Mit ‘Sidney J. Furie’ getaggte Beiträge

Billy Dee Williams ist Nick Allen, ein nicht näher spezifizierter Agent im Staatsdienst, dessen 15-jährige Tochter an einer Dosis Heroin verreckt. Allen findet schnell den verantwortlichen Dealer und schlägt ihm die Fresse blutig, doch dessen Jammern, er sei doch nur ein einfacher „worker“ leitet einen Erkenntnisprozess bei dem verzweifelten Vater ein: Wenn er wirklich etwas ändern will, dann muss er die bestrafen, die am Anfang des Wertschöpfungsprozesses stehen: eine neunköpfige Gruppe von feinen Herrschaften im fernen Marseille. Allen stellt ein Team von alten, in Ungnade gefallenen Kollegen und Leuten, die selbst ihre Erfahrungen mit dem Drogengeschäft gemacht haben, zusammen, mit denen er den titelgebenden „Hit“ plant. Ihm dicht auf den Fersen sein Vorgesetzter und dessen Bluthunde, die den abtrünnigen Staatsbediensteten in seine Schranken weisen wollen.

Die Anwesenheit von Williams und Pryor schürt in Zusammenhang mit dem Produktionsjahr zunächst Erwartungen auf einen Blaxploiter mit tief bis zu den Knien hängenden Eiern und swagger for days, aber Furies HIT! ist eher ein Verwandter jener eiskalten, furztrockenen Männerfilme und Agententhriller, wie sie damals regelmäßig von Filmemachern wie Don Siegel, Sam Peckinpah, John Flynn oder auch Michael Winner kamen. Im Vergleich zu den beiden erstgenannten ist HIT! sogar noch eine ganze Spur eisiger: Das Handeln von Allen wird ohne jede Romantik oder Nostalgie für einen aussterbenden Typus Mann betrachtet, lediglich mit sachlich-kühler Distanz. Dazu passt auch, dass keinerlei Bemühungen unternommen werden, dem Zuschauer irgendwie entgegen zu kommen. Ich lehne mich jetzt mal so weit aus dem Fenster und behaupte, dass in HIT! keine einzige Zeile expositorischer Dialog gesprochen wird. Nichts wird erklärt, kein Wort vergeudet: Dass die Tote Allens Tochter ist, macht nur der Schnitt klar. Man erfährt nie, welches Amt Allen genau bekleidet. Wenn er jemanden trifft, den er kennt, begrüßt er den nicht erst mit vollem Namen und Berufsbezeichnung und er erklärt auch nie, was genau er eigentlich vorhat. Als er die Leute aufsucht, die später sein Team bilden sollen, weiß man weder, wer die sind noch, was er von ihnen will. Auch die französischen Drogenhändler bleiben komplett namenlos. Man hinkt dem Geschehen immer hinterher, wie die Beamten, die Allens Plan vereiteln wollen, und man muss höllisch aufpassen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Der Verlauf des Films bleibt über weite Strecken unvorhersehbar, nicht, weil er wirklich so anders verliefe als andere, ähnlich gelagerte Filme, sondern weil das Drehbuch so überaus sparsam mit seinen Informationen ist. Im Umkehrschluss wird der Protagonist so mit einer immensen Coolness und Souveränität ausgestattet, die keine markigen One-liner oder sonstige Mätzchen braucht. Allen ist der einzige im Film, der zu jeder Zeit weiß, was Phase ist, und der so in alle Ruhe seinen Plan durchzieht. Und Furie, der damals schon gute 15 Jahre im Geschäft war und dabei mit Superstars wie Marlon Brando, Michael Caine, Diana Ross, Robert Redford und Frank Sinatra zusammengearbeitet hatte, zeigt, warum er als ein vergessener Meister betrachtet werden darf: Ein Film wie HIT! bedarf zum Funktionieren absoluter Selbstsicherheit und einer klaren Vision und Furie lässt zu keiner Sekunde die Zügel schleifen.

Einen kleinen Schönheitsfehler gibt es dann aber doch: die obligatorische Trainingssequenz. Mit seinem Team zieht sich Allen in ein winterlich-ausgestorbenes Nest an einem See zurück, wo er jeden einzelnen in seiner Aufgabe unterweist. Es ist ein Standard des Commando- oder auch des Heistfilms: Die Mitglieder verzweifeln an ihren unterschiedlichen Aufgaben, es gibt vielleicht eine (zwischenmenschliche) Krise, die das Team zwingt, näher zusammenzurücken, bis schließlich jeder seinen Platz einnehmen und gut vorbereitet in die Schlacht ziehen kann. Das ist auch bei HIT! so, doch zum einen unterscheiden sich diese Aufgaben kaum voneinander, zum anderen wirkt das Training gemessen an dem, was sie später leisten müssen, geradezu läppisch. Die Drogenabhängige Sherry (Gwen Welles) wird einen der Drogenhändler in einem Restaurant mit Wein vergiften und dann fliehen müssen (wie es die Strategie des Films ist, weiß man das zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht): Ihr Training sieht so aus, dass sie eine Flasche Wein öffnet und dann ca. 15 Meter weit zur Tür hinaus rennt, während Allen mit der Stoppuhr daneben sitzt und sie dazu antreibt, schneller zu sein. Das große Drama besteht darin, dass sie aufgrund des High-Heels-Zwangs zu langsam ist und an Allens Unnachgiebigkeit verzweifelt. Das wirkt einfach albern und viel zu unspezifisch. Pryors Willie muss einer Yacht hinterhertauchen und den Schurken dann aus dem Wasser mit einer Harpune erschießen. In seinem Training besteht die größte Hürde aber darin, seinen Taucheranzug schnell genug wieder auszuziehen. Das ist einfallslos, unspezifisch und und fügt dem Film nicht nur keine Dramatik hinzu, es lässt die ganze Unternehmung amateurhaft wirken. Hier wäre mit Leichtigkeit mehr drin gewesen. 

Aber auch dieser Makel verhindert letztlich nicht, dass HIT! über seine ganze opulente Spielzeit von zwei Stunden nahezu perfekte, arschtight inszenierte und spannende Unterhaltung bietet, die einen Hollywood-Standard mit frischem Wind beatmet und im Finale dann auch ziemlich ruppig daherkommt. Ein starker Genrebeitrag, der Freunden des Seventies-Männerkinos viel Freude bereiten sollte und zudem den Bonus hat, dass sein Name noch nicht von jedem Baum gerufen wird.

Blonde Haare und breite, unter dem Schopf hervorlugende sideburns, zwischen goldenen Brusthaaren baumelt ein Amulett, braungebrannter Oberkörper, enge Jeans und dann dieses herausfordernde, unverschämt selbstbewusste Gewinnerlächeln, das zu sagen scheint: „Ich weiß, wie unglaublich gut ich aussehe. Sieh mich ruhig weiter an und sonne dich in meinem Glanz!“ Das ist Robert Redford in diesem Film von 1970, den er kurz nach seinem Durchbruch mit BAREFOOT IN THE PARK und BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID, aber auch noch vor den nächsten großen Titeln, JEREMIAH JOHNSON und THE STING, drehte. Es ist ein Film, der ganz und gar von der Strahlkraft seines Stars lebt – der, das muss man ja mal sagen, wirklich ein unglaublich geiler Typ war, dem das Etikett des Softies und Frauenschwarms, das man ihm gern anhängt. zumindest während dieser Zeit seiner Karriere nie gerecht wurde. Insofern ist LITTLE FAUSS AND BIG HALSY auch ein Film, den Redford ein paar Jahre später wahrscheinlich nicht mehr hätte machen können oder wollen. Sein Big Halsy Knox ist ein wahrlich unangenehmer Typ: ein Schnorrer, Profiteur, Wortbrecher, Lügner, ein Feigling und ein selbstverliebter Fatzke, der sich für den Mittelpunkt des Universums hält und erst ganz am Ende, in der allerletzten Einstellung des Films, zu einer Art Selbsterkenntnis zu kommen scheint.

Man liest, Redford selbst habe das Drehbuch von LITTLE FAUSS AND BIG HALSY als das beste bezeichnet, das er in seiner Karriere je erhalten habe, sei mit dem fertigen Film, der wenig beachtet wurde und heute nahezu vergessen ist, aber extrem unzufrieden gewesen. Und das ist zumindest nach der ersten Betrachtung durchaus nachvollziehbar. LITTLE FAUSS AND BIG HALSY handelt von der fragwürdigen Freundschaft zweier ungleicher Charaktere. Halsy Knox (Robert Redford) ist ein ehemaliger Motorrad-Profi, dem wegen Trunkenheit die Rennlizenz entzogen wurde und der nun an Amateurrennen teilnimmt, am Rande herumflaniert, seinen muskulösen Körper zur Schau stellt und willige Groupies abgreift. (Selbst sein etwas neurotischer Tick wirkt sexy: Immer, wenn die Spannung steigt, zieht er eine Zahnbürste aus seiner Arschtasche und putzt sich damit die Zähne.) Little Fauss (Michael J. Pollard) träumt vom großen Rennerfolg und vergöttert den blonden Adonis, der das komplette Gegenteil von ihm ist: gutaussehend, selbstbewusst, mit Schneid bei den Frauen. Aber weil sich Fauss mit Motoren auskennt und ein überaus williger, leicht zu manipulierender Gesell und natürlich keine Gefahr für ihn ist, tut sich Halsy mit ihm, dem knubbelnasigen Zwerg, zusammen. Er wittert seine Comeback-Chance: Wenn er unter Fauss‘ Namen fährt, kann er die ganz großen Preisgelder einstecken. Die „Partnerschaft“ – eigentlich nutzt Halsy den gutgläubigen Fauss gnadenlos aus – endet, als die schöne Rita (Lauren Hutton) zwischen die beiden tritt. Fauss trennt sich von Halsy, der ohne dessen Mechaniker-Künste aber keinen Stich mehr sieht …

Sidney J. Furies Film ist eine etwas unausgegorene Mischung aus New-Hollywood-Charakterdrama, Außenseiterkomödie und jener (zugegebenermaßen oft gebrochenen) Bikerromantik, wie sie das Exploitationkino damals gern in die Drive-ins hievte. Der Titelsong des exklusiven Johnny-Cash-Soundtracks besingt die beiden Helden und ihre Eskapaden, aber die Schmucklosigkeit der Lyrics lässt schon ein erstes Mal aufmerken: Cash kann kaum mehr als fünf Minuten Zeit in diese Texte investiert haben. In der noch eher munteren ersten Hälfte des Films wird das zwar entbehrungsreiche, aber doch auch irgendwie aufregende Leben der beiden verfolgt, ohne dass sich dies wirklich in einprägsamen Momenten niederschlüge oder auf den Zuschauer überspränge. Das größte Problem von LITTLE FAUSS AND BIG HALSY ist sicherlich, dass Redford und Pollard keine richtige Chemie entwickeln. Die Stile der beiden liegen denkbar weit auseinander und beide wirken immer, als agierten sie in unterschiedlichen Filmen, spielten ohne Beachtung ihres Gegenübers oder mit einem nur eingebildeten anderen Partner. Verstärkt wird das noch dadurch, dass das Drehbuch Pollard kaum etwas zu tun gibt und ihn bis kurz vor Schluss auch gar nicht mit einer echten Persönlichkeit ausstattet: Fauss ist nur ein Zuschauer, ein Spiegel für Halsys Selbstverliebtheit. Das ist kein echtes Manko per se, weil es eben auch das Thema des Films ist, trotzdem scheint mir Pollard, der mit seinem gnomenhaften Kindergesicht und dem bekifft-abwesenden Stammeln am besten in saftigen bit parts aufgehoben war (etwa in Michael Winners HANNIBAL BROOKS) hier gnadenlos fehlbesetzt. Oder vielleicht zu gut. Es gibt einfach keine echte Reibung.

Möglicherweise bin ich auch meiner eigenen Erwartungshaltung zum Opfer gefallen: Ich habe mir etwas ganz anderes vorgestellt, als das, was ich letztlich bekommen habe. Statt einer gutgelaunten Loserkomödie das Porträt eines feigen Egoisten, statt fetziger Motorradaction eine Aneinanderreihung austauschbarer Wüstenrennen, bei denen es eigentlich nie um den Sieg geht, statt großer Triumphe austauschbare Niederlagen, statt der Geschichte einer ungleichen Freundschaft eine über eine bittere Trennung zweier dann doch nur temporärer Weggefährten, deren Lebenswege auf denkbar unspektakuläre Art und Weise auseinanderlaufen. Vielleicht ist LITTLE FAUSS AND BIG HALSY gar nicht unausgegoren, sondern zu radikal, zu sehr auf den Punkt. Der Film ist im Kern tief deprimierend, aber er täuscht mit falscher, leerer Gutgelauntheit darüber hinweg. So wie sich sein Protagonist einredet, ein As zu sein, der nur das Quäntchen Glück braucht, um wieder ganz oben zu stehen, da wo er dem eigenen Empfinden nach hingehört, ohne zu bemerken, dass er ein Arschloch ist, der alle verprellt, den niemand wirklich liebt und der alle Chancen schon vor Jahren verpasst hat. Möglicherweise ist LITTLE FAUSS AND BIG HALSY brillant, aber Freude macht er nicht. Er lässt einen nie rein.

THE ENTITY handelt von der alleinerziehenden Mutter Carla Moran (Barbara Hershey), die in ihrem Haus von einem Geist vergewaltigt wird.

Ich habe THE ENTITY jetzt zum ersten Mal gesehen, nachdem ich schon als pubertierender Jüngling über die im „Horror-Film-Lexikon“ skizzierte Inhaltsangabe gestaunt hatte. Ich konnte bis zuletzt nicht so recht glauben, dass es diesen Film tatsächlich gibt bzw. dass er wirklich von Geistervergewaltigung handelt. Schließlich war THE ENTITY mitnichten die spekulative Schmuddelproduktion eines skrupellosen C-Film-Moguls, der sich, die Dollarzeichen in den Augen, mit Inbrunst auf einen solchen Stoff gestürzt hätte, sondern ein lupenreines, aufwändig produziertes, „seriöses“ Studioprodukt. Offensichtlich schienen die Produzenten es 1982 noch für eine gute, vermarktbare Idee zu halten, zu zeigen, wie eine Frau wiederholt von einer geisterhaften Macht missbraucht wird, wie sich ihre Brüste unter dem Druck unsichtbarer Finger verformen, wie sie von Psychologen argwöhnisch als komplexbeladene Masturbatorin betrachtet wird. Natürlich konnte man sich mit der Berufung auf eine „wahre Begebenheit“ das Feigenblatt der Aufklärung umhängen, die Verantwortung für solchen Nonsens gewissermaßen weiterschieben, aber das wirklich Erstaunliche ist, dass THE ENTITY das eigentlich gar nicht nötig hat. Sidney J. Furie ist tatsächlich das Kunststück gelungen, einen Film über Geistervergewaltigung (ich bedauere etwas, hier nicht von der viel kraftvoller klingenden ghost rape sprechen zu können, ohne als Anglizismenopfer rüberzukommen) zu drehen, der subtil, komplex und, ja, anspruchsvoll ist. Man fragt sich fast, was bei IRON EAGLE und SUPERMAN IV – THE QUEST FOR PEACE eigentlich schiefgegangen ist.

THE ENTITY überzeugt erst einmal durch die Haltung, die er zu seiner Geschichte einnimmt. Furie geht sehr nah ran an seine Hauptdarstellerin und lässt den Terror schon in seiner Auftaktszene vollkommen unvorbereitet über sie und den Zuschauer hereinbrechen. Charles Bernsteins Score verwandelt sich in diesem Moment in ein maschinelles, amelodiöses, kakophonisches Wummern, das fast körperliches Unwohlsein hervorruft. Melodramatische Details spart der Film völlig aus: Furie zieht den Zuschauer durch eine eher nüchterne Darstellung der Ereignisse auf Carlas Seite, nicht durch ein dramatisches Ausmalen der eh schon furchteinflößenden Situation. Und so geht es im weiteren Verlauf dann auch nicht so sehr um die „Identität“ von Carlas immateriellem Peiniger oder gar ihre Befreiung von dem Fluch, sondern um ihre Auseinandersetzung mit dem Psychologen Sneiderman (Ron Silver), der an Übersinnliches nicht glauben mag und Carlas schwierige Kindheit mit Missbrauch durch den streng religiösen Vater als Ursache des Übels sieht. Carla ist erst einmal ein ganz „normales“ Vergewaltigungsopfer, mit allen Begleiterscheinungen: Scham darüber, dieses Maß an unkontrollierbarer Lust auszulösen, die Entfremdung vom Geliebten (Alex Rocco), der nicht ertragen kann, dass da jemand anderes die Hände an seinem „Besitz“ hatte, und natürlich immer wieder die stillschweigende Unterstellung, dass man keineswegs nur wehrloses Opfer war. Die Abwesenheit eines Täters begünstigt gerade die Konzentration auf die Hilflosigkeit der Frau im Umgang mit der Tat, die sonst zugunsten der Strafverfolgung in den Hintergrund träte. Dass Carla von einem Geist vergewaltigt wird, scheint mithin weniger Ausdruck einer übersteuerten Fantasie zu sein, als vielmehr ein Mittel, den Focus zu verlagern. Es ist ein Gleichnis: Der Täter bleibt anonym, die Frau mit ihrer physischen und psychischen Verletzung allein zurück.

Auch die Horrorfilm-typische Gegenüberstellung von sich selbst verabsolutierender und dadurch blinder Ratio, verkörpert durch Sneiderman und seine Kollegen, die in ihrem Weltbild keinen Platz für Geister haben, und den Parapsychologen, die zwar objektiv „Recht“ haben, aber von der Schulmedizin sogleich mit dem Vorwurf der Ausbeutung bedacht werden, scheint zuerst einmal reaktionär. Tatsächlich führt Furie aber einen metafilmischen, selbstreflexiven Diskurs. Einmal erklärt Sneiderman seiner Patientin, dass Kobolde, Poltergeister, Nachtmahre und andere Sagengestalten, an die die Menschen einst glaubten, dazu dienten, verdrängter Schuld ein Gesicht zu geben und sie so gewissermaßen outzusourcen. Wer von unkontrollierbarer Lust übermannt wurde, machte ein Fabelwesen für diese Lust verantwortlich und wusch sich im Gegenzug rein. Für Sneiderman ist ganz klar, dass der geisterhafte Vergewaltiger lediglich ein externalisiertes Trauma Carlas ist: In ihm nimmt ihr gestörtes Verhältnis zur eigenen Sexualität Gestalt an. Bilder machen später auch die Parapsychologen, wenn sie mit ihrem technischen Equipment anrücken, und versuchen, die sich im Haus Carlas ereignenden Phänomene aufzuzeichnen. Sie sind in ihrem Bemühen, dem Unsagbaren Gestalt zu verleihen, logischerweise die Gehilfen des Filmemachers, dessen Anliegen genau darin besteht. Sneiderman weiß es nicht, aber seine Ausführungen sind nichts anderes als die Erklärung der Funktion von Horrorfilmen, die innere Zustände in Schreckensbilder übersetzen, mit denen wir uns dann als Zuschauer direkt konfrontieren können. Das führt mich wieder zum vorangegangenen Absatz: THE ENTITY erfindet seinen „Rapeghost“, um sich mit dem Schrecken der Vergewaltigung auseinanderzusetzen.

detention (sidney j. furie, kanada 2003)

Veröffentlicht: Dezember 3, 2012 in Film
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https://i2.wp.com/www.dolph-ultimate.com/dolph-in/DETENTION%20ad.jpgDer Sport- und Geschichtslehrer Sam Decker (Dolph Lundgren), ein Kriegsveteran, begeht seinen letzten Arbeitstag, doch der hält eine besondere Herausforderung für ihn bereit: Zuerst verdonnert ihn der Schulleiter aus Rache für die Kündigung dazu, vier Problemfälle beim Nachsitzen zu beaufsichtigen, dann muss der unfreiwillig Überstunden leistende Lehrer feststellen, dass sich Verbrecher Zutritt zum Schulgebäude verschafft haben. Und die können bei der Ausübung ihrer finsteren Pläne keine Zeugen gebrauchen …

Willkommen in den Neunzigerjahren! Sidney J. Furies DETENTION versetzt den Betrachter zurück in das Jahrzehnt, in dem nahezu jeder Actionfilm ein Rip-off von DIE HARD, LETHAL WEAPON oder SPEED, clevere Prämissen wichtiger als Handlung, die Helden zwar weitestgehend kernige Draufgänger, aber kaum noch idealistisch/ideologisch motiviert waren und die Schurken keine Russen mehr, sondern lediglich durchgeknallte Hedonisten und Materialisten. Die Zusammenfassung oben macht jedem klar, dass hier McTiernans Meisterwerk DIE HARD Pate stand: Die Handlung ist auf einen geschlossenen Raum beschränkt, den der Held, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist, nicht verlassen kann. Zur Taktiererei und dem gegenseitigen Belauern in dunklen Gängen, das man aus dem großen Vorbild kennt, gesellt sich hier noch ein leise aufklärerischer Zug, denn die Nachsitzer, allesamt jene Sorte Problemkids, ohne die ein High-School-Film nicht verzichten kann, lernen bei jenem Nachsitzen natürlich eine Lektion fürs Leben, müssen Verantwortung für andere übernehmen und verlassen das Schulgebäude am Ende – genauso wie ihr Lehrer – als gereifte, erwachsene Menschen.

DETENTION ist überaus leicht und flüchtig, nur wenig nachhaltig, aber dafür durchweg unterhaltsam. Er erfindet das Rad nicht neu, macht aber auch keinen Hehl aus seiner Epigonenhaftigkeit. Dolph Lundgren gibt mal wieder den tiefenentspannten, selbstbewussten Fels in der Brandung: Nachdem er mit seinem Motorrad zur Schule gebraust ist, weist er dort erst einmal ein herumstreunendes Gangmitglied in die Schranken.  Und nach der Überreichung des Kündigungsschreibens vögelt er seine Geliebte, eine Schulsekretärin, im Stehen gegen die Wand eines Klassenzimmers. Er lebt nach seinen eigenen Regeln und seine Stimmung wird nur getrübt, wenn er an das kleine Mädchen denkt, dass er damals in Jugoslawien nicht retten konnte. Der bevorstehende Kampf gegen die Terroristen soll ihm Gelegenheit geben, sein Trauma zu bewältigen, seinen Fehler von einst wiedergutzumachen, aber so richtig einleuchtend ist das nicht: Zum einen hatte er damals im Krieg einfach Pech, er hatte ja sein Bestes gegeben, zum anderen bedarf es eigentlich keiner besonderen Motivation und keines wiedergutzumachenden Fehlers, um Unschuldige vor Verbrechern zu beschützen. Der Jugoslawien-Prolog dient eigentlich nur dazu, Deckers besondere Talente herauszustreichen, alles Weitere ist unzureichend entwickeltes Drehbuchklischee. Weitaus schwerer ins Gewicht fällt aberdie Zeichnung der Schurken. Nicht nur, dass deren Motiv kaum beleuchtet wird – es geht irgendwie um den Vizepräsidenten, der wohl an der Schule vorbeifahren soll, aber auch um einen Wagenladung Heroin –, sie sind auch als Charaktere komplett unglaubwürdig. Die Anführer des vierköpfigen Teams sind ein Pärchen – er eine Mischung aus Judd Nelson und Andy Garcia mit der blondierten Frisur von Jean-Paul Gaultier, sie ein Lola-rennt-Verschnitt mit pinken Haaren – das sich ständig notgeil anfaucht und sich auch sonst möglichst exaltiert und idiotisch verhält. Wie diese Nulpen sich mit einer kriminellen Karriere durchsetzen konnten, bleibt ein Rätsel, enstprechen sie doch eher dem Typ unangenehmer Selbstdarsteller, die schon bei ihrem ersten Coup umgelegt werden.

Dieses Manko ist zwar nicht gerade unerheblich, ändert aber auch nichts daran, dass DETENTION gut reinläuft und während seiner knapp 85-minütigen Spielzeit schwungvolle Unterhaltung ohne nennswerte Längen bietet. Im Grunde wird lediglich Klischee an Klischee gereiht – die brave Schülerin, die sich hat schwängern lassen und das Leben nun plötzlich mit den Augen einer erwachsenen Frau betrachtet, der eigentlich hochintelligente Schwarze, der aber aufgrund eines Umfelds schon genau weiß, wie man eine Uzi bedient –, man hat das alles schon x-mal und davon auch einige Male besser gesehen, aber das heißt nicht per se, dass DETENTION nicht trotzdem Spaß macht. Manchmal reicht es schon, einer alten, erprobten Maschine beim immer noch (fast) reibungslosen Funktionieren zuzusehen. Man nimmt zwar keine größeren Erkenntnisse fürs Leben aus dieser Betrachtung mit, aber man muss sich eben auch nicht zwanghaft daran erinnern, das alles doch endlich zu vergessen, weil der Film sich ganz angenehm von selbst verflüchtigt. Wie die Yoghurette, die ja auch leicht schmeckt und nicht belastet.

Frank Gannon (Dolph Lundgren) gehört der Direct Action Unit an, die ins Leben gerufen wurde, um der Straßen- und Gangkriminalität Herr zu werden. Doch wie das so ist mit Spezialeinheiten, die mit besonderer Machtfülle ausgestattet werden, sind die meisten von Gannons Kollegen „schmutzig“ – in krumme Geschäfte verwickelt und korrupt. In einem Prozess, will er die Machenschaften seiner Leute aufdecken, doch die haben natürlich etwas dagegen. Just an dem Tag, an dem sich der Konflikt zuspitzt, soll Gannon den Neuling Billy Ross (Polly Shannon) einarbeiten …

Sidney J. Furie, der der Welt einst IRON EAGLE und SUPERMAN IV: THE QUEST FOR PEACE schenkte und außerdem den skandalträchtigen THE ENTITY, den ich immer noch nicht gesehen habe, macht zunächst mal Vieles richtig: Seine Story um den Kampf eines ehrlichen Cops gegen eine Übermacht verbrecherischer Kollegen an nur einem einzigen Tag anzusiedeln, ist eine Spitzenidee. DIRECT ACTION braucht keine lange Exposition und keine Atempausen, sondern geht von Anfang an ein hohes Tempo, lebt von dieser speziellen, beinahe unwirklichen Stimmung, die Filme, die an einem anscheinend ganz normalen Tag, der sich dann als schicksalhaft herausstellt, spielen, ganz oft auszeichnet – man denke etwa an Carpenters ASSAULT ON PRECINCT 13. Dolph Lundgren ist on top of his game, ganz coole, selbstbewusste Souveränität und lässige Coolness: Er sieht aus, als habe er diesen Film mal eben im Vorbeigehen gedreht – und das ist definitiv nicht negativ gemeint. Als Actiondarsteller hat er ja keine so klar herausgearbeitete Persona wie Stallone, Seagal oder auch Norris, einen Großteil seines Wiedererkennungswertes macht tatsächlich seine Physis aus. Im Grunde wäre er die Idealbesetzung für Marvels THOR (und insofern war er auch für He-Man in MASTERS OF THE UNIVERSE genau richtig): Er sieht aus, als sei er – von hünenhafter Statur – zur Strafe auf die Erde verbannt worde und schlüge sich nun leicht angenervt zwar, aber dennoch mit vollstem Engagement mit irdischen Problemen herum. Er ist gleichzeitig ganz unverkennbar „einer von uns“ – Schlabberklamotten, Wuschelfrisur, kaugummikauend, mt tiefen Furchen im Gesicht, er wird verwundet, blutet, leidet – und uns gleichzeitig hoffnungslos überlegen. Er gehört deshalb niemals ganz dazu, auch wenn er ein Kumpeltyp ist, steht immer etwas außerhalb (einer der Gründe, warum er für den ernsten Copfilm eigentlich eher ungeeignet ist). Es macht einfach Spaß, ihm zuzujubeln und ihm die Daumen zu drücken.

Zu Beginn dachte ich, DIRECT ACTION würde so richtig gut: Die Title-Sequenz, mit einer Montage knochenbrechender Momente des späteren Films und spitzenmäßigem Hip-Hop (später gibt sich noch Masta Ace noch die Ehre auf dem Soundtrack) unterlegt, macht viel Laune, die ersten Szenen auf den Straßen L.A.s haben genau jenen Sense of Place, der die Basis für alle guten Action- und Copfilme ist, und Lundgren bindet den Zuschauer sofort ans Geschehen – man sitzt mit ihm im Streifenwagen. Wenn es knallt, ist das sehr zupackend, aber ohne Übertreibung inszeniert: Die Gewalt ist kurz, trocken und schmerzhaft. Irgendwann hat mich DIRECT ACTION dann aber verloren. Die Story schlägt plötzlich Haken, die eigentlich komplett unnötig sind und dem Film viel vom ursprünglichen Drive rauben. Und neben Lundgren fehlen vergleichbar charismatische Gesichter auf Seiten der Schurken. Der Film, der so authentisch und lebendig begann, wird seltsamerweise immer leerer, je mehr Handlung angehäuft wird. Sidney J. Furie ist immer noch ein guter DTV-Actioner gelungen, aber nach den viel versprechenden Ansätzen muss ich dennoch eine kleine Enttäuschung konstatieren.