Mit ‘Stephane Audran’ getaggte Beiträge

tenlittleindiansAgatha Christies Roman „And then there were none“ von 1939 wurde etliche Male verfilmt: Die früheste Adaption datiert laut Wikipedia auf 1945 und wurde von René Clair inszeniert, selbst mehrere indische und tamilische Produktionen sind bekannt. Peter Collinsons Film von 1974 liegt ganz auf der Linie der im selben Jahr mit Sidney Lumets MURDER ON THE ORIENT EXPRESS gestarteten Poirot-Reihe: Beeindruckende Star-Ensembles wurden für gediegen-altmodische, leicht schwarzhumorige internationale Prestigeproduktionen vor der Kamera versammelt und für die nötigen Schauwerte an exotische Schausplätze verfrachtet. Im vorliegenden Fall sind es Oliver Reed, Richard Attenborough, Herbert Lom, Elke Sommer, Stephane Audran, Adolfo Celi, Gert Fröbe, Charles Aznavour, Maria Rohm und die Stimme von Orson Welles, die um die Gunst des Zuschauers buhlen. Leider bekommen sie vom Drehbuch nicht viel geliefert: Sie sagen brav ihre Dialogzeilen auf, geistern sonst aber ebenso verloren durch die pompöse Kulisse des Shah Abbas Hotels in Isfahan wie ihre Charaktere, die sich einem unbekannten, aus dem Dunkel zuschlagenden Mörder gegenübersehen. Ich meine, den Film als Kind gesehen und sehr beeindruckend gefunden zu haben, heute regierte eher die Langeweile, die nur von der Sympathie für solche in ihren Marketing-Mechanismen krass durchsichtigen und Mitte der Siebziger von der Zeit eigentlich längst überholten Vehikel etwas gemildert wird.

Man sieht das Potenzial an allen Ecken und Enden: Die Fotografie ist fantastisch, ein Italiener hätte mit den zur Verfügung stehenden Mitteln vermutlich einen wunderbar psychedelischen Giallo gezaubert. So saß aber der Brite Collinson auf dem Regiestuhl: TEN LITTLE INDIANS ist weitgehend spaßfrei, knochentrocken und von seiner eigenen Bedeutung als großes Entertainment allzu sehr überzeugt. Die strukturelle Herausforderung, einen Film ohne Mörder zu drehen, bekommen weder er noch das Drehbuch in den Griff, manchmal nimmt der Film geradezu unverzeihliche Abkürzungen: Die „Durchsuchung“ des in den Totalen als monumentaler Komplex erkennbaren Hotels dauert gerade mal fünf Minuten, nach denen die Figuren wahrhaftig der festen Überzeugung sind, jeden Winkel durchkämmt zu haben. Die meiste Zeit gucken sie demnach trüb in die Gegen und überlegen, wer der Bösewicht sein könnte, bevor einer in rätselhafter Geistesabwesenheit die Gruppe verlässt und ebenso offscreen wie  unspektakulär sein Leben aushaucht. Spannung kommt auch nicht auf, als die Verbliebenen beginnen sich gegenseitig zu verdächtigen, wohl auch, weil keiner von ihnen echtes Profil über sein berühmtes Antlitz hinaus entwickeln darf. Erst der Schlussgag sorgt dann für ein wenig Stimmung und jenes wohlige Frösteln, das TEN LITTLE INDIANS eigentlich während seiner kompletten Laufzeit hätte hervorrufen sollen. Kein richtiger Reinfall, aber doch eher ernüchternd.

Der Schönheitschirurg Dr. Flamand (Helmut Berger) versucht verzweifelt, seiner entstellten Schwester Ingrid ein neues Gesicht zu transplantieren: Das Säure-Attentat einer wütenden Ex-Patientin hatte einst sie anstatt ihres Bruders getroffen. Gemeinsam mit seiner Geliebten, der Klinikchefin Nathalie (Brigitte Lahaie), kidnappt er Nacht für Nacht geeignete weibliche „Spender“, die er in seiner Klinik einsperrt und nach der Operation entsorgt. Weil jedoch alle Versuche scheitern, holt Flamand schließlich den ehemaligen KZ-Arzt Moser (Anton Diffring) zur Hilfe. Die Zeit drängt, denn der Vater (Telly Savalas) der jüngst entführten Barbara Hallen (Caroline Munro) hat den Detektiv Sam Morgan (Chris Mitchum) beauftragt, nach seiner Tochter zu suchen … 

Wie in meinem Eintrag zu LES YEUX SANS VISAGE schon angekündigt, verbleibe ich noch etwas länger in Frankreich. LES PREDATEURS DE LA NUIT drängt sich an dieser Stelle nämlich förmlich auf, „zwischengeschoben“ zu werden: nicht nur, weil er eine Art Quasiremake von Franjus Klassiker ist, sondern auch, weil er als spanisch-französische Koproduktion für einen geschmeidigen Transfer zur iberischen Halbinsel sorgt. Und „geschmeidig“ ist auch LES PREDATEURS DE LA NUIT, allerdings auf eine Art und Weise, die andere vielleicht eher als „schmierig“ bezeichnen würden. „Gewidmet dem Mitternachtskino“ besagt eine Texteinblendung während der Anfangscredits und diese Widmung ist kein loses Lippenbekenntnis: Franco vereint für seinen Film viele (ehemalige) Stars des europäischen (und internationalen) Films, geschmacklos-saftige FX und jene zwischen Glamour und Schmodder angesiedelte Form der Jetset-Erotik, die ein Relikt der Achtzigerjahre ist. Das alles wird mit einem für Franco durchaus beachtlichen Budget stilsicher auf die Leinwand gezaubert: Das Ergebnis ist wenn auch kein dem allgemeinen Verständnis nach spannender Film, so doch ein ausgesprochen unterhaltsamer Timewaster. Sleaze mit Erfolgsambitionen, sozusagen.

Entscheidend für diesen Erfolg ist vor allem seine eigenartige Stimmung. Die stellt sich gleich in den ersten Sekunden ein, wenn Flamand in Begleitung von Nathalie und Ingrid über die nächtlichen Prachtboulevards der französischen Hauptstadt chauffiert wird und vom Soundtrack eine an George Michael erinnernde Herzschmerz-Ballade ertönt, deren Titelzeile ich immer als „faceless whores come out at night“ verstanden habe, aber das wird wohl ein Verhörer gewesen sein. Gefühle wie Verlorenheit und Sehnsucht kommen zum Ausdruck, scheinen aber nicht in den Protagonisten beheimatet zu sein, die ganz unreflektiert ihrem Tag- und Nachtwerk nachgehen. Die Ausflüge ins Pariser Nachtleben setzen sich im weiteren Verlauf des Films fort und verleihen ihm etwas gleichermaßen Traumwandlerisches wie Getriebenes. Die Suche nach dem perfekten Gesicht für Ingrid scheint kaum mehr als eine Ersatzhandlung: Es ist die Jagd selbst, die Flamand und Nathalie motiviert, viel mehr als der letztliche Erfolg. Das spiegelt sich dann auch in den deftigen Splatterszenen: Auch wenn ehemalige KZ-Ärzte an gefangenen Frauen herumfuhrwerken, Gesichtshäute blutig abgenommen und malträtierte Köpfe mit der Kettensäge abgetrennt werden, so wahrt Franco doch stets die Contenance. Seine Geschmacklosigkeiten springen den Zuschauer weniger an, als dass sie die Nebelwand zwischen Film und Betrachter verstärken, Distanz zu den Charakteren schaffen, die im wahrsten Sinne des Wortes verloren sind. In dieser Hinsicht ist Francos Film sehr typisch für die Achtzigerjahre: Hinter der Fassade aus Schönheit, Reichtum und Bildung tun sich seelische Abgründe auf und das bizarre Happy End suggeriert eine Welt, in der Gerechtigkeit längst nur noch eine verblassende Erinnerung ist.

Die unheimlichsten Momente des Films sind dann auch die leiseren, jene, in denen das Unsagbare kurz an die Oberfläche tritt: das Gespräch mit Dr. Orloff (Howard Vernon), der seine in vierzig Jahren kaum gealterte Gattin (Lina Romay) als „sein Meisterwerk“ bezeichnet, die Nervosität Mosers – Anton Diffring, die deutsche Antwort auf Peter Cushing, beweist, dass er für die Darstellung von Nazis und KZ-Ärzten geboren wurde -, bevor er endlich wieder seiner so lange vermissten Tätigkeit nachgehen darf. Schließlich als Höhepunkt der Moment, in dem die erste Operation missglückt, er das Reißen der kostbaren Gesichtshaut mit einem „Scheiße, Scheiße!“-Ausruf quittiert, als habe er Rotwein auf eine teure Sitzgarnitur geschüttet. Hier offenbart sich ein verstörendes Potenzial, das nur ganz kurz zwischen den Bildern bestrumpfter Schönheiten, softerotischen Tingeltangels (der Film bleibt nicht nur für Franco-Verhältnisse überaus zahm) oder comichafter Splatter-Garstigkeiten durchblitzt und gerade deshalb umso nachhaltiger wirkt. Am Schluss bleibt kaum mehr als ein Schatten: Hat man das eben wirklich gesehen? LES PREDATEURS DE LA NUIT ist ein später Höhepunkt des Franco’schen Schaffens und ein Film, den man als Freund des Achtzigerjahre-Kinos durchaus mal einer Neu- oder auch Erstbetrachtung unterziehen sollte.

Nächste Station: Spanien.

Französisch-Westafrika im Jahre 1938: Lucien Cordier (Philippe Noiret) ist der Polizist des kleinen Örtchens Bourkassa, aber keine Respektsperson. Seine Frau Huguette (Stéphane Audran), die Bordellbesitzerin, betrügt ihn offen mit Nono (Eddy Mitchell), zwei Zuhälter, von denen Lucien Schmiergeld-zahlungen empfängt, nutzen diese Begegnungen, um ihn auf offener Straße zu demütigen, und seiner Arbeit nachzugehen, Menschen zu verhaften und tatsächlich einmal für „Ordnung“ zu sorgen, ist ihm viel zu lästig: Er faulenzt sich durch seinen Job, immer unter dem Vorsatz, nirgends anzuecken, bis ihm sein Vorgesetzter die Idee einpflanzt, es seinen Peinigern heimzuzahlen. Cordier ermordet die beiden Zuhälter kaltblütig und entdeckt, einmal auf den Geschmack gekommen, eine ganz neue Seite an sich  …

Betrand Tavernier adaptierte gemeinsam mit Jean Aurenche den US-amerikanischen Pulproman „Pop. 1780“ von Jim Thompson und verlegte dessen Geschichte aus den USA von 1910 in eine französische Kolonie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und liefert einen bissigen Kommentar zu Kolonialismus und Rassismus, aber auch zu menschlicher Niedertracht ganz allgemein. Sein Held, vordergründig ein trauriger Clown, mit dem man Mitleid empfindet, entpuppt sich mit laufender Spielzeit immer mehr als gewissenloser Opportunist ohne jegliche Prinzipien. Er ist der klassische Mitläufer, der die großen Ideen, philosophischen und weltanschaulichen Thesen anderen überlässt, diese dafür aber ganz wörtlich nimmt und so jede Verantwortung von sich weisen kann. Kurz bevor er einen armen Schwarzen erschießt, als würde er ein benutztes Taschentuch wegwerfen, erklärt er diesem die Welt: „Wer ist Schlimmer? Der Blinde, der aus dem Fenster pinkelt, oder der Witzbold, der ihm gesagt hat, es sei ein Urinal?“ Cordier ist der Blinde in diesem Bild und so fühlt er sich bei jedem seiner skrupellosen Morde immer auf der sicheren Seite. Er hat die Regeln schließlich nicht gemacht. Aber er hält sich an jede von ihnen.

Was an Taverniers Film beeindruckt, das ist die völlige Abwesenheit einer  bevormundenden Stellungnahme oder auch nur einer klaren Perspektive. So wie es die Steadicam unmöglich macht, Position zum Geschehen zu beziehen, COUP DE TORCHON zwischen beschwingter Komödie, düsterem Drama und brutalem Crimefilm schwankt, wird man auch als Zuschauer einer emotionalen Wechseldusche unterzogen, bei der man nie genau weiß, was man von den Charakteren und ihren Handlungen halten soll. Nun ist es fast schon ein Klischee, Filmen zu unterstellen, sie verweigerten einfache Antworten: Doch meist ist im Gegenteil selbst bei solchen sehr klar, welche Haltung sie einnehmen (man denke etwa an Oliver Stones „bösen“  NATURAL BORN KILLERS, der im Übrigen von der Kameraarbeit von Taverniers Film durchaus beeinflusst scheint). Das ist bei COUP DE TORCHON tatsächlich anders: Gut und Böse, Richtig und Falsch sind hier keine fixen Größen mehr, sondern ständig in Bewegung. Seine Charaktere  sind keine bloßen Gesinnungsstellvertreter mehr, handeln eben nicht nach festen moralischen Grundsätzen, sondern gemäß ihres Charakters und der äußeren Umstände und sind somit immer zu beidem fähig. Und das spiegelt sich eben auch im Blick des Films wider.

COUP DE TORCHON wurde von einem zeitgenössischen Kritker laut Tavernier einmal in völliger Übertreibung – aber trotzdem gar nicht mal so unzutreffend – als (sinngemäß) „größte Beleidigung der weißen Rasse“ bezeichnet. Die Menschen kommen wirklich nicht gut weg, trotzdem bleibt der Film immer ambivalent und nimmt niemals den bitteren Zynismus so vieler anderer filmischer Abrechnungen an. COUP DE TORCHON schreit förmlich nach Mehrfachsichtungen – und Taverniers letzter, IN THE ELECTRIC MIST, erscheint im direkten Vergleich gleich nochmal so enttäuschend.