Mit ‘Shunya Itô’ getaggte Beiträge

Bei der Konfrontation mit dem Kriminalbeamten Kondo (Mikio Narita), hackt die flüchtige Sasori (Meiko Kaji) diesem den Arm ab. Ihr Weg führt sie in das Haus der Prostituierten Yuki (Yayoi Watanabe), die zusammen mit ihrem geistig zurückgebliebenen Bruder lebt, dem sie immer wieder sexuelle Gefallen tut, um ihn ruhigzustellen – und sogar ein Kind von ihme erwartet. Sasori gerät aus Fürsorge für ihre neue Bekannte zwischen die Fronten eines Unterweltkampfes, bei dem sie auch ihrer alten Bekannten Katsu (Reisen Lee) wiederbegegnet, die ihr schon im Gefängnis das Leben zur Hölle gemacht hatte.

Nach dem psychedelisch-surrealen Vorgänger stellt der dritte Teil – auch der letzte, der von Itô gedreht wurde – eine Rückkehr zum schmutzigen, mit Elementen des Pinku versetzten Crime- und Rachefilms ersten Teil dar, der in dieser Inkarnation allerdings noch deutlich „trockener“ geraten ist. Inszenatorische Kabinettstückchen wie die sich drehenden Bühnenbilder sucht man hier vergebens, im Gedächtnis bleibt hier eher die mit versteckter Kamera gedrehte Sequenz zu Beginn, während der die Titelheldin mit dem abgetrennten Arm Kondos durch die Straßen Tokios rennt, vorbei an ihr verdutzt nachblickenden Passanten. Was die wohl zu Hause erzählt haben?

Ich habe den Film schon vor zwei Wochen gesehen und die Erinnerung ist etwas verblasst, deshalb ist dieser Text hier unter „Pflichterfüllung“ einzusortieren: FEMALE PRISONER SCORPION: BEAST STABLE ist ein hübscher Exploiter, dem aber der kreative Drive der ersten beiden Teile ziemlich abgeht. Meiko Kaji reißt es raus und den ein oder anderen schönen visuellen Einfall gibt es auch wieder, aber wirklich mitgerissen hat mich der Film nicht mehr. Er ist allerdings noch um Lichtjahre stärker als der enttäuschende Abschluss, den es dann demnächst irgendwann hier gibt, wenn ich hoffentlich wieder mehr Lust aufs Schreiben habe.

Nachdem sie am Ende des ersten Teils Rache an ihrem Liebhaber für dessen Verrat genommen hatte und ins Gefängnis zurückgekehrt war, befindet sich Nami (Meiko Kaji) zu Beginn des Sequels seit einem Jahr in Isolationshaft. Als der Justizminister zu Besuch kommt, holt der sadistische Gefängnisdirektor Goda (Fumio Watanabe) die vollkommen geschwächte Frau zu Vorführungszwecken aus der Zelle. Der Auftritt Namis führt zu einer Revolte, die jedoch niedergeschlagen wird. Zusammen mit sechs anderen Frauen soll Nami in ein anderes Gefängnis verlegt werden, doch ihnen gelingt die Flucht durch eine postapokalyptisch anmutende Landschaft.

FEMALE PRISONER 701: JAILHOUSE knüpft unmittelbar an den Vorgänger an, dessen noch sparsam vorhandenen psychedelisch-avantgardistischen Anwandlungen Regisseur Itô nun auf die Spitze treibt: In einem höllenähnlichen Steinbruch wird Nami an einen vertrockneten Baum gebunden; die Flucht führt die Frauen in eine Geisterstadt in den Bergen, wo sie eine greisenhafte Wahrsagerin treffen; ein Gebirgsbach verwandelt sich nach der Ermordung einer der Frauen durch die sie verfolgenden Gefängniswärter in einen Blutstrom; ein bunter Herbstwald umfängt die Flüchtlinge mit der Farbenpracht der fallenden Blätter und alles endet auf einer gigantischen Müllkippe. Ließ sich FEMALE PRISONER #701: SCORPION überwiegend noch als roher Frauenknast- und Rachefilm charakterisieren, der vom Trieb seiner weiblichen Protagonisten und einem straight heruntergerissenen Plot angetrieben wurde, so  wir das Sequel endgültig zur visuell faszinierenden Phantasmagorie, die kaum noch Bezüge zur Realität aufweist, sondern gänzlich in einer Comicwelt oder aber im Kopf der Titelheldin angesiedelt ist.

Leider krankt der Film ein wenig an seiner beliebig anmutenden Handlung – wenn man überhaupt von einer solchen sprechen möchte. Innerhalb der Serie kommt FEMALE PRISONER 701: JAILHOUSE 41 die Aufgabe zu, Nami aus dem Knast in die Stadt zu bringen. Das vollbringt er mit maximalem, meist sogar beeindruckendem Stilbewusstsein, aber inhaltlich bleibt nicht viel hängen – stattdessen schwebt der Vorwurf einer gewissen Prätentiosität über dem Film. Dem ersten Teil merkte man manchmal an, dass Itô viele der Ideen auf die Leinwand, die schon so lange in seinem Kopf gärten, unbedingt auf die Leinwand bringen wollte, doch nie entglitt ihm dabei die straff geführten Zügel. Positiv ausgedrückt könnte an sagen, dass der zweite Teil demgegenüber deutlich freier anmutet, sich Itô ganz und gar von allen erzählerische Zwängen emanzipiert hat; weniger freundlich erinnert der Film an eine Collage von visuellen Ideen, die durch ein wurmstichiges Plotgerüst nur notdürftig zusammengehalten werden. Daran, dass FEMALE PRISONER 701: JAILHOUSE 41 ein faszinierendes Seherlebnis ist, ändert das aber nichts. Es ist sicherlich der ungewöhnlichste Teil der Serie.

Nami Matsushima (Meiko Kaji), Amüsiermädchen in einem Rotlichtbetrieb, wird von dem Kriminalbeamten Sugimi (Isao Natsuyagi), mit dem sie eine glückliche Liebesbeziehung unterhält und der gegen ihre Arbeitgeber ermittelt, verraten. Im Gefängnis sieht sie sich einer ganzen Reihe von Demütigungen ausgesetzt, sowohl durch die sadistische Anstaltsführung als auch durch die weiblichen Mitgefangenen. Doch Nami hält durch, beseelt von der Durst nach Rache an dem Verräter …

FEMALE PRISONER #701: SCORPION, der Auftakt zur vierteiligen Filmreihe (spätere Neuadaptionen nicht mitgezählt) um die stoische Rächerin Nami, die zur Ikone und Kultfigur heranreifte, trägt die typischen Zeichen eines Debütfilms. Vordergründig ein konzentrierter Exploiter mit klar herausgearbeiteter Storyline, sind es die zahlreichen visuellen Raffinessen und Regieeinfälle, die die Grenze zum experimentellen Avantgardefilm immer wieder verwischen. So inkorporiert Itô in der via Rückblende erzählten „Origin-Story“ etwa Elemente wie schwenkbare Bühnenbilder, um den Fortgang der Zeit zu verdeutlichen, sichtbare Szenenübergänge zu schaffen und die Form des reinen Erzählfilms aufzubrechen. Krasse Beleuchtungseffekte erinnern an expressionistische Horrorfilme, unterwandern jeden zaghaften Versuch in Sachen Realismus und verwandeln seinen Film in einen grellen, abstrakten Comic Strip (der Film basiert auf einer Manga-Reihe), der ebenso den japanischen Machismo geißelt wie er dem Fetisch weiblicher Leidensfähigkeit einen reizvoll schillernden Altar baut.

Dass das alles nicht in die misogynistischen Abgründe des Schmierfilms abgleitet, in denen es sich weite Teile des WiP-Films häuslich eingerichtet haben, liegt zum einen an Itô, der keinen Zweifel daran lässt, wie seine Sympathien verteilt sind, zum anderen an Meiko Kaji, die der wilden Entschlossenheit ihrer schweigsamen Rächerin große Anmut und inspirierende Standfähigkeit verleiht. Wenn sie unter den drohenden Augen ihrer Peiniger auch dann noch weiter an ihrem Loch gräbt, als ihre weiblichen Mithäftlinge links und rechts von ihr vor Erschöpfung zu Boden sinken, wenn jede Demütigung an ihr abprallt, sie alles über sich ergehen lässt, weil sie weiß, dass ihr Moment kommen wird, dann sieht man in sie in der guten Gesellschaft meist männlicher Kino-Stoiker – die jedoch anders als sie nur höchst selten als geschlechtliche Wesen aufs Korn genommen wurden.

Itô inszeniert seinen Film mit der unbändigen Kreativität eines Mannes, der jeden visuellen Einfall, der ihn in den Jahren zuvor geplagt hat, auf die Leinwand bringen möchte. FEMALE PRISONER #701: SCORPION birst förmlich vor Experimentierfreude, doch er verliert darüber nie den roten Faden. Wenn seine Protagonistin am Ende ihre Rache bekommt, als schwarzer Engel mit eng anliegendem Mantel und breitkrempigem Hut auf die Jagd geht, schreibt Itô sogar Genrekino-Geschichte. Die Sequels – der nun endgültig in den Bereich der Psychedelik diffundierende zweite Teil FEMALE PRISONER SCORPION: JAILHOUSE 41, der aufgeräumtere dritte FEMALE PRISONER SCORPION: BEAST STABLE und in geringerem Maße der von Yasuharu Hasebe inszenierte Abschluss FEMALE PRISONER SCORPION: #701’s GRUDGE SONG – haben allesamt ihre Stärken und Momente, aber weder bekommen sie die Gratwanderung zwischen raumgreifendem Mitteilungsbedürfnis und größter Konzentration auch nur annähernd so gut hin wie das Original noch haben sie diese Momente für die Ewigkeit. FEMALE PRISONER #701: SCORPION hingegen ist ein echter Klassiker, den jeder Freund des abseitigen Kinos auf dem Zettel haben sollte.