Mit ‘Silvana Mangano’ getaggte Beiträge

De Santis Klassiker des italienischen Neorealismus löste seinerzeit einen handfesten Skandal aus: Die Darstellung der Reisarbeiterinnen mit ihren gerafften Röcken, unter denen ihre strammen Oberschenkel zu sehen waren, und den verschwitzten Hemden, zeigte mehr, als man damals gewohnt war. Silvana Mangano erlangte den Ruf eines Sexsymbols und in Deutschland stand der Titel BITTERER REIS – glaubt man dem Reclam-Filmführer – lange für üppige Oberweiten. Dabei orientierte sich De Santis lediglich an der auf den norditalienischen Reisfeldern vorherrschenden Realität, auf denen die Ärmsten noch weiter ausgebeutet wurden. Nun ja, die erotisierende Wirkung seiner damals gerade 19-jährigen Hauptdarstellerin wird auch ihm nicht verborgen geblieben sein – und er setzte sie wahrscheinlich auch gezielt ein, um seine Botschaft von der Unterdrückung der Arbeiter publikumswirksam unters Volk zu bringen. Der Erfolg des Films zog dann auch eine ganze Welle von Nachahmern nach sich, die sich des Leids leichtbeschürzter Erntearbeiterinnen und Landfrauen annahmen: Sophia Loren agierte in Mario Soldatis LA DONNA DEL FIUME, Elsa Martinelli in Raffaello Matarazzos LA RISAIA. Hans Heinz König inszenierte mit HEISSE ERNTE ein deutsches, Louis Soulanes noch 1961 mit LES FILLES SÉMENT LE VENT ein französisches Äquivalent. Die gesellschaftspolitische Dimension war da nur noch konventionalisierte Beigabe und Vorwand, schöne, schwitzende Frauen in luftiger Bekleidung, beim ausgelassenen Tanz nach Feierabend oder im Infight mit lästigen Konkurrentinnen im Kampf um den kernigen Helden zu zeigen.

Giuseppe De Santis zeigt das auch, aber es ist bei ihm nur die logische Folge des permanent von oben auf den Arbeiterinnen abgeladenen Drucks, der sich irgendwann in der Gewalt gegen die entlädt, denen es genauso schelcht geht wie einem selbst. Das eigentlich Unmenschliche ist nicht so sehr die Ausbeutung für einen Hungerlohn, die die Frauen erfahren, sondern wie das System sich ihre Not zunutze macht, die Frauen gegeneinander aufzuhetzen – oder sie in die Kriminalität zu treiben. Silvana (Silvana Mangano), die von Reichtum und Wohlstand träumt, wendet sich gegen Francesca (Doris Dowling), die Geliebte des Diebes Walter (Vittorio Gassman), um mit dem gemeinsame Sache zu machen. Am Schluss flutet sie in Aussicht eines Lebens in Saus und Braus die Reisfelder, die Arbeit vieler Wochen zunichte machend, nur um festzustellen, dass Walter sie lediglich für seine Zwecke benutzt hat. Der einzige Ausweg aus der Armut führt über die Leichen der Leidgenossen und endet in unauslöschlicher Schuld. Silvana bleibt nur der Freitod.

RISO AMARO ist bei allem Leid ein wunderschöner, vor innerer Spannung förmlich knisternder Film und voller atemberaubender Bilder. Der Auftakt, eine komplexe Szene auf dem Bahnsteig, auf dem sich die Arbeiterinnen zur Abreise zu den Reisfeldern versammeln, und Walter und Francesca vor der Polizei fliehen, ist mit nur wenigen Schnitten, dafür aber mit langen Kameraschwenks und -fahrten realisiert und bildet das dramaturgische Fundament des Films. Die Sequenzen, die die Arbeit auf den Reisfeldern zeigen, sind historisch bedeutsam, weil sie reale Bräuche der Arbeiterinnen in die Narration einbauen: So etwa in der Szene, als sich zwei rivalisierende Gruppen mittels Gesang streiten – es war den Frauen untersagt, sich während der Arbeit zu unterhalten. In der vielleicht schönsten Szene des Films erzählt Francesca der neugierig lauschenden Silvana, wie sie die Juwelenkette entwendete, um die der Film als materieller Verkörperung des unerreichbaren Glücks kreist. Immer wieder begeben sich die beiden Frauen auf ihrem Bett sitzend in neue Positionen, sodass ihre Unterhaltung fast wie ein Tanz anmutet. Aber das Geschmeide, das ihre Fantasie so beflügelt, in das sie all ihre Hoffnungen gesetzt haben, das sie zu Feinden macht stellt sich als Fälschung heraus. Was die Fahrkarte ins Glück sein sollte führt sie nur immer tiefer ins Elend. Aber es gibt eine Hoffnung, wenn diese auch eher spiritueller Natur ist: SIe liegt in der Solidarität der Arbeiterinnen, darin zueinanderzuhalten, füreinander zu kämpfen, wenn schon von außen keine Hilfe zu erwarten ist. Auf engstem Raum in kargen Schlafräumen zusammengepfercht, begegnen sich die unterschiedlichsten Frauen aus den verschiedensten Regionen Italiens: Junge, Alte, Kranke, Mütter teilen für einige Wochen ihre Erfahrungen, die intimsten Geheimnisse und ihre Schmerzen und machen das Leid ein wenig lebbarer. Ein Meisterwerk.

Als das Volk Jerusalems die Wahl hat, einen zur Kreuzigung Verurteilten zu begnadigen, wählt es statt des angeblichen Sohns Gottes den Räuber und Mörder Barabbas (Anthony Quinn). Als der Ungläubige in Freiheit geführt wird, umfängt ihn ein göttliches Licht, dass die Saat des Zweifels in ihm pflanzt: Gibt es Gott? Ist Jesus tatsächlich sein Sohn? Und wenn ja: Warum hat Gott ihn ihm vorgezogen? Hat Gott selbst ihn auserwählt, um ihm eine Prüfung aufzuerlegen? Tatsächlich scheint Barabbas nach seiner Begnadigung unsterblich geworden zu sein: Er wird nach einem weiteren Mord nicht hingerichtet, sondern zur Zwangsarbeit in den Schwefelminen verurteilt, überlebt diese Höllenarbeit und den Einsturz der Grube wie durch ein Wunder und gelangt schließlich nach Rom, wo er in eine Gladiatorenschule gesteckt wird. Auf seinem Weg beobachtet er die Entwicklung des Christentums, freundet sich mit dem Christen Sahak (Vittorio Gassman) an, der Barabbas bekehren möchte, und versucht schließlich, seine „Schuld“ zu begleichen. Doch Gott schweigt beharrlich …

BARABBA basiert auf dem gleichnamigen Roman des Literatur-Nobepreisträgers Pär Lagerkvist, der bereits 1953, kurz nach seinem Erscheinen, von Lagerkvists Landsmann Alf Sjöberg zum ersten Mal verfilmt worden war. Unter der Regie von Richard Fleischer avanciert BARABBA zum breit angelegten, immens aufwändigen und bildgewaltigen Monumentalfilm, der den Konventionen dieses Genres jedoch nur sehr lose verpflichtet ist. Das wird gleich mit der ersten Einstellung deutlich, bei der der Zuschauer durch einen unerwarteten 90-Grad-Kameraschwenk mit in den Bildraum geholt wird, der in diesem Genre sonst klar vom Zuschauerraum getrennt bleibt. Der Einsatz von Totalen, in denen die Menschen buchstäblich „von Gott verlassen“ scheinen, und die spärliche Verwendung von die Emotionen steuernden Close-ups scheinen dieser Immersion zunächst zu widersprechen, doch sind sie Ausdruck derselben Strategie: Anstatt bloß ein Fenster in eine Jahrhunderte zurückliegende Epoche zu öffnen und Geschichte nachzustellen, geht es Fleischer vor allem darum, den Zweifel, aber auch das Bedürfnis Barrabas‘ nach Transzendenz nachvollziehbar zu machen.

Der Titelheld wird dann auch in eine weitgehend passive Rolle gedrängt: Er ist weniger Handelnder denn im doppelten Sinne ungläubiger Beobachter der sich um ihn herum ankündigenden Umwälzungen und Anthony Quinn ist mit seiner ungeschlachten Physis und der Verwirrung, die sich tief in sein Gesicht eingegraben hat, ein idealer Darsteller. Er ist ein Zögerer und Zauderer, allein dem eigenen Interesse verpflichtet. Und als er am Ende schließlich doch die Initiative ergeift, da macht er alles nur noch schlimmer. Aktiv sind andere: Seine Geliebte Rachel (Silvana Mangano), die sich während seiner Inhaftierung dem Christentum zugewandt hat, verbreitet die Botschaft der Nächstenliebe und wird dafür zu Tode gesteinigt, und Sahak und Lucius (Ernest Borgnine) kämpfen ebenfalls unter Gefährdung ihres Lebens für das Recht, ihrem Glauben zu folgen. Barabbas ist solcher Einsatz nicht möglich: Er möchte glauben, allein ihm fehlt der Mut, sich auf einen Gott, den er nicht sehen kann, der ihm nicht antwortet, zu verlassen. So verfolgt er Sahaks und Lucius‘ Bemühungen, in der Hoffnung auf eine Antwort, doch erst am Ende wird ihm das Wesen des Glaubens bewusst, kann er sich Gott überantworten. Ob Gott dieses Bekenntnis erhört, bleibt dennoch ungewiss.

Trotz seines frommen Themas ist BARABBA vom Pathos kitschiger Bibelfilme weit entfernt. Mehr als die Präsenz des Göttlichen thematisiert Fleischer deren Abwesenheit, zeichnet die Menschheit als auf Irrwegen dahinstolpernd, gewalttätig, grausam, mitleidslos. Das Martyrium, das Jesus durchleiden muss, zeigt Fleischer in kurzen, aber heftigen Bildern (das Gesicht des Heilands sieht man kein einziges Mal). Die Steinigung Rachels, deren Leiche Barabbas in einer niederschmetternd distanzierten Totale findet, die infernalische Schwefelminen-Sequenz und die brutalen Gemetzel im Colosseum sind von einer brachialen Körperlichkeit, die einen unverkennbaren Kontrast zur göttlichen Transzendenz, aber auch zum Diktum des „Liebe deinen Nächsten“ bildet.  BARABBA zeigt Fleischer möglicherweise auf dem Zenith seines Schaffens: Dafür sprechen die großartige CinemaScope-Fotografie, die makellose filmische Organisation spektakulärer Effekt- und Massenszenen wie auch die inhaltliche Umsetzung der Fleischer’schen Leib- und Magenthemen – Macht und Gewalt, die Frage nach dem Ursprung menschlicher Befähigung zum Guten wie zum Bösen und einer höheren Werte setzenden Instanz, aber auch, dass der bis hierhin überaus produktive und fleißige Fleischer – 22 Filme in 14 Jahren! – danach vier Jahre lang abtauchte, um mit dem bunten Science-Fiction-Film FANTASTIC VOYAGE zurückzukehren: Wahrscheinlich war er nach BARABBA genauso leer wie sein Titelheld.

Einen lesenswerten Text zum Film findet man hier.