Mit ‘SIlvia DIonisio’ getaggte Beiträge

Auf Sizilien treffen Irem (Al Cliver) und Barbara (Silvia Dionisio), ein libertinäres Liebespaar, auf den reichen, zynischen und misanthropischen Unternehmer George (John Steiner), der seine Frau Silvia (Elizabeth Turner) offen demütigt, misshandelt und betrügt. Weil George ein Interesse an Barbara entwickelt, lädt er das Paar auf seine Luxusyacht ein. Während der gemeinsamen Zeit an Bord wird ein fröhliches Bäumchen-wechsel-dich-Spiel durchexerziert, bei dem der sadistische George immer mehr isoliert wird. Irgendwann ist er davon überzeugt, dass seine Frau sich mit den Gästen gegen ihn verbündet hat und seine Ermordung plant …

Deodato wieder mal – man denke an LA CASA SPERDUTA NEL PARCO – im Klassenkämpfermodus. Was sich da als aufgeheizte erotische Vierecksbeziehung präsentiert, hat natrlich eine für jeden durchschaubare gesellschaftspolitische Dimension: George ist der skrupellose Kapitalist, der andere Menschen nach seinem Gutdünken ausbeutet, benutzt und wegwirft, wenn er keine Verwendung mehr für sie hat, Irem und Barbara sind die Unterprivilegierten, die den Aufstand proben. Das ist – wie fast immer im populären italienischen Kino jener Zeit – etwas undifferenziert und überdeutlich auf den Zweck der linken Agitation hin konstruiert. George verfügt über keinerlei sympathische Züge, ist moralisch durch und durch verrottet und ein sehr dankbarer Anlass für eine polemische Kapitalismuskritik. Es ist nicht schwer, ein System zu kritisieren, das durch solche Figuren repräsentiert wird.

Trotzdem ist ONDATA DI PIACERE (zu Deutsch etwa: „Wellen der Lust“) sehr sehenswert. Neben offenkundigen Reizen wie der schönen Fotografie in traumhafter Urlaubskulisse, dem tollen Darstellerensemble und der überaus ansehnlichen Silvia Dioniso (die damals mit Deodato verheiratet war), ist es die berüchtigte Verschlagenheit und Doppelzüngigkeit Deodatos, die für den Film einnimmt. Es bleibt nämlich bis zum Ende unklar, ob Irem und Barbara nicht von Anfang an ein doppeltes Spiel gespielt haben. Gleich zu Beginn beobachten sie George und Silvia, wissen, um wen es sich bei den beiden handelt und dass er ein mieses Schwein ist, das seine Gattin wie Dreck behandelt. Auch dass George auf Barbara aufmerksam wird, ist keinesfalls ein Zufall, vielmehr sucht sie seine Nähe, legt es darauf an, von ihm „entdeckt“ und angesprochen zu werden. Beide scheinen es von Anfang an darauf anzulegen, mit George und Silvia in Kontakt zu kommen, von ihnen auf die Yacht eingeladen zu werden – aber auch, ihn zu töten?

Man muss eigentlich davon ausgehen, aber die Art, wie sie diesem „Plan“ nachgehen, lässt dann doch einige Zweifel entstehen. Sie lassen sich viel, viel Zeit und es ist nicht wirklich klar, worauf sie eigentlich warten. Um den kritischen Impetus des Films zu retten, könnte man ihr Zögern vielleicht so interpretieren, dass auch Barbara und Irem den Verlockungen des Reichtums nicht ganz gleichgültig gegenüberstehen. Sie genießen das Leben im Überfluss sichtlich und vielleicht versuchen sie insgeheim doch, sich mit dem Feind zu arrangieren. Das Problem ist nicht, dass die Macht in den falschen Händen liegt, sondern das Sein von Macht generell. Wenn die beiden George dann schließlich doch umbringen, indem sie ihn mit Alkohol betäuben und mit einer defekten Sauerstoffflasche ins Meer werfen, dann sind sie eigenlich nicht mehr viel besser als der zynische Lump, den sie so sehr verachten.

Ein Nachtzug in die Schweiz wird mit lauter furchtbaren Vertretern der Gattung Mensch vollgeladen, von denen drei junge hedonistische Designerproleten sich als noch einen Tick asozialer erweisen als der Rest und sich sogleich daran machen, den Rest zu terrorisieren – so er denn männlich ist – oder zu vergewaltigen – so er weiblich ist. In dem Waggon, in dem eine Edelprostituierte (Silvia Dionisio) das Objekt der Begierde für drei Testosteronprotze darstellt, herrscht Anarchie, bis sich schließlich ein Häftling den Unholden entgegenstellt …

Ferdinando Baldis Sleazereduktion von Aldo Lados L’ULTIMO TRENO DELLA NOTTE – seinerseits wiederum eine italienisch-gallige Annäherung an Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT – mit analytischem Werkzeug zu begegnen, würde bedeuten, sie etwas zu ernst zu nehmen. Muss man den beiden genannten Filmemachern ohne Zweifel unterstellen, mit ihrer schmerzhaften Kritik genau ins Schwarze getroffen und unangenehme Wahrheiten über die Scheinheiligkeit des Bürgertums enthüllt zu haben, so begnügt sich Baldi damit, die erfolgreiche Blaupause für ein saftiges Exploitationstück zu instrumentieren. Aber wem erzähle ich etwas: Der Film heißt auf Deutsch HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS. Wer sich an der Zurschaustellung von Niedertracht um der Niedertracht willen delektieren kann, wird hier also definitiv fündig, wenn man auch sagen muss, dass Baldi mit angezogener Handbremse operiert, der Film immer im Rahmen dessen bleibt, was man damals zeigen konnte. Das ist ja das eigentlich Abgeschmackte, Skandalöse an diesen und vergleichbaren Filmen: Sie setzen zwar auf Sex und Gewalt, aber es darf auch nicht wirklich wehtun. Feministen werden jedenfalls ihre helle Freude an einer Vergewaltigungsszene haben, die das Opfer mit auffallender Bereitwilligkeit über sich ergehen lässt. Aber dieses opportunistische Manövrieren zwischen der Befriedigung der Schaulust einerseits und dem Einhalten der nicht ausgesprochenen Übereinkunft, innerhalb „sicherer“ Grenzen zu verbleiben, macht ja auch den Reiz solcher Filme aus.

LA RAGAZZA DEL VAGONE LETTO bedient schon mit seinem Personeninventar jedes gängige Vorurteil des Bild-Zeitungs-Lesers: Da gibt es das sich ständig streitende Ehepaar bestehend aus der jungen, attraktiven Frau (Zora Kerova) und dem älteren, eifersüchtigen Mann (Venantino Venantini), den bonzigen Politiker, der sich von seinem Adlatus Pornohefte am Bahnhofskiosk kaufen lässt und bei der ersten Gelegenheit mit der Edelnutte ins Bett hüpft, und schließlich die Kleinfamilie, deren Vater es auf die schnuckelige Tochter abgesehen hat. Ein gefundenes Fressen für die drei Proleten, die in den anwesenden Männern bald schon willige Komplizen für ihre Schandtaten finden, während die Frauen um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten müssen. Der letzte Satz deutet es schon an: In diesem durchweg krachigen Sleazehaufen verbirgt sich irgendwo ein Film, der den Konflikt aus den weiter oben genannten Vorbildern entlang der Gender- statt der Klassengrenzen austrägt, doch Baldi hat sich mit weniger zufrieden gegeben. Die stärkste Szene des Films illustriert lustigerweise auch seinen generellen Makel: Als ein Rentner, der seine schwerkranke Ehefrau im Zug transportiert, um Hilfe bittet, wird er von dem zynischen Politiker grob abgefertigt. Das lässt dessen Assistenten, einem rückgratlosen Ja-Sager, endlich den Kragen platzen. Doch sein Wutanfall, seine Konfrontation des Chefs, mutet aller benutzten Schimpfworte zum Trotz seltsam zahnlos an. Am Ende kassiert er die Entlassung und setzt sich etwas ratlos wieder auf seinen Platz. Dieser Zug ist einfach nicht der Ort für große gesellschaftliche Umbrüche.