Mit ‘Stelvio Massi’ getaggte Beiträge

Der Kommissar aus Eisen heißt eigentlich Mauro Mariani und wird natürlich weniger gespielt als verkörpert von Maurizio Merli. 1978 war der italienische Poliziottesco ja eigentlich schon fast am Ende, aber Merli hatte noch längst nicht fertig. In Stelvio Massis spätem Film kommt er ein bisschen müder, ausgelaugter und resignierter daher, er scheint bereit, die ganze Scheiße hinter sich zu lassen, aber es gibt halt doch noch ein bisschen was zu tun – und dann holt ihn auch noch die Vergangenheit ein. Als nämlich der Sohn eines von ihm Verhafteten wiederum seinen Sohn als Geisel nimmt, aus Rache für den Suizid des Vaters, der dem Knast nicht gewachsen war.

Massis Film ist viel ordentlicher strukturiert als die Poliziotteschi der Hochzeit: Damals ging es ja auch immer darum, ein möglichst apokalyptisches Bild des italienischen Alltags zu zeichnen, also schossen die Subplots und Episoden genauso ins Kraut wie das Gesindel auf seinen Mopeds um die Straßenecken. Angepisste, unter Hochspannung stehende Cops wie eben jene, die Merli zu verkörpern pflegte, konnten sich kaum einmal umdrehen, ohne des nächsten Verbrechens ansichtig zu werden. Kaum war der eine Strauchdieb eingebuchtet, wartete schon der nächste Taugenichts darauf, mit einer ordentlichen Maulschelle auf den Pfad der Tugend zurückgeführt zu werden. Man kam als Zuschauer fast mit den Protagonisten aus der Puste angesichts dieser Raserei von einem Tatort zum anderen. Und die Filmemacher, die diese Geschichten auf die Leinwand brachten, versuchten gar nicht erst, Ordnung ins Chaos zu bringen. Sie reihten schön eine Ballerei an die nächste, unterbrachen das höchstens für eine scheppernde Verfolgungsjagd oder eine zünftige Keilerei.

IL COMMISSARIO DI FERRO ist da anders, ich bin fast versucht ihn als amerikanisch zu bezeichnen: Diese Parallelführung zweier Handlungsstränge – Mariani ist auf der Suche nach einem flüchtigen Schwerverbrecher und bekommt deshalb zu spät mit, dass sich in seinem Büro ein Geiseldrama vollzieht – ist schulbuchmäßig, wenn man mal davon absieht, dass Plot A mit Plot B rein gar nichts zu tun hat: Das hätte man schon noch eleganter lösen können. Der Spannungsaufbau gelingt aber dennoch und die persönliche Involvierung Merlis ist hier viel direkter als in seinen anderen Filmen: In denen verfolgte er zwar auch jeden Taschendieb so, als habe der seiner eigenen Oma das Ersparte geklaut, aber letztlich war er doch immer einer nur abstrakten Idee verpflichtet. Hier nun geht es wirklich seinem eigen Fleisch und Blut an den Kragen. Der Witz des Films – der Geiselnehmer weigert sich, den Treffpunkt und die Zeit zu nennen, weil Mariani diesen bereits kenne, doch der kann sich nicht vorstellen, was gemeint ist – verpufft ein wenig, weil man als Zuschauer lange vor Mariani ahnt, worauf der Schurke hinaus will, aber die Idee ist trotzdem gut: All diese Bankräuber, Gewalttäter, Diebe, Einbrecher, Mörder, die Mariani/Merli in ihrer Karriere eingebuchtet haben, sind für sie nichts weiter als Nummern, aber natürlich verbirgt sich hinter jeder einzelnen dieser Nummern ein Individuum, eine Geschichte des Scheiterns, ein Schicksal, ein komplexer Charakter.

IL COMMISSARIO DEL FERRO wirkt ein bisschen wie das ernüchterte Resümee unter einem Jahrzehnt der heißgelaufenen Bullen, die am Rand der Legalität kämpfen und die Regeln für ihre Zwecke beugen: die Idee, dem Verbrechen mit immer mehr Härte und Unnachgiebigkeit entgegenzutreten, hat außer Kriegsversehrten auf beiden Seiten nicht viel gebracht. Für Mariani/Merli wurde es langsam Zeit das Schießeisen an den Nagel zu hängen und irgendwo neu anzufangen. Natürlich nicht, bevor er dem Entführer seines Sohnes in diesem Film auch noch eine Kugel vor den Latz knallt. Er kann halt nicht raus aus seiner Haut.

Der Süditaliener Marco Russo (Carlos Monzón) kommt in den Norden und legt sich dort gleich als erstes mit den Schlägern des Gangsterbosses Manzetti (Luc Merenda) an. Der ist von den Fähigkeiten des Fremden so beeindruckt, dass er ihn vom Fleck weg einstellt. Doch Marco hat einen Plan: Seine Position nutzt er aus, um Manzettis ärgsten Konkurrenten, den bärbeißigen Belmondo (Mario Brega), mit Insiderinformationen gegen Manzetti aufzuhetzen. Im folgenden Kampf dezimieren sich die Ganoven gegenseitig, sodass Marco am Ende nur noch die Scherben aufkehren muss …

Für dieses Werk hatte sich Stelvio Massi etwas ganz Besonderes ausgedacht: Er übertrug die Handlung von Sergio Leones PER UN PUGNO DI DOLLARI auf den Gangsterfilm! Wahnsinn! Darauf muss man erst einmal kommen! Spaß beiseite: Ich weiß nicht, wie viele Filme ich in den vergangenen Wochen und Monaten gesehen habe, die sich des Italowestern-Klassikers in dieser Form angenommen haben, aber es sind einige gewesen und so langsam machen sich bei mir dann doch Ermüdungserscheinungen breit. Zumal auch IL CONTO È CHIUSO der Vorlage nicht nur nichts hinzuzufügen hat, sondern sich auch sichtlich schwer damit tut, ihr auch nur annähernd das Wasser zu reichen: Stelvio Massis Protagonist lässt die teuflische Gerissenheit von Eastwoods Namenlosem genauso vermissen wie seine Kontrahenten die lange schwelende Rivalität. Ihr Kleinkrieg spielt sich auch nicht wie in Leones Film in einem so klar abgezirkelten Terrain ab,  in dem sich der Druck irgendwann durch eine Explosion entladen muss, sondern in einer namenlosen Stadt, deren Dimensionen unklar bleiben.

Es gibt keine richtige Spannungsdramaturgie in Massis Film, es steht nichts auf dem Spiel, für niemanden. Natürlich geht es um Leben und Tod und die Vorherrschaft über die Unterwelt, aber das bleibt alles sehr abstrakt, weil sich Massi gar keine Zeit nimmt den Protagonisten, die Schurken, ihre Rivalität oder auch nur den Handlungsort genauer zu konturieren. Und Massi hat auch nicht die Geduld, den Konflikt langsam und allmählich seiner Eskalation entgegenzuführen. Bei ihm bedarf es nur zweier kurzer Aktionen Marcos, um den großen Knall heraufzubeschwören. Die heimliche Freude an der geschickt eingefädelten Intrige, der Leones Namenlosen auszeichnet, geht ihm genauso ab wie der Sinn für Ästhetik, der sich im minutiösen Aufbau seiner Kettenreaktionen zeigt, und der mehr als nur latente Sadismus, mit dem er den Schurken dabei zusieht, wie sie in die von ihm bereitgestellten Fallen tappen. In IL CONTO È CHIUSO fallen die Bösewichter nur zu bereitwillig auf Marcos wenig kreative Lügen herein, er muss gar nicht viel riskieren. Dieser ganze tollkühne, lebensmüde Zug, den Eastwoods Charakter zeigt, wenn er wie auf dem Servierteller zwischen den Banden seine Intrigen spinnt, fehlt hier. Wenn er irgendwann erwischt und bestraft wird, liegt das nicht daran, dass er den Bogen überspannt hat, sondern daran, dass dieser Aspekt des Vorbilds auch noch adaptiert werden muss. Andererseits hätte man dem eher hemdsärmeligen Monzón allzu große Raffinesse eh nicht abgenommen: Er ist einer jener Arbeitertypen, die das italienische Genrekino so mag.

Andererseits kann man Massi zugutehalten, dass er die Handlungsschablone eben ausschließlich als solche benutzt: Ihm ging es wohl vor allem darum, einen kurzweiligen Actionfilm zu inszenieren. Und IL CONTO È CHIUSO ist so kurzweilig, wie ein Film, dessen Fortgang man minutiös vorhersagen kann, nur sein kann. Und das liegt eben auch daran, dass Massi alles radikal abkürzt. Am deutlichsten wird das an jenem Ruhepunkt vor dem Finale, wenn Marco wie im Original mit verkrüppelten Händen auf seine Genesung wartet, um die Rache vollziehen zu können. Was Leone als fiebrige Sequenz inszeniert, als Fegefeuer und Passion für den Helden, das wird bei Massi mal eben so in einer Szene abgefrühstückt. An deren Anfang kann Marco sein Messer nur mit größter Mühe gen Ziel schleudern, am Ende fliegt es aber schon wieder mit dem alten Schwung ins Schwarze. Das nennt man wohl Blitzheilung. IL CONTO È CHIUSO ist kein Meisterwerk, aber trotzdem einer von Massis besten Filmen. Schwungvolles Entertainment ohne große Ambitionen, aber handwerklich durchweg ordentlich gemacht, mit ein paar hübsch blutigen Einschüssen und einem wahrlich hassenswerten Luc Merenda. Passt.

Vor 5 Jahren wurde die Frau des Interpol-Polizisten Tommaso Ravelli (Tomas Milian) von Bankräubern erschossen. Seitdem verrichtet der Bulle seine Arbeit mit konzentriertem Stoizismus, wissend, dass ihm die Killer irgendwann über den Weg laufen werden. Eines Tages ist es soweit: Bei einem Raubüberfall wird eine Kugel aus derselben Waffe abgefeuert, aus der auch die tödliche Kugel für seine Frau stammte. Sie gehört einem Schwerverbrecher, der nur „der Marseiller“ genannt wird. Ravelli heftet sich ihm an die Fersen …

Tomas Milian ist – wie in fast allen seinen Filmen – das optische Zentrum des Geschehens. Endlos cool, mit halblangen Haaren, Schiebermütze, Schnurrbart, Schlaghose und einem kegelförmigen Zigarrillo, auf dem er unablässig herumkaut – zu brennen scheint das Ding, das tief in seinem Mundwinkel steckt, so gut wie nie –, läuft er mit Stahl im Blick, aber durchaus verwundbar durch Massis Film. Da fällt es überaus deutlich auf, dass er eigentlich kaum etwas zu tun hat. Im letzten Drittel verschwindet er fast völlig, wird dann vom Drehbuch immer wieder zur richtigen Zeit an den richtigen Ort versetzt. Kriminalistische Arbeit besteht hier nicht aus einem akribischen Suchen nach der Nadel im Heuhaufen, sondern in einem unbegründeten Wissen, untrüglichem Instinkt und dem Talent, einfach die richtigen Kontaktmänner zu kennen. So ist er immer zur Stelle, wenn es etwas zu tun gibt, und sein Profitum schlägt sich darin nieder, dass man als Zuschauer keine Antwort auf die Frage erhält, wie er nun dahin kommen konnte. Ravelli, im deutschen Verleihtitel zwar hübsch reißerisch, aber nur bedingt korrekt als DER EINZELKÄMPFER ausgewiesen, ist eher ein Geist, dessen Vertrauen in die ausgleichende Gerechtigkeit des Schicksals und seine unerschütterliche Geduld ihn ans Ziel bringen. Am Ende bekommt er seine Rache, die sich der Geliebten des Schurken ähnlich unauslöschlich ins Gedächtnis brennen wird, wie die Ermordung von Ravellis Frau ebendiesem.

Stelvio Massi, hauptberuflicher Kameramann, hat selten richtig Großes geleistet, sondern meist solides Spannungshandwerk. SQUADRA VOLANTE würde ich mal spontan – ohne alles von ihm zu kennen – zu seinen besseren Filmen zählen. Er wartet mit einigen schönen Einfällen vor allem im Schnitt auf, punktet mit der hübschen Idee, einen Überfall durch die Anwesenheit eines Kamerawagens als Inszenierung auszugeben, und natürlich mit der Besetzung: Mit Milian und Moschin kann man nicht viel falsch machen, auch wenn beide erst am Schluss zusammentreffen. Anderenfalls wäre wahrscheinlich die Kamera explodiert. Schöner Film, nicht mehr nicht weniger.

cobra nero (stelvio massi, italien/usa 1987)

Veröffentlicht: August 6, 2009 in Film
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Eine Bande gemeingefährlicher Motorradrocker macht New York unsicher. Der auf sie angesetzte Cop Detective Rober Malone (Fred Williamson) ist machtlos. Doch als die Modefotografin Elys Trumbo (Eva Grimaldi) den Anführer der Gang bei einem erneuten Überfall fotografiert und fliehen kann, setzt sie die Bösewichter unter Zugzwang …

BlackCobraTragisch. Und ein weiterer Beitrag für den von mir kürzlich anlässlich meiner Sichtung von Lamberto Bavas DEMONI-Filmen begonnenen Exkurs zum Niedergang des Italokinos in den Achtzigerjahren. Nimmt man COBRA NERO als Maßstab, dann darf man eigentlich nicht mehr von „Niedergang“ sprechen, sondern muss schon weit fortgeschrittene Verwesungszustände konstatieren. Stelvio Massi verdiente sich seine Sporen in den Sechzigerjahren als Kameraassistent unter anderem bei Sergio Leone, stieg schließlich zum Director of Photography auf und prägte so den Look zahlreicher Italowestern entscheidend mit, bevor er ins Regiefach wechselte. Zwar reichte es dort nie für wahre Höchstleistungen, aber doch für recht ansprechende Genrekost, die zudem stets durch ausgefeilte Actionsequenzen veredelt wurde, die über so manches Defizit hinwegtrösteten. Eigentlich genau der richtige Mann also für COBRA NERO, einen italoamerikanischen Polizeiactioner, sollte man meinen. Und richtig: Wenn es mal knallt, dann kommt durchaus Stimmung auf, doch leider entschädigen diese wenigen hellen Momente nicht für das Waten durch den Morast, als der sich die Dialog- und Handlungssequenzen erweisen. COBRA NERO orientiert sich am kurz vorher erschienenen COBRA mit Stallone, ersetzt Stallone durch Williamson (noch die beste Idee des Films),  die „New World Order“ des Vorbilds durch eine weitaus weniger ambitionierte Motorradbande, Brigitte Nielsen durch die mumpshaft verquollene Eva Grimaldi und Cosmatos‘ auf Geschwindigkeit und Übergriffigkeit setzenden Inszenierungsstil durch … ja was denn eigentlich? COBRA NERO ist, da muss man nicht lang um den heißen Brei herumreden, strunzlangweilig, vollkommen lahm und mitleiderregend billig. Die faszinierende Metropole New York besteht, von ein paar Stadtaufnahmen während der Anfangscredits abgesehen, aus deprimierend eingerichteten und mies augeleuchteten Innenräumen, leergefegten Hinterhöfen und ausgestorbenen Baustellen. Die „Charaktere“ sehen allesamt so aus, als hätten sie schon mehrere Nächte auf der Parkbank verbracht und hören sich auch so an. Die englische Synchro erweckt den Eindruck, als hätte jeder einzelne der Sprecher den Job nur deshalb übernommen, weil er dem Auftraggeber noch einen Gefallen schuldig war: Nuschelnd, leise und ohne jede Betonung werden die schmucklos-dummen Zeilen vom Papier abgelesen. Der endgültige Todesstoß für den Film. Wenn dann endlich mal die Knarren ausgepackt und Schurken blutig ins Jenseits befördert werden, steigt sofort der Puls, doch die Freude weicht bald wieder der Ernüchterung, lässt die quälend ziellosen Szenen zwischen diesen Ausbrüchen nur umso armseliger wirken. Nicht auszudenken, wie COBRA NERO ausgesehen hätte, wäre er fünf bis zehn Jahre früher entstanden. So kann man nur feststellen: Er hatte nie eine Chance …   

PS Erstaunlicherweise kann man das auch anders sehen. Die Drogen hätte ich auch gern gehabt.