Mit ‘Steve Carver’ getaggte Beiträge

Bei einer gemeinsamen Landpartie berichte das Glamour-Girl Iris (Susan Blakely) ihrem Liebhaber, dem Gangsterboss Capone (Ben Gazzara), mit dem sie lieert ist, von einer Freundin, deren Freund sie betrogen habe. Ob er da nicht „etwas“ tun könne? Natürlich, gibt Capone, zu verstehen, keinen Zweifel daran lassend, dass er jedereit einen ihm völlig Unbekannten umbringen lassen würde. Iris ist kurz schockiert und fragt noch einmal nach. „Es ist eine Freundin von dir, du bist eine Freundin von mir und Freunden hilft man“, bestätigt Capone seine klaren Prinzipien. Ihr Erschrecken weicht einem teuflischen Lächeln: „Darf ich zuschauen?“

Die beste Szene des Films lässt erahnen, warum Corman in den Siebzigerjahren mit seinen Period Pieces offene Türen einrannte: Die Faszination der Gewalt trägt weit, vor allem in den USA, deren Reichtum in nicht unerheblichem Maße auf Blut gegründet ist (wahrscheinlich gilt das sogar für allle Industrienationen). Sie erklärt aber auch, warum Carvers CAPONE gar nicht erst versucht, den Mann hinter dem weltberühmten Namen als Individuum aus Fleisch und Blut begreiflich zu machen, sondern sich damit begnügt, die Legende vom blutrünstigen, machtgeilen Narbengesicht weiterzuerzählen. Was Capone antreibt, warum er selbst Freunde mit Eiseskälte über die Klinge springen lässt, bleibt sein Geheimnis. Sind es vielleicht schon die Vorboten der Sipyhlis, die ihn 1947 im Alter von 48 Jahren tötete? Angeblich hatte er sich aber erst 1928 mit der Krankheit infiziert.

So begnügt sich der Film damit, den Aufstieg und die Bluttaten von Capone in episodisch-rasanter Folge nachzuerzählen, mit einiger Freiheit gegenüber den verbrieften Fakten außerdem. Das trägt nicht nur, weil die Geschichte gut ist, CAPONE perfekt besetzt und von Sparfuchs Corman schön ausgestattet, sondern eben auch, weil gerade die Weigerung, den Protagonisten irgendwie psychologisch aufzuschlüsseln, den Faktor der Faszination unterstützt. Müssen wir uns einfach damit abfinden, dass es Menschen gibt, die brutal sind, Freude an der Gewalt haben und kein Mitleid kennen? Es scheint so. Schon Capones erste Bluttat des Films, der Angriff auf zwei Polizisten, die einen Einbruch vereiteln wollen, folgt keiner echten Motivation, er geht einfach seinem Impuls nach. Auch sein Mentor Johnny Torrio (Harry Guardino), der Capone unter seine Fittiche und mit nach Chicago nimmt, kann diesen „Straßenköter“, der keine Manieren kent, nur den Rausch der Macht, nicht austreiben. Und in einem System der Gewalt obsiegt der, der am skurpellosesten ist. Das sich über mehrere Jahre erstreckende Blutregime gipfelt in der Hinrichtung von sieben Männern aus der Bande von Bugs Moran im Jahr 1929: Dem sogenannten „St. Valentine’s Day Massacre“ hatte Corman einige Jahre zuvor schon einen eigenen Film gewidmet (mit Jason Robards in der Rolle Capones) und es ist interessant, das hier noch einmal zu sehen, in Bildern, die sich von der älteren Variante kaum unterscheiden (ein paar Szenen aus ST. VALENTINE’S DAY MASSACRE werden in CAPONE erneut verwendet).

Es ist der Zeitpunkt, an dem sich auch die Untergebenen endgültig von ihrem Chef abwenden, sogar der treue Bodyguard Frank Nitti (Sylvester Stallone), der aber den Teufel tun und Capone konfrontieren wird: Stattdessen gibt er den Obrigkeiten den Hinweis, der Capone schließlich in den Bau bringt und ihm die Führung des Chicagoer Outfits. Von Elliott Ness und seinen „Unbestechlichen“ felt in Carvers Film jede Spur. CAPONE endet mit einem Besuch Nittis bei seinem alten Boss, der aber, von der Siphylis gezeichnet, nur noch wüste Tiraden gegen die „Bolschewiken“ ablässt und sonst nicht mehr ansprechbar ist. Seinem eigenen Helfer gibt Nitti noch auf den Weg, dass man sich als Boss nicht vor den Feinden, sondern vor den engsten Vertrauten schützen muss. Der so Belehrte schaut ominös in die Kamera, aber Nitti wählte den Zeitpunkt seines Todes selbst. 1943 erschoss er sich selbst, warum ist bis heute ungeklärt.

CAPONE ist durchweg unterhaltsam und bereitet seinem Hauptdarsteller natürlich eine wunderbare Bühne: Mit Wattepfropfen in den Backen dreht Gazzara mächtig auf, schreit, geifert, heult und spuckt. Er gibt dem Verbrecher das manische Lächeln einer Hyäne, zeichnet ihn als lüsternen Psychopathen, der nie ein anderes Mittel kannte als die Gewalt. In weiteren Rollen sind u. a. John Cassavetes als Frankie Yale zu sehen, Martin Kove als Morans Killer Frank Gusenberg, etliche wunderbare italoamerikanische Charakterfressen und natürlich Dick Miller als korrupter Bulle, der einmal gegen Capone gewinnen darf, aber daraufhin eine nachhaltige Warnung bekommt.

Advertisements

Steve LONE WOLF MCQUADE Carvers letzter Film datiert auf das Jahr 1996 und wurde von Atze Brauners Bruder Wolf für dessen Produktionsfirma CCC gedreht. Schurkendarsteller Raimund Harmstorf, der hier Giftfässer in Alaska verbuddelt und Geologen umbringt, nahm sich zwei Jahre später das Leben: Zwar nicht aus Scham über diesen Film, aber THE WOLVES ist trotzdem nicht so richtig gut. Warum, das kann man in meinem Text auf critic.de lesen. Und die DVD danach via Pidax erwerben, wenn man denn unbedingt möchte.

Es gibt Filme, die wollen einfach nicht klicken. BIG BAD MAMA habe ich jetzt wohl zum dritten Mal eingeschmissen, nachdem ich ihn bislang immer nach kürzester Zeit wieder ausgemacht habe. Ich war besten Willens, aber es funktioniert einfach nicht. Ich finde die geschäftige Aufregung des Films, die unermüdliche Aneinanderreihung heiterer Episoden, die kundenorientierte Verbindung von Sex und Crime nicht etwa unterhaltsam und temporeich, sondern hochgradig öde und nervtötend.

BIG BAD MAMA erzählt, wahrscheinlich inspiriert vom Erfolg von Cormans eigenem BLOODY MAMA, von der Karriere von Wilma McClatchie (Angie Dickinson), die ihren beiden Töchtern Billie Jean (Susan Sennett) und Polly (Robbie Lee, bekannt aus SWITCHBLADE SISTERS) während der Depression ein sorgenfreies Leben ohne Armut ermöglichen will und sie deshalb auf eine verbrecherische Tour gen Westen mitnimmt. Sie verdingen sich erst als Moonshine Runner, nehmen dann kleinere Etablissements und Banken aus – mithilfe der unterwegs aufgelesenen Ganoven Fred Diller (Tom Skerritt) und William J. Baxter (William Shatner) –, bis sie ihren großen Coup planen: die Entführung einer Millionärstochter.

Das Problem ist wohl, dass dem von Steve Carver (der bei Chuck-Norris-Filmen deutlich besser aufgehoben war) mit dem erzählerischen Talent eines Buchhalters realisierten Film jeder dramaturgische Überbau fehlt. Mama McClatchie will also, das es ihren Töchtern gut geht. Das war’s und muss als Motivation für ihre Verbrechen ausreichen. Die Töchter sind ähnlich unterentwickelt und ihre Rolle erschöpft sich im weiteren Verlauf des Films darin, in regelmäßigen Abständen blank zu ziehen. Carver bemüht für seinen episodenhaft zerfallenden Film dabei eine slapstickartige quirkiness, die einfach nur billig und in Verbindung mit dem spekulativen Inhalt auch etwas abstoßend wirkt. Was man mit mehr Talent aus dem Stoff machen kann, hat Jonathan Demme ein Jahr später mit CRAZY MAMA bewiesen. Dass Corman nur ein Jahr nach BIG BAD MAMA bereits ein Quasi-Remake in Auftrag gab, sollte hinsichtlich der Qualität dieses Films zu denken geben. Aber wie gesagt: Vielleicht ist das ja auch nur mein ganz persönliches Problem.

Weil die Sportabteilung der L.A. University unter ihrem Leiter Beetlebom (R. G. Armstrong) seit Jahren keine Erfolge feiern konnte, droht der Rektor White (Christopher Lee) Maßnahmen an. Seine Hoffnungen liegen auf dem Tennisteam, das von Chip Williams (Richard Roundtree) gecoacht wird und trotz disziplinärer Probleme halbwegs erfolgreich ist. Die Meisterschaft soll her, doch die Mitglieder der Mannschaft – u. a.  das launische Wunderkind „The Kid“ (Scott Strader), der überfreundliche Jeff (Perry THE BIG RED ONE Lang) und der furchterregende „Ripper“ (Don BLOODSPORT Gibbs) – haben nur Party im Sinn …

Ich hatte ja zuletzt immer mal wieder einen Teeniefilm auf dem Sichtungsplan und diese Tradition wird in den nächsten Wochen in loser Folge fortgesetzt – dank der „Too Cool For School-Collection“, die zu bescheidenem Preis gleich 12 Teeniefilme der zweiten und dritten Reihe vereint. Ich hoffe allerdings, dass JOCKS nicht allzu repräsentativ für das Niveau ist, denn gemessen an den Erwartungen, die der ansehnliche Cast (neben den genannten sind auch Trinidad COLORS Silva und der spätere Hitkomödien-Regisseur Tom Shadyac mit von der Partie) und die Besetzung des Regiestuhls mit Steve Carver, der immerhin für solche kompetent gefertigten Knaller wie BIG BAD MAMA, AN EYE FOR AN EYE oder LONE WOLF MC QUADE verantwortlich zeichnet, schürt, ist JOCKS eine herbe Enttäuschung, selbst wenn man berücksichtigt, dass man an einen solchen Film eh mit entsprechend justierter Erwartungshaltung herangeht.

JOCKS ist unglaublich schlampig gescriptet, was umso mehr übrrascht, als er von vornherein als reines Epigonenkino angelegt ist und von zahlreichen gelungenen Vorbildern hätte abkupfern können, um halbwegs erfolgreich zu sein. Stattdessen ist die banale Geschichte auch noch voller unerklärlicher Plotholes: Wie dieses Chaotenteam erfolgreich sein kann, bleibt ein Rätsel, zumal so ja auch die Chance für die typische und immer beliebte Loser-reißen-sich-zusammen-und-gewinnen-Dramaturgie verschenkt wird zugunsten einer nur wenig reizvollen Mittelmäßig-Begabte-haben-eigentlich-keinen-Bock-entschließen-sich-dann-aber-doch-sich-anzustrengen-Geschichte. Und dass der verantwortliche Beetlebom lieber verliert, als dass er ein erfolgreiches Tennisteam unterstützt, wird auch durch seine lapidar behauptete Abneigung gegen den Tennissport nicht gerade befriedigend begründet. So laviert sich JOCKS von einer rätselhaften Fehlentscheidung zur nächsten, vergeigt viel Zeit für unwichtiges Zeug und versagt in den Momenten, in denen er punkten könnte, wie etwa dem entscheidenden Match am Ende, das völlig spannungsarm ist, geradezu kläglich. Was Carver, der mit Sicherheit kein brillanter Erzähler, aber doch ein routinierter Handwerker ist, hier geritten hat, ist mir unerklärlich.

Dass ich JOCKS nicht als totale Scheiße bezeichne, liegt lediglich darin begründet, dass ich diese Art Film irgendwie immer ansehbar finde – anspruchslose Unterhaltung eben, bei der man nun wirklich nicht nachdenken muss –, ihn als Achtzigerjahre-Aficionado gerade für seine Mittelmäßigkeit ganz interessant finde (hier sieht man wahrscheinlich tatsächlich am besten, wie es damals war) und es zwei, drei Momente gibt, die andeuten, was hätte sein können: Stoney Jackson hat eine großartige Szene, in der er seinen überlegenen Gegner aus der Fassung bringt, indem er sich ihm als Homosexueller anbietet – man muss das wirklich gesehen haben, um zu verstehen, warum ich es witzig finde; Trinidad Silva ist ebenfall eine Schau als hyperaktiver, ständig Stoßgebete zum Himmel schickender Mexikaner und überhaupt macht JOCKS in der ersten Hälfte viel durch jenen Schwung wett, der ihm danach völlig abgeht. Ich gebe aber zu, dass mein Leben auch ohne diese Meriten kein Stück ärmer wäre.

In San Francisco kämpft die Polizei gegen die anwachsende Drogenkriminalität. Bei einem Einsatz laufen Sean Kane (Chuck Norris) und sein Partner Dave (Terry Kiser) in einen Hinterhalt. Kane muss hilflos mitansehen, wie Dave brutal ermordet wird. Wenig später wird auch noch seine Bekannte, die Fernsehreporterin Linda (Rosalind Chao) getötet: Im Rahmen ihrer Recherchen hatte sie wohl zu viel Staub aufgewirbelt. Kane quittiert den Dienst und begibt sich auf eigene Faust auf die Fährte des Mörders. Zur Hand geht ihm dabei James Chan (Mako), der Vater von Linda …

Ein Chuck-Norris-Film der frühen Achtziger. Das bedeutet in der Regel ein finessenarmes, streng den Konventionen des derivativen Polizeifilms verpflichtetes Drehbuch, eine bestenfalls routinierte, fernsehhafte Inszenierung und ein Schwergewicht auf den Karatekünsten des Hauptdarstellers. AN EYE FOR AN EYE erfüllt diese Kriterien beinahe idealtypisch, funktioniert aber dennoch ein bisschen besser als andere Filme aus dieser Schaffensperiode des bärtigen Kampfsportlers, was insbesondere dann auffällt, wenn man wie ich kurz zuvor den unterirdischen THE OCTAGON gesehen hat. AN EYE FOR AN EYE legt ganz gut los, verpasst dem Zuschauer mit einer ausgesprochen drastischen Auftaktszene einen ordentlichen Hieb in die Magengrube, der über die restliche Spielzeit immer mal wieder „aufgefrischt“ wird. Carver, der mit LONE WOLF MCQUADE wenig später einen der besten Norris-Filme überhaupt abliefern sollte (meine persönlichen Favoriten sind der ultrafinstere MISSING IN ACTION und der groteske INVASION U.S.A.), ist zwar noch ganz dem Prügelkino verpflichtet, mit dem sich Norris in den späten Siebzigern einen Namen machte, doch geht er, was die Gewaltdarstellung betrifft, bereits einen großen Schritt in Richtung der späteren Gewaltepen. Es ist schon beeindruckend, mit welcher Arglosigkeit in AN EYE FOR AN EYE quasi im Vorbeigehen ganze Armeen von Schurken aus dem Weg geräumt werden. Da ballern die Polizisten bei der finalen Erstürmung der Trutzburg des Obermotzes Canfield (Christopher Lee) gern auch mal einem flüchtenden Schergen ins Kreuz, man ist halt gerade auf Betriebstemperatur. So entpuppt sich Carvers Film streckenweise als ausgesprochen grimmige Verbildlichung seines Titels: Hier wird dem alttestamentarischen Rachegedanken gefrönt, ohne dass einen der Beteiligten dabei ein schlechtes Gewissen ereilen würde. Damit die Katharsis auch für den Zuschauer unktioniert, werden die Bösen als besonders rücksichtslose Schweine gezeichnet. Das Auftauchen von Christopher Lee lässt keinen Platz für Spannung, sein überlegen-kultiviertes Auftreten dem auf Bambule gepolten Zuschauer gleich das Messer in der Tasche aufgehen. Damit es auch noch einen körperlich ebenbürtigen Gegner für Chuck gibt, hat man ihm Professor Toru Tanaka, einen Kampfkoloss im wahrsten Sinne des Wortes, an die Seite gestellt, dessen wortloses Grunzen und die in klobigen Stiefeln steckenden Klumpfüße keinen Zweifel daran lassen, dass es sich bei ihm nicht um einen Menschen, sondern um ein Moster handelt, das weggemeuchelt gehört. Ein verräterischer Cop (Matt Clark), der seine Kollegen aus reiner Feigheit ins Messer hat laufen lassen, passt ebenfalls ins Bild. Angesichts dieser Konstellation, die auf ein Massaker von grotesken Ausmaßen hinausläuft, wirkt das Ende doppelt denkwürdig: Da flehen Kanes Freunde (u. a. Richard Roundtree als dessen ehemaliger Vorgesetzter) diesen an, Canfield, den er im Würgegriff hält, leben zu lassen, weil er den Mord doch nicht wert sei. Als ob das in diesem Moment noch ins Gewicht fiele!

Damit ich nicht missverstanden und von enttäuschten Gewaltfans der Lüge bezichtigt werde: AN EYE FOR AN EYE ist kein Splatterfilm und mit seinen 100 Minuten Länge auch nicht so aufregend, wie sich das hier vielleicht liest. Er ist jederzeit vorhersehbar und seine Härte mag dem durch Torture Porn, Zombiefilm und sonstige moderne Errungenschaften abgehärteten Zuschauer gar nicht mehr auffallen. Man muss schon etwas Ballast abwerfen und sich auf das aus heutiger Sicht behäbige Tempo und die schmucklos anmutende Inszenierung einlassen, um Carvers Film als das zu erkennen, was er ist: einer der Filme, die den Weg für seinen Star und den Actionfilm der Achtzigerjahre erst ebneten und die Grenzen dessen, was damals möglich und erlaubt war, etwas weiter hinausschoben.