Mit ‘Siegfried Schürenberg’ getaggte Beiträge

Niemand wird jemals auf die Idee kommen, ausgerechnet Francos unterfinanzierte Ausflüge ins Abenteuer- oder Fantasygenre zu seinen besten Leistungen zu zählen: Mit seinen persönlichen Interessen, Obsessionen und Fetischen sowie seiner ästhetischen Sensibilität war er im dunkelromantischen bis sadistischen Horror-, Erotik- und Sexfilm sicherlich am besten aufgehoben und fühlte sich dort auch zu Hause. Das zeigt auch X312 – FLUG ZUR HÖLLE, der gewiss auf keiner Franco-Best-of-Liste landet, aber trotzdem ganz vergnüglich ist, wenn man sich auf seiner kargen Reize einlassen kann. Der Film hat auf seiner Habenseite aber auch eine Top-Besetzung und einer launige deutsche Synchro zu verbuchen, die über seine traurigen Production Values – eigentlich der Genickbruch eines Abenteuer- und Actionfilms – hinweghelfen und wenn schon nicht für Begeisterung, so doch für angeregtes Amüsement sorgen. Was X312 – FLUG ZUR HÖLLE gegenüber anderen Versuchen Francos im klassischen Erzählkino auszeichnet, ist seine Geradlinigkeit: Während etwa seine „Thriller“ DER TEUFEL KAM AUS AKASAVA, DR. M SCHLÄGT ZU oder DER TODESRÄCHER VON SOHO, die ungefähr zur gleichen Zeit entstanden, gnadenlos konfus, holprig und von etlichen erzählerischen Problemen und Ungereimtheiten geplagt sind, kann man diesem Abenteuerfilm folgen, ohne immer wieder an seinem Verstand zweifeln zu müssen. Franco entwickelt tatsächlich so etwas wie Zug, was ihn sonst eher wenig interessierte und ihm daher auch nur selten gelang.

Worum geht’s: Der Reporter Tom (Thomas Hunter) nimmt für einen Freund von der Polizei einen Bericht auf Tonband auf: Laut eigenen Angaben kommt er soeben von einem Abenteuer zurück und er weiß nicht, ob er noch lange leben wird. Er war Passagier eines Flugzeuges, das auf dem Weg von Chile nach Brasilien über dem Amazonas abstürzte. An Bord war neben etlichen „normalen“ Bürgern – darunter die österreichische Studentin Steffi (Gila von Weitershausen), der schöne Jüngling Carlos (Hans Hass jr.), die attraktive Spanierin Anna Maria (Esperanza Roy) sowie eine amerikanische Nachtclubtänzerin (Ewa Strömberg) -, die vor der Diktatur fliehen mussten, auch ein gewisser Alberto Ruprecht (Siegfried Schürenberg), seines Zeichens ehemaliger Chef der chilenischen Landesbank, der sich mit Juwelen im Wert von mehreren Millionen Dollar absetzen wollte. Natürlich hatten diverse Schurken davon Wind bekommen: Nach dem durch einen Verbrecher provozierten Absturz Im Urwald entbrannte aus diesem Grund ein Kampf um die Reichtümer: Der fiese Somers (Paul Muller) hatte seine Männer auf Ruprecht angesetzt und vor Ort hatte es auch der Halsabschneider Pedro (Howard Vernon) auf die Juwelen abgesehen. Doch im folgenden Gemetzel ist es Tom gelungen, die Juwelen in seinen Besitz und zurück nach Rio zu bringen.

X312 – FLUG IN DIE HÖLLE krankt, wie man das erwarten durfte, an seinem nicht vorhandenen Budget: Der Flugzeugabsturz wird mithilfe von wildem Kameragewackel und herumtorkelnden Schauspielern in einem engen Raum (= Cockpit) realisiert, als Stand-in der für den wilden Amazonasdschungel muss ein gepflegter Park herhalten, den Rest besorgt Stock Footage. Wer sich große Schauwerte erhofft, wird demnach enttäuscht werden, wobei die finale Auseinandersetzung zwischen den Überlebenden und Pedros Männern dann doch mit einigem Krawumm verbunden ist. Der größte Reiz liegt aber im Miteinander der Charaktere, einem bunten Panoptikum an Klischeefiguren, die sich in der schönen deutschen Synchronfassung in einem Fort Sprüche um die Ohren hauen: Peer Schmidt intoniert Thomas Hunter mit Trunkenheit vermuten lassender, hingeworfener Lässigkeit, Brummbär Arnold Marquis übernimmt Fernando Sancho, mal wieder der fette Schmierlappen, Gila von Weitershausen interpretiert ihre Wiener Studentin als kulleräugiges, schutzbedürftiges Mädchen, das zudem den wahrscheinlich hässlichsten Teddy der Welt mit sich herumschleppt, Beate Hasenau wirft sich als Esperanza Roy in deren üppig bestückte Brust, die in der obligatorischen Lesbensex-Szene ihren großen Auftritt hat, und Franco-Regular Howard Vernon – gesprochen von Heinz Petruo –  sieht aus, wie aus dem Mexiko-Bereich vom Phantasialand geflohen, komplett mit angeklebtem Schnäuz, Bräunungsceme im Gesicht und Sombrero, Er hat auch meine Lieblingszeile des Films: Als er einen beherzten Schluck aus der Rumpulle nimmt, fragt seine Geliebte (Beni Cardoso) ihn, ob er denn immer so viel saufen müsse, woraufhin er ihr trocken entgegnet: „Alkohol ist gut fürs Zahnfleisch.“ Nach rund 90 Minuten ist der Spaß vorbei und man ist überrascht, wie kurzweilig das war.

Die junge Frau Jane Wilson (Karin Baal) reist nach Blackwood Castle, dem Wohnsitz ihres soeben verstorbenen Vaters, um ihre Erbschaft anzutreten. Das alte, heruntergekommene Schloss, das ihr laut Testament zusteht, will der Anwalt (Hans Söhnker) sogleich für 10.000 britische Pfund verhökern, doch Jane denkt nicht daran. Währenddessen beginnt um das Anwesen das große Sterben: Im nahegelegenen Gasthof Old Inn versammeln sich dubiose Gestalten wie Connery (Heinz Drache) oder Fairbanks (Horst Tappert) und einige von ihnen fallen einem monströsen Hund zum Opfer. Jane Wilson ruft ihren Bekannten, Scotland-Yard-Chef Sir John (Siegfried Schürenberg) herbei, um hinter das Geheimnis der Morde zu kommen …
 
Bei Eintrag 25 der Wallace-Reihe der Rialto-Film gingen offenkundig bereits die Stoffe aus, die man für die Leinwand adaptieren konnte: DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE ist eine Bearbeitung von Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Roman „Der Hund von Baskerville“ und basiert nur noch lose auf „Motiven“ von Edgar Wallace – was immer das auch heißen mag. Als weitere Neuerung übernimmt Sir John selbst hauptverantwortlich die Ermittlungen, ihm zur Seite steht seine adrette Sekretärin Miss Finley (Ilse Pagé), die sich von dem onkeligen Herren auch häufiger anschmachten lassen muss. Dass ihr das nicht nur gut gefällt, sondern sie ihn zu diesen Avancen gar noch ermutigt, passt zur sleazigen Altmänner-Schmierigkeit, die die einst so aseptische Reihe seit einigen Jahren förmlich übermannt. Für Heinz Drache ist in seinem letzten Wallace-Film immerhin noch Platz für eine Schurkenrolle und Horst Tappert feiert ebenfalls seinen späten Einstand: Er sollte während der Spätphase der Rialto-Wallaces noch zum Stammschauspieler avancieren. Von diesen kosmetischen Änderungen abgesehen, passt sich Vohrers elfter Wallace dem Durchschnittsniveau der Reihe an: Er ist, wie alle der späten, farbigen Wallaces, etwas pulpiger und schundiger als die frühen Beiträge, stärker auf Schauwerte und Gewalt ausgerichtet, inhaltlich jedoch deutlich beliebiger. Der Clou mit dem Hund, dem ein einäugiges Faktotum mit Schlangengift gefüllte Plastikzähne aufsetzt, ist deutlich weniger furchteinflößend, als es sich die Macher vielleicht erhofft hatten: Der arme Dobermann sieht mit seinen krumm und schief abstehenden Pappzähnen aus, als habe er einen veritablen Überbiss, und dass das Gift hier wieder einmal von einer Würgeschlange stammt, deren Biss beim besten Willen nicht tödlich ist, passt  zum Rummelplatz-Charme, den die Farbwallaces noch stärker versprühen als die frühen, schwarzweißen Produktionen. Dabei ist der Plot mit den einstigen verbündeten Kriminellen, die sich nach Jahren treffen, um ihre Beute neu aufzuteilen, so interessant, dass es der albernen „Grusel“-Beigabe gar nicht wiurklich bedurft hätte.
 
Die Edgar-Wallace-Checkliste:
 
Personal: Siegfried Schürenberg (14.), Kurt Waitzmann (7.), Heinz Drache (6.), Harry Wüstenhagen, Kurd Pieritz (5.), Ilse Pagé, Tilo von Berlepsch (4.), Agnes Windeck, Uta Levka, Alexander Engel, Arthur Binder (3.), Karin Baal, Mady Rahl, Rainer Brandt, Heinz Petruo (2.), Horst Tappert, Otto Stern, Paul Berger (1.). Regie: Alfred Vohrer (11.), Drehbuch: Herbert Reinecker (6.), Musik: Peter Thomas (15.), Kamera: Karl Löb (11.), Schnitt: Jutta Hering (8.), Produktion: Horst Wendlandt (22.), Erwin Gitt (3.).
Schauplatz: Blackwood Castle und Umgebung. Gedreht wurde in Berlin, u. a. auf der Pfaueninsel.
Titel: Bezieht sich auf den Hund, der ums Schloss stromert und unliebsame Subjekte aus dem Weg räumt.
Protagonisten: Sir John übernimmt allein die Ermittlungen, Karin Baal gibt das weibliche Opfer, Heinz Drache und Horst Tappert spielen dubiose Männerfiguren.
Schurke: Es gibt gleich mehrere Schurken, die sich gegenseitig umbringen.
Gewalt: Mehrere Hundeattacken, ein Autounfall, Erschießungen.
Selbstreflexion: Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt, Begrüßungsformel zu Beginn.