Mit ‘Steven Brill’ getaggte Beiträge

Dass sich Adam Sandler früher oder später an einem Film von Frank Capra versuchen würde, lag auf der Hand. Mit MR. DEEDS war es dann soweit. Sandler hatte bis zu diesem Zeitpunkt ein ganz ähnliches Feld bestellt wie der große Humanist des klassischen Hollywood, sich dabei lediglich einiger „Errungenschaften“ der Gegenwart bedient. Während Capras Helden das Musterbild bürgerlicher Tugend verkörperten, lagen Sandlers Figuren  stets im Clinch mit ihren antisozialen Dämonen: Sie sträubten sich dagegen, der Kindheit vollständig zu entwachsen, Wutausbrüche und Aggressionen suchten sie immer wieder heim und stempelten den liebevollen Gemeinschaftsmenschen zum Außenseiter. Im Grunde ihres Herzens sind sie gute Menschen, sozial eingestellt, stets solidarisch mit den Schwächsten der Gesellschaft verbunden und immer darauf bedacht, sich positiv einzubringen. Die Welt, in der Sandlers Figuren sich bewegen, ist nur auf den ersten Blick identisch mit dem „realen“ Amerika. Vielmehr – und hier besteht eine weitere deutliche Verbindung zu Capra – handelt es sich bei ihr um einen idealisierten Ort, eine Parallelwelt, in der Sandler das, was in der Wirklichkeit im Argen liegt, mit seinem Humor und seinem Optimismus geraderücken kann. Ein utopischer Kern schlummert in seinen Filmen.

Als der Gründer und Besitzer eines Medienimperiums stirbt, machen sich seine beiden Vertreter Chuck Cedar (Peter Gallagher) und Cecil Anderson (Erick Avari) auf die Suche nach dem rechtmäßigen Erben. Sie finden ihn in einem kleinen Städtchen in New Hampshire: Dort führt Longfellow Deeds (Adam Sandler) eine Pizzeria, träumt davon eines seiner Gedichte an eine Grußkartenfirma zu verkaufen und ist bei jung und alt für seine Hilfsbereitschaft und seinen Humor beliebt. In New York konfrontieren sie ihn mit seinem neuen Reichtum seinem Unternehmen, das sie ihm zum „Schnäppchenpreis abluchsen wollen, weil sie eigene böse Pläne verfolgen. Das arglose Landei gerät natürlich sofort in den Fokus der Medien: Die Journalistin Babe Bennett (Winona Ryder) wird auf ihn angesetzt, um heimlich eine Exklusivstory aus ihm herauszupressen. Natürlich kommt die Liebe dazwischen …

Ich kenne Capras Original MR. DEEDS GOES TO TOWN nicht, aber das Studium der Wikipedia-Inhaltsangabe zeigt, dass Sandlers Film dem Vorbild bis hin zu den Namen der einzelnen Figuren treu bleibt. Zwar dürfen Sandlerismen wie sein etwas ruppiger Humor oder seine aggressiven Ausbrüche nicht fehlen, doch das ändert nichts daran, dass es in MR. DEEDS vor allem um den Kontrast zwischen „ländlicher“, Einfachheit, Reinheit des Herzens und Ehrlichkeit auf der einen und „städtischer“ Geldgier, Korruption, Egoismus und Dekadenz auf der anderen geht. Chuck Cedar will das Unternehmen, das Tausenden von Menschen Arbeit gibt, auflösen, um sich und den Aktionären einen riesigen Gewinn zu bescheren. Gleichzeitig muss die abgezocke Journalistin lernen, dass es falsch ist, Menschen für die eigene Sachen zu benutzen und zu betrügen. Es sind die erwähnten, von Longfellow Deeds verkörperten Werte, die die vom rechten Weg abgekommenen von der Falschheit ihres Handelns überzeugt.

So gut diese Geschichte zu Sandler auch passt: MR. DEEDS findet nicht ganz zu seiner Linie. Der oben genannte Kontrast wirkt dahingestellt, wird nicht wirklich herausgearbeitet, weder der Strang um das Wirtschaftsunternehmen noch die Liebesgeschichte kommen über sattsam bekannte Klischees hinaus. So bietet der Film zwar für 90 Minuten herzliche Unterhaltung – zudem mit einem famos aufgelegten John Turturro in der Rolle von Deeds‘ spanischem Butler, dessen „sneakiness“ zum gelungenen running gag avanciert (und wieder einmal mit Steve Buscemi) –, bleibt aber trotzdem weit hinter den Möglichkeiten, die die Verbindung von Sandler und Capra verspricht, zurück.

In der Hölle nähert sich der Tag, an dem der Papa (Harvey Keitel) abtritt und das Amt, Herrscher des Bösen zu sein, an einen seiner Söhne abgibt. Adrian (Rhys Ifans) und Cassius (Tiny Lister) machen sich einige Hoffnungen, habe sie doch den ganzen Tag nichts anderes im Sinn, als niederträchtige Pläne zu schmieden. Nicky (Adam Sandler) hingegen scheint völlig aus der Art und geschlagen und ist viel zu lieb, um ernsthaft in Frage zu kommen. Weil Dad aber nicht zu Unrecht befürchtet, dass das fragile Gleichgewicht von Gut und Böse zerstört werden könnte, wenn er Adrian oder Cassius als seinen Nachfolger benennt, beschließt er kurzerhand noch ein wenig länger als oberster Befehlshaber im Amt zu bleiben. Das wollen sich die beiden Geprellten natürlich nicht gefallen lassen: Sie reisen auf die Erde, um dort auf eigene Faust ein Reich des Bösen zu errichten – und kappen gleichzeitig die Versorgung der Hölle mit neuen Seelen. Weil Dad diese aber zum Leben dringend braucht, ist es an Nicky, Adrian und Cassius hinterherzureisen und sie zurückzuholen, bevor der Papa sein teuflisches Leben aushaucht. Oben muss sich Nicky nicht nur an die kälteren Temperaturen gewöhnen, er lernt auch die Künstlerin Valerie (Patricia Arquette) kennen und lieben …

Nach dem etwas ernsteren BIG DADDY ist LITTLE NICKY ein reiner Quatschfilm, ohne dabei jedoch einen Fremdkörper in Sandlers homogenem Werk zu bilden. Kenner werden sich schnell heimisch fühlen: Wieder gibt Sandler den sympathischen Außenseiter, der sich in einer fremden Welt zurechtfinden muss und dabei auf die Unterstützung einiger toleranter, vorurteilsfreier Menschen bauen kann, die genauso neben der Spur liegen wie er. Wieder stößt sein Abenteuer einen Reifeprozess an, an dessen Ende er selbstständig und neuen Aufgaben gewachsen ist. Wieder spielt dabei eine Frau eine nicht ganz unwichtige Rolle, wieder muss aus dem sorglosen Kind ein Mann werden, dass fähig ist, selbst eine Familie zu gründen. Wieder gilt es bei diesem Reifeprozess aber auch, die eigene Identität nicht gänzlich aufzugeben, sondern sich – in angemessenem Rahmen – treu zu bleiben. Wieder lernen wir am Ende, dass die Freaks keine Menschen zweiter Klasse, sondern oft mit besonderen Gaben versehen sind. Dass LITTLE NICKY wahrscheinlich von allen Beteiligten als kurzweiliges Spaßprojekt angesehen wurde, zeigt sich schon an seiner Kürze von knapp 80 Minuten, der albernen, comichaften Prämisse und farbenfrohen Gestaltung des Films sowie an der Vielzahl kleiner Gimmicks und Injokes. Nicht nur sind wieder einmal nahezu alle Sandler-Regulars vertreten (Allen Covert, Peter Dante, Jonathan Loughran, Kevin Nealon, Robert Smigel oder Rob Schneider – nur Steve Buscemi fehlt diesmal), es gibt auch ein Wiedersehen mit einigen „Ehemaligen“ (Blake Clark, Michael McKean, Clint Howard oder Henry Winkler) und sogar mit Chubbs Peterson (Carl Weathers) aus HAPPY GILMORE. Jon Lovitz spielt einen Spanner, der „Ladies‘ Night“ hört, jenen Song, zu dem sein Hochzeitssänger in THE WEDDING SINGER auftrat, weitere Cameos absolvieren Quentin Tarantino als verrückter Straßenprediger, Dana Carvey als Basketballschiedsrichter, Reese Witherspoon als Nickys engelsgleiche Mutter und Ozzy Osbourne (und einige weitere Fernsehprominenz) als er (bzw. sie) selbst. So knüpft LITTLE NICKY in seiner chaotischen Episodenhaftigkeit noch einmal an Sandlers Frühwerk BILLY MADISON an, die Freiheiten, die der Erfolg seinem Hauptdarsteller mittlerweile eingebracht hatte, sichtlich genießend und ausschöpfend. Wahrscheinlich ist LITTLE NICKY der erste und einzige Film, in dem Adolf Hitler im Zimmermädchenkostüm durch die Hölle geführt wird und eine Ananas in den Hintern gerammt bekommt. Oder ein feixender Rodney Dangerfield als Satan himself einem untergebenen Dämon ein paar weiblicher Brüste auf den Kopf zaubert. Nicht alle Gags und Einfälle sitzen, und dass Steven Brill nicht so sehr nach Plan, sondern eher nach Trial&Error-Verfahren vorging, zeigt sich schon an der Vielzahl von Deleted Scenes. Es ist Sandler, der das totale Chaos mit seiner Persona verhindert, die lose herumfliegenden Bestandteile zusammenhält. Schon optisch bildet er immer in knallbunte Farben gekleidet das Zentrum der konfusen Gagparade und verhindert, dass das Herz vor aluter Tohuwabohu abhanden kommt. So ist auch LITTLE NICKY ein schöner, irgendwie rührender Film, dem ich seine eklatanten Schwächen gern verzeihe. Hier komme ich dann zum Knackpunkt, an dem sich die Geschmäcker wohl ewig scheiden werden: die CGI-Effekte. Die sehen zum Teil so abgrundtief billig und hässlich aus, das man glaubt, eine noch nicht fertiggestellte Rohfassung vor sich zu haben. Gerade bei diesem Film, der sehr viel mehr als seine Vorgänger von seiner optischen Gestaltung lebt, wäre etwas mehr Sorgfalt wünschenswert gewesen. LITTLE NICKY wirkt manchmal wie ein Schnellschuss, der sein volles Potenzial vor lauter selbstvergessenem Amüsement auszuschöpfen versäumt. Das ist schade, weil Nicky mit etwas mehr Sorgfalt zu einer von Sandlers schönsten Figuren hätte avancieren können.