Mit ‘Stanley Baker’ getaggte Beiträge

Es scheint, als hätte es für Hollywood-Regisseure in den Fünfziger- und Sechzigerjahren keine Möglichkeit gegeben, ihrem Beruf nachzugehen, ohne den raffgierigen Studios wenigstens einen Monumentalschinken zu bescheren: Mervyn LeRoy drehte QUO VADIS (1951), Henry King DAVID AND BATHSHEBA (1951), Michael Curtiz THE EGYPTIAN (1954), Robert Wise HELEN OF TROY (1955), Howard Hawks LAND OF THE PHARAOHS (1955), Robert Rossen ALEXANDER THE GREAT (1956), King Vidor WAR AND PEACE (1956) und SOLOMON AND SHEBA (1959), Richard Fleischer THE VIKINGS (1958) und BARABBA (1962),William Wyler BEN HUR (1959), Stanley Kubrick SPARTACUS (1960), Nicholas Ray KING OF KINGS (1961), Anthony Mann EL CID (1961) und THE FALL OF THE ROMAN EMPIRE (1964),  Joseph L. Mankiewicz CLEOPATRA (1962), J. Lee Thompson TARAS BULBA (1962) und KINGS OF THE SUN (1963), George Stevens THE GREATEST STORY EVER TOLD (1965), Franklin J. Schaffner THE WAR LORD (1965), John Huston THE BIBLE: IN THE BEGINNING … (1966) und die standardmäßig auf epische Breite abonnierten Cecil B. DeMille und David Lean THE TEN COMMANDMENTS (1956) respektive LAWRENCE OF ARABIA (1962) und DOCTOR ZHIVAGO (1965). Womit diese Liste lang, aber längst nicht vollständig ist.Vielleicht muss man den Monumentalfilm-Fluch als eine Art Initiationsritus begreifen: Wer den logistischen Albtraum einer mit Statisten, Kostümen, Pferden und Pappmacheebauten gespickten Materialschlacht überstand, ohne einen Nervenzusammenbruch zu erleiden oder sein Studio in den Ruin zu treiben, der gehörte danach dazu und durfte vielleicht auch mal einen persönlicheren Film drehen. Und so ist es weder verwunderlich, dass es 1962 auch Robert Aldrich erwischte, noch dass dessen SODOM AND GOMORRHA den Ruch der gelangweilt runtergekurbelten Pflichtaufgabe nie so ganz los wird. Interessant wird Aldrichs Film immer dann, wenn sich die Geschichte von den großen religiösen Themen ab- und den Menschen zuwendet, wenn er den Manichäismus der verdorbenen, unchristlichen Zwillingsstädte und den frommen Hebräern  verwirft und andeutet, dass die Welt komplexer ist als Gut und Böse. Leider gibt es von diesen Momenten zu wenige. Und die potenziell sleazig-krawallige Seite, die man von SODOM AND GOMORRHA eigentlich erwartet, kommt – man durfte es angesichts des Produktionsjahres und der Herkunft des Films eigentlich erwarten – ebenfalls zu kurz.

SODOM AND GOMORRHA folgt den vom braven Lot (Stewart Granger) angeführten Hebräern, die sich mit Erlaubnis von Königin Bera (Anouk Aimee) vor den Toren der Zwillingsstädte niederlassen. Die Sodomiter leben in Ausschweifung und Reichtum, den sie der gnadenlosen Ausbeutung ihrer Sklaven und den üppigen Salzvorkommen verdanken. Als die Hebräer die mit den Sodomiten verfeindeten Helamiten besiegen und dabei noch mehr Salz entdecken, werden sie schließlich zu Bürgern der Stadt. Aber die gläubigen Hebräer können sich nur schwer damit anfreunden, mit den Sündern gemeinsame Sache zu machen …

SODOM AND GOMORRHA ist bisweilen hartes Brot: Mit dem ganz großen Pomp, den andere Monuemtalepen jener Tage auffuhren, kann er nicht mithalten. Der Geschwätzigkeit, die das Genre neben prachtvollen Settings und Kostümen erzählerisch auszeichnet, wird nur wenig entgegengesetzt. Es gibt eine größere Schlachtszene in der Mitte des rund 140-minütigen Films und schließlich die Zerstörung der Städte am Ende zu bewundern, sonst ist Aldrichs Film eher ereignisarm zu nennen. Langeweile macht sich breit. Kaum weniger problematisch ist die ideologische Seite des Films: Die Geschichte der Stadt und seiner Bevölkerung, die zur Strafe für ihr sündiges Leben von Gott persönlich ausgelöscht werden, lässt sich vom eher säkularisierten, aufgeklärten Zuschauer nur schwerlich für seine Bedürfnisse umdeuten. Es bleibt kein Zweifel, dass alle Sodomiter böse sind und Gottes Werk richtig. Wenn die Mauern Sodoms also dekorativ zusammenfallen und die Einwohner unter sich begraben, ist das zwar sehr ansehnlich umgesetzt, aber auch mit einem faden Beigeschmack versehen. Zumal, wie ich schon andeutete, SODOM AND GOMORRHA in seiner Ausmalung des dortigen sündigen Treibens mehr als zurückhaltend ist. Zu Beginn liegen die Anhänger der Königin wohl vom orgiastischen Treiben ausgelaugt kreuz und quer und übereinander gestapelt auf dem Boden eines Palastraumes. Expliziter wird der Film in der Darstellung sexueller Devianz – nicht unwichtig für die biblische Geschichte – nicht. Desweiteren gibt es den Blick auf die harte Arbeit der Sklaven, zum Schluss die zugegebenermaßen grausame Bestrafung der hebräischen Verräter. Königin Bera und ihr Bruder Astaroth (Stanley Baker) legen das für Schurken typische, erwartbar arrogant-herablassende Verhalten an den Tag, das man von solchen Bösewichten kennt, das sonst aber auch nicht gleich die göttliche Intervention nach sich zieht. Demgegenüber steht Lot mit seinem nervtötend frommend Geschwätz, das seine Selbstherrlichkeit nie ablegen kann. Der Film kommt zu seinem stärksten Moment, wenn Lot dem besiegten Astaroth in einem Moment der Raserei das Schwert ins Herz rammt. Berauscht starrt er auf sein Opfer, bis der Blick auf sein Volk fällt, das die Verwandlung ihres Anführers zum heißblütigen Mörder mit stummem Entsetzen mitangesehen hat. Hier meint man dann den Aldrich zu erkennen, der weiß, dass Gut und Böse nicht fein säuberlich voneinander getrennt sind, und der als Regisseur dieses Films deshalb eine denkbar schlechte Wahl ist. Aber Aldrich kann auch nichts an der Vorlage ändern: Die Geschichte von SODOM AND GOMORRHA ist eine christlicher Schwarzweißmalerei, die einzig als grelle Exploitation ihre Daseinsberechtigung hätte. Verschenkt.

Die Nazis dringen unter der Führung von Gestapo-Mann Heisler (Stanley Baker) in ein griechisches Bergdorf ein, dessen Bewohner – einfache Bauern und Arbeiter – zum Teil der Widerstandsbewegung angehören. Bei einem missglückten Überfall der Partisanen auf ein Waffenlager der Nazis sind bereits etliche von ihnen gefallen. Nun wollen die Deutschen ein weiteres Exempel statuieren. Aus der Schar der übrig gebliebenen Männer sollen zehn hingerichtet werden. Der erste Name wird aufgerufen. Der Mann beteuert, nicht dem Widerstand anzugehören, ein Kollaborateur zu sein. Doch das hilft ihm nicht. „Da siehst du, was du angerichtet hast“, sagt einer der Dorfbewohner. „Wir mögen dich nicht und sie mögen dich auch nicht.“ Eine Gewehrsalve zerreißt den Mann, er fällt tot zu Boden. Der nächste Name wird aufgerufen. Der nächste tödliche Schuss hallt durch die Nacht. Eleftheria (Gia Scala), eine junge Frau aus dem Dorf und Schwester eines der Widerstandskämpfer, wendet sich weinend und voller seelischer Qual ab. Der nächste Name, der nächste Schuss …

Es ist diese Szene, in der es Aldrich gelingt, die Unbarmherzigkeit, zu der Menschen im Krieg fähig sind, das Leid, das sie anderen zufügen, ohne auch nur das geringste Zeichen von Mitgefühl oder Gnade – Menschlichkeit eben – bloßzulegen. Sie erinnert sofort an seine großen Schmerzdarstellungen: Nalinles zerschundene Füße in APACHE, eine Vielzahl von Verletzungen und schmerzverzerrter Gesichter in KISS ME DEADLY, Burt Hansons sich unter der Elektroschocktherapie aufbäumender Körper in AUTUMN LEAVES, die Schreie von Joe Costa in ATTACK!, als ihm ein Panzer über den Arm  rollt. Bei Aldrich verbergen sich hinter äußeren Narben immer auch seelische Wunden: Im Schmerz ist der Mensch bei Aldrich als Ganzes erfasst, man kann sich nicht mehr an ihm versündigen, als ihn zu foltern – die Schäden sind irreparabel. Aber Aldrichs Schmerzensbilder sind auch die grafische Kulmination des inneren Ringkampfs, den seine Protagonisten austragen; ein Ringkampf, der seinerseits Ausdruck sozialer und historischer Verwerfungen ist. Da fällt einem dann auf, wie viele von Aldrichs Filmen zu Zeiten der Krise und der Unsicherheit spielen, vor dem Hintergrund von kriegerischen Auseinandersetzungen und großer sozialer Umbrüche. Die äußeren Umstände erfassen den Menschen, zerreißen ihn, perpetuieren den Status quo oder schaffen die Zäsur, die zur Überwindung führt. Aldrichs Protagonisten stehen vor der Wahl: Weitermachen wie bisher, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und materiell davon zu profitieren, aber dabei moralisch zu verarmen, oder aber sich aufzulehnen, auch auf die Gefahr hin, dabei unterzugehen.

In THE ANGRY HILLS ist es der amerikanische Kriegsberichterstatter Mike Morrison (Robert Mitchum), der sich entscheiden muss: Will er nur der unbeteiligte Mitläufer sein, der den Krieg, in dem Millionen von Menschen ihr Leben lassen, zum Anlass nimmt, herumzureisen, sich zu betrinken und Frauen unterschiedlichster Herkunft kennenzulernen? Oder will er tatsächlich etwas dazu beitragen, Menschenleben zu schützen und dem Guten – oder zumindest dem, was er dafür hält – zum Sieg zu verhelfen? Zu Beginn ist er kaum mehr als ein Tourist, der die Orte des Sterbens besucht. Als er einen alten Bekannten trifft und diesem lapidar vom Tod eines gemeinsamen Freundes erzählt, steht er dessen sichtlichem Schock geradezu ratlos gegenüber. Schließlich ist Krieg, da sterben nunmal Menschen – so einfach ist das für ihn. Eigentlich will er nur schnellstmöglich in eine Taverne und eine hübsche Griechin auftun, doch dann wird ihm gegen seinen Willen eine Liste zugespielt, die die Namen von 16 griechischen Nazi-Kollaborateuren enthält. Seine Aufgabe besteht darin, die Liste nach England und damit aus der Reichweite der Nazis und ihrer griechischen Helfer zu bringen, die sich ihm sofort an die Fersen heften. Auf der Flucht landet Morrison in einem kleinen Dorf in den Bergen, wo eine Gruppe unerschrockener, aber chancenloser Partisanen den Widerstand probt. Für ihn ist der Überfall auf das Waffenlager zuerst ein Abenteuer, und um sich den Hauch von Autorität und Kompetenz zu verleihen, gibt er sich als Soldat aus. In Wahrheit gehört er nicht dazu, es ist nicht sein Land, dessen Autonomie bedroht ist. Wenn der Krieg vorbei ist, wird er zurück nach Amerika reisen. Eleftheria ist schockiert davon, wie er den Überfall mitplant und über das Leben der Männer verfügt, die ihm doch völlig fremd sind. Wie er plötzlich auftritt, als habe man nur auf ihn gewartet, und sich ganz selbstverständlich in die Rolle des Messias aus dem gelobten Land einfindet, obwohl er doch ein blutiger Amateur ist (was sie nicht weiß). Als es Ernst wird, erkennt er, was es bedeutet, mit Haut und Haaren involviert zu sein. Er hat Angst. Dieses Eingeständnis Mitchums dürfte eine ziemlich ungewöhnliche Dialogzeile für einen amerikanischen Helden in einem Kriegsfilm der Fünfzigerjahre gewesen sein. Mir hat es sich sofort eingebrannt, fast genauso wie das leidende Gesicht der trauernden Eleftheria, als ihre Mitbürger hingerichtet werden. Ein Robert Mitchum, der seine Angst eingesteht: Könnte es etwas geben, was den Wahnsinn des Krieges pointierter darstellt?

Nach dem vereitelten Überfall gibt es einen Bruch in THE ANGRY HILLS. Die „wütenden Berge“ werden verlassen, das Geschehen verlagert sich zurück in die Stadt, die Partisanen und Eleftheria, Morrisons Love Interest, werden zurückgelassen. Nun rückt eine andere Frau in den Mittelpunkt: Lisa Kyriakides (Elisabeth Müller), die Morrison helfen soll, in Wahrheit aber im Auftrag von Heisler handelt. Er ist ihr ehemaliger Ehemann und hat mit ihr zwei Kinder, die er als Druckmittel gegen sie einsetzt: Wenn sie Morrison nicht ausliefert, will er ihre gemeinsamen Kinder töten. Lisa weiß nicht, was sie erschrekcender finden soll: Die Tatsache, dass das Leben ihrer Kinder von einer Entscheidung abhängt, die sie nicht treffen will, oder davon, dass Heisler sein eigen Fleisch und Blut so völlig skrupellos einsetzt wie Chips in einem Kartenspiel. Lisa bleibt eigentlich keine Wahl. Man könnte es ihr nicht übelnehmen, ließe sie Morrison über die Klinge springen. Doch sie ist nicht in der Lage, ein Leben im Austausch für zwei andere zu opfern, auch nicht, wenn es um das Leben ihrer Kinder geht und das Opfer ein Fremder ist. Sie bricht das Spiel ab, schafft die Zäsur. Bevor Morrison unwissend in die Falle tappt, warnt sie ihn. Damit verändert sie die ganze Situation, zwingt die Involvierten zum Innehalten. Morrison ist nun längst nicht mehr nur der unfreiwillig Hineingezogene, der lediglich bemüht ist, seine Haut in Sicherheit zu bringen. Er will Lisas Kinder um jeden Preis retten und die Liste  nach England bringen. Was erstaunlich ist: Je mehr er zum aktiv Handelnden wird, umso mehr verlagert Aldrich sein Interesse zugunsten Heislers. Denn nun ist es an diesem, einen Gesinnungswandel zu vollführen. Ist er wirklich bereit, für den „Endsieg“ seine eigenen Kinder zu opfern?

THE ANGRY HILLS, der auf einem Roman von Leon Uris basiert, ist ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter Film. Zum oben erwähnten ängstlichen Mitchum gesellt sich am Schluss auch noch der menschliche Nazi, der in den Fünfzigerjahren wohl eher selten gesehen war und es ja auch heute noch ist. Aldrich glaubt nicht an apriorische Gut-Böse-Zuschreibungen. Der Mensch zeichnet sich durch das aus, was er tut, durch die Entscheidungen, die er trifft. Und jeder hat zu jeder Sekunde die Gelegenheit, sein Handeln zu überdenken, und den Kurs zu wechseln. Wie Sartre das einmal treffend formulierte: Man hat immer die Wahl. Und wenn es der Selbstmord ist. Leider ist THE ANGRY HILLS aber auch sehr zerfahren. Das ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass das Studio diverse Schnitte auferlegte, die den zweistündigen Film auf knapp 105 Minuten herunterkürzten. Welche Passagen und Szenen tatsächlich der Schere zum Opfer fielen, kann ich nicht nachhalten, aber einige Handlungssprünge muten tatsächlich viel zu ungelenk an, als man sie Aldrichs Regie zuschreiben wollen würde. Lisa tritt ohne echte Einführung in den Film (sie wird nur einmal in einem Gespräch erwähnt), wird von Morrison aber schon erwartet. Der Schauplatzwechsel überrascht nicht nur, weil der Film doch THE ANGRY HILLS heißt. Und später erfährt Morrison dann noch sehr beiläufig vom Tod Eleftherias: Auch diese Entscheidung mutet angesichts der Bedeutung, die dieser Figur zuvor beigemessen wurde, rätselhaft an. Diese Sprünge machen es mitunter schwer, dem Geschehen zu folgen. Und so vermute ich, dass man in der Postproduction kurzerhand einige „Bindeglieder“ entfernte, die einen weicheren Übergang zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des Films geschaffen hätten. THE ANGRY HILLS ist daher nicht ganz einfach – und schon gar nicht fair – zu bewerten. Was man sieht, zeugt von der Meisterschaft und dem Humanismus Aldrichs. Das große erzählerische Talent, das etwa aus VERA CRUZ einen so meisterhaft strukturierten und konstruierten Western machte, scheint hier jedoch zumindest streckenweise ausgehebelt.