Mit ‘Stephen McHattie’ getaggte Beiträge

Vielleicht kann man über THE TALL MAN schreiben, ohne hart zu spoilern. Ich wüsste allerdings nicht wie – und hätte auch gar keine Lust, diesen Text zu schreiben. Wer THE TALL MAN noch nicht kennt und ihn noch sehen möchte, sollte nicht weiterlesen, es sei denn, es macht ihm nichts aus, hier über die größte Enthüllung des Films bereits im Vorfeld in Kenntnis gesetzt zu werden. Wer noch eine Empfehlung benötigt: Ja, der Film lohnt sich, weil er stimmungsvoll und originell ist und zum Nachdenken anregt. Das hat er mit Laugiers MARTYRS gemein, der mich allerdings  thematisch nicht so angesprochen hat wie dieser hier. Ich müsste MARTYRS wahrscheinlich noch einmal sehen, um ihn gerecht zu beurteilen – damals hat mich sein Ende extrem abgetörnt – aber da der Schluss von THE TALL MAN dem von MARTYRS recht ähnlich ist, sehe ich für mich Chancen für den vielerorts enorm gefeierten Film.

THE TALL MAN erinnert zunächst stark an Stephen Kings IT. In der nicht näher lokalisierten ehemaligen kanadischen Bergbaustadt Cold Rock, die nach der Schließung der Mine verfällt und ausstirbt, verschwinden regelmäßig Kinder. Der Volksmund berichtet von einem „tall man“, der sie verschleppe und in die Wälder bringe. Eines Tages trifft dieses Schicksal die Krankenschwester Julia (Jessica Biel), die nach dem Tod ihres Ehemanns dessen Funktion als Arzt des Örtchens übernommen hat: Ihr Sohn verschwindet, wird ihr entrissen von einer in einen dunklen Mantel gehüllte Gestalt, die sie bis in die Wälder verfolgt und erst dann verliert. Der Kriminalbeamte Dodd (Stephen McHattie) findet die verletzte und erschöpfte Frau und bringt sie nach Cold Rock zurück, dessen Einwohner aber keinerlei Mitleid zeigen, sondern sich vielmehr in einer Art Lynchmob gegen die Frau formieren.

Es stellt sich heraus – das ist die große Überraschung des Films, die allerdings schon nach etwa zwei Dritteln der Laufzeit enthüllt wird -, dass Julia mitnichten ein Opfer, sondern der tatsächliche Täter ist: Sie hatte damals gemeinsam mit ihrem Mann begonnen, die Kinder aus den prekären Verhältnissen der in Cold Rock lebenden Familien zu „befreien“, sie zunächst selbst zu versorgen und dann an reiche Familien in der Großstadt abzugeben. Die erschütternde Dystopie des Films zeigt eine durch die Logik des Kapitalismus und Neoliberalismus zerstörte Welt, in der Kinder ihren leiblichen Familien entrissen werden müssen, um ihnen das Leben zu ermöglichen, das sie verdient haben. Aber ironischerweise werden sie dabei selbst zu Produkten, deren Wert und Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird.

Das erschütternde an THE TALL MAN, ist dass er zunächst sehr konsequent die Perspektive der Täterin einnimmt, den Beachter zur Identifikation, Sympathie und Empathie mit bzw. für eine Frau zwingt, die ein schreckliches Verbrechen begeht und sich dabei im Recht fühlt. Und er behält die Nähe zu ihr auch dann noch, wenn es an ihrer Schuld keinen Zweifel mehr gibt. Aber Laugier geht noch weiter: Ihre Überzeugung, den Kindern zu einem besseren Leben verhelfen zu müssen, trifft nicht nur auf sein Verständnis, der größere, dahinter liegende Plan nimmt bis zu den drei letzten gesprochenen Worten des Films gar den Charakter einer Utopie an. Könnte es vielleicht tatsächlich ein Ausweg sein, sozial schwache Familien quasi zu zwangsenteignen und ihre Kinder in bessere Hände zu geben, weil Geld zwangsläufig mit Liebe koinzidiert? Es ist ein schockierender Gedanke, den aufrechtzuerhalten Laugier sich dann doch nicht getraut hat. Aber er kommt ihm verdammt nahe.

Was THE TALL MAN darüber hinaus vermissen lässt, ist eine formale Gestaltung, die es mit seinem provokanten Inhalt aufnehmen könnte. Ich bezweifle auch, dass der Film bei einer wiederholten Sichtung noch etwas zu bieten hat. Er ist ohne Zweifel schön und stimmungsvoll fotografiert, gut gespielt, vor allem von der Hauptdarstellerin, und vielleicht offenbaren sich auch noch ein paar Kniffe, die bei der Erstbegegnung, während der man sich ganz auf die Geschichte konzentriert hat, an einem vorbeigeflogen sind. Aber THE TALL MAN lädt zu Überprüfung nicht unbedingt ein, weil er weder besonders spannend ist noch übermäßige Schauwerte zu bieten hat. Er hat mir gut gefallen, ich halte die Fragen, die er aufwirft, für richtig. Aber es reicht auch, sich einmal mit ihnen zu beschäftigen.

 

Nach der Scheidung seiner Mutter Sally (Catherine Hicks) von seinem Vater Paul (Edward Herrmann) geht der kleine Billy (Peter Billingsley) mit ihr zusammen auf eine Urlaubsreise durchs Death Valley – gemeinsam mit ihrer alten Jugendliebe und neuem Partner Mike (Paul Le Mat). Während Mike versucht, das Vertrauen des Jungen zu gewinnen, kommt der durch Zufall einem Serienmörder auf die Schliche, der die Gegend seit Jahren unsicher macht und sich an Billys Fersen heftet, als er von dem unliebsamen Zeugen erfährt …

John McCarty, Autor des einst wegbereitenden „Splatter Movie Guide“ hat nicht allzu viele gute Worte für DEATH VALLEY übrig: Er lobt die erstklassige Cinematografie von Richards und Kameramann Stephen H. Burum, der mit seiner Arbeit jahrelang Brian De Palmas Filme veredelte, verreißt den Film aber als „glorified tv“, also etwa als aufgemotztes Fernsehfilmchen. Ich finde das ein bisschen unfair. Es ist richtig, DEATH VALLEY bietet nicht viel mehr als überdurchschnittlich solide gemachtes Entertainment, das mit tollen Bildern aufwartet, aber das ist ja immerhin schon etwas, finde ich. Richards holt viel aus seiner Prämisse raus, nutzt die endlose Weite und Leere der Wüste für atmosphärische Bilder, die Robert Harmons Miniklassiker THE HITCHER vorwegnehmen, hat dann viel Spaß mit der kitschigen Kulisse einer für Touristen betriebenen Westernstadt und schafft es zudem die tatsächlich etwas fernsehhafte Figurenkonstellation mit Leben zu erfüllen.

Filme mit Kindern als Hauptfiguren sind oft problematisch und auch Billy ist wirklich ein geradezu herzerwärmend hübscher kleiner moppet, aber der Konflikt zwischen ihm und dem um Anerkennung ringenden Ersatzpapa fühlt sich trotzdem sehr echt an – das habe ich schon viel, viel schlechter gesehen und zwar in deutlich größeren Filme. Auch die Eingangsszene mit Edward Herrmann als Papa, einem Professor, der den Jungen ins Museum mitnimmt, ihn im Schachspiel gegen einen Opa im Park unterweist und anschließend antike Klassiker mit ihm rezitiert, ist sehr schön geraten, weil sie Billys emotionalen Konflikt kontextualisiert ohne gleichzeitig den „neuen“ Papa zu diskreditieren. Es ist eine Szene, die der Film nicht unbedingt gebraucht hätte (als DEATH VALLEY mit Bildern von New York eröffnete, dachte ich zuerst, ich hätte den falschen Film angeworfen), die aber zeigt, dass die Charaktere Richards am Herzen lagen.

Wenn ich DEATH VALLEY etwas vorwerfen würde, dann dass er es versäumt, im letzten Drittel eine Schippe draufzulegen. Zwar ist das Finale durchaus spannend und zupackend, aber auch ein bisschen unspektakulär. Es spielt sich eben ziemlich genauso ab, wie man das erwarten konnte, was nach dem behutsamen und schönen Aufbau ein bisschen enttäuschend ist. Trotzdem: Ich freue mich immer wieder darüber, über solche Filme zu stolpern, die noch nicht an jedem Baum als vergessene Perle abgefeiert werden. Mich mit der Entdeckung zu brüsten ginge trotzdem zu weit, immerhin ist DEATH VALLEY in den USA auf Blu-ray erschienen, was seiner visuellen Pracht sehr angemessen ist. Wilford Brimley hat einen wunderbaren Auftritt als kinderfreundlicher Sheriff und Stephen McHattie, den man wahrscheinlich am ehesten aus PONTYPOOL und WATCHMEN kennt, ist gut besetzt als Wüstenkiller mit einem MAD MAX-artig aufgemotzten Wagen. Wenn man irgendwann diese Welt verlässt, ohne DEATH VALLEY gesehen zu haben, hat man nicht unbedingt etwas zu bedauern, aber wenn man ein Herz für sauber inszenierte Spannungsware hat, die nicht unbedingt zum Kanon gehört, sollte man ihm ruhig eine Chance geben.