Mit ‘Sigourney Weaver’ getaggte Beiträge

ghostbustersDie Diskussion über das viel gehasste Remake mit meinem Freund Frank führte zu der Entscheidung, mal wieder das Original anzuschauen: ein Film, den ich zwar mag, der in meiner Kindheit auch eine gewisse Bedeutung hatte, den ich aber bei Weitem nicht so toll finde wie diverse Fanboys im Netz, die gegen die neue Version mit dem Eifer islamistischer Fundamentalisten zu Felde gezogen sind. Die Luft war ja auch schon damals beim zweiten Teil raus, und alle Versuche Aykroyds, eine Neuauflage an den Start zu bekommen scheiterten trotz immer neuer Versprechen und Ankündigungen. Schaut man sich Aykroyds eher ernüchternde Karriere ab den späten Achtzigerjahren an, war sein Wille, die größte Cashcow seiner Laufbahn zu reanimieren, nur zu verständlich. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob er der Welt mit jenem „echten“ dritten Teil, um den sich die Fans nun betrogen fühlen, einen großen Gefallen getan hätte.GHOSTBUSTERS ist für mich das Idealbeispiel eines Filmes, bei dem sich alles glücklich zusammenfügte: Ein Konzept, das einschlug wie eine Bombe, drei Hauptdarsteller auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, ein hervorragendes Design, ein Hitsong  – und natürlich die Tatsache, dass er mit seiner Idee auf ein begeisterungsfähiges Jungvolk stieß, in deren Filmsozialisation er eine Rolle spielen sollte, die seinen echten filmischen Wert weit übersteigt. GHOSTBUSTERS hat etwas, was sich nicht genau festmachen lässt, er ist mehr als die Summe seiner Teile und zweifellos deutlich besser als das umstrittene Remake, allein schon, weil er sich nicht auf irgendwelche Metaebenen flüchten muss, sondern seine Geistergeschichte ganz straight durchspielen kann, aber die ganz große Begeisterung löst er bei mir trotzdem nicht aus.

Das größte Problem, das ich mit ihm habe: Ich finde ihn nur mäßig komisch, ein Vorwurf, der ja auch gegen das Remake erhoben wurde. Schön und gut, Feigs Version ist gewiss nicht der Kulminationspunkt der Witzigkeit, aber wer meint, der Film habe keine Gags, der soll mir doch bitte mal sagen, wo genau diese denn hier eigentlich zu finden sind. Seinen ganzen Humor bezieht der Film aus Bill Murrays seitdem zur Masche verkommenem Arschlochtum, Harold Ramis stoischer Nerderei und Rick Moranis‘ Deppertheit, echte Gags, also entwickelte Pointen, gibt es meiner Meinung nach überhaupt nicht – sieht man mal von Venkmans Experiment ab, mit dem der Film beginnt. Was er hat, sind eben Typen, eine liebenswerte Underdog-Attitude, einen sense of place, eine funktionierende Dramaturgie und einen Spannungsbogen. Reitman nimmt seine Geschichte ernst und es steht etwas auf dem Spiel (auch wenn man natürlich weiß, das alles gut ausgehen wird), mitunter ist der Film – gewiss kein Schocker – sogar ein wenig unheimlich. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass GHOSTBUSTERS nicht sehr angenehme und sympathische Unterhaltung böte, und wer wie ich in den Achtzigern aufwuchs, der wird sehr wahrscheinlich etwas mit diesem Film verbinden, dass es einem nahezu unmöglich macht, ihn „einfach so“ zu schauen. Aber ich meine, man sollte auch in der Lage sein, zu erkennen, wo ein Film aufhört und die subjektive Verklärung beginnt. GHOSTBUSTERS ist ein schöner Eighties-Blockbuster, der seinen Platz in der Popkultur sicher und verdient hat, aber er ist kein RAIDERS OF THE LOST  ARK, kein TEMPLE OF DOOM, kein GREMLINS und auch kein BACK TO THE FUTURE. Meine Meinung.

res10Trotz seiner leicht überdurchschnittlichen IMDb-Bewertung gilt ALIEN: RESURRECTION vielen Genrefilm-Freunden geradezu als Inbegriff für das unerklärliche, bizarre Totalversagen eines einst unfehlbar scheinenden Erfolgsfranchises. Polemiken gegen das Sequel sind ein liebevoll gepflegter Standard von Nerd-Websites, seine Schlechtigkeit ein unstrittiges Faktum, das dort ähnlich vehement verkündet wird wie der Hass auf die STAR WARS-Prequels. Konnten die Fanboys Finchers ALIEN 3 irgendwie noch verzeihen, weil sie dessen schwierige Produktionsgeschichte kannten und das (zusammengestutzte) Endergebnis außerdem immer noch amerikanisch genug war, um es ohne Verdauungsprobleme wegkonsumieren zu können, reizte Jeunet offensichtlich einen bloßliegenden Nerv. Dabei könnte man doch meinen, dass gerade das von vornherein offenkundiger Bestandteil des Deals war: Für ein stromlinienförmiges, wie eine gut geölte Maschine laufendes Entertainment-Vehikel war der Franzose gewiss nicht engagiert worden. Viel eher erwartete man sich doch wohl jene ausstatterische und visuelle Opulenz, schrägen Humor sowie märchenhafte Stimmung gepaart mit postmoderner Findigkeit, die wesentliche Merkmale von DELICATESSEN und LA CITÉ DES ENFANTS PERDUS gewesen waren. Und genau diese Qualitäten weist ALIEN: RESURRECTION dann auch auf – womit er erwartungsgemäß aus dem bis dahin vergleichsweise homogenen Korpus der Reihe herausfällt. Die Frage ist: Ist das wirklich ein Mangel? Und wenn ja: Wird er durch die von Jeunet neu ins Spiel gebrachten Impulse aufgewogen?

ALIEN: RESURRECTION setzt die Geschichte um die überaus aggressive Rasse Außerirdischer sowie die Bemühungen der Menschen, sie für militärische Zwecke nutzbar zu machen, durchaus sinnvoll fort, legt nach Finchers ätherisch-transzendentalem dritten Teil hinsichtlich der aus Scotts Original bekannten, grafischen Sexualisierung wieder eine deutliche Schippe drauf. Jeunet entfaltet eine fast erotisch zu nennende Zeigelust an deformiertem Fleisch, schwelgt in Aufnahmen verwachsener Leiber und mutierter Mensch-Alien-Halbwesen in großen Glasbehältern, macht die vormals eierlegende Alien-Königin zur Lebengebärenden und erfindet auf dem Höhepunkt des Films einen schockierenden Alien-Hybriden, aus dessen menschenähnlichem Totenschädel zwei dunkle, traurige Augen glotzen und das sogar in der Lage ist, sich sprachlich zu artikulieren. (Viele fanden dieses neue Monster eher lächerlich, aber bei mir hat es ein breites Spektrum an Emotionen von Ekel bis Mitleid ausgelöst.) In diesen Momenten gelingt es Jeunet, den ganzen Wahnsinn hinter den menschlichen Zuchtversuchen herauszuschälen, gleichzeitig die evolutionäre Flexibilität seiner Titelkreaturen und das Thema der Reihe – die unauflösliche Verstrickung des Menschen mit der fremden Rasse – auf die Spitze zu treiben. Leider funktionieren viele andere Elemente des Films weniger gut. So geht der bis zu diesem Zeitpunkt noch vorherrschende Realismus der Reihe fast vollends verloren und macht der comicartigen Stilisierung Platz. Die Charaktere – allen voran die geklonte Ripley mit ihrem überlegenen Superbitch-Smile – sind alle vollkommen over the top und man wähnt sich plötzlich in einem ganz anderen filmischen Universum. Auch der krude Humor wirkt fehl am Platze, weil er den Bestrebungen zuwiderläuft, den Zuschauer bei der Gurgel zu packen. ALIEN: RESURRECTION ist über weite Strecken weder besonders spannend noch erschreckend und die Aliens selbst mutieren fast ein wenig zu Witzfiguren. Von ihrer einstigen biologischen Überlegenheit jedenfalls ist nicht mehr viel übrig. Die Actionsequenzen sind Kind ihrer Zeit und gar nicht gut gealtert: Man sieht noch den damaligen Woo- und Hongkong-Einfluss, für dessen überzeugende Umsetzung Jeunet jedoch das kinetische Gespür abgeht. Und die meisten Computerffekte sind ebenfalls reichlich angestaubt.

ALIEN: RESURRECTION ist ohne Zweifel der bis dahin schwächste, unrundeste Beitrag zur Reihe und man fährt wahrscheinlich gut damit, ihn nicht so sehr als echte Fortsetzung zu betrachten, sondern als eine Art Spin-off, als Abzweigung vom eigentlichen Hauptstrang, als What-if-Szenario, das sich mit der Frage beschäftigt, was wäre, wenn man die Titelkreaturen aus ihrem unterkühlten Body-Horror-Setting in ein Comic-Universum transplantierte. Jeunets Film verfügt über einen sehr eigenen Charme, traut sich Dinge, mit denen wohl nur ein Europäer davon kommen konnte und lässt nebenbei das Bedürfnis nach einem ALIEN-Film von David Cronenberg ca. 1988 in ungeahnte Höhen schnellen. Vielleicht muss man ihn als den Schraubenschlüssel betrachten, den jemand mit Wucht ins bis dahin gut, vielleicht sogar zu rund laufende Räderwerk gepfeffert hat, bevor es nur noch seelenlose Klonen ausspucken konnte. ALIEN: RESURRECTION sabotierte das Franchise zu einem Zeitpunkt, als es langweilig zu werden drohte, mit seinen kruden Einfällen und lieferte so den willkommenen Anlass für eine Auszeit. Dass seitdem fast 20 Jahre vergangen sind, legt nahe, dass man mit den biomechanischen Außerirdischen nicht mehr allzu viel anzufangen wusste. Es ist fast unmöglich, an Jeunets Film anzuschließen. Das ist eine sehr respektable Leistung, wie ich finde. Mission accomplished.

 

alien_three_ver2Eines meiner Lieblingsthemen sind Filme mit komplizierten Produktionsgeschichten. Über chaotische Prä-Produktionsphasen mit Dutzenden von ent- und wieder verworfenen Drehbuchversionen, kreative Differenzen, Produzenten- und Studioeinmischungen, gefeuerte, ersetzte und wieder eingestellte Regisseure, Katastrophen-Drehs voller Pannen, Exzesse und göttlicher Intervention in Form von Unwettern, Erdbeben und Durchfallerkrankungen, explodierende Budgets sowie das Heckmeck um konkurrierende Schnittfassungen könnte ich den lieben langen Tag lesen. Und die Filme, die unter solchen Umständen das Licht der Welt erblicken, üben auf mich per se eine unwiderstehliche Faszination aus, ganz egal, ob man ihnen diese Probleme ansieht oder nicht. Der Reiz, der von ersteren ausgeht, liegt auf der Hand, und besonders bemerkenswert sind natürlich solche Fälle, bei denen die hinter den Kulissen ausgetragenen Kämpfe gewissermaßen die Geburtshelfer für etwas Großes, Einzigartiges sind. THE ISLAND OF DR. MOREAU mag etwa als Genrefilm und Literaturverfilmung ein Rohrkrepierer sein, aber er transportiert den Wahnsinn seines Titelhelden besser, als eine werkgetreuere, „normale“ Version. ich würde ihn um nichts in der Welt gegen eine solche eintauschen wollen. CLEOPATRA, eine einzige Machtdemonstration Hollywoods, fährt in jeder Einstellung ungeahnten, sprach- und fassungslos machenden Prunk auf und endet irgendwann einfach, weil kein Geld mehr da war. Er verkörpert so in seiner ganzen Struktur den selbszerstörerischen Wahnsinn und die rasende Dekadenz, die das Filmgeschäft zu jener Zeit auszeichnete. Und über die Reise ins Herz der Dunkelheit, die auch die Dreharbeiten von APOCALYPSE NOW bedeuteten, muss ja gar nicht mehr viel gesagt werden.

Auch ALIEN 3 ist einer jener Filme, an die sich die meisten Beteiligten heute wahrscheinlich mit Grausen zurückerinnern und es ist ein mittelgroßes Wunder, dass Fincher danach dennoch zu dem Filmemacher aufsteigen konnte, der er heute ist. Die Vorbereitungen zur zweiten ALIEN-Fortsetzung begannen schon Mitte der Achtzigerjahre mit dem bewährten Team von David Giler, Walter Hill und Gordon Carroll, die jedoch nur noch mäßig interessiert an dem Thema waren. Hauptfigur sollte Michael Biehns Hicks werden, Sigourney Weaver in den Hintergrund treten und der Film sich mit den Bemühungen der Weyland Yutani Corporation auseinandersetzen, eine Armee aus Alien-Soldaten aufzuziehen. Der Versuch, Ridley Scott als Regisseur zurückzugewinnen, scheiterte. Weitere Drehbuchfassungen stammten aus der Feder von Cyberpunk-Erfinder William Gibson, THE HITCHER-Autor Eric Red und PITCH BLACK-Regisseur David Twohy, doch keiner ihrer Entwürfe fand die Zustimmung des Studios. Renny Harlin, nach der Absage Scotts als Regisseur vorgesehen, sprang schließlich ab und drehte stattdessen THE ADVENTURES OF FORD FAIRLANE. Er wurde wiederum ersetzt durch Vincent Ward, dem mit THE NAVIGATOR: A MEDIEVAL JOURNEY ein Überraschungserfolg gelungen war, doch dem gefiel Twohys Script nicht. Seine Verbesserungsvorschläge wurden akzeptiert und John Fasano angeheuert, Twohys Drehbuch umzuschreiben. Viele von Wards Ideen schafften es auch in den fertigen Film, doch weil er sich anderen Änderungswünschen verweigerte, wurde auch er gefeuert. In einem perfekten Zirkelschluss engagierte man David Giler und Walter Hill, um Fasanos Drehbuch umzuarbeiten, und schließlich den Videoclip-Regisseur David Fincher für sein Spielfilmdebüt. Als er nach gerade einmal vier Wochen Vorbereitung auf seinem Stuhl Platz nahm, existierte immer noch kein fertiges Drehbuch, wohl aber diverse Settings, die irgendwie in die entstehende Story eingebaut werden mussten. Da Fincher noch nicht über einen klingenden Namen verfügte, gelang es ihm nicht, sich gegen die Produzenten durchzusetzen. Ganze Subplots fielen der Schere zum Opfer, 30 Minuten wurden gekürzt. Ein besonderer Streitpunkt war die Opferung von Ripley, die erst wenige Tage vor dem Kinostart des Films gedreht wurde. „I probably should have walked away from the first week of shooting when there wasn’t a script but there are extenuating circumstances.“, sagte Fincher später in einem Interview. Er entschied sich für seine Karriere und blieb, lieferte aber am Ende einen Film ab, der eigentlich von Anfang an keine echte Chance hatte. Er war weltweit betrachtet dennoch ein Erfolg, blieb in den USA aber weit hinter den Erfahrungen zurück und verwirrte die Zuschauer eher, anstatt ihnen die erwarteten Scares und Action zu servieren. Der „Assembly Cut“ stellt den Versuch dar, Finchers Version zu rekonstruieren und präsentiert mit einer Laufzeit von 145 Minuten tatsächlich einen ganz anderen Film als die damals regulär veröffentlichte Fassung. Trotzdem ist auch dieser „Assembly Cut“ nicht von Fincher autorisiert worden.

Bei meinem Text zum „Assembly Cut“ stehe ich heute vor dem Problem, mich an die alte Kinofassung nur noch sehr vage erinnern zu können. ALIEN 3 war für mich nie ein Film, mit dem ich besondere Emotionen verbunden habe. Ich fand ihn immer sehr OK, ohne jedoch begeistert zu sein. Gemessen am Status seiner Vorgänger wirkte er auf mich stets etwas defensiv, zurückhaltend und unentschlossen. Er ließ das für Filme dieser Größenordnung so wichtige (und charakteristische) Selbstbewusstsein vermissen, es blieb unklar, was eigentlich das Ziel der ganzen Unternehmung war, warum man sich entschlossen hatte, genau diese Geschichte zu erzählen. Doch trotz dieser Schwäche – deren Ursache heute glasklar auf der Hand liegt – hatte ich auch nicht den Eindruck, einem unter massiven Komplikationen gewissermaßen in einer Zangengeburt auf die Welt gekommenen Werk zuzusehen (von der widrigen Produktionsgeschichte erfuhr ich erst sehr viel später). ALIEN 3 war visuell durchaus reizvoll, aber erzählerisch eben auch ein bisschen blass. Und ich bin mir heute nicht 100-prozentig sicher, ob die lange Fassung daran wirklich etwas ändert. Natürlich gelingt es ihr viel besser, die eigenartige Atmosphäre innerhalb der Strafkolonie herauszuarbeiten, das Miteinander der halbirren Insassen, die Isolation und Verlassenheit, in der sie sich zur Wehr setzen müssen. Die Parallelisierung von Alienmutter und Ripley wird hier in radikaler Weise und auf gleich zwei Ebenen fortgeführt: Zunächst einmal, indem die Überlebende in der Gemeinschaft der zölibatären Insassen selbst als feindlicher Oragnismus betrachtet wird, der das Funktionieren des Systems gefährdet, später dann sehr viel direkter, weil Ripleys Körper selbst längst als Nistplatz des Aliens dient und sie buchstäblich zur „Mutter“ einer neuen Aliengeneration werden soll. Als reiner Stimmungskatalysator ist ALIEN 3 hervorragend, weil er die brüterische, drohende Amosphäre der Vorgänger nimmt und ihr eine quasireligiöse, existenzielle Qualität verleiht. Viel ist über die christliche Symbolik des Films geschrieben worden und auch, wenn die Ripley/Jesus-Analogie nicht der Weisheit letzter Schluss ist, so verfehlt die verquere Philosophie, mit der der Irre Golic (Paul McGann) das Alien zur Gottheit stilisiert, seine desorientierende Wirkung beim Zuschauer nicht. ALIEN 3 ist – vielleicht auch wegen der vielen Probleme am Set – ein höchst seltsamer und eigener Film, der sich nur schwer einordnen lässt, ein seltsamer Genrehybrid, in seiner irgendwie träumerischen Atmosphäre zwar durchaus mit Scotts Film verwandt, aber eben ohne dessen klare Vision. Der Verzicht auf die ausufernden Actionszenen von ALIENS mündet keineswegs in eine Rückbesinnung auf den reduzierten, aber auch immens aufgeladenen Horror des Originals. Er funktioniert als Sammlung verschiedener Ideen und Ansätze, denen jedoch der gemeinsame Nenner, das sie zusammenhaltende und ordnende Element fehlt. Daran ändert auch der „Assembly Cut“ nichts. Vielleicht sollte man das als Glücksfall begreifen. Denn eines ist ALIEN 3 nicht: mittelmäßig und stromlinienförmig. Nur 20 Jahre später ist die Schönheit seines Scheiterns undenkbar.

Alien-intro_3064438bVon Kubricks 2001: A SPACEY ODYSSEY sagt man oft, er habe aus dem Science-Fiction-Film, der damals, in den späten Sechzigerjahren, überwiegend ein Thema für Jugendvorstellungen oder Drive-in-Kinos war, ein respektables Genre gemacht, mit dem sich plötzlich auch Intellektuelle beschäftigen konnten. Ridley Scotts ALIEN kommt ein ähnliches Verdienst für den Monsterfilm zu. Der inhaltlich sowohl vom Fünfzigerjahre-Heuler IT! THE TERROR FROM BEYOND SPACE als auch von Mario Bavas TERRORE NELLO SPAZIO inspirierte Film jagte dank Gigers phänomenaler Designs auch Menschen einen Schrecken ein, die für grellen Schlock sonst eher unempfänglich waren. Auch weil Scott auf tief im Innersten verschüttete Urängste vor dem Verlust der sexuellen Identität abzielte, anstatt bloß die Furcht der Menschen vor potenziell feindlich gesonnenen Außerirdischen zu schüren, wie es der Science-Fiction/Monster-Film bis dahin überwiegend getan hatte. Die Besatzung der Nostromo wird nicht einfach hinweggerafft, sie wird geschwängert, penetriert und versklavt von einem zweibeinigen Phallus mit spermatriefendem, bezahntem Zungenpenis, dessen Hunger auf Männlein wie Weiblein gleichermaßen unstillbar ist. ALIEN ist in erster Linie ein Triumph der Ausstattung wie der Atmosphäre. Das Leben auf der Nostromo, die Durchkreuzung des Weltalls hat nichts mehr mit bunten Enterprise-Fantasien zu tun, sondern ist auch nur eine Verlängerung echter Arbeit. Das Schiff ist dreckig, das Essen miserabel, die Bezahlung schlecht und der Arbeitgeber – ein anonym bleibender Konzern – sitzt immer am längeren Hebel. Es findet wenig explizites World Building statt: Man erfährt nicht viel über die Umstände der Mission, auf der sich die Nostromo befindet, noch über das Leben auf der Erde oder die Zeit, in der der Film spielt. Der Film fängt so an, als läge all das auf der Hand. Gerade das macht ALIEN so ungemein effektiv: Man ist sofort drin, weil man alles wiedererkennt als lediglich einige hundert Jahre in die Zukunft gedachte Gegenwart. Wovon logischerweise auch der Monsterplot profitiert, weil er von der Authentizität der Darstellung mitgetragen wird. Scotts Film hat eine unglaubliche erste Hälfte: die Ruhe, mit der er den Zuschauer mit Schiff und Besatzung bekanntmacht, setzt sich in den Vorbereitungen zur Landung und der Erkundung des fremden Planeten fort. Die sonst übliche Hektik und Geschäftigkeit weichen der Routine und der Müdigkeit nach Monaten im All. Alle wollen nur nach Hause, stattdessen müssen sie auf einem gottverlassenen Stein landen, um einem rätselhaften Notsignal nachzugehen. Die Handlung ist ähnlich klaustrophobisch strukturiert wie das Setting: Menschen tun Dinge, die sie nicht tun wollen, aber tun müssen. Und der Zuschauer ahnt bereits, dass das alles kein gutes Ende nehmen kann. Der Besuch auf dem fremden Planeten ist – neben der legendären Chestburster-Szene natürlich – der Höhepunkt des Films. Seine postapokalyptische, aschfarbene Oberfläche, die wie Skelettfinger in den schwarzen Himmel ragenden Trümmer eines fremdartigen Raumschiffes mit seine Vulva-artigen Eingängen, sein in seiner Fremdartigkeit und schieren Größe an Lovecraft erinnernde Interieur, der riesenhafte Leichnam, schließlich die Höhle mit den Eiern. Spätestens, wenn sich eines von ihnen öffnet und den Blick freigibt auf das pulsierende Innenleben, gibt es eigentlich kein Halten mehr und es ist fast eine Erlösung, wenn die konstant gehaltene Drohgebärde sich im Angriff des Facehuggers konkretisiert. Wie Scott während dieser ersten Hälfte des Films die Daumenschrauben in aller Seelenruhe ansetzt und dann unaufhörlich festzieht, ist schlicht beeindruckend. Wenn schließlich das ausgewachsene Alien durch die dunklen Gänge der Nostromo schleicht, die anscheinend nur dafür konstruiert wurden, ihm Tarnung zu verschaffen – man vergleiche die Darstellung des Schiffs in jener zweiten Hälfte des Films mit der vom Anfang, um den Unterschied zu bemerken. (Besonders rätselhaft ist sicherlich der Raum, in dem es Brett erwischt: Mit den herabhängenden Ketten fühlt man sich unweigerlich an einen Underground-Club mit SM-Thematik erinnert – nur eines von vielen Beispielen für die kaum noch unterschwellig zu nennende sexuelle Aufladung von ALIEN.) –, wird Scotts Film ein wenig herkömmlicher und auch, wenigstens aus heutiger Sicht, etwas „gummiger“. Aber der Zuschauer ist dann ja eh schon hoffnungslos verloren. Wer behauptet, mit ALIEN sei Scott einer der unheimlichsten Filme aller Zeiten gelungen, hat damit sicherlich nicht Unrecht. Und das fast erotisch zu nennende Finale zwischen der halbnackten Ripley (Sigourney Weaver) und dem wie ein Triebtäter in ihr Schlafgemach gedrungenen Alien, ist eine Sternstunde seines Schaffens. Ich habe ja ein eher gespaltenes Verhältnis zu dem Mann, finde sein Werk in den letzten 30 Jahren bis auf wenige Ausnahmen ziemlich furchtbar, aber ALIEN ist auch fast 40 Jahre nach seiner Entstehung immer noch meisterlich. Und wenn ein nicht unerheblicher Teil seiner Wirkung auch auf Giger zurückgehen mag: Scott hat genau verstanden, was er mit dessen Ideen anzufangen hatte.

Der querschnittsgelähmte Ex-Marine Jake Sully (Sam Worthington) wird als Ersatz für seinen toten Bruder auf den Planeten Pandora beordert, um dort am Avatar-Programm mitzuarbeiten. Bei diesem Programm wird der Geist eines „Piloten“ in den Körper eines Ureinwohners Pandoras, eines Na’Vi, transportiert. Ziel des Expermentes ist es, die Kultur der Na’Vi zu erforschen und Kenntnisse zu gewinnen, die dem Menschen bei der Kolonisierung des Planeten hilfreich sein können. Der wirtschaftlich-militärische Komplex hat freilich anderes im Sinn: Sein Ziel sind die kostbaren Rohstoffe, die unter dem Hometree, dem heiligen Wohnort der Na’Vi liegen. Jake soll dabei helfen, die Ureinwohner von diesem Ort zu vertreiben, doch er findet mehr und mehr Gefallen an seinem neuen Leben im Körper eines Außerirdischen …

Nun habe ich ihn endlich auch gesehen, den Film, der das Kino angeblich so grundlegend verändern würde. Um diese Hoffnung zu bestätigen oder aber ad acta zu legen, ist es wohl noch zu früh, Fakt ist, dass die Popularität Camerons und von AVATAR der Marke „3D“ sicherlich geholfen haben, aber auch, dass bislang kein einziger 3D-Film das Versprechen der totalen Immersion einlösen noch auch nur der Opulenz von Camerons Wunschkind nahekommen konnte. Aber auch bei Cameron erkennt man, dass im Umgang mit der neuen Technologie noch etwas die Souveränität fehlt: Erzählerisch läuft AVATAR auf Sparflamme, entpuppt sich als Collage aus zahlreichen bekannten Motiven, Handlungsabläufen aus anderen Filmen, tausendfach erprobten Inszenierungsklischees und Figuren, die einem bereits nach wenigen Sekunden Screentime vollkommen bekannt sind, weil sie keinerlei Brüche haben. Das ist nicht so wahnsinnig schlimm, weil AVATAR dafür – wie zu erwarten war – an anderer Stelle aus dem Vollen schöpft: Die Bilder vom Planeten Pandora, seiner fremdartigen Flora und Fauna, sind traumhaft, die Effekte von einer Qualität, die man so bisher tatsächlich noch nicht gesehen hat. Die ersten 90 Minuten des Films vergehen allein deshalb im Flug, weil man sich an den Bildern einfach nicht sattsehen kann und der Handlung kaum mehr als die Rolle des Reiseleiters zukommt.

Aber gerade in der Verbindung der technischen Brillanz auf der einen mit einer doch als einfältig zu bezeichnenden Geschichte auf der anderen – ein guter Freund von mir merkte an, dass AVATAR im Grunde genommen ein Remake von RED SCORPION ist – bietet AVATAR reichlich Anlass für ausufernde Diskussionen. Das Maß an menschlicher Selbstgeißelung, das in diesem Film zum Ausdruck kommt, ist beachtlich: Je mehr der Mensch sich wissenschaftlich in die Zukunft entwirft, je ausgereifter und komplexer seine Schöpfungen werden, umso stärker scheinen auch revisionistische Kräfte zu werden, anders sind der Naturmystizismus und die Technologieskepsis, die sich durch AVATAR ziehen, nicht zu erklären. Es ist bizarr, dass das vielleicht ehrgeizigste Projekt der Filmgeschichte seine Zuschauer mithilfe modernster Computertechnologie in eine urtümliche Traumwelt entführt, um ihnen dann zu erzählen, dass wir uns von der Natur entfremdet haben und mit der Technologie aufs falsche Pferd gesetzt haben. Und diese Bizarrerie ist es auch, die AVATAR eine Widersprüchlichkeit verleiht, die der Plot mit seinen groben Schwarzweiß-Strukturen völlig verleugnet. Der Konflikt Naturvolk vs. Zivilisation – auf Bild- und Dialogebene natürlich angereichert mit etlichen Bezügen auf Vietnam- und Golfkrieg, den Genozid an Indianern und den von Bush ausgerufenen „War on Terror“ – lässt keine differenzierte Betrachtung zu und auch die Figuren des Films sind eindeutig in einem sauber geordneten Gut-Böse-Schema zu verorten. Und wenn dann zum Finale hin mit Feuereifer für die „gute Sache“ eingestanden und mit Begeisterung und heiligem Zorn gestorben und getötet wird, dann fragt man sich unweigerlich, wie viele fremde Planeten der Mensch noch (via Kino) aufsuchen muss, um festzustellen, dasser dort immer nur sich selbst findet. Ist unsere Fantasie so beschränkt, dass selbst naturliebende Aliens so aussehen müssen, als kämen sie geradewegs aus Afrika? Und kann man Naturverbundenheit musikalisch nicht anders umsetzen, als mit dem grauenvollen Ethnoschwurbel aus dem Eine-Welt-Laden? (Aber wenn man schon James Horner für den Score engagiert, wollte man es offensichtlich noch nicht einmal versuchen.) Dass jemand, der so viel Energie und Zeit dafür aufbringt, ja, seine ganze Karriere dem Ziel gewidmet hat, neue Weg zu gehen, andererseits Klischess aus dem vorvorletzten Jahrhundert bemüht, ist mindestens ebenso erstaunlich wie der Effektzauber, den Cameron in AVATAR entfesselt

Das ist jetzt recht viel Kritik für einen Film, dessen Leistung unbestreitbar ist, der zudem über die üppige Spielzeit von rund 180 Minuten durchweg gute Unterhaltung bietet, von dem ich also sagen würde, dass er mir gefallen hat. Aber irgendwas ist dennoch faul an diesem Film, etwas, was noch jenseits seiner naiven Weltsicht und seiner durchaus als verlogen zu bezeichnenenden Zurück-zur-Natur-Message liegt. Cameron hatte seinen Beruf ja schon nach seinem Riesenerfolg mit TITANIC einer Neuinterpretation unterzogen, als er sein Schaffen plötzlich ganz in den Dienst der Technologie stellte und Dokumentationen drehte, die allein dazu dienten, neuartige Kameras zu erproben. Dieser technokratische Zug befremdet auch den Betrachter von AVATAR, dessen Naturparadies Pandora sich am Schluss als gigantisches Netzwerk entpuppt, in dem jedes Lebewesen mit dem anderen durch Nervenbahnen verbunden ist und Erinnerungen in diesen Bahnen quasimateriell gespeichert und abgerufen werden können. Ein faszinierender Entwurf, der mit dem Ehrgeiz Camerons im Hinterkopf aber auch irgendwie Angst macht. Mir zuliebe dürfte er als nächstes einfach mal wieder einen ganz gewöhnlichen Spielfilm drehen, einfach um mir zu beweisen, dass er mit dem irdischen Dasein noch nicht ganz abgeschlossen hat.