Mit ‘Steve Reeves’ getaggte Beiträge

Ich will hier nicht behaupten, dass es sich beim Vorgänger LE FATICHE DI ERCOLE um seriöses Historienkino handelt, aber mit diesem Sequel kehrt nun der Camp ein, den man mit dem Peplum gemeinhin assoziiert. Die englische Synchro, die für den ein oder anderen Schenkelklopfer sorgt, trägt gewiss ihren Teil dazu bei, aber auch so gibt es deutlich mehr zu schmunzeln als noch zuvor. Wenn Hercules (Steve Reeves) durch den Genuss verzauberten Quellwassers sein Gedächtnis verliert und fortan als fauler Lustsklave der nuttigen Omphale (Sylvia Lopez) in den Tag hineinlebt, sein verzweifelter Sidekick Odysseus (Gabriele Antonini) wie ein Flummi durch die Gegend hüpft, um seinen Kumpel von seinem Schicksal zu erlösen, dann ist das schon sehr putzig. Zumal Hercules in seinem roten hüftbetonten Minikleidchen wirklich herzallerliebst aussieht. Die schönste vollbärtige Dame, die ich je gesehen habe!

Mario Bavas Talent als Lichtmagier und Effektzauberer kommt ebenfalls deutlich mehr zum Tragen als in LE FATICHE, mit dem Ergebnis, dass ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA auch mehr fürs Auge bietet, als der diesbezüglich eher erdfarbene Erstling. Der Höhlenpalast der titelgebenden Königin ist ein wunderbar kitschiger Hingucker und die Gruppenbilder, in denen leichtbeschürzte, bronzen glänzende Herren dekorativ im Sonnenuntergang stehen, möchte man sich gleich rahmen lassen und übers herzförmige Bett hängen. Mutete LE FATICHE immer etwas gebremst an, geht es hier in die Vollen und man hat den Eindruck, das jeder im ersten Teil vielleicht noch bestehende Anspruch, den literarischen Vorlagen halbwegs gerecht zu werden, hier beherzt in die Tonne getreten wird. Oder vielmehr besinnt sich Francisci auf das, was ich in meinem letzten Text angemerkt habe: In REGINA DI LIDIA wird alles, was der herzzerberstenden Emotion im Wege stehen könnte, merklich zurückgefahren.

Der Beleg: Auch wenn man das Drehbuch wieder als Fehlschlag verbuchen muss, ist es doch auffällig, dass es den Film überhaupt nicht anficht. Die Episode um Hercules‘ Gefangenschaft bei Königin Omphale ist eigentlich nur ein Subplot, der mit der eigentlichen Geschichte – einem Bruderkampf um die Herrschaft über Hercules‘ Heimatstadt Theben – rein gar nichts zu tun hat und einer reinen Verzögerungstaktik gleichkommt,  aber gut dreimal so viel Laufzeit einnimmt. Was aus künstlerischer Sicht streng genommen ein Offenbarungseid ist, fungiert hier als Beleg dafür, dass Francisci verstanden hat, worauf es ankommt: Denn natürlich ist es ein kluger Schachzug, sich ganz auf das sadomasochistische Treiben von Omphale zu konzentrieren, die ihre abgelegten Liebschaften in Stauen zu verwandeln pflegt, und Hercules‘ Ringen um die eigene Virilität. Wer interessiert sich da schon für den albernen Schwanzvergleich zweier Deppen mit Topfhaarschnitt?

Manche Filme lösen mit ihrem Erfolg eine Welle ähnlich gelagerter Nachzieher aus. Ihr Einfluss kann dabei sehr offensichtlich sein (siehe das Slasherkino) oder sich eher mikrostrukturell in der Übernahme bestimmter Stilistika niederschlagen (vergleiche die zahllosen Tarantino-Klone). Betrachtet man vor allem das aktuelle Kinogeschehen, kann man sehr schnell zu dem deprimierenden Schluss kommen, dass es eigentlich überhaupt keine originellen Ideen mehr gibt und alles dem Beispiel eines bereits existierenden Werkes folgt, das seine Zugkraft an der Kasse unter Beweis gestellt hat und deswegen nachgeahmt wird. Diese Trends bewegen sich aber meist in einem bereits abgesteckten Rahmen, so wie das Slasherkino ein Subgenre des Horrorfilms ist oder die vor kurzem angesagten YA-Dystopien dem Muster des dystopischen Science-Fiction-Films folgten. Nur noch wenige Filme werden heute noch so irrsinnig einflussreich, wie es Pietro Franciscis LA FATICHE DI ERCOLE für das italienische (und europäische) populäre Kino seinerzeit war: Zu schnell werden Trends heute vom nächsten abgelöst, ist die Geduld des Publikums aufgebraucht, dürstet es nach der nächsten Sensation. Aber damals gründete sich auf dem Erfolg von Franciscis Film ein kleines sandalentragendes Filmimperium.

Das sogenannte Peplum (benannt nach einem antiken Kleidungsstück) bzw. der Sandalenfilm, den Francisci wenn schon nicht erfand, so doch als international bekanntes, kommerziell erfolgreiches Genre reanimierte , ging zweifellos auf den Abenteuer- bzw. Monumentalfilm mit historischem Einschlag zurück, wie er in den USA mit großem finanziellen Aufwand produziert wurde und auch in Italien bereits auf eine ca. lange Tradition zurückblicken konnte (Maciste war schon vor dem Ersten Weltkrieg Star einer eigenen Stummfilmreihe gewesen, die ihn allerdings auch in kontemporären Settings zeigte, und kurz vor LE FATICHE DI ERCOLE lockten ähnlich gelagerte Titel wie Leones IL COLOSSO DI RODI oder Mario Camerinis ULISSE die Menschen ins Kino), entwickelte sich aber innerhalb der ungefähr sieben, acht Jahre seiner größten Popularität zu einem eigenständigen, umfangreichen Genre, das von einzelnen Versuchen einmal abgesehen, bis heute vergeblich auf ein groß angelegtes Comeback wartet. Vielleicht ist das ganz gut so, denn für viele – den Autor eingeschlossen – dürfte der Sandalenfilm eng mit der eigenen, kindlichen Filmsozialisation verwoben und deshalb untrennbar mit einer bestimmten Ästhetik und Textur verbunden sein, die sich heute nicht ohne Weiteres wiederherstellen lässt. Selbst wenn ein neues Abenteuer von Herkules und Konsorten über die Leinwände flimmert, wie zuletzt etwa Renny Harlins THE LEGEND OF HERCULES oder Brett Ratners HERCULES, vergleicht man es doch weniger mit den italienischen Klassikern von einst als mit vergleichbaren US-amerikanischen Monumental- und Fantasyepen.

Man darf spekulieren, inweiweit Franciscis Film mit seinem Besetzungscoup in der Hauptrolle nicht sogar eine globale filmische Entwicklung mitanschob, die heute noch in voller Blüte steht. Ich behaupte: Der Actionfilm sähe ohne LE FATICHE DI ERCOLE und seine Nachzieher anders aus. Mit den Filmen um mythische Helden und Götter wuchs der Bedarf für muskelbepackte Darsteller, die dann meist außerhalb der eigenen Branche in den Bodybuilding-Studios und Sportarenen rekrutiert wurden. Der Erfolg von Leuten wie Steve Reeves, Mark Forest, Mickey Hargitay, Brad Harris, Reg Park oder Alan Steel ebnete den Weg für all die Schwarzeneggers (der ja selbst mal den Herkules spielte), Ferrignos (ebenfalls mit eigenem HERCULES), Lundgrens, Van Dammes, Norrisse, Dwayne Johnsons, Roddy Pipers, Hulk Hogans, Reb Browns und zahllose weitere, die als Quereinsteiger vom Sport zum Film fanden und nicht aufgrund ihrer mimischen Qualitäten, sondern ihrer beeindruckenden Physis zu Stars wurden. Und natürlich erinnern Hercules und Konsorten mit ihren übermenschlichen Fähigkeiten, den gefährlichen Missionen und fantasievollen Gegnern auch an die Superhelden, die zu Beginn der 2000er den Sprung vom Comic auf die Leinwand schafften und seitdem einen unvergleichlichen Siegeszug hinter sich gebracht haben.

Vielleicht ist der Sandalenfilm auch das Genre, mit dessen Erfolg die italienische Filmindustrie entdeckte, was unter dem Gütesiegel „Made in Italy“ wirklich möglich war. Hätte es den Italowestern, eine italienische Bastardisierung eines uramerikanischen Genres, jemals gegeben, wenn die Menschen sich nicht weltweit für die italienischen Versionen antiker Geschichten interessiert hätten? Wären der italienische Grusel-, Polizei-, Zombie-, Kannibalen- und Endzeitfilm jemals das geworden, was sie in den Augen zahlloser Filmbegeisterter heute sind? Der Sandalenfilm scheint mir in dieser Hinsicht zumindest auf einen flüchtigen Blick ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg hin zur für die Kommerzialisierung unumgänglichen Segmentierung in zielgruppenfreundliche Genres zu sein. Bis dahin war alles noch Abenteuerfilm gewesen, plötzlich bildeten sich eigene Subgenres heraus, mit eigenen Motiven und festen Regeln, die jeweils ein eigenes Publikum zogen, das ziemlich genau wusste, was es zu erwarten hatte.

Wie auch beim Giallo, dessen Begriff in seinem Ursprungsland Italien weitaus weniger eng gefasst wird als im Ausland, das damit eine ganz spezielle Spielart des italienischen Thrillers bezeichnet, ist auch der Begriff des Peplums streng genommen synonym zu unserem „Abenteuer-„, „Monumental-“ oder „Historienfilm“ zu verstehen. Neben den Filmen um Hercules, Maciste, Ursus, Samson oder Goliath, die wir als „Sandalenfilme“ bezeichnen, gehören also auch unzählige weitere Titel zu ihm, die wir nicht unbedingt mit dieser Bezeichnung verbinden. Das liegt gewiss auch daran, dass man sich als internationaler Filmseher nicht unbedingt nach Italien wenden musste, wenn man einen Piraten- oder Ritterfilm sehen wollte. Aber diese bunten Vehikel um muskulöse griechische Halbgötter, die drehte man eben nirgendwo anders auf der Welt. Und so konnte Franciscis ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA, das Sequel zu LA FATICHE DIE ERCOLE, in den USA (unter dem Titel HERCULES UNCHAINED) zu einem der großen Kassenschlager seines Jahres avancieren, das sogar Hitchcocks großes Meisterwerk VERTIGO in der Gunst des Publikums hinter sich ließ.

Wie das Sequel die US-amerikanischen Kinogänger so begeistern konnte, wird vielleicht mein nächster Eintrag klären. Die Horizontverschiebung um schlappe 60 Jahre fällt aber nicht eben leicht. Im Falle von LE FATICHE DI ERCOLE lässt sich noch Optimierungsbedarf feststellen: Francisci nimmt seinen Stoff erstaunlich ernst, selbst wenn da im Drehbuch alle griechischen Mythen, die nicht bei drei auf dem Baum waren, bunt durcheinandergequirlt werden. Hercules (Steve Reeves) rettet die schöne Prinzessin Iole (Sylvia Koscina) und folgt ihr nach Iolcus, wo ihr Vater, König Pelias (Ivo Garrani), den Muskelmann unter seine Fittiche nimmt. Nach diversen Heldentaten geht Hercules mit Jason und den Argonauten auf Seefahrt, um das Goldene Vlies wiederzufinden. Auf ihrem Weg landen die Männer auf einer von Amazonen bewohnten Insel und kurz vor Schluss muss ein Dinosaurier besiegt werden, das das Vlies bewacht. Nebenbei bringt der Halbgott auch Odysseus das Bogenschießen bei.

LE FATICHE DI ERCOLE hat jede Menge Handlung abzuwickeln und gerät darüber mitunter etwas ermüdend. Man vermisst als Zuschauer die Klarheit darüber, wohin es eigentlich gehen soll und viele der kleineren Episoden sind schon wieder vorbei, kaum dass sie begonnen haben. Eigentlich nimmt Franciscis Film erst so richtig Fahrt auf, als Hercules mit den Argonauten in See sticht. Wunderbar ist hingegen die visuelle Seite des Films. Auch wenn die Pepla vielleicht mit den großen Monumentalfilmen aus Hollywood nicht mithalten können, so muss einem doch das Herz aufgehen, wenn man den Aufwand betrachtet, der hier betrieben wurde. Kulissenbauer und Requisiteure haben wahrscheinlich Blut und Wasser geschwitzt, um das antike Griechenland auf der Leinwand auferstehen zu lassen und wer sich dafür nicht erwärmen kann, der hat mein Mitgefühl.

LE FATICHE DI ERCOLE ist im Grunde seines Herzens weniger Kino der Attraktionen als der Emotionen. Alles ist hier an die Oberfläche gebrachtes Gefühl, man hört das förmlich das leidenschaftliche Tosen, das hier alle erfasst, sich in Handlungen niederschlägt, aber eben auch in grandiosen Bauten, farbenprächtigen Bildern, schnaufenden Kreaturen, gerunzelten Brauen, wehenden Vorhängen und einem Score, der betört wie der Gesang der Sirenen. Lichtsetzung und visuelle Effekte stammen vom großen Mario Bava und man sieht sofort, bei welchen Szenen er seine geschickten Meisterhände im Spiel hatte. Schade eben, dass das Drehbuch dem Film eher im Weg steht, ihn mit der lästigen Pflicht schlägt, einen labyrinthischen Plot abzuwickeln, den nun wirklich keiner braucht, anstatt ihn einfach von der Kette zu lassen und sich ganz dem Überschwang hinzugeben. Vielleicht kommt das ja noch, vielleicht musste der Peplum erst den apollinischen Drang nach Ordnung überwinden, um sich dem dionysischen Rausch hingeben zu können.

 

 

I PIRATI DELLA MALESIA ist Lenzis zweiter und letzter Sandokan-Film sowie der dritte Beitrag der ais SANDOKAN, LA TIGRE DI MOMPRACEM, SANDOK, IL MACISTE DELLA GIUNGLA und I TRE SERGENTI DEL BENGALA bestehenden Indien-Tetralogie. Das Drehbuch stammt von Ugo Liberatore und man entdeckt viele Gesichter aus den anderen Filmen wieder, unter anderem Andrea Bosic, Nazzareno Zamperla, Mimmo Palmara und Leo Anchóriz, sowie natürlich manch doppelt verwertete Szene. I PIRATI DELLA MALESIA ist sozusagen das gespuckte Ebenbild der anderen drei Titel und das bedeutet zum einen, dass hier wieder sauber gefertigtes, kompetent gemachtes, farbenfrohes Abenteuerkino vermeldet werden kann, das diesmal an Originalschauplätzen in Singapur entstand. Zum anderen sind aber auch leichte Ermüdungserscheinungen nicht von der Hand zu weisen. Gut möglich, dass mir I PIRATI DELLA MALESIA zu einem anderen Zeitpunkt besser gefallen hätte, so hat mich das inhaltlich mittlerweile sattsam bekannte Spiel aber doch etwas ermüdet.

Der tapfere Sandokan (Steve Reeves) muss diesmal wieder einen gutmütigen Sultan befreien, der vom bösen Briten Lord Brook (Leo Anchóriz) gefangen gehalten wird. Dazu schleicht sich Sandokan als Schiffbrüchiger bei Brook ein, wird aber bald enttarnt. Es folgt das übliche Spiel aus Gefangenschaften und Fluchten, Scharmützeln und Befreiungsktionen, bevor die Rebellen um Sandokan am Ende ihren Triumph gegen die bösen Besatzer feiern dürfen.

Die Briten um Lord Brook sind hier besonders verabscheuungswürdig, begraben arme Teufel bei lebendigem Leibe, um „Kugeln zu sparen“, oder werfen sie Krokodilen zum Fraß vor, ansonsten unterscheidet sich IL PIRATI DELLA MALESIA nur marginal von seinem Vorgänger. Das macht ihn, wie oben erwähnt, nicht unbedingt schlechter, aber die Freude über solch buntes Entertainment ist dann doch etwas abgekühlt. Ein paar Überraschungen oder wenigstens ein etwas anderer Handlungsverlauf hätten dem Film nicht geschadet. So bin ich, gebeutelt von schwüler Hitze, das ein oder andere Mal weggedöst und war dann am Ende froh, es geschafft zu haben und mich einer anderen Thematik zuwenden zu können. Wer nicht vorhat, die Indien-Lenzis an einem Stück zu schauen, macht hier aber nichts falsch.

1963/64 weilte Umberto Lenzi auf Sri Lanka, wo er neben I TRE SERGENTI DEL BENGALA auch noch diesen hier sowie die gleichfalls farbenfrohen SANDOK, IL MACISTE DELLA GIUNGLA und das SANDOKAN-Sequel I PIRATI DELLA MALESIA inszenierte. Diverses Bildmaterial verwendete er dann auch mehrfach. SANDOKAN, LA TIGRE DI MOMPRACEM nimmt sich der Robin-Hood-Geschichte um den gleichnamigen fiktionalen malaysischen Piraten an, den sich der italienische Schriftsteller Emilio Salgari im späten 19. Jahrhundert ausgedacht hatte und in seinen Romanen gegen die britischen Kolonialherren in den Freiheitskampf ziehen ließ. Die Figur war bereits in den Vierzigerjahren (mindestens) zweimal im italienischen Kino verewigt worden, Lenzis Adaption stellt, glaubt man Wikipedia, die dritte Verfilmung des Stoffes dar. Große Bekanntheit erlangte der Pirat allerdings erst gute zehn Jahre später, als er der Held einer aufwändig produzierten, von Sergio Sollima inszenierten Mini-Fernsehserie war.

Von dieser unterscheidet sich Lenzis Film inhaltlich nicht allzu sehr: Sandokan ist der tapfere, feurige Rebell, der durch die Anwesenheit der fiesen Briten in die Piraterie getrieben wurde und nun mit seinen Männern einen aussichtslosen Widerstandskampf schlägt. An seiner Seite steht der Belgier Yanez (Andrea Bosic), der der Leidenschaft der Piraten europäischen Intellekt und strategisches Talent zufügt. Auch eine Frau darf an der Seite des mit Steve Reeves markig besetzten Helden nicht fehlen: Es handelt sich pikanterweise um Mary Ann (Geneviéve Grad), die Tochter von Lord Guillonk (Leo Anchoriz), der nichts unversucht lässt, um Sandokan zur Strecke zu bringen. Nach unzähligen Abenteuern mit Verrätern, wilden Tieren, Kopfjägern und heimtückischen Hinterhalten kommt es zur ausufernden Schlacht in Fort Victoria, wo Sandokan und Yanez auf ihre Hinrichtung warten …

Großes, prächtiges Abenteuerkino der naiven Art: Wie schon zuvor bei den SERGENTI gibt es auch hier keine erzählerischen Überraschungen. Die einzelnen Episoden gehören zu den Standards des Abenteuerkinos und die Freude an der Betrachtung resultiert weniger aus dem Was als vielmehr aus dem Wie. Lenzis Film dürfte zwar deutlich preisgünstiger gewesen sein als die durchschnittliche US-Produktion, aber er kann mit diesen gut mithalten. SANDOKAN geizt nicht mit Schauwerten, allen voran natürlich HERCULES-Darsteller Steve Reeves, der seine prachtvolle Physis in die Waagschale werfen kann und nebenbei einen makellos rasierten Bart trägt. In einer Sequenz, in der Sandokan mit seinen Männern von primitiven Kopfjägern überfallen wird, muss man mit den mageren Statisten regelrecht Mitleid haben, wie sie da von dem Hünen arglos durch die Lüft geschleudert werden und nach mehreren Überschlägen zu Boden krachen wie morsches Holz (wer genau hinschaut, entdeckt den ein oder anderen Kaukasier im Ganzkörper-Blackface). Die Kämpfe sind eh eine Schau: Kein Vergleich mit den perfekt durchchoreografierten Actionballetten von heute, aber man muss den Enthusiasmus der Mitwirkenden bewundern. Wie sich da Hunderte von Statisten blind den Helden enntgegenwerfen, mit hochgeworfenen Armen ins Gras beißen, wie die kopflosen Hühner in der Gegend herumrennen und -ballern, das hat schon was. Der Body Count ist immens und die Gewaltdebatten aus den Achtzigern, in denen einem genau vorgerechnet wurde, wie viele Menschen in ROBOCOP oder RAMBO III angeblich ihr Leben aushauchten, wirken geradezu ahistorisch: In den Abenteuerfilmen vorvergangener Jahrzehnte war ein Menschenleben definitiv noch weniger wert, da wurden die Statisten in ganzen Heerscharen als dekoratives Kanonenfutter ins Bild gejagt, nur um nach ihrem Leinwandtod gleich noch einmal verheizt zu werden.

Ich finde das sehr rührend – erstaunlich, wie sich die Verhältnisse innerhalb nur weniger Jahrzehnte so verändert haben. Undenkbar, dass ein Film wie SANDOKAN heute entstünde. Der #Aufschrei wäre vorprogrammiert und das ja auch nicht ganz zu Unrecht. Trotzdem haben diese bunten Epen von einst etwas, was sie vor einer Politisierung immunisiert: Schon rein bildlich erweisen sie sich nicht einer wie auch immer gearteten historischen Realität verpflichtet, sondern entspringen der Fiktion von Groschenromanen und abgegriffenen Schmökern, einer Welt, die eigentlich nur noch aus halbverstandenen Zitaten besteht. Der Vorwurf des Rassismus gegen einen Film wie SANDOKAN zielt ins Leere, weil man eh nie den Eindruck hat, er wolle etwas über unsere Welt sagen. Hier wird der Exotismus eines Publikums bedient, das zum Großteil eben nicht die Möglichkeit hatte, in der Welt herumzureisen und dem Piraten aus Malaysia kaum weniger fern gewesen sein dürften als Marsmenschen. Mir hat SANDOKAN gut gefallen: Ideale Nachmittagsunterhaltung, die einen intellektuell überhaupt nicht fordert, aber dafür viele Attraktionen bietet. Mit 110 Minuten Laufzeit ist das gute Stück vielleicht etwas zu geduldig ausgefallen, aber das fällt nicht wirklich negativ ins Gewicht. Macht man halt zwischendurch mal ein Nickerchen und träumt von Abenteuern in Malaysia.