Mit ‘Steven Berkoff’ getaggte Beiträge

under-the-cherry-moon-images-b801ca48-d901-4257-ad5d-13b8f93b78eNach PURPLE RAIN einen Text über Prince‘ zweiten Film folgen zu lassen, war ziemlich naheliegend. Aber UNDER THE CHERRY MOON kann auch als neuester Eintrag in meiner unregelmäßig fortgeführten Serie über legendäre Flops und filmische Missverständnisse verstanden werden. Hatte Prince sich mit dem Erfolg des Vorgängers noch als kommerziell nicht zu unterschätzende Leinwandkraft empfohlen, ging er schon mit seinem zweiten Film heftig baden, sowohl hinsichtlich des Zuschauerzuspruchs als auch was die kritische Rezeption betraf.

UNDER THE CHERRY MOON spielte gerade einmal 10 Millionen Dollar und damit noch nicht einmal seine Kosten wieder ein (PURPLE RAIN erwirtschaftete immerhin einen Umsatz von 70 Millionen, was etwa dem Zehnfachen seiner Kosten entsprach), erntete überwiegend verheerende Kritiken und war mit fünf Auszeichnungen (Worst Film, Worst Director, Worst Actor, Worst Supporting Actor, Worst Original Song) der große Abräumer bei den berüchtigten Raspberry Awards seines Jahrgangs. Auch von einer positiven Re-Evaluation, die so manchen einstigen Flop später rehabilitiert, ist UNDER THE CHERRY MOON heute noch weit entfernt: Der Film gilt als unrettbares Fiasko, wird in diesem Text gar als „unwatchable“ bezeichnet (was, so viel schicke ich mal vorweg, auf einen ziemlich humorlosen Charakter des Rezensenten schließen lässt) und harrt immer noch seiner Veröffentlichung als Blu-ray – die einst verfügbaren DVDs sind selbstverständlich längst out of print.

Ganz aus dem Nichts kamen die miserablen Resonanzen allerdings nicht. Schon die Produktion war von jenen Schwierigkeiten geplagt, die oft negative Presse und in der Folge ausbleibende Zuschauer nach sich ziehen: Dass die ursprünglich vorgesehene Regisseurin Mary Lambert (PET SEMATARY) vom fachfremden Prince höchstselbst ersetzt wurde, gab den Filmjournalisten eine Steilvorlage für die immer wieder beliebte Geschichte von Hybris und Größenwahn, der kurzfristige Ausstieg von Terence Stamp, für den schließlich Steven Berkoff einsprang, machte die Sache nicht besser. Zu behaupten, UNDER THE CHERRY MOON habe keine Probleme, käme dennoch der Realitätsverleugnung gleich: Anstatt einen weiteren Musikfilm vorzulegen, in dem Prince sich im weitesten Sinne selbst spielte, versuchte er sich an einer romantischen Komödie nach dem Vorbild alter Hollywoodklassiker, für die ihm aber sowohl die nötigen acting chops fehlten als auch eine etwas geerdetere Persona.

Als Identifikationsfigur taugt er in der Rolle des exaltierten Gigolos Christopher Tracy (dessen Haute-couture-Garderobe nicht ganz zum mittellosen Con-Man passen mag) nur sehr bedingt, als klassischer, romantischer leading man aufgrund seiner freien Interpretation von Heterosexualität noch viel weniger – man erwartet eigentlich ständig eine Liebesszene zwischen ihm und seinem Sidekick Tricky (Jerome Benton). Die erotischen Szenen mit seiner Partnerin – Kristin Scott Thomas in ihrem Leinwanddebüt, das sie heute gern aus ihrer Vita tilgen würde – hingegen wirken aufgrund mangelnder Chemie eher befremdlich, unglaubwürdig und gekünstelt, und der dramatische Impact des Finales kommt aufgrund dieser Mängel einem freundlichen Stupser gleich. Michael Ballhaus‘ erlesener Fotografie des Schwarzweißfilms sieht man deutlich an, dass er ursprünglich in Farbe geplant war (die mediterrane Farbenpracht des Drehortes Nizza und von Prince‘ Kleidung kann man logischerweise nur erahnen), die Musik, die für einen Großteil des potenziellen Publikums maßgeblicher Grund gewesen sein dürfte, sich den Film anzusehen, spielt bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich im Hintergrund. „Kiss“, der große Hit des zugehörigen Soundtrackalbums „Parade“ und einer von Prince‘ wohl bekanntesten Songs, wird nur kurz angerissen, die eine lang ausgespielte Tanznummer gibt es hingegen zu „Girls & Boys“ (der allerdings nicht weniger toll ist).

Dass UNDER THE CHERRY MOON oft als vanity project seines Stars bezeichnet wird, ist vor diesem Hintergrund mehr als naheliegend und auch nicht ganz unberechtigt. Verzieh man Prince die Nabelschau von PURPLE RAIN noch gern, weil sein immenses Talent als Musiker und Showman offenkundig und er in dem Film somit in seinem Element war, war man dahingehend deutlich weniger nachsichtig, als er sich plötzlich auch noch als witzig-spritziger Kumpeltyp, exotischer Liebesgott, tragischer Held und stilbewusster Lebenskünstler inszenierte. Wenn er, wie ich zuvor schrieb, in PURPLE RAIN trotz überirdischer Begabung vor allem als Mensch erschien, wirkt er in der eigentlich nach einer gewissen Bodenständigkeit verlangenden Rolle von Christopher Tracy wie ein Fremdkörper, als sei er eben erst aus einer purpurfarbenen Galaxie auf die Erde gebeamt worden. Prince war kein Humphrey Bogart und auch kein Cary Grant. Zum Glück.

Aber dieser Fehlschluss macht UNDER THE CHERRY MOON ja auch wahnsinnig interessant. Mir fällt auf Anhieb kein einziger Film ein, der vergleichbar wäre, auf diesem sichtbar hohen technisch-formalen Niveau solche absolut seltsamen Entscheidungen getroffen hätte und mit einer solch eigenartigen, magnetischen Hauptfigur aufwartete. Der Film ist ja auch ein Beweise für die Macht, die seinem Star damals, Mitte der Achtzigerjahre zukam: Unvorstellbar, dass dieser Film heute in dieser Form entstehen könnte. Und wenn ich Prince eben unterstellte, schlicht und einfach unglaubwürdig in seiner Rolle zu sein, so muss man ihm dennoch attestieren, mit weit heruntergelassener Deckung zu agieren. Er wirft sich ohne Fallschirm in diese Rolle, hat sichtlich Freude an seinem Part und das macht ihn auch sehr sympathisch. Allein, er bleibt eben der geniale Pop-Messias, der diesen Christopher Tracy zu jeder Sekunde überlagert und verhindert, dass man Zugang zu ihm findet. Aber dafür lernt man eben etwas über Prince, erhält Einblick in die Bilderwelt, aus der sich auch seine Musik speiste. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, Europa und die USA, Realität und Märchen prallen nicht aufeinander, sondern durchdringen sich, bis alles eins ist. Die einzige Welt, in der Prince sich wirklich zu Hause fühlte, weil ihm die Realität zu eng war: „If nobody kills me or thrills me soon,  I’ll die in your arms under the cherry moon.“

 

Ich weiß nicht genau, wie ich darauf komme, aber bei mir hat sich irgendwie die Idee festgesetzt, LEGIONNAIRE sei eine Herzensangelegenheit Van Dammes gewesen. Ich konnte nirgendwo Hinweise finden, die diese These stützen würden, aber mir erscheint das einfach zu verführerisch: Bereits 1990 hatte er mit A.W.O.L. einen kurzen Ausflug in die Fremdenlegion unternommen, und die Romantik, mit der Pulpliteratur und Exploitationfilm die französische Institution schon immer aufgeladen haben, schienen auch ideal zu Van Dammes Leinwandpersona zu passen. Auch wenn man ihn oft in die Rolle des smarten pretty boy mit den stählernen Fäusten stecken wollte, am wohlsten fühlte er sich immer, wenn er den heimatlosen loner auf der erfolglosen Suche nach einer Heimat spielen durfte. Die Vermutung, dass Van Damme mit seiner eigenen Filmografie durchaus im Clinch lag, drängt sich auf, wenn man seine einzige Regiearbeit betrachtet: THE QUEST war ein lupenreiner Abenteuerfilm, der 1996, dem Jahr, in dem er erschien, hoffnungslos aus der Zeit gefallen war und demnach fulminant floppte. Das gilt auch für LEGIONNAIRE: Direkt im Anschluss an die Renaissance, die ihm die Hongkong-Regisseure Tsui Hark und Ringo Lam mit MAXIMUM RISK, DOUBLE TEAM und KNOCK OFF beschert hatten, kam dieser durchaus ambitioniert produzierte Film ganz ohne Martial-Arts-Fights, dafür mit viel Pathos, eindrucksvollen Bildern endloser Weite und dem Charme alter Wüstenepen daher. So wie ich, der ich beim vorfreudigen Einlegen des ausgeliehenden NTSC-Tapes blutige Handkantenaction und rasante Shoot-outs erwartete, massiv enttäuscht wurde, ging es wohl auch dem Verleih, der daraufhin beschloss, LEGIONNAIRE nicht auf die große Leinwand zu bringen – wo seine Bilder eigentlich hingehörten –, sondern gleich via Pay-TV und Video zu verwerten. Es war ein Schlag, von dem sich Van Dammes Karriere zumindest in kommerzieller Hinsicht nicht mehr wirklich erholte.

Wer LEGIONNAIRE aber aufgeschlossen begegnet, der wird möglicherweise eine Überraschung erleben. Peter MacDonald, der mit RAMBO III einen der letzten großen, handgemachten Actioner drehte, erzählt seine in den 1920er-Jahren angesiedelte Geschichte in opulenten, patinabelegten Bildern. Es geht um den Pariser Boxchampion Alain Lefevre (Jean-Claude Van Damme), der sich in die Fremdenlegion flieht, als er den schurkischen Boxpromoter Galgani (Jim Carter) hintergeht und um sein Leben fürchten muss. Zurück lässt er auch seine einstige Geliebte, die sich mittlerweile ebenfalls in den Fängen des Ganoven befindet. In der Legion findet er Freunde in dem quirligen Italiener Guido (Daniel Caltagirone), dem hünenhaften Schwarzen Luther (Adewale Akinnuoye-Agbaje) und dem Briten Mackintosh (Nicholas Farrell), doch der brutale Sergeant Steinkampf (Steven Berkoff) zerstört mit eiserne Härte jeden Anflug von Frohsinn. Als Alain für einen Pressebericht fotografiert wird, bekommt Galgani Wind von seinem Aufenthaltsort und schickt seine beiden Killer nach Afrika. Doch just in dem Moment, in dem Alain seine Strafe erhalten soll, wird die Fremdenlegion von einem Wüstenstamm angegriffen …

Erzählerisch ist LEGIONNAIRE durchaus ausbaufähig: Vieles bleibt uneingelöstes Versprechen, das Figureninventar ist hochgradig klischeebeladen und wenn der Film nach 95 Minuten endet, hat man nicht das Gefühl, dass wirklich ein „Abschluss“ erreicht wurde. Letzteres kann man durchaus als Stärke begreifen. MacDonald vermeidet die Ideologiefalle, indem er seinem Legionär den großen Triumph verwehrt, ihm lediglich das Überleben schenkt, das allein mitten in der Wüste allerdings nicht viel wert ist. Was bleibt ist die Erinnerung an die Verflossene, die sich als schemenhafte Überblendung über das Bild legt, bevor sie Alain mit seinem Schciksal allein lässt. Eigentlich erzählt LEGIONNAIRE überhaupt keine Geschichte, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass da eine Entwicklung nachgezeichnet würde. Wir begleiten Alain für ein Stück seines Wegs, dann lassen wir ihn wieder allein, und das im Moment der eigentlich größten Krise. Was der eine als dramaturgischen Totalausfall bezeichnen mag, mag der andere als besonders wirkungsvollen Kniff betrachten. Egal wie man selbst das sieht, dass das Ende nachhallt, daran besteht wohl kaum ein Zweifel. Auf visueller Ebene und besonders in der explosiven Inszenierung der Actionszenen überzeugt LEGIONNAIRE hingegen vollends: Der ausgedehnte Showdown in der verfallenen Wüstenfestung liefert ein unaufhörliches Bombardement spektakulärer Explosionen, der Kontrast von stahlblauem Himmel, braunem Wüstenboden und lodernder Feuersbrunst wird von Kameramann Douglas Milsome immens effektvoll eingefangen. Dieser Kampf der Legionäre gegen den Chiffre bleibenden Wüstenstamm in einem unwirtlichen Niemandsland erhält so auch eine mystische, unwirkliche Note, die den reinen Materialismus des Films unterläuft und meine Eingangsthese, LEGIONNAIRE sei so eine Art Evangelium nach Jean-Claude, unterstreicht.

james-bond-octopussy_41Eigentlich hatte ich OCTOPUSSY ja als schwachen Bond abgespeichert. Zugegeben, ich kannte ihn nicht besonders gut, obwohl er eigentlich sogar für ein besonders inniges Verhältnis prädestiniert war: Er war mit NEVER SAY NEVER AGAIN der erste neue Bond, den ich bei seinem Kinoeinsatz wahrnahm, und mit seinem Krakenmotiv stieß er bei mir auch sofort auf Interesse – das allerdings erstarb, als ich mir auf dem Schulhof erzählen ließ, dass der Tintenfisch nur in einer Szene wirklich zum Einsatz kam. Ich habe OCTOPUSSY dann erst Jahre später zum ersten Mal gesehen, eher aus Komplettierungsbedürfnis denn aus echtem Interesse. Vielleicht hat das heute geholfen: Während mich FOR YOUR EYES ONLY – eigentlich immer einer meiner Lieblingsbonds – diesmal eher ernüchtert hat, hat mir OCTPUSSY sehr gut gefallen. Im Vergleich zum Vorgänger zeichnet er sich durch eine gewisse Unentschlossenheit im Tonfall aus, die wahrscheinlich ursächlich ist für seinen eher schlechten Ruf, aber die verschiedenen Facetten der Reihe sehr schön vereint, den Film mit Leben füllt und über den etwas kalten Professionalismus von FOR YOUR EYES ONLY hebt.

Der Schauplatz Indien trägt viel zum märchenhaften Charakter des Films bei. Die prachtvollen Settings, die farbenfrohen Kostüme und die lokale Flora und Fauna werden lustvoll ins Bild gerückt und verleihen OCTOPUSSY viel von jenem karnevalesken Flair, das ich an MOONRAKER so liebe (es ist nur konsequent, dass der Film später in einem Zirkus einkehrt). Er ist wieder voller skurriler Einfälle: Am besten hat mir das Mini-U-Boot in Krokodilform gefallen, aber die sich erneuernde Plakatwand, hinter der sich ein Geheimgang verbirgt, oder die fliegende Guillotine, mit der einer der Schurken um sich wirft, sind auch toll. Mit Kamal Khan (Louis Jourdan) gibt es – trotz durch und durch weltlichem Ansinnen – wieder einen diabolischen Schurken, und die Titelfigur (Maud Adams) hat einen ganzen Harem von Schönheiten in ihrem schwimmenden Palast versammelt. Höhepunkt des abenteuerlichen Treibens ist eine Großwildjagd im Urwald, bei der der Geheimagent zum unvorhergesehenen Opfer wird und Bekanntschaft mit allerlei Viehzeug macht. Die kurze Szene, in der er sich zum Tarzanschrei von Baum zu Baum schwingt, hat OCTOPUSSY einige Schmähungen eingetragen, aber ich finde, sie passt zur wieder einmal überbordenden Fabulierfreude, die ein wenig an Spielbergs INDIANA JONES-Filme erinnert, die ungefähr zur selben Zeit die Massen begeisterten.

Das ist dann nur eine Seite des Films, denn die Geschichte um einen kriegslüsternen General der Roten Armee (Steven Berkoff), der die voranschreitenden Abrüstungsverhandlungen der Großmächte durch die Zündung einer gestohlenen amerikanischen Atombombe mitten in Deutschland im Keim ersticken will, steht ganz im Einklang mit dem neuen Realismus, dem auch FOR YOUR EYES ONLY verpflichtet war (Realismus hier in Anführungszeichen und im Vergleich zu Filmen wie DR. NO, YOU ONLY LIVE TWICE, THE SPY WHO LOVED ME oder MOONRAKER gedacht). Die zweite Hälfte weckt Erinnerungen an das Zugszenario aus FROM RUSSIA WITH LOVE und ist, das muss mal so klar gesagt werden, ein Meisterstück in Sachen Tempo, Timing und Suspense. Ein spektakuläres Set Piece (diese unfassbare Stunt, als ein Auto auf das Ruderbötchen zweier Angler katapultiert wird!) reiht sich ans nächste und der unerbittlich tickende Countdown der Bombe hält alles zusammen. Ein greifbares Gefühl echter Bedrohung legt sich über den Film, was nach der ersten Hälfte eine nicht zu überschätzende Leistung ist. Auf zahlreichen Seiten im Netz wird immer negativ auf Bonds finale Clownverkleidung eingegangen, wird sie als Zeichen dafür gewertet, wie Bond unter Moore mittlerweile zur Witzfigur verkommen war. Das ist in jeder Hinsicht Blödsinn. Der Clownverkleidung kommt nämlich, wie meine Gattin Leena sehr richtig bemerkte, eine wichtige dramaturgische Funktion zu: Sie hilft dem Agenten zwar zunächst, doch dann  steht sie ihm kurz vorm Ziel im Weg: Niemand nimmt ihn ernst, als er vor einer Bombe warnt. Die letzten Sekunden vor der Detonation werden so zum Härtetest für strapazierte Zuschauer-Fingernägel. Ich finde außerdem, dass OCTOPUSSY – und davor schon FOR YOUR EYES ONLY – das Alter seines Hauptdarstellers durchaus miteinbezieht: Mit Octopussy steht Bond eine Frau zur Seite, die wie er schon etwas reifer ist und sich nicht mehr so einfach becircen lässt. Es ist vielleicht zum ersten Mal nach ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE eine Beziehung auf Augenhöhe. Und Bond selbst hüpft auch nicht mehr mit jedem sich ihm andienenden Hasen ins Bett. Die Clownepisode ist somit keineswegs als Schuldeingeständnis zu verstehen, jedenfalls nicht in diesem Sinne: Sie zeigt einfach, wo das Herz der Bondfilme schlägt. Sie sind Eskapismus, ihr Ziel ist es, die Zuschauer zum Lachen zu bringen, ihnen emotionale Reaktionen zu entlocken, und das gelingt OCTOPUSSY vorzüglich. Wenn im Finale erst die Amazonen Octopussys den Sturm auf Kamal Khans Palast proben, der Geheimagent dann selbstvergessen auf ein startendes Flugzeug hüpft und sich in höchsten Höhen einen Kampf gegen den Killer Gobinda (Kabir Bedi) liefert, dann schließt John Glen den Kreis, springt kopfüber in den Pulp zurück und entlässt den Zuschauer satt, glücklich und zufrieden. Nur der Titelsong, Rita Coolidges „All Time High“ ist eine ziemlich Schnarchnummer. Sonst meckern an diesem Film nur chronische Besserwisser herum. Guckt euch halt ’nen Nolan-Film an, for crying out loud!

Über die Rezeption dieses Films hatte ich mich schon im Eintrag zum Vorgänger kurz geäußert: RAMBO: FIRST BLOOD PART II zog heftige Reaktionen nach sich und verursachte einen Proteststurm, der zum Ziel hatte, den Film aus deutschen Lichtspielhäusern zu verbannen. Dahinter stand nicht nur der allgemeine Vorwurf der Gewaltverherrlichung – Mitte der Achtziger tobte die Debatte um die Gefährdung der Jugend durch „Horror- und Gewaltvideos“ und einen neuen Jugendschutz besonders heftig –, sondern auch der der antisowjetischen Propaganda. Einige Jahre zuvor hatten Kritiker mit ähnlichen Protesten schon erwirkt, dass Milius‘ RED DAWN von bundesdeutschen Leinwänden verschwunden war, den Erfolg von RAMBO: FIRST BLOOD PART II (auf Deutsch wenig elegant RAMBO – 2. TEIL: DER AUFTRAG genannt) konnten sie aber nicht verhindern. Kaum verwunderlich: Cosmatos‘ Film ist ein Action-Meisterwerk und setzte neue Maßstäbe in Sachen Bombast, Choreografie, Gewalt und Tempo. Seine Dramaturgie, Schnitt und Aufbau ganzer Sequenzen und Set Pieces, aber auch nur einzelne Ideen und Bilder inspirierten Dutzende von Nachziehern, die sich fleißig bedienten, und prägten das Actionkino der Achtzigerjahre wesentlich.  RAMBO: FIRST BLOOD PART II war ein Kulturphänomen, auch wenn das Viele in den Wahnsinn treiben mag. Dass der von Stallone und James Cameron geschriebene Film inhaltlich höchst brisant und kontrovers war, unterstrich seine durchschlagende Wirkung nur noch. So wie sein Protagonist eine perfekte Tötungsmaschine ist, die sich mit äußerster Konsequenz durch den vietnamesischen Urwald und die sich ihm entgegenstellenden Feindesscharen metzelt, so walzt der Film den Zuschauer unbarmherzig nieder. Wenn man RAMBO: FIRST BLOOD PART II gesehen hat, dann weiß man, warum Film von manchen als Gefahr angesehen wird: Man braucht einen starken Charakter, um ihm zu widerstehen. Größeren Spaß macht es, sich von ihm wegfegen zu lassen.

Der Film knüpft an eine Debatte an, die seit den Siebzigerjahren unter Nixon schwelte, unter der Präsidentschaft Reagans aber noch einmal neu angeheizt wurde: Es ging um die Frage, ob es noch amerikanische Kriegsgefangene in Vietnam gibt und, wenn ja, was man für Anstrengungen unternimmt, sie zu befreien. Für Ronald Reagan war die Befreiung eventueller POWs eine „nationale Priorität“.  Man muss jedoch vermuten, dass die Versprechen, sich um die Vermissten zu kümmern, vor allem Reagans Machterhalt dienen sollte, denn ein Beweis, dass es sich bei den Vermissten tatsächlich um Kriegsgefangene und nicht bloß um Gefallene handelte, konnte nie erbracht werden. So ließ sich der Historiker  H. Bruce Franklin wie folgt zitieren:  „Every responsible investigation conducted since the end of the war has reached the same conclusion: There is no credible evidence that live Americans are being held against their will in Vietnam, Laos, Cambodia, or China.“ Diese ergebnislosen Untersuchungen nimmt auch RAMBO: FIRST BLOOD PART II zur Kenntnis, doch er nutzt sie ganz im Sinne des Verschwörungstheoretikers zur Bestätigung seines paranoiden, staatskritischen Weltbildes.

Zwar wird der Vietnamveteran und Elitekämpfer John J. Rambo nach Vietnam geschickt, um dort Fotos von in Camps gefangengehaltenen amerikanischen POWs zu machen – von denen alle Verantwortlichen wissen, dass sie noch da sind –, doch soll seine Mission in Wahrheit genau das Gegenteil beweisen. Dass in dem Lager, das er auskundschaften soll, tatsächlich Amerikaner sind, ist gar nicht vorgesehen, sondern einem Fehler geschuldet. Eigentlich hatte man Rambo zu einem leeren Camp geschickt, nicht ahnend, dass die Vietcong ihre Gefangenen regelmäßig umstationieren. Rambos ungewollter „Erfolg“ passt dem Leiter der Mission, dem gewissenlosen CIA-Mann Murdock (Charles Napier), überhaupt nicht in den Kram. Sollte die Mission die leidige Diskussion um Kriegsgefangene eigentlich ein für allemal beenden, indem sie keine Ergebnisse zeitigt, bringt sie die Schreibtischtäter und Paragrafenreiter der Regierung nun in Bedrängnis: Rambo hat nicht nur bewiesen, dass es POWs in Vietnam gibt, sondern auch, dass die Verantwortlichen dies wissen und aus voller Absicht nichts zu ihrer Rettung unternehmen. RAMBO: FIRST BLOOD PART II folgt ganz der durch nichts auszuhebelnden Logik des Paranoiden: Selbst das schlagkräftigste Gegenargument dient letztlich zur Stützung des eigenen Weltbilds, indem es als Beweis für die Indoktrinierung des Gegenübers gewendet oder schlicht als Lüge diffamiert wird. Dass keine Kriegsgefangenen gefunden werden, beweist demnach nicht, dass es keine gibt, sondern nur, wie sehr der Staat seine Bürger belügt und wie gut seine Vertuschung funktioniert. (Eine Argumentation, die umso besser funktioniert, als negative Beweisführung schwierig ist. Man kann schlecht beweisen, dass etwas nicht ist.) RAMBO: FIRST BLOOD PART II untermauert diesen Glauben, indem er die vermeintlichen Machenschaften des Staates aufdeckt. Cosmatos‘ Film strickt hier weiter an einem Mythos, nachdem schon der erste Teil dazu beigetragen hatte, den „Spitting Incident“ im öffentlichen Bewusstsein als Tatsache zu verankern. Das kann (muss?) man schon problematisch finden. (Es sei noch kurz erwähnt, dass RAMBO: FIRST BLOOD PART II nicht der erste Film war, der die Befreiung amerikanischer POWs zum Thema hatte: Sowohl Ted Kotcheffs UNCOMMON VALOR als auch Joseph Zitos MISSING IN ACTION kamen ihm zuvor.)

Für relativ unproblematisch halte ich aus heutiger Sicht hingegen die Zeichnung der Russen und des Vietcong, die damals im Mittelpunkt der Kritik stand. Stereotypische Schurkenfiguren allesamt, lassen sie die Spezifika vermissen, die den Vorwurf des Rassismus tatsächlich rechtfertigen würden. Sie übernehmen im Film eine rein strukturelle Funktion als Antagonisten. Wenn sich Rambos Zorn auf sie in einem wahren Amoklauf entlädt, ist das weder seinem Hass auf Russen oder Vietnamesen noch ihrer außergewöhnlichen Schlechtigkeit geschuldet, sondern vor allem eine persönliche Angelegenheit: Es ist die Rache für die Ermordung an seiner vietnamesischen Kontaktperson Co (Julia Nickson), die just in dem Moment erschossen wird, in dem sich die beiden ihre Liebe gestehen und beschlossen haben, Vietnam und den Spätfolgen des Krieges den Rücken zuzukehren und in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Rambo sind Ehnien und Nationszugehörigkeiten einerlei. Russen und Vietcongs sind auch nur ein letztlich austauschbarer Feind. Die wahren Schurken des Films sitzen in den eigenen Reihen: Es sind die Männer, die aus sicherer Distanz über das Leben der Soldaten entscheiden und ihrem Volk die Wahrheit vorenthalten. Der etwas schmerzhafte Schlussmonolog Rambo bringt dies noch einmal – etwas unnötig, weil redundant – auf den Punkt.

Man mag zu dem Film stehen, wie man will. Aber man kaum leugnen, dass er es in der Verfolgung seiner Agenda zu absoluter Perfektion bringt. RAMBO: FIRST BLOOD PART II ist durch und durch manipulativ und man kann sich dem Sog der Bilder, den Cosmatos entfacht, kaum entziehen. Es dürfte sich bei seinem Film außerdem um die vielleicht schönste Meuchelorgie handeln, die je auf Zelluloid gebannt wurde. Kamera-As Jack Cardiff stilisiert den Urwald zu einem in leuchtenden Farben strahlenden Ort des Mythos, seine Bilde würden jeden Reiseführer in ein prachtvolles Coffee-Table-Book verwandeln. Jerry Goldsmith variiert seine Musik aus dem ersten Teil mit verlockend exotischen Klängen und Stallone wirft seinen beängstigend modellierten Körper dazu in markige Posen, die an antike Götterbilder erinnern. Auch wenn die ersten drei Rambo-Filme sich vor konkreten (gesellschafts-)politischen Hintergründen entfalten: Bereits mit dem zweiten Teil vollzieht sich auf der Tiefenebene eine Wandlung hin zum Mythischen. Der an posttraumatischem Stress leidende Veteran des ersten Teils verwandelt sich immer mehr in einen übermenschlichen Krieger, in ein poetisches Ideal, das dazu dient, philosophische Fragen zu verhandeln, mehr als politische. Das wird im dritten und vierten Teil überdeutlich, wenn die Frage nach dem Wesen, der Essenz Rambos in den Mittelgrund rückt. Dieser zweite Teil ist vor allem perfektes Affektkino, ein aus dem Actionkino der Achtzigerjahre weit hinausragender Monolith, der sehr deutlich zeigt, was es mit der Macht der Bilder auf sich hat. Mit allen Konsequenzen.