Mit ‘Stanley Kramer’ getaggte Beiträge

Schon komisch: Stanley Kramers Film aus dem Jahr 1959 dürfte wohl noch bis in die Achtzigerjahre hinein als „aktuell“ gegolten haben. Der kalte Krieg befand sich damals noch einmal auf einem späten Höhepunkt, der Begriff „Wettrüsten“ gehörte zum alltäglichen Sprachgebrauch, Reagan dachte über das Star-Wars-Programm S.D.I. nach, Sting sang flehend „I hope the russians love their children, too“ und im Fernsehen zeigte THE DAY AFTER, wie es uns nach einer wahrscheinlich drohenden Atombombenexplosion mit uns zu Ende gehen würde. Wer die Achtzigerjahre aktiv miterlebt hat (ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern), der weiß, dass die Angst vor dem Dritten Weltkrieg vielleicht nicht unbedingt den Alltag bestimmte, aber dennoch stets präsent war. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum Ende des Jahrzehnts fand diese Zeit latenter Angst ein unerwartetes Ende. Und Stanley Kramers ON THE BEACH, der fast 30 Jahre lang nicht von der Zeit überholt worden war, war plötzlich eine naiv anmutende Geschichtsstunde.

Nach einem verheerenden Weltkrieg steht die Menschheit vor dem Ende. Die nukleare Katastrophe hat die Kontinente entvölkert und unbewohnbar gemacht. In Australien versammeln sich die letzten Überlebenden: die Australier, die das Glück hatten, am richtigen Ort zu leben, sowie einige Marinesoldaten, die sich dorthin fliehen konnten. Doch dort bereitet man sich nicht etwa auf einen Neuanfang, sondern ebenfalls auf das Ende vor: Jeden Tag erwartet man die Wolke, die den tödlichen radioaktiven Niederschlag bringen wird. Es ist ein Sterben auf Zeit, mit dem sich die Menschen, die noch immer nicht begreifen, was mit ihnen geschehen ist, abfinden müssen. Eine letzte U-Boot-Mission soll noch einmal erkunden, ob es weit im Norden möglicherweise doch bewohnbare Gebiete gibt, und herausfinden, was es mit den rätselhaften Funksignalen aus San Diego auf sich hat. Der U-Boot-Kommandant Dwight Lionel Towers (Gregory Peck), noch einmal frisch verliebt in die alkoholsüchtige Australierin Moira (Ava Gardner), leitet die Expedition, zu seinen Männern gehören der junge Vater Peter Holmes (Anthony Perkins), der sich mit der unbeantwortbaren Frage herumschlägt, wie man seiner Frau ein paar Selbstmordpillen für sich und das Baby überreicht, sowie der Wissenschaftler Julian Osborne (Fred Astaire), der die schreckliche Konsequenz seiner Arbeit am eigenen Leib erfahren muss.

Stanley Kramer gilt als einer der großen Liberalen und Aufklärer des Hollywood-Kinos. ON THE BEACH ist seine manchmal sehr explizite Warnung vor dem Irrsinn des Wettrüstens und der Atombombe: Seinen Wissenschaftler lässt er einmal eine flammende Ansprache halten, der Film endet schließlich mit dem Blick auf menschenleere, ausgestorbene Straßenzüge und einem prophetisch die Worte „There is still time“ verkündenden Banner. Die darin zum Ausdruck kommende Dringlichkeit ist aus der Zeit heraus zu verstehen, aber auch das Manko eines Films, der immer dann am stärksten ist, wenn er seine Protagonisten angesichts des Unbegreiflichen um Worte ringen lässt, anstatt ihnen mit wohlfeilen Botschaften gefüllte Sprechblasen in den Mud zu legen. Momente wie jener, in dem Holmes seiner jungen Frau zu erklären versucht, was es mit den Tabletten auf sich hat, die er ihr vor seiner Expedition überreichen möchte, bündeln das ganze Grauen eines schrecklichen, gewissen und unaufhaltsamen Todes. Der Dialog zweier alter Herren, die darüber trauern, dass die verbleibende Lebenszeit zu kurz ist, um die 400 Flaschen Portwein, die im Offiziersheim gelagert sind, auszutrinken (und die Gedankenlosigkeit der Organisation kritisieren, die diese Verschwendung erst zuließ), fasst die ganze Absurdität zusammen, die der Selbstmord einer so weit zivilisierten, sich selbst als „überlegen“ bezeichnenden Rasse wie der Menschheit bedeutet. Dem können die tränenreichen Abschiedsszenen, die ON THE BEACH auf 130 überlange Minuten bringen, nachdem mehrere gute Schluss-Gelegenheiten verpasst wurden, nichts hinzufügen. Gregory Peck und Ava Gardner zeigen beide mitreißende Darbietungen mit herausragenden Szenen, aber sie können nicht verhindern, dass man in ihrer Leinwandbeziehung vor allem ein Zugeständnis an die damaligen Sehgewohnheiten bzw. die Hollywood-Konvention sieht.

Auf einer kalifornischen Bergstraße kommt ein Wagen von der Fahrbahn ab und stürzt in den Abgrund. Ein paar Zeugen eilen dem Fahrer zuhilfe, können jedoch nur noch dessen letzte Worte erhaschen. Und die haben es in sich: In einem Park in Pomona sollen unter einem „riesigen W“ 350.000 Dollar vergraben sein. Die Jagd nach dem Geld beginnt, doch auch die Polizei unter der Führung des findigen Captain Culpeper (Spencer Tracy) hat schon Lunte gerochen, stammt das Geld doch aus einem 15 Jahre alten Überfall …

Es gibt wahrscheinlich nur wenige amerikanische Filme, die sich so gut dazu eignen, anlässlich des Besuchs in den nicht mehr ganz so neuen Bundesländern begutachtet zu werden. Tatsächlich rutschte IT’S A MAD, MAD, MAD, MAD WORLD nicht nur unbeanstandet durch die DDR-Zensur, er dürfte den strengen Zensoren auch noch ausgezeichnet gefallen haben. Kramer enttarnt in seiner Slapstick-Parade auf zwar schonende, aber deshalb nicht minder deutliche Art und Weise die bodenlose Geldgier der Menschen im Kapitalismus und spielt der sozialistischen Propaganda schön in die Karten. Kramers Protagonisten riskieren für das große Geld nicht nur ihr Leben, sie legen infolgedessen auch allerhand unangenehme Charaktereigenschaften an den Tag, treten sowohl die eigene als auch die Würde ihrer Mitmenschen bereitwillig mit Füßen und geben sich vollkommen der Lächerlichkeit preis. Dass Kramers Film dabei nicht zu einer unagenehm ätzenden Veranstaltung wird, liegt zum einen daran, dass er seine Geschichte als gewaltige Slapstick-Orgie im Scope-Format inszeniert, in der sich allerhand Comedygrößen in Haupt- und Minirollen die Klinke in die Hand geben, zum anderen daran, dass der Traum vom großen Geld natürlich auch für den Zuschauer nur allzu nachvollziehbar ist. Alle Figuren wollen den Zwängen des Alltags entfliehen: Sie haben das Camus’sche Absurde in der Welt erkannt und das Geld scheint ihnen das rechte Mittel, diesem zu entkommen. Doch gerade das ist ihr Fehler: Das Absurde ist, einmal erkannt, nicht mehr revidierbar und somit werden die Geldjäger umso heftiger darauf zurückgeworfen, wie sie sich ihm zu entziehen suchen. All ihre Mühe ist schon von Beginn an umsonst, weil die Polizei doch nur darauf wartet, zuzuschlagen, sobald die Schatzsuche vorbei ist. So stehen alle am Ende mit leeren Händen da; auch Polizist Culpeper. So viel Ernüchterung war wahrscheinlich zu viel für Kramer weshalb er am Ende alle herzhaft über ihr Schicksal lachen lässt. Nicht erst hier macht sich IT’S A MAD, MAD, MAD, MAD WORLD angreifbar, scheint dieses Lachen doch genau jenes zu sein, gegen das Adorno einst so vehement wetterte: Es ist das Lachen, mit dem man sein Leid leugnet und sich bereitwillig in die Welt fügt. Die Parallele zu Adorno wird umso evidenter, wenn man den Anlass des großen Schlusslachers betrachtet: Die biestige Schwiegermutter rutscht auf einer Bananenschale aus. Gibt es einen Gag, der den Begriff „Kulturindustrie“ stärker verbildlicht? IT’S A MAD, MAD, MAD, MAD WORLD ist ein auf positive Art und Weise streitbarer Film, weil in ihm alle Widersprüchlichkeiten und Paradoxien des kapitalistischen Systems und dessen Kulturbetriebs oszillieren und den Zuschauer zu blenden versuchen. Aber das macht ihn auch zu einem wunderbaren Erlebnis, einem perfekten Beispiel für das, was sich hinter dem Begriff der „Traumfabrik“ eigentlich verbirgt. Man sollte nur wissen, worüber man lacht …