Mit ‘Siegfried Lowitz’ getaggte Beiträge

000000790745Während in London falsche Pfund-Noten im Umlauf sind, die auf das Konto des „Gerissenen“ gehen, eines professionellen Falschmünzers, geben sich der wohlhabende Peter Clifton (Hellmut Lange) und die schöne Jane (Karin Dor) das Ja-Wort. Sie handeln, obwohl auf beiden Seiten Zweifel an der Tiefe ihrer Gefühle bestehen – auch auf das Bestreben ihres Künstler-Vaters (Walter Rilla) hin, der seine Tochter gut aufgehoben wissen will. Doch Peter umgibt ein dunkles Geheimnis: Sein Vater litt an Schizophrenie und brachte einst im Wahn zwei Menschen um. Peter lebt nun mit der Angst, die Krankheit von ihm geerbt zu haben. Als Basil Hale (Robert Graf), ein aufdringlicher Verehrer Janes und Feind Peters, erschlagen und Peter mit blutbefleckter Kleidung und der Mordwaffe in der Hand von seiner Gattin aufgefunden wird, glaubt er, dass seine größte Angst sich bewahrheitet hat. Dass sich in einer Geheimkammer seines Schlosses zudem eine Gelddruckmaschine findet, lässt ihn weiter an seiner Unschuld zweifeln und auch sein Arzt Dr. Wells (Viktor de Kowa) macht Peter nur wenig Hoffnung. Einzig Oberinspektor Bourke (Siegfried Lowitz) glaubt an seine Unschuld …

Unter der Regie von Harald Reinl entstand ein Wallace-Film, der vom bis dahin weitestgehend etablierten Handlungsschema abweicht: Im ersten Drittel stehen die beiden Frischvermählten im Mittelpunkt des Interesses, wird die eigentliche Krimihandlung, die zuvor stets schon mit der Eröffnungsszene eingeleitet wurde, erst noch langsam vorbereitet. Der Scotland-Yard-Ermittler, sonst üblicherweise der Protagonist, bleibt bis zum zweiten Akt eine Randfigur. Doch auch dann wird DER FÄLSCHER VON LONDON nicht zum lupenreinen Kriminal- oder Polizeifilm: Reinl orientiert sich eher am sanften Grusel alter Mysteryfilme und bezieht seine Spannung weniger aus der Frage nach der Identität des Killers als nach dem Geisteszustand Peters: Ist er der Mörder und also tatsächlich wahnsinnig oder will ihn jemand nur in diesen Glauben versetzen?

DER FÄLSCHER VON LONDON ist deutlich ruhiger und gemütlicher als seine Vorläufer: Actionszenen, Keilereien, Gewalt und Sex sind überaus spärlich gesät, wenn nicht ganz abwesend, Reinl verlässt sich stattdessen ganz auf Atmosphäre und Suspense. Das kann er, weil der Konflikt der Protagonisten von Beginn an glaubwürdig und interessant ist, Kameramann Karl Löb zudem wunderbar die seelischen Wirrungen Peters und Janes spiegelnde Bilder voller dräuender Schatten malt. Die Vermählungsszene, in der die Unsicherheit, die beide fühlen, während der Priester von ewiger Treue bis zum Tode spricht, förmlich greifbar wird, ist meisterlich, gleichermaßen unangenehm wie beklemmend. Und auch später ist der Rapport zwischen Peter und Jane nie natürlich und entspannt, wie er das bei einem Ehepaar eigentlich sein sollte, sondern gezwungen und gestelzt. Allein dieser Konstellation verdankt DER FÄLSCHER VON LONDON schon einen beträchtlichen Teil seiner inneren Spannung: Während Peter unter dem Eindruck der Morde mehr und mehr in sich zusammensinkt, beginnt Jane um ihre Ehe zu kämpfen und setzt alles auf eine Karte. Reinls Film schafft so einen Eindruck von psychologischer Tiefe, den bisher lediglich Jürgen Roland mit DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE angedeutet hatte. DER FÄLSCHER VON LONDON ist mithin weniger spektakulär als Vohrers DIE TOTEN AUGEN VON LONDON oder Reinls eigener DER FROSCH MIT DER MASKE. Er ist auch deutlich konzentrierter als die mit Verdächtigen und Opfern überfrachteten DER ROTE KREIS, DIE BANDE DES SCHRECKENS oder DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN. Aber es ist eben gerade das Kammerspielartige, das den siebten der Rialto-Wallaces auszeichnet. Reinl beschränkt sich auf das Wesentliche, wirft Ballast über Bord und hebt gerade so das Potenzial der literarischen Vorlage. Keine Sensation, aber dennoch ein ausgezeichneter, ungewöhnlich seriöser Wallace.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (6.), Ulrich Beiger und Karin Dor (3.), Siegfried Lowitz, Joseph Offenbach, Otto Collin, Sigrid von Richthofen, Günter Hauer, Heinz Klevenow, Werner Reinisch und Günther Jerschke (2.), Mady Rahl und Horst Breitkreuz (1.). Regie: Harald Reinl (3.), Drehbuch: Johannes Kai (1.), Musik: Martin Böttcher (1.), Kamera: Karl Löb (2.), Schnitt: Hermann Ludwig (1.), Produktion: Horst Wendlandt (4.), Preben Philipsen (5.) und Leif  Feilberg. 
Schauplatz: London, Schloss Longford Manor, die Trabrennbahn, diverse Wohnungen und Büros. Archivaufnahemn zeigen die Queen und ein Fußballspiel. Gedreht wurde in Hamburg sowie in Schloss Herdringen im Sauerland.
Titel: Zum zweiten Mal wird im Titel Bezug auf London genommen.
Protagonisten: Peter Clifton, seine junge Gattin Jane und Oberinspektor Bourke.
Schurke: Der eigentliche Mörder ist identisch mit dem „Gerissenen“, außerdem führen Dr. Welles, Basil Hale und der mysteriöse Blonberg Böses im Schilde.
Gewalt: Sparsam. Einer wird erschlagen, einer erstochen, zwei erschießen sich gegenseitig.
Selbstreflexion: Keine.

Anlässlich meiner Sichtung von HEISSES PFLASTER KÖLN betrauerte ich das Verschwinden genuin deutscher Exploitation, eines „Genres“, das einst eine große und durchaus erfolgreiche, ja sogar einflussreiche Tradition im deutschen Kino hatte. Bestes Beispiel sind die Edgar-Wallace-Filme, die in erster Linie von der Rialto Film, später dann aber auch von anderen Firmen und Regisseuren produziert wurden. Nach Vorlagen des britischen Journalisten und Krimiautoren entstanden Whodunits, Gruselkrimis und Gangsterfilme pulpiger Provenienz, auf ein nach Eskapismus lechzendes Publikum zugeschnitten, vollgestopft mit Gewalt, Sex und Sensationen. Die wilde Melange erwies sich als Volltreffer: Die Wallace-Reihe der Rialto gilt bis heute nicht nur als erfolgreichste und langlebigste deutsche Filmserie, sie beeinflusste auch den bei Freunden des ungewöhnlichen Films außerordentlich beliebten italienischen Giallo maßgeblich (die letzten drei Wallace-Filme der Rialto – DAS GESICHT IM DUNKELN, DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS und DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADELN – sind waschechte Gialli und wurden von den Italienern Riccardo Freda, Umberto Lenzi und Massimo Dallamano inszeniert). Vielleicht keine bahnbrechende Wirkung – Giallos waren zwar populär, aber dennoch ein weitestgehend isoliertes Phänomen: Aber wann wurde ein kommerzieller deutscher Film in den letzten 20, 30 Jahren außerhalb seines Heimatlandes überhaupt einmal wahrgenommen?

Das schizophrene Verhältnis „des Deutschen“ zu seinen Filmen, spiegelt sich in der Rezeptionsgeschichte der Edgar-Wallace-Filme perfekt wider: Zu ihrer Zeit immens populär – Zuschauerzahlen von um die zwei, in Idealfällen gar von über drei Millionen waren durchaus üblich –, entzündete sich an ihnen auch eine scharfe Diskussion über den Status duetscher „Filmkunst“ (durchaus analog zur Entwicklung jenseits des großen Teichs). Die publikumswirksamen Edgar-Wallace-Filme galten wie die (ebenfalls von Horst Wendlandt produzierten) Karl-May-Filme als „minderwertig“, als künstlerisch bedeutungsloses Trivialkino, dem der Neue Deutsche Film in den Siebzigerjahren dann seinen extremen Gegenentwurf entgegenhielt. Doch während die einstigen Protagonisten des New Hollywood in den Achtzigerjahren in einer dialektischen Synthese der zuvor unvereinbaren Gegensätze dem Mainstreamkino ihren Stempel aufdrücken durften, blieben die beiden Säulen „Anspruch“ und „Unterhaltung“ in Deutschland seit den Siebzigern weitestgehend getrennt. Auf die hehre Kunst von Regisseuren wie Fassbender, Kluge, Wenders oder Herzog, um nur die bekanntesten zu nennen, antworteten Produktionsfirmen wie die Lisa-Film mit umso trivialeren Produktionen, und vergrößerten die sich eh schon auftuende Kluft noch einmal. Erst in der jüngeren Vergangenheit hat man damit begonnen, die in den letzten drei Jahrzehnten marginalisierten kommerziellen deutschen Filmerfolge der Fünfziger- und Sechzigerjahre einer verdienten Neubetrachtung und -bewertung zu unterziehen. Und die möchte ich auch in diesem Blog in den kommenden Wochen und Monaten im Kleinen nachvollziehen und im Idealfall vielleicht sogar vorantreiben.

Die Edgar-Wallace-Filme waren in meiner Kindheit in den Achtzigerjahren noch eine echte Attraktion in einem noch von drei Sendern bestrittenen Fernsehprogramm, wurden stets zur besten Sendezeit gezeigt wurden und fuhren  dabei gute Einschaltquoten ein. Meine Schulkameraden und ich waren begeistert: Die Filme hatten tolle, bunte Bilder vor dem geistigen Auge hervorrufende Titel (verheißungsvolle Wortkombinationen wie DAS GASTHAUS AN DER THEMSE, DIE TOTEN AUGEN VON LONDON, DER BUCKLIGE VON SOHO, DER SCHWARZE ABT oder DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE lassen mich auch heute noch in zittrige Erregung verfallen), markige englische Rollennamen, die allein sofort eine ganze Welt entstehen ließen, eine von Nebel, Schatten und alten Gemäuern, viel Gewalt und schöne Frauen, bestimmte Atmosphäre, verpackt in Krimigeschichten, die von den zuständigen Regisseuren so „verdüstert“ wurden, dass sie die Grenze zum moralisch verderblichen Horrorfilm dann und wann hinter sich ließen. Doch irgendwann wurden die Edgar-Wallace-Filme sowohl im TV als auch in der eigenen Wertschätzung von neueren, angesagteren Filmen ersetzt. Ich habe seit damals keinen einzigen mehr von ihnen (und nie einen von ihnen auch nur zweimal) gesehen. Wie die Karl-May-Filme ordnete ich auch die Wallace-Filme – mit der diskursführenden Mehrheit – in die Schublade „gestriges Spießerkino“ ein. Doch wie das Leben so spielt: Man soll nie „nie“ sagen, sieht sich immer zweimal, jeder Kreis schließt sich irgendwann. Und so bin ich jetzt über einen fast 30-jährigen Umweg zu den einst so geliebten Edgar-Wallace-Filmen zurückgekehrt. Und was für ein Wiedersehen das war!

DER FROSCH MIT DER MASKE ist einer der vor Urzeiten gesehenen Filme, doch erinnern konnte ich mich an nichts mehr. So überraschte er mich mit seiner Ruppigkeit und seinen kleinen Kursabstechern in Richtung Sleaze, die so gar nichts mit dem Bild betulicher Whodunits zu tun haben, das ich mit den Filmen irgendwie verbinde. DER FROSCH MIT DER MASKE ist ein lupenreiner Gangster- und Actionfilm, der mit einigen Härten aufwartet: Der Body Count ist beachtlich und Reinl scheut sich nicht, voll draufzuhalten, wenn Schurken von noch schurkischeren Kollegen erschossen oder geradezu hingerichtet zu werden. Joachim Fuchsberger stürzt sich in bester Actionhelden-Manier in diverse Keilereien, Siegfried Lowitz sorgt für professionell-abgeklärte Polizei-Coolness, Eva Pflug lässt als Femme fatale Lolita die erotischen Funken sprühen, Eva Anthes bietet was für Herz. Reinl versteht es augezeichnet, die Elemente zu einem knalligen Reißer zu verbinden, der so souverän über seine eigenen Plotholes, Logikfehler und Infantilitäten hinweggeht (das Vergehen der Zeit zwischen zwei Einstellungen wird einmal sehr hübsch durch das Wachsen eines männlichen Dreitagebartes illustriert), dass sie zu Stärken werden. Gerade die ultrapointierten und deshalb oft so absurd anmutenden Dialoge machen einen großen Reiz des Films aus, der über die 50 Jahre seit seiner Entstehung proportional angewachsen ist. Die Verbrechen des „Frosches“, eines Superverbrechers mit Comicschurken-Kostümierung, muten im Kontrast zu der Bedeutung, die ihm in den Dialogen immer wieder beigemessen wird, herrlich provinziell und schießbudenhaft an. Die glitzernde Metropole London verkommt zum gemütlichen Dorf im Weserbergland, wo jeder jeden kennt und der örtliche Spinner alle Bewohner in Angst und Schrecken versetzt, weil er nachts die Kühe der Bauern umschmeißt. Gleichzeitig kommt DER FROSCH MIT DER MASKE mit seiner unverhohlenen Ausrichtung auf die Befriedigung der Sensationslust bei aller Naivität wunderbar exploitativ und zynisch daher. Hier herrschen noch klare Verhältnisse: Bösewichte werden ohne Rücksichtnahme über den Haufen geballert, ohne dass ihnen auch nur eine Träne nachgeweint wird. Eine wichtige gesellschaftliche Maßnahme, drohen sie doch die brave Jugend bis ins Mark zu verderben. Und selbst wenn der Scharfrichter seinen Job hinschmeißt, weil er seinen Sohn nicht hängen mag, so bleibt an der grundsätzlichen Richtigkeit der Todesstrafe doch kein Zweifel. Aber natürlich macht Reinl nie eine echte Aussage: In DER FROSCH MIT DER MASKE ist alles bloß ästhetische Zutat zur Erzeugung jener unnachahmlichen Stimmung, die jeder kennt, der sein Herz einmal an diese Filme verloren hat. Mir hat das Wiedersehen verdammt viel Lust auf mehr gemacht. Reinls Film ist ein idealer Appetizer, auch weil er noch Luft nach oben lässt.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Joachim Fuchsberger, Siegfried Lowitz, Eddi Arent, Jochen Brockmann, Carl Lange, Dieter Eppler, Fritz Rasp, Ulrich Beiger, Ernst Fritz Fürbringer und Benno Gellenbeck feiern ihren ersten von mehreren Auftritten in der EW-Reihe. Regie: Harald Reinl (1.), Drehbuch: Egon Eis (unter dem Pseudonym Trygve Larsen) (2.), Musik: Willy Mattes (1.) und Peter Thomas (1.), Kamera: Ernst W. Kalinke, Schnitt: Margot Jahn (1.), Produktion: Helmut Beck (1.) und Preben Philipsen (1.).
Schauplatz: London, Landhäuser, Scotland Yard, ein Nachtklub. Gedreht wurde in Kopenhagen und London. Später kommt für London-Szenen überwiegend Archivmaterial zum Einsatz.
Titel: Der Titel bezieht sich wie so oft auf den verkleideten Schurken.
Protagonisten: Der ermittelnde, alternde Inspektor erhält tatkräftige Unterstützung von einem Hobby-Kriminologen, der wiederum tatkräftige Unterstützung von seinem Butler erhält. Eine junge Frau fungiert als Love Interest, eine andere als Verderberin der Jugend. Zahlreiche weitere Verdächtige werden angeboten. Den Scotland-Yard-Chef Sir Archibald gibt Ernst Fritz Fürbringer.
Schurke: Ein „Frosch“ genannter Serieneinbrecher und Anführer einer Bande, der an den Orten seiner Verbrechen einen Froschstempel zu hinterlassen pflegt. Seine Identität ist unbekannt, aber Bandenmitglieder sind durch eine Tätowierung zu erkennen.
Gewalt: Zahlreiche Erschießungen, eine davon mit einem Maschinengewehr, Schlägereien, Martial-Arts-Kämpfe, Messerwürfe, Tod durch Stromschlag und Gas.

EDIT: Blogger-Kollege und Filmjournalist Thomas Groh wies mich darauf hin, dass meine Einlassungen zu den Problemen des deutschen Films in den Sechziger- und Siebzigerjahren an dieser Stelle arg verkürzt sind. Da ich hier weder Halbwahrheiten noch Legenden verbreiten möchte, empfehle ich dem Leser zum einen, die entsprechenden Textpassagen nicht allzu wortwörtlich, sondern lediglich als knappe Beschreibung zu verstehen, und sich bei Interesse selbst auf die Suche nach belastbaren Berichten, Aufsätzen und Artikeln zu jener Zeit zu machen.