Mit ‘Slim Pickens’ getaggte Beiträge

Ein weiterer Beleg für die in meinem letzten Eintrag aufgestellte These, die besten Filmerlebnisse seien immer die, in die man völlig unvorbereitet geht. RANCHO DELUXE gehört zu dem kleinen, heute weitestgehend brachliegenden Mini-Subgenre des Countryfilms, das in den Siebzigerjahren, wahrscheinlich in der Folge von Altmans NASHVILLE, reüssierte und uns unter anderem den göttlichen URBAN COWBOY bescherte. RANCHO DELUXE erschien im selben Jahr wie NASHVILLE und ist so unglaublich schräg, wie es Hollywood eigentlich nur in den Siebzigern gestattete. Die Kritik war dann auch entsprechend ratlos, u. a. Roger Ebert, der RANCHO DELUXE mit 1,5 Sternen abspeiste und fragte, was denn da wohl alles schiefgelaufen war. So kann man das natürlich sehen, allerdings entgeht einem dann ein wunderbares Filmerlebnis.

Jack McKee (Jeff Bridges) und Cecil Colson (Sam Waterston), der sich immer als „North American Indian“ vorzustellen pflegt, sind zwei liebenswerte Taugenichtse in einem Kaff in Montana, die auf das Spießerdasein mit Arbeit, Ehe und Kindern keinen Bock haben. Stattdessen treiben sie den wohlhabenden Rinderzüchter John Brown (Clifton James) mit ihrer Tätigkeit als „rustlers“ in den Wahnsinn: Sie erschießen seine Tiere, schlachten sie am Tatort und verkaufen dann das Fleisch. Sie träumen davon, sich irgendwann ihre „Rancho Deluxe“ finanzieren und zur Ruhe setzen zu können und sind auch deshalb auf gutem Weg, weil sie in Browns farmhands Burt (Richard Bright) und Curt (Harry Dean Stanton) zwei zuverlässige Informanten haben. Aber dann engagiert Brown den berühmt-berüchtigten Detektiv Henry Beige (Slim Pickens) …

Eigentlich ist das keine besonders ungewöhnliche Handlung und man kann sich gut eine stromlinienförmigere Version desselben Drehbuchs vorstellen. Die Protagonisten wären dann naive Träumer, die am Ende des Films mit der ganzen Härte der Realität konfontiert würden. In Perrys Film sieht das etwas anders aus: Ja, auch hier bekommen Jack und Cecil am Ende die Quittung für ihr illegales Treiben, aber ein echter Einschnitt in ihrem Leben ist das nicht. Sie sind in der glücklichen Lage, in allem das Positive zu sehen und so wird ihre Inhaftierung unversehens sogar zur Erfüllung ihrer Träume. Man muss das selbst sehen. Was immer wieder überrascht und aus der Bahn wirft, das sind die skurrilen Charaktere, unerwarteten Dialogverläufe und die left turns, die der Film nimmt. RANCHO DELUXE besetzt unter anderem Joseph Spinell als Vater Sam Waterstons, obwohl die beiden Schauspieler nur vier Jahre auseinanderlagen. Slim Pickens Detektiv Beige ist eine Art geriatrischer Columbo, seine Enkelin, die unschuldige, gottesfürchtige Jungfrau Laura (Charlen Dallas), hat es in Wahrheit faustdick hinter den Ohren. Elizabeth Ashley gibt Browns Ehefrau Cora als vom Farmleben gelangweilte Society-Queen, die bei den tumben Curt und Burt mit ihren Avancen leider keinen Erfolg hat.

Was gibt es sonst? Eine Pong-Partie zwischen Jack und Curt, Sex mit Hundemaske, die Theorie, das der Pick-up-Truck für den Einwohner Montana dasselbe ist wie das Feuerwasser einst für die Indianer, einen Zuchtbullen im Hotelzimmer. RANCHO DELUXE ist ein schönes Beispiel für Subversion im Mainstreamkino: Frank Perrys Film ist ein Wolf im Schafspelz und ein Film, der sich wiederzuentdecken lohnt.

 

Auch wenn der Titel auf ein Kokain-Drama schließen lässt, handelt es sich bei diesem Film doch um einen Beitrag zum wunderbaren und leider völlig aus der Mode gekommenen Subgenre des Truckerfilms, das seine Hochzeit in den Siebzigerjahren erlebte, bevor es im Folgejahrzehnt in Deutschland die Serie AUF ACHSE und natürlich DIDI AUF VOLLEN TOUREN inspirierte. „White Line Fever“ bezieht sich also nicht auf Entzugserscheinungen nach dem weißen Nasenpuder, sondern auf das Phänomen des Sekundenschlafs, das Trucker ereilt, wenn sie stundenland Meilen gefressen haben.

Nach der Heirat mit der hübschen Jerri (Kay Lenz) investiert Carol Jo (Jan-Michael Vincent) alles Ersparte in einen eigenen Truck, doch der Traum vom eigenen Business platzt schnell wie eine Seifenblase: Das ganze Speditionsgeschäft ist durch und durch korrupt und wer beim schmutzigen Spiel der Auftraggeber nicht mitspielt ist schnell ganz draußen. Zunächst wird Carrol Jo vom fiesen Buck (L. Q. Jones) und seinen Handlangern nur drangsaliert, dann zusammengeschlagen, doch schließlich will man ihm den Mord an seinem väterlichen Freund Haller (Slim Pickens) anhängen …

WHITE LINE FEVER macht noch einmal schmerzhaft klar, was aus Jan-Michael Vincent hätte werden können, hätten ihn nicht Alkohol und Drogen erwischt: Der spätere AIRWOLF-Star sieht hier nicht nur spitze aus, er ist als Jungspund, der sich nicht unterkriegen lässt, auch sehr sympathisch und charismatisch. Und, nicht ganz unwichtig, auch als Actionstar funktioniert er perfekt: Die Schrotflinte steht ihm ausgezeichnet, Klettereien auf dem fahrenden Truck übernimmt er kurzerhand selbst, anstatt sie irgendwlchen Stuntmen zu überlassen. Selbst ist der Mann! WHITE LINE FEVER macht zunächst schön Tempo, hat viel Power, angemessen hassenswerte Bad Guys – Martin Kove als henchman Bucks – und natürlich auch eine Prise Trucker-Romantik inklusive atemberaubender Ansichten eines wnterlichen Monument Valley. Der endgeile Stunt am Ende – Carrol Jo crasht mit seinem Truck durch das gigantische Firmenlogo des mafiösen Speditionskonzerns – setzt auch visuell einen schönen Endpunkt, der mit dem etwas schematischen Handlungsverlauf versöhnt. Man kennt das alles irgendwoher: die zunächst etwas naive Weigerung des Helden, beim bösen Spiel mitzumachen, die folgenden Lektionen, die sich immer weiter hochschaukelnde Gewalt, der anscheinend aussichtslose Kampf gegen eine übermächtigen Gegner, der immer noch ein As im Ärmel hat, die Anschläge auf das eigene Leben und das der Frau, das in die Schuhe geschobene Gewaltverbrechen, die gekauften Honorationen. WHITE LINE FEVER ist in erster Linie Exploitation, Genrekino, das sich nicht um einen Originalitätspreis bewirbt, sondern Altbekanntes in leicht abgewandelter Verpackung kredenzen, auf dass der Zuschauer gleich weiß, woran er ist.

Als Schüler Roger Cormans ist Jonathan Kaplan dafür genau der richtige Mann: Er debütierte für dessen New World Pictures 1972 mit NIGHT CALL NURSES, einem Film, der die Trenchcoat-Fraktion im Stile mit etwas linker Gesellschaftskritik infiltrierte, eine Strategie, die sich auch Jonathan Demme mit seinem WIP-Film CAGED HEAT zu eigen machte. Kaplan nahm sie nach seinem Abschied von New World mit zu American International – Cormans voriger Heimat – für die er dann nach bewährtem Muster THE STUDENT TEACHERS drehte. Auch WHITE LINE FEVER ergreift Partei für die Schwachen, die von den Mächtigen als Bauern in ihrem Schachspiel zur Mehrung ihrer Reichtümer missbraucht und zu diesem Zweck gegeneinander aufgehetzt werden und ruft zum Widerstand auf. Große lllusionen Hoffnung allerdings macht er nicht: Es bedarf zwar mehr als einer Handvoll mutiger, schlagkräftiger Männer und Schrotflinten, um das bestehende System zu zerschlagen, aber diese sind immerhin schon ein Anfang.

BOOTLEGGERS törnt mich oberflächlich gleich in mehrfacher Hinsicht an: Es handelt sich, wie der Titel schon sagt, um einen Film, der in der Schwarzbrenner-Branche spielt, mit viel Dreißigerjahre-Zeit- und Südstaaten-Lokalkolorit. Da fiedelt und zirpt die Hillbilly-Musik auf dem Soundtrack, Latzhosen sind der heißeste Scheiß, Charaktere hören auf Namen wie „Othar“, „Rufus“, „Silas“, „Homer“ oder „Sally Fannie“, verständigen sich in breitestem, murmelmundigem drawl und saufen Selbstgebrannten aus Einmachgläsern. Mein kleines Glück ist da schon fast vollkommen und nun spielt mit Paul Koslo auch noch einer meiner absolut liebsten Seventies-Charakterdarsteller eine Hauptrolle: Heaven is a place on earth. Ich kann Charles B. Pierce kaum böse darüber sein, dass BOOTLEGGERS die hohen Erwartungen an ein solches Werk nicht erfüllt, im Gegenteil. Ich freue mich über die Existenz dieses Filmes und darüber, ihn wenigstens einmal gesehen zu haben.

BOOTLEGGERS erzählt vom Schwarzbrenner-Geschäft von Othar Pruitt (Paul Koslo) und seinem Freund Dewey Crenshaw (Dennis Fimple): Othar stammt aus einem Bootlegger-Clan, dem schon der Großvater (Slim Pickens) angehörte, und erlebte als Junge mit, wie der Vater (Steve Pruitt) von der verfeindeten Konkurrenz der Woodalls erschossen wurde. In der Gegenwart zieht er erneut den Zorn der Woodalls auf sich, als er diese durch einen Großauftrag ausbootet, und muss sich im finalen Showdown mit Feuergewalt gegen sie behaupten. Bis dahin verliebt er sich in Sally Fannie (Jaclyn Smith), treibt Schabernack mit seinem besten Kumpel und wird vom Sheriff verknackt.

Charles B. Pierce – zuletzt hier mit seinem True-Crime-Film THE TOWN THAT DREADED SUNDOWN vertreten – erzählt seine Geschichte als episodische Aneinanderreihung von meist beschwingten Ankedoten, die nur über eine geringe dramaturgische Bindung zueinander verfügen. Auch wenn der zentrale Konflikt früh etabliert wird, spielt er über weite Strecken des mit ca. 115 Minuten recht ausuferndern Films keine Rolle. BOOTLEGGERS „langweilig“ zu nennen, wäre angesichts seines Tempos und seiner generellen Gefälligkeit ungerecht, aber ein bisschen ziellos ist er schon: Man fragt sich, was das alles soll und warum das, was da doch von Anfang an im Hintergrund mitläuft, nicht schon früher zum Tragen kommt. Der Showdown bestätigt einen in diesen Fragen, denn nach dem gemütlichen Plätschern der vorangegangenen 90 Minuten entwickelt BOOTLEGGERS am Ende den Sog, den man sich schon früher gewünscht hätte. Wahrscheinlich hatte Pierce einfach etwas anderes im Sinn als einen harten Crime-Reißer: Aber für die große Epik oder den bunten Bilderbogen, die er möglicherweise stattdessen anpeilte, fehlt ihm der schöpferische Feinschliff. So wirkt BOOTLEGGERS ein bisschen wie der Zusammenschnitt einer beliebten Fernsehserie, dem die klare Linie fehlt. Es ist nicht weiter schlimm: Kurzweil ist garantiert, zumal das spätere Kamera-As Tak Fujimoto das Geschehen in fantastischen Bildern einfriert, die immer wieder für Aha-Effekte sorgen und BOOTLEGGERS über den faden Exploitation-Durchschnitt heben.

Und dann ist da noch Paul Koslo: Ich finde ihn auch hier, in seiner einzigen Hauptrolle, einfach großartig und halte es für einen mittelschweren Skandal, dass er nicht längst Objekt liebevoller Fanwürdigungen und fanatischer Verkultung geworden ist. Gerade hier in Deutschland, wo er das Licht der Welt erblickte. Wie viele geliebte Kultklassiker hat er mit seiner Präsenz geadelt, ohne dass man ihn wirklich wahrgenommen hätte? VANISHING POINT, THE OMEGA MAN, WELCOME HOME, SOLDIER BOYS, JOE KIDD, LOLLY-MADONNA XXX, CLEOPATRA JONES, THE STONE KILLER, THE LAUGHING POLICEMAN, MR. MAJESTYK, FREEBIE AND THE BEAN, THE DROWNING POOL: Es sind schon Schauspieler für deutlich weniger abgefeiert worden. Noch lebt er, also haut rein!