Mit ‘Siggi Götz’ getaggte Beiträge

To cut a long story short: DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN ist ein Meisterwerk, zumindest aber die Gottwerdung des offensichtlichen Humors. Siggi Götz versteht es wie vielleicht kein anderer, Szenen anzubahnen, bei denen man sich denkt: „Nein, das macht er jetzt nicht, das kann er nicht machen, bittebitte, lass es ihn nicht machen“, nur um es dann doch zu tun – und damit einen Volltreffer nach dem anderen zu landen. Auf die Distanz von 90 Minuten entfaltet diese Methode, die Erwartungen wirklich kein einziges Mal zu unterlaufen, sondern sie wirklich immer punktgenau, gewissermaßen in vorauseilendem Gehorsam, zu bedienen, jede Pointe genau den entscheidenden Sekundenbruchteil zu spät zu setzen, einen unwiderstehlichen Reiz. Es gehört immenses Timing und Können dazu, diese Masche nicht nur einen ganzen Film lang durchzuhalten, sondern auch zur gewinnenden Strategie umzudeuten.

DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN hat alles, was man dem deutschen Lustspiel der Siebziger- und frühen Achtzigerjahre üblicherweise vorwirft – Mundart und Dialekt, Schwulenwitze, Verwechslungen,“lustige“ Soundeffekte (alles, wirklich alles bekommt ein lustiges Geräusch), Verfolgungsjagden und Keilereien, tumbsten Slapstick, Grimassen, dämliche Kalauer und natürlich Zoten, Zoten, Zoten – aber Götz schafft es, diese Ausprägung niederen Humors hier zur Kunstform zu erheben. Seine Attacken auf das Zwerchfell werden mit äußerster Brutalität, Ausdauer und Durchschlagskraft geführt. Am Ende liegt man winselnd darnieder, weiß nicht, ob man traurig darüber sein soll, dass es „schon“ vorbei ist, oder dankbar dafür, noch am Leben zu sein.

All das entspringt dabei nicht dem Zynismus, der Menschen nur als Material betrachtet und Zuschauer als bodenlose Fressmaschinen, die möglichst billig möglichst schnell möglichst voll zu stopfen sind, sondern einer allumfassenden Menschenliebe. Das macht der Prolog ganz deutlich, der im Geiste des konservativen Heimatfilms von der „Überfremdung“ des schönen Oberbayerns faselt, in das die Ortsfremden und Ausländer einfallen und alles kaputtmachen. Der Film zeigt dann, dass es eigentlich ganz anders ist: Die „Fremden“ bringen erst frischen Wind mit und sorgen dafür, dass die Einheimischen sich nicht gegenseitig auf die Nerven gehen, von den neuen sinnlichen Reizen mal ganz zu schweigen. DIe drei Schwedinnen – kaum mehr als anonyme Platzhalter – verkörpern die Verheißungen dieses Fremden, das ja auch und nicht zuletzt ein Neues ist. Sie müssen kaum mehr tun, als da zu sein, um den Ort komplett auf den Kopf zu stellen und festgefahrene Strukturen neu zu ordnen.

Über Details will ich gar nicht viel sagen, zumal der Wahnsinn, den die Handlung darstellt, eh kaum nachvollziehbar zusammenzufassen ist, nur zwei Sachen: DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN hat zwei Geheimwaffen, die man aus dem LISA-Oeuvre zwar kennt, die aber vielleicht nie so wertvoll waren wie hier, nämlich Alexander Grill, der wenig mehr machen muss, als dumm zu gucken und gewissermaßen den ruhenden Pol in dem ganzen Irrsinn zu geben (man kann ihn sich ein bisschen als den Patrick Star für Gianni Garkos Spongebob vorstellen), und den spindeldürren Jacques Herlin. Den hat die Synchro hier herrlicherweise mit Berliner Akzent und einer aufdringlichen „Bruhargh“-Lache ausgestattet, die den Film fast allein sehenswert macht. Die Szene, in der er sich dutzendweise rohe Eier in ein Glas schlägt und trinkt, um für den Fick am Abend genug Druck auf dem Füller zu haben, ist alles, einfach alles, und die Krönung dieses Monumentalwerks, das man wenigstens einmal gesehen haben muss.

Die_Einsteiger_DVD_(de)-FrontThomas Groh nennt diesen Film gern „die deutsche Antwort auf VIDEODROME“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Nachdem die Supernasen Thommy und Mike in PIRATENSENDER POWERPLAY unter Siggi Götz‘ Regie noch die bevorstehende Privatisierung des Rundfunks antizipiert hatten, widmen sie sich nun der medientechnischen Revolution namens „Heimvideo“. Der Tüftler und Videofan Mike hat einen „Video-Integrator“ gebastelt, mit dessen Hilfe man sich direkt in einen Film seiner Wahl hineinbeamen kann, sofern man die dazugehörige Fernbedienung besitzt. Fortan vertreiben und sein Kumpel und Mitbewohner Thommy die Zeit, indem sie in Italowestern, Indiana-Jones-Filme, Polanskis TANZ DER VAMPIRE, ROCKY und andere Werke aus Mikes umfangreicher VHS-Sammlung „einsteigen“ und dort echte Abenteuer und Heldentaten erleben, die eine willkommene Abwechslung zu ihrem tristen Alltag sind. Natürlich bekommt ein japanischer Elektronikhersteller Wind von der Erfindung und versucht, das Gerät an sich zu bringen. Außerdem bahnt sich eine sanfte Liebesgeschichte zwischen Thommy und der schönen Linda (Anja Kruse) an, die ihren Ex-Gatten, den Firmenchef Kapellusch (Gerd Baltus), dazu bringen will ein Testament zugunsten des gemeinsamen Sohnes aufzusetzen. Aber die Handlung von DIE EINSTEIGER ist eigentlich nur mäßig interessant und raubt dem Film gerade in der zweiten Hälfte einiges von dem Drive, mit dem er aus den Startlöchern kommt und die Enttäuschung über den schwachen ZWEI NASEN TANKEN SUPER sofort vergessen macht. DIE EINSTEIGER ist ganz bei sich, wenn er Filmwelten rekonstruiert und von zwei deutschen Humorterroristen überfallen lässt: Da zeigt sich eine nicht von Ehrfurcht, sondern Partizipation geprägte Liebe für das Kino, die typisch ist für das Videozeitalter.

Interessant ist überdies, welches Verständnis von Film hier zugrundeliegt: Wer „einsteigt“, nimmt nicht als eine Art embedded viewer am Film teil, sondern tatsächlich als handelnder und im Stile des Films ausstaffierter Charakter. Im Italowestern sollen Mike und Thommy sogleich gehängt werden, im Indiana-Jones-Film teilen sie sich die Protagonistenrolle als ungleiches Duo, im Boxfilm steigt Mike in den Ring, während Thommy als Trainer außen vor bleibt, und im Südseeinsel-Setting verwandelt sich Mike einmal gar in einen Menschenaffen. Die anderen Handelnden merken nicht, dass da plötzlich neues Personal mitwirkt und das Drehbuch ändert, alle passen sich ganz selbstverständlich den neuen Gegebenheiten an. Firmenboss Kapellusch und Polizeikommissar Gierke (Werner Kreindl) beschließen bei Anblick des Inselidylls gar, ihr Leben in der Realität ganz aufzugeben und „im Film“ zu bleiben, und als die beiden Helden im Ringen mit den Vampiren um Graf Frackstein (Udo Kier) in Bedrängnis geraten, nimmt Thommy aus Versehen eine Vampirin statt Mike mit zurück. Das alles suggeriert, dass Film nichts Statisches ist, sondern eine ganze, mit vollwertigen Individuen bewohnte Welt enthält, deren Abmessungen weit über das hinausreichen, was Kamera und Regie einfangen. Der Fernsehschirm ist so gesehen nur das viel zitierte „Fenster“, durch das man nur einen kleinen Ausschnitt vom Ganzen erhaschen kann, der dann die Fantasie zum weiteren Ausschmücken und Weiterspinnen der Geschichten anregt. Der Demokratisierungsaspekt, der bereits in PIRATENSENDER POWERPLAY eine so wichtige Rolle spielte, kommt auch hier wieder zum Tragen: durch die einfache Existenz des Videorekorders, der seinen Besitzer – eine entsprechende Videosammlung vorausgesetzt – zum selbstbestimmten Programmdirektor macht, und dann, als nächste Evolutionsstufe, durch den Integrator, der die durch den Bildschirm gegebene physische Grenze durchlässig werden lässt. Letztlich ist Mikes Erfindung aber nur eine pointierte Übersteigerung des Segens, den die Erfindung des Videorekorders dem Filmfan brachte: sich 24 Stunden lang vom heimischen Sofa aus auf Traumreise durch seine Liebelingswelten zu begeben, ohne also das Haus verlassen und eine Kinokarte lösen zu müssen. DIE EINSTEIGER externalisiert, was sich sonst nur im Kopf des Filmsehers abspielt.

Gegenüber den vorangegangenen beiden Filmen, die unter der zweckmäßigen, aber auch biederen Regie von Dieter Pröttel entstanden waren, zeigt DIE EINSTEIGER seinem Sujet angemessen wieder mehr inszenatorisches Profil. Die Film-im-Film-Szenen sind den Vorbildern liebevoll nachempfunden und schön launisch, der Titelsong von Oliver Onions gibt dem ganzen den nötigen Schwung, kleine quirks, wie Jochen Busses wunderbar dadaistischer Gastauftritt, und außergewöhnliche Kameraeinstellungen verleihen Profil und sorgen dafür, dass DIE EINSTEIGER nicht allzu weit hinter seinen Referenzen zurückfällt. Die Albernheiten des Hauptdarstellerduos wurden zugunsten der Handlung deutlich zurückgefahren, was dem Film ebenfalls gut zu Gesicht steht. Das Ende ist gar eine handfeste Überraschung: Siggi Götz empfiehlt sich auf einmal als deutscher Giallo-Regisseur, wartet zu den atmosphärischen Klängen des goblinesken Soundtracks mit einer Bildfolge spannungssteigernder Detailaufnahmen auf und liefert eine Paraphrase zu Bavas REAZIONE A CATENA, die man in jedem Film erwartet hätte, aber gewiss nicht hier.

dmB9V70IdpdpqYsDUHCvls2OkPrPIRATENSENDER POWERPLAY war einer der ersten Filme, die meine Eltern in den frühen Achtzigerjahren auf Video ausliehen, durchaus auch, um mir einen langweiligen Abend zu verkürzen, und diese Tatsache sagt schon viel über das enorme Standing, das Krüger und Gottschalk und mit ihnen dieser Film damals genossen. Der Witzeerzähler aus Quickborn war zu jener Zeit wahrscheinlich noch der größere Star der beiden Hauptdarsteller und ein Tape eines seiner Liveauftritte lief im elterlichen Auto in der heavy rotation, sehr zu meinem anhaltenden Vergnügen. Natürlich liebte mein schätzungsweise fünf-, sechsjähriges Ich seinen Superhit „Der Nippel“, wie wahrscheinlich alle Jungs, die Mitte der Siebziger geboren worden waren. Gottschalk hatte seine ersten Fernsehauftritte zwar schon im Jahrzehnt zuvor absolviert, war aber in erster Linie noch als Radiopersönlichkeit bekannt. Der Aufstieg zu DER deutschen Fernsehpersönlichkeit begann ungefähr parallel zu diesem Film mit seinem ZDF-Engagement als Moderator von „Thommys Pop-Show“, dem dann die langlebige Talkshow „Na sowas!“ folgte. Kürger und Gottschalk spielen in Siggi Götz‘ Erfolgsfilm weniger „Rollen“, als dass sie die von ihnen auf der Bühne bzw. im Radio/TV etablierte Persona in einen Film hinübertrugen: „Mike“ ist demzufolge der etwas tolpatischige Witzbold mit dem Gesicht zum Reinschlagen, „Thommy“ der Sunnyboy mit dem Gespür für die heißesten Sounds aus den US of A und der jugendlichen Ansprache. Gerade letzteres sorgt heute für Heiterkeit: Gottschalk geriert sich bekanntermaßen immer noch gern als frecher, respektloser Sprücheklopfer, steht als mittlerweile 65-Jähriger jedoch keinesfalls mehr im Verdacht, den Finger am Puls der Zeit zu haben oder besonders cool zu sein, verkörpert als beinharter Rockist vielmehr einen rückwärtsgewandten und spießigen Geschmack (der sich freilich schon in der damals bereits hoffnungslos überkommenen Musikauswahl für PIRATENSENDER POWERPLAY mit Songs von Bands wie der J. Geils Band oder Little Feat entsprechend niederschlägt). Er ist ein Opa, der gern noch 20 wäre und so eher Fremdscham auslöst. Hier hingegen liegen ihm die Jugend und vor allem die feschen Mädels geradezu zu Füßen, lauschen gebannt seinen schmerzhaft unwitzigen Sprüchen und bewundern ihn als Trendsetter. Um PIRATENSENDER POWERPLAY wirklich zu mögen – und das tue ich – ist es unerlässlich, sich den historischen gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem der Film entstand zu vergegenwärtigen.

Wie Thomas Groh in der letztjährigen, zu Siggi Götz‘ 70. Geburtstag erschienenen Ausgabe von Sigi Götz Entertainment schrieb, nimmt PIRATENSENDER POWERPLAY die Einführung der Privatsender in den mittleren Achtzigerjahren vorweg und darf als früher Beitrag zu einer bis heute anhaltenden Diskussion um die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und um seine nötige Verjüngung verstanden werden. Die beiden unangepassten Jungspunde Mike und Thommy erfreuen sich mit ihrem jeden Montag um 15 Uhr für genau eine Stunde illegal ausgestrahltem Programm nämlich immenser Beliebtheit bei der Jugend. Die von Thommy flapsig-flippig anmoderierten Hits aus Übersee, die von Mikes Kalauern unterhaltsam aufgelockert werden, bekommt man in dieser Konzentration sonst nirgendwo zu hören. Den Beamten des ÖR, vor allem dem Intendanten (Ralf Wolter), ist die Konkurrenz ein Dorn im Auge, weshalb Dr. Müller-Hammeldorf (Gunther Philipp) mitsamt des tölpeligen Polizei-Einsatzleiters Pluderer (Rainer Basedow) auf die Rundfunkpiraten angesetzt wird. Die bekommen just in dem Moment, da die Falle zuzuschnappen droht, unerwartete Hilfe von Mikes Schwester (Evelyn Hamann). Weil die Religionslehrerin erkennt, welches kommerzielle Potenzial im Projekt ihres Bruders steckt, investiert sie das ihr zur Verfügung stehende Kapital, kauft ein schickes Wohnmobil als schwierig zu ortenden Sendewagen und holt einige Werbepartner an Bord. Am Ende einer für den ÖR erfolglos verlaufenen Jagd zieht der Intendant die einzig richtige Konsequenz: Er integriert die „Feinde“ ins System und lässt sie ihr Programm unter dem Banner des staatlichen Rundfunks machen, eine Strategie, der sich ARD und ZDF auch heute noch bedienen, um den Anschluss an die Privatsender nicht gänzlich zu verlieren.

So schwer es heute auch fällt, Mike Krüger und Thomas Gottschalk als Repräsentanten der Gegenkultur zu akzeptieren, Siggi Götz meint das durchaus halbernst. Schon zu Beginn bezieht er eindeutig Position, wenn er die als durchweg dämlich und autoritätshörig diffamierten Polizisten erst eine mit lustigen Gaga-Transparenten wie „Weg mit den Alpen! Freie Sicht aufs Meer!“ sympathisch tapezierte Kommune, wenig später dann ein Bordell stürmen lässt, in der sich zu diesem Zeitpunkt rein zufällig auch Mike und Thommy aufhalten. Der Richter spuckt bei der folgenden Verhandlung Zeter und Mordio, weil er eine Beleidigung des amtierenden Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß durch die Angeklagten wittert, dabei sprechen die beiden arglosen jungen Männer doch nur über ihren gleichnamigen Hund. Im weiteren Verlauf ist es immer wieder die schreiende Inkompetenz, gepaart mit Übermotivation und Selbstgerechtheit, die Müller-Hammeldorf ins Hintertreffen bringt, ihn selbst in aussichtsreichster Position versagen oder den Wald vor läuter Bäumen übersehen lässt. Es ist ja nur logisch, dass Götz die Rollen der Staatsbeamten mit älteren Herren besetzt, aber es passt in doppelter Hinsicht, weil Ralf Wolter, Gunther Philipp oder Rainer Basedow auch eine andere Humorgeneration verkörpern. Gunther Philipp etwa stürzt sich mit der ihm eigenen Verve in die Schlacht und sein Müller-Hammeldorf entwickelt dabei einen solchen Feuereifer, dass er über sein wiederholtes Versagen gar in der Nervenheilanstalt landet. Dem ganzen Slapstick-Chaos, das er und seine Mitstreiter entfachen, stehen Krüger und Gottschalk mit der Gelassenheit des Niederlagen und Nackenschläge gewohnten Slackers (Krüger) und der pfiffigen Unverdrossenheit des von der Sonne geküssten Glückspilzes (Gottschalk) gegenüber. Sie müssen gar keinen allzu großen Einfallsreichtum aufbringen, um den Verfolgern immer wieder zu entkommen, schlüpfen mit größter Selbstverständlichkeit in die unterschiedlichsten Rollen, und können sich in ärgster Not immer darauf verlassen, dass ihre Gegner schlicht zu blöd sind.

PIRATENSENDER POWERPLAY entwickelt so nicht gerade Spannung, aber einen sehr ansteckenden Drive, der von der Ferienatmosphäre, die der Film ausstrahlt, noch befeuert wird. Es ist die ganze Zeit was los, trotzdem ist das sich einstellende Gefühl eines von Entspannung, von vollkommen sorgenfreiem Müßiggang. Nichts scheint da wirklich irgendeine echte Konsequenz nach sich zu ziehen. Die Lebenshaltung, die darin zum Ausdruck kommt, dieses gänzlich unbelastete Gottvertrauen darin, dass alles irgendwie gut ausgehen wird, dass Mike und Thommy am Ende des Tages immer noch Mike und Thommy sein und die Unwägbarkeiten des Lebens irgendwie meistern werden, ist durchaus erstaunlich, gerade für einen deutschen Film, und davon mal abgesehen, einfach schön. Gerade heute, wo nicht wenige Eltern den Karriereplan ihrer Kinde schon vor deren Geburt fest eingetütet haben, tut es gut, zwei Männern dabei zuzusehen, wie sie einfach nur machen, worauf sie Lust haben. Dass sie am Ende Fernsehkarriere machen, wird so mitgenommen, es wird nichts Wesentliches ändern, und wenn nichts daraus wird, ist es auch egal. Vielleicht ist das ja auch die versteckte Botschaft des wunderbaren Zirkelschlusses, mit dem PIRATENSENDER POWERPLAY aufhört: Thommy sagt im Fernsehen den ersten Film an, den er mit seinem Kumpel Mike gedreht habe, und es laufen die Anfangscredits für eben jenes Werk, das sich auf dem intradiegetischen Fernsehschirm seinem extradiegetischen Ende nähert. Wenn alle Stricke reißen, fängt man eben von vorn an.

Schonen_Wilden_Ibiza_(1980)Mike, Susi, Poldi, Gilda, Nadja, Ajita, Muschi, Juppy, Bob, Bosso: So heißen die Figuren, die diesen Film bevölkern. Nachnamen gibt es nicht, und das hat seinen Grund. Gesellschaftliche Normen und sozial konstruierte Identitäten spielen in den Tagen und Nächten in Ibiza, wo Götz‘ Film spielt, keine Rolle. Was zählt, das sind der funktionierende, in jugendlicher Blüte strahlende Körper und die Bereitschaft, alle jene Zwänge fallenzulassen, in die man zu Hause, irgendwo dahinten, hinter der Sonne, die verheißungsvoll und rot glühend im Mittelmeer versinkt, hoffnungslos eingebunden ist. Und natürlich der Beat, der einen immer weiter treibt, immer weiter, durch die Nacht bis in den nächsten Morgen. Es gibt viele Filme, die von der Jugend erzählen, von ihrer Getriebenheit, der nie abgeschlossenen Suche nach dem nächsten Kick, dem vollendeten Glück, dem perfekten Moment. Aber nur wenige haben das in dieser Reinheit geschafft wie Siggi Götz in DIE SCHÖNEN WILDEN VON IBIZA.

Mike (Régis Porte) und seine Freundin Susi (Tanja Spiess) – die beiden geben sich als Ehepaar aus – sind gerade auf Ibiza angekommen, da gibt es schon Probleme. Ihr Zimmer wurde bereits vergeben und auf der Suche nach Ersatz wird ihnen all ihr Hab und Gut geraubt. Sie finden Unterschlupf bei Susis altem Freund, dessen „Villa“ sich als notdürftig zusammengezimmerte Strandhütte entpuppt und finden Anschluss an eine bunte Clique Vergnügungssüchtiger, mit denen sie im Folgenden die Nächte unsicher machen, tanzen, trinken, feiern und in immer neuen Konstellationen miteinander im Bett landen. Konflikte sind vorprogrammiert, aber nie von Dauer: Selbst als die Strandhütte des homosexuellen Sonnyboys von einem wütenden Vater niedergebrannt wird, währt die Trauer nur kurz. Es bleibt keine Zeit, Trübsal zu blasen. Und wenn Mike und Susi nach diversen Eifersüchteleien am Ende ihr Geld wiederhaben und ihren ursprünglich geplanten Urlaub antreten wollen, da merken sie, dass sie nach dem Erlebten für die sauber abgesteckten Freuden des Pauschaltourismus verloren sind. Es ist dieses totale Unterwerfung unter die Idee jugendlicher Selbstverwirklichung, die zu 100 % geglückte Horizontverschiebung, die Götz‘ Film auszeichnet: Während Mike und Susi etwa im US-amerikanischen Teeniefilm am Ende „erwachsen“ geworden wären, in den sicheren Hafen von Kapitalismus, Monogamie und Ehe überführt worden, so sind sie gerade diesen erst einmal entflohen. Die Zeit, sesshaft zu werden, kommt noch früh genug.

DIE SCHÖNEN WILDEN VON IBIZA ruht gewissermaßen in seiner Ruhelosigkeit. Der Weg ist das Ziel. Und so lässt sich Götz‘ Regie niemals von einem Plot einspannen, sondern das Tempo von der Ausdauer seiner jugendlichen Protagonisten, der Wahl ihrer Fortbewegungsmittel und dem Rhythmus der Musik bestimmen. Dieses Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben, sich ohne Plan treiben zu lassen, spontanen Impulsen und Stimmungen zu folgen, das Gefühl, dass die Tage ineinanderbluten, in der Hitze, unter der gleißenden Sonne miteinander verschmelzen, fängt der Film nahezu perfekt ein. Die Hits, die ganz im Stile der Produktionsfirma LISA sehr zeitfüllend und zentral zum Einsatz kommen (u. a. „Funkytown“ von Lipps Inc. und „Play the Game“ von Queen), erstaunen zunächst ob ihrer Bekanntheit und der großen Namen, doch relativiert sich der Eindruck, wenn sie sich ab der Hälfte der Spielzeit allesamt wiederholen. Auch das passt letztlich wunderbar zum Geist des Films: Es ist auch die endlose Wiederholung der immergleichen Rituale, die die Jugend als Aneinanderreihung endloser Deja-Vus und somit als Zustand jeder Aufhebung von Zeit buchstäblich endlos erscheinen lässt. Wir wissen, dass dem nicht so ist, und betrachten die Unschuld und Naivität, mit der sich die Protagonisten da ins Leben schmeißen, mit sanft stechender Nostalgie. Those were the days …

GriechischeFeigenA1Für die attraktive Patricia (Betty Vergés) sind die Ferien bei ihren reichen Eltern in Griechenland zu Ende. Das heißt: Zurück nach München an die Uni und weiterlernen fürs Erwachsensein und die berufliche Karriere. Doch Patricia steht der Sinn nach etwas anderem. Kurzerhand verschenkt sie ihr Flugticket und macht sich mit ihrem Gepäck auf die Reise: sich ohne Ziel treiben lassen durch Griechenland, dabei etwas über die Männer lernen und dem Geheimnis der eigenen Identität auf die Spur kommen. Herausfinden, was sie will, was sie braucht, wer sie ist. Sie hüpft von Abenteuer zu Abenteuer, bis sie bei Tom (Claus Richt) landet. An Bord seines Segelboots verbringt sie ein paar traumhafte Tage. Doch dann mischt sich die Eifersucht ein und zerstört das junge Glück – zumindest vorerst …

„Ein Mädchen, das (sich) auszog, das Lieben zu lernen“ – bei dieser Tagline wusste der Genießer im Trenchcoat gleich, was er zu erwarten hatte und konnte beruhigt die Eintrittskarte lösen. Er wird nach Verlassen des Kinos nicht enttäuscht gewesen sein, gibt das Drehbuch seiner ansehnlichen Protagonistin doch ausgiebig Gelegenheit, die Hüllen fallen zu lassen und sich in amouröse Abenteuer zu stürzen. Dem weniger eindeutig interessegeleiteten Zuschauer indes können sich die Abgründe, die sich in der Geschichte um die willensstark, aber letztlich orientierungslos umherstolpernde Patricia auftun, nicht verborgen bleiben. Das „unbeschwerte Sommermärchen“ ist unangenehm bleich, und je greller und heißer die Sonne scheint, umso schärfer und dunkler werden auch die Schatten, die sie wirft. In Maßen genossen, spendet sie Wärme und Geborgenheit, wer sich jedoch zu lang in ihr aufhält, riskiert, sich zu verbrennen und auszutrocknen. Für die Menschen, die GRIECHISCHE FEIGEN bevölkern, scheint die Empfehlung, Sonnenschutz aufzutragen und ein kühles Plätzchen aufzusuchen, bereits zu spät zu kommen. Sie alle sind Getriebene,  Verlorene, nicht mehr in der Lage, rationale Entscheidungen für sich und andere zu treffen, hoffnungslos ihren Launen, Trieben und Lüsten ausgeliefert, ohne diese noch hinterfragen zu können. Der Film ist im Kern verdammt traurig und ernüchternd.

„Manchmal frage ich mich, ob du noch ganz dicht bist.“, sagt Tom einmal zu Patricia und die kann seine Ratlosigkeit auch nicht auflösen, weil sie selbst nicht genau weiß, ob sie wirklich normal ist. Ihre Reise durch Griechenland, auf der sie sich in beinahe aggressiver Art und Weise und völlig ohne Bewusstsein für die Gefahr, in die sie sich ja auch begibt, verschiedenen Männern als Lustobjekt anbietet, soll sie zu einem wahrhaftigen Bild von sich selbst führen, doch der völlige Selbstverlust ist wahrscheinlicher. Und die Männer, denen sie begegnet, sind auch nur mit sich beschäftigt, vollkommen uninteressiert daran, jemand anderem etwas zu geben. Der erste, gleich am Flughafen, hat eben noch seine Gattin abgesetzt, jetzt hat er schon die junge Studentin im Auto. Zwei junge Deutsche, die sie mitnehmen, wollen gar nicht erst ihr Einverständnis abwarten, sondern gehen direkt zur Vergewaltigung über, der Patricia ohne jede Traumatisierung oder Erkenntnis für die Zukunft entfliehen kann. (Später versuchen die beiden Jungs ein geeignetes Opfer unter älteren deutschen Touristinnen zu finden, frei nach dem Leitspruch: „Die Neckermann-Weiber sind besser, als in die hohle Hand zu wichsen.“) Das Hippiepärchen, in deren Zelt Patricia Unterschlupf findet, während die sich neben ihr vergnügen, behauptet, sich zu lieben, obwohl sie sich erst drei Tage kennen. Am Ende begegnet sie ihm wieder, die kurze Liebschaft ist schon wieder vorbei. Tom ist der einzige, der Interesse an ihr als Person zeigt. Doch an ihrem aufreizenden, herausfordernden Gehabe, mit dem sie jeden Mann um sich herum auf die Probe stellt, entzündet sich ein Streit, der vorerst das hässliche Ende ihrer bis dahin harmonischen Beziehung herbeiführt. Auch Tom offenbart dabei nicht gerade seine beste Seite, legt stattdessen die typisch männlichen Besitzansprüche an den Tag. Dass Patricia am Ende zu ihm zurückkehrt, weil sie glaubt, ihn zu lieben, ist eher der dramaturgischen Notwendigkeit, den Film zu einem runden Ende und seine Protagonistin zum Ziel ihrer Reise zu bringen, geschuldet, als dass es psychologisch folgerichtig schiene. Als sie Tom in seiner Wohnung aufsucht, liegt der schon mit der nächsten im Bett, sie, nicht bereit, schon aufzugeben, steigt prompt zu seinem Mitbewohner in die Badewanne. Die Frau, die im Nebenzimmer von ihrer vermeintlich großen Liebe beglückt wird, bezeichnet sie überaus grob und abwertend als „Ficke“, obwohl sie doch selbst kaum mehr gewesen ist in den vergangenen Tagen, kaum mehr überhaupt sein wollte. Wenn Tom Patricia am Ende in die Arme schließt, sie sich ihre Liebe gestehen, so ist man fast froh, dass der Vorhang fällt, scheint eine glückliche Beziehung zwischen den beiden doch kaum möglich, sieht man bereits den nächsten Konflikt drohend heraufziehen.

GRIECHISCHE FEIGEN ähnelt nicht wenig dem vor kurzem hier besprochenen SPRING BREAKERS: In beiden Filmen brechen junge Mädchen aus der Umklammerung der Gesellschaft aus, stürzen sich in ein wildes Abenteuer, aus dem es kein Zurück mehr gibt, das sie hoffnungslos verschlingt und sie verwandelt. Die auf der Hand liegenden Differenzen zwischen beiden Filmen ergeben sich vor allem aus der Zeit, in der sie jeweils entstanden, und ihrem Produktionshintergrund. Während Harmony Korine mit SPRING BREAKERS einen zwar doppeldeutig mit der Verführung spielenden, aber doch unverkennbar konsumkritischen Film drehte, dient GRIECHISCHE FEIGEN-Regisseur Rothemund der aufklärerische Gestus – sein Thema der sexuellen Identitätssuche und Selbstbestimmung der Frau ist typisches Produkt der in den Siebzigerjahren blühenden Emanzipationsbewegung – vor allem als willkommener Deckmantel, um in bestem Lisa-Film-Stil erotische Männerbedürfnisse zu befriedigen. Aber es ist eben genau diese Widersprüchlichkeit, die GRIECHISCHE FEIGEN so spannend macht und in seiner Verhandlung jugendlicher Orientierungslosigkeit so erbarmungslos. Tatsächlich ist er kaum weniger niederschmetternd als SPRING BREAKERS, gerade weil er eigentlich genau das Gegenteil von dem anstrebt, was er letztlich vermittelt.  Man kann Patricia nur bemitleiden: Sie rennt einem Bild von Aufgeklärtheit und Autonomie hinterher, das nur wenige Jahre später nicht mehr aufrechtzuhalten war. Wie sie da ganz arglos jedem sofort ihre Titten ins Gesicht hält, lässt eher auf tiefsitzende Neurosen schließen, denn auf gesundes Selbstbewusstsein und Unangepasstheit. Überhaupt dieses ganze Theater um eine sexuelle Sinnsuche: Als erschöpfte sich ihr Charakter schon in der Frage, was sie von einem Mann erwarte. Wie sie da ihre spätpubertären Gedanken mit einem Aufnahmegerät festhält, stellt sich die Frage, woher dieses Mädchen eigentlich kommt. Zu Beginn sieht man kurz ihre Eltern: der Vater schon weit jenseits der 60, ein grauhaariger Geschäftsmann im Anzug, der im Zweiten Weltkrieg möglicherweise nicht auf der richtigen Seite stand. Schon da muss sie provozieren, tritt nackt ins Haus, um einen Gast der Eltern zu begrüßen. Sie ist natürlich Produkt ihrer Zeit, aber man wünscht ihr, dass es ihr gelingen möge, sich davon irgendwann zu lösen. Die Idee, die sie hat, ist die richtige, doch ihre Mittel sind denkbar ungeeignet. 1977 war es einfach schon zu spät für ihren abgeschauten Hippie-Idealismus.

summernightDer 19-jährige Frauenschwarm Peter (Stéphane Hillel) will mit seinem bebrillten Freund Freddy (Claus Obalski) mit dessen VW Käfer in den Sommerurlaub nach Ibiza, um dort „zu bumsen“. Beim Plan, es so richtig krachen zu lassen, steht jedoch Freddys kleine Schwester Victoria (Olivia Pascal) im Weg, die die beiden sehr zum Ärger Peters auf ihrer Reise begleitet. Auf dem Weh nach Süden verschlechtert sich Peters Laune zusehends, da er Victoria als Hindernis bei seinen Ambitionen betrachtet, während der schüchterne Freddy zu ganz großer Form aufläuft und sich vor amourösen Verwicklungen kaum noch retten kann. Hinter Peters Miesepetrigkeit verbirgt sich natürlich etwas ganz anderes: Der Weiberheld hat sich in die hübsche Victoria verliebt, will sich das aber nicht so recht eingestehen. Weil die zarten Gefühle außerdem auf Gegenseitigkeit beruhen, kommt es zum Streit, als die beiden Jungs sich mit dem attraktiven Call-Girl Ines (Betty Vergés) anfreunden …

Nach dem zuletzt gesehenen, kalauerig-blöden COLA, CANDY, CHOCOLATE war  SUMMER NIGHT FEVER sehr zu meiner Überraschung doch ein anderes Kaliber. Einen lustigen Schimpansen, einen dicken Schwulen, eine inkompetente Feuerwehr und „Gags“ um untalentierte Sängerinnen und Abführmittel sucht man hier vergebens, stattdessen bietet Rothemund (erneut unter seinem nome de guerre „Sigi Götz“ arbeitend) tatsächlich identifikationswürdige Charaktere, eine griffige Plotline und einen nachvollziehbaren Konflikt. Der „Tausch“ der beiden Hauptfiguren fußt auf einer Einsicht, die ich sogar als „klug“ bezeichnen würde: Gerade weil Peter so überaus krampfhaft danach strebt, alles flachzulegen, bleiben ihm die Erfolge versagt, während Freddy, der sich einfach treiben lässt und nichts erwartet, das Interesse gleich mehrerer schöner Frauen auf sich zieht. Rothemund entwickelt das sehr natürlich und nie zu forciert – und er bleibt dabei nicht stehen: Scheint der anhaltende Misserfolg Peters zuerst noch als seine gerechte Strafe, Freddys Glückssträne als Belohnung, so stellt sich beides als Teil einer Entwicklung dar, bei der Peter lediglich eine Stufe weiter ist. Für ihn beinhaltet das wilde Rumgevögel keinen Reiz mehr, er ist bereit für die Beziehung mit Victoria. Und Freddy hat endlich das Selbstbewusstsein aufgebracht, um nun seinerseits sexuelle Erfahrungen zu sammeln, muss dabei aber aufpassen, das Menschliche nicht aus den Augen zu verlieren. Diese Personenkonstellation hält den Film interessant, auch weil sich die Beziehung des Zuschauers zu den Protagonisten ständig wandelt. Und dass sich das Ganze vor dem Hintergrund eines leichten Sommer-Road-Movies entfaltet, ist der Kurzweil auch nicht gerade abträglich.

Hin und wieder, nicht allzu oft, begibt sich der Film gar in gefährliche Untiefen, etwa in der Sequenz, in der die Drei auf einer Party des reichen, mittelalten Yachtbesitzers landen, der sich dann irgendwann an der schwer angetrunkenen, minderjährigen Victoria vergehen will. Hier erreicht der Film eine Sensibilität, die ich Rothemund nach COLA, CANDY, CHOCOLATE eigentlich eher nicht zugetraut hatte. Die debilen Flachheiten, die man mit Lisa-Film oft assoziiert, sind weitestgehend abwesend, auch wenn SUMMER NIGHT FEVER seine Herkunft natürlich zu keiner Sekunde verleugnen kann oder will (oder muss, for that matter). In ihrer Zeit verhaftete Disco-Schlager liefern den Soundtrack und die Credits verkünden zu Beginn gleich vollmundig „Disco-Hits aus den internationalen Hitparaden“ (womit dann etwa „One for you“ von La Bionda gemeint ist oder auch Gerry Raffertys Evergreen „Baker Street“). Die Schauplätze entlang der sonnigen Mittelmeerküsten dürften anno 1978 die Reiselust in jedem Teenager angesprochen haben und jener Hauch von billigem Luxus durchweht den Film, der so charakteristisch ist für die bürgerliche Lisa-Film, die immer die Träume der einfachen Leute bebilderte. In einer sehr typischen Sequenz landet erst Freddy unter dem Bett eines sich liebenden Pärchens und dann leistet ihm dort auch noch der Liebhaber (Gianni Garko) Gesellschaft, als der Ehemann unverhofft eintrifft. Und die Affäre mit der geilen Lehrerin, die da rein zufällig oben ohne am Strand liegt, darf natürlich auch nicht fehlen. Überhaupt die Frauen: Alle sind sie schön, verführerisch, erfahren, immer bereit, einem jungen Mann eine Lehrstunde zu erteilen. Bea Fiedler tanzt am nächtlichen Strand enthemmt um das Lagerfeuer, Betty Vergés (GRAF DRACULA IN OBERBAYERN) braucht es gleich viermal in einer Nacht, Claudine Bird ist die frivole Lehrerin und Edwige Pierre besorgt es nacheinander ihrem Lover und dann dem greisen Ehemann. Und dann ist da natürlich noch Olivia Pascal, die damals wohl so manchem Jungen schlaflose Nächte beschert hat. Auch hier versteht sie es wieder, mit ihrer Mischung aus zärtlicher Kumpelhaftigkeit und Sex Appeal den Kopf zu verdrehen. Es gehört wohl auch zum Erfolgsrezept, dass es mit ihr nie zum Äußersten kommt. Sie ist eindeutig für die jugendlichen Fantasien da, zum Ausleben gibt es die Bea Fiedlers dieser Welt. Kein Wunder, dass das Maßband, von dem die Jungs nach jeder Nummer einen Zentimeter abreißen, da schnell gehörig schrumpft. Schön.

l_78982_fa1ada0bDie kesse Gaby (Olivia Pascal) hat die Schnauze voll von ihrem Freund, der nur sein Moped im Kopf hat. Nachdem er ihr eine Flasche (!) über den Kopf gezogen hat, gibt sie ihm den Laufpass und ertränkt ihren Kummer in der Pinte ihrer Freundin Carmela (Ursula Buchfellner). Dort reift die Entscheidung, vor dem Alltag in die Südsee zu entfliehen. Noch am Flughafen begegnet Gaby dem schüchternen Anthropologen Dr. Andreas Witzig (Philippe Ricci), der dasselbe Reiseziel hat, allerdings aus einem anderen Grund: Er soll seine Freundin Christine (Christine Zierl), eine dralle Schreckschraube mit schauderhaften Sangesambitionen ehelichen, ihr Bruder, Pfarrer Herbert (Herbert Fux), der auf der Trauminsel als Missionar tätig ist, die Zeremonie leiten. Gaby fasst schnell den Entschluss, dazwischenzufunken …

Warum der Film aus der unermüdlich ihr Erfolgsrezept abspulenden Lisa-Film-Schmiede COLA, CANDY, CHOCOLATE heißt, bleibt wahrscheinlich sein einziges Rätsel. Der Alternativtitel DREI KESSE BIENEN AUF DEN PHILIPPINEN ist deutlich naheliegender, auch wenn es derer eigentlich nur zwei gibt. Schon während der Anfangscredits zum dudelsackbefeuerten Charterfolg der Gruppe „Luv“ mit dem Titel „Trojan Horse“ (Textkostprobe: „One – two – three, you’re gonna dance with me/one – two – three – four – five, you say I’ll be your wife“) stellt sich dieses warme Gefühl der Geborgenheit ein, wenn  neben Olivia Pascal und Ursula Buchfellner auch noch „Herbert Fux und sein Schimpanse Mickey“ angekündigt werden. Glück kann so einfach sein, und niemand wusste das besser als die Macher der Lisa-Film. Weil sich ihre Werke durch Liebe zum Detail auszeichnen, trägt der Schimpanse selbstverständlich eine Latzhose, Turnschuhe und auch mal eine Sonnenbrille, darüber hinaus außerdem die schwere Last auf den Schultern, die intelligenteren Kalauer des Films zu stemmen. Er löst diese Aufgabe bravourös, auch wenn man ihn gemeinerweise dadurch zu verunsichern sucht, dass man ihn nicht „Mickey“, sondern „Jimmy“ nennt. So klaut er dem Pfarrer gleich zu Beginn das Auto und blockiert später grinsend (und mit einer Zeitung bewaffnet) das Scheißhaus mit dem herzförmigen Guckloch, als alle, von der Verabreichung von Abführmitteln geplagt, nach Erleichterung streben. Dann kommt auch wieder die inkompetente philippinische Feuerwehr angebraust und spritzt alle nass, wie sie das schon 30 Minuten zuvor einmal getan hatte. COLA, CANDY, CHOCOLATE vereint alle Standards des bundesdeutschen Lustspiels zu einer perfekt geölten Verblödungsmaschine, die einem entweder eine seliges Grinsen in die Visage zaubert oder aber den Effekt von mit Gummireifen gestrecktem Cannabis erzeugt: Bräsig sitzt man dann mit offenem Mund und trübem Blick vor dieser 78-minütigen Parade der Absonderlichkeiten, die einem aber so selbstverständlich dargeboten wird wie die labbrige Salatgarnitur zum Wiener Schnitzel im gutbürgerlichen Wirtshaus. Der fette schwule Hotelbesitzer ist natürlich schon allein deshalb witzig, weil er fett und schwul, der stets mit breitestem  Amislang palavernde, unbeholfene Ami, weil er eben ein palavernder, unbeholfener Ami ist. Wenn Christine eine Kostprobe ihrer Sangeskünste gibt, bersten die Scheiben, und Pfarrer Herbert zweifelt an seinem Verstand, weil ständig jemand seine Soutane klaut und sie dann wieder genau dort ablegt, wo sie doch eben nicht mehr war.  Der strenge Bischof sieht das sündige Treiben mit Erschrecken, bis er am Ende ein paar nackte Philippinen-Mädels unter seinem Bett findet, weil Gaby die Ferienhäuser verwechselt hat. Warum Andreas überhaupt diese furchtbare Christine heiraten will, spielt ebensowenig eine Rolle, wie die Antwort auf die Frage, was Gaby an ihm findet, diesem bebrillten Langweiler ohne Rückgrat. Der akademische Hintergrund wird es ja wohl kaum sein. Hier kommt zusammen, was nach des Drehbuchs Gutdünken zusammen gehört, und wenn es nicht passt … nein, halt: Regisseur Rothemund macht eben nichts passend, sondern geht über jede Frage, die die Handlung aufwirft, einfach mit der Ungerührtheit eines deutschen Panzers hinweg. „Cut to the Chase“ lautete das Geheimrezept amerikanischer Filmemacher, wenn ihr Film zu versacken drohte, und Rothemund kennt das auch. Weil ihm aber nicht so nach Geschwindigkeit ist, blendet er zum Schimpansen oder eben – mit deutlich größerem Erfolg – auf die Jungmädchenleiber von Olivia Pascal und Ursula Buchfellner. So macht COLA, CANDY, CHOCOLATE pünktlich alle drei Minuten eine kurze Pause vom Nichtstun und der Zuschauer mit ihm.  Abertausende von Filmfreunde rechtfertigen ihre Geschmacksverirrungen damit, dass sie „mal ihr Gehirn abschalten wollten“, nicht merkend, dass das eh schon Dauerzustand bei ihnen ist. Rothemunds Film kann da Wunder wirken: Nach 78 Minuten freut man sich, wenn man die Denkmurmel endlich wieder betätigen darf. Bis dahin war’s aber ein schöner Urlaub in Absurdistan.