Mit ‘Stefania Sandrelli’ getaggte Beiträge

Das Bedürfnis heutiger Filmproduzenten, dem Publikum möglichst ein Rundum-Sorglos-Entertainment-Paket zu schnüren, ihm Filme zu liefern, die gleichzeitig komisch, romantisch und spannend sind, also die unterschiedlichsten Bedürfnisse befriedigen, zeitigt meist kreative Totgeburten: Filme, die allen gefallen wollen, gefallen meist niemandem so richtig. Umso erstaunlicher ist Comencinis DELITTO D’AMORE, dem das Kunststück gelingt, in jeder Sekunde ein ganzes Spektrum emotionaler Regungen hervorzurufen – und dabei dennoch nie zerfahren oder unentschlossen zu wirken, sondern einfach nur … lebendig und wahr.

DELITTO D’AMORE spielt in einer norditalienischen Stadt. An seinem Fabrikarbeitsplatz lernt der Norditaliener Nullo Bronzi (Giuliano Gemma) die schöne Sizilianerin Carmela Santoro (Stefania Sandrelli) kennen. Nachdem sie ihm zunächst – ganz tiefreligiöse Süditalienerin – die kalte Schulter zeigt, überrascht sie ihn wenig später mit einem eindeutigen Liebesgeständnis. Doch Nullos anschließende Bemühungen, eine feste Beziehung mit der wankelmütigen Carmela zu etablieren, werden gleichermaßen durch kulturelle Differenzen wie durch die Vorurteile ihrer beider Familien erschwert. Für die Italiener aus dem Norden sind die Süditaliener unkultiviert, faul und rückständig, und die Süditaliener wiederum halten ihre Landsleute aus dem Norden für verwöhnt, arrogant und unmoralisch. Beide Seiten übersehen in ihrer Feindschaft jedoch, dass sie einen gemeinsamen Gegner haben, dem ihre Zwietracht sehr in die Karten spielt: die herrschende Klasse, die sie in menschenunwürdigen Jobs ausbeutet und sie in kläglichen Umständen kaserniert. Die Liebe zwischen Carmela und Nullo wird am Ende nicht durch ihre kulturellen Differenzen, sondern durch einen grausamen Schicksalsschlag zerstört, hinter dem die kapitalistische Gier steht …

DELITTO D’AMORE bringt zwei auf den ersten Blick unvereinbar scheinende Genres zusammen: die Romantic Comedy auf der einen und das politisch motivierte Drama auf der anderen Seite. Comencinis Film lässt sich duchaus als geschickte Verbindung des US-Tearjerkers LOVE STORY und Elio Petris Arbeiterdrama LA CLASSE OPERAIA VA IN PARADISO beschreiben: Ersterem entlehnt er die Liebesgeschichte zweier gegensätzlicher Charaktere und den tragischen Schicksalsschlag, letzterem den klassenkämpferischen Impetus und das Milieu. Doch sowohl die tränendrüsendrückenden Elemente von Hillers Schmachtfetzen wie die niederschmetternd-pessimistische Weltsicht von Petris Film werden durch einen feinen Humor abgemildet. Wie man das aus dem im Folgejahrzehnt blühenden Buddy Movie und eben US-RomComs kennt, ist die kulturelle Differenz zwischen der komplexbeladenen Carmela und dem verzweifelt werbenden Nullo Ursprung einer zwar nicht schnenkelklopfenden, aber doch kaum leugbaren Komik. Doch bevor der Film zur Farce verkommt, wird die Leichtfüßigkeit der Geschichte immer wieder durch harsche Zwischentöne ausgehebelt. Als Carmela Nullo einmal bittet, ihn aus der norditalienischen Industrietristesse an einen Ort zu bringen, an dem die Sonner scheint, verschlägt es die beiden an einen vor Verschmutzung schäumenden Fluss, dessen Ufer von Müllbergen und Tierkadavern gesäumt sind. Die Fotografie von Luigi Kuveiller und das Produktionsdesign des späteren Scorsese-Kollaborateurs Dante Ferretti trägt erheblich zur tiefen Traurigkeit des Filmes bei: Es wird nie richtig hell, alles liegt unter einer undurchdringlichen herbstlichen Dunstglocke, die Häuser sind etwa verfallen und dreckig oder scheußliche Betonklötze, die draußen vor der Stadt aus dem Boden gestampft wurden (die Wohnung der Bronzis in einem dieser Hochhäuser ist von oben bis unten gekachelt). Boten des Todes durchziehen DELITTO D’AMORE: Der Hausmeister der Fabrik bemüht sich vergebens, ein kleines Blumenbeet zu pflegen, kann angesichts der Rauchbelastung jedoch immer nur tote Pflanzen wegräumen, und Nullos und Carmelas erwähnter Ausflug endet damit, dass beide eine handvoll Singvögel beerdigen. Einer Kirche, in die sich die beiden Liebenden vor einem Wolkenbruch flüchten, sieht, ganz aus hässlichem Sichtbeton gebaut, selbst aus wie eine Fabrik oder ein Krematorium. (Es ist wirklich ein erschütterndes Bild, das der Film von den Siebzigerjahren zeichnet.) Und dann ist da dieses herzzerreißende Ende: Auch wenn man Comencini vorwerfen mag, den Bogen zugunsten seiner Botschaft hier etwas zu überspannen, verfehlt es seine Wirkung doch nicht und ist angemessen bizarr.

DELITTO D’AMORE ist trotz seiner unverkennbaren, bekannten Einflüsse ein absolut eigenständiger Film, gleichermaßen beseelt von der Einsicht in die Absurdität des menschlichen Daseins wie vom Wissen über das Wesen des Kapitalismus. Camus und Marx vereint in einem Film, dessen größte Errungenschaft jedoch nicht Zynismus, sondern Liebe ist. Das transzendentale Glück mag in dieser Welt für Nullo und Carmela unerreichbar sein, aber in ihrer Liebe wäre es ihnen dennoch möglich, ihr Leid zu überwinden. Sie ist ja alles, was sie haben …