Mit ‘Stephen Lang’ getaggte Beiträge

Es dauerte es gut 15 Jahre, bis Michael Mann endlich als großer zeitgenössischer Filmemacher erkannt wurde. Dabei war HEAT zum Zeitpunkt seines Erscheinens eigentlich als eine Art Rekapitulation zu sehen und für Cinephile, die sich mit dem Mann schon vorher auseinandergesetzt hatten, kaum eine Überraschung: Rückblickend erinnert sein bis dato wahrscheinlich größter Hit ein wenig an John Woos LASHOU SHENTAN, das Best-of-Abschiedgeschenk das der Action-Virtuose seinem heimischen Publikum machte, bevor er sich nach Amerika absetzte. Nicht nur, dass HEAT ein großbudgetiertes Remake von Manns eigenem Fernsehfilm L.A. TAKEDOWN war, auch sonst war er voller Elemente aus seinen früheren Filmen, die er hier mit den Mitteln eines Hollywood-Blockbusters und großer Starpower revitalisierte. Wirklich Neues fügte HEAT dem bisherigen Schaffen Manns nicht hinzu: Schon in seinem ersten großen Spielfilm, THIEF von 1981, war all das da, wofür man HEAT lobte: die Neo-Noir-Ästhetik, die Melancholie, das „Schwertkämpferethos“ der professionals, ob diese nun cops oder robbers waren, die Verdichtung eines Lebens auf schicksalhafte Augenblicke, in denen sich plötzlich alles verändert. Und dann war da ja noch MANHUNTER, das andere große Eighties-Masterpiece von Mann, ein Film, der seinerseits ein gutes Jahrzehnt reifen musste, bevor seine einsame Klasse erkannt wurde.

MANHUNTER basiert auf Thomas Harris‘ 1981 erschienenem Bestseller „Red Dragon“, mit dem der US-Autor der Welt die Figur des genialen kannibalistischen Serienmörders Hannibal Lecter schenkte, der dann zehn Jahre später dank Anthony Hopkins Darstellung in Jonathan Demmes SILENCE OF THE LAMBS, der Verfilmung der gleichnamigen Romanfortsetzung, zur popkulturellen Ikone wurde. Es war dieser bahnbrechende Erfolg, der auch Manns MANHUNTER neue Aufmerksamkeit brachte, einem nahezu vergessenen Film, der zum Zeitpunkt seines Erscheinens auf sehr durchwachsene Kritiker- wie Publikumsreaktionen gestoßen war. Sowohl Manns kühler visuelle Stil als auch die Wahl des Hauptdarstellers stießen auf Missfallen, trugen ihm den Vorwurf des „style over substance“ und der Prätention ein. Der Film floppte, auch auf internationaler Ebene. Heute muss man konstatieren, dass MANHUNTER nicht nur mit seiner Darstellung des profiling, wie es Jahre später in Fernsehserien wie CSI populär wurde, seiner Zeit weit voraus war: Der Film widmet sich seiner Thematik, der Spiegelung von Ermittler und Killer, mit großer, beunruhigender Sensibilität. Es sind dann auch keine großen Action-Set-Pieces, die den Betrachter in den Bann schlagen, sondern diese Augenblicke, in denen der Profiler Graham und seine Nemesis, der Serienkiller Dollarhyde (bzw. Lecter) miteinander verschmelzen, sowie die ungewöhnliche Darstellung der Mörder durch Brian Cox und Tom Noonan. Mir gefällt er besser als Demmes viel gepriesener Klassiker, der mir immer etwas zu perfekt erscheint. Vieles bleibt ungesagt und ungreifbar, schwelt und brodelt unter der Oberfläche: SILENCE OF THE LAMBS ist zwar auch eher als unterkühlt zu bezeichnen, aber er zeigt eine gewisse Freude am Makabren, ist insgesamt grafischer und stilistisch näher am Horrorfilm als Manns MANHUNTER, der ja von ausgesucht geschliffener Artifizialität ist. Ich liebe ihn – glücklicherweise immer noch, wie ich bei dieser ersten Sichtung nach vielen Jahren bemerken durfte.

MANHUNTER ist ein Film voller Spiegelungen und begehrender Blicke: Es werden ständig Fotos gemacht, Bilder und Videoaufzeichnungen angeschaut, Gemälde betrachtet, Texte interpretiert, Träume entschlüsselt – und schließlich Scheiben zerschlagen. Da ist der „Rote Drache“ Francis Dollarhyde (Tom Noonan), ein Serienmörder, der töten muss, weil er die Bewunderung seiner Opfer will. Er tötet sie, drapiert sie in bizarren Tableaus als sein Publikum, nachdem er sie zuvor tagelang ausspioniert. Graham – ein Profiler, der bei der Jagd nach dem gefährlichen Mörder Hannibal Lecktor (Brian Cox) (er schreibt sich hier wirklich so) fast den Verstand verlor – muss sein mentaler „Zuschauer“ werden, sich dem Killer gedanklich erneut so weit annähern, dass er mit ihm nahezu identisch wird, ohne seine eigene Persönlichkeit ganz zu verlieren. Er umkreist die Tatorte wie sein Rivale, begibt sich in seine Gedankenwelt und findet so schließlich seine Spuren, die es ihm ermöglichen, ihn zu verstehen, seine weiteren Schritte zu antizipieren. Die Szenen, in denen Graham Eingang in den Kopf des Killers findet, seine Vorstellungswelt „aufschließt“, inszeniert Mann nicht nur als triumphale intellektuelle Augenblicke, sondern als beinahe transzendental. Graham, ein grüblerischer, stiller Typ, wächst in diesen Szenen über sich hinaus. Dass dieses Über-sich-hinaus-Wachsen damit einhergeht, dass er in einen geisteskranken Killer „hineinwächst“, birgt das Drama und das verstörende Element des Films. Der Spiegelcharakter von Betrachter und Betrachtetem zeigt sich auch in der verblüffenden Symmetrie von Schuss und Gegenschuss in den Gesprächen zwischen Graham und Lecktor, in der Tatsache, dass Graham und seine Familie dem bevorzugten Opferprofil Dollarhydes nahezu idealtypisch entsprechen, sowie in der Gestalt der blinden Reba (Joan Allen), in die der Killer sich verliebt und die Grahams Gattin Molly Kim Greist) stark ähnelt. Von den Spiegelungen und Blicken ist es nur noch ein kurzer Schritt zur Kunst: Die Taten Dollarhydes sind Performances, er wird nicht von Lust übermannt, sondern zeichnet sich durch eine artistische Vision, akribische Planung und totale Kontrolle in der Ausführung aus: So betrachtet wird Graham sein Student, er muss die Werke des Schöpfers interpretieren, um dem Menschen hinter ihnen auf die Schliche zu kommen. Dazu passt es, dass das Gebäude, in dem er den inhaftierten Lecktor besucht, weil er sich von ihm wichtige Anregungen erhofft, in Wahrheit das High Museum of Art in Atlanta ist, und Grahams Wohnhaus dem Künstler Richard Rauschenberg gehört.

In dieser Hinsicht interessant und unbedingt erwähnenswert scheint mir auch die Tatsache, dass Mann sich im selben Jahr ein weiteres Mal mit der Beziehung von Profiler und Killer auseinandersetzte und das mit verblüffend ähnlichen Mitteln: Nur wenige Woche nach dem Kinostart von MANHUNTER wurde „Shadow in the Dark“ im Fernsehen ausgestrahlt, die insgesamt 50. Episode der von Mann produzierten Erfolgsserie MIAMI VICE. In der Folge werden Crockett (Don Johnson) und Tubbs (Philip Michael Thomas) herangezogen, um einen home invader zu stellen. Der Mann pflegt in große, mit Glasfronten ausgestattete Häuser einzudringen, dort bizarre Wandgemälde zu hinterlassen, sich am Kühlschrank zu bedienen und Hosen zu stehlen. Niemand weiß, wie der Mann aussieht, noch, was er tun wird, wenn eines seiner Opfer aufwacht. Gilmore (Jack Thibeau), der eigentlich ermittelnden Polizist, ist bei dem Versuch, die Denkweise desTäters zu ergründen, wahnsinnig geworden. Nun ist es an Crockett, dem Mann auf die Schliche zu kommen, bevor er zum Mörder wird: Die Dramaturgie seiner Einbrüche legt nahe, dass dies nur noch eine Frage der Zeit ist. Auch wenn „Shadow in the Dark“ den Konventionen einer Serienepisode verpflichtet bleibt und weder die Tiefe noch die ästhetische Klasse von MANHUNTER erreicht, lohnt sich ein direkter Vergleich.

 

 

 

 

 

Detroit ist eine im Sterben liegende Stadt. Der Ort, wo „der American Way of Life erfunden“ wurde, wie ein Journalist angesichts der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der Stadt sagt, in der die Massenproduktion der amerikanischen Automobilindustrie erfunden wurde, ist heruntergekommen, von Armut und Verfall gezeichnet. Angeblich stehen rund 60.000 Häuser leer, die Einwohnerzahl hat sich in den letzten Jahrzehnten halbiert, das einzige, was noch floriert, ist die Kriminalitätsrate. Derzeit wird zwar der Aufschwung beschworen, aber noch säumen ausgestorbene Vorstädte die Peripherie des Zentrums, darauf wartend, dass das Leben zurückkehrt. Der desolate Zustand von Industriestädten wie Detroit ist wahrscheinlich einer der vielen Gründe, die den Aufstieg eines Populisten wie Trump begünstigen konnten – und liefert insofern gleich in doppelter Hinsicht das ideale Setting für einen Horrorfilm. Dass seine von der Natur reklamierten Wohnviertel und brachliegenden Firmengrundstücke höchst fotogen sind, hat ja zuletzt der großartige IT FOLLOWS unter Beweis gestellt. Nun tritt also Fede Alvarez, Regisseur des damals viel beachteten EVIL DEAD-Remakes in die großen Fußstapfen.

Die Hoffnung auf Besserung haben seine drei Protagonisten, die Teenager Rocky (Jane Levy), Alex (Dylan Minnette) und Money (Daniel Zovatto) längst aufgegeben. Rocky will nicht nur wegen des miesen Wetters und der tristen Zukunftsaussichten weg, sondern auch, weil sie ihrer Schwester ein besseres Zuhause bieten möchte, als das, was sie derzeit bei ihrer versoffenen Mutter und ihrem mit Hakenkreuzen tätowierten Stecher vorfinden. Um den Umzug ins gelobte Land Kalifornien zu finanzieren, brechen die drei in Wohnhäuser ein und klauen alles, was auf dem Schwarzmarkt Geld verspricht. Weil die Gewinnspannen aber zunehmend kleiner werden, wird ein neuer Plan geschmiedet: Im Haus eine kriegsversehrten Irak-Veteranen (Stephen Lang) soll ein Vermögen versteckt sein, dass er einst bekam, als seine Tochter überfahren worden war. Der Einbruch gelingt, der blinde Soldat scheint ein besonders leichtes Opfer zu sein, doch dann kommt alles ganz anders: Das Opfer wird aufgeschreckt, wenig später liegt Money tot am Boden und Rocky und Alex sind in dem festungsartig verbarrikadierten Haus gefangen …

Wie sein Vorgänger lebt auch DON’T BREATHE von der Reduktion des Handlungsraumes. Das Haus des Veteranen bietet zunächst ausreichend Verstecke und Möglichkeiten, dem Blinden auszuweichen, doch die Fluchtoptionen werden mehr und mehr beschnitten. Als das Opfer bemerkt, dass es nicht allein ist, beginnt es Türen und Fenster zu verbarrikadieren; während einer an THE SILENCE OF THE LAMBS erinnernden Sequenz zwingt er den in einem Keller gefangenen Rocky und Alex durch Löschen jeglichen Lichts seine Perspektive auf; schließlich wacht der bissige Rottweiler aus seinem betäubungsmittelinduzierten Schlaf wieder auf und erscheint verlässlich überall da, wo sein Herrchen gerade nicht sein kann. Die Beschneidung von Handlungsspielräumen, das Festnageln in einer desolaten Situation: Es ist nicht zu weit hergeholt, in Alvarez‘ Spannungsstrategie eine drastisch gesteigerte Fortsetzung jener ökonomischen Zwänge zu sehen, die seine Figuren überhaupt in ihre missliche Lage getrieben haben. Was bittererweise auf beide Seiten zutrifft: Seine jugendlichen Protagonisten hängen in einer sterbenden Stadt und in dysfunktionalen Familien fest, die keinerlei Zukunftsperspektiven bieten, der Veteran hat zwar ein Vermögen im Geldschrank, aber dessen Wert ist rein symbolisch, denn er nimmt längst nicht mehr an einem normalen Leben teil, in dem ihm dieses Geld einen echten Nutzen brächte. Sein Haus ist ein Mausoleum, in das er sich – durch einen Granatsplitter zum Krüppel geworden, zerstört von der Trauer um seine mit Gewalt aus dem Leben gerissene Tochter, völlig vereinsamt – zum Sterben zurückgezogen hat. Oder vielmehr um einen noch finsteren Plan zu verwirklichen, die dem Film im letzten Drittel noch einmal eine hübsch geschmacklose Volte bringen.

Alvarez hat damals schon aus der wenig beneidenswerten Aufgabe, einen Film neu aufzulegen, dessen Update keiner wirklich haben wollte, das Beste gemacht. Hier erweist er sich als überaus geschickt darin, ein minimalistisches Szenario auszureizen und dem Publikum die Daumenschrauben anzulegen. DON’T BREATHE ist fies spannend, von zupackender Härte, ohne dabei in pubertäres Gore-Gematsche abzugleiten (ein Vorwurf, den sich der ganz ähnlich gelagerte THE GREEN ROOM gefallen lassen musste), und sehr effektiv inszeniert: Besonders hervorzuheben sind hier m. E. der Einsatz von Stille und das plötzliche Einbrechen von Soundeffekten, die jedesmal für den entsprechenden Schock sorgen. Aber DON’T BREATHE ist längst nich nur gut geölte Spannungsmaschine: Wie hier letztlich die Verlierer der sozio-ökonomischen Realität aufeinander losgehen, spiegelt den traurigen Zustand, in dem sich die westlichen Industrienationen derzeit befinden und diesen mit einem beunruhigenden Rechtsruck bezahlen.

 

Den Unterschied zwischen Film als Kunst und Film als Konsumprodukt erkennt man gut, wenn man Milius‘ einzigartigen CONAN THE BARBARIAN mit Marcus Nispels Neuverfilmung vergleicht. Während das Original dem Zuschauer in einem nur schwer zu beschreibenden Erzählrythmus zäh und gewaltig wie ein Lavastrom entgegenwalzte, damit eine von Blut und Stahl bestimmte Vorzeit greifbar machte und nebenbei eine angemessen größenwahnsinnige Interpretation nietzscheanischer Philosophie lieferte, läuft Nispels Version ohne jedes Brennen, ohne Verschlucken rein,  ohne, dass irgendwas wirklich hängenbliebe. Die archaische Rohheit, die brachiale Urgewalt werden ersetzt durch slicken CGI-Splatter, der tumbe Berserker in der Titelrolle einem smart grinsenden Gillette-Mann mit Sixpack. Die grenzenlose Epik wurde dem zugrundeliegenden Stoff ebenfalls ausgetrieben, geblieben ist ein verschwitzten Abenteuerchen mit strahlendem Helden, finsterem Schurken und anmutiger damsel in distress. 

Wenn man sich damit abgefunden hat – und wer hätte denn wirklich etwas anderes erwartet? –, dann bietet Nispels CONAN THE BARBARIAN immerhin bunte, blutige Unterhaltung, die dem Vorbild keine Schande macht: weil sie den direkten Vergleich erst gar nicht sucht und sich darbietende Fettnäpfchen vermeidet. Marcus Nispel weiß natürlich, wie man die passenden, mystisch aufgeladenen Bilder zaubert, Szenen wie die eröffnende Geburt Conans während eines blutigen Kampfes durch tödlichen Kaiserschnitt, deuten an, was vielleicht hätte sein können, Stephen Lang, Ron Perlman und Rose McGowan schmeißen sich mit sichtbarer Spielfreude in ihre Rollen, und die Anwesenheit eines fiesen Tentakelmonsters hat auch noch keinem Film geschadet. Ich hatte nicht viel erwartet, das war sicherlich hilfreich. Kann man sich mal angucken.

Als ein Serienmörder seine Lebensgefährtin umbringt, stürzt sich der FBI-Agent Jake Malloy (Sylvester Stallone) in den Alkoholismus. Sein Partner Hendricks (Charles S. Dutton) bringt ihn schließlich in ein Rehabilitationszentrum, das von einem Ex-Cop (Kris Kristofferson) speziell für alkoholabhängige Polizisten geführt wird. In der verschneiten Einöde Wyomings befinden sich die Patienten in einem ehemaligen Bunker in totaler Isolation. Hilfe ist also nicht in Sicht, als die ersten Insassen sterben. Es scheint, als sei der Serienmörder Malloy gefolgt …

Ich erinnere mich noch daran, als ich bei einem Kinobesuch das Plakat sah, das D-TOX seinerzeit ankündigte. „Juchhuuh, ein neuer Stallone!“, dachte ich mir, war es doch in den Jahren zuvor ziemlich ruhig geworden um mein Jugendidol. Das war dann aber auch das letzte, was ich von D-TOX mitbekam: Der Film kam ohne großes Trara ins Kino und verschwand innerhalb kürzester Zeit wieder. Er floppte so massiv, dass Stallones nächster Film AVENGING ANGELO in Deutschland gar nicht erst den Weg ins Kino fand, sondern gleich auf DVD verwurstet wurde: Es war seit 1984 und seinem Komödienflop RHINESTONE der erste Film Stallones, dem in Deutschland dieses Schicksal wiederfuhr.

Die Erwartungen an D-TOX waren heute dementsprechend gering und vielleicht lag es nur daran, dass mir die erste halbe Stunde sogar ganz gut gefiel. Klar, die Creditsequenz ist ein sieben Jahre verspäteter Rip-off von SE7EN, aber Stallone macht seine Sache sehr ordentlich und sieht auffallend frisch aus. Der Film versumpft dann aber in genau dem Moment, in dem er eigentlich losgehen sollte, nämlich mit Betreten des Reha-Centers, in der totalen Beliebigkeit. Gillespie hatte vorher einen Überraschungserfolg mit I KNOW WHAT YOU DID LAST SUMMER gelandet und D-TOX zeigt eindrucksvoll, dass er seitdem nichts dazugelernt hat. Nach dem ausgelutschten Slasher-Prinzip wird die müde Handlung abgespult, mit dem Unterschied, dass es hier keinerlei Schauwerte gibt. Das Setting sollte wohl eine ähnlich klaustrophobische Stimmung erzeugen wie Carpenters THE THING, doch bedarf es dazu eines größeren inszenatorischen Geschicks, einer ausgefeilteren Dramaturgie und vor allem Charaktere, die einem nicht völlig egal sind. Mühsam und höhepunktarm schleppt sich der Film über die Zeit, das eintönige Grau-in-Grau ermüdet auch den wohlwollendsten Zuschauer. Erst zum Ende, wenn Malloy den Bösewicht hübsch sadistisch killt, kommt noch einmal ganz kurze Stimmung auf, ansonsten ist D-TOX ein Schlafmittel erster Güte.

Dabei war hier doch zumindest Potenzial wenn schon nicht für einen guten Thriller, so doch immerhin für einen beknackten Baddie vorhanden. Die Idee, dass eine Gruppe von Polizisten sich im Nirgendwo zu einer Therapie versammelt, ist schon ziemlich hanebüchen, und wie die vermeintlichen Profis sich verhalten, als es ernst wird, wirft auch kein gutes Bild auf den Zustand der Verbrechensbekämpfung. Was das überhaupt für Gestalten sind: Keiner von denen macht den Eindruck, dass er überhaupt einsieht, eine Therapie nötig zu haben. Wahrlich beste Voraussetzungen für den Erfolg. Woraus jemand wie etwa Renny Harlin einen schön durchgeknallten Big-Budget-Trasher gemacht hätte, wird unter der Regie von Gillespie ein langweiliger Thriller, der niemanden aufregt, ein Serienmörderfilm ohne Schrecken, ein Slasher ohne Gore. Das braucht in dieser Form wirklich kein Mensch.

Als sein Partner bei der Ermittlung eines Umweltvergehens in den Appalachen unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, beginnt der EPA-Beamte Jack Taggert (Steven Seagal) dort seine Nachforschungen. Zwar erlangt er schnell das Vertrauen der schönen Sarah (Marg Helgenberger) und des alten Harrys (Harry Dean Stanton), doch die meisten Einwohner des Kaffs stehen ihm ablehnend gegenüber: Kein Wunder, denn sie stehen auf der Gehaltsliste des Industriellen Orin Hanner (Krist Kristofferson), der toxische Abfälle in den stillgelegten Minen deponiert. Aber Taggert lässt in seinem Kampf gegen die Umweltverschmutzung und das Verbrechen nicht locker …

Als ich FIRE DOWN BELOW damals kurz nach Erscheinen begutachtete, war die Enttäuschung gr0ß. Zwar kam schon der kurz zuvor entstandene THE GLIMMER MAN nicht mehr an die Klasse der vorrangegangenen Filme heran, doch tröstete mich darüber noch die Euphorie hinweg, die es auslöste, Seagal zum ersten Mal im Kino erleben zu dürfen. FIRE DOWN BELOW ist ohne Frage der seagalistischere Film der beiden, er wirkt persönlicher als THE GLIMMER MAN, in dem man versuchte, die Strukturen des Buddy-Movies und des Serienmörderfilms auf einen Seagal-Film zu übertragen, was nur bedingt funktionierte. Aber dafür ist er deutlich zahmer: Bis zum Showdown gibt es kaum Actioneinlagen und die gnadenlose Art, mit seinen Gegnern abzurechnen, für die man Seagal lieben gelernt hat, weicht hier einer gemäßigten, diplomatischeren Variante. Dafür kann man Seagal mal wieder in seinem Righteous-Preacher-Mode erleben, den man zum ersten Mal in ON DEADLY GROUND bewundern durfte: Er hält sogar eine Rede während eines Gottesdienstes, mit der er die Anwesenden aufrütteln möchte! Und diese Masche sorgt dann doch für diese Momente, wegen der man Seagal-Fan ist: Er versucht einen (an der Umweltverschmutzung erkrankten) Jungen aufzumuntern, er schmeißt sich an Sarah ran, die in der Stadt ein trauriges Außenseiterdasein führt, er repariert Verandas und Dächer und spielt zum ersten Mal in einem seiner Filme Gitarre (Vern weist in seinem unbedingt lesens- und besitzenswerten Buch „Seagalogy: A study of the ass-kicking Films of Steven Seagal“ darauf hin, dass sich in der Besetzungsliste viele Musiker befinden). Besonders awkward ist seine erste Begegnung mit Sarah, in der er seine Stimme nicht über ein eindringliches Flüstern erhebt, während sie ganz normal spricht. Wenn man Seagal also mag, dann ist dieser Film unumgänglich, aber ich würde ihn dennoch als den schwächsten Eintrag seiner Filmografie bis zu diesem Punkt bezeichnen. Er ist mir einfach eine Nummer zu träge, er braucht zu lang bis etwas passiert. Die Actioneinlagen sind dann zwar alle sehr nett (der Sturz eines Sattelschleppers über eine Klippe bleibt im Gedächtnis), aber auch sehr kurz und blutleer. Gleichzeitig ist FIRE DOWN BELOW aber auch nicht so Over-the-top kitschig und albern wie der folgende THE PATRIOT – mit Ausnahme des neongrünen Giftmülls, der sich am Ende über einige arme Bad Guys ergießt –, der mit seinem totalen Verzicht auf Action zugunsten eines introvertierteren Tons eine konsequente Weiterentwicklung dieses Films darstellt. FIRE DOWN BELOW sitzt etwas zwischen den Stühlen: Action interessierte Seagal offensichtlich nicht mehr so, ganz darauf verzichten wollte er aber auch noch nicht.

Mal wieder BAND OF THE HAND geguckt. Mal wieder großartig gefunden. Mal wieder meinen alten Text dazu gelesen. Festgestellt, dass ich dem heute nichts hinzuzufügen habe. Außer natürlich: Anschauen!