Mit ‘Stephen Hopkins’ getaggte Beiträge

Wie ich zuvor schon geschrieben hatte, avancierte Freddy Krueger im Laufe der Achtzigerjahre zu einem echten Popkultur-Phänomen, das längst nicht mehr auf die Sphäre des Kinos und das Horrorgenre beschränkt war. Die dem fünften Teil vorangegangenen Filme hatten stetig höhere Gewinne eingefahren, jede Installation den Erfolg des Vorgängers noch übertroffen. Eine Entwicklung, die nicht ewig weitergehen konnte und mit Hopkins Film, der hinter den Erwartungen zurückblieb, dann auch beendet war. Wahrscheinlich hatte die schiere Omnipräsenz des Killers mit dem Ringelpulli auch zur Übersättigung des Publikums geführt: So ähnlich wie der Charakter der Greta (Erika Anderson), die im Film von Freddy so mit Essen vollgestopft wird, dass sie schließlich daran erstickt, war der fünfte Teil genau jene Portion zuviel, führte zu Übelkeit und Verdauungsproblemen und war der Anfang vom Ende für das Erfolgsfranchise.

Es half sicherlich nicht, dass THE DREAM CHILD bei aller visuellen Opulenz, mit der Hopkins den Film inszenierte, hoffnungslos zerfahren wirkt. Das Bemühen, eine echte Geschichte zu erzählen, statt eine weitere Nummernrevue im Stile des vierten Teils aufzubieten, ist zu spüren, doch die Story um das im Körper Alice‘ (Lisa Wilcox) heranwachsende Kind, das von Freddy (Robert Englund) attackiert wird, ist so konfus, um- und unverständlich, dass jeder Versuch, ihr zu folgen, zum Scheitern verurteilt ist. Die kreativen Morde, die zuvor im Zentrum jedes NIGHTMARE-Films standen, sind enttäuschend einfallslos und blutarm, der Body Count so niedrig wie nie zuvor. Auch Freddy selbst wirkt, als hätte ein Nickerchen dringend nötig: Das Make-up lässt ihn hier nicht wie ein Verbrennungsopfer, sondern eher wie eine hässliche alte Vettel aussehen und ähnlich zahnlos sind diesmal auch seine Sprüche. Dass der fünfte Teil nicht als vollkommener Reinfall angesehen werden muss, liegt, wie gesagt, vor allem an der visuellen Gestaltung des Films: Wo die Vorgänger bei aller Kreativität manchmal auch etwas ungeschliffen und gummig wirkten, bleiben hier keinerlei Wünsche offen, zieht Hopkins alle Register, und zeichnet die Traumwelten, in denen sich Alice und Freddy zum Kampf gegenübertreten, als surreal-gothische Escher-Appropriationen, in denen man sich gern länger aufhielte. Wie für Harlin vor ihm begann für den gebürtigen Jamaikaner mit A NIGHTMARE ON ELM STREET 5: THE DREAM CHILD eine vielversprechende Hollywoodkarriere. Im Anschluss drehte er den tollen PREDATOR 2, danach JUDGEMENT NIGHT, BLOWN AWAY und den Abenteuer-Horrorfilm THE GHOST AND THE DARKNESS (den ich dringend mal wieder sehen müsste), bevor der Flop mit LOST IN SPACE ihn ein wenig ausbremste. Heute arbeitet er überwiegend fürs Fernsehen und ist wie Freddy Krueger weitestgehend in Vergessenheit geraten.

Ich weiß gar nicht genau, welchen Ruf PREDATOR 2 – ein Höhepunkt meiner minderjährigen Videothekenzeit – so unter Genrefilmfreunden genießt. Auf der IMDb hat er ein unauffälliges Durchschnittsrating, er scheint mir heute im Gegensatz zum Original fast ein bisschen in Vergessenheit geraten, wird selten fieberhaft diskutiert, wie das bei anderen populären Genrefilmen der Fall ist, und noch nie habe ich gar vernommen, dass ihn jemand besser fände als das Original, was seltsam ist, wenn man bedenkt, was im Internet sonst für absurdes Zeug behauptet wird, um Aufmerksamkeit zu erregen. Obwohl PREDATOR 2, nach dem Riesenerfolg des ersten Films mit großen Erwartungen gestartet, von der Kritik weitestgehend verrissen wurde, war er an den Kinokassen durchaus erfolgreich, spielte bei einem Budget von 35 Millionen Dollar weltweit ca. 60 Millionen Dollar ein. Trotzdem betrachtete man dieses Ergebnis als Enttäuschung, was dazu führte, dass sein Titelheld danach vorerst nur in den beiden Verfilmungen eines Spin-off-Comic-Crossovers in Erscheinung trat, ein dritter Teil ganze 20 Jahre auf sich warten ließ. Meine Ratlosigkeit gegenüber dieser – zumindest von mir so wahrgenommenen – Gleichgültigkeit wird nach meiner ersten Sichtung seit vielen Jahren nur noch größer: Denn auch wenn Hopkins‘ Film an seinen Vorgänger nicht herankommt (welcher Film tut das schon?), handelt es sich doch um ein ausgesprochen originelles, fesselndes und zupackendes Stück großen Actionkinos, gespickt mit grandiosen Einfällen, einprägsamen Performances und Momenten, die mir nach x Sichtungen ganz unbemerkt in Fleisch und Blut übergegangen sind. An der Schwelle zwischen zwei Jahrzehnten entstanden, kurz bevor James Cameron mit T2: JUDGMENT DAY die Spielregeln für großbudgetiertes Actionkino ein für allemal verändern sollte, steht er inszenatorisch noch in der Tradition des vorangegangenen Jahrzehnts und bringt daher ein Höchstmaß an physischer Kraft und Kinetik mit sich. PREDATOR 2 ist beileibe kein perfekter Film oder gar ein Meisterwerk, aber er gehört zu jenen seltenen Glücksfällen, die von ihren kleinen Schwächen noch profitieren.

PREDATOR 2 nutzt als Aufhänger einen kleinen, eher unauffälligen Dialogsatz aus dem Vorgänger, der erklärte, dass sich der außerirdische Jäger mit Vorliebe besonders heiße Orte aussuche. Suggeriert der Auftakt mit dem Geschrei von Urwaldtieren, exotischen Trommelrhythmen und dem Blick auf dichte regenwaldartige Vegetation eine Rückkehr an den Schauplatz des Vorgängers, entpuppt ein Schwenk der Kamera nach oben diesen Glauben als Irrtum: am Horizont ragen die Wolkenkratzer von Los Angeles in den dunstigen Smoghimmel, der harte Schnitt hin zur bereits bekannten temperatursensitiven Subjektive des Predators macht klar, dass er sich nun den sprichwörtlichen Großstadtdschungel eines unter einer Hitzewelle schwitzenden LA als Jagdgebiet ausgesucht hat. Nach dem nächsten Schnitt sind wir mitten im urbanen Straßenkrieg, einer erbitterten bewaffneten Auseinandersetzung zwischen kolumbianischen Drogendealern und der Polizei. Vom Kokain berauschte Schwerverbrecher, denen der Wahnsinn aus den vom Koks geweiteten Augen springt, ballern mit Maschinengewehren auf die Polizei, die sich unter den Kugeln wegduckenden Fernsehreporter bellen etwas von „War Zone“ und „Martial Law“ in ihre Mikrofone, Explosionen peitschen gen Himmel und die Toten fallen auf beiden Seiten wie die Fliegen, bevor Lieutenant Harrigan (Danny Glover) mit einem waghalsigen Manöver zumindest vorübergehend für Entlastung sorgt. Die Schurken fliehen in ein Hochhaus, wo sie nur Sekunden später von einer unsichtbaren Gestalt aus dem Weg geräumt werden. Das LAPD findet nur noch das Ergebnis eines Blutbads vor sowie einen Überlebenden, der voller Angst ins Nichts starrt, bevor auch er den Weg alles Irdischen geht.

Der Auftakt platziert PREDATOR 2 in einer zwar Actionfilm-typisch überformten, aber dennoch als solcher erkennbaren Realität. Der „War on Drugs“ war 1990 genauso ein Riesenthema wie kolumbianische Drogenkartelle (Pablo Escobar wurde erst drei Jahre später ermordet), Los Angeles war zwar nicht die murder capital der USA, aber in der Außenwahrnehmung dennoch Brutstätte des Verbrechens und der Banden: ein Ruf, den die LA Riots 1992 bestätigten. Und auch wenn PREDATOR 2 aus seiner Idee, die Titelfigur als unsichtbaren Dritten in einem Drogenbanden-Krieg mitmischen zu lassen, nicht das Optimum herausholt, ihm der Wille zum Epos, den der Stoff durchaus gut vertragen hätte, abgeht, er sich damit zufriedengibt, von der ersten Sekunde an ohne größere Verschnaufpausen und in stetiger Beschleunigung auf sein Finale zuzusteuern, so reichen die vielen guten, zudem gut umgesetzten Ideen aus, um ihn die Konkurrenz überragen zu lassen. Getragen wird PREDATOR 2 von einer mit Händen greifbaren Atmosphäre der Überhitzung und der wachsenden Angst, die auch die Kürzungen, die der Film noch vor dem Start über sich ergehen lassen musste, nicht zerstören können. Der bodenständige, verwundbare Danny Glover, eigentlich nicht der prädestinierte Actionheld, wird hier zum Vorteil und markiert auch den wesentlichen Unterschied zwischen McTiernans Vorgänger und Hopkins‘ Fortsetzung. Wo PREDATOR auf den archaischen Grundkonflikt reduziert war, fast schon Metakino, ist PREDATOR 2 handlungslastiger, klassischer, weniger abstrakt. Und er weiß die sich dadurch bietenden Möglichkeiten zu nutzen. Wunderbar die in wenigen skizzierte Wandlung von Paxtons Jerry vom selbstverliebten Heißsporn hin zum opferbereiten Teamplayer. Ich bin immer wieder über den lebendigen Eindruck erstaunt, den Paxton gemessen an dem wenigen Raum, der ihm zur Verfügung steht, hinterlässt. Seine Todesszene und die Actionsequenz, an die sie anschließt, zählen für mich zu den großen Momenten des Neunziger-Actionkinos: „Want some candy?“ Ein kleines, eigentlich albernes Gimmick wird hier mit maximalem Effekt genutzt. (Die Soundeffekte des Films sollten genauso wenig unterschätzt werden wie Alan Silvestris Score.) Gleiches gilt für den Blick des Predators auf den Bauch von Leona (Maria Conchita Alonso), der ein Geheimnis preisgibt und den Jäger als moralisches Wesen erkennen lässt, oder Diesen Moment, in dem Glovers Harrigan nach einem Telefonat aufblickt, sich im Schaufenster eines Tierpräparators spiegelt und plötzlich zu wissen scheint, was los ist: Es sind dies perfekte Beispiele für die Art, wie bildgewaltig Hopkins arbeitet, wie er jedes einzelne Bild mit Suggestion auflädt.

Gary Busey ist als dubioser FBI-Mann Peter Keyes fantastisch und würde gemeinsam mit seinem Partner Garber (Adam Baldwin) glatt einen eigenen Film rechtfertigen (die Rolle des Keyes war ursprünglich Schwarzeneggers Dutch zugedacht und wurde nach dessen Absage umgeschrieben). Beide beginnen als typische Federal-Arschlochtypen, die den ehrlichen Cops dazwischenpfuschen, gewinnen dann zum Ende aber an Profil und Tiefe, ohne ihr Geheimnis jedoch ganz preiszugeben. Bei dieser Sichtung hatte ich zudem das Gefühl, dass sie möglicherweise ein Verhältnis miteinander haben könnten: Wie der durchtrainierte Garber seinem akkurat frisierten Boss nicht von der Seite weicht, mutet schon sehr schwul an und ihr militaristischer Hitlerjugend-Schneid trägt nicht gerade dazu bei, den keimenden Verdacht zu zerstreuen. Dann ist da das Finale, das mancher vielleicht als letdown empfindet: Aber es ist eine sehr weise Entscheidung, den Film nicht im Kampf Harrigans gegen den außerirdischen Besucher enden zu lassen. Ein Triumph Harrigans wäre schlicht nicht glaubwürdig gewesen, sein Tod wahrscheinlich noch unbefriedigender als der Verzicht auf beides, das Vertagen einer Entscheidung, das die Geste des Predators bedeutet. Es ist ein schönes Ende, das nur daran krankt, dass der dritte Teil, der den Staffelstab aufnimmt und weiterträgt, nie entstanden ist. So bleibt mir nur noch eins zu sagen: Ich liebe PREDATOR 2. Und ihr solltet es auch tun.

judgment night (stephen hopkins, usa 1993)

Veröffentlicht: August 11, 2009 in Film
Schlagwörter:, ,

Die Freunde Frank (Emilio Estevez), Mike (Cuba Gooding, jr.), Ray (Jeremy Piven) und Franks kleiner Bruder John (Stephen Dorff) geraten bei der Fahrt zu einem Boxkampf vom Weg ab und landen in einem ausgesprochen finsteren Stadtteil, wo sie Zeuge des Mordes an einem kleinen Drogendealer werden. Der Killer, Drogenboss Fallon (Denis Leary), will sich die unliebsamen Zeugen natürlich vom Hals schaffen: Die vier Freunde müssen um ihr Leben rennen …

o[1]JUDGMENT NIGHT hatte es damals schwer: Schon lange bevor der Film in Deutschland seine Premiere auf Video feierte, zirkulierte der fulminante Soundtrack, auf dem Alternative-Rock- und Metal-Acts mit Hip-Hop-Größen kollaborierten (u. a. Slayer & Ice-T, Biohazard & Onyx, Pearl Jam & De La Soul, Faith No More & Boo-Yaa T.R.I.B.E., Helmet & House of Pain) und damit meine Prä-Abitur-Feiern soundtechnisch untermalte. Der Film stellte sich dann als deutlich weniger spektakulär heraus, war – gelinde gesagt – eine herbe Enttäuschung aller Hoffnungen auf einen knallharten Ghetto-Actioner. Mit dem Abstand von 15 Jahren relativiert sich das freilich: Auch wenn man sich durchaus fragen muss, warum man diesem doch vergleichsweise zahmen Film den „Ab 18“-Stempel aufdrückte, so verarbeitet JUDGMENT NIGHT sein Thema – die Schuldgefühle der Mittelklasse gegenüber den ökonomischen „Verlierern“ der Wohlstandsgesellschaft – doch auf recht geschickte Art und Weise, verdichtet es in einem betont einfach konstruierten Flucht-Szenario. Der Abstieg der braven Bürger in den Schlund der Hölle, ihre Konfrontation mit der harten Realität und der Verlust der „Unschuld“ durch Adaption der Regeln des Dschungels: Man kennt diese Dramaturgie etwa aus Wes Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT und den Vertretern des Backwood-Subgenres. Hopkins liefert mit JUDGMENT NIGHT die städtische Wendung dieser Geschichte, schickt seine braven Bürger in den urbanen Dschungel, in dem diese – mit dem eigenen Tod konfrontiert – recht schnell die Maske der Zivilisation abwerfen. Man kennt das ja: Erst werden die Fenster des teuren Wohnmobils hochgekurbelt – die Welt der Armut „da draußen“ soll schließlich möglichst auf Distanz bleiben. Der Mensch, der wenig später angefahren wird, hat halt Pech gehabt, man kann hier doch unmöglich aussteigen, bloß schnell weg. Der anschließende Mord wird zwar schockiert beobachtet, aber es schwingt auch eine gewisse, nicht zu leugnende Faszination mit. Schlimmer als die Tatsache, dass ein Toter auf der Straße liegt, ist immer noch, dass das nur geliehene Auto in Flammen aufgeht. Schon in diesem frühen Stadium erkennt man, dass es mit der Unschuld der Protagonisten nicht so weit her ist, ihr Wohlstand mit der Armut ihrer Umgebung durchaus in kausaler Verbindung steht. Das daraus resultierende schlechte Gewissen des Bürgertums wird immer wieder thematisiert, wenn die Freunde mit den Bewohnern des Armutsviertels konfrontiert werden: mit den Obdachlosen, die in den Waggons eines Zuges schlafen und sich ihr Stillhalten teuer bezahlen lassen, mit den Bewohnern eines heruntergekommenen Wohnblocks, die den Protagonisten ihre Hilfe ironischerweise verwehren, weil sie gewohnt sind, dass die Bedrohung von außen kommt, und den Protagonisten damit klar machen, wie schnell man auf die falsche Seite gerät. Vertauschte Rollen.

Doch Hopkins bezieht die Dynamik und Spannung nicht aus einer letztlich wieder nur die gültigen Vorurteile bestätigenden Konfrontation von Arm und Reich. Das Ghetto wird bei ihm nämlich zum Schauplatz eines Kampfes der Gewinner: auf der einen Seite die sorgenfreien Mittelständler mit ihren College-Abschlüssen, Familien, Eigenheimen und Ersparnissen, auf der anderen die Drogendealer um Fallon, ihrerseits Weiße, die die Armutsviertel als ihr Geschäftgebiet nutzen und somit dazu beitragen, dass die herrschenden Zustände zementiert werden. Sie sind sich nicht so fremd, der Dealer und die braven Bürger: Das erkennt man, wenn Ray versucht, sich sein Leben zu erkaufen und dazu das Haifischlächeln des Bänkers aufsetzt, oder Mikes Angst plötzlich in sadistische Gewaltfantasien umschlägt: Es obliegt Frank, die Gruppe zusammenzuhalten und ihre moralische Integrität zu wahren. Über die Frage, ob ihm dies nicht nur deshalb gelingt, weil er als Familienvater am meisten „Besitz“ zu verlieren hat, und ob sich JUDGMENT NIGHT hierin nicht doch als ungemein spießige Fabel entpuppt – im Kern ist er tatsächlich ein Märchen -, ließe sich trefflich diskutieren. Darüber, dass JUDGMENT NIGHT recht spannend und darüber hinaus famos fotografiert ist, hingegen nicht.