Mit ‘Stephanie Beacham’ getaggte Beiträge

tumblr_nf7cy7sdiz1tfvxpao1_1280Über diesen Film zu schreiben und dabei etwas Gehaltvolles zu sagen, ohne auf die große Überraschung hinzuweisen, die den Zuschauer am Ende erwartet, scheint mir nahezu unmöglich. Ich versuche es trotzdem, weil ich niemandem den Spaß verderben will. Und fange konservativ an.

Samantha (Lynne Frederick), eine populäre Eiskunstläuferin, musste als Kind mitansehen, wie ihre Mutter von ihrem Liebhaber William Haskin (Jack Watson) brutal ermordet wurdeNun ist Haskin auf freiem Fuße und Samantha bereit, ihrem Partner Alan (John Leyton) das Ja-Wort zu geben. Als Haskin aus der Zeitung von der anstehenden Hochzeit erfährt, packt er ein Messer ein, und begibt sich nach London. Samantha wird fortan von ihm verfolgt und fürchtet um ihr Leben.

Bis zum Showdown erzählt Walker seine Geschichte als straightes Stalk’n’Slash: Samantha beobachtet immer wieder die Gestalt aus der Vergangenheit in ihrer Nähe, ohne dass sich die Bedrohung jemals wirklich konkretisieren würde. Ihre Versuche, Hilfe zu suchen, scheitern am Unglauben ihrer Freunde, die Überspanntheit und eine lebhafte Fantasie hinter den Ängsten Samanthas vermuten. Dass die Zahl der in ihrem erweiterten Bekanntenkreis aufgefundenen Toten auffällig ansteigt, wird dem Zufall in die Schuhe geschoben. Diese Psychospielchen inszeniert Walker gewohnt souverän und es macht durchaus Freude, den Film dank der blitzsauberen, aber schön körnigen Redemption-Bluray anzuschauen. Ein Riesencoup ist es gewiss, den großartigen Jack Watson als Psychopathen zu besetzen, einen Veteran des britischen Kinos, der eigentlich auf die einfachen, ehrlichen Haudegen von echtem Schrot und Korn abonniert ist (etwa in THE WILD GEESE). Trotzdem fragt man sich irgendwann, warum dieser simple Plot von Walker mit diesem Ernst und dieser Geduld ausgebreitet wird. Die Antwort ist einfach: Weil da natürlich noch was kommt (was sich durchaus auch intradiegetisch andeutet, so ist es nicht). Und weil einem so irgendwann klar wird, dass die Dinge nicht so sein können, wie sie sich darstellen, wird der Finalenthüllung etwas die Kraft genommen, die sie eigentlich haben sollte. Zumal sich nicht gerade viele Optionen anbieten. Will sagen: SCHIZO ist ein guter Film, mit ein hübsch kruden, ketchupblutigen Morden und tollem Seventies-Look, aber keine von Walkers Großtaten. Eher was für Zwischendurch.

 

Bildschirmfoto 2013-10-13 um 08.39.11„Kann man ein größerer Bastard sein als Inspektor Cliff?“, fragt der Titel, wenn mich meine Italienischkenntnisse (bzw. die diverser Internet-Übersetzungsseiten) nicht trügen: Dallamanos Gangster-/Cop-Groteske ist einer von vielen Filmen, die sich von Sergio Leones PER UN PUGNO DI DOLLARI (bzw. Kurosawas YOJIMBO) nspirieren ließen, und besetzt den kantigen Ivan Rassimov als korrupten Drogenbullen Cliff Hoyt in der Eastwood-Rolle. In den Kampf zweier Gangsterorganisationen – einer wilden Bande von Hippies, die von der alten „Mama the Turk“ (Patricia Harvey) angeführt wird, und des unter dem Deckmantel eines (erpresserischen) Hostessenservices agierenden Geschäfts von Morell (Ettore Manni) – schaltet er sich als anscheinend vertrauenswürdiger Freiberufler ein, um beide, weder ein gesetzliches noch ein bloß moralisches, sondern im Gegenteil ein höchst egoistisches Interesse verfolgend, gegeneinander auszuspielen. Am Schluss hat er sogar den New Yorker Drogenboss Marco (Giacomo Rossi-Stuart) beiseitegeräumt und hält ein stattliches Sümmchen in den korrupten Händen. Aber er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht …

Dallamanos Film ist trotz seiner Inspirationsquelle ein recht untypischer Italofilm. Das liegt nicht nur an seinen Schauplätzen jenseits des Stiefels – Beirut, London, Paris, New York –, sondern an seiner tonalen Grundausrichtung: Zynisch sind viele italienische Thriller jener Zeit, dennoch stellen sie sich dabei meist auf die Seite ihrer kaputten Antihelden. All die Hardliner unter den italienischen Polizeifilm-Cops sind ja doch nur Opfer der Umstände, verzweifelt gegen eine Verbrechensflut ankämpfend, die längst nicht mehr aufzuhalten ist. Inspektor Cliff Hoyt hingegen ist, wie der Titel schon sagt, ein Bastard, und auch mit den größten argumentativen Verrenkungen nicht zu verteidigen: Die Gangster, gegen die er vorgeht, muten geradezu bemitleidenswert an in ihrem naiven Glauben, bei den großen Fischen mitmischen zu können, ohne dabei gefressen zu werden. Mama the Turk führt zwar mit unerbittlicher Härte (etwas im Stile der Gangstermamas, die in jenen Jahren das amerikanische Kino unsicher machten: Shelley Winters in BLOODY MAMA und CLEOPATRA JONES, Angie Dickinson in BIG BAD MAMA oder Cloris Leachman in CRAZY MAMA), hat aber eben doch einen denkbar unorthodoxen und unprofessionellen Haufen um sich geschart, der den internationalen Drogenhandel als große Party interpretiert. Und Morell hat die Masche, seine betuchten Klienten im Anschluss an ihre bei ihm gebuchten Vergnügungen mit diffamierendem Fotomaterial zu erpressen (herrlich die Szene, in der ein älterer Herr mit aufgesetzen Hasenöhrchen und Möhren knabbernd das „Hasenweibchen“ Joanne becirct), zwar perfektioniert und es damit zu einigem Reichtum gebracht, im Grunde seines Herzens ist er aber lediglich ein kleiner Gauner. Dass er Hoyt für einen Freund hält, sein bestes Pferd im Stall, die umwerfend attraktive Joanne (Stepahnie Beacham), gar ihr Herz an coolen Cop verschenkt, macht seinen Verrat noch schwerwiegender und die gerechte Strafe unabwendbar. Crime does eben doch not pay.

Seine Originalität, der ultraegoistische Protagonist, steht dem Film auf dem Weg ins Herzen des Zuschauers leider auch etwas im Weg. Auch wenn eigentlich ständig ewas passiert – Schießereien, Morde, Verfolgungsjagden, Schäferstündchen mit der nackten Beacham –, ließ mich SI PUÒ ESSERE PIÙ BASTARDI DELL’ISPETTORE CLIFF? eher kalt. Man weiß einfach nicht so recht, zu wem man halten soll; selbst wenn sich das ganze Ausmaß von Hoyts Abgebrühtheit erst am Schluss offenbart, ist er einem von Anfang an unsympathisch. Wenn man Dallamanos Werk kennt, dann weiß man, dass das kein Unfall war. Der Regisseur zeigt erneut seine Kompetenz in der Fertigung harter, aber finessenreicher Reißer, kann sich überdies auf die famose Kamerarbeit von Jack Hildyard (u. a. THE BRIDGE ON THE RIVER KWAI) und die loungigen Klänge von Riz Ortolani verlassen, aber sein Stoff erzeugt hier eher Distanz statt Nähe. Die eigentlichen Sympathiefiguren sind die gefoppten Gangster und natürlich die schöne Joanna, deren Gefühle übel missbraucht wurden. Dass internationale Fassungen ihr im Titel auch noch mit dem schicken Namen SUPERBITCH huldigen, ist der sprichwörtliche Tritt auf den am Boden Liegenden. Ihre finale Reaktion gönnt man ihr ob der doppelten Demütigung von Herzen.

1898 erschien Henry James‘ Novelle „The Turn of the Screw“: nicht nur eine der berühmtesten Geistergeschichten, sondern auch eine, die formal neue Maßstäbe setzte. Bei der Geschichte, die den Hauptanteil der Novelle ausmacht, handelt es sich um den Erlebnisbericht einer namenlos bleibenden Erzieherin, der einem Mann in der Gegenwart der Erzählung am Kamin vorgelesen wird. Sie wird von dem Vormund zweier Waisenkinder dazu eingestellt, in seiner Abwesenheit für ihre Erziehung und Bildung zu sorgen. Von der Haushälterin Mrs. Grose erfährt sie, dass die Kinder eine enge Bindung zum ehemaligen, unter mysteriösen Umständen verschwundenen Gärtner Mr. Quint hatten – und dass dieser wiederum ihrer Vorgängerin Mrs. Jessel in unmoralischer Art zugetan war. Bald hat die leicht beeinflussbare junge Frau Erscheinungen, die sie glauben lassen, dass die Geister von Mr. Quint und Mrs. Jessel umherspuken und Besitz von den beiden Kindern genommen haben. Die mysteriösen Vorgänge, die die Frau schildert, für die sie eine Erklärung zu finden sucht, werden jedoch durch die Subjektivität des Textes mit einem weiteren Fragezeichen versehen: Es stellt sich die Frage, ob der Spuk, den sie zu beobachten glaubt, nicht bloß die Autosuggestion einer repressiv erzogenen Frau ist, die sich in der Einsamkeit ihres neuen Arbeitsplatzes mit ihr vollkommen neuen, unbegreiflichen Empfindungen konfrontiert sieht, die sie nur als schockierend und böse empfinden kann – und daher auf die Kinder, die ihr zur Betreuung überantwortet wurden, projizieren muss. James war nicht der erste Schriftsteller, der sich den „unzuverlässigen Erzähler“ zunutze machte (sofort fallen einem die Lügengeschichten des Baron Münchhausen ein), aber wahrscheinlich der erste, der ihn auf so subtile, psychologisch fundierte Art und Weise einsetzte. Im Gewand einer Geistergeschichte verbirgt sich eine kritische Auseinandersetzung mit den Auswüchsen und Folgen des Puritanismus, mit sexueller Repression und kindlicher Sexualität – Themen, die zu seiner Zeit noch weitaus mehr als heute tabuisiert waren. 1961 inszenierte Jack Clayton mit THE INNOCENTS eine kongeniale Film-Adaption, die nicht nur als einer der unheimlichsten Gruselfilme, sondern auch als eine der besten Literaturverfilmungen in Erinnerung bleiben wird. Und 1971 versuchte sich Michael Winner an einem heute längst zum Standard des Kommerzkino gewordenen, damals aber noch sehr ungewöhnlichen Kniff: Mit THE NIGHTCOMERS erzählte er die Vorgeschichte zu Henry James Novelle, ging er der Frage nach, was zwischen Mr. Quint und Mrs. Jessel eigentlich geschah und wie sie auf die beiden Kinder Einfluss nahmen. Kurz: Er drehte ein Prequel.

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern überlässt ihr Vormund (Harry Andrews) die ihm anvertrauten Waisenkinder Flora (Verna Harvey) und Miles (Christopher Ellis) der Obhut der Haushälterin Mrs. Grose (Thora Hird) und der Erzieherin Ms. Jessel (Stephanie Beacham). Den größten Einfluss auf sie hat jedoch der eigenbrötlerische, ebenso fantasievolle wie ungebildete Gärtner Mr. Quint (Marlon Brando). Seine philosophisch fragwürdigen Einschätzungen zum Tod und zur Liebe – Tote führen ihre Existenz im Totenreich weiter, Liebende begegnen sich dort wieder, Hass und Liebe sind zwei Seiten einer Medaille und Mord aus Leidenschaft ist legitim – fallen bei den beiden Kindern auf fruchtbaren Boden und tragen verhängnisvolle Früchte. Als die Kinder Quint und Jessel beim sadomasochistischen Liebesspiel beobachten und das Gesehen nachstellen, schellen bei Mrs. Grose die Alarmglocken: Sie verweist Quint des Hauses und trennt die beiden sich verhängnisvoll Liebenden, stellt eine Kündigung in Aussicht. Doch Flora und Miles wissen ja, wie sie die Beziehung von Quint und Jessel für immer sicherstellen können …

Welche Haltung man zu THE NIGHTCOMERS einnimmt, hängt entscheidend von der Frage ab, wie man zu seiner Grundidee eines Prequels steht. Beziehungsweise, inwiefern man dazu in der Lage ist, beide Werke trotz ihrer inhaltlichen Verbindung als getrennte Werke zu betrachten, THE NIGHTCOMERS als eine Art What-if-Gedankenspiel zu begreifen. Kritiker von Winners Film werfen ihm vor, die Ambiguität von James‘ Novelle zu unterwandern, etwas zu konkretisieren, was nie konkretisiert werden, sondern im Vagen verbleiben sollte. Bezog James die Spannung gerade daraus, dass letztlich unbeantwortet bleibt, ob der Spuk und damit die Besessenheit der Kinder real sind oder nur der Einbildung seiner Hauptfigur entspringen, beantwortet Winner diese Frage nun relativ eindeutig: In Flora und Miles sprießt die Saat von Quints Gedanken und manifestiert sich in teuflischen Handlungen, die aber nicht etwa unmoralisch, sondern eher außermoralisch sind: Weil die Erwachsenen ihnen jeden zuverlässigen moralischen Bezugsrahmen vorenthalten, sind sie nicht in der Lage, gute von bösen Taten zu unterscheiden. Winners Film mag die Subtilität von James‘ Novelle (und Claytons Adaption) vermissen lassen, seine Kritik an puritanischer Kindererziehung, dem britischen Klassensystem (Quint ist ein einfacher, ungebildeter Arbeiter, Sohn eines Tagelöhners, der ihn nach einem misslungenen Betrugsversuch fluchtartig verlassen musste) und rigider Sexualmoral ist dieselbe.

Angesichts der Originalität von THE NIGHTCOMERS, der Elemente des Dramas, des Historien-, Sex-, Geisterfilms und Psychogramms zu einer ungewöhnlichen Melange verbindet, scheint die oben wiedergegebene Kritik, die ihn lediglich in Verteidigung seiner Inspirationsquelle angreift, seltsam engstirnig. Zu allen Zeiten war es eine Funktion von Fiktion, die Fantasie ihrer Rezipienten anzuregen, sie dazu einzuladen, über den Rahmen des einzelnen Werks hinaus zu denken. Nichts anderes tut Winner (nach einem Drehbuch von Michael Hastings) hier. Der Vorwurf, eigene Ideenlosigkeit durch das Anhängen an ein erfolgreiches Werk zu kaschieren oder die Kulturtechnik des Geschichtenerzählens zur reinen Warenerzeugung verkommen zu lassen, der angesichts des aktuellen Hollywood-Trends zur kundenbindenden Franchisebildung mehr als angebracht ist, greift bei THE NIGHTCOMERS einfach nicht. Zum einen, weil er sich nicht explizit an einem Film, sondern einem literarischen Werk orientiert, zudem einem, das 1971 bereits über 70 Jahre alt war und sicherlich nicht mehr im Verdacht stand, besonders kassenträchtig zu sein. Zum anderen aber vor allem, weil Winner wirklich etwas zu erzählen hat.

Im Zentrum steht natürlich Marlon Brando als enigmatischer Mr. Quint. Im Jahr von THE GODFATHER überzeugt er in einer überaus ambivalenten Rolle, evoziert gleichermaßen Befremden, Abscheu, Sympathie und Mitleid. Die Faszination, die er auf die Kinder ausübt, überträgt sich ungebrochen auf den Zuschauer, der verzweifelt versucht, ihn zu fassen zu bekommen. Seine blecherne, fast schwache Stimme mit dem (kruden) irischen Akzent steht in krassem Widerspruch zu seinem kräftigen, in den Sexszenen beängstigenden Körper, seine Neigung zu Philosophie und Introversion kollidiert mit seiner grobschlächtigen und ordinären Art, die Zärtlichkeit im Umgang mit den Kindern findet ihr Gegenteil in der tierischen Brutalität, mit der er Ms. Jessel überfällt. Die Arglosigkeit, mit der er die Kinder an seiner Weltsicht teilhaben lässt, wirft die Frage auf, ob er sehr rücksichtslos, sehr dumm oder aber bösartig ist. Wahrscheinlich fehlte ihm selbst der moralische Kompass in Form einer verantwortungsvollen Vaterfigur. So ist Brandos Quint ein entfernter Verwandter von Büchners Woyzeck, ein Opfer gesellschaftlicher Umstände, ein aus Armut und sozialer Kälte geborenes Monstrum, das alles, was es anfasst, zerstören muss, um dann weinend und bibbernd über den Scherben seines Tuns zu stehen.

EDIT 26.06.2013: Auffällig sind die Parallelen zu Mario Bavas REAZIONE A CATENA vielleicht nur, weil ich den kürzlich gesehen habe. Ich denke aber, dass die Gemeinsamkeiten beider Filme mit ihren von den Erwachsenen erst vergessenen oder missverstandenen, dann durch ihr Tun negativ beeinflussten, zu Mördern verzogenen Kindern, auch anderen aufmerksamen Betrachtern ins Auge stechen sollten.