Mit ‘Sidney Lumet’ getaggte Beiträge

Sidney Bruhl (Michael Caine), einst Autor gefeierter Broadway-Stücke, steht nach dem vierten Flop im Folge vor dem Karriereaus und der großen Sinnkrise. Just zu diesem Zeitpunkt flattert das Erstlingswerk von Clifford Anderson (Christopher Reeve) ins Haus: Der junge Mann hatte einst ein Seminar von Bruhl besucht und liefert dem verzweifelten Autor genau jenes makellose Script, das der braucht, um seine Karriere zu retten. Er lädt Clifford zu sich nach Hause ein, fest entschlossen, ihn zu töten und sich das Buch unter den Nagel zu reißen. Und so kommt es dann auch, sehr zum Entsetzen von Bruhls Gattin Mya (Dyan Cannon), die ihren Mann nicht mehr wiedererkennt. Doch der ist noch zu sehr viel mehr fähig …

DEATHTRAP hatte ich eigentlich nach einer knappen halben Stunde abgehakt. Die schwarzhumorige Murder Mystery war bis zu diesem Zeitpunkt zwar sehr gefällig, schien ihr ganzes Pulver aber bereits verschossen zu haben. Er schien mir der typische Fall eines kleinen Zeitvertreibs eines ungleich profilierteren Regisseurs zwischen zwei größeren Filmen: Nett, aber nur wenig nachhaltig. Doch wie bei jenen Thrillern, mit denen Bruhl seinen Ruhm erlangte, muss man sich auch bei DEATHTRAP auf die ein oder andere Überraschung gefasst machen. Zwar ist das gewissermaßen Sinn und Zweck eines solchen Films, aber Lumet bringt seine Life-imitates-art-imitates-life-imitates-art-Geschichte deutlich stil- und niveauvoller zu Ende, als man das von vergleichbaren Werken gewohnt ist. Lumet beackert 15 Jahre, bevor Craven das mit SCREAM tat, ein ganz ähnliches Terrain, nur dass er dafür nicht auf den Slasher-Film zurückgreift, sondern auf die überkonstruierten Murder Mysteries, wie man sie von Agatha Christie kennt. Der ausgebrannte Thrillerautor bedient sich zunächst seines Wissens darüber, wie man einen perfekten Mord verübt, um sich seines Konkurrenten zu entledigen – zumindest lässt Lumet das den Zuschauer glauben, denn eigentlich ist dieser Mord nur Bestandteil eines noch größeren Plans, den Sidney gemeinsam mit dem vermeintlichen Konkurrenten geschmiedet hat, um sich seiner Gattin zu entledigen. Doch kaum ist dieser Plan in die Tat umgesetzt, kommt ihm Clifford mit einem neuen Plan in die Quere: Er will das Verbrechen auf die Bühne bringen, indem er es wieder in ein Script übersetzt. Dagegen hat nun wiederum Sidney etwas, fürchtet er doch zu Recht, dass auch die Öfentlichkeit in der Lage ist, den Rückschluss auf die Realität zu ziehen. Am Ende wird „Deathtrap“, die Geschichte, die sich im Haus des Autors zugetragen hat, tatsächlich zum Broadway-Renner avancieren, aber eben ganz anders, als es sich die Protagonisten des Films DEATHTRAP ausgemalt haben. Und mit einem ganz anderen Autor.

DEATHTRAP hat vor allem ästhetischen Wert: Er begeistert als makelloses Handwerk, lückenloses, höchst funktionales Konstrukt – insofern ist der weiter oben geäußerte Verdacht, Lumet habe hier vor allem seine Fingerfertigkeit geschult, den Film eher als technische Herausforderung gesehen, denn als persönlichen Ausdruck, vielleicht gar nicht so aus der Luft gegriffen. DEATHTRAP ist sicherlich einer von Lumets weniger themenschweren Filmen und man nimmt als Zuschauer keine bleibenden, tiefgreifenden Erkenntnisse daraus mit. Dass der Fokus eher eng ist, erkennt man schon in der Anlage des Films als Zwei-bis-Vier-Personen-Kammerspiel. Ja, wenn man möchte, kann man darüber nachdenken, wie viel von Lumet in Sidney steckt. Und natürlich kann man das spaßige Katz-und-Maus-Spiel als Auseinandersetzung mit den Fragen begreifen, wie Ästhetik und Moral zusammenhängen und welche Verantwortung dem Autor zukommt. Aber diese Auseinandersetzung steht nicht im Zentrum des Interesses weder Lumets noch des Zuschauers. Während der eine seine kreativen Messer wetzt und erprobt, wie viele Metaebenen er sinnvoll ineinanderfalten kann, ohne dabei die Dramaturgie aus den Augen zu verlieren, besteht der Reiz für den Zuschauer eben darin, sich diesem Spiel auszusetzen und sich über die zahlreichen, genau getimten Twists und Turns zu freuen. DEATHTRAP ist mit dem Zauberwürfel auf dem Plakat tatsächlich sehr treffend illustriert: Wie das ikonische Spielzeug fesselt der Film als Denksport, als gleichzeitig einfaches wie verblüffend komplexes Gebilde, in das man sich stundenlang vertiefen kann, um es danach in einer Schublade verschwinden zu lassen. It’s fun.

Dass der Film über seine Laufzeit von 115 Minuten fast durchweg brillant unterhält, liegt natürlich nicht zuletzt am Zusammenspiel von Michael Caine und Christopher Reeve. Das Spiel mit den in stetigem Wechsel begriffenen Machtverhältnissen gelingt beiden mit Bravour. Den von teuflischen Mordplänen besessenen Sidney, der seine Gier hinter dem vorgetäuschten britischen Gentleman-Charme kaum noch verbergen kann, interpretiert Caine mit der ihm eigenen Mischung aus trockenem Humor und brennender Intensität gewohnt souverän. Die eigentliche Entdeckung ist Christopher Reeve, den man aufgrund seiner eher breit angelegten Darbietung in den SUPERMAN-Filmen und seinem jungenhaft guten Aussehen immer etwas unterschätzt hat: Den nahezu übergangslosen Wechsel vom unbedarft-naivem Opfer zum unberechenbaren Psychopathen meistert er mühelos und seine zwei, drei kurzen aggressiven Ausbrüche lassen einem tatsächlich das Blut in den Adern gefrieren. Die beiden fügen sich also nahtlos ins Gesamtbild ein: Alle Beteiligten haben ihr ihr ausnahmslos Bestes gegeben und einen doppelbödigen, immens kurzweiligen Thriller geschaffen, auf den Sidney Bruhl mit absoluter Berechtigung stolz gewesen wäre – oder getötet hätte, um ihn unter seinem Namen zu veröffentlichen.

Ein puertoricanischer Gangster wird vom Polizisten Mike Brennan (Nick Nolte) erschossen – in Notwehr wie der Polizist behauptet und mehrere Zeugen bestätigen. Der Staatsanwalt Al Reilly (Timothy Hutton), ein Anfänger, wird damit beauftragt die Ermittlungen zu leiten – und das vorgefertigte Urteil „Notwehr“ am Ende zu bestätigen. Doch Reilly stößt schnell auf Ungereimtheiten: Es sieht so aus, als habe Brennan den Gangster förmlich hingerichtet – doch auf wessen Auftrag? Er stößt bei seinen Nachforschungen nicht nur auf eine lange Geschichte der Korruption, sondern auch auf unter der Oberfläche schwelenden Rassismus. Kann er sich selbst davon freisprechen?

Mir fällt nicht wirklich etwas Schlaues zu Q&A ein – weshalb ich dann auch wieder einmal den ganz konservativen Einstieg mit Inhaltsangabe gewählt habe. Mit SERPICO und PRINCE OF THE CITY hat Lumet Klassiker des Polizeifilms geschaffen; Filme, die bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren haben und als definitive Statements zu Korruption im Polizeidienst gelten dürfen. Q&A hat dem nichts wesentlich Neues hinzuzufügen: Der Idealist Reilly stößt auf einen bis in die Mikrostruktur des Systems reichenden Filz, der sich auch dann nicht beseitigen lässt, wenn man ein paar Köpfe ihrer gerechten Strafe zuführt. Am Ende sind einige Sündenböcke geopfert worden, doch der politisch ambitionierte Chef des Morddezernats Quinn (Patrick O’Neal), ein Hardliner mit geheim gehaltener krimineller Vergangenheit, darf weiter im Amt bleiben. Mit gewohnt unprätentiösem Professionalismus erzählt Lumet diese Geschichte mit etwas weniger Konzentration, als ihr gut getan hätte. Die Ermittlungen – die der Titel ins Zentrum rückt – treten schnell zugunsten der Fokussierung auf die involvierten Gangsterbosse in den Hintergrund. Armand Assante gibt den Belastungszeugen Bobby Texador als schmierigen Verführer und beansprucht so etwas zu viel Aufmerksamkeit. Die Mafia mischt auch noch mit und tritt in den genretypischen Kleinkrieg mit dem Puertoricaner, inklusive konspirativer Treffen, Verrat und Auftragsmorden. Das alles verwässert den Film und wirkt im Jahr von GOOD FELLAS wie ein Zugeständnis an den Zeitgeist. Wenn man sich daran erinnert, was Lumet aus seinem Kammerspiel 12 ANGRY MAN herauszuholen wusste, der ahnt, dass die hier vollführten Handlungssprünge von New York nach Miami nach Puerto Rico und zurück nicht sein Steckenpferd sind.

Zu sich kommt der Film in den leisen Momenten. Im romantischen Subplot, sonst meist lästige Beigabe, tritt am klarsten hervor, worum es Lumet eigentlich geht. Während der Zeugenbefragungen trifft Reilly seine ehemalige Freundin, die Puertoricanerin Nancy (Jenny Lumet), wieder. Sie hatte ihn vor sechs Jahren ohne Nennung von Gründen verlassen, war von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben verschwunden. Nun ist sie mit dem Gangster Bobby Texador liiert. Als Al sie, immer noch schwer verletzt von ihrer Trennung, konfrontiert, erfährt er, was sie damals dazu brachte, so abrupt aus seinem Leben zu verschwinden: es war sein Blick, als er feststellte, dass der Vater seiner Geliebten ein Schwarzer ist. Reilly muss akzeptieren, dass er sich von dem Allagsrassismus, den er in der Polizei am Werk sieht, selbst nicht frei machen kann. Die Probleme, auf die er in seinem Job stößt, haben ihren Ursprung in jedem einzelnen Individuum. Der Film schließt mit Reillys Voice-over. Er hat Nancy auf einer kleinen Karibikinsel ausfindig gemacht, auf die sie sich nach der Ermordung Bobbys zurückgezogen hat. Schweigend sitzen sie nebeneinander am Strand, schauen wortlos aufs Wasser. Solange, bis er selbst mit sich im Reinen, der Keim des Rassismus in seinem Innersten abgetötet ist. Es ist der stärkste Moment des Films. Schade, dass man 2 Stunden auf ihn warten muss.

12 angry men (sidney lumet, usa 1957)

Veröffentlicht: August 1, 2008 in Film
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Zwölf Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zwölf Männer mit unterschiedlichen Berufen, unterschiedlicher sozialer Herkunft, unterschiedlichen Alters. Zwölf Männer, die außer ihrem Geschlecht nichts miteinander gemein haben. Zwölf Männer, die sich unter anderen Umständen nie begegnet wären und die sich nie wieder begegnen werden. Und doch müssen sie an diesem einen Tag in diesem kleinen Raum zusammen sitzen und gemeinsam Einigkeit erzielen. Sie müssen ihre Vorurteile, ihre persönliche Pädisposition ablegen und in diesem Akt gleichzeitig ihre Identität finden. Sie müssen sich positionieren, eigenen Eitelkeiten und Neigungen abschwören und sich ganz in den Dienst einer Sache stellen, die in diesem Moment an diesem Ort die einzig wichtige ist. Die Welt da draußen existiert nicht mehr – und sie wird zugrunde gehen, wenn diese zwölf Männer die falsche Entscheidung treffen. Diese zwölf Männer müssen eine Entscheidung über Leben und Tod treffen.

12 ANGRY MEN ist ein Film radikaler Verdichtung. 90 Minuten lang ist der Zuschauer mit den zwölf Männern in einem kleinen Raum gefangen, dessen Wände im Verlauf der Spielzeit immer enger zusammenzurücken scheinen – Lumets beispiellose Bildregie erzielt diesen Effekt mit dem graduellen Wechsel von Linsen kurzer zu Linsen langer Brennweite und der kontinuierlichen Absenkung der Perspektive –, auf dem die drückende Hitze lastet, bevor sie sich in einem heftigen Wolkenbruch entlädt. Ganze drei Minuten entkommt der Zuschauer dieser Enge: während der kurzen Exposition und einer Szene in der angrenzenden Toilette. 12 ANGRY MEN ist ein Film über die Pflicht, die Ketten, die sie uns auferlegt, aber auch über die Befreiung, die sie uns bringen kann: Es geht nicht darum, was die Männer wollen, ob ihnen ihre Situation gefällt, nicht darum, wie sie die Situation so beeinflussen können, dass sie den für sie besten Ausgang nimmt. Es geht um einen vollkommen fremden Menschen, der zwar nicht körperlich anwesend, aber dennoch immer präsent ist (man beachte die kongenial eingesetzte Überblendung vom Gesicht des Angeklagten hin zum Beratungsraum der Geschworenen), den Raum noch enger macht als er es ohnehin schon ist. Diesen Menschen dürfen die zwölf Männer weder vergessen, noch darf seine Präsenz sie zu sehr beeinflussen. Sie sind nicht dazu da, ihm einen Gefallen zu tun, dennoch sind sie ihm vollkommen verpflichtet, verschwindet für die Zeit ihres Aufenthalts alles, was sonst noch existiert. Nur in der totalen Hingabe, die auch Selbstaufgabe bedeutet, können sie frei werden.

12 ANGRY MEN ist ein amerikanischer, ein politischer Film. Er ist ebenso mahnend wie feierlich. Er sagt, dass das System, auf dem dieses Land fußt, nur so gut ist, wie die Menschen, die es bevölkern. Es bildet lediglich den Rahmen, der mit Inhalt gefüllt, den Boden, der bestellt werden will. Dieses System will gelebt und geliebt werden. Es braucht Aufopferung, Hingabe, Opferbereitschaft und Pflichtbewusstsein, weil es sich sonst in ein Monster verwandelt. Es muss von allem Menschlichen befreit werden, um menschlich sein zu können. In jeder Sekunde. Das System ist total: Es existiert ganz, immer, überall, in jeder Faser – oder es existiert gar nicht. Aber das System braucht Vertrauen: Es gibt keine Gewissheit, dass es funktioniert. Es belohnt uns nicht, außer durch seine Existenz. Der Maßstab für den Glauben, das Vertrauen, das man in das System steckt, ist einzig und allein das eigene Handeln: 12 ANGRY MEN ist auch ein kantischer Film, der uns daran erinnert, dass wir uns manchmal verneinen müssen, um Mensch zu bleiben.

Aber 12 ANGRY MEN ist auch ein Film über die Ungewissheit: Es geht nicht um die Wahrheit. Die zwölf Männer wissen nicht, ob sie die richtige, die „wahre“ Entscheidung getroffen haben. Aber sie wissen am Ende, dass sie keine andere Entscheidung treffen konnten. 12 ANGRY MEN erzählt auch von der „Reinigung“ unserer Wahrnehmung. Davon, dass es keine unverrückbaren Fakten gibt, dass jedes Faktum durch menschliche Wahrnehmung verunreinigt ist. Der Mensch will nicht wissen, er will glauben. Das belegt Lumet, indem er uns beschwindelt: Die 41 Sekunden, die auf der Stoppuhr von Juror # 2 verrinnen, entsprechen etwa 30 realen Sekunden. Aber wir glauben dem Film. Wir wollen nicht wissen, dass man uns belogen hat. Wir wollen glauben, weil es uns von der Verantwortung befreit. Aber nur mündige Bürger können das System tragen. 12 ANGRY MEN erzählt auch vom Prozess dieses Mündig-Werdens. Er berichtet von einer Geburt. Denn das System muss immer wieder neu auf die Welt gebracht werden.

12 ANGRY MEN ist ein totaler Film. Er ist richtig, in jeder Sekunde. Und er ist menschlich, weil er stets sachlich bleibt. Am Ende gehen die zwölf Männer auseinander. Jeder seinen eigenen Weg, zurück in sein eigenes Leben. An diesem Tag haben sie bewiesen, dass sie Menschen sind, weil sie sich selbst vergessen haben. Zusammen haben sie die Welt am Leben gehalten. Für diese Stunden waren sie die einzigen Menschen, allein. Jetzt trennen sich ihre Wege für immer. Niemand wird sich an sie erinnern, schon morgen ist ihre Tat vergessen. Sie nehmen nichts mit und dennoch haben sie etwas gewonnen. „What’s your name?“, fragt Juror # 9 Juror # 8 als sie das Gerichtsgebäude verlassen. „Davis.“ – „Mine name’s McCardlle.“, antwortet Juror # 9. „Well, so long.“ – „So long.”

1. Mit seinen Kollegen sitzt der Drogenfahnder der New Yorker Spezialeinheit SIU Danny Ciello (Treat Williams) im Garten des Hauses seiner Eltern. Sie trinken Bier, sie lachen, feiern sich und ihre Erfolge. Aber Dannys Bruder, ein Drogensüchtiger, verdirbt die Stimmung: „Ihr seid auch nur Gauner wie die Mafia mit euren dicken Uhren und den schicken Anzügen!“ Danny wählt die einfachste Lösung des Konflikts: Er schlägt den schwächeren Bruder zusammen. Und bestätigt sich damit vor allem selbst, dass dieser im Recht ist.

2. Als Danny die Absolution bei den Staatsanwälten eines geheimen Untersuchungsausschusses zur Aufdeckung innerbetrieblicher Korruption sucht, bricht seine ganze Verzweiflung aus ihm hervor. Er hat niemanden, außer seine Partner: Der einfache Bürger ist ihm ebenso fremd wie der Verbrecher, den er zu bekämpfen hat. Und die Justiz wiederum tut auch nichts, um ihrem ausübenden Organ zur Seite zu stehen (diesen Konflikt, die Situierung des Polizisten zwischen den gesellschaftlichen Schichten hat Georg Seesslen in seinem Buch „Copland“ sehr ausführlich beschrieben). Danny Ciello wollte als Polizist helfen, die Gesellschaft zu schützen. Aber in Ausübung seiner Tätigkeit hat er nicht nur die Grenze zwischen Recht und Verbrechen überschritten, mit der Dienstmarke wurde er geradezu stigmatisiert, sie kennzeichnet ihn als Aussätzigen. Er ist isoliert. Und nun kappt er auch noch die letzte soziale Verbindung.

3. Danny blüht auf als er reihenweise schmutzige Deals mit dem versteckten Tonband aufzeichnet. Der Eifer, mit dem er auch die heikelsten Treffen noch „verkabelt“ absolviert, muss als selbstmörderisch bezeichnet werden. Danny will erwischt, will für seinen Verrat bestraft werden. Eine Dienstwaffe trägt er schon gar nicht mehr. Noch hält sein Panzer der Belastung statt, nimmt seine Seele keinen sichtbaren Schaden: Aber wenn seine Gattin abends die Klebestreifen und Kabel entfernt, bleiben Brandspuren von der ausgetretenen Batteriesäure zurück. Er ersetzt ein altes Stigma durch ein neues.

4. Je kooperativer Danny ist, je mehr ehemalige Kollegen und Verbündete er verrät, umso mehr verliert er ironischerweise auch das Vertrauen derer, die ihn für ihre Zwecke benutzen. Sein Wort ist nichts mehr wert, weil er ein Verräter ist. Staatsanwalt Polito (James Tolkan) lädt einen kleinen Drogendealer zum Treffen mit Danny ein, der dem Cop unvermittelt ins Gesicht rotzt, bevor er wortlos wieder geht. „Warum lassen sie mich von einem kleinen miesen Verbrecher anspucken?“ fragt Danny hilflos, sich unter der Anspannung vor Krämpfen krümmend. Polito sitzt nur da. Er grinst schadenfroh und wartet darauf, dass die Fassade des Polizisten endlich bricht.

5. Danny hat Glück gehabt: Ein Dealer, der ihn des Meineids hätte überführen können, hat im Lügendetektor-Test versagt. Doch die Anspannung, die längst körperlich Präsenz zeigt, weicht nur für Sekunden von Danny. „Ein Schizo besteht vor dem Lügendetektor, weil er glaubt, was er sagt, auch wenn es gelogen ist. Ich versage, weil ich die Wahrheit sage, sie aber für eine Lüge halte. Ich kenne den Unterschied nicht mehr.“ Danny ist im semantischen Limbo gefangen, in einem Albtraum, der weder ein Ende kennt, noch einer von ihm durchschaubaren Logik folgt. Er kann nur noch warten und die Rolle spielen, die ihm dabei zugedacht ist. Er ist zum Verschwörer gegen sich selbst geworden.

6. Als Danny seinen Partner Gus Levy (Jerry Orbach) überreden will, auszusagen, verweigert sich dieser. Er wird nie so werden wie Danny, ein Verräter, für den er nur noch Verachtung übrig hat. Doch Danny freut sich über diese Ablehnung, über den Kampfgeist des geliebten Partners. Die alten Werte haben noch Bestand, sie waren keine Illusion, kein Traum. Sie sind noch da, werden noch vertreten. „Er ist einer von uns!“, sagt Danny über den Partner, der sich von ihm losgesagt hat. Er ist trotz allem immer ein Cop geblieben. Sein Verrat ist damit total, weil er seine eigenen Basis untergraben hat. Seine Arbeit gegen die Korruption ist wie ein kalter Entzug. „Der Weg in die Korruption ist kaum merklich, der Weg zurück kann nur durch einen Sprung vollzogen werden.“ sagt ein Anwalt. Danny hat das nicht gewusst. Oder doch?

7. Am Ende hat er es doch geschafft, der Entzug ist gelungen. Seine Partner haben Selbstmord begangen oder wurden verhaftet, ihm selbst hat sein Engagement gegen die Korruption die Haftverschonung und einen neuen Job als Ausbilder verschafft. Ein Neuanfang ist das nicht. Als er seinem Kurs vorgestellt wird, fragt einer der Schüler: „Sie sind Danny Ciello? DER Danny Ciello? Ich glaube nicht, dass ich von Ihnen etwas lernen kann.“ Er steht auf und verlässt den Raum. Dannys Blick sagt, dass er weiß, dass er seine Schuld nie ablegen wird. Er wird immer der Verräter bleiben, ein Außenseiter inmitten einer verschworenen Gemeinschaft. Sein flüchtiges Lächeln bleibt ein Rätsel. Es sagt nicht mehr als: Danny hat es geschafft, irgendwie.

Schon einmal hat Lumet den Kampf eines Polizisten gegen die Korruption und die eigenen Leute thematisiert. In SERPICO wird Al Pacino in der Rolle des Einzelgängers zum Helden, zum Vorkämpfer einer moralischen Ordnung, zum Heiligen von New York. So sehr er auch leiden muss, so viel er auch an Verlusten erfährt im Kampf gegen die Hydra, er feiert einen großen Triumph. SERPICO ist aller dunkler Seiten zum Trotz ein Traum, ein wunderschöner Traum. Die Welt kann gereinigt werden, es bedarf nur eines unnachgiebigen Idealisten. In PRINCE OF THE CITY ist der Filz undurchdringlich, der Triumph leise, aber mit unvorstellbaren Qualen verbunden, der Held ein Lügner und Verräter. PRINCE OF THE CITY ist die schmerzhafte Realität.