einen neuen Namen zu machen erhofft. Doch mit seinem unmenschlichen, auf Disziplin und Autorität fußenden Stil macht er sich keine Freunde, und auch im Umgang mit den Indianern schlägt er jeden Rat des erfahrenen York aus. Sein Weg führt in die offene Auseinandersetzung und die Katastrophe. Aber zumindest in einer Hinsicht erreicht er sein Ziel: Er wird durch seinen Tod zum gefeierten Militärhelden.

„When the legend becomes fact, print the legend!” Der berühmte Satz fällt zwar erst im 15 Jahre später entstandenen THE MAN WHO SHOT LIBERTY VALANCE, aber die darin zum Ausdruck kommende Haltung oder Überzeugung Fords ist auch der Kern von FORT APACHE: Als Reporter am Ende mit leuchtenden Augen Auskunft über Thursdays Heldentaten und seine inspirierende Tugendhaftigkeit von York haben wollen, gibt der ihnen, was sie brauchen (der Zuschauer, der Thursday erlebt hat, hört Yorks Kritik zwischen den Zeilen heraus). Nicht nur liegt es ihm fern, den Namen eines Toten in den Schmutz zu ziehen, er weiß auch genau um die identitätsstiftende Kraft, die von Heldengeschichten ausgeht – und er hat verstanden, dass die Fortschreibung der Legende keinen negativen Einfluss auf seine Truppen haben wird: Ihr Spirit wird letztlich nicht von den Befehlshabern bestimmt, sondern von den einfachen Männern, die Tag für Tag ihr Leben riskieren oder es sogar opfern. Dass der New York Herald Tribune den Film anlässlich der Kritik zur Uraufführung als Kriegsverherrlichung beschrieb, ist vor diesem Hintergrund nachvollziehbar: Nicht nur aus heutiger Sicht ist Fords Zeichnung des Militärs als verschworener, gut gelaunter Haufen echter Patrioten (die allerdings aus den unterschiedlichsten Nationen stammen – ein Standard des Ford’schen Schaffens und ein Grund, warum seine Filme so reich sind) gnadenlos romantisch und sentimental. Aber Ford ist alles andere als ein Kriegstreiber, das zeigt auch FORT APACHE, der keinen Zweifel an der Schuld lässt, die die USA im Umgang mit den Indianern auf sich geladen haben (mit seinen häufigen Dreharbeiten im Monument Valley wurde Ford nebenbei zu einem der größten wirtschaftlichen Förderer der dort verbliebenen Navajo-Indianer), und deutliche Kritik an militärischer Betonköpfigkeit, falschem Stolz und Ehrgefühl übt, die im Wesentlichen ursächlich sind für Kriege und sinnlose Tode.

Das Faszinierende an FORT APACHE ist aber, dass er noch so viel mehr erzählt. Ford liefert eine immens detaillierte Zeichnung des militärischen Lebens an einem der äußersten Vorposten der Zivilisation, einen scharfen Blick auf längst vergangene Rituale, Traditionen und Gepflogenheiten und deckt dabei die ganze emotionale Palette ab. In zwei Stunden taucht man tief ein in diese fremde Welt, die von zahlreichen Figuren bevölkert wird, die trotz ihrer Typenhaftigkeit glaubwürdig und echt wirken. Das Spannungsverhältnis zwischen ihnen ist für die dramaturgische Entwicklung dabei fast genauso wichtig wie der rote Faden des Plots. Ein Beispiel: Der degradierte Owen Thursday wird gespiegelt in dem alternden Veteranen O’Rourke (Ward Bond), der nach dem Sezessionskrieg ebenfalls zurückgestuft wurde, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Sein Sohn Michael (John Agar) verliebt sich in Thursdays Tochter Philadelphia (Shirley Temple), doch als er bei ihrem Vater um ihre Hand anhält, lehnt dieser brüsk ab: Es geziemt sich für eine Offizierstochter nicht, mit einem niederen Soldaten anzubändeln. Der Eklat findet später bei einer Tanzveranstaltung seine für Thursday peinliche Fortführung, als er erfährt, dass die Tradition in Fort Apache es verlangt, dass er den Eröffnungstanz mit O’Rourkes Gattin absolviert. Es ziehen sich zahlreiche solcher kleiner Subplots durch den Film, viele davon entfalten sich kaum sichtbar unter der Oberfläche: Einer der ungeübten Freiwilligen, die von dem groben, aber gutmütigen Sergeant Festus Mulcahy (Victor McLaglen) ausgebildet werden, ist am Schluss etwa als First Sergeant unter Befehlshaber York zu sehen. Da werden weitere Geschichten und ganze Biografien quasi im Vorbeigehen angedeutet. Es gibt nur wenige Filmemacher, die das so gut können, wie Ford und dahinter steckt das große Herz für den einfachen Arbeiter, der mit seinem Pflichtbewusstsein und seiner Opferbereitschaft das Rückgrat der Nation bildet. Als Philadelphia angesichts der staubigen Behelfsmäßigkeit ihrer Behausung – für deren Pflege und Einrichtung der ganz auf seine Karriere bedachte Vater natürlich keine Zeit hat – in Verzweiflung gerät, sucht sie die patente Miss Collingwood (Anna Lee) auf, die in Windeseile eine Einrichtung aus gefundenen und geliehenen Möbelstücken zusammenstellt. Für den Film als Ganzes hat diese Episode nur periphäre Bedeutung und der direkte Nutzen, den Ford daraus zieht, ist ein kleiner Gag auf Kosten des hüftsteifen Thursday (der Sessel, in den er sich niederlässt, bricht unter ihm zusammen und er muss sich von den Frauen wieder auf die Füße helfen lassen), aber sie spiegelt eben jene Improvisationsgabe und Findigkeit, die es bei der Gründung der USA bedurfte.

Natürlich kann man über den Film nicht sprechen, ohne auf die ikonischen Bilder einzugehen, die Ford aus dem Monument Valley mitbrachte. Die bizarren, unverwechselbaren Felsformationen künden von der tiefen Bedeutung der menschlichen Handlungen, die sich vor ihnen entfalten, setzen diese aber gleichzeitig auch in Perspektive: Der Einzelne, so dramatisch sein Schicksal auch sein mag, ist letztlich nur ein Staubkörnchen im Angesicht dieser steinernen Giganten, die die Jahrtausende ungerührt überdauert haben (das Monument Valley war in grauer Vorzeit mal von Meer bedeckt). Ford filmte die Szenen um die große Schlacht mit speziellem Infrarot-Material, das die Kontraste besonders hervorhob, Menschen in lebende Statuen verwandelte und dramatische Wolkenformationen zeichnete. Historie ist bei Ford die Geschichte, die wir uns erzählen, das Bild, das wir uns davon machen, der Traum, dem wir nacheifern. Er beteiligt sich an dieser künstlerischen Aufbereitung: Aber er fällt auf die Illusion nicht herein.

Es ist eine komplexe, komplizierte Welt: Die kleine Priscilla Williams (Shirley Temple) reist mit ihrer Mutter Joyce (June Lang) aus den USA nach Indien, um den Groß- und Schwiegervater zu besuchen, Colonel Williams (C. Aubrey Smith), der hier ein Regiment befehligt und die Aufgabe hat, den Rebellenführer Koda Khan (Cesar Romero) in Schach zu halten. Ob es hier Indianer gebe, wie zu Hause, fragt sie. Nein, die Indianer zu Hause seien fälschlicherweise so genannt worden, hier leben die echten Indianer. Ist denn dann der Opa auch ein Indianer? Nein, der ist hier auf Befehl der Königin von England. Aber immerhin wird es bei ihm ab sofort immer genug zu Essen geben.

Priscilla ist in John Fords Verfilmung einer Kurzgeschichte von Rudyard Kipling eines dieser typischen rotbäckigen, großäugig staunenden, zum Wegrennen niedlichen Kinder, deren erzählerische Funktion darin besteht, Komplexität mit der entwaffnenden Klarheit des kindlichen Blicks zu reduzieren – und natürlich harte Männerherzen zu erobern und aufzuweichen. Am Bahnhof angekommen beobachtet sie die Verhaftung Koda Khans und wie der dabei ein Amulett verliert: In naiver Missachtung der Gefahr stürzt sie hinter ihm her, um ihn den verlorenen Besitz zurückzugeben. Zwar kann der freundlich-knurrige Sergeant MacDuff (Victor McLaglen) sie eben noch zurückhalten, aber sie zieht mit ihrem Mut die Aufmerksamkeit und die Bewunderung des Banditen auf sich. Am Wohnsitz des streng-autoritären Großvaters wird sie unter dem Namen „Wee Willie Winkie“ zur Freude der Soldaten zum Rekruten ausgebildet und knackt mit ihrer offenen Art die harte Schale des Colonels. Am Ende, nach einem Überfall, bei dem ihr Freund McDuff tödlich verwundet wird, begibt sie sich todesmutig ins Versteck Koda Khans, um bei diesem für eine friedliche Beilegung des Konflikts zu werben. Doch der Colonel rückt schon mit seinen Männern an, um die Enkelin zu befreien.

Ich kann WEE WILLIE WINKIE nicht ganz vom Schmonzetten-Charakter freisprechen: Mit seiner zuckersüßen Hauptdarstellerin zielte der Film mit Sicherheit auch auf den Beschützerinstinkt von Mamas und Omas ab, die dann im Kino in Verzückung lachen oder Taschentücher vollheulen sollten. Die gerade neunjährige Temple war bereits ein veritabler Star und absolvierte mit WEE WILLIE WINKIE ihren sage und schreibe 22. Filmauftritt. Sie ist der unumstrittene Mittelpunkt des Films, aber zum Glück gibt es um sie herum noch ein paar andere interessante Darsteller und Rollen. Ford-Veteran McLaglen – die beiden drehten sieben Filme zusammen – ist wunderbar in der ihm auf den Leib geschriebene Rolle des vierschrötigen, aber herzensguten MacDuff, aber C. Aubrey Smith steht ihm als altehrwürdiger Colonel, der es sichtlich genießt, dass jemand sich traut, an seiner Fassade der Autorität zu kratzen, kaum nach. Cessar Romero hat nicht so viel zu tun, versieht den Rebellenanführer aber mit dem exotisch-geheimnisvollen Charme, mit dem Hollywood solche Ganoven noch bis heute gern ausstattet.

Ein vergessenes Meisterwerk sollte man nicht unbedingt erwarten, aber selbstredend profitiert WEE WILLIE WINKIE von der souveränen Regie Fords, der so gut es geht verhindert, dass der Kinderstar zu viel Raum bekommt, sein Film allzu rührselig wird. Und natürlich gibt es dann auch die Momente, die aufmerken lassen. Die Szene etwa, in der Mutter Joyce den strengen Schwiegervater mit dem Vorwurf konfrontiert, ein herzloser Knochen zu sein, und der ihr sehr schlüssig erklärt, dass es in seiner Welt, in der täglich das Leben der im untergebenen Männer auf dem Spiel steht, keinen Platz für Sentimentalitäten gibt, Disziplin und eine gewisse Härte überlebensnotwendig sind. Oder natürlich der Tod von MacDuff, der sein Leben aushaucht, während die kleine Priscilla für ihn „Auld lang syne“ singt. Ford melkt den Augenblick bis auf den letzten Tropfen aus, aber Spuren hinterlässt er trotzdem, auch weil der Kniff, den Moment des Todes selbst nicht im Bild festzuhalten, im die dringend nötige Distanz verleiht. Auch fotografisch setzt Ford mit seinem DoP Arthur C. Miller einige Glanzlichter: Ganz zu Beginn etwa, wenn man von außen durch das Fenster in das Zugabteil blickt, durch das im Vordergrund die staunende Priscilla hinausschaut, im Hintergrund leicht verschwommen die Mutter. Bildkompositionen, die Meisterschaft in flüchtigen Momente zeigen. Aus heutiger Perspektive mag man die Darstellung des verräterischen Dieners nicht ganz unproblematisch finden, aber Fords Humanismus behält stets die Oberhand. Seinen Realismus kann ihm aber auch die süße Shrley Temple nicht austreiben. Zum Glück.