Mit ‘Stefano Sollima’ getaggte Beiträge

Ich habe nur noch sehr vage Erinnerungen an SICARIO, deswegen kann und werde ich hier auf die inhaltliche Verbindung zum Vorgänger nicht eingehen und auch nicht die Frage beantworten, ob das Sequel eigentlich ein Prequel ist (wie es wohl mal geplant war) oder doch eine „echte“ Fortsetzung. Bei der Betrachtung spielte meine Gedächtnislücke aber kaum eine Rolle. SICARIO: DAY OF THE SOLDADO funktioniert auch als alleinstehender Film, der mit Villeneuves erstem Teil vor allem die nüchterne Sicht auf die Dinge und eine trockene Darstellung derselben teilt – und sogar noch einen draufsetzt: Während Emily Blunts Protagonistin zuvor noch als moralische Instanz fungierte, an der man sich orientieren und festhalten konnte, hat man es jetzt fast nur noch mit Verbrechern oder politischen Hardlinern zu tun, für die der Zweck jedes Mittel rechtfertigt. Wie Villeneuve nimmt auch Sollima eine Position zu den Figuren und Geschehnissen ein, aber ich vermute trotzdem, dass knallharten Trump-Verfechtern hier ziemlich einer abgeht – was auch so ein bisschen der Haken an SICARIO: DAY OF THE SOLDADO ist.

Der Film beginnt mit ISIS-Terroristen, die über die mexikanische Grenze in die USA kommen und dort dann ein Selbstmordattentat begehen – zumindest glaubt CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) an diese Verbindung. Sein Plan: Isabel (Isabela Moner) entführen, die Tochter des Kartellbosses Reyes, der unter anderem mit der Schlepperei sein blutiges Geld verdient, den Verdacht auf ein anderes Kartell lenken und so einen Krieg anzetteln, an dessen Ende beide zerschlagen sind und der illegalen Emigration ein Ende gesetzt ist. Graver schaltet Alejandro (Benicio del Toro) ein, einen Anwalt-turned-Profikiller, dessen Familie einst von Reyes umgebracht wurde und der nun für die Amerikaner die Drecksarbeit macht. Die Entführung gelingt, doch der Plan der Amerikaner fliegt auf und es kommt zu einem offenen Schusswechsel auf mexikanischem Boden, bei dem Gravers Männer mehrere mexikanische Polizisten erschießen. Isabel entkommt und Alejandro stellt ihr nach, derweil Gravers Auftraggeber den Stecker ziehen. Das Todesurteil für Alejandro und Isabel – und Graver soll es vollstrecken.

Denkenden Menschen sollte klar sein, dass Graver kein Held ist, die politisch-militärischen Winkelzüge der Amerikaner kaum besser als das, was die Kartelle da treiben. Die Autonomie des Nachbarstaates wird von den Amerikanern einfach ignoriert, voller Absicht und Berechnung in das Leben von Menschen eingegriffen, weil es die eigene Agenda stützt. Graver und seine Leute heizen bis an die Zähne bewaffnet in ihren gepanzerten Humvees herum, intrigieren und töten – wer nicht mitspielt, wird gefoltert oder muss ansehen, wie seine Familie per Knopfdruck ausgelöscht wird. All das geschieht ohne jedes Mitleid, sondern stets im Glauben, der „guten Sache“ zu dienen. So stellt sich dann auch die ursprüngliche Annahme, islamische Terroristen seien von Mexiko in die USA eingedrungen, als Trugschluss heraus – ändern tut das aber nichts: Man stellt zähneknirschend den Irrtum fest, pfeift die Hunde zurück und betreibt Schadensbegrenzung, indem man die Spuren verwischt. Beim nächsten Mal wird alles ganz genau wieder so laufen.

Die Haltung, die sowohl Villeneuve als auch Sollima an den Tag legen, ist natürlich die reifere: kein Predigen mit erhobenem Zeigefinger, sondern eine vergleichsweise nüchterne Darstellung, aufgrund derer man seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Für mich ist es ganz klar, auf welcher Seite die Filmemacher stehen. Aber dann stellt sich eben auch wieder die Frage, ob es in diesen Zeiten wirklich so clever ist, die Protagonisten eines amerikanischen Actionfilms gegen illegale mexikanische Einwanderer und islamische Terroristen, die sich unter diese mischen, zu richten? Ob ein Film wie SICARIO: DAY OF THE SOLDADO angesichts der Tatsache, dass Latinos im Hollywood-Kino fast ausschließlich auf die Rolle der Drogengangster, Waffenhändler oder Gangmitglieder reduziert werden, nicht ein falsches Signal ist? Ob es wirklich nötig ist, zu zeigen, wie eine Frau und ein Kind von der Explosion eines Selbstmordattentäters ausgelöscht werden? Ob all die Reaktionären, die Trump ihre Stimme gegeben haben und ihn auch nach drei Jahren Präsidentschaft immer noch als messianischen Heilsbringer verehren, in Brolins Graver wirklich einen Schurken sehen oder nicht doch den braven Diener seines Vaterlandes, der tut, was er tun muss, um die Freiheit zu erhalten? Ob Militärfetischisten angesichts des Arsenals, das hier aufgefahren wird, nicht feucht im Schritt werden? Ob die Schlusspointe der Ausrichtung des Films nicht einen Bärendienst erweist? Aber dann muss man auch darüber diskutieren, ob Filmemacher wirklich diese Verantwortung tragen: Müssen sie sich wirklich davor absichern, dass Idioten ihr Werk in ihrem Sinne falsch auslegen könnten? Ich weiß es nicht genau. Mir hat SICARIO: DAY OF THE SOLDADO gut gefallen, wahrscheinlich sogar besser als der Vorgänger (das müsste ich noch einmal verifizieren), aber er löst eben auch ein ungutes Gefühl bei mir aus, wenn ich daran denke, wer diesen Film eben auch sieht und sich von ihm bestätigt fühlt. Wir leben in einer heiklen Zeit, in der Angst eine wesentliche Motivation ist: Angst vor den „Fremden“, die uns etwas wegnehmen können, auf der einen Seite, Angst davor, dass wir die Freiheit, die wir erworben haben, vor lauter Blindheit und Hass aufs Spiel setzen und geradewegs in eine Katastrophe hineinsteuern auf der anderen Seite. SICARIO: DAY OF THE SOLDADO ist ein Kind dieser Zeit, er greift all die Widersprüche und konfligierenden Emotionen und Haltungen auf und setzt auf mündige Zuschauer. Ich weiß aber nicht, ob ich derzeit auf die Urteilsfähigkeit der breiten Masse vertrauen möchte.